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Symphonie für Jazz

René Schickele: Symphonie für Jazz - Kapitel 15
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typefiction
authorRené Schickele
titleSymphonie für Jazz
year1963
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
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14

Die obere Terrasse von Buskow endete seitlich in einen Sandweg, der in Form eines Achters aus einem Taxusgebüsch geschnitten war. Nach etwa zehn Metern bog er rechtwinklig ab und führte in abermaliger Verschlingung den Hang hinab zur unteren Terrasse. Diese war kahl, eingefaßt mit einer niederen Trockenmauer für Steinpflanzen und diente als Spielplatz.

Auf der andern Seite führte ein gleicher Taxus weg zur oberen Terrasse.

Wo die Wege nach Zurücklegung der ersten Acht rechtwinklig abbogen, stand hüben und drüben eine runde Bank.

Kommer verfolgte den ersten Weg und stieß auf Josephus und Boß.

Josephus saß im Badekostüm und überzogenem Rock neben dem Jüngling und redete freundlich auf ihn ein.

Das bezeichnende Wort für Josephus Samtaug lautete nun einmal freundlich – daran konnte kein Mensch auf der Welt etwas ändern.

Außerdem war Josephus kurz von Gestalt, mit Porzellanwangen, einer Porzellanstirn. Das Gesicht leuchtete im Schatten, aber das tiefschwarze Haar und der kurze Assyrerbart von gleicher Farbe umgaben es mit hieratischem Dunkel. Haar und Bart, bemerkte nämlich Kommer, waren ebenso streng gestutzt wie der Taxus, und es flog Kakadu durch den Sinn, er habe eine kleine zierliche Gottheit aus dem Osten bei der Erleuchtung eines Jüngers überrascht.

In der Lampe des Gesichts lebte ein dunkles Augenpaar, das lockte mit echter Speise Vertrauen. Die Augen waren ein wenig scheu, so daß der herzliche Blick nach der Art eines Blinkfeuers immer erst abschweifte, bevor er mit dem rechten Nachdruck daherkam.

Wie, zum Teufel, war der Mann zu seinem Reichtum gelangt?

Er glich weder einem Ringkämpfer noch einem schwermütigen Lumpenhändler und am allerwenigsten einem Ministerialbeamten – keinem der drei Typen, die heute die Welt regierten. Wie hatte er es angestellt, die Stufen zum Kapital zu erklettern, auf dem das goldene Kalb mit dem Löwenkopf thronte?

Kommer entdeckte die einzige Möglichkeit, daß der Hausgott den harten Weg hinaufgeflogen sei.

Und nun hob Josephus den Arm und griff in die Rocktasche ... Kommer wollte vorspringen, ihm die Brieftasche aus der Hand schlagen, Boß am Kragen packen, um ihn ins Haus zu schleppen und dort vor versammeltem Sonntagsvolk hinzurichten.

»Was haben Sie mir gestern abend über Frau van Maray gesagt?« sollte das Gericht beginnen, und gleich fiele der erste Schlag: »Sie könnten sie haben, wann Sie wollten, haben Sie gesagt ...« Dann käme, so naturgetreu wie möglich, die Schilderung, die Boß, mit Likören trunken gemacht, offenen Auges von seinem Liebesleben mit Johanna geträumt hatte, ein Zeugnis unsäglicher Verkommenheit, nach Kommers Meinung.

Denn, so sagte sich Kakadu, angenommen, eine Frau sei so verdorben, daß ihr ein derartiges Liebesleben schmeckte, so brauchte sie dafür keinen Mann, dafür gab es gleichgesinnte Frauen genug.

Und hier bot sich nun ein vermutlich doch männliches Wesen an, die Rolle einer solchen Frau zu übernehmen! Sodom und Gomorra hatten nicht so viel Verworfenheit gekannt.

Da erinnerte sich Kommer, daß er Johanna suche, die singende Schöne, und daß sie jetzt irgendwo in den Pranken des Kalitieres Deutermann schmachten mußte, statt nur im Irrgarten von Bossens Liebesphantasien, er mahlte einige Male heftig mit dem Kiefer und trat den Rückzug an. Wie Deutermann groß geworden, bis er auf dem Berg seines Kunstdüngers Musik machte, das wußte Kakadu!

