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Symphonie für Jazz

René Schickele: Symphonie für Jazz - Kapitel 20
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typefiction
authorRené Schickele
titleSymphonie für Jazz
year1963
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
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19

Der Schneesturm hat aufgehört. Es ist warm an der Sonne.

Oh, ihr weißen Himmelsgärten ringsum! Gletscher und Schneefelder, Täler, die langen Hängematten der Sonne! Fall des weithin gestreuten Samens, Blüte des Lichts, leise knisterndes Verbrennen des Lichts, hohes Lied, schwebend am Lippenrand von Mutter Erde!

Als ich das erstemal kam, schmähte ich und nannte stumm und blind, was hellsichtig ist und fast allzu eindringlich vor Lautlosigkeit. Mit Notenblättchen fuchtelte ich gegen die blaue und weiße Sphinx und verlangte ein Orakel, wo ich es doch selbst schon in den Wind schrie: Narr! Narr! Tamburinschläger, Wirtshausfiedler vor dem reinsten, dem höchsten Bild!

Als ich das erstemal kam, polterte ich als ein hochnäsiger Stümper und Holdrio daher, ohne meine Lächerlichkeit zu bemerken, und die doppelte Tür des Spiegels, der alle Natur ist, blieb geschlossen – ich hätte es ja auch nicht gelitten, mich, winzig und dumm, wie ich prahlte, in dieser Landschaft zu erkennen.

Jetzt erwarte ich ein Mädchen, das heißt Angelica ...

»Mein Herz ist besser geworden«, sage ich schlicht wie ein Dorfschulmeister.

Ich soll, hat Ruth Samtaug mir geschrieben, auf sie achtgeben, bis die Eltern, die in Ägypten ›Schwefel baden‹, selbst wieder das Regiment übernehmen, und ich habe ja gesagt, obwohl der Brief Ruth Samtaugs wieder furchtbar fein war, obwohl die Eltern Schwefel baden und ein Regiment ausüben.

Da läuft der Zug ein.

Wie sie herausfinden aus all den vermummten Menschen?

Und: manchen fliegt doch der rechte Name zu, dachte ich, wie sie aus dem vereisten Zug stieg. Ich erkannte sie gleich. »Guten Tag, Angelica«, sagte ich.

»St. Moritz!« rief sie. »Mein heißester Wunsch. Seit Jahren sammle ich Bilder von St. Moritz, Herr van Maray. Endlich! Ich meine fast, jetzt bleib' ich da.«

Es war mir eine Freude, ›Angelica‹ zu sagen, denn das war ihr Name von Anbeginn, man hatte sie nur bei diesem Namen zu rufen brauchen, als sie auf die Welt und unter die Menschen gekommen war.

Schon bei der Ausfahrt aus Dorf St. Moritz nach dem Bad hinunter wanderten meine Augen vergnügt von ihrem blondweißen Mädchengesicht zu dem Birkenwäldchen, wo die Sonne wie auf Daunen und zwischen durchsichtig weißen Vorhängen lag und an Goldfäden ein menschliches Lächeln spann.

Ich mußte an mich halten, um nicht der jungen Dame gegenüber in märchenhaftes Gerede zu Verfallen, wie etwa von einem Schneewittchen des Hochlandes, dem über jene spiegelnden Schneefelder (von denen man nicht wußte, gehörten sie zur Erde oder schon zum Himmel) mit blinkendem Troß ein Schneeprinz nahte, oder von der Eisfee des Morteratschgletschers, deren Leib die Abendsonne zum Tönen brachte, so daß die Skiläufer, wenn sie von der Diavolezza herabkamen, der schwingenden Luft folgen mußten und sich heillos verirrten, und was solcher Übertragungen unsrer grünen Märchen in die überlebensreinen Farben des winterlichen Engadins noch mehr sein konnten. Statt dessen machte ich nur etwas wirre Musik auf meiner angeborenen Maultrommel.

Und als wir das Malojatal hinaufglitten und ich immer so von Angelica auf die makellose Welt und wieder auf Angelica blickte und auch die Schlittenglocken in der Morgenluft klangen, als behielten sie von all den muntern Worten des Kindes nur die hellen Silben und wiederholten sie spielend, verstummte ich ganz. Ich fuhr nicht mehr mit einem Abstraktum, der ›Unschuld‹, am weißen Rande der Erde, sondern mit ihr selbst, der Himmelstochter, in leibhaftiger Gestalt. Unter der Pelzdecke hielt ich ihre kühle Hand und dünkte mich knabenhaft jung und uralt zugleich.

Auf einmal ertappte ich mich, wie ich ein holländisches Wiegenlied vor mich hin summte.

»Herr van Maray!« Sie drückte mir unter der Decke die Hand: »Herr van Maray, wenn Sie wüßten, wie mir zumut ist!«

»Wie denn?«

»Ja, ich fürchtete schon, ich käme nicht lebendig herauf.«

»Atemnot?«

»Im Gegenteil, Herr van Maray! Wie der Zug stieg und stieg, in Schnee und Eis hinein, und, wissen Sie, dicht neben der Bahn ging es immer steiler hinab, ganz klein wurden drunten die Häuser, da fing der blaue Himmel an zu rauschen – so wie es in den Ohren rauscht, wenn einem schwach wird.«

»Also doch die dünne Luft.«

»Ist die Luft hier dünner als drunten? Nein, ich konnte tief atmen, breit atmen und tat es auch, großartig kam ich mir vor, Herr van Maray, und immer leichter. Wenn wir entgleisen, dachte ich mir, fliegst du einfach davon.«

