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Symphonie für Jazz

René Schickele: Symphonie für Jazz - Kapitel 17
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typefiction
authorRené Schickele
titleSymphonie für Jazz
year1963
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
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16

»Aber auch Berlin ist herrlich«, versicherte Kommer – »moderner, das heißt: präziser ... stählern, exakt ... besser geschmiert und mit mehr Luft im Maschinenhaus. Ich jedenfalls fühle mich sicherer hier.«

Kakadus Pariser Reise wurde im kleinen Kreis besprochen. Man saß im Sommerzimmer des Hauses Rauchstraße 4. Durch die offene Tür schaute Josephus auf die kauernde Steinfrau des Brunnens, die der Abendschein mit einer zarten rosa Haut überzog. Klipklap klapklipklap ging das Plätschern des Wassers.

Lächelnd strich Josephus den assyrischen Stutzbart.

Auf Kakadus Gesicht, vom mächtigen Kinn bis zur unteren Einfassung der Hornbrille, lag der farbige Atem des Lichtes und entrückte den Nüchternheitstollen ein wenig ins Märchen. Er befand sich auf dem Weg zum ersten Empfang des Reichspräsidenten, im Frack und, wie er kurz andeutete, auch innerlich geschmückt mit politischen Neuigkeiten aus Paris.

Er hatte den Minister Briand gesehn! Dies bedeutete heute dasselbe, wie während des Krieges dem General Ludendorff gegenübergestanden zu haben.

»Und John van Maray?« fragte Ruth.

»Kurz gesagt –«

Kakadu hatte John van Maray nicht gefunden.

Dafür hatte die Sängerin Ursel Bruhn ihm versichert, John halte sich in einem Pariser Vorort verborgen und arbeite, und mehr könne selbst sie nicht herausfinden.

Ein von ihm erwähntes Gerücht, wonach jener Ort Bouval heiße und John dort bei dem Bildhauer Felix Arabou wohne, erledigte die Sängerin mit einem Gelächter.

»Sie lachte wie euer Glockenspiel in Buskow, wenn ich ihm einen Fußtritt versetzen würde«, behauptete Kommer.

Trotzdem hatte sich der Kundschafter auf den Weg nach Bouval gemacht und war, nach einiger Mühe, von der Frau des abwesenden Künstlers empfangen worden, ›einer dicklichen Köchin in Pantinen‹, nach Kakadus Worten.

»Wohnt nicht Herr John van Maray bei Ihnen?« hatte er gefragt, worauf die Frau bis in die Stirn errötet war und die Achseln gezuckt hatte – entrüstet über die Zumutung, daß sie in Abwesenheit des Gatten einen fremden Mann beherberge, vermutete Kommer. »So sind sie da drüben!«

Und: »Johanna muß überredet werden, die Scheidungsklage Zurückzunehmen«, schloß er seine Erzählung.

Ruth Samtaug seufzte.

»Man darf ja nicht mal Johns Namen erwähnen.«

»Dann, Josephus, gibt es nur eins. Der Anwalt hat die Sache hinauszuzögern.«

»Geht nicht. John hat seine Einwilligung geschickt.«

Kakadu schnellte den schweren Körper in die Höhe.

»Wann?«

»Vor ein paar Tagen.«

»Woher?«

»Aus Bouval.«

Kakadu fiel in den Sessel zurück.

Lächelnd strich Josephus den assyrischen Stutzbart.

Ruth nickte, und ihre Züge malten die Verzweiflung, die sie verschwieg.

»Wie steht's mit dem Generaldirektor?« schrie Kommer.

»Verschoben. Johanna hat sich Bedenkzeit ausgebeten. Obgleich dies heute nicht mehr üblich ist, wo man bereits den zweiten Mann fest im Auge hat, wenn man sich mit dem ersten verlobt. Deutermann wartet in einem englischen Bad. Natürlich schreibt Johanna weder Ja noch Nein, sie schreibt überhaupt nicht – ich denke mir: aus Gerechtigkeit gegen John, dem sie auch nicht geschrieben hat.«

Sofort war Kommer beruhigt. Über die Achsel:

»Und Boß?«

»Aus den Ferien, die ich ihm gestiftet hatte, mit einer älteren Holländerin auf Reisen gegangen – plötzlich, und unter Verzicht auf weitere Zuwendungen ...«

»Pfui Teufel«, jubelte Kommer. »Aber ...« Er blickte nachdenklich von Josephus auf Ruth, von Ruth auf Josephus:

»Mit was für einem Mann ist sie dann?«

Ruth verbesserte: »Sie meinen wohl – ist sie in Buskow?«

»Mit Asver«, sagte Josephus.

»Wir lassen sie absichtlich allein«, bemerkte Ruth.

»Mit Asver. Soso ... Ausgezeichnet! Übrigens, finden Sie nicht auch: man sollte meinen, es gäbe keine Männer mehr, wenn eine Frau wie Johanna zu so was greift?«

»Revolutionärer Zeitvertreib«, meinte Josephus, lächelnd strich er den Stutzbart.