Samtaug –? Was der lyrische Tenor unter den Sängern, das war Samtaug unter den Bankiers. Halb so reich wie er konnte schließlich auch Kakadu werden, mit ein bißchen Glück an der Börse. Dagegen der andre – unwillkürlich hob Kakadu die Augen, um über sich den Gipfel zu suchen, von dem herab Deutermann den aufrückenden Geschlechtern Trotz bot.

Ohne nachzudenken überquerte er die Terrasse und bog in den andern Taxusweg ein. Diesmal dämpfte er den Schritt, vielmehr er gab sich nicht gerade Mühe, leise zu gehn, er ging nur langsam. Als er sprechen hörte, machte er ausdrücklich halt und zündete eine dicke Zigarre an. Er ließ das Feuerzeug springen wie immer, klappte es hörbar zu. Drei lange, völlig genußreiche Züge, drei Schritte.

Er sah nur Deutermanns Augen und Stirn, den herrischsten Teil also des Kopfes, und abseits auf der Bank, ganz allein, eine schwere, von blau verknoteten Adern schwellende Hand. Eine Hand? Eine Pranke!

Damit hat er's geschafft, grollte Kommer. Damit schafft er's auch jetzt. Ich Esel! Hier liegt die Gefahr, nicht bei dem Knaben Ganymed – ach was, Ganymed, so was wie den jungen Boß gibt es selbst in der Mythologie nicht. Den Alten aber, den gibt's! Das Maul, aus dem er spricht, sieht keiner, das will keiner mehr sehn, das wischt ihm auch Johanna aus dem Gesicht – mit ihrem Lächeln...

In diesem Augenblick geschah etwas, was in Kommers Leben ohne Beispiel war.

Der Mann kannte sich: eine robuste Natur, die je nach Laune oder Bedarf eine sentimentale Stunde – rief, wegschickte. Für seine Frau, die angeblich kränkelte und nie unter Menschen ging, hielt er ein Dutzend solcher Stunden im Jahr bereit, da blieb nicht viel übrig für andre. Seine Leidenschaft war das Glücksspiel, die Zeitung, die Politik und noch einmal das Glücksspiel, die Börse – fast zuviel für einen Mann. Hinter Abenteuern, die einen Abend zu überflügeln drohten, pfiff er reuelos einen Gassenhauer her. Keine Zeit. Er bildete sich nicht ein, je geliebt zu haben, soviel wußte er aber von der Liebe, daß es ihn graute, schon wenn ihr großes, glühendes Gesicht in Werken der Kunst vor ihm auftauchte. Er salutierte mit Achtung und wandte den Rücken. Keine Zeit. Mit Johanna hatte er ein einziges Mal versucht, einen gemeinsam vertanzten Abend sinnvoll zu beschließen, wahrhaftig ohne an Liebe zu denken, und war durch das ›Examen im Talmud‹ gefallen. Es hatte sich nicht wieder gemeldet.

Liebe? Penetranter Zeitverlust.

Kein Mensch hatte Zeit für die Liebe in Berlin.

So stand es bis dahin um Kakadu und die Liebe. Und jetzt, im Handumdrehn, war das Feuer entfesselt – in Kakadus Berlin. Und es schlug hierhin und dorthin. Auf einmal glaubte er Zeit zu haben, die Zeit tief und weit zu sehn, eine Ewigkeit von Hoffnungen, Erwartungen dehnte sich vor ihm.

Die Vision Kakadus begann damit, daß er einen Schmerz empfand, der ihn wie ein vorbeisausendes Eisen streifte, so daß er sich, unheimlich berührt, mit gekrümmten Fingern an die Stirn fuhr.

Gleich darauf war ihm wohl, als hätte es auf heiße Dürre in seinem Innern geregnet.

Beides entdeckte er gleichzeitig: stockende Hitze und Kühlung. Eine dünne, stoffartige Wand riß auf, in der alles Böse der Welt, bis zum Äußersten gespannt, dicht vor seinem Atem stand, und statt dessen vermeinte er Johannas Lächeln greifbar vor sich zu haben: ›in ständiger Frische wie ein erster Tag‹.