»Und die Tunnel?«

»Gewiß, Herr van Maray, die Tunnel, die wollen einem Angst machen, toll sausen sie und brennen kurze dicke Blitze ab, wie Riesenstreichhölzer, die nicht recht angehn, aber ich habe mich nicht gefürchtet. Und bums, ganz weiß kam ein großes Tal, da lag die Sonne nackt auf dem Bauch.«

»Und Sie waren ein andrer Mensch.«

»Genau so, Herr van Maray. Ein andrer Mensch. Ich will auch so auf dem Bauch liegen.«

Sie hob die Arme, schüttelte sie wie Flügel und lachte mich an:

»Frei! Frei! Jetzt geht's los. Ich mache, was ich will. Kein Mensch kennt mich hier, außer Ihnen – und nicht wahr, Sie lassen mich laufen? Aber ich sage es Ihnen gleich, Herr van Maray, Sie werden sich wundern!«

»Übrigens«, fuhr sie ernst fort, »– ich komme mit einem Koffer voll Geheimnisse. Hauptsächlich hat ihn Frau Samtaug gepackt, einen Teil darf ich Ihnen zeigen, den andern aber nicht. Soll ich anfangen?«

»Angelica, ich schlage vor, wir lassen den ganzen Koffer, wie er ist, und fort damit auf den Speicher!«

»Großartig. Abgemacht. Wir fangen einfach ein neues Leben an. So habe ich's mir gedacht.«

»Sie werden sehn, Angelica, unter dieser Sonne denken Sie an die Menschen in Berlin wie an Gespenster.«

»An alle vielleicht doch nicht, Herr van Maray. Aber ich meine auch: erst machen wir mal Ferien. Ich habe noch nie Ferien gehabt. Das heißt, eigentlich habe ich immer Ferien. Ich lerne leicht, und die meiste Zeit langweile ich mich und ärgere mich und bilde mir ganz entsetzliche Sachen ein. Also Schluß jetzt! Ferien! Weiße Ferien, goldene Ferien, Ferien mit John van Maray – auf der ganzen Welt soll es nichts mehr geben, als –«

Gemeinsam wiederholten wir:

»Weiße Ferien, goldene Ferien, Ferien mit Angelica, Ferien mit John van Maray.«

In der Nacht schneite es. Von meinem Bett sah ich die Schneeflocken im Licht der Straßenlaterne kreiseln, immer dichter, immer schneller. Auf einer neu entstehenden, weißen, rotierenden Erde kutschierte ich in den Schlaf. Ich sah aber noch, wie die Kugel plötzlich abrückte und als eine stille Wolke im Raum hing. Und als ob ich dies während der ganzen Zeit ihres unruhigen Kreiseins und Blinkens erwartet hätte, sprach ich befriedigt: »Angelica.«

Beim Frühstück erwartete ich sie vergeblich und erfuhr zu guter Letzt, das Fräulein sei in der Halle auf den Anschlag eines Skilehrers aufmerksam geworden, demzufolge heute vormittag ein Kurs für Anfänger begann, worauf das Fräulein sich von einer unbekannten Dame Schneeschuhe ausgeborgt und versprochen habe, mit den geliehenen sowohl wie mit eigenen Brettern zum Mittagessen zurück zu sein. Indes erschien sie erst in der Dunkelheit, behauptete aber dafür und bewies es unter Anrufung neu eingetroffener Gäste, daß sie im Seilgeschirr hinter deren Schlitten von St. Moritz bis Sils gefahren sei.

»Ja, können Sie denn schon fahren?« fragte ich.

»Wie Sie sehn«, antwortete sie und deutete auf ihre Füße, die ohne ersichtliche Beweiskraft über dem Perserteppich der Halle schaukelten. Merkwürdigerweise schienen alle, die auf die kleinen, pendelnden Füße schauten, völlig überzeugt.

»Wieso denn?«

»Sehr einfach!« Nach dem Kurs hatte sie den Lehrer auf die Seite genommen und mit ihm allein weiter geübt bis um fünf. »Dann?« Dann war sie unterwegs in den Postautobus eingestiegen und nach St. Moritz gefahren, um sich Skier zu kaufen – auf Kredit übrigens, sie besaß kein Geld mehr, Speisung, Tränkung und Belohnung des Skilehrers hatten alles verschlungen. »Denken Sie nur, der arme Kerl hat gearbeitet von neun bis fünf!«

Und dann?« Mein Gott, und dann hatte sie vor dem Sportgeschäft gestanden und die vorbeikommenden Schlitten angesprochen, ob sie nach Sils führen.

Wieder nickten die Zuhörer, als ob das die selbstverständlichste Sache von der Welt sei!

Es waren aber lauter Schlitten gewesen, die vom Bahnhof kamen und mit hungrigen Reisenden einem nahen Hotel zustrebten. Beim letzten in der Reihe, worin ein älteres Ehepaar saß, hatte sie nicht erst lange gefragt, sondern dem Kutscher einfach »Halt!« zugerufen und war halb weinend, halb lachend und ein langes Seil in der Hand schwingend hinzugetreten.