Ruth mischte schnell ein Schlückchen Ernst, ein Schlückchen Spott:

»Sie interessiert sich doch für Politik!«

»Johanna? Seit wann?«

»Seitdem Asver ihr seinen Hühnerhof gezeigt hat.«

Kakadu prustete ein Lachen, als habe er eine Hornisse verschluckt, Ruth aber konnte soviel Schadenfreude und sich selbst im Spiegel ihres Triumphes nicht ertragen.

»War ich boshaft gegen meine liebste Freundin, oder sind Sie's?« gluckste sie, dann hüpfte sie mit kurzen Schritten davon und ließ sich in ihrem Zimmer mit der Mamsell in Buskow verbinden, um nach dem Rechten zu hören.

Lächelnd strich Josephus den assyrischen Stutzbart.

Kurt Kommer fuhr zum Empfang beim Reichspräsidenten ...

Die Roßkastanien auf der Terrasse von Buskow warfen stachlige Bälle ab, sie knallten auf den Boden, und aus der gesprungenen Schale rollte braunglänzend die Frucht.

Asver setzte die Lesebrille auf und betrachtete das Wunder.

Johanna wollte ihn lehren, aus den Früchten Pfeifenköpfe, Schiffchen, kleine Negerfiguren zu schneiden, sie suchte eine unpolitische Beschäftigung für ihn, ›Ferienarbeit‹, ein lustiges Spiel nach der Reichstagsschlacht, in der Asver von seinen früheren Parteigenossen geschlagen worden war, während der Demokrat Kommer die Tür zur Macht erreicht hatte.

Leider eignete sich Asver wenig zum Schüler, auch war er nicht leicht abzulenken, und hätte er selbst alle vier Glieder in der Schlacht verloren, er mußte ›sagen, was ist‹. Und dies war nicht wenig, so wie in den letzten Jahrzehnten die Fülle des Irdischen wuchs und die Menschheit erhöhte.

»Asver, ich habe Samtaug gebeten, Sie nach Buskow einzuladen, ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind. Sie waren so gütig, nicht nach dem Grund zu fragen – so hält es nur gute Kameradschaft, und dafür danke ich besonders. Jetzt aber will ich Ihnen beichten: ich brauchte Sie, Asver. Ich suche einen Führer. Ruth hat versprochen, mich hier draußen allein zu lassen, und ich kann doch nicht allein sein. In meinem Innern spielt sich eine Miniaturrevolution ab.«

»Die Miniaturrevolution der armen Gouvernante?«

»Ungefähr so.«

»Und Sie langweilen sich in Gottes herrlicher Natur?«

»Langeweile? Kaum. Ich bin mit meinen Gedanken beschäftigt und weiß nicht, was anfangen mit meinen Augen und Ohren. Und Augen und Ohren wollen doch auch beschäftigt sein.«

»Werde Ihnen nach besten Kräften dienen, Frau Johanna.«

Asver gab sich zutraulich und harmlos, und sie verbrachten eine freundschaftliche Flitterwoche. Alles an ihm dünkte sie neu. Man kann sich jahrelang kennen und sich in all den Jahren nicht so kennenlernen wie an einem einzigen Tag ungestörten Beisammenseins. Und sie dachte: neben ihm, was sind die andern alle für Schemen!

Da eine Regenzeit einsetzte, blieben sie im Haus, er las ihr aus politischen Schriften vor, die sie in Samtaugs Bücherschrank fanden, und gab hundertmal soviel Erklärungen dazu. Sie bewunderte seinen Geist. Sie fühlte seine Stärke. Wäre John dagewesen, sie hätte sich in Asver blindlings verliebt.

Oft erschien ihr die Zukunft als der Himmel auf Erden, zu dem der Mensch, ein rasender Gott, den Weg aus dem Urwald der Unwissenheit hieb, und das Wort Revolution glänzte von Morgensonne. Dann wieder verwandelte sich das Reich der Empörung in einen Alptraum. Unter wohlklingenden Reden wurden Wortgötzen Haufen von Menschenopfern gebracht, und über den Idolen, die lauter Begriffe waren, stand als höchstes ein Messer, von dem floß warmes Blut, und es hieß die Sonne der Befreiung.

»Ich kann die Grausamkeit nicht ertragen«, rief Johanna und sah Asver scharf an.

»Sie werden sie lernen oder untergehn, Frau Johanna. Grausamkeit ist die Triebfeder des Lebens.«

Und vergnügt erinnerte er an den französischen Staatsmann Clemenceau, der die Revolution einen ›Block‹ genannt hatte, den man im ganzen annehmen oder verwerfen müsse, an dem sich aber nicht kritteln lasse.

Sie klatschte vor Freude in die Hände, als eines Morgens der blaue Himmel wiedergekehrt war, und zog Asver mit sich ins Freie. Durch die Lektüre und das endlose politische Gespräch ermüdet, aufgewühlt auch und etwas mißtrauisch geworden, weil er anfing, gegen Deutermann zu reden, wollte sie ihn mit Tieren und Blumen, mit Spielen und Wanderungen für die Unterbrechung des Letzten Gerichts entschädigen. Er nannte es Abfall, Interessenlosigkeit, ja, es fiel das Wort Schwachsinn, er setzte ihr zu.

