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Symphonie für Jazz

René Schickele: Symphonie für Jazz - Kapitel 19
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typefiction
authorRené Schickele
titleSymphonie für Jazz
year1963
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
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18

Das Auto mit Kurt Kommer rollte weg, da zeigte Josephus auf das abseitige Rasenstück, dessen einziger Schmuck Trittsteine waren.

»Du weißt«, sagte er zu Johanna, »ich suche seit langem nach einer Figur, die imstande wäre, den Grasflecken da zu verwandeln, gewissermaßen aus einem Waisenkind einen verwunschenen Prinzen zu machen, wenn ein Republikaner sich so ausdrücken darf. Johanna, ich habe die Zaubergestalt gefunden!«

Damit hob Josephus den Arm und griff in die Brusttasche.

Wenn er das tat, plötzlich, mit einem Ruck, der den Ellbogen übermäßig in die Höhe warf, sah es immer aus, als ob er nicht in die eigene Brusttasche griffe, sondern in die eines größeren Mannes, der dicht neben ihm stände. Kindliches Ungeschick lag in der Bewegung, was daher rührte, daß Josephus immer dicker, sein Arm aber nicht länger wurde, vielleicht kostete es ihn auch Überwindung, etwas so Gewichtiges wie eine Brieftasche ans Licht zu ziehn.

Josephus entnahm der Brieftasche eine Photographie, klopfte mit dem gestreckten Zeigefinger zweimal hart gegen die Nasenflügel und reichte Johanna das Bild.

»Heute vom Kunsthändler erhalten. Das letzte Werk von Felix Arabou. Guck, bitte, von der Photographie dort auf den Rasen, genau in die Mitte, und wieder auf die Photographie.«

Auf dem Bild streckte sich eine große Frau. Das Haupt verweilte noch, etwas undeutlich, in der Nacht, während der Körper bis zu den schweren Brüsten schon im Licht schwamm. Die eine Hand stützte das erwachende Haupt, die andre, lang über den Leib gestreckt, hielt ein Büschel Ähren.

»Es soll Billi-Billi sein«, bemerkte Josephus.

Erstaunt schüttelte Johanna den Kopf. Sie hatte Billi-Billi im Wintergarten tanzen sehn und ihre Schönheit sowohl wie ihre Kunst bewundert.

Sie begriff aber nicht, was die Gestalt auf dem Bild mit der Negerin gemein haben sollte. Diese enthüllte ihre Körperlichkeit unter dem Leuchten ihrer Zähne und Lenden wie in einem Gewitter bis in die Tiefe, die nur wegen der blitzhaften Beleuchtung geheimnisvoll wirkte. Jene blieb bei aller Blankheit und Spannkraft des Leibes tief in Erdendunst gehüllt. So leicht und flüchtig die Tänzerin war, so schwer wog die Gestalt.

»Ob Billi-Billi Modell gestanden hat oder eine andre«, erklärte Josephus, »es ist ein Arabou. Die ständige, schwere Traumgestalt Felix Arabous. Nicht wahr, Johanna? – dort auf dem Rasen ist ihr Platz. Sag', bitte, schnell ja.«

Und er setzte ihr auseinander, wie die Frau dort einsam im Schatten läge und endlich die Abendsonne über den großen Körper aufginge, bis zuletzt auch das Haupt erwachte. Den ganzen Tag würde sie auf die südlichen Staudenrabatten und die Wand mit den Kletterrosen schauen und das Kommen der Sonne erwarten.

Josephus hatte sich mit Hilfe des Kunsthändlers genau ausgedacht, welche äußere und innere Umstände die Frau bei ihm antreffen werde, das Schauspiel ihres Daseins lag klar vor seinen Augen, und der Pariser Kunsthändler Arabous war durch seinen Berliner Kollegen bereits von den Adoptionsgelüsten Samtaugs benachrichtigt.

Kein Wort von Deutermann. Kein Wort von John. Nicht einmal der Ort Bouval fand Erwähnung.

»Es trifft sich gut«, wiederholte Josephus nur. »Ich habe Geschäfte in London und Paris. Und Ruth braucht neues Porzellan und Kleider.«

Am nächsten Morgen brachen sie auf.