Kaum hatte sie begonnen, den Fremden aus heiterm Himmel die unvergleichliche Lage Sils-Marias und den Komfort ihres dortigen Hotels anzupreisen, als der Herr im Schlitten sie unterbrach: »Wissen Sie, mein Kind, ich komme seit dreißig Jahren hierher, ich kenne mich also aus. Aber einen so hübschen Anreißer soll Ihr Hotel in Sils nicht umsonst gehabt haben. Wir schlafen heute in Sils.« Worauf Angelica lachend und immerfort schwatzend ihr Seil am Schlitten befestigt und mit lauter Stimme »Fertig, los!« kommandiert hatte. Und es ging los. »Skijöring nennt man das«, schrie sie erschrocken, als sie bei einer plötzlichen Senkung der Straße mit voller Wucht in den Schlitten hinein und zwischen die Köpfe der Insassen fuhr.

Sonst sprach sie kein Wort.

Aber sie stürzte auch nicht, nein, sie war kein einziges Mal gestürzt – das Ehepaar versicherte es all den Unbekannten, die sich mit eins vertraulich um Angelica und mich versammelt hatten, und was das Ehepaar anlangt, das zum dreißigsten Mal ins Engadin kam, so verbrachte es nicht nur eine Nacht im ungewohnten Hotel, wie ursprünglich sein Plan war, sondern es blieb volle acht Wochen, blieb so lange, bis auch die arme Angelica still, ach! so still das Hotel verließ ...

Indes brachte das Scherzwort eines Schweizer Offiziers, der Angelica in Erinnerung an eine alte Oper ›die Regimentstochter‹ nannte, den Gästen schon bald zum Bewußtsein, wie die Kleine aus ihnen mit einem Zauberschlag eine einzige Familie gemacht hatte, deren Mittelpunkt, Wille und Phantasie Angelica hieß. Wer es noch nicht konnte, lernte eifrig Skilaufen, um dabei zu sein, wenn Angelica Lehrer und Schüler wortlos dazu brachte, sich selbst zu überbieten in den anstrengenden Stunden des vormittäglichen Unterrichts, an die man doch gleich darauf wie an die lustigste Tanzstunde zurückdachte, und nach Tisch in einem lachenden, prustenden, purzelnden Rudel auf eigene Faust in die Umgebung auszuschwärmen.

Abends beim Tanz war es wiederum Angelica, die alt und jung in den Reigen zog, als verbänden sich alle Lebensalter auf die natürlichste Weise mit ihr, ja, als brauchte Angelica sich nur einem von diesen Lebensaltern beizugesellen, damit es, jedem Vergleich enthoben, sogleich sein eigenstes, schönes, reines Wesen offenbarte.

Sie tanzte mit dem Schweizer Oberst, der die Jazzmusik verabscheute, und mit dessen umfangreicher Gemahlin, mit dem italienischen Abstinenzler und dem irischen Trunkenbold und nicht minder ernsthaft mit den ›Kleinen‹, das waren ihre Altersgenossen.

Keiner hätte gewagt, ihr auch nur den Bruchteil eines zweideutigen Lächelns zu zeigen, und als sie sich einmal neben Carlo Boß, den ziemlich kecken Trommler der Jazzband, niederließ und ihn bat, den Arm um sie zu legen, denn sie sei müde und habe Sehnsucht nach einem Brüderchen, bei dem sie sich einkuscheln könnte, da saß der Kerl die ganze Zeit unbeweglich und erinnerte an einen in Ehrfurcht erstarrten Affen, der ein zartes Menschenjunges im Arme hält.

Dabei verbrachte ich einige quälende Minuten. Dieser Boß war von einer alten Dame, die sich auf einmal geweigert hatte, weiterhin für den Jungen zu bezahlen, im Hotel zurückgelassen worden, mit der Empfehlung, ihn zum Abtragen seiner Schulden in die Jazzkapelle einzustellen: zu Besserem als zum Rühren des Schlagzeugs tauge er nicht, sie könne es beschwören! Er strömte einen leicht parfümierten Muff aus, seine piepsende Stimme schnitt mir ins Fleisch. Ich hatte alle Mühe, ihn mir vom Leib zu halten, denn er spielte sich als Freund Johannas auf und tat auch mit Angelica vertraut, die er ›in seinen bessern Zeiten‹, wie er sagte, bei unsern Freunden Samtaug getroffen hatte. Angelica ging ihm aus dem Weg, sie mochte ihn nicht. Darum war ich nicht wenig überrascht, daß sie sich in seinen Arm flüchtete.

Ich fragte sie später nach dem Grund, und sie erwiderte:

»Ich hatte Sehnsucht nach Johanna.«

Eine rätselhafte Antwort. Gerade so gut hätte sie mit ihrer Sehnsucht zu mir kommen können. Auch war es das erste Mal, daß sie den Namen Johannas vor mir aussprach. Ich nahm an, meine Frau habe ihr aufgegeben, sie nicht zu erwähnen. Warum hatte aber Johanna dann nicht verhindert, daß die Kleine mir anempfohlen wurde? Einen Tag oder zwei erschien mir die Anwesenheit Angelicas in einem beunruhigenden Licht.

Sie sprach selten von ihren Eltern. Nur als ihr einmal das Wort entfahren war: »Die Männer sind Lokomotiven – massiv – und fahren immer geradeaus« und jemand spöttisch zurückgab: »Und die Frauen, Angelica? Wie steht es mit den Frauen?«, da antwortete sie: »Meine Mutter sieht aus wie ein Spiegel, der sich selber im Spiegel betrachtet. Können Sie sich vorstellen, wie hell und leer es zwischen zwei solchen Spiegeln ist? Ich habe eine herrliche Mutter!«

»Sie kennen sie ja!« rief sie mir zu. Ich war so überrascht, daß ich keine Antwort fand.