Fast plötzlich änderte er den Ton, die Haltung, als sei der Aufmarsch seiner Truppen beendet und der Augenblick zum Angriff gekommen, oder er verabscheute auch nur ihre gute Laune, die ihm über den Quälkopf wuchs. Jeder Widerspruch fand ihn unnachgiebig.

»Wie meinten Sie, Frau Johanna? Sie ›glauben nicht an den alleinseligmachenden Fortschritt‹? Der ›Fortschritt hinkt‹? In diesem Fall hinkt er wie ein Känguruh – um schneller zu springen.«

Jawohl, Asver hatte noch das erste Auto erlebt, Johanna das erste Flugzeug. O Känguruh! Vierzig Jahre waren verflossen, seitdem es einem Mann mit Namen Arons gelungen war, drahtlos über den Wannsee zu telegraphieren. Von da bis zum Radio: ein Sprung des Känguruhs. Asver schilderte, wie die Neger, deren Väter, ein Stück Ware, für bunte Stoffe und Glasperlen abgingen, heute auf dem Motorrad zur Bezirkskonferenz ihrer Partei fuhren. Das Känguruh trug nämlich einen rötlichen Pelz. Auch die Indianer hatten den Kriegspfad gewechselt, sie studierten in Bolivia auf der Universität und lernten die wirksameren Zauberformeln von Karl Marx und Lenin. Die Arbeiter in den neuen Vierteln verfügten über Warmwasser, elektrisches Licht, elektrische Küche, das Radio. Mehr als hundert Millionen Bogen Zeitungen marschierten allmorgendlich in die Welt, und wohin kein Postbote drang, da tönte noch immer die sprechende Welle. Schon zeichnete, malte sie auch, während sie sprach – das Radio war die illustrierte Weltpresse von morgen. Hoch lebe das Känguruh!

Die Rationalisierung der Wirtschaft: vielleicht erst eine Hungerkur für die Arbeiterschaft, zugleich ein strategischer Gewinn sondergleichen! Die Stellwerke der Wirtschaft wurden übersichtlich, leichter zu handhaben. Eins hing am andern wie die Teile des Körpers, mit Muskeln und Nerven, und immer gebieterischer erhob sich darüber der eine leitende Kopf. Wieviel solcher Produktionsgestalter würden es schließlich sein auf der Erde? Zwanzig? Zweihundert? Känguruh! Känguruh! Eines Tages werden es die Asvers mit dem Lasso einfangen.

In den Tempeln Chinas bildeten sich kommunistische Zellen. Der Kuli verstand es, den gottähnlichen Weißen über die Garben eines Maschinengewehrs springen zu lassen. »Auf, Brüder, zur Sonne, zur Freiheit!« ... Känguruh. Ergosterin hieß der Stoff in der menschlichen Haut, den die Sonnenstrahlen belebten. Man kannte ihn, wußte, wie ihn erregen, und brauchte nur in die nächste Apotheke zu gehn, um von der gewaltigen Sonne zu essen, zu trinken. Höhenluft und Sonnenbäder standen zu Tausenden auf dem Regal.

Nach Pest und Pocken war auch die Englische Krankheit besiegt – in zehn, zwanzig Jahren gab es keine Tuberkulose mehr.

Das Licht war flüssig geworden, die Kohle, aus der Luft zauberte man den Dünger für das Korn, aus den Rückständen der Kohle die wertvollsten Farben. Es zogen Traktoren über die Äcker des Muschiks, Maschinen, die mähten und droschen das Getreide und füllten die Körner in Säcke – längst war jenes Scherzbild Wirklichkeit geworden, worauf man ein lebendes Schwein in die Maschine wandern und auf der andern Seite in Konservenbüchsen herauskommen sah. Von der Ionenlehre sprach Asver, der Relativitätslehre, der Quantentheorie und dem Aufbau des Atoms, von vielen andern Neuheiten noch.

»Wahrlich, als ein Riesenkänguruh, Frau Johanna, erlebt unser Geschlecht den Fortschritt! In seinem Beutel trägt es die Zukunft der proletarischen Klasse, ein kleines Tier, fertig ausgebildet, kräftig. Und der Fortschritt kämpft für uns, wie der Gott in der Wolke, wir sind die Zahl, und seitdem das Wissen nicht mehr das Vorrecht einiger weniger ist und in zahllosen Kanälen bis in die Tiefen der Gesellschaft fließt, gibt es für uns kein dauerhaftes Hindernis mehr. Und während das Känguruh wächst, wird sein Fell röter und röter.«

Wenn Asver lächelte, verzog er den schmalen Mund zu einer Kindergrimasse – argwöhnisch äugte er um sich, als habe er im Angesicht des Feindes seine verwundbare Stelle gezeigt. So jetzt, als er Johannas Begeisterung erkannte.

Ja, sie bewunderte ihn. Mit ihren Augen sah sie, warum Johns Freund Asver, Sohn eines Staatsanwalts, in den Tagen der Revolution so große Macht ausgeübt, mit welchen Mitteln er halb verhungerte Arbeiterscharen beherrscht hatte. Zum erstenmal fand sie ihn schön, so stark war er. Sie schüttelte die Mähne. Sie lächelte ihn an.

Der Ausdruck von Asvers Zügen verwandelte sich, fast hilfesuchend blickte er auf sie. – Hatte er sie gewonnen?

