Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > René Schickele >

Symphonie für Jazz

René Schickele: Symphonie für Jazz - Kapitel 18
Quellenangabe
pfad/schickel/jazz/jazz.xml
typefiction
authorRené Schickele
titleSymphonie für Jazz
year1963
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101011
projectided010064
Schließen

Navigation:

17

Der Regen ging wie eine Mühle, die Traufe schlug im rauhen, kurzpulsigen Takt eines Motors.

Raduwalu. Raduwalu.

Manchmal schwoll das Rauschen des Regens an, und man vernahm das hellere Rascheln von Laub, sogar den Flug der Wassertropfen von den Bäumen.

Einen Augenblick lag die Nacht in einer andern Tonart.

Dann begann es von vorn.

Raduwalu. Raduwalu.

Tagelang, nächtelang.

Ursel hatte sich in einem Hotel am Marktplatz von Bouval einquartiert. Frau Arabou erfuhr es durch das Dienstmädchen.

Ursel zeigte sich nie und schrieb auch nicht mehr. Arabou wollte von mir erfahren, was das für eine Strategie sei.

Erst wußte ich ihm nicht zu antworten, bis mich eines Abends, als ich geistig übermüdet war, ein heißes Verlangen nach Ursel überkam. Im Schlaf stürzte ich von einem Liebestraum in den andern, und alle handelten von ihr.

Bald danach fand ich mich nachts vor ihrem Hotel, entschlossen, zu ihr zu dringen. Ein einziges Fenster war erleuchtet, ich pfiff eine Melodie, die sie liebte.

Das Fenster öffnete sich.

Stumm blickte ich hinauf.

Sie lehnte sich hinunter.

Ich war tropfnaß.

In zwei Minuten schlug ich eine Schlacht gegen alle meine Sinne, hauptsächlich aber gegen Ursels Stimme, wie sie in der Umarmung klang – und gewann.

»Gute Nacht, mein Ursch«, sagte ich.

Sie antwortete ungewöhnlich sanft:

»Gute Nacht, John.«

Sie wartete eine Weile.

Raduwalu. Raduwalu.

Sie sah mich gehn und schloß das Fenster.

Ich konnte nicht in Bouval bleiben.

Da erhielt Arabou den Besuch eines elsässischen Barons, der bei ihm einen Brunnen für den Hof seines Schlosses bestellte. Ich kannte das Schloß und den Hof, dem Namen nach auch den Baron. Es war ein kluger, höflicher Mann, der in seinem Äußern an den Komponisten Schubert erinnerte, hauptsächlich wohl wegen seiner Bartkoteletten. Als er einer Bemerkung von mir entnahm, daß ich einen Wohnungswechsel plante, über die Wahl des neuen Aufenthalts aber im unklaren schwebte, bot er mir sein Landhaus im südlichen Schwarzwald an und ruhte nicht eher mit Schilderungen der landschaftlichen Schönheit, der Ruhe und Verschwiegenheit, die den Besitz umgaben, bis ich einwilligte, einige Wochen dort zu verbringen.

Das Haus lag, eine knappe Autostunde von Basel entfernt, am Rande des Hochwaldes, oberhalb des Kurortes Römerbad.

Bei seiner Abreise versprach der Baron, die Wohnung gleich für mich vorbereiten zu lassen.

Eine Woche später benachrichtigte mich ein Telegramm, das Haus am Waldrand erwarte mich, und ich nahm Abschied von Bouval.

»Wenn ich im Herbst zu meiner Berliner Ausstellung fahre, besuche ich Sie«, versprach Arabou. »Sie müssen mir nämlich einschärfen, wie man sich in Berlin benimmt.«

Wir umarmten uns, wir küßten uns auf beide Wangen. Er lief noch einmal ins Haus, kam mit dem Bronzeköpfchen meines Lieblings Jeannette zurück und steckte es mir in die Rocktasche. Als Jeannette dies sah, begann sie zu weinen, krampfhaft und schamvoll wie eine Frau. Die Kinder begleiteten mich bis zum Wagen, der mich nach Paris bringen sollte. Die lauteste Klage führte der Säugling auf Madame Arabous Arm.