Unterwegs zog Josephus immer wieder das Bild der großen Frau hervor, es ging von Hand zu Hand, und die heimlichen Gedanken Johannas, die alle nichts als Wünsche waren, hart auffliegende Wünsche, ängstlich ermattende Wünsche, zogen um die Gestalt wie um ein neu aufgetauchtes Weihebild im Mittelpunkt ihres Lebens.

Schon erkannte sie in ihm den Ausdruck ihres Schicksals: zu warten, und ihrer mächtigsten Sehnsucht: fruchtbar zu sein.

Sie überraschte sich dabei, wie sie, Hände über dem Leib gefaltet, stumpf lächelnd, ein wenig schläfrig, auf die Felder hinaussah und sich vornahm, John um drei Takte für ein Wiegenlied zu bitten. Dann wieder stand Angelica vor der Gestalt und betrachtete sie aus ihren einsamen Augen – plötzlich wandte sie die Augen zu Johanna und lächelte, nickte. Und manchmal brach ein Haß in Johanna aus, der verdunkelte die Frau und die Felder draußen und alles Leben, und Josephus und Ruth fuhren, eifrig schwatzend und mit vielsagenden Bewegungen, allein in einem Zug, in den Johanna aus der Höhe hineinsah, ohne erforschen zu können, was sie über sie ratschlagten und beschlossen. Dennoch vertraute sie ihnen. Es waren ihre einzigen Freunde.

Schnell bog Johanna die schönen, starken Schultern, sie neigte sich tief und küßte Ruth und küßte Josephus die Hand.

Während sie sich aufrichtete und das blaue Feuer ihrer Augen über das erstaunte Ehepaar ausschüttete, rief sie lachend:

»Dein großes Weib, Josephus, bringt mich durcheinander. Und es ist doch nur ein Kunstwerk!«

Die beiden andern aus dem einen Mund ihrer Ehe:

»Nur?!«

»Sie lügen alle«, trotzte Johanna.

Schweigen.

»Nein, sie lügen nicht«, sagte sie kleinlaut.

Wieder nach einer Weile:

»Es gibt Kinder, die sind die größte Lüge ihrer Eltern – und ihre schönste!«

Endlich:

»Aber es scheint uns wohl nur so. Die Natur hat einen längeren Atem als wir. Vielleicht ist es gleichgültig, wer die Kinder bekommt. Vielleicht gehören die Kinder allen Frauen zugleich wie auch alle Frauen zu Müttern bestimmt sind.«

Josephus ließ das Blinkfeuer seiner Augen spielen.

»Johanna, du hast es gesagt. Unsre große Frau ist die Mutter für alle. Nicht der letzte Grund, warum ich mich um sie bewerbe.«

»Die Mutter für alle«, wiederholte Ruth melodisch, da stand die Statue auf einmal bei ihr daheim und ganz klein im Glasschrank ihres Boudoirs.

Johanna reckte sich. Die kurze Mähne der Löwin flammte in der Sonne, die durch das dahinfliegende Fenster sprudelte:

»Nein«, rief sie, »nein! Eine herrliche Geliebte! Die schönste, die ich mir denken kann. Die stärkste! So stark, daß sie nicht mehr zu kämpfen braucht.«

»Wir sollten Angelica einmal zu John schicken«, meinte sie plötzlich. »Ließe sich das nicht einrichten?«

»Eine Kleinigkeit bei diesen Eltern«, erwiderte Ruth. »Aber – warum das?«

»Ja, liebe Ruth: warum? Da bin ich schon überfragt ... Ich gönne sie ihm! Ich gönne sie ihm, Ruth – fast ohne Neid.«

Erstaunt sah Ruth sie an und schlug vor ihrem herausfordernden, traurigen Blick die Augen nieder.

Sie dachte: »Johanna möchte noch ein Kind zu ihrem John. Aber dafür sind sie doch viel zu arm!«

So kam es, daß heute noch in Johannas Gedanken das Weihebild der großen Frau zu Amsterdam steht, wo die Messingschlösser der Haustüren um die Wette blitzen mit allem Eisen und Glas der Schiffe, die auf den Kanälen vorbeifahren und an der Küste von Nordwyk. Ein Geschäftsfreund Samtaugs fuhr sie hinaus, die meisten Hotels hatten schon geschlossen, es wehte ein kalter Wind – der Herbst war auf dem Kontinent gelandet.