Diese Worte sah er, sonst nichts von ihr, nur ihr Lächeln, das ebendiese Worte waren. Das Lächeln hatte sich von ihr abgesondert, gleich dem weißen Samenbüschel des Löwenzahns, das der Wind vom Gipfel der Pflanze entführt und das lange dahintreiben kann, bevor es zerfällt – fast nur ein Gerinnsel der Luft, farblos, doch gegenwärtig. Ein ätherischer Punkt schwebte ihm vor, der auf unbegreifliche Weise ein Glücksgefühl ausströmte, und dann hörte er ihre eigene Stimme, die sagte: »Kakadu, haben Sie oft solche Anfälle?« – aber obwohl dies nun richtige gesprochene Worte waren, wehten sie doch her wie ein Gesang aus einem fernen, unerforschten Land, und sie bedeuteten etwas ganz anderes, als sie aussprachen, so wie jene ersten Worte: ›in beständiger Frische wie ein erster Tag‹ gar keine Worte gewesen waren, sondern ihr Lächeln, Johannas Lächeln.

Darüber konnte kein Zweifel sein, weder ein Irrtum des Gehörs noch sonst eine Täuschung, denn gleichzeitig hörte er Deutermann reden, und zwar genau so, wie verständige Menschen untereinander zu reden pflegten.

Zudem unterschied Kommer, daß es altmodische Worte waren, etwas steif und verstaubt, weil sie lange Zeit in der Rumpelkammer der Gebrauchssprache gelegen hatten. Worte ohne Gebärden. Worte, schamhaft in einem Blumenstrauß von weißen Glockenblumen und blauschimmerndem Lavendel gereicht. Worte, die wegsahn. Aber auch so deutlich wie Armut und Reichtum.

Die einsame Pranke auf der Bank rührte sich nicht. Die hohe, in den Schädel übergehende Stirn blieb glatt, das Auge verriet eine merkwürdige, gleichsam erbitterte Unschuld.

Deutermann legte der Frau sein Herz zu Füßen: ›ein altes, doch unverbrauchtes Herz.‹ Er bot ihr sein Vermögen an, in einer Art, als reiche er ihr den Arm, um über eine belebte Straße zu gehn.

»O Gott«, sagte Johanna erschrocken.

Es sei eines der größten Vermögen in Deutschland, fuhr er leise fort, und: endlich täte das Geld etwas andres, als nur immer zu kämpfen, zu stürmen, zu siegen und neue Gewalt aus dem unruhigen Schoß zu gebären. Reichtum sei gut. Er mache den Menschen kühn und erhaben. Deutermann leugnete nicht, daß er den Reichtum brauche, sein Leben lang habe er nichts andres angestrebt, und gerade im Alter könne er ihn nicht entbehren – heute wie je verleihe Reichtum die Macht. Nur scheine ihm die Einsamkeit solcher herzlosen Macht nicht mehr erträglich. Seit vierzig Jahre hungere seine Seele, trotz der vielen Musik. Oft reiße sich das Herz von ihm los und stelle ihn bellend, am lichten Tag könne es geschehn, in der heitersten Umgebung, und dann käme er sich vor wie nächtens in Wald und Schnee. Nun legte er Johanna seine Liebe zu Füßen. Ob er, nach so hohem Anstieg, den Gipfel des Glücks erreichen oder elend abstürzen sollte, es lag bei ihr.

»O lieber Mann«, sagte Johanna.

»Liebe Johanna«, antwortete er leise. Es verstrich eine Zeit, bevor er fortfuhr.

»Nur ein Wort noch, Frau Johanna!«

Er versprach ihr nicht mehr, als er halten konnte: alle Gaben des Abends. Er zählte sie auf, wog sie in der Hand, drehte sie vor ihren Augen, beschrieb die Wonne eines Gartens, über dem die gestillte Sonne verweilt, und hieß in ihm alle Gäste willkommen – auch John van Maray, wenn sie nach der Scheidung seiner Freundschaft, seiner Musik bedürfte, auch den armen kleinen Boß, aus dem vielleicht doch noch ein Mensch zu machen wäre, Kurt Kommer. Und an Angelica – hätten sie fast eine Tochter. Johanna liebte Angelica ... Er auch ... An Angelica hätten sie eine Tochter.