Und jetzt ist die große Arbeit fertig.

Im südlichen Schwarzwald, oberhalb Römerbads, habe ich sie zu Ende geführt.

Ich bin müde, und nachts im Traum schreibe ich weiter, immer weiter, der ununterbrochene Fluß der Rhythmen schwemmt mich wie ein Wrack an den Tag.

Kein einziger Vogel findet ein neues Lied. Immer macht die Goldammer: Tschatschatschatschih, über die Wiesen von Wald zu Wald. Immer schlägt die Mönchsgrasmücke an: Taktaktaktak-fiieh-je, dann vergeht ihr die Lust am Singen.

Ich werde schwermütig.

Seit Tagen rauscht der Wald im gleichen Ton, der gravitätisch die Backen vollbläst, um sie darauf unendlich langsam abzulassen – es langweilt ihn, scheint's, nicht. Bäbä tu, bäbä tu. Tut! bäbä. Tut! bäbä ... Mich macht es rasend. Was tun? Wohin?

Ich spüre einen Heißhunger auf Menschen, auf dummes Geschwätz und illustrierte Zeitungen. Ich will im Speisesaal eines Hotels sitzen, leicht betäubt von altem Burgunder und einer Jazzmusik, die nicht spricht wie ich.

Ein Auto. In die Stadt.

Wir fahren.

Die Sonne neigt sich, wir dehnen die Schleife des großen Kranzes, den wir vor ihr niederlegen, und steigen zu einem kleinen Paß zwischen Wald und Reben.

Da liegt der Tag zur Bleiche auf den Wiesen. Sowie die Sonne über den Berg kommt, hängt sie sich hier ein und kreist, an der Goldschnur, über Mittag zum Abend.

Jenseits schweben wir an einem Wald- und Wiesenhang nieder, im Schatten zwar, doch zur Rechten vom Leuchten eines Rebhügels begleitet, der mit tausend blitzenden Pfählen den Himmel spießt.

Der Kirchturm, der uns entgegenkommt, stolzer Hahn an der Spitze seiner Hennen, kommandiert ein Weindorf, und mit einem Luftsprung saust die Straße mitten unter die Reben. Hinter ihr her fliegen wir, schwingen, wiegen uns durch die Reben. Durch die Reben, weithin auf tausend schimmernden Pfählen, harft Sonne.

Auf einmal fängt die Rheinebene uns auf, drückt uns, verflacht uns, in einer Minute, breitet uns aus, so weit unser Blick reicht. Wir rollen in ihr, mit ihr dahin. Die blauen Berge wogen. Der badische Belchen trägt ein Schneekäppchen. So ein Käppchen trägt sonst nur noch der Papst.

Weit weg in den Feldern taucht ein schwarzes Bretterhaus auf, irgendein Schuppen mit vielen Fenstern. Gleich danach ist er scheinbar verschwunden, an seiner Stelle brodelt die Sonne, als käme sie kochend aus der Erde. Dann sehn wir wieder das schwarze Bretterhaus und, Kopf geradeaus, eine Burgruine genau auf der Spitze eines kegelrunden Rebbergs.

Rund und steif in ihrem Krinolinenkleid von Reben wartet die Ruine am Ende der Straße. Der Abendschein rötet die alte Kokette, und in Erwartung einer Aufforderung zum Tanz lächelt sie ins Land ihrer Jugend. Vorbei.

Wir lassen uns auslaufen, wenden schroff und fahren gegen die Berge. In einer Bodenfalte duckt sich ein Dorf, zahmer Vogel in einem aufgeklappten Paar Hände, flaumig, behütet. Am Fenster des viereckigen Schlosses erscheint eine weiße Frauengestalt, die Spitzen ihres rostbraunen Haares schimmern spritzig in der Sonne. Sie hebt beide Arme und winkt. Das Rote, das sie in der Hand hält und woraus jetzt eine dunkle Lohe schlägt, ist ein Buch.