Holländische Kinder radelten an der Ebbe entlang und rieben sich am Meer, jetzt, da sich das Ungeheuer knurrend unter der Peitsche zurückzog, und am Ende des Strandes standen drei, vier Ruhekörbe vergessen im Wind.

Und neben dem dämmeröden Bahnhof von Harwich steht das Denkmal und an zehn verschiedenen Punkten von London. Im Hof eines Colleges zu Oxford – Johanna las den Namen ihres einzigen Bruders auf der Tafel der Kriegsgefallenen – und zwischen den Kegeln der gestutzten Eibenbäume im Park von Hampton-Court. Hoch oben über dem Meer und dem kleinen Hafen von Broadstairs, wo ein Rettungsboot der Lusitania aufbewahrt wird (seine Insassen waren tot, als es an Land trieb), und in der Poultry-Farm des Mr. Cook zu Orpington. (Hier kaufte Josephus Hühner und schickte sie mit dem Flugzeug nach Buskow.)

In dem verwunschenen Provinzstädtchen Sevenoaks, in dessen Kirchhof die rechtgläubigen Christen unter jüdischen Grabsteinen ruhen mit einer steinernen Schlummerrolle dort, wo ihre Füße in der Erde liegen, und in Windsor.

Ja, auch im königlichen Windsor, doch sieht Johanna die in Bronze atmende Frau nicht zwischen den Kästen der Schloßgebäude, nicht einmal im üppigen Alpinum des ehemaligen Schloßgrabens und auch nicht auf der Terrasse vor der Residenz, wo die Rotjacke englisch auf und ab stiefelt, obwohl der Blick in den tief abfallenden Park und über die Wipfel weg auf das weite, silberne Land der Frau nicht schlecht zu Gesicht stände. Vielmehr liegt sie im Garten eines kleinen Wirtshauses am Ufer der Themse und schaut in abendlicher Trägheit auf das Wasser, Die Sonne sinkt, Johanna kann das Gestirn von ihrem Platz aus nicht sehn, aber die Strudel im Fluß entzünden sich, einer nach dem andern, wie ein geschickt angelegtes Feuerwerk, um dann jählings, alle miteinander, zu erlöschen. An dieser Stelle sprach Johanna: »Ich habe Sehnsucht nach unserm See.«

Sie betonte das ›unser‹ nicht, ganz selbstverständlich kam es ihr über die Lippen.

Ist es nun immer die gleiche Frau, die sie in ihrer Erinnerung an so viel Punkten erschaut? Nicht ganz, nein, ganz ist es nicht ein und dieselbe. Wenn Johanna sich gewissermaßen bückt, um in den bronzenen Zügen zu forschen, so entgeht es ihr nicht, wie das Gesicht einen andern Ausdruck zeigt, je nachdem, wo es auftaucht in ihren Gedanken. Und das gerade ist das Wunder der Kunst. Die ewig Gleiche begleitet dich und atmet mit dir, wie immer deine Zeit sich ändere, sie stößt dich nicht ab, weil du wechselst und verfällst, und an ihrer Treue mißt du dich und deinen Wert.

Auch dies hat die Bronzene damals auf der englischen Reise Johanna van Maray gelehrt.

In London verhandelte Josephus mit seinen Bankiers und ließ sich Anzüge machen, während Ruth Porzellan, Beleuchtungskörper, bedrucktes Leinen, Schuhe und Gartenmöbel einkaufte.

Sie wohnten im Hotel Savoy. Johanna war froh, wenn sie das weitläufige, in Haremsbeleuchtung getauchte Haus verließen. Die Orangefarbe und ein Himmelblau in Schleiflack, die dem Innern der Riesenhöhle einen süßlichen Geschmack verliehen, wirkten wie ein Niederschlag der Jazzmusik, eine Art vornehmer Krätze. Alle Räume waren davon überzogen. Die zwei Musikkapellen bumsten, säuselten, jodelten, wogten um die Wette bis tief in die Nacht. Die Berliner Neureichen erschienen ihr als Fürsten im Vergleich zu den Londoner Genossen. Die einzigen vornehmen Gestalten waren Negerhäuptlinge und Maharadschas mit ihrem Gefolge, die zwischendurch auftauchten. Es dauerte lange, bis sie auf der Straße jemand lächeln sah. Die Menschen schienen halb betäubt, fast irr vor drangvoller Arbeit.

