Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > René Schickele >

Symphonie für Jazz

René Schickele: Symphonie für Jazz - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/schickel/jazz/jazz.xml
typefiction
authorRené Schickele
titleSymphonie für Jazz
year1963
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101011
projectided010064
Schließen

Navigation:

15

» Mon grand cher ami!« lautete der Ehrentitel, mit dem Arabous zehnjährige Jeannette mich belegte. Sie hatte dieselben blauen Tropfen als Augen wie ihr Vater. An ihr erkannte man, wie der Vater aussähe, wenn er den Vorhang von Haaren über dem Gesicht hinaufzöge.

Frau Arabou, die tüchtige Hausfrau, lehnte mein Angebot, für mich ein Dienstmädchen zu nehmen, so daß wir deren zwei im Hause gehabt hätten, mit südländischer Entrüstung ab.

Der Bildhauer und ich besorgten die Einkäufe auf dem Markt und im Städtchen. Nur der Handel mit dem Metzger wurde wegen der schwierigen Wissenschaft, um die es da ging, zum Monopol Madame Arabous erhoben.

Der grauhaarige, magere Pfarrer vertraute mir den Schlüssel der Orgel an, und manchmal saß er in der Ecke einer Kirchenbank und hörte zu.

Alles ging gut.

Wenn ich mich verspätete, holte mich Jeannette oder ihr Vater gegen Abend in der Kirche ab. Ich war meiner und aller Welt so sicher, daß ich in die Scheidung von Johanna einwilligte. Ich teilte es ihrem Berliner Anwalt mit und legte dem Brief ein Stück meiner Fuge bei, mit der Bitte, es Johanna zu übermitteln. Oft arbeitete ich bis zum Morgen.

Und dann wurde ich krank.

Es ging mir gleich so schlecht, daß ich alles vergaß, außer der unterbrochenen großen Arbeit.

Die aber setzte mir ungeheuerlich zu. Rauschende Sätze, huckelnde Stücke einer Melodie kamen angefahren, geschriebene und ungeschriebene, es war nicht der geringste Unterschied zwischen ihnen, rasselten zugweise in den Bahnhof, während die schlecht geschmierten Räder kreischten und schrillten, und luden eine Gesellschaft ab, die sich schon beim Aussteigen merkwürdig benahm.

Hier ging eine Gruppe pathetisch und schamlos vor in der Art von Irren, es waren Männer und Frauen und Kinder, ein wunderschönes Russenmädchen trug ein fliederfarbenes Beinkleid, der Oberkörper war nackt.

Eine andre Gruppe hielt sich dort abseits und bestand aus lauter tief verletzten Menschen, die mich an gemeinsame Erlebnisse offenbar schmerzlicher Art zu erinnern suchten, ohne den Mund zu öffnen, und es fiel mir auf, daß ihre Augen abwechselnd sehend und erblindet waren. Deutlich konnte ich erkennen, wie die Augen plötzlich brachen, um ebenso unvermittelt wieder lebendig zu werden. »Das ist die Ewigkeit«, sagte ich mir, »ja, das muß die Ewigkeit sein.« Ein Choral, der immer begann und gleich wieder abbrach, bereitete mir Tantalusqualen.

Auf allen Bahnsteigen zugleich liefen die Sätze meiner Symphonie ein, wie Extrazüge zu einer öffentlichen Veranstaltung, deren Sinn ich nicht erriet.

Bald fühlte ich mich geschmeichelt, als gelte der Aufwand einer besonderen Ehrung meiner Person, bald versteckte ich mich zähneklappernd vor dem Riesenaufmarsch meiner Verfolger. Niemand sprach mich an, ich konnte nicht einmal herausbekommen, ob ich gesehn wurde oder nicht.