Obwohl er diesen einzigen Erfolg, die Macht seiner Rede, gewohnt war, mißtraute er sich, mißtraute er ihr, so farbig und fremd ragte sie da vor ihm. Er kämpfte mit einem Entschluß, dann senkte er aufatmend den Nacken, den Blick am Boden. Nun schien er versucht, loszuspringen, etwas Gewalttätiges zu sagen, zu tun ...

»Asver – lieben Sie Ihre Kinder?« fragte Johanna.

Er änderte nicht seine Haltung. Er ließ sich nicht stören.

»Selbst die Tiere lieben ihre Jungen. Außerdem werden meine Kinder in meinem Geist erzogen.«

»Schon? Die Kindlein wie Milch und Blut, mit einem Honigschleim darüber? So früh? Und der Hühnerhof?«

»Der Hühnerhof?«

Er hob die Augen. Ein Argwohn stieg mit ihnen hoch.

»Warum Sie einen Hühnerhof haben«, wiederholte sie fest.

»Der Eier wegen ... Glaubten Sie, ich hielte mir eine Art Fasanenpark?«

»Ich dachte, weil – nun ja, um ein Stück Dorf, ein bißchen Natur in der Stadt zu haben.«

Jetzt wurde Asver böse. Er fühlte sich betrogen. Bevor er noch den Sprung getan hatte, der ihm in den Gliedern starrte, war Johanna ihm ausgewichen. Wahrscheinlich verhöhnte sie ihn.

»Natur! Ein Spaß für reiche Leute, für Nichtstuer, für Snobs. Wir arbeiten mit der Natur! Die Natur ist so viel wert, als sie dem Menschen zur Macht verhilft, und keinen Dreck mehr.« »Schade.«

»Was soll schade sein, gnädige Frau?«

Unversehens stand er wieder auf der Tribüne und predigte zu Johanna hinab.

Er konnte auf die Dauer nicht anders als seine Lehre verkünden und Widerstrebende quälen. In ihren Aufmerksamkeiten, ob sie ihm nun Blumen auf das Zimmer stellen ließ oder eine gut geratene Frucht brachte oder ihn auf Spaziergänge mitnahm, witterte er Entwaffnungsversuche, die er mit neuen Strafgerichten beantwortete. Johanna machte sich klar, er wünsche sich für sie die ängstlich aufmerkende Klugheit wie von Hunden, seiner Kinder, den zerknirschten Gehorsam seiner Frau. Ein Kampf begann um nichts andres als, unter zahllosen Vorwänden, ihre Munterkeit, ihr Lachen oder, was dasselbe war, ihre Freiheit und Menschenwürde.

Schon haßte er Buskow, wo es ihm gut ging, das Buskow des Bankiers und ›Sozialverräters‹ Samtaug und Buskow ohne Bankier und Sozialverräter – die paar kleinen Hügel, in die der Gutshof gebettet lag, und die Ebene darum.

»Warum haben Sie mich hierhergelockt, Frau Johanna? Um Simson im Wohlleben zu scheren?«

»So setzen Sie sich doch einmal ruhig ins Gras, guter Freund!«

»Ja, immer wollen Sie mich zu etwas zwingen, was ich nicht mag.«

Wenn Johanna ihn ›zwang‹, sich neben sie ins Gras zu setzen, befiel ihn ein Schwindel, und er kam jedesmal hart auf dem Boden an. Er blieb unsicher, mit Zischlauten um sich schlagend nach Mücken, die gar nicht da waren, wie verloren auf dem Grund der Bläue, die hier, zwischen den Gräsern, so viel näher und bedrohlicher wirkte, als wenn man droben auf seinen Beinen stand und auf die Erde hinabsah. Er sagte: »Sie machen mich zum Tier, Frau Johanna.«

Als sich aber mit der Bläue des Himmels und den mutmaßlichen Mücken in der Luft auch noch kriechende Ameisen verschworen, wurde er böse, und Johanna mußte ihn eiligst an den Händen emporziehn.

Gleich nahm er den fallengelassenen Donnerfaden wieder auf:

»Wenn Sie das Gesetz der kapitalistischen Gesellschaftsordnung an einem lebendigen Beispiel studieren wollen, so nehmen Sie den Deutermann, dessen Photographie Ihnen neulich der Briefträger gebracht hat ...«

»Halt, guter Freund! Lassen wir jetzt den Generaldirektor aus dem Spiel. Es stimmt nicht, daß Sie mit ihm den Kapitalismus ins Herz treffen wollen, wie Sie schon ein paarmal behaupteten, sondern mir zielen Sie ins Herz, guter Asver, mir!«

Er versetzte kalt:

»Um so schlimmer, wenn es so ist.«

Nur einmal fand er lange nicht zu sich zurück. Das war, als er im kleinen Gehölz am Ende des Parks beinah auf eine rote Wegschnecke getreten wäre. Langsam bog er den Rücken, um sie zu beobachten, unendlich vorsichtig richtete er sich wieder auf, als befürchtete er, das Tier könnte beim geringsten Laut explodieren. Der Strich, den sie über den Weg zog, schnitt ihm für immer ein Stück Erde ab. Johanna brachte ihn nicht mehr dazu, das Gehölz zu betreten.