Denn, um Johanna ein Geheimnis zu eröffnen, das für sie nicht länger ein Geheimnis bleiben dürfte: Angelica sei in Wahrheit die Tochter –

Deutermann machte eine Pause, vielleicht weil er sich überwinden mußte, etwas auszusprechen, was ebenso leicht Gutes wie Schlimmes für seine Sache bewirken konnte. Vielleicht suchte er in ihren Zügen eine Bestätigung seines Verdachtes, daß sie Angelicas Abstammung kenne und das Kind deshalb an sich gezogen habe, vielleicht war es auch Johanna, die ihn durch die Bewegung aufhielt, Kommer konnte es nicht erkennen.

Und wie gern hätte er gerade jetzt die Züge Johannas gesehn! In Ermangelung eines Ausblickes glaubte er in den Fingerspitzen zu spüren, wie ihr Lächeln sich in eine schmerzliche Grimasse verwandelte, je weiter Deutermann in seiner Erklärung fortschritt. Der trockene Alte war saftig geworden.

Der Alte, stellte Kakadu fest, der schlaue Alte – trübt alles Wasser, um seinen Fischzug zu tun! Was haben Boß und ich in der Geschichte zu suchen? Ungebeten wirft er uns in die Masse des Kaufpreises. Was geht Angelica ihn an! Auch sie muß mit – vermutlich, weil der Alte mit dem Stoß rechnet, den die Enthüllung von Johns Vaterschaft Johanna versetzen wird. Und Deutermann sprach mit gesenkter Stimme:

»Angelica ist die Tochter Johns.«

Von Kommer war längst alle Verzauberung gewichen. Wo in seiner Brust heiße Dürre, dann Kühle und der Inbegriff eines Menschenlächelns gewaltet hatten, reckte sich jetzt ein Zorn, nackt, nüchtern und behaart wie ein Männerarm, der Zorn eines ehrlichen Kerls, der Zeuge eines Überfalls, eines Betrugs wird. Er wollte vortreten. »Ich habe gelauscht«, wollte er sagen, während er vortrat, »genau wie der gute, vielverleumdete Boß, den Sie Johanna dreinschenken als Suppenknochen, zugleich mit zwei andern Lappalien des Namens Maray und Kurt Kommer.«

In diesem Augenblick ertönte eine Stimme:

»Kakadu, ich rieche Ihre Zigarre.«

Die Zigarre flog im Bogen in das Taxusgebüsch.

Vier Schritte vollzog der Zorn und errötete tief, viermal erbebte schamvoll der Unterkiefer des Rächers.

Deutermann hatte sich erhoben.

Er reichte Kommer die Hand.

»Herr Abgeordneter, ich habe Frau van Maray, wie Sie vielleicht hörten, um ihre Hand gebeten. Darf ich ersuchen, die Mitteilung als vertraulich zu betrachten?«

»Liebes Kind, ich bitte um Entschuldigung«, wandte Kommer sich an Johanna, ohne dem Generaldirektor zu antworten. »Ich bitte um Entschuldigung für dies und jenes – Johanna, Sie verstehn. Es war nicht meine Absicht ... Was aber Angelica anlangt, so bedaure ich –«

Johanna hob ein Gesicht, das weiß und müde war unter der feurigen Mähne. Auch die Augen zeigten eine wolkige Blässe.

»Nichts zu bedauern, Kakadu! Kommen Sie, setzen Sie sich hierher. Sie auch, lieber Mann: hierher. Nun hören Sie zu.«

Johanna sprach langsam, was sie sagte, klang spöttisch, und sie verzog keine Miene. Unwillkürlich warfen sich die beiden Herren Blicke zu, um womöglich zu erkunden, wie man die Erzählung aufzunehmen habe. Mußte man lächeln? Durfte man betrübt sein?