Die Anwandlungen von Bedrohung und Huldigung bei den Leuten geschahen im geheimen, ich spürte sie mehr, als ich sie sah, aber wenn mir das Blut dann vor Schrecken stockte, befiel die Starre sekundenlang die ganze Gesellschaft, und wenn es in mir aufjubelte, brach ein wahrer Hexensabbat über den Bahnhof aus, Geschrei, Gelächter, Musik. In den trotz bunter Beleuchtung gruseligen Unterführungen tanzten, jagten, umarmten sich die Paare, ich wurde in den Trubel gerissen, die klaffende Erde atmete mich ein.

Ich fiel. Es war der Fuß eines mächtigen Weibes, über den ich stürzte. Das Weib hatte eine rosige Gesichtsfarbe und hellblonde Haare, ich kannte sie nicht, der Fuß war winzig, und als ich zu Boden schlug, krachten mir die Knochen im Leib. Ich wischte mir mit der Hand über das Gesicht, da fühlte ich warmes Blut.

Einem einfahrenden Zug, der doch mir gehörte, entstieg Kollreuth – ein Köfferchen in der Hand, in der andern den Taktstock, sprang er ab, und die Menge lief auf ihn zu und bereitete ihm eine ohrenbetäubende Ovation. Ich sah ihn reden, es klang wie ein fernes Miauen.

Neben mir stand eine junge Frau, stahlblaues Kleid, graublaue Augen, und sang leise vor sich hin. Was sie sang, verstand ich nicht, doch mußte ich an die Kindheit denken, ich sah, wie auf beiden Seiten des langen, gelbsandigen Gartenwegs hinter meinem Elternhause in Zabern die Schwertlilien blühten, und hörte die Kirchenuhr schlagen.

Da schluchzte ich auf, lautlos, tief innen in der Brust, und etwas in mir weinte melodisch, während ich zu der Frauengestalt emporblickte, etwas, was vielleicht das sagenhafte Herz war.

Gleich darauf saß ich allein auf dem Waldboden und schrieb und schrieb. Ich sah viele Vögel. Keiner sang.

Im Fieber schrieb ich zehnmal soviel, wie ich je geschrieben habe und schreiben werde. Ich überlas es. Ich ging damit zum Flügel. Aus einem Satz schoß plötzlich ein einziger Takt und harpunierte mich. Stundenlang wurde ich den Spieß nicht los, ein Seil war an seinem Schaft befestigt und schleppte mich kreuz und quer über ein Meer. Einmal riß das Seil, mir schien: durch mein Verdienst, weil ich nämlich mit aller Kraft in die Tiefe getaucht war, tiefer und tiefer, bis es einen plötzlichen Halt und dann einen Ruck gegeben hatte, der mich in zwei Teile riß.

Beglückt schaute ich zu, wie die beiden Teile von mir mit großer Geschwindigkeit auseinander trieben. Indes ich einschlummerte, entschwanden sie meinen Blicken.

Ein andermal war ich, wie ich im Bahnhof vor meinen massenhaft eintreffenden Feinden ausriß, aus Erschöpfung eingeschlafen. Mitten im Laufen wurde ich langsam mürbe, wurde mit eins auch der Boden unter mir weich wie Wolle, und ich versank. Ich erwachte und war befreit. Da hielt ich mich für gesundet und machte Anstalt, aus dem Bett zu steigen.

Jeannette schrie, bis Arabou, seine Frau und alle andern Kinder angelaufen kamen.

In den klaren Augenblicken besuchten mich die eckigen und die runden Formen meiner Symphonie. Einige wunderbar schlanke waren darunter, aufrecht schritten sie, aufrecht durch das schmelzende Ohr. Wohl erkannte ich in ihnen die Furien und überzarten Geschöpfe meiner Fieberträume, aber gerade deshalb konnte ich sie mit wohlwollender Ironie betrachten, nun, da sie sich gesittet an meinem Krankenlager versammelten, um mir ihre Teilnahme zu bezeigen. Fast alle kamen sie von den Orgien der vierten Morgenstunde in der gruselig bunten Unterführung des Bahnhofs. Sie hatten gerade Zeit gehabt, sich zu waschen und umzukleiden.

