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Symphonie für Jazz

René Schickele: Symphonie für Jazz - Kapitel 2
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typefiction
authorRené Schickele
titleSymphonie für Jazz
year1963
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
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1

Bäbä, tu. Bäbä, tut. Tut! bäbä.

Ein Hurra – Bäbätu.

Auf das Känguruh!

Miau.

Die ganze Nacht hat es geregnet. Wie eine Mühle ging der Regen in der Finsternis, die Traufe machte dazu den rauhen, kurzpulsigen Lärm eines Motors: raduwalu, raduwalu.

Manchmal schwoll das Rauschen des Regens an, dann vernahm man das hellere Rascheln von Laub, ja sogar den Flug der Wassertropfen von Bäumen unterschied man. Einen Augenblick lag die Regennacht in einer andern Tonart.

Nur die Traufe arbeitete unverändert weiter. Raduwalu, raduwalu.

Brrrr – um! plotzt die Brandung. Brum! Krach der Kräche. Donnernder Applaus. Ein Zischen, Sausen:

Brr – rr – rr – rum!

Tagsommer.

Nachtsommer.

Wüste Zeit.

Fliegender Holländer auf einem Alkoholschiff.

Der geschminkte Mann im Pyjama am Flügel spielt Bach.

Vor ihm das Mädchen tanzt den Kreuzestod.

Kasse! Kasse! Schwarze Kasse!

Mi! au.

Bis aus dem Topasrauche deiner Augen
Auf einmal blaues Feuer schlug –

Die Motorräder belfern. Gestank von Asphalt und Benzin. Die Elektrische krächzt mit einer Kehlkopfstimme in der Kurve, ihre gesprungene Glocke schimpft die Straße zusammen. Aber den neuen Limousinen weht ein Rauschen von Wohlhabenheit voran! Um sie herum knurren und spucken die Autos, die geschäftlichen Zwecken dienen. Schreie im Gewühl, metallene Schreie, Schreie, als kämpften Maschinen ums Leben.

In einer Pause, vom blauen Himmel gefallen, hört man eine Mönchsgrasmücke. Taktaktaktak-fiieh-je! lockt das Tierchen, bevor es singt.

Der Asver – wenn er je so weit käme – würde seine eigene Regierung stürzen. In ihm haben wir das letzte Exemplar des romantischen Revolutionärs. Niemand fürchtet ihn mehr, nicht einmal der demokratische Reichstagsabgeordnete Kommer. Kurt Kommer nennt Asver den indanthrenroten Stänkerer.

Und dennoch ist ein Kalikönig unglücklich. Man denke!

Wer hat es denn heute noch gut?

Ei, der Josephus Samtaug, der nur ›piepsi, piepsi‹ zu lächeln, braucht, damit die goldbraun gebrutzelten Tauben ihm in den Mund fliegen.

Sonst niemand?

Doch. Vielleicht. Der Musikant.

O schöne Fahrt, so leicht der Wind,
Vor dem Fernen sich entfalten –

Hip-hip-hurra! für John van Maray und seine Frau Johanna.

Bäbä, tu. Bäbä, tut! Mi! au.

 

Zuerst die Vorgeschichte.

Ein Maray kam gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts (vermutlich aus Ungarn) in die Schweiz und heiratete die Tochter eines Züricher Handwerkers. Sie bekamen viele Kinder. Von deren Schicksal kennt man nur das Glück des ältesten Sohnes. (Wahrscheinlich hat es daran bei den andern gefehlt.) Der Bursche trat, gemeinsam mit seinem Freund, einem nichtsnutzigen Patriziersproß, in holländische Dienste. Er begann als Gemeiner, gleich als Offizier der Freund. Beide gewannen das Spiel, der Gemeine gleichzeitig mit dem Offizier, sie kehrten nicht in die Schweiz zurück, sondern heirateten Holländerinnen und starben als goldbetreßte Obersten im Land ihres Glücks und ihrer Frauen.

Augen, Mund, Hände, Glück und Leid, Trotz, Zorn, Liebe, Erbarmen, Röte und Blässe – es sind dieselben wenigen Wörter, die immer wiederkehren, und die Musik davon ist so tief!

›Spinnweb, Spinnweb an der Wand –‹

Ein Sohn des einen Obersten ehelichte die Tochter des andern, und der ehemalige Schreinergeselle und Gemeine im holländischen Kolonialdienst Maray sah und genoß es einen endlos verzauberten Lebensabend lang, wie ein Amsterdamer Geschlecht unter seinem Namen wie einem halbbarbarischen Feldzeichen die Stufen des Reichtums und der öffentlichen Würden emporstieg. Von dieser Zeit an hieß die Familie: van Maray.