Er blieb den Rest des Tages verstimmt.

Den Bienen aber ging er fleißig nach, seitdem Johanna ihm an einer Pflanze des Löwenmauls gezeigt hatte, wie sie mit winzigen Kopfstößen in die Blüten ihren Schatz von Süßigkeit hoben.

»Was für ein gescheites Köpfle«, rief er ein übers andre Mal. »Was für e Köpfle!«

Auf den Fußspitzen näherte er sich dem Beet und forschte durch die Lesebrille wie durch eine Vitrine eines Naturalienkabinetts.

Dem Umstand, daß die Bienen auch andre Blumen als das Löwenmaul angingen, schenkte er keine Beachtung, beim Löwenmaul suchte er sie und nirgendwo anders, wie er auch von den Gartengerüchen einzig und allein den Duft des späten Phloxes anerkannte, den er mit selbstbewußter Miene ›sehen ging‹, sobald er ihn witterte. Vor der Rabatte angelangt, setzte er die Stahlbrille auf und beugte sich über die Dolden, um den Duft gewissermaßen durch die Gläser einzuatmen.

»Rasenspiele sind so lustig, Asver! Wollen Sie es nicht wenigstens mit Krocket versuchen?«

Sie zeigte es ihm. Er wog einen Schläger in der kräftigen Hand und schüttelte den Kopf.

»Boccia kann selbst unser Schäferhund spielen«, sagte sie.

Er betrachtete die Kugel von allen Seiten, schleuderte sie dreißig Meter weit ins Gebüsch.

»Ich schwimme, das ist alles, Frau Johanna. Ich schwimme.«

Sie lief ins Haus und kam mit einer Schwimmhose wieder, sie selbst trug schon den Badeanzug. Im Galopp zog sie ihn hinter sich her zum Teich.

Da erklärte er ihr, er sei so sehr ein Städter, daß er nur in der Badeanstalt schwimme.

Aus dem Wasser rief sie ihn an: »Wie alt sind Sie denn, Asver?«

»Noch nicht vierzig«, schrie er zurück.

»Denken Sie, Asver: der alte Deutermann macht noch den elegantesten Kopfsprung.«

Er versetzte ruhig:

»In die Hölle soll er ihn machen.«

Ein Taschentuch um den Kopf geknüpft als Schutz gegen die Mücken, schlug er außerdem mit beiden Händen um sich und wohnte, eine zuckende Insektenscheuche, dem Bade Johannas bei. Er blieb auch so stehn, nachdem Johanna sich neben ihn in den Sand gestreckt hatte.

Asver war stolz, den Duft des Phloxes zu erkennen und duldete keinen anderen Duft neben ihm. Dafür verlieh er den vielen geruchlosen Blumen des Monats großmütig den Duft der Flammenblume. Wenn es irgendwoher roch, so roch es für ihn nach Phlox. Als er sich einmal, durch die Brille schnuppernd, über Johannas Toilettentisch beugte, sprach er die Vermutung aus, alle Parfüms müßten aus Phloxblüten hergestellt sein: »für die Abwechslung in der Nuance sorgt die moderne Chemie«.

Endlich gelang es einer Mücke, Asver zu stechen. Der Stich schwoll pfenniggroß an, und Johanna, von seinem Entsetzen angesteckt, lief und holte, was er mit sachkundiger Miene verlangte: eine Flasche mit Salmiakgeist.

Von nun an trug er die gestochene Hand in ein Taschentuch gewickelt, mit dem Daumen hielt er es fest. Von Zeit zu Zeit kontrollierte er die Wunde, durch die Lesebrille hindurch, und seine Abneigung erstreckte sich bis auf die Bienen, denen er aus dem Weg zu gehn glaubte, indem er jedem Löwenmaul auswich.

Johanna wagte nicht mehr zu lachen, so schlecht nahm er auf, was er heuchlerischerweise den ›Hohn auf sein Gebrechen der Weitsichtigkeit‹ nannte. Einwände aller Art gegen seine politischen Vorträge hieß er dagegen willkommen, setzten sie ihn doch in die Lage, eine Fülle des Wissens und rednerische Schlagfertigkeit zu erweisen.

Asvers Kopf, der Kopf eines Clowns oder einer alten Amme, reichte Johanna kaum über die Achsel. Wenn er aber, um zu sprechen, sich von ihrer Seite löste und mit zwei, drei kurzen Eilschritten gleichsam die Rednertribüne bestieg, so sank sie tief, und die geringe Entfernung zwischen ihnen schien ihr unüberbrückbar. Er stand mit hängenden Armen und sprach ohne alle andere Bewegung als ein Schütteln von Kopf und Schulter, etwa wie ein Primaner Gedichte aufsagt. Man war anfangs versucht, ihn einen ausdruckslosen Redner zu nennen, bis man auf einmal entdeckte, wie gerade diese Verhaltenheit die stärkste Wirkung hervorrief. Die Worte fielen kalt und scharf. Sein Zorn glich einem Eisblock, hinter dem ein Feuer brennt, er lachte nie.