In Paris kaufte Ruth Kleider, Leibwäsche und Hüte, während Josephus irgendeine deutsch-französische Handelsgesellschaft gründen half, nachmittags brachte das Auto sie aufs Land. In Paris brauchten sie nur eine Viertelstunde, um im Freien zu sein. Sie führten dasselbe Leben wie in London, und auch ihre Gemütsverfassung war nicht sehr geändert.

Nur etwas vergnügter gaben sie sich. Johanna hatte die Freunde bestimmt, in Paris ein älteres Hotel zu wählen. Der Blick aus der Halle des Hôtel du Louvre über die Avenue de l'Opéra erfrischte sie jeden Morgen. Diese große Stadt war eine spiegelnde Landschaft. Bei aller Eile hatten sogar die Chauffeure Muße zu weiten Gebärden, zum Schimpfen und Lachen. Die Stadt wimmelte von Spaziergängern.

Ohne alle Hintergedanken landeten sie eines Nachmittags auf der Terrasse von St.-Germain-en-Laye.

Der Park von St.-Germain besitzt die größte Aussichtsterrasse im Herzland Frankreichs, der Isle de France, wie der Garten um Paris heißt: der blütendichten ›Insel‹ des Frankenlandes. Sie ist zwei und einen halben Kilometer lang und dreißig Meter breit. Man blickt von ihr in das Tal der Seine und auf das weite Paris.

Über das Geländer dieser Terrasse hatte sich eines Nachts ein gewisser fliegender Holländer von seinem gestrandeten Alkoholschiff gerettet ...

Doch davon wußte niemand etwas – und warum hätten die Reisenden gerade an John van Maray denken sollen, wo alles um sie von Henri IV. und andern Königen erzählte?

Nicht weit von St.-Germain liegt das Städtchen Biouval. Es ist ein Gewirr von Sträßchen und Gäßchen hinter einer einzigen soliden Kulisse, der Hauptstraße. Ein Haufen hoher, rohverputzter Gartenmauern, wie man sie überall in diesem Lande findet, dessen Bewohner ihren Garten gern für sich allein haben. Die schmale Gasse zwischen den Mauern heißt Avenue, sie geht ein krummes Stück Weg und mündet, bevor man vier Gartentore gezählt hat, entweder in zwei Straßen mit Blumennamen, die sich nach einigen Biegungen wieder zu einer Avenue vereinigen, oder aber in einen Feldweg und in Wiesen. Plötzlich springt so ein Feldweg auf und schießt in schnurgeradem Schreck davon. Nun mögen sich aber noch soviel Straßen zur Bildung einer Avenue zusammentun, die Avenue wird dadurch nicht breiter, sie gewinnt keineswegs an natürlichem Ansehn, vielmehr muß ihr erst künstlich dazu verhelfen werden, und dies geschieht, indem die Avenue den Namen eines großen Mannes erhält.

Unversehens geriet das Auto in das Städtchen Bouval.

Da sie nun einmal hier waren, begaben sich die Reisenden auf die Suche nach dem Bildhauer Arabou. Sie hatten ihre liebe Not, das Haus des Künstlers ausfindig zu machen. Endlich standen sie erschrocken zwischen einer Gartentür und einem Wäschetempel Louis' XV., aus dessen Tiefe ihnen Bescheid über das ungeahnt nahe Ziel ihrer Suche geworden war.

Rechts lief das reine Wasser aus der Mauer in einen Steintrog und die schmutzige Brühe über die Tempelschwelle in eine Gosse, die infolge der fetten Ernährung von pflanzlichem Wachstum strotzte. Ein Dutzend Weiber klopfte, plantschte, schrubbte. Links machte eine niedere Gartentür ein ebenso erschrockenes Gesicht wie die Reisenden selbst. Sie bewunderten die Kraft der Wäscherinnen und klingelten an der Gartenpforte. Madame Arabou empfing sie.

Der Garten war mit Wäschestücken geflaggt, ein lustiges Bild, es mußte auch Kinder im Hause geben, das erkannte man am Rasen.

Aus dem ersten Wortwechsel ging hervor, daß der Besuch durch Arabous Kunsthändler angekündigt worden war. Johanna fand nicht die Kraft, Erstaunen zu zeigen. Sie errötete nur.