Jedoch, Kleider machen Leute. Aus den Teufeln der Verfolgung und jenen Engelinnen, die unfaßbar süße Musik ihrer Traumstimme auf mich hatten niederströmen lassen, waren liebenswürdig kühle, beherrschte Zeitgenossen geworden. Von ihrer Vergangenheit schienen sie nicht allzuviel zu wissen und noch weniger von der Urfeindschaft und Fremde, die sie alle voneinander schied. Vielmehr trugen sie verwandte Züge, gaben sich vertraut und vertrauend, vielleicht ein wenig scheu, aber scheinbar ohne jede Hinterlist, etwa, als träfen sie sich, von weither gereist, zu einem Familientag an meinem Bett. Das Kriegsbeil der Synkope schien begraben.

Falsche Bande, dachte ich. Sicher schickt sie der käsebleiche Depsich, um mich wieder hineinzulegen.

Und ich begann, sie mit Blicken auszuforschen. War das nicht die massive Prinzessin, die das Kleid schürzte, um über die in Ohnmacht gefallene Ursel hinwegzusteigen? Gewiß war sie es, und sie hielt meinem Blick nicht stand – langsam büßten erst die Augen, dann Stirn und Wangen die fromme Frische ein, und auch die Schultern trugen nicht mehr so spielend leicht die Last des Lebens. Ebenso erging es mir mit meinem Freunde Felix Arabou, der ebenfalls meinem ängstlich forschenden Blick auswich und achselzuckend das Zimmer verließ, ja, selbst eine Frau, die Johanna genannt wurde, obwohl sie ihr nicht glich, hielt müde die Hände im Schoß und fand nicht mehr die Kraft zu einem Lächeln.

Ich erschrak furchtbar, denn ich fühlte den Schatten des Todes über meinem Lager und sah mich von Gespenstern umringt, die fremd, unbeteiligt auf meinen letzten Atemzug warteten. Warum waren sie gekommen? Was taten sie hier, da sie weder haßten noch liebten? Wer, zum Teufel, hatte sie eingelassen? Seit wann erlaubte man fremden Leuten von der Straße, über den Gartenzaun zu klettern und durch alle Zimmer des Hauses unbehelligt bis in dieses letzte zu gelangen, wo ich lag? Wie kam der Depsich dazu, die rote Robe mit Hermelinkragen eines französischen Staatsanwalts zu tragen, da er doch Pommer und aus Frankreich ausgewiesen war?

Hämisch grunzte er mir in die Ohren und beugte sich über mich, um mich sterben Zu sehn.

Was war das? Auf Zehenspitzen trat die kleine Jeannette an mein Bett. Sie hauchte auf meine Stirn. Sie flüsterte mir ins Ohr, erst ins eine, dann, über mein Gesicht hin, ins andre. Und ein Sturm von Glocken brach los. Jubelnd sang der Wald mir den Choral ins Zimmer. Endlich war er geboren. Ich sah den Wald nicht, konnte ihn mir nicht vorstellen, dachte nur: das ist der Wald, der so singt.

Eines Morgens erblickte ich durch den Spalt des Vorhangs ein Stück glasgrüner, durchsichtig glühender Welt, beseligt starrte ich hin, bis sich in mir der Begriff formte: ein schöner Tag. Es war seit langem das erstemal, daß mein Blick über den unmittelbaren Bereich des Bettes hinausdrang.

Was ich durch den Spalt des Vorhangs erblickte, schien mir über alle Maßen erhaben: ein aus dem Innersten leuchtendes Land, ergreifend schön, es schmerzte, wie alle Helligkeit, wenn man aus der Narkose erwacht. Und dann hörte ich Vögel singen.