Die Frau glich Johanna. Johannas Haar wirft kupferrote Spritzer, wenn sie die Mähne an der Sonne schüttelt.

Als ich Johanna damals zur Bahn brachte, hielt sie ein rotgebundenes Buch in der Hand ...

Vorbei.

Im nächsten Dorf scheinen alle Hühner auf der Straße versammelt, um frische Abendluft zu schöpfen, da prasseln wir ungeheuerlich hinein. Die Gassen fliegen auf, alle Gassen in einer einzigen Panik, und mit ihnen die Hecken, Zäune, Treppen und Höfe. Von diesem Dorf bekommen wir nichts Festes zu sehn.

Ein Wald schneit vom Himmel, aus Blau wird Grün, die Straße spielt einen Hang hinauf, einen andern hinab, wir schnurren und lachen durch ein Waldtälchen, das heißt Hexental. Einmal, als ein winziger Bach unverhofft an den Wagen heranhupft, machen wir halt, um zugleich mit seiner Frische einen großen Strauß Vogelbeeren entgegenzunehmen. In der Stille mißt ein Vogel mit zwei immer gleichen Rufen die Breite des Tales, vom Baum, auf dem er sitzt, bis zum Steinbruch, wo sein Ruf anstößt. Er mißt immer zu weit! Abseits davon sind andre Vögel, die lassen sich an einem Faden Melodie ernsthaft in den Schlaf hinab. Weiter.

Vor uns hebt sich ein viereckiges Stück Luft, grau und schmierig wie eine schlecht abgewischte Schultafel. Die Stadt, eine der hübschesten von allen, so beginnt sie. Vermutlich um uns Bauern das Gruseln zu lehren! Seit meiner Studienzeit habe ich sie nicht mehr gesehn.

Nein, wie eine Großstadt die Leute empfängt, die nicht im Schlafwagen eintreffen! Die ersten Häuser entwürdigen Himmel und Erde und uns, die wir dorther kommen.

Allmählich erkenne ich sie wieder. Ein Vorgarten, ganz voller Dahlien und Staudenastern, wir sind im Villenviertel. Propre Häuser im wilhelminischen Kleinstil, stramm in zwei Reihen aufgerichtet. Sicher wohnen hier die pensionierten Offiziere.

Pflasterstraßen, gemauerte Bächlein schießen am Gehweg entlang, heimlich schon voll Nacht: die Altstadt. Langsam fahren wir zwischen edlen Bürgerhäusern aus der vorletzten guten Zeit, den Häusern von Prälaten und Domherren und kinderreichen Familien, die zwei Jahrhunderte im Schatten des Münsters gediehen.

Erst scheinen sie unbewohnt, kalt und abgekehrt, wie sie dastehn. Dann merkt man an einem gewissen verhaltenen Ausdruck: sie sind bewohnt, nur nicht mehr von den richtigen Leuten, und halten es möglichst geheim, zu welch vornehmen Familien sie gehören – auf den niedergeschlagenen Augenlidern sitzt ein Glanzlicht Stolz, ein Fettfleck Scham. Dunkle Geschichte, wie jene Familien alle aus ihren Straßen verschwanden!!

Eine gedrungen in sich zurückfallende Fontäne, sprudelt das Münster im Abendlicht. Der rote Schein liegt auf dem Platz wie übergelaufenes Wasser. Kein Mensch weit und breit. Es braucht keine Gaffer vor seinen Toren, um die Leuchte seines Landes zu sein, die geistliche Poststation am Rhein zwischen Basel und Straßburg. Rings von den Bergen, weither in der Ebene sieht man es jetzt leuchten, und als wäre es sich seiner weittragenden Bedeutung bewußt, ragt es gesammelt, den leeren Raum an seine Quadern gerafft, um mächtiger zu tönen.