Zweimal war sie der erwarteten Liebeserklärung ausgewichen. Sie wußte längst, daß ein solcher Ausbruch nur ein Mittel für ihn wäre, ihr näher zu kommen, um sie besser zu quälen, ganz gleich, ob sie ihn erhörte oder nicht.

Er war, was John vor Jahren einen ›geistigen Lustmörder‹ genannt hatte. Langsam, unter seinen fortgesetzten Quälereien, tauchte das Wort in ihrer Erinnerung auf, und als er die Politik und sich selbst fast vergaß und immer eindringlicher von John, seiner Liebe, seiner Musik, seinem Leben, von John und wieder von John sprach, stand das Wort auf einmal da, abstoßend und anziehend zugleich.

Neugierig wartete sie, welche angreifende Wendung er den Untersuchungen schließlich geben werde, ob gegen sie oder gegen John. Der quälende Griff seiner Hand wurde stärker, und in selbem Maße nahm ihre Hilflosigkeit zu.

Wenigstens glaubte er es.

Asver hatte sich nämlich eine Theorie zurechtgelegt, derzufolge die Wachheit, die Stärke Johannas, ihre ganze Haltung nichts als versteifte Schwäche sein sollte. Sie gab nach, je fester man Zugriff. Alles in allem verhielt es sich wie mit seiner Frau, die auch reichlich frech vor seiner Nase herumgesegelt war, bis er sie plötzlich gerammt hatte.

Mit seinen sachlichen oder wissenschaftlichen Betrachtungen über Johns angebliche Art zu lieben, woraus er auf ihre eigenen Neigungen schließen wollte, trieb er ihr das Blut in die Schläfen. Verbat sie sich aber derlei ärztliche Vertraulichkeiten, so bekam es die Geheimratstochter zu hören, wie weit die Zeit über die Verlogenheit, die romantische Zauberei in Dingen der körperlichen Liebe hinausgeschritten sei.

»Asver, ich habe nichts gegen die körperliche Liebe, im Gegenteil – nur, mir wird übel, wenn Sie mir das Wort, wie soll ich sagen? in so fragwürdiger Sauberkeit, gleichsam in Form eines anatomischen Präparats ins Gesicht halten.«

»Verdrängung«, meinte er wegwerfend.

»Warum haben Sie mich nach Buskow einladen lassen, Frau Johanna? Um einen Freund Johns an der Seite zu haben? Sie wollen sich doch scheiden lassen? Sagen Sie mir, womit ich Ihnen dienen kann – bitte!«

Höhnisch forschte er in ihren Augen. Das blaue Feuer hielt stand.

Da lief sein Blick über ihre Gestalt, der schmale Mund preßte sich zusammen, und er sah weg, als habe er sie in ihrer Nacktheit erkannt und widerlich befunden.

Wenn ich mich länger mit ihm einlasse, sagte sich Johanna, wird er noch mein Depsich – der Staatsanwalt meiner Träume ...

Endlich kam es.

»Haben Sie mich kommen lassen, damit ich Ihnen den schönen Rücken stärke gegen Ihre korrupte Umgebung? In diesem Fall sind Sie ein Opfer Ihres Irrtums – Sie gehören mit Haut und Haaren dazu, Ihre Verdorbenheit ist lieblich, ich gebe es zu, doch ebenso vollständig wie die Ihrer reichen Freunde. Dachten Sie, ich würde Sie schöner machen, als Sie schon sind, Frau Johanna, meinen Freund John aber so häßlich, daß Sie sich ohne Gewissensbisse verkaufen könnten, ich nehme an: gegen bar? Sie kannten die Mißbilligung, die Sie wegen Ihrer saubern Wahl trifft, und brauchten ein Schwert, einen Arm. Die Gouvernante soll keinen reichen Mann, was sage ich? den reichsten von der Bande heiraten, sie will aber, und deshalb wird die Revolution bemüht. Sie sind die reichen Leute leid? Natürlich, sie stehn im Begriff, sie zu übertrumpfen! Der Phlox da ist geruchlos im Vergleich zu Ihrem Gewissen. Deutermann, der vierzig Jahre lang die teuersten Weibsbilder aushielt, krönt seine Liebeskarriere, indem er die verlassene Johanna van Maray vom Schiff weg ersteigert, er liebte von je die Musik.«

Johanna brauste auf: »Ich bin nicht verlassen!«

Da, zum erstenmal, hörte sie Asver lachen.

Er lachte, daß es ihr weh tat bis in die Knie.

Sie schaute ihn an. Sein Gesicht schrie in einer Grimasse, als läge er auf der Folter.

»Armer Freund«, sprach sie leise, »Sie wissen nicht viel von den Menschen. Sie nehmen das Schlechteste an ihnen und legen es zwischen die Seiten eines Buches. Da wird es leicht trocken und hart. Aber Sie riechen nicht, Sie schmecken nicht, Sie sehen nicht, Sie hören nicht einmal.«

»Ich? Der Mann einer schlesischen Bauerntochter?! Ich höre die tausend Stimmen um uns in der Luft, ohne auf die Knöpfe des Radioempfängers zu drücken. Ich sehe, daß Sie eine unverbesserliche Bourgeoise sind, die riecht, wie ihresgleichen alle riechen und schmecken: nach Kokotte.«

Das Wort Kokotte sprach er unter heftigem Schütteln von Kopf und Schultern.