Der Vorhang wurde beiseitegeschoben, das Fenster geöffnet. In wuchtigem Anprall traf mich der Tag, ich fühlte etwas wie einen lautlosen Donnerschlag, ich schrie. Der Garten schwamm in Gelb und Weiß und Blau und Lila über der dunkeln Erde, deren Brocken glänzten, und dasselbe Gewimmel erfüllte die Luft: der schwebende Frühlingsgarten der Vogellaute blühte unter der Sonne. Der Wald dahinter stand in feuchtem Grün.

Die Kraft, die ich durch die Krankheit verloren, kam sie nicht in einer großen Welle auf mich zurück? Sie erhob mich so hoch, daß ich meinte, zum erstenmal dieses Unerhörte: den Frühling, zu hören. Ein Buchfink setzte sich aufs Fensterbrett. Ich sah, er hatte schon sein Hochzeitskleid an, die Brust war tiefrot, der Schnabel blau. Jetzt wußte ich auch, wo das Jahr stand: der April ging zu Ende ...

Der April?

Es war Spätsommer!

Und den Vogel auf dem Fensterbrett hatte Jeannette aus Ton geknetet und bemalt und zur Beschwörung der schlechten Zeit für mich auf das Fensterbrett gestellt.

Vorbei.

Bald saß ich wieder in der leeren Kirche an der Orgel, und eine Schar frischgetaufter Neger erging sich in einem fast gregorianischen Chor – ich war beim letzten Teil meiner Symphonie angelangt.

Zuweilen flog mir der Waldchoral ahnungsweise durch den Kopf, es war wie ein Aufschlag von Jeannettes kleinen, fröhlichen Augen.

Dann jubelten wieder meine getauften Nigger über die Pracht der Welt, die strotzte von Früchten und Garben, und die große Wallfahrt der Ernte stieg höher und höher.

Unter der Weiße des Lichts und dem errötenden Land zerfloß das melodische Dunkel meiner Nigger wie ein Spuk.

So hatte ich Billi-Billi vergessen über ihrer Statue, über Arabous Frau, mit deren Mütterlichkeit er die allzu blanke Tänzerin gesättigt hatte, bis die Statue gleichsam troff vom Safte der Erde.

Das Alkoholschiff selbst, mit dem fliegenden Holländer an Bord, zerschellte in einem Sturm an der Terrasse von St.-Germain.

Dies war eine wüste, einsame Nacht. Die Nacht der Verzweiflung. War ich betrunken, oder hatte ich allen Glauben an mich verloren? Schon sah ich mich am Fuß der Terrassenmauer zerschellt, eine Sekunde lang verschmolz ich mit der Nacht, mein Herzschlag stockte. Dann schwang ich mich über das Geländer zurück und erblickte Paris.

In eherner Klarheit funkelte es im Tal, mit vielen leuchtenden Vorwerken, und ein Himmel, den der Sturm rein gefegt, wiederholte endlos das Bild der schönen Vernünftigkeit, wie es vor mir mit stillen, hellen Lichtern auf die Erde gemalt war.

Das Bild der schönen Vernünftigkeit ... Johanna!

Ich trinke nicht mehr, Johanna, ich arbeite, ich arbeite, ich gehe mit Jeannette spazieren, Johanna – auf den Feldern stehen die Garben getürmt, die Trauben schwellen. Hügel und Täler schwellen rings um Paris. Ich erzähle Jeannette von dir, Johanna, ich spiele ihr das Lied vor:

Bis aus dem Topasrauche deiner Augen
Auf einmal blaues Feuer schlug
Und ich mich ganz verklärt
Sah vor dir stehn –

das lange verheimlichte Lied.

Und bald sagte auch Jeannette, sie kenne Johanna fast so gut wie die eigene Mutter.

Ich saß dabei, wenn Arabou das Köpfchen seiner ältesten Tochter modellierte.

Es geschah abends, wenn er die Arbeit an der großen Venus niederlegte, an der er seit zehn Jahren arbeitete. Ich vermute, er tat es aus Freundschaft für mich.