Auch das Innere ist leer. Die alten Glasfenster verzehren sich in ihrer Glut, als wären sie ein lebendiges Farbenwerk und hülfen mit, die strahlende Energie der Steinmasse in der Höhe zu speisen. Alles andre, Altargemälde, Bilder, Gold, Kupfer und Silber, Kanzel und Kreuz, schwimmt sinnlos im Dunkel, weil die Menschen fehlen, für die sie da sind. Nur noch der rote Tropfen des Ewigen Lichtes vor dem Chor hat eine Beziehung zum feurigen Werk der Stunde. Reglos verwahrt es das Geheimnis vom leuchtenden Blut.

Ich schlendere durch die Straßen. Dorther grüßt mit Schwung ein grüner Hügel, dorther ein Wald, ein Berg, von überall guckt der Schwarzwald in die Stadt. Es wimmelt von Leuten. Sieghaft bummeln Studenten, die wollen Frankreich oder sonst was schlagen. Der Ausdruck der unfertigen, satten Gesichter ist der von Babys, ihr Gang wechselt dauernd zwischen Tanzdiele und Kapitol, und zwei oder drei sind ihren schönen Müttern, die ich auf diese Weise kennenlerne, sichtlich aus dem Gesicht geschnitten ...

Merkwürdig, die Mädels schauen sie nicht anders an als jene, die dicke Hälse drehn, als wollten sie krähn, nein, sie übersehn sie schier gar, halten es unverkennbar mit den saftigen Babys. Vielleicht, weil sie jetzt darauf aus sind zu lachen?

Auf einmal sind die Gassen leer, es dunkelt. Die Hügel, der Wald, der Berg zwischen den Häusern setzen Lichtbrillen auf, um auch im Dunkel in die Stadt hineinzusehn. Durch den gewesenen Tag zieht alle paar Minuten die Elektrische einen Strich, der keine Spur hinterläßt. Deshalb muß sie immer wieder von vorn anfangen. In den gemauerten Bächlein, die jetzt allein die Gassen beleben, suche ich nach den ersten Sternen, kann keinen einzigen finden.

Hinter dem Martinstor traf ich den Depsich! Den Depsich, den käsebleichen Depsich aus dem Pommerschen oder von sonstwo dort oben. Hinter dem Martinstor traf ich den Depsich.

Er war es, der mich ansprach, ich hätte ihn nicht erkannt. Dick und braungebrannt kam er daher und glich in nichts dem Staatsanwalt meiner Träume.

Was suchte er hier?

Beim Rückzug aus dem Elsaß, erfuhr ich, hat die Familie Depsich gleich in Freiburg wieder Fuß gefaßt, so blieb sie dem köstlichen Süden verhaftet.

Mein Depsich spricht badisch und macht den Eindruck, alles in allem, eines tüchtigen, zuverlässigen, gutmütigen Mannes. Er gehört zum höheren Postdienst.

Verheiratet?

Vier Kinder.

Sicher werden die in den allerhöchsten Postdienst klettern, oder noch höher, weit über die Reichspost hinaus! Ich wünsche es ihm. Die Republik, sage ich, steckt jedem Deutschen ein Bürgerzepter zwischen die Windeln. Depsich zuckt die Achsel. Nanu? Depsich ist Monarchist. Wahrscheinlich denkt er sich: Wenn Wilhelm noch regierte, wäre ich schon Postminister. Im Nebenberuf schreibt er über die Fortschritte im Radiowesen.

Und wie ich das höre, erhellt sich die Insel des Dunkels im Land meiner Jugend!

So war es also der Neid des erwachenden Schriftstellers, der ihn damals trieb, mich wegen des Gedichts im Guten Kameraden zu denunzieren, nachdem er mich vorher irrtümlich als Dichter hatte feiern lassen! Nun hat er es also erreicht. Er schreibt über die Fortschritte im Radiowesen. Wie bin ich stolz, ihn immer wieder zu begrüßen, ohne mich fürchten zu müssen, ich halte die leibliche Hand meines Schreckgespenstes umklammert.

»Haust du deine Jungens?« frage ich, noch etwas mißtrauisch.