»Das letzte stimmt nicht. Sie sind unaufrichtig. Für Sie rieche ich nach Phlox.«

»Die andern auch«, triumphierte er.

Johanna blieb ernst.

»Sagen Sie mir, Asver – wollen wir nicht ein bißchen weitergehn? Danke. Die Luft schmilzt wohlig nach dem Gewitter. Ich auch ... Sagen Sie mir, Asver: warum haben Sie sich mit Ihren Genossen verzankt?«

»Weil sie korrupt oder dumm sind. Oder beides zugleich. Begehrliche Knaben und Mädchen, die beim ersten Geschmack von Wohlleben in Fäulnis geraten. Der geringste Anschein von Macht verdreht ihnen das Köpfchen. Tragen Seidenstrümpfe und elegante Krawatten. Heißen Kanalgeruch und Treppengeländer und scharwenzeln hinter rosa geschminkten Gräfinnen her.«

Das Leid um Johanna, wenn es je ernst gewesen, schien vergessen.

Der nächste, der gehaßteste Feind tauchte auf: der Bruder.

Immer wieder machte Asver kurz halt, um im Anlauf die unsichtbare Tribüne zu stürmen, doch Johanna ging weiter, die erste Terrasse hinauf, die zweite. Dort waren Leute, sie hörte den Verwalter mit einem Gärtner sprechen. Im Hausflur klingelte das Telephon.

»Da sitzt in der Reichstagsfraktion ein Quatschkopf, der will die Kirche schonen. Natürlich ist der Papa Präsident eines katholischen Gesellenvereins im Rheinland. Wie an den Domen die Kirche und die Synagoge nebeneinanderstehn, die eine mit langem Zepter und Krone, die andre mit geknicktem Stab, die Augen verbunden, so also, meint das Früchtchen, verhielte sich heute der Kommunismus zur Kirche, und wie im Mittelalter die Kirche angeblich nie die Hoffnung auf die Bekehrung der Synagoge aufgegeben habe, so müßten wir liebevolle Nachsicht mit der Kirche üben. Im Ernst, Frau Johanna. Im vollen Ernst. Wenn er zwei Glas hinter der Binde hat, rückt er damit heraus. ›Seine‹ Idee! Wahrscheinlich verdankt er ihr seine Wahl. Kann man wissen – in der Pfaffengasse des Rheins? Sie sprechen in der Fraktion vom päpstlichen Nuntius, als wäre er ein heimlicher Abgesandter Moskaus. Der Scheidemann soll ein Lump sein (ist er auch), aber Pacelli, das ist ein Genie. Pacelli kommt gleich hinter Lenin. Er versteckt es nur geschickt, daß er zu uns gehört, er –«

Oben an der Haustür schlug zweimal eine Glocke an, das Zeichen, daß Johanna gesucht wurde.

»Telephon«, sagte sie und eilte davon.

Als er hinter ihr vorbei zum Musikzimmer tappte, hörte er, daß es ein Ferngespräch mit England war, und erriet, mit wem sie sich unterhielt. Sie sah ihn kommen und stockte, dann sprach sie englisch, obwohl sie wußte, daß er die Sprache verstand.

Im Musikzimmer fand sie ihn wieder.

Er hielt den Silberrahmen mit Deutermanns Photographie in der verbundenen Hand und lächelte sie erwartungsvoll an.

»Was ich noch sagen wollte, gnädige Frau: alle Welt ist heute versnobt, die Kommunisten eingeschlossen. Das war's, was ich sagen wollte. Sie erinnern sich, wir wurden in unserm Gespräch unterbrochen.«

Darauf schmetterte er, immer noch mühselig lächelnd, den Rahmen auf den Boden, genau auf ein Stück Parkett zwischen zwei Teppichen. Das Glas sprang in Splitter.

Asver stützte den Arm auf den Flügel und wartete.

Er wartete, ob sie eine Erklärung von ihm verlangte. Dann würde er sie verweigern.

Er wartete, ob sie den Mut fände, ihm den Rücken zu kehren, um nach einem Dienstboten zu klingeln oder einfach hinauszugehn. Dann würde er sie am Arm packen und sie zwingen zu reden.

Johanna bückte sich aber, nahm den Rahmen, sie ging ins Knie und begann die Glassplitter zu sammeln. Schade, dachte sie, schade. In den Ohren tönte ihr die Jazzband von damals, die Jazzband der Rauchstraße: brüllend und pfeifend trug sie einen Mann zu Grabe, der einst mächtig gewesen ...

Unter ihm wölbten sich ihre breiten Schultern. Er sah, wie der Nacken sich bog bis in den Rücken. Der Nacken war braun und stark gewirbelt. Auch der Rücken war braun und verlief in einem hohlen Schatten unter dem Kleid.

Er empfand körperliche Angst und erstarrte.

»Sie brauchen mir nicht zu helfen«, sagte sie, »danke – schon fertig«, und richtete sich auf. Sie schüttelte die Haarmähne. Sie nickte ihm ernst ins Gesicht. Den Rahmen in der einen Hand, in der andern die Glassplitter, verließ sie das Zimmer.