Jeannette glich ganz ihrem Vater. Je weiter aber das Köpfchen unter Arabous Händen fortschritt, desto mehr erinnerte es an die Mutter.

Nach dem Mittagessen, wenn die Eltern schliefen, gab ich Jeannette Klavierunterricht. Je leiser wir uns anstellten, um so schneller lernte das Kind.

So hätte es weitergehn können bis zur Beendigung meiner Arbeit.

Da kam eines Abends Arabou aus der Stadt und behauptete, Ursel Bruhn sitze am Rande eines verstummten, erblindeten Wassers und lauere. Er sagte sogar: am Rande des Froschteichs, da hocke sie und lauere.

Worauf sollte sie lauern? Paris war leer. Sogar meine Jazzband hatte ein Seebad aufgesucht und bumste um die Wette mit dem erquickenden Meer.

Ganz recht. Ursel lauerte, daß ein herbstlicher Wirbelwind die Pariser in den Teich ihrer Geselligkeit zurückführte und das Wasser in Bewegung brächte. Arabou war auf dem Weg zum Garten des Luxembourg an der Wohnung vorbeigedonnert und hatte die geschlossenen Vorhänge gesehn.

Dort also lauerte sie geduldig auf die satten Bürger, die sich Radikale nannten, weil sie unbarmherzig auf dem Pfennig fuchsten und der Kirche nicht die Entfaltung der seelenerhebenden Pracht gönnten, mitsamt ihren abgesungenen Damen, die reich gewordenen Fleischer und Möbelschreiner, die schlechtbezahlten Abteilungsvorsteher in den Ministerien, die keinen andern Wunsch hatten, als zu der goldrieselnden Privatwirtschaft hinüberzuwechseln, die Hausbesitzer, die sich weigerten, Reparaturarbeiten vorzunehmen, selbst wenn eine berühmte Sängerin zu ihren Mietern gehörte, Notare, Ingenieure, Unternehmer, Professoren, Anwälte, die Kerle, die nichts taten, als in den Banken hinter gepolsterten Türen dicke Zigarren zu rauchen oder in der Börse von Zeit zu Zeit den Zylinder zu lüften, die Staatsräte und Gerichtspräsidenten, die Architekten, Maler, Musiker, über die sich Ursel den Kopf zerbrach, wovon sie lebten, da ihr Name fast nie in den Zeitungen stand, die Schriftsteller, die oft darin standen, deren Bücher aber so billig waren, daß sie unmöglich reich werden konnten – auf sie alle lauerte Ursel, auf den Kreis der Musikfreunde, die Vorkämpfer des Menschenrechts, über denen die Froschkönigin, Frau Garat-Cornet, das billig vergoldete Zepter schwang.

In Ursels Familie war einmal jemand preußischer Offizier gewesen, und wenn sie auf die Kundschaft böse war, so hielt sie sich beinah für adelig, und aus ihrer Abneigung gegen das französische Bürgertum sprach der Ahne. Alle Franzosen hießen dann Weichlinge. Der Ahne war: ehern. Nie begriff sie das geringste vom tiefsten Reiz des Franzosen, jener spielerischen und zugleich tapferen Nachlässigkeit, seinem Vertrauen auf gut' Wetter, seinem Gefühl für Menschenwürde.

Leider hatte sie keine Gelegenheit mehr gefunden, ihr Liebes- und Siegeslied an alte, weihrauchumdampfte Altessen zu erneuern. Sie fand sich bereit, auf das Zepter Frau Garat-Cornets zu schwören. Und sie berechnete, daß der ›Strudel der Saison‹ auch mich anzöge und alles wieder würde wie vordem. Verstand sie nicht die Kunst zu lieben, wie sie das Altertum unserer Großväter mit seinen romantischen Greueln nicht einmal geahnt hatte?