Frau Arabou entschuldigte ihren Gatten wegen Unpäßlichkeit und führte die Reisenden in das Atelier, eine ziemlich wackelige Bude, die sich in einen Winkel des Gartens duckte. Und hier, unter einem undichten Bretterdach, war sie leibhaftig: die große Frau mit dem Ährenbündel. Johanna hob vorsichtig die Hand. Sie streckte die Fingerspitze. Endlich konnte sie die Schwester berühren.

Die Gestalt zeigte sich noch größer und auch strenger, als sie gedacht hatte. Es war, als ob in der traumhaften Verhüllung ein wacher, ja, ein kämpferischer Verstand lebte ... Johanna mußte lächeln.

»Frag' sie«, flüsterte Josephus, »frag' sie, ob – du weißt schon!«

Aber es war Ruth, die das Wort ergriff.

»Madame«, sprach sie. »Ich komme mit einer großen Bitte. Mein Mann besitzt in Berlin einen Garten mit einem prächtigen Rasenplatz. Einen vornehmeren Rahmen für die liegende Figur wie dieses Meisterwerk können Sie sich unmöglich vorstellen. Madame, daß ich es Ihnen gestehe, wir kamen mit der heimlichen Absicht, Sie dieser Figur zu berauben.«

Frau Arabou neigte bescheiden das dunkle Haupt und erwiderte, man wisse die Ehre eines solchen Antrags zu schätzen, doch sei es bereits so gut wie sicher, daß die Figur auf einen öffentlichen Platz in Paris käme.

»Ewig schade!« murmelte Josephus. Johanna übersetzte: »Monsieur sagt, das sei etwas andres, selbstverständlich gehöre sie auf einen öffentlichen Platz.«

Frau Arabou nickte wiederholt und schaute Monsieur dabei lächelnd an, so daß er gar nicht anders konnte, als die Enttäuschung zu verwinden und das Blinkfeuer seines guten Herzens in Gang zu setzen. Darauf lud Frau Arabou alle drei in das Haus ein, wo sie noch einige neue Kleinplastiken des Künstlers bewundern durften.

Als die schiefe Gartenpforte sich hinter ihnen schloß, stand Frau Arabou oben im Garten, klein, voll rundlichen Ebenmaßes, das weiche, dunkle Haupt gesenkt, und lächelte selbstvergessen vor sich hin, oder beobachtete sie einen Marienkäfer, der zu ihren Füßen über den Sand kroch? Noch einmal grüßten die Reisenden zurück. Sie schien sie vergessen zu haben.

Da stürzte ein Mädchen hinter einem Baumstamm hervor und rief: » Madame Joanna de Maray!«

Die Hand am offenen Mund, atemlos vor Spannung, was auf den Proberuf erfolgen werde, guckte Jeannette auf die Gartenpforte.

Sie hatte gehört, daß man den Besuch von Deutschen erwarte. Da sie eine einzige Frau in Deutschland kannte, und zwar nur aus Johns Erzählungen, war sie den drei Fremden von der Ankunft an ahnungsvoll und zögernd auf der Spur geblieben. Die eine der Damen war groß und hell, Jeannette fand sie herrlich und sagte heimlich sogleich Joanna zu ihr. Auch die andre, kleinere, dunkle war schön und glich sogar etwas Jeannettens Mutter. Als die Kleine aber heraus hatte, daß diese als Frau zum Mann gehörte, war sie schwursicher, in der andern Johanna vor sich zu haben.

Noch einmal rief die Kleine:

»Madame Joanna de Maray!«

Ohne die Haltung, ohne ihr Lächeln zu ändern, hatte Frau Arabou den Blick erhoben.

Und über der Gartenpforte erschien das blasse, großäugige Gesicht Johannas.

Jeannette drehte sich gegen das Haus, und:

»Papa«, schrie sie aus Leibeskräften, »Papa! Papa! C'est elle! Viens vite, c'est Madame Joanna de Maray!«

Johanna ging auf Frau Arabou zu. Sie blickte ihr voll ins Gesicht und fragte:

»Ist John da?«

Im gleichen Augenblick wurde ihre Hand von einem kleinen, stämmigen Mann aus Frau Arabous Hand gezogen, Johanna sah ein bärtiges Antlitz mit zwei blauen Wassertropfen und einen roten Mund, der Mund lachte, und die blauen Wassertropfen darüber glitzerten lachend mit.

Felix Arabou schüttelte ihr die Hand, und als er wahrnahm, wie stark diese Hand war, schüttelte er sie noch einmal, doch jetzt mit ganzer Kraft.