»Ich bin froh, wenn sie mich nicht verhauen«, antwortet er. Ein großartiger Kerl.

Bald aber schaut er sinnend an mir vorbei zum Martinstor, nachdenklich schaue ich über seine Schulter in die Richtung der Basler Straße, auf der ich heimkehren werde. Bäbä, tu. Bäbä, tut. Tut! bä –. Ich entdecke die ersten Sterne! Nicht im Freiburger Pflaster, doch am Himmel. »Was tun?« frage ich ihn. »Wohin?«

Er beichtet stockend, als Eingeborener wisse er nicht recht, wo man abends hingehe, abends sitze er halt am Radio, doch solle es eine Fülle von Unterhaltungen geben. Wenn ich nebenan im Hotel den Portier fragte, der schickte mich gern an eine Abendkasse in der gewünschten Preislage.

Eine Weile noch stehn wir stumm beisammen, als hielten wir uns gemeinsam in Gedanken über die Eitelkeit alles Irdischen versenkt. Dann verabschieden wir uns – in der Hoffnung, in der abgründig verlogenen Hoffnung, uns wiederzusehn.

Von der Musik verstehe er leider nichts, hat er mir gestanden, und ich verstehe leider nichts vom höheren Postdienst. Ich sage mir, ich bekräftige es mir: jetzt hat das Schicksal uns endgültig geschieden – er versteht leider nichts von der Musik, leider verstehe ich nichts vom höheren Postdienst, nun haben wir voreinander Ruhe: bis in das Grab! Lebe wohl, Depsich, guter Depsich, lebe wohl ...

Aus dem Essen im Hotel wird eine strahlende Leichenfeier, der Festschmaus des Kannibalen. Ich habe den alten Depsich erschlagen! Ich futtere Stück um Stück die Erinnerung an den furchtbaren Schulkameraden.

Der Burgunder zaubert einen Streifen blutigen Abendrots auf das Tischtuch.

Dazu macht das Jodeln der Nigger in der Jazzband die rechte Musik.

Nachher in der Halle stille ich ungestört meine Sehnsucht nach Menschen, indem ich in illustrierten Blättern durch die Welt spaziere, wo sie am reichsten, vergnügtesten und furchtbar elegant ist.

Ha! Ein unvergeßlicher Abend. Ich werde ihn zum Feiertag erheben. Jedes Jahr seine Wiederkehr festlich begehn. Die Heimfahrt geschah unter den flatternden Fahnen des Windes. Alle Autos auf der Rheinstraße bliesen Salut.

Seitdem träume ich von weiblichen Pyjamas, Rennwagen, Fliegern, grinsenden Golfspielern, den reichsten Männern, den schönsten Frauen der Welt, und alle lächeln, lächeln mich unermüdlich an.

Mein Erwachen morgens zeichnet sich durch einen koketten Übermut aus, der mir bisher fremd war. Gewissermaßen schwimmt mir seidig ein Schuß Champagner im Blut. Eine von Smaragden und Rubinen funkelnde Traumhand muß ihn mir kredenzt haben – nehme ich an.

Die Bäume des Waldrands aber üben unter dem an- und abschwellenden Wind unendlich lässige Posen, als führten sie mir, dem jungen Herrn, dem eleganten Herrn, von dem niemand sonst weiß, mir, mir allein die neuesten Kostüme des Modehauses Zephir und Diana vor.

Jeden Morgen trete ich gespannt in den Garten und schaue, was man heute trägt. Damit gehe ich dann bis zum Abend spazieren.

Ich erhole mich prachtvoll. Die Vögel sind so gut gelaunt wie noch nie. Was meine eigene Sprache war, ist völlig vergessen, und auch in der Sprache der andern kenne ich mich nicht mehr aus. Beim ersten Rotkehlchen, das ich wieder hörte, schwor ich, es sei die Nachtigall. In jedem Kurgast erkenne ich eine Berühmtheit, eine Eleganz, ein Riesenvermögen aus der Illustrierten.