Alle Welt hier, versicherte sie, laufe mit diskreten Lampen hinter der Sonne her – vorausgesetzt, daß man einen stehenden hellen Dunst, der die Gegenstände gleichzeitig verhülle und erleuchte, die Sonne nennen könne. Geradezu leidenschaftlich werde hier die Verschwiegenheit gepflegt, so leidenschaftlich, daß die Beteiligten gar nicht merkten, wie ihre Diskretion in der Art jenes sommerlichen Dunstes blitzhaft verrate, was als Geheimnis verwahrt werden sollte.

So war kürzlich ein Herr aus Paris zurückgekommen, ein weitläufiger Bekannter Samtaugs, der am selben Tag eine Einladung zum Abendessen in der Rauchstraße erhielt. Man verschwieg Johanna nicht, daß er aus Paris kam, und bei Tisch setzte man ihn so weit wie möglich von ihr weg, nachdem man schon vorher mit ihm in den Ecken getuschelt hatte, ganz diskret mit scheuen Blicken auf Johanna.

Während des Essens nun konversierte der Herr am andern Ende des Tisches so laut, daß Ruth ihn ernst mit vorwurfsvoll hingewandten Augen, dann aber mit dem Zuruf warnte: »Unter uns gesagt, die Ursel Bruhn ist ein Scheusal, wir sprechen nicht gern von ihr –«, worauf sie Johanna mit einem triumphierenden Lächeln streifte. Sie verstehn? Ruth hatte die Schlange zertreten . . . Der Herr wechselte auch tatsächlich das Thema. Er setzte Kakadu auseinander, welch ein Freund der Künste, hauptsächlich der modernen Musik der Minister Garat-Cornet sei und daß gerade die deutschen Musiker in seinem Salon den Ton angäben. Nachher im Garten folgten die Augen des Herrn Johanna überallhin und brannten darauf, sie zum Vertrauten seiner Geheimnisse zu machen. Um den diskreten Herrn loszuwerden, mußte sie sich auf ihr Zimmer zurückziehn ... »Und das neue Lied Johns, lieber Mann, summte um mich, kaum daß die Zeitung heute morgen eingetroffen war!

Obwohl ich nie eine Zeitung anschaue, versteckte Ruth das Blatt unter ihrem Morgenrock, als ich zum Frühstück auf die Terrasse trat. Es geschah mit solch rasender Geschwindigkeit, Ruth war bei meinem Anblick derart erschrocken, daß ich einen Augenblick das Schlimmste befürchtete, einen Unglücksfall Johns, was weiß ich. Eine halbe Stunde später spielte der Wind mit der Zeitung. Ich versteckte mich mit ihr, hier auf dieser Bank, und fand nichts andres, als daß die erste Seite der musikalischen Beilage fehlte. Den ganzen Morgen drehte sich das Gespräch um die Berechtigung, die Form, die voraussichtliche Lebensdauer des modernen Liedes. Bossi pfiff immer die zwei gleichen Strophen. Bei Tisch, als man sich endlich in Betrachtungen über die Pfirsichzucht vertiefte, tauchte Bossi unvermutet mit einem schmetternden Lied aus den Pfirsichbüschen, demselben, das er bisher nur gepfiffen hatte, und obwohl sie alle lachten, lachten sie so gezwungen und bedachten den armen Bossi mit so strafenden Mienen, daß ich ziemlich Bescheid wußte. Auch ich mußte lachen, weil Bossi mich über die andern hinweg trotzig anstrahlte. Kakadu aber, der neben mir saß, brummte: ›Warte, mein Junge!‹

Armer Bossi! Er grüßte mich mit kühnen Kaninchenaugen weit über den Tisch her, obwohl er wußte, was ihm bevorstand – seit der Likörorgie gestern abend. Wieviel Gläschen hat er eigentlich getrunken, Kakadu? Drei oder vier? Nun, da hatten Sie ja keine Mühe mit ihm.