Während des Mittagmahls aßen sie schweigend unter andern ›Landgästen‹ der Familie Samtaug auf der Terrasse. Nach Tisch entfernte sich Johanna mit der kleinen Angelica. Asver weidete sich an ihrer Verlegenheit, die sie, wie er meinte, nicht imstande war zu verbergen. Sie grüßte.

»Wenn Angelica und ich durch den Wald gehn, machen wir eine große Reise.«

»Kindersnob«, stellte er mit Genugtuung fest.

Den ganzen Nachmittag versuchte er herauszubringen, was gegen ihn geplant sei.

Wiederholt stieg er in sein Zimmer, um nachzusehn, ob sein Koffer noch dastehe, das Sonntagskleid noch im Schrank hänge. Vor jedem Dienstboten, der ihm entgegenkam, verlangsamte er den Schritt, um die Botschaft entgegenzunehmen, der Wagen sei bereit, ihn zum Bahnhof zu führen. Als er ans Telephon gerufen wurde, nahm er an, daß der inzwischen benachrichtigte Bankier ihn bitten werde, Buskow zu verlassen. Im Wirtschaftshof glaubte er zu beobachten, wie der Verwalter, um ihn nicht zu grüßen, schnell in einer Stalltür verschwand, und freute sich über das, was er für den wachsenden Widerstand der Umgebung hielt.

Nichts geschah gegen ihn, gar nichts. Da befiehl ihn eine unbegreifliche Traurigkeit.

Endlich, beim Abendessen, erfuhr er: der Chauffeur, Herr Brust, hatte Blumen für die Rauchstraße abgeholt, und Johanna war mit in die Stadt gefahren.

Erst glaubte er es nicht, er hatte kein Auto gesehn. Aber Angelica, die ihn mißtrauisch aus den Augenwinkeln musterte, bestätigte die Nachricht.

»Jetzt sind wir wieder allein«, sagte sie unter einem Anflug von Schadenfreude.

Er setzte ihr den Blick auf die Stirn.

Wollte die angebliche ›Kleine‹ es der andern gleichtun und ihn verhöhnen?

Sie schien so arglos, daß er über sie nachdachte.

Angelicas Gestalt und Züge bebten vor Ausdruckskraft, und, unruhig wie sie im Gemüt lebte, blieben sie immer starken Veränderungen unterworfen. Einmal sprang das Mädchen zehn- oder zwölfjährig daher, das andre Mal überschattete sie ihre Fünfzehn, man bat um Entschuldigung, weil man sie eine halbe Stunde vorher geduzt hatte, und befleißigte sich, zu ihr wie zu einer jungen Dame zu sprechen. Kurz darauf vergaß man es wieder und behandelte sie über die Achsel.

Obwohl sie deutlich in ihrem kindlichen Zustand war, nahm Asver sie jetzt als erwachsen.

Er versetzte:

»Luxuswesen wie Sie sind mit Recht zur Einsamkeit verdammt.«

Angelica senkte den Kopf und schwieg.

Den Koffer auf der Schulter marschierte Asver die drei Kilometer bis zum Bahnhof und nahm den nächsten Zug nach Berlin. Das Taschentuch blieb um den Mückenstich gerollt, obwohl der Daumen, der es festhielt, schon steifte.

Inzwischen war Johanna in der Rauchstraße angelangt und dort mit freudigen Zurufen empfangen worden.

Heil der Einsiedlerin von Buskow – Heil! Hip-hip für die nachgeborene Tochter der Revolution. – Hurra, rief Johanna. – Hurra, sang melodisch Ruth Samtaug. Es ging her wie zu Hause am See.

Kurt Kommer, der in seiner tiefschwarzen Abendgröße hinter dem hellen Ehepaar auftauchte, benützte den Schurken, sein Bäuchlein, als Schlagzeug, versetzte ihm einen Klaps und stöhnte.

»Es lebe die männermordende Löwin!«

»Grüß' dich Gott, mein Schurke, mein Lümplein«, sagte Johanna, unter einer Verbeugung vor der schwellenden Frackweste, »ihr seid ja noch immer im Frack. Ach ja, ich aber, ich finde nie einen neuen Mann.«

»Aha!« machte Kommer. »Schon drei oder vier Gelehrte durch die Prüfung im Talmud geflogen. Sag's schnell, liebes Kind, wieviel sind's: drei oder vier? Ich muß gleich zum Essen der internationalen Handelskammer.«

Für die fünf Minuten Liebe, die er im Taxusgang der Terrasse von Buskow empfunden hatte, verzieh er ihr alles.

Josephus reichte ihr den Arm, sie betraten den Hof:

»Kakadu stellt die Vertrauensfrage nach Deutermann.«

Sie sagte:

»Josephus, er fährt heute nacht von Harwich ab, und ich will ihn nicht heiraten.«

»Natürlich nicht. Wenn du magst, reisen wir morgen früh und fahren an ihm vorbei. Es trifft sich gut. Ich habe Geschäfte in London und Paris. Du schreibst ihm – unterwegs. Den Brief wirst du nicht aufschieben, denke ich, oder doch? Nein, nein. Und gleich werde ich dir was zeigen.«

Hinter ihnen rief Kommer in einer Art Erleuchtung:

»Vier!«

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