Als ich aber heute, während ein Bussard über mir kreiste und ich sinnend in die Ebene schaute, plötzlich feststellte, die Schleife des Rheins erinnere an den Neumond von Falschheit in Depsichs Blick, an das trübe Blinken in seinen Augenwinkeln, da wandelte mich unversehens wieder Schwermut an.

Schnell drehte ich aus Efeu, den ich vom nächsten Baum riß, einen Strick und hängte sie darin auf.

Und wie sie am Aste baumelte, war es ein Eichhörnchen mit dem verkleinerten Gesicht des heutigen Depsich. Er schaukelte sich in seinem Reifen und stieß unangenehme, doch harmlose Pfiffe aus, wie man sie infolge des zögernden Fortschritts leider noch immer im Radio vernimmt.

Nach soviel glückhaften Ereignissen wäre ich gern länger im Schwarzwald geblieben.

Ich fand sogar Gesellschaft in meinem Vornamensvetter John Muser, dem musikalischen Besitzer des Hotels Vogesenblick in Römerbad.

Abends, auf dem Heimweg von Römerbad, ›pfiff‹ ich manchmal Johanna, wie wir uns zu ›pfeifen‹ pflegten, mit der ersten Liedzeile: »O schöne Fahrt, so leicht wie Wind« –

Sie pfeift es vorzüglich. Besser als ich, der Komponist.

Ich suchte mir einen schönen großen Baum aus, in dem sie sich vielleicht versteckt hielt, und pfiff. Und dann wartete ich, ob sich etwas im Baum rühre. Ein einziges Mal antwortete ein Käuzchen. Ich hob einen Stein und warf. Ein Stück Dunkelheit flatterte davon. Dann kam der Brief, der mich vertrieb.

Ja, ein stumpfer, nichtsnutziger Brief genügte, meine Gemütsruhe in einer Windhose auffliegen zu lassen.

Also ist mein Gleichgewicht noch nicht beständig genug.

Ich bin noch nicht ›rangiert‹,wie die alten Maray sagten, wenn sie von der wohltätigen Wirkung des Koloniallebens sprachen.

Der junge Maray ist noch nicht solid genug, die Kolonien zu verlassen, noch nicht reif für Europens Tüchtigkeit, die Kolonien aber, das ist für ihn: einsam sein, und dies wieder: ohne Johanna sein, eine Krankheit. Ich habe sie mir nicht selbst geholt. Von Anbeginn waren es die Frauen, die das Glück der Maray machten. Eine Familienschwäche – nichts vererbt sich so leicht. Meine Mutter, eine harte Lothringerin, pflegte meinen Vater aufzumuntern:

»Ihr Maray seid wie die Farbigen, ihr braucht Weiber, die für euch arbeiten.«

Soviel ich mich erinnere, hat sie selbst nur am Klavier und in der Kirche gearbeitet. Sie war eine strenge Frau und verachtete das Leben mit der Glut eines spanischen Mönches. Hinter dem feurigen Vorhang ihres Pathos verstand sie listig die Karten zu mischen für ihr tägliches Spiel. Sie hatte leidenschaftliche Freundschaften, mit Priestern und meist älteren Damen, Freundschaften von kurzer Dauer, und schließlich blieb sie allein, ein Mimosenbaum, der beim geringsten Windstoß ein Heer von Wespen entsendet.

Warum denke ich in der letzten Zeit soviel an sie?

»Du bist ein Maray bis ins Mark«, sagte sie oft. »Du hast nichts von deiner Mutter – mit Ausnahme der Haarfarbe, und auch die ist zu hell.«

Habe ich wirklich nichts von ihr? Manchmal erschrecke ich vor meiner kriegerischen Empfindlichkeit, ich mache mir auch nicht viel aus den Menschen. Wer weiß? Vielleicht bleibe auch ich eines Tages allein? Wenn ich denke, daß ich einmal ohne Asver nicht sein konnte – und jetzt schlägt mich ein Brief von ihm, die leere Drohung mit seinem Besuch in die Flucht!