Angelica hielt die Augen gesenkt und schien Mühe zu haben, ihre Unbefangenheit wiederzufinden.

In Wahrheit hätte ich nicht mehr sagen können, wie ihre Mutter aussah. Unsere Bekanntschaft, die mehr als fünfzehn Jahre zurücklag, war kurz und sehr unruhig gewesen. An den Vater erinnerte ich mich überhaupt nicht.

Bald waren die Gäste des Hotels sich auch darüber klar, daß sie unverzüglich die Taschen leeren würden, um für Angelica ein riesiges Lösegeld zusammenzubringen, wenn sie etwa bei einer Reise in Marokko geraubt würde, und daß sie, in alle Winde zerstreut, sich schnell zu einer Verschwörung sammeln würden, um den Mann zu töten, der sie in der Ehe unglücklich machte. Und als sie beim Skijöring auf dem See den Fuß verstauchte, kämpfte das erschrockene Rudel im Handgemenge darum, wer sie nach Haus trüge – schließlich reichte sie einer dem andern, im Stafettenlauf brachte man sie in das Hotel.

»Eine Nichtigkeit«, erklärte der herbeigerufene Arzt mit schweizerischer Aussprache, »eine ganze Nichtigkeit.« Er war klein, seine kurzen Sätze brachen unwillig durch einen struppig überhängenden Schnurrbart, darunter schimmerte das rasierte Kinn hellblau, während das übrige, auffallend breite Gesicht eine gesunde braune Färbung zeigte. Er hatte dunkle Augen, die schwermütig über die Brillengläser guckten, wenn er mit einem sprach, und solang er im Zimmer war, trat er behutsam auf, hinter der Tür aber stapfte er martialisch davon.

Kurz, es war ein sympathischer Kauz und gewiß das Gegenteil von einem Scharlatan. Trotzdem erschrak ich, als er eintrat. Erinnerte er mich doch an eine Gestalt, der ich einmal in einer heillosen Lage begegnet war, nur konnte ich mich lange nicht entsinnen, wann und wo. »Eine chanze Nirchtirchkeit«, wiederholte er in der Halle und musterte, melancholisch hinter der Brille verschanzt, die sich aufhellenden Gesichter.

Die nächsten Tage war das Hotel sehr unruhig und Angelicas Zimmer zu jeder Stunde mit Besuchern gefüllt, denn niemand dachte daran, ohne sie hinaus in den Schnee zu ziehn. Das Rudel hockte in den Winkeln oder zog treppauf, treppab, es war gleichsam ein Kreisen durch die Gänge um die niedergebrochene Führerin. Pakete mit frischen Blumen fielen ins Haus, jeder tat, als ahnte er nicht, woher, und die dicke Frau des Obersten wich nicht von Angelicas Lager, obwohl es nichts zu tun gab, als zweimal am Tag das geschwollene Gelenk mit Franzbranntwein einzureiben und die ununterbrochene Flut von Blumen in Gläsern und Vasen zu verteilen.

Die Eltern waren nicht benachrichtigt worden. Sie sollten ja jetzt unterwegs sein, nachdem ihre Abreise mehrmals am Widerstand der wasserscheuen Mama gescheitert war, die nicht zu bewegen gewesen, sich in Port Said auf einem heimkehrenden Indienfahrer einbooten zu lassen – in Alexandrien aber legten nur die französischen Mittelmeerschiffe an, von denen einige nichtsnutzig, die andern, tüchtigeren, auf Wochen voraus besetzt waren. Jetzt sollten sie sich also eingeschifft haben, doch verstrich wiederum eine Woche, ohne daß man von ihnen hörte. Und am Ende dieser Woche machten wir mit Angelica die Diavolezza-Tour.

Wir stiegen von den Berninahäusern hinauf und fuhren ab über den Morteratschgletscher. Es ist eine großartige und leichte Tour, selbst die schwächsten Fahrer hatten lauter Freude daran. Auf dem Gletscher fiel mir plötzlich wieder die Eisfee ein, die ich Angelica bei ihrer Ankunft aus Respekt vor ihrem reifen Alter verheimlicht hatte, und jetzt erzählte ich von ihr.

Ich erzählte, wie sie hoch oben auf dem Eise stand, die Hände über dem Haupt verschlungen, so daß sie einer menschlichen Säule glich, so stand sie da, und die Abendsonne brachte sie zum Tönen. Leise ließ ich meine Maultrommel schnurren ... In diesem Augenblick glaubte ich selbst an die Eisfee.

Das Rudel hielt mitten auf dem Gletscher. Der Gletscher schwamm im roten Abendlicht, und auch über uns floß der märchenhafte Schein und verklärte uns, Alte und Junge. Und keiner regte sich, und jeder horchte nur auf die Musik, die das sinkende Gestirn in dem hochentrückten Winkel der Erde entfesselte, und alle, von sich selbst und der blühenden Weiße der einsamsten Welt entzückt, hörten den strömenden, knisternden Gesang der Fee, hörten trunken den Boden unter sich tönen und ihr eigenes Gesicht mit der gespannten, schwingenden Haut und tönen die rundum ragenden Gipfel.

Sie hörten ihn alle, den hohen, leisen, bebenden Gesang, weil Angelica mit aufwärtsgewandtem Antlitz unter ihnen stand und weil sie sahen, wie ihr harter, schlanker Körper in der Stille bebte.

Während der Abfahrt blieb sie eine Weile neben mir.