Das Geld saß locker bei dem Geschlecht, und zwar merkwürdigerweise gerade bei solchen, die den Namen van Maray führten. Die Töchter entschlüpften in standhafte Familien und kamen oft genug in die Lage, Bruder und Bruderskinder verleugnen zu müssen. Nur eines blieb der Sippe durch die Zeiten als Privileg erhalten: der höhere Kolonialdienst. Von Geschlecht zu Geschlecht floh immer wieder einer in das rettende Eden von Sumatra, Borneo, Java. Sie kamen in ziemlich unordentlichem Zustande an, staffierten sich aber bald heraus. Hätte Holland keine Kolonien gehabt, so wäre das Geschlecht der Maray längst von der Oberfläche der Gesellschaft verschwunden.

Auch der Vater John van Marays diente seine Zeit in Holländisch-Indien. Er kam in späteren Jahren hin als die andern, denn er war etwas weniger leichtsinnig. Dafür ging er auch früher wieder fort und kaufte sich ein Haus in Zabern, Europa, Deutschland, Bezirk Unterelsaß.

Die Wahl des Vogesenstädtchens an der Grenze Lothringens bedeutete einen Ausgleich zwischen den Wünschen der Frau, einer französischen Lothringerin, die das Heimweh plagte, und dem Abscheu des Mannes vor dem Königreich der Frösche jenseits der Zaberner Steige.

John van Maray wuchs in Zabern auf, und da er Holländer war, fühlte er sich als Elsässer. Bald nach Kriegsausbruch erkrankte die Mutter. Um sie zu zerstreuen, wollte ihr John vorlesen. Er wählte, was er über alles liebte, das Hohe Lied. (Ein überheller Tag, in dem es nächtig rauscht.) Sie unterbrach ihn:

»Mein armer Junge, du hast den holländischen Knödel im Hals. Spiele lieber Klavier, da hört man es weniger.«

Auch als John am Klavier saß, verließ ihn nicht der forschende Blick der Mutter, er demütigte ihn, weil daraus soviel Überlegenheit nach ihm stach, außerdem gab dieser Blick ihm ein unlösbares Rätsel auf. Musterte sie ihn nicht, als ob er gleich in irgendeinem Wettkampf auftreten sollte und sie von ihrem Bett seine Aussichten abschätzte? Soviel schien ihm gewiß. Was er aber nicht begriff, das war der Zweifel an seiner Kraft und Geschicklichkeit.

Er war ein schlechter Schüler, doch der Anführer der Klasse. Er konnte Klavier klimpern, kaum daß er es noch recht gelernt hatte, und vor den Stunden drückte er sich nur, weil der Lehrer verschämterweise taub war und keinen Ton unterscheiden konnte, wenn er nicht auf die Tasten sah.

In dieser Zeit trug John sich mit dem Plan, ein Epos zur Verherrlichung eines aussterbenden Volkes, der Siouxindianer, zu dichten: Das Schwanenlied des roten Mannes. Der Titel stand fest.

Da er katholisch war, wie seine Mutter, trat er gleichzeitig als Meßdiener in der Pfarrkirche auf, und alle Welt, sogar der protestantische Vater, erklärte ihn für den glänzendsten unter den ›Pagen des lieben Gottes‹ (eine Lieblingswendung der Mutter, die freilich die überragende Stellung des Sohnes im Pagenkorps verkannte). Er schwenkte das Weihrauchfaß wie keiner, und wenn er das große Meßbuch von der Evangelien- zur andern Seite des Altars hinübertrug, so – nun so geschah etwas. Die Mädchen horchten auf, wenn er die Klingel rührte. Sie spürten seine Hand.

Er besaß auch eine Geliebte. Zwar hatte er noch kein Wort mit ihr gesprochen, aber er tauschte Briefe mit ihr. Der Briefkasten war ein dicker Stein unter einem Holunderbaum.

Allen diesen Zeichen des Genies verschloß sich die Mutter. Deshalb glaubte John, der weiche und gewalttätige Vater liebe ihn, mache ihn kühn für das Leben, die Mutter dagegen verdächtige und kränke ihn bewußt auf den Tod. Dabei war gerade die Mutter die leidenschaftliche Natur, die nur nicht wollte, daß er es sich allzu leicht mache. Während der Vater, wenn ihn niemand sah, als ein versonnener Enterich stundenlang in einer Ecke die Wundereier seines Ehrgeizes ausbrütete. Sein Ehrgeiz bezog sich ausschließlich auf den Sohn. Was wünschte er ihm? Seine eigene falsche Würde, maßlos erhöht.

Der Alte lebte in Wirklichkeit nur noch von seiner Pension. Er ging aber herum und ließ sich anstaunen, weil er, der die Welt gesehn hatte und reich schien, sich freundlich mit der Niedrigkeit seiner Umgebung begnügte. Blond und breit, wie er daherkam, teilte er schwungvolle Grüße aus, erwiderte welche, so höflich und herablassend wie möglich, etwas ironisch und dennoch überzeugt, alle Huldigungen zu verdienen, da er in seinem Sohn einen Schatz besaß, der jedes in Zabern sichtbare und unsichtbare Vermögen übertraf. Dieses Ansehn also wünschte er dem Sohn, in einem Zabern, das sich über die Erdteile erstreckte. Mitten in der heroischen Landschaft stand dann ein Klavier, in das, statt der vermufften Zaberner Luft, aus grüßenden Hüten ein Goldregen strömte.