Inzwischen schrieb sie jede Woche an mich, und zwar schrieb sie samstags, weil der Brief am Sonntag in meinen Händen sein sollte. Ich glaubte darin eine Gewohnheit aus ihrer Mädchen- und Studienzeit zu erkennen, da ein Brief der eifrig um die Kunst bemühten Tochter zum sonntäglichen Frühstücksgedeck der Mutter gehörte.

Auch ich begann mich an die Sonntagspost zu gewöhnen.

Ich legte den Brief ungeöffnet zu den andern und knüpfte den Bindfaden zu. Für mich bestand kein Zweifel, daß Ursel über kurz oder lang mit stürmender Hand bei mir eintreten werde, dann wollte ich ihr die gesamte Briefschaft übergeben.

Das vorgesehene Ereignis trat an einem Sonntag ein.

Statt des Briefes erschien Ursel in Person, gleich nach dem Briefträger, als die Glocken die kleinen, vollerblühten Gärten des Städtchens in ihrem frischen Naß erzittern ließen. Ein Frohsinn sondergleichen trieb unter dem weichgewölbten Himmel, Kinder riefen und stießen einen Fußball vor sich her auf dem Kirchgang, die Hähne sangen in das wütende Geläut, und Arabou hielt einen Blasebalg und warf einen Schwefelregen auf die Kletterrosen am Haus, die zum zweitenmal vom Mehltau befallen waren.

Als er Ursel erblickte, nickte er und hörte auf zu pumpen.

»John ist nicht da«, sagte er schlicht.

Zugleich trat ich im ersten Stock, gerade über ihm, an das offene Fenster, um nach dem blauen Geläut rundum und über den Bäumen zu sehen.

»John!« rief sie wie um Hilfe: »John!«

Ich fiel aus dem wippenden Himmel. Ich fiel.

An jedem Tag hätte ich sie erwartet, nur nicht heute. Sonntags nicht, am allerwenigsten an einem Sonntag wie diesem. Wenn es noch angegangen wäre, sie zu den Briefen zu legen, den Bindfaden zuzuknüpfen und das Ganze wortlos in der Schublade zu verstauen – bis später, wenigstens bis zum Abend!

Es ging nicht an. Zudem ergriff mich ihre heftige Schönheit. Sie trug ein kanariengelbes Kleid und eine Kappe von gleicher Farbe. Ihre nackten Arme sprühten von Licht. Stärker war sie als der feurige Garten, wie sie da neben die Goldbälle und Sonnenblumen trat. Um sie stand in einem hohen Wirbel die Sonne. Die Zähne lockten im dunkeln Gesicht, Mund und Nase standen gespannt, mit zwei hellen Strichen, die emporgewandten Augen bohrten sich kühl durch das Funkeln und Wogen.

Die Hand, die sie hob, schien in der Mitte von einem weißglühenden Strahl durchbohrt.

Ein sauberes Geschöpf der Sonne, doch verwundet, hob sie sich auf den Fußspitzen mir entgegen, aufgeschossen in ihrer paradiesischen Buntheit, unfähig der kleinen Geschäftigkeiten, von denen ich doch wußte, daß sie ihr Wesen ausmachten. Unwillkürlich hielt ich mir die Ohren zu, eine grelle Fanfare erinnerte mich an unsre gemeinsamen Nächte – sie tönte! Und nichts konnte Ursel hindern, unvermittelt aus jenen Nächten in das Herz des einzigen Mittags zu treten und zu gleißen von bisher verschwiegenen Wonnen.

Wahrscheinlich sah sie das Freudenzeichen des Wiedererkennens in meinen Zügen. In der Höhe die Glocken erloschen eine nach der andern, die Geliebte stürmte mein Zimmer.

Arabou vernahm ein kurzes Gemenge von Schritten im Zimmer, dann war es still.

Kopfschüttelnd verwahrte er die Schwefelspritze zwischen einem kobaltblauen Phlox und der Treppe und schlenderte zu seinem Atelier im Gartenwinkel.