»Du, John –« rief sie im Fahren, weiter nichts als »du, John? –« und schaute mir fragend in die Augen.

Ich nickte.

Von jetzt an sagten wir einander du.

Am Abend wurde zum erstenmal nicht getanzt. Das Rudel saß beisammen, man erzählte – ein Phänomen, wie es seit zwei Jahrzehnten in keinem Hotel der zivilisierten Erde mehr beobachtet worden war.

»Wir sind geweiht«, sagte Angelica bestimmt, »die Eisfee auf dem Morteratschgletscher hat uns geweiht.« Sie sah dem einen nach dem andern ins Gesicht, und selbst der Schweizer Oberst, der eigentlich an keine höheren Mächte glaubte und überhaupt ein Eisenfresser war, auch er nickte mit wohlwollendem Ernst. Zum weiteren frommen Vergnügen des Rudels erfand ich jetzt menschenfeindliche Firngnome, die, wenn ihre Wut aufs äußerste gestiegen, mit den Lawinen ins Tal rodelten, um in den Hotels Unfug zu stiften.

Carlo Boß mußte das Schlagzeug nehmen, ich setzte mich mit dem Saxophon ans Klavier, und wir machten es Angelica vor, wie die Firngnome sich aufführten.

Es sei leicht möglich, behauptete ich aufstehend, daß der irische Konsul nach einer solchen Nacht mit einem Eisknoten in der Nase aufwache, der italienische Abstinenzler aber mit einem in Rotwein gefrorenen Schnurrbart. – »Und ich?« rief Angelica, wobei sie wie in der Schule stürmisch den Zeigefinger streckte ... »Und du«, antwortete ich, »du findest dich am Morgen nicht mehr in deinem Bett und mußt schleunigst die Berninabahn nehmen, um dich in den entlaubten Lärchenwäldern bei Pontresina zu suchen, und wenn du Glück hast, kannst du dich dort finden, wie du mit weißen Schneekatzen spielst. Die Schneekatzen haben einen goldenen Kopf mit bernsteingelben Augen und einen langen Schwanz von der Farbe des Abendrots, wie wir es auf dem Morteratschgletscher beobachtet haben. Wenn sie im Wald springen, von Baum zu Baum, daß der Schnee von den Ästen stiebt, hopp! die Stämme hinunter, flix flax über den Boden, golden, gelb und rot, so ist dort im Wald, wie du begreifen wirst, zu jeder Tagesstunde Sonnenuntergang! Vielleicht findest du dich auch tiefschlafend im Birkenwäldchen bei St. Moritz – wer kann es wissen, wohin dich die wütenden Firngeister verschleppt haben?«

»Nun«, rief Carlo Boß mit seiner Piepsstimme, »dafür ist das Rudel da. Das Rudel wird suchen.«

»Das meine ich auch«, pflichtete jemand bei. »Ich komme seit dreißig Jahren hierher, ich kenne mich aus.«

Ja, diesen Abend verbrachten wir gleichsam im Freien an der Sonne, von spritzenden Garben Pulverschnees gestreift, wie sie unter den Brettern der Skiläufer hervorschossen, in kleinen, windstillen Wäldern und auf den Schneefeldern, die wir auf blitzschnellen Gedanken durchliefen. Weggeblasen die künstliche Schwüle, worin sonst die Jazzband die Gefühle durcheinandergeratener Klassen und die Instinkte schüttelte, bis nichts übrigblieb als eine gallertige Masse! Es war schneeweiß, schneehell um uns, und wenn jemand über die Eisfee nachgedacht hätte, so wäre er sicher darauf verfallen, daß sie unter uns weilte und Angelica hieß.

O schöne Fahrt, so leicht wie Wind,
Vor dem die Fernen sich entfalten ...

Am andern Morgen geschah das Unglück.

Niemand hatte Angelica das Hotel verlassen sehn.

Ohne das Rudel aufzuscheuchen, das größtenteils noch beim Frühstück saß, stellte ich unauffällig fest, daß sie sich fertig angezogen hatte, daß ihre Schneeschuhe fehlten.

Darauf suchte ich alle Ausgänge nach einer frischen Spur ab, doch da der Boden gefroren war, konnte ich nichts finden. Ich telephonierte hierhin und dorthin. Ein Gasthaus im Fextal antwortete, ja, in aller Herrgottsfrühe habe ein Fräulein aus unserm Hotel dort ein Glas warmer Milch getrunken, ein Frühstück aber mit der Begründung ausgeschlagen, daß sie gleich nach dem See abfahren werde und sich jetzt schon darauf freue, mit riesigem Appetit daheim zu frühstücken.

Um schneller vorwärts zu kommen, nahm ich die Skier auf die Schulter und lief. Am Gasthaus angelangt, wo die Wirtin mir den Inhalt des Telephongesprächs bestätigte, ohne Wesentliches hinzufügen zu können, schnallte ich an und begann die Abfahrt zum See. Der Schnee war ausgefahren und verharscht. Die Bretter rasselten und schlugen, und als ich die wüste Fahrt angesichts des Waldes, auf den ich in voller Fahrt losschoß, mit einem vorzeitig angelegten Schwung bremsen wollte, rutschte ich querab auf knarrenden Brettern bis vor die ersten Bäume.

Hier, fünf Schritte weiter im Wald, genau in meiner Fahrtrichtung, lag Angelica und warf mir schmerzverzerrten Gesichtes Kußhände zu.

Die Skier, mit den Schuhen daran, lagen neben ihr.