Kaum war die Depsich-Panik verschwunden, ich überlegte schon, ob ich nicht doch an Johanna schreiben sollte, da erreichte mich dieser Brief und warf mir eine Wolke von Berliner Jazz ins Gesicht. Asver warnte mich, »noch länger untätig zuzusehn, wie Johanna an allerhand Spalieren von Kapitalistenhäusern herumturne, was zweifellos mit Hals- und Beinbruch, wenn nicht für Johanna, so für John, enden müsse«, und zum Schluß wurde der Sohn eines Staatsanwalts und Revolutionär sentimental. Er schrieb, er könne weinen beim Gedanken, daß aus Johanna van Maray, die noch nie einer Fliege ein Leids getan, die Frau des Massenmörders Deutermann werden sollte, wovon allenthalben in Berlin die Rede gehe. Nachschrift: »Telegraphiere, wann und wo du mich erwartest. Sofort nach ausgesprochener Scheidung soll die Verlobung mit Deutermann bekanntgegeben werden.«

Gewiß doch. In ein und demselben Inserat!

So intrigiert ein Mann, der immer Moskaus Manöver zu plump findet ...

Doch die Wendung vom Herumturnen in den Spalieren von Kapitalistenhäusern, die gefiel mir, die merkte ich mir.

Wie seltsam: Johanna und ich wissen alles voneinander und nichts. Habe ich sie je verlassen wollen? Denkt sie ernstlich an Scheidung?

Ich muß sagen, wir treiben es weit in unserm Trotz – oder was es sonst sein mag, weshalb wir es treiben lassen.

Um Rechthaberei geht es bei uns nicht, wenn wir auch gelegentlich für uns auftrumpfen: »Ich war es nicht, der die Beziehungen abbrach«, und was solch schneidiges Kleinbürgergerede sonst.

Wir hätten uns ja beieinander erkundigen können, wie das eine oder andre gemeint sei. Schon bei unsrer Trennung an der Station waren wir aber des finstern, wahrhaft: finstern Willens, dies nicht zu tun, was auch geschähe, und daß etwas geschähe, erwarteten wir beide, wahrscheinlich freuten wir uns, Kerle wie wir, es endlich einmal darauf ankommen zu lassen.

Worauf wußten wir nicht genau.

Darauf sollte es eben ankommen.

Hätte etwa eins von uns geäußert: »Wollen sehn, wie wir uns ohne den andern durchs Leben schlagen«, auf der Stelle hätten beide diesen einen schallend ausgelacht. Gescheite Leute wissen, daß niemand unentbehrlich ist, nicht einmal der Kaiser, nicht einmal der liebe Gott. Beide werden heute in lückenloser Ablösung durch die Sportsleute ersetzt. Gestern waren's die Filmstars. Nein, so töricht sind wir nicht. Unsre Frage ans Schicksal ging dunkel, aber heftig. Wahrscheinlich wird die Antwort gerade so ausfallen.

Ich lege keinen Wert auf Klarheit, ich nicht. Nur nicht in diesen verdammten Monaten herumstochern – wünsche ich mir. Mag sie die Scheidung aussprechen lassen! Mag sie sich mit dem Massenmörder von Kaliaktionären verloben! Mag sie ihn heiraten!

In der Hochzeitsnacht brennt sie durch.

Oder ich hole sie mit bewaffneter Hand aus dem vernickelten Instrumentenmagazin im Berliner Tiergartenviertel.

Die Schwierigkeit ist nur: ich geniere mich ein wenig vor ihr. Ein wenig sehe ich mich selbst als klugen Pudel vor der Löwin. Erst muß ich noch ein wenig wachsen. Wenigstens muß ich erst ein wenig brüllen lernen, nicht gerade wie ein ausgewachsenes Tier, aber doch saftig das Maul reißen wie ein Löwenjunges. Koffer gepackt und los!

Bäbä, tu. Bäbä, tut. Mi! au.

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.