»John ist in Deutschland, im Schwarzwald. Macht nichts! Ein bißchen ist er noch bei uns. Kommen Sie, Madame, kommen Sie!«

Dann lief er zur Gartentür, um die Freunde zu holen.

Jeannette aber, von ihrem Triumph erfüllt, behauptete kühn:

»John und ich warten seit einer Ewigkeit auf Madame.«

Die Reisenden mußten zum Essen bleiben – es brauchte nur ein Gedeck aufgelegt zu werden.

Dampfend wallte die Suppenschüssel herein, danach folgte ein Bœuf à la mode. Der Bildhauer schnitt den Braten auf, Jeannette ging um den Tisch und kredenzte den leichten Rotwein. Zum Schluß gab es Käse und Früchte.

Johanna hörte Jeannette zu. Ohne eine einzige Frage zu stellen, ja, trotz ihrer Versuche, dem Gespräch eine andre Wendung zu geben, widerstrebend vor lauter Furcht und Scham, erfuhr sie dennoch, wie John in Bouval gelebt hatte, und aus diesem seinem Leben, wie ein Kind es sah, schöpfte sie langsam und tief die bittersüße Bestätigung ihrer Hoffnungen. Niemand hörte zu. Josephus allein bemerkte das Zittern in ihren Augen.

Mit ein paar Brocken Französisch und seiner ruhigen Freundlichkeit brachte der Bankier die sanfte Schwermut Frau Arabous zum Strahlen, die beiden lachten dauernd und wußten nicht, weshalb. Josephus aber glaubte, es gelinge ihm ziemlich mühelos, Frau Arabou über seine Landwirtschaft in Buskow zu unterrichten.

Ruth unterhielt den Künstler. Sie streifte die höchsten Fragen der Kunst, und einige erhielten eine Vertiefung durch sie. In ihrer Entzückung sprach sie fast so gut französisch wie sonst nur englisch.

Josephus verließ das Haus mit einem Brief Arabous an den Pariser Kunsthändler, worin dieser beauftragt wurde, den Verkauf des bronzenen Bildwerkes abzuschließen. Die Stadt Paris, die lange genug gezögert hatte, eine Statue von Arabou zu erwerben, konnte gut noch etwas warten.

»Hier«, hatte der Bildhauer gesagt, als er dem Bankier den Brief überreichte, und sich die Hände gerieben: »Hier, lieber Herr, nehmen Sie! Es kommt mir fast vor, als hätte ich der guten Stadt Paris ein Schnippchen geschlagen. Ich danke Ihnen, daß Sie mir die Gelegenheit dazu verschafft haben. Wirklich, lieber Herr, wirklich – ich danke, nein, ich.«

Draußen warteten die Reisenden, bis die Schritte des Ehepaares Arabou durch den Garten zurückgewandert waren und die Haustür sich geschlossen hatte. Sanfte Schwere sank aus dem Dunkel, ein Gefühl wie Frömmigkeit überkam sie.

Mein, mein ist die große Frau, dachte Josephus. Und Ruth: Die Mutter für alle ist unser! Welch einen Schatz ließen sie zurück, im Gartenwinkel versteckt ... und der Auferstehung harrend: für sie, für sie! Johanna aber – Johanna suchte Samtaugs Hand und drückte sie. Aus dem Wäschetempel neben ihnen drang das Rauschen des Wassers. Es war das einzige Geräusch in der Nacht. Dann sprang der Motor an.

Sie fuhren durch eine Pariser Vorstadt, endlich brach Josephus das Schweigen.

»Dieser Arabou«, meinte er, »haust wie auf Abbruch. Unglaublich! In Berlin würde er einen kleinen Palast bewohnen, und statt seiner Frau hätte uns ein betreßter Diener empfangen.«

Ruth seufzte:

»Glücklicher wäre er nicht.«

»Ach«, rief Josephus – »ach, hätten wir nur im ganzen Tiergartenviertel ein einziges Wäschehaus aus der Zeit Friedrichs des Großen! Johanna, stelle dir das vor!«

Nach einer Weile antwortete sie, aber nicht darauf, sondern auf etwas, wovon gar nicht gesprochen worden war:

»Bitte, laßt mich allein nach Römerbad. Erwartet mich in Basel.«

Johanna schlief schlecht diese Nacht.