»Ich habe mindestens ein Bein gebrochen«, stammelte sie. »Außerdem können meine Füße erfroren sein. Ich habe die Schuhe aus-, aber nicht mehr anbekommen. O je!«

Sie schlug mit den Armen, schüttelte heftig den Kopf. Und schlotternd, mit zuckendem Gesicht, mit angstvoll kreisenden Augen, versuchte sie, laut zu lachen. Ach! es war ein gepeitschter Kreisel, der so zu springen versuchte.

Auf dem See kam uns das Rudel entgegen. Der Oberst wollte sie mir fast gewaltsam aus den Armen nehmen. Ich litt es nicht. Den Kopf über sie gebeugt, machte ich große Schritte. Still und furchtsam folgten die andern und hielten den Atem an vor der zitternden Qual, die immer wieder schluckte, um zu lachen.

Als der Arzt spät abends herunterkam, sprangen die Gäste in der Halle auf und umringten ihn. Er legte den Finger an den Mund und sagte: »Ruhe! Völlige Ruhe! Ich bitte dringend. Ein Herr und eine Dame haben die Pflege übernommen. Das genügt. Bruch des rechten Oberschenkels und Lungenentzündung.«

Wieder wehte mich ein Grauen an beim Anblick des komischen und dabei so ernsthaften Männchens. Und jetzt wußte ich auch, woran er mich erinnerte! Er glich jenem Briefträger am Meer, mit dem ich vor dem erschossenen Liebespaar gestanden hatte ... Mit einem Ruck machte er kehrt und stapfte davon.

Ich sandte Telegramme nach Heluan und gleichzeitig an die Büros der Schiffahrtsgesellschaft in Kairo und Marseille. Angelica fragte nicht nach den Eltern.

Die erste Nacht und der folgende Tag verliefen ruhig. In der zweiten Nacht begannen die Fieberphantasien. Mit endlosen Liebeswerbungen rief sie nach Johanna van Maray, der hellen, der heitern Johanna, mit weitausgestreckten Armen griff sie nach ihr. Doch schien sich das Bild der ›Mutter‹ immer zu verflüchtigen und nichts von ihr übrigzubleiben als ›Sonne im Zimmer‹. Mit diesem, unter trockenem Schluchzen gestammelten, leise verebbenden: ›Nichts als Sonne im Zimmer‹ und ›Kein Mensch mehr im Zimmer‹ endete jede Vision von der schönen Mutter, der sie den Namen Johannas gab.

In der dritten Nacht geschah es, daß ich aufsprang und mir die Ohren zuhielt, weil ich es nicht mehr ertrug, wie sie raste.

In ihrem klaren Mädchengesicht stieg ein zweites, dunkles Gesicht auf und verschluckte das erste. Die vor kurzem noch ein Kind gewesen, das wir mit scheuen Händen in sein Bett gelegt, sie erhob sich zuchtlos, aufgelöst und entschlossen, knirschte mit den Zähnen, ballte die Fäuste, drohte, bettelte, höhnte, kämpfte mit Nägeln und Zähnen – um den Geliebten. Einmal glaubte ich zu verstehn, der Unbekannte habe sie verraten, dann wiederum war sie es, die sich, Hände in das Haar geschlagen, endlos anklagte.

Ihr Mund verzog sich zu einem Schrei, an den etwas in ihr sich gespannt anklammerte: »Du-u! Du-u!« Die Hände hatten ihren Ausdruck selbstloser Anmut verloren. »Ihr habt nie Zeit in Berlin, ihr. Nie! Aber jetzt habe ich euch. So. Jetzt lernst du stillhalten, wenn ich dich was frag'!«

Die Hände krallten sich in die Bettdecke, als hätten sie ein Wild geschlagen und hielten es fest.

Und plötzlich dehnte maßlose Befriedigung ihr Gesicht, sie breitete die Arme: »Ah –!«

Dann wieder krampfte sich ihr ganzer Körper zusammen, sie wimmerte lange: »Laß mich doch nicht immer so allein! Ich habe Angst ... Kümmre dich ein wenig um Angelica – Liebster, du, nur ein klein wenig um Angelica ...«

Verzweifelt rief ich sie: »Angelica! Angelica!« Doch mich hörte sie nicht.

Ich war froh, daß sie einschlief, bevor die Frau des Obersten mich in der Wache ablöste.

»Telegraphiere an Kurt!« befahl Angelica, als sie bei grauendem Morgen erwachte. Die Frau des Obersten wußte nicht, wer Kurt war, und konnte es auch nicht in Erfahrung bringen. Denn statt ihr auf ihre Frage zu antworten, begann Angelica sich leise und schwärmerisch mit Kurt zu unterhalten. Endlich schlief sie ein.

»Wir sollen an Kurt telegraphieren«, empfing mich die Frau mit tränenüberströmtem Gesicht ... Sie hielt die Augen abgewandt.

Bei seinem Morgenbesuch sprach ich mit dem Arzt, und er veranlaßte, daß die Frau des Obersten durch eine Krankenschwester aus Maloja ersetzt wurde. Die Frau erhob keinen Widerspruch. Nur stürzte eine neue Tränenflut aus ihren Augen. Der Oberst war wütend und bot sich statt ihrer an, und als er abgelehnt wurde, zuckte er die Achseln und murmelte, er verstehe nichts von der Komödie.

»Telegraphiere an Mama!« befahl Angelica. »Wenn sie nicht sofort kommt, brenne ich mit Kurt durch ... Er wartet mit dem Auto hinter den Ställen in Buskow«, setzte sie listig hinzu. Sie kicherte und strich zärtlich über die Decke ... Ich verstand: sie hatte sich mit Kurt ausgesöhnt. Sie war einig mit ihm.