Was er befürchtete, wäre vielleicht eingetreten, hätte nicht Ursel, aus der ersten Umarmung auftauchend, verlangt:

»Und jetzt fort von dem Verräter. Komm!«

Die jähe Kriegserklärung an den Freund rief mich zum Bewußtsein und zu den Waffen, der Streit begann. Einmal versuchte ich, den bittern Gang zu beenden:

»Ursel«, sagte ich mit Anstrengung, »Ursel, wenn ich so scharf arbeite wie jetzt, neige ich zu Gewalttätigkeiten – zumindest andeutungsweise. Es täte mir leid, ich würde es mir nie verzeihn, wenn ich auch nur andeutungsweise dein Zartgefühl verletzte.«

Sie glaubte aus meinen Worten Ironie herauszuhören, und Ironie vertrug Ursel ebensowenig wie die Gegenwart eines Mannes im Schlafzimmer. Ironie, das war wie ein Überfall von Wespen, die ein Feind auf sie abgerichtet; und sie verfiel in kalte Raserei.

Als sie mir zum drittenmal ihre Verachtung versicherte, weil ich sie dem Edelmann Kollreuth gestohlen, und zwar nur, um sie bald darauf der armseligen Einsamkeit zu überantworten, erinnerte ich sie:

»Von Kollreuth rede ich nicht, man soll den Namen Wotans nicht eitel nennen, doch abgesehen vom Kapellmeister und meinem alten Saxophon habe ich dir alles gelassen: Flügel, Teppiche, Bilder, vor allem – die Kasse.«

Ich sang ›die Kasse‹, wandelte das Wort in allen Tönen, mit jederlei Ausdruck ab, geriet außer mir, sprang an das alte Klavier und sang einen Kanon: ›die Kasse‹.

Reglos wartete sie das Ende ab. Bildhübscher Tag-Ursch! Ich versuchte ihre Hände zu ergreifen, um freundschaftlich Abschied zu nehmen, sie entzog sie mir, und ich mußte meine Ansprache ohne äußere Stütze, einen Schritt entfernt, an sie richten.

»Sieh mal, Ursch, wir würden nur immer wieder von vorn anfangen, um nur immer rascher am gleichen Ende zu halten. Wozu?«

Während ich sprach, schielte ich nach dem Tisch, in dessen Lade Ursels Sonntagsbriefe in unerlöstem Schlummer lagen. Denn es nahte der Augenblick, sie ans Tageslicht zu ziehn ...

Da befahl sie:

»Gib mir meine Briefe zurück.«

Ihre Gestalt begann zu erweichen, auch die Augen dämmerten nach einem strengen Tag ... Die Lippen kämpften mit einem armseligen Lächeln.

»Danke.«

Sie drehte das Päckchen in der Hand, löste den Bindfaden und hielt die auseinandergefalteten Briefe wie ein Kartenspiel:

»Natürlich alle ungeöffnet. Ich hätte mein Vermögen gewettet.«

»Hübsch, Ursel, wie du da dein ganzes Spiel in der Hand hältst! Sicher strotzt es von Trümpfen.«

»Hier, John, behalte die Briefe. Vielleicht liest du sie eines Tages ... Ich rate dir, kehre schleunigst zu deiner Frau zurück, John, in Sack und Asche, vorausgesetzt, daß sie für dich noch zu haben ist – sonst gerätst du unter die Räder, mein Junge. Lebewohl.«

Dabei schob sie die Briefe auf die Ecke des Tisches.

Als sie die Tür geschlossen hatte, mußte ich mich zusammennehmen, um nicht hinter ihr her zu rennen.

Das brave, kluge Schulmädchen in ihr war immer wieder erschütternd. Auf einmal überströmten ihre Augen von Angst und grauer Gier und wurden einsam wie das Meer eines Kindes, auf das ein Platzregen fällt, indes die älteren Spielgefährten davonlaufen.

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.