John hatte die Mutter niemals klagen, niemals weinen gesehn. Wenn der Vater tobte, hob sie das Gesicht und schaute reglos in das Unwetter, so, als ob der Aufruhr nicht im Zimmer herrschte, sondern draußen, hinter dem Vater, jenseits des Fensters. Sie war groß, schwarz und hager, mit einer breiten Stirn und kurzen, starken Klavierhänden. In ihren Augen war ein Durcheinander von trocken leuchtenden Dunkelheiten. Sie spielte Klavier wie ein Mann, dabei war ihr tönendes Sinnen, ihr Lächeln das eines Mädchens – eines verlassenen Mädchens, wie ihre Schwester einmal sagte, als sie auf Besuch nach Zabern gekommen war. Diese Schwester wollte einige Wochen bleiben, John gefiel sie gut, sie war in Paris verheiratet und lernte ihn gleich als Kavalier an.

Nach vier Tagen warf der Vater sie hinaus. Er behauptete, sie sei nur gekommen, um seine Frau zu verderben.

Dies nun war einer der seltenen Fälle, wo John es mit der Mutter hielt. Lange Zeit beobachtete er dem Vater gegenüber eine Zurückhaltung, die einer Verurteilung gleichkam. Der Vater litt sichtlich darunter. Indes wurde die Mutter immer schwächer.

»Wenn Deutschland siegt, werdet ihr Augen machen, was dann kommt«, sagte sie eines Tages. »Die Holländer zu allererst.«

Johns Vater, der Deutschland alles Gute wünschte (nur nicht gerade die holländischen Kolonien), drehte seine großen, gläsernen Augen nach ihr, erkannte, was aus ihren Worten sprach: Schadenfreude, Hilflosigkeit, drohende Rache, und nickte. Er hätte gerade so genickt, wenn sie auf den Gedanken verfallen wäre zu sagen: »Hättest du Vernunft gehabt und uns in Lothringen angekauft, es wäre kein Krieg gekommen.« Alles nahm er von ihr hin. Der bevorstehende Verlust seiner Frau, somit seines lebenswichtigsten Widerstandes, erschreckte ihn furchtbar, gewissermaßen fühlte er sich kopfüber ins Leere stürzen, wo es keinen Halt mehr gab.

Die Mutter starb. Der alte Maray zog fluchtartig über den Rhein und erwarb ein Haus am größten süddeutschen See.

Seit dem Tode der Frau blieben seine Augen, die vorher hartblau gewesen waren, stumpf und verschwommen, mit gelblichen Klecksen in den Winkeln. Er schrie nicht mehr, er schlug nicht mehr das tropische Rad, der Jähzorn, der seine ganze Kraft gewesen, blieb mit der Frau in der Erde versunken.

John wurde auf das Konservatorium in Stuttgart geschickt, wo er fleißig arbeitete und sein erstes sinnliches Abenteuer bestand, freilich gedieh es nicht über zwei, drei etwas hastige Umarmungen hinaus, denn die Dame befand sich gerade im Umzug nach Berlin, und auch das erste geistige Abenteuer begegnete ihm hier in der Gestalt des Staatsanwaltssohnes Asver.

Die Revolution brach aus, da warf sich sein Freund Asver für vier Tage zum Diktator Württembergs auf. Wenn sich in Johns Bewunderung für den Mann einige Zweifel mischten, so lag dies an Asver, der ihm einmal erzählt hatte, als Junge sei er darauf aus gewesen, Katzen in den heißen Backofen zu sperren, ›um zu sehn, was die gequälte Kreatur alles aushalte und anstelle‹. In dieser ›intellektuellen Neugier‹ wollte Asver den frühen Beweis für sein revolutionäres Temperament erkannt haben. John sagte nicht nein, aber er zitterte, als Asver wirklich ein Maschinengewehr in die Hand bekam. Die Schwaben sind ruhige Leute, das Maschinengewehr kam nicht zum Schuß, und Asver übersiedelte nach Berlin.

Inzwischen guckte der alte Maray nicht über den Zaun seines Gartens, nur noch auf den See und das ferne Gebirge. Er beantwortete keinen Brief. Jedoch wenn John seine baldige Ankunft meldete, dann riet er ihm in ein paar herzlichen Zeilen, gescheit zu sein und seine Ferien anderswo zu verbringen: »Außerdem bin ich ein altes Weib geworden und kann keinen Mann mehr um mich vertragen. Es grüßt und küßt Dich Dein liebender Vater.«

Bei seinem Tod hinterließ er John nichts als das Haus am See und die Musikbibliothek aus mütterlichem Besitz.

John ließ die Bibliothek in Holland versteigern und trat eine Reise an. Er war ein ausgewachsener Junge, dunkel, mittelgroß, breitschultrig, starkknochig, und schaute, aus einem noch zu schmalen, zu blassen Gesicht, gleichsam mit einem holländischen Knödel im Blick, gierig in die Welt.

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