Plötzlich richtete sie sich auf: »Wenn du nicht sofort telegraphierst«, sagte sie langsam und hob den Blick zur Decke. Sie fiel auf das Kissen zurück. »Mörder!« murmelte sie und verzog das Gesicht ... Nach einer Weile lächelte sie. »Ihr Esel! ...«

Als sie wieder aufwachte, lag sie lange Zeit ächzend auf dem Rücken und starrte mich an. Allmählich erkannte sie mich.

»Du sollst Johanna liebhaben!« befahl sie. Und nach einer langen Weile, während deren sie mich qualvoll und flehend angeblickt hatte:

»Onkel nennt sich das! Wozu einen Onkel, wenn er nicht da ist, wenn man stirbt?«

»Ja, wo wohnt er nur gleich?« fragte ich und sprang auf. Es war mir nämlich eingefallen, daß es da einen Berliner Onkel gab, der sie vor acht Wochen in den Zug gesetzt, von dem sie mir sogar Grüße überbracht hatte – Kurt Kommer, einen Jugendfreund meiner Frau.

Jubelnd rief sie und streckte den Zeigefinger: »Steglitz 5498.«

»Steglitz 5498«, wiederholte sie müde, schloß die Augen, drehte das Gesicht zur Wand. »Gute Nacht – mein lieber, mein lieber Kurt.«

Ich klingelte und ließ den Obersten heraufbitten, der sich gereckt auf meinen Stuhl setzte, wobei er drohende Blicke in die Ecken des Zimmers schleuderte, als erkenne er dort den Feind.

»Johanna, mein Kind stirbt«, murmelte ich vor mich hin ... »Wie geht das zu, daß so ein Kind stirbt?« Auf der Treppe begegnete ich dem Arzt. »Herr Doktor, mein Kind stirbt!« drohte ich ihm. Ich war halb von Sinnen, zitternde Fäuste hielt ich ihm vor das Gesicht.

Ich schrie ihn an: »Sie kaltschnäuziger Briefträger! Alleswisser! Was wissen Sie jetzt? He?«

Sowie ich in der Telephonzelle den Hörer ans Ohr legte, hallte es mir pfeifend entgegen: »Hallo! Sils-Maria?« Erst wehrte ich mich und rief, ich wünschte dringend mit Berlin zu sprechen.

»Hier Berlin! Ist dort Sils-Maria?« kam es zurück. Ich schrie aufs Geratewohl: »Steglitz 5498!«

»Jawoll! Hier Steglitz 5498!«

»Du lieber Gott!« sagte ich. »Sind Sie vielleicht Kurt Kommer?«

»Ha!« hörte ich. Es klang wie das Schnauben eines Tiers. Und »Jawoll!« schmetterte es hinterher. »Hier Kurt Kommer. Sie haben von Kairo rübergekabelt, die Kleine – hallo! Hören Sie? Ich fahre zwei Uhr sechzehn. Sehn Sie nach, wann ich ankomme.«

»Fliegen!« schrie ich. »Sie müssen fliegen!«

Es knarrte im Apparat, dann sausten die Drähte. Weit, weit entfernt sprach jemand leise englisch.

»Verdammt!« platzte es auf einmal aus dem Singsang der Leitung. »Hallo! Sind Sie noch da? ... Ich fliege!«

In ihr Zimmer zurückgekehrt, setzte ich mich dicht zu Angelica, nahm ihre Hand und sagte:

»Angelica, ich habe mit ihm telephoniert. Er nimmt ein Flugzeug. Heute abend ist er da.«

Lächelnd wiegte sie den Kopf: »Ach, glaub's nicht! Das sagen Sie so.«

Sie starb kurz nach Mitternacht.

Der Doktor kratzte an seinem hellblauen Kinn, beugte sich über das Bett, schloß dem Kind behutsam die Augen. Dann stapfte er kräftig über den Korridor, wie das Leben selber, das Leben, das weitergeht.

Und nun war sie wieder, wie sie aus dem Zug gestiegen war, ein schönes, stolzes Kind – eingefroren in der durchsichtigen Stille.

Mehrmals hörte ich, aufschreckend, mich das alte holländische Wiegenlied summen.

Und jedesmal glaubte ich dann Johanna leibhaftig an der andern Seite des Bettes sitzen zu sehn. Den Blick aus dem Topasrauch ihrer Augen ernst und traurig auf mich gerichtet ... »Johanna«, sagte ich, »ich habe mein Kind verloren ... Ja ... Es ist mir eingefallen ... Sie könnte mein Kind sein ... Wer weiß? ... Jetzt ist sie tot.«

Um zwei Uhr traf Onkel Kurt ein. Seine Hornbrille warf Funken, als er durch die hellerleuchtete Halle wuchtete. Das Rudel drückte sich in die Winkel, jeder war eine Ewigkeit vom andern entfernt. Der Treppe zunächst saß der Oberst rittlings auf einem Stuhl und schluchzte in die verschränkten Arme. Sonst war es still.

Eine kurze Zeit verging, da stand Onkel Kurt wieder in der Halle und verlangte zu essen. Der Portier deckte einen Tisch im kleinen Salon und trug Wein und kalten Braten auf.