Stimmt es, daß Sie ihn zum Schluß ins Gesicht schlugen, Kakadu? Ja gewiß, als er von mir sprach, ich weiß. Weshalb gaben Sie ihm zu trinken? Damit er von mir spreche? Waren Sie nicht beglückt von seinen ... Gemeinheiten, bevor Sie ihm ins Gesicht schlugen? Glauben Sie mir, Kakadu, es lag an Ihrer – Männeratmosphäre, daß aus seinen beichtenden Worten Gemeinheiten wurden. Ich kann mir denken, worum es ging. Doch, doch, ziemlich genau. Er hat nur versucht, sich männlich auszudrücken, weil Kakadu auf Genauigkeit drängte – was Kakadu in seiner Sprache Präzisionen nennt! Sie, lieber Mann, wollen mir Ihr Vermögen schenken, Kakadu hat es ja gehört, alle Früchte des Abends ... Bossi hat weder Vermögen noch Früchte feil, aber dafür möchte er mich mit aller Blüte der Erde versorgen, er möchte, daß ich nichts entbehrte, wenn ich ihn liebte, nichts, nichts! Und da sucht er und sucht, was ich am Ende wohl bei ihm entbehren könnte, und sucht, wie er es anstellen könnte, daß ich es doch nicht ganz entbehre, und da er von Frauen nur einige ... vermutlich etwas eigenartige Exemplare kennt, mich selbst aber nur im Traum sieht, so tappt er halt grausig in der Irre, und wenn Sie ihn wirklich vor ganz Buskow kränken wollen, Kakadu, so begehn Sie einen Mord am ärmsten Jungen.

Noch eins. Sie werden es furchtbar geschickt anfangen, um mich nicht zu blamieren, nicht wahr? So haben Sie es sich gedacht! Die ortsübliche Diskretion. Endlich werden die Leute genau wissen, warum sie lachen, wenn ich mich mit Bossi abgebe.

Was stand noch auf dem Spielplan des verschwiegenen Theaters? Nur auf dem heutigen, meine ich, dem eines einzigen Tages? ... Und, meine guten Freunde: ein Tag hier ist wie der andre.«

Johanna ließ den Kopf sinken, während Kommer schnell eine Zigarre aus der Tasche zog und sie umständlich anzündete.

»Und Angelica?« fragte Deutermann.

»Ach, lieber Mann! Warum legen Sie dem soviel Gewicht bei? Hören Sie zu.«

Auch um Angelica war, seit dem ersten Mal, da Kakadu sie mit nach Buskow gebracht, ein Flüstern und Schweigen gewesen, ein Schweigen von der plötzlichen Tiefe eines Brunnens, über den man sich beugt. Bald darauf stieß Johanna in einer Ausstellung auf Angelica und eine unbekannte Dame – Angelicas Mutter.

»Das einzige Mal in ihrem Leben, daß sie mit dem Kinde ausgegangen ist«, grollte Kommer.

Als habe sie daraufgewartet, schoß Angelica auf Johanna los und machte sie mit der Mutter bekannt. Das Kind schien glückselig, eine so wichtige Mission zu erfüllen. Johanna hörte, das Ehepaar Bernhard Kommer habe John in seiner Stuttgarter Studienzeit gekannt. »Er war ein reizender Bengel«, sagte die Dame. »Leider haben wir uns nur gestreift. Unsere Möbel standen schon auf der Straße, wir verzogen gerade nach Berlin. Aus Diskretion –« bitte, sie sagte wörtlich: »aus Diskretion, gnädige Frau, habe ich mich später in Berlin von Ihnen und Ihrem Gatten ferngehalten.« Und beim Verlassen des Gebäudes flüsterte sie Johanna zu, vermutlich weil sie deren Verblüffung mit Unglauben verwechselte: »Ist die Kleine ihm nicht aus dem Gesicht geschnitten?«

Zum zweitenmal begegnete Johanna der schönen Dame in einem Tanzsaal. Durch die Umgebung von Nachtschwärmern ermutigt, unter denen sie zu ihrem Erstaunen Johanna traf, eröffnete sie ihr, daß John nichts von der Kleinen wisse, und beschwor sie, ihn auch nichts wissen zu lassen, um sein Eheglück, vor allem aber seine ›künstlerische Stimmung‹ nicht zu stören ... »Denn, nicht wahr, gnädige Frau, Sie selbst sind leider kinderlos?« Jetzt kannten also zwei Menschen auf Erden das Geheimnis: die schöne Mutter und Johanna van Maray. »Ich schwöre, nur wir zwei Menschen« – Tränen regneten auf den Eid von Angelicas Mutter.