Es war derselbe Schlaf wie zur ersten Zeit ihrer Ehe, wenn John erst bei Morgengrauen heimkehrte. Ein Schlaf voller Schreckbilder und beseligender Worte – Worte eines fließenden, leuchtenden Wesens, das sie John nannte, und die aufrauschten wie Licht und verstummende Musik.

Am Nachmittag des andern Tages trafen sie in der Schweizer Grenzstadt ein.

Auf den Rat des Hotelportiers mietete Johanna van Maray ein Auto, und der Portier, der Römerbad genau kannte, beschrieb ihr auch die Lage des Hauses oberhalb des Kurortes, dicht an der Straße, auf der sie fahren sollte. Unmöglich, es zu verfehlen. Das Haus war niedrig, langgestreckt und rosa wie Zuckerwerk auf der Kirmes. Vierzig Minuten Fahrt bis dahin.

Gleich nach der Grenze, als das freie Land vor ihr lag, schaute Johanna verwundert um sich.

Noch nie hatte sie einen solchen Himmel gesehn.

Aller Herbst schien von der Erde in die Lüfte versetzt.

Dort oben glühten die rotgelben Buchenwälder und hingen ermattet die Wiesen, die abgeernteten Getreidefelder herab. Dort oben strömten schwefelgelbe Flüsse einen Berg hinauf, der in karminroten und orangegelben Flammen stand und den ganzen Westen verstellte bis hoch in den Himmel.

Von der Ebene sah man nur noch einen schmalen Rand, der, wie ein Riß, einen Ausblick in ein fernes, silbrigblaues Land mit weißen Seen eröffnete. Es war, als ginge die unsichtbare Sonne nicht im Himmel unter, sondern löse sich auf der Oberfläche der Erde auf.

Die Landschaft schwamm in einem schweren, wenig durchsichtigen Farbendunst. Täler und Hügel erstickten. Schon lag das Land reglos versunken. Das menschliche Leben schien ausgelöscht, es war so still, daß Johanna erschrak, als der Wagen in ein Dorf einfuhr und sie plötzlich Menschen und Tiere um sich erblickte. Wie Überlebende einer Naturkatastrophe kamen sie ihr vor. Gleich darauf enthüllte eine Biegung der Straße ihr den südöstlichen Himmel als einen einzigen schwarzen Block, der ehern über die Höhe des Gebirges emporwuchs.

Während noch der Westen weithin in überirdischem Lichte stand, begann es um Johanna zu dunkeln. Der Wald, der sie bald danach aufnahm, leuchtete von stummen Blitzen, dann griff der Arm des Sturmes nach den Bäumen am Straßenrand und drehte sie in den Wipfeln. Der Laut des Donners drang, wie zögernd, an Johannas Ohr.

Auf einmal hatte sie Angst, zu spät zu kommen, John nie mehr zu sehn ...

Die Straße bestand aus lauter Kurven, sie war eng, der Wagen sprang mehr, als daß er fuhr. Und doch hastete er immer wilder. Der Scheinwerfer zeigte kaum Boden in dieser anstürmenden, schwarz und grünlich schwankenden Flut. Es war zu spät, das Verdeck zu schließen. Denn nun drehte sich der ganze Wald um sie in einem Wirbel, der von oben nach unten würgte, und drohte die Straße unter den hin und her peitschenden Bäumen zu begraben. Schlag auf Schlag krachten die Blitze.

Und das Wasser stürzte und ersäufte den Wald. Das bißchen Straße, das der Scheinwerfer aufstöberte, war mit Zweigen und Astsplittern bedeckt. Das Wasser spritzte um sie. O Angst, namenlose Angst! In Garben schlug ihr der Regen ins Gesicht – oder waren es schon die Äste der Bäume? Das Auto rang mit Regen und Wind, die ein einziger Griff waren, es schien zu drehn, immer ein Stück zu drehn, auf dem Boden aufzuschlagen und wieder zu drehn.

Der Chauffeur schrie hinter sich in den Wagen.

Eine weiße Masse stürzte in das Licht des Scheinwerfers, ein Gartentor, und Johanna, die sich, völlig durchnäßt, im langsamer fahrenden Wagen aufstemmte, erblickte ein Haus. Es war lang und niedrig. Scharf umrissen stand es gegen den jäh erhellten Raum eines grenzenlosen Himmels.