Kommer begrüßte mich wie einen alten Freund, was mich unangenehm berührte. Wenn ich ihn viermal im Leben gesehn hatte, war es viel, und von allen Jugendfreunden Johannas war er mir immer als der unangenehmste erschienen. Ich setzte mich zu dem Geliebten.

Erst redete er ununterbrochen über die Gefahren, denen der Sport die heutige Jugend aussetze, und einmal nannte er Angelica ein anspruchsvolles Kind, das schließlich vom Schicksal auf den richtigen Spielplatz gelockt worden sei, um hier zu sterben.

Ich ballte die Fäuste unter dem Tisch.

Als ich wieder ruhiger war, fragte ich beiläufig, ob er das Kind besonders liebgehabt habe.

»Wer hat sie denn nicht liebgehabt!« rief er mit Appetit.

»Ja«, sagte ich, »aber ich glaube, Sie standen ihr am nächsten.«

Er wehrte ab:

»Iwo, die Mama. Die Mama hatte bloß keine Zeit. Ich nahm die Kleine mal mit in den Zoo oder nach Buskow und schwatzte auch sonst mit ihr. Sonst aber – nee, nee, egal am Bubischopf der Mama! Das heißt – zuletzt hatte sie es mit Johanna.«

»Und der Vater?«

»Der Vater?«

Erst starrte er mich aus aufgerissenen Augen an und verstand gar nicht, wo ich hinauswollte mit der Frage. Mir wurde auf einmal heiß und kalt.

»Ach so!« meinte er dann. »Lieber Herr! In Berlin haben die Männer zu arbeiten! Nicht zu knapp!«

Kein Zweifel, Onkel Kurt wußte nichts von ihrer armen Liebe. Es traf ihn ebensowenig eine Schuld wie Vater und Mutter. Allen war sie teuer gewesen.

Sie hieß Angelica ...

Da näherte sich langsam, fast stolpernd ein tränenüberströmtes Wesen unserm Tisch – der Mann vom Schlagzeug, Carlo Boß.

Als Kommer seiner ansichtig wurde, stutzte er, die Hornbrille sprühte Funken. Mahlend stieß der Unterkiefer vor.

Plötzlich brüllte er:

»Was? Sie hier? Wollen Sie Ohrfeigen?«

Carlo Boß verbeugte sich demütig und lief schrill aufschluchzend aus dem Zimmer.

»Schicken Sie den Portier!« rief Kommer ihm nach.

Tatsächlich erschien gleich darauf der Portier.

»Champagner!« bestellte Kommer.

Er warf die Serviette fort und zog die Zigarrentasche hervor.

»Sie war nicht glücklich zu Hause«, stellte er fest ...

Der Champagner kam.

Ich weigerte mich, mit ihm zu trinken.

»Macht nichts«, sagte er, und als wir wieder allein waren:

»So, Meister! Jetzt habe ich ein Wörtlein mit Ihnen zu reden. Erstens weiß ich nicht, ob Sie ahnen, daß Angelica –«

Erglühend sah ich, was er sagen wollte: Angelica, auf den Fußspitzen, die Arme zu mir erhoben, das Wort ›Vater‹ auf tödlich erblassenden Lippen – ich machte eine Bewegung, um das Bild vor dem andern zu verwischen, ich unterbrach ihn:

»Was geht Sie das an? Ich wünsche nicht, von Ihnen aufgeklärt zu werden!«

Er fuhr fort:

»Zweitens. Meine Freundin Johanna und Ihre Frau –«

Wieder schüttelte ich gebieterisch den Kopf, und er schwieg. Wenn ich auch merkte, daß er gegen sich anging mit seinem wilden Getue, so ertrug ich es doch nicht. Sein polterndes Wörtlein mit mir reden – wo sie droben lag im durchsichtigen Eis der Stille!

»Dann also morgen«, sagte er ruhig und führte das Kelchglas zum Mund.

Ich ging zu Angelica.

Bis zum Morgen blieb ich über sie gebeugt, von der ich jetzt mit der tiefsten Bestimmtheit wußte, daß sie mein Kind war.

Jetzt erwarb ich sie mir. Jetzt erst – ganz.

Ich suchte meine Kindheit in ihr und meinen Tod.

Ich sah Trümmer von Musik um uns verstreut und hörte einen Tritt, der die letzten leisen Abendlaute eines Vogels wie mit einer Maschine abschnitt, einen dummen, stapfenden Tritt.

Kein Vogel sang mehr. Die vereisten Wälder standen still.

Noch einmal wohnte ich ihrem Sterben bei.

Jedes Wort hörte ich, jeden Zug ihres Gesichtes sah ich wieder.

Vom ersten Tag zum letzten.

Den langen, langen Tag, die noch längere Nacht, mit dem erhabenen Gleiten der Schlafwandler zogen sie, Stunde um Stunde, vorbei.

Die Fenster wurden hell.

Noch einmal wohnte ich dem Sterben meines Kindes bei. Sonnenlicht überströmte das Zimmer.

Sie hieß Angelica.

Acht Wochen wie eine Minute, so lange hatte ich sie gekannt. In weißer und goldener Höhe. Am Rand des Himmels ... Welch unübersehbares Glück!

Sie hieß Angelica.

Kam, um bei mir zu sterben, nachdem sie mir acht Wochen, die acht langen, strahlenden Wochen ihres Lebens geschenkt hatte. Wie dankt man für so etwas – wie?

Ich öffnete die Fenster.

In der Morgenluft die Schlittenglocken klangen, als hätten sie von all den Worten des Kindes nur die hellen Silben behalten und wiederholten sie spielend.

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