Minuten später hielt der Wagen vor dem Hotel Vogesenblick in Römerbad.

Als Johanna auf einem Schild den Namen des Besitzers las: John Muser, empfand sie eine große Freude. Aus geblendetem Grauen brach ein Lächeln. Die erste Frage an den Portier verlangte nach diesem andern John, und Herr Muser, der mit einem Geigenkasten in der Hand um die Ecke des Korridors bog, versprach, auf der Stelle trockenes Zeug zu besorgen.

Frau Muser bemühte sich selbst zu Johanna aufs Zimmer.

»Ich wollte nur schnell nach meinem Mann sehen«, erklärte Johanna, und nach einigem Bedenken nannte sie ihren Namen. »Das heißt«, fügte sie hinzu, als sie das Stutzen der Dame bemerkte, sie wandte sich ab: »das heißt, nach dem Haus oben am Waldrand.«

Sie war errötet, nun wurde sie blaß, angestrengt starrte sie auf den Waschtisch, wo ein Odolglas blaute, und horchte in die fremde Frau hinein, die mehr von John wußte als sie.

»Seit der Abreise Herrn van Marays ist das Haus unbewohnt«, erklärte die Dame. »Wenn Sie wollen, können Sie es morgen besichtigen, wir haben die Schlüssel.«

Und sie fragte, wo John sich jetzt aufhalte.

»Im Ausland«, versetzte Johanna. Darauf beglückwünschte die Dame Johanna zur Beendigung der Symphonie.

»Mein Mann und Herr van Maray haben manchmal zusammen musiziert«, begann sie zu erzählen ...

Johanna fragte auf der Post – John hatte keine Adresse hinterlassen.

Ihre Gewißheit blieb unerschüttert. Sie suchte nicht zu erraten, wo er sein könnte.

Er war frei – wie sie selbst.

Ungehindert, unbeargwöhnt zogen sie beide ihre Kreise durch den Raum. Die Kreise wurden enger.

Schon sahen sie einander ...

In der Dunkelheit stieg sie die Straße, auf der sie gekommen war, hinauf und suchte eine Stelle, wo sie in den Garten des einsamen Hauses gelangen konnte. Sie fand sie an einem Feldweg. Grasüberwachsene Räderspuren führten von der Straße an einer Seite des Gartens entlang. Der Zaun hörte auf, und der Garten verlief in die Wiesen.

Langsam umschritt sie das Haus. Auf der Terrasse verweilte sie.

Zwischen grauschwarzen Wolken, Nachzüglern des Gewitters, rollte ein Vollmond. Von den Sternen waren viele ins Tal gefallen und zuckten wie herabgebrannte Lichter, erloschen nicht.

Zum erstenmal seit langer Zeit unterhielt Johanna sich wieder mit John ohne Zorn, ohne Reue.

Sie glaubte sogar: ohne Liebe ... So tief beruhigt klopfte ihr Herz. Sie brauchte sich nicht zu schämen. Ihre Rede war still und vernünftig.

Mein Freund, sagte sie zu ihm: mein geliebter Freund.

Als stände er dort im Schatten des Baumes und hörte ihr zu, so sprach sie zu ihm.

Allmählich wurde sie sogar vergnügt.

Wie willst du deinen Schatten fliehn! – sagte sie. Schau', so dumm ist kein Baum. Wenn der Wind den Baum schüttelt, macht der Schatten einen Seitensprung und kehrt wieder an seinen Platz zurück. Was willst du, so ist es! Ich kann es nicht ändern. Mir scheint, du mußt dich daraufgefaßt machen, John: eines Nachts, wenn in unserm Garten am See der Mond scheint, und du drehst dich um, bin ich auf einmal wieder da und rühre dich an, ohne mich zu bewegen. Ja, darauf mußt du dich gefaßt machen, John ...

Eine Quadrille von Sternen nach der andern rückte hinter den abziehenden Wolken hervor. Die Lichter des Tales hörten auf zu zucken und brannten wie unter einer Glasglocke. Im Garten die Blumen enthüllten leise ihr Gesicht: die wolkigen Sternastern, die hohen steifen belgischen Astern, die Chrysanthemen ... In der Luft gab es einen Ruck, der Mond rollte ins Freie.

Als Johanna nach Basel zurückfuhr, lag er schon auf dem Kamm der Vogesen.

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