Kakadu knurrte wild auf und fuchtelte mit der Zigarre. In abgerissenen Sätzen gab er zu verstehn, seine Schwägerin verbreite das Geheimnis, wo sie könne, am liebsten natürlich in musikalischen Kreisen. Den Gatten allein verschone sie mit der Verkündigung seines Gnadenzustandes.

»Als sie aber in der Rauchstraße bei mir Besuch machte«, schloß Johanna, »empfing ich sie stehend und erinnerte sie an die löbliche Diskretion, die sie sich John und mir gegenüber auferlegt habe.«

Nun sprang Kommer von der Bank und bat den Generaldirektor, ihm zwei Minuten Alleinsein mit Johanna zu schenken.

»Kind!« rief er, als Deutermann zwischen dem Taxus verschwunden war, »Kind, du hast also die Scheidung eingereicht, weil dieses dumme Weib – Ja, was wirfst du John denn vor? Daß er es dir verheimlicht habe? Er weiß es nicht einmal! Er weiß es nicht! Du hörst ja – wie sagte sie? Sie haben sich nur gestreift! Ich glaube, die Fische machen so die Kinder. Aber so war's. Sofort ziehst du die Klage zurück. Hörst du? Sofort!«

»Pst, Kakadu! Leise! Ich werfe John nichts vor. Nur – er soll Kinder haben. Er liebt Kinder. Und ich darf keine bekommen! Wir sind zu arm, viel zu arm, sagt Ruth. Sie muß es wissen.«

»Unsinn! Aus lauter närrischer Freundschaft gönnt sie dir keine Kinder. Weil sie selbst keine bekommen kann und du angeblich ihr Kind für sie bist.«

»Außerdem hat John mich verlassen, nicht ich ihn. Er lebt mit einer andern in Paris. Er hat Erfolg. Geld! Geld! Er hat sogar Josephus für mich Geld geschickt. Sicher fühlt er sich glücklich.«

»Blödsinn!«

Mit einem Ruck erhob sich Johanna und streckte taumelnd die Hand nach ihm aus. Als er sie ergreifen wollte, schnellte die Hand zurück. Johanna selbst ergriff sie und hielt sie umklammert. Ihr Gesicht war noch immer blaß, doch mit einem Blutschein unter der Haut, der es unsäglich verschönte, so stand sie, hoch aufgerichtet, die eine der breiten Schultern ein wenig rückwärts gedreht, der Mund glühte rot, und die Augen – ja, das war seltsam, in den Augen brannte abwechselnd ein blaues Feuer und starrte die gleiche Härte, die Kommer vorher an Deutermanns Augen beobachtet hatte. Und ebenso verhielt es sich mit ihrer Rede. Bald flogen die Worte fiebrig davon, bald hielten sie kalt auf der Erde.

»Kakadu, was sollte daran Blödsinn sein? Es ist alles in Ordnung. Endlich ist alles in Ordnung. Ich heirate Deutermann, und eines Tages – hören Sie, Kakadu! Nicht eines Tages, sondern übermorgen, morgen ... kann ich ihm helfen. Helfen! Verstanden! Bisher habe ich es nie gekonnt. Bisher stand ich ihm nur im Weg.«

»Wahnsinn!«

»Kakadu, Sie schreien etwas stark, fast wie im Reichstag. Nichts von Wahnsinn. Oh, ich weiß es besser als ihr alle. Ihr seid ja liebe Tölpel, Spezialisten der Verschwiegenheit. Vernunft! Endlich einmal nichts als gesunden Menschenverstand.«

»Du heiratest den Alten?«

»Ich heirate ihn. Und Sie, Kakadu – da Sie mein ältester Freund sind, können Sie von jetzt an immer du zu mir sagen, nicht nur in der Ekstase.«

Zum zweitenmal flog die Zigarre hinter Kommer in das Taxusgebüsch. Die schwarze Hornbrille funkelte wie toll. Er stampfte die Hände in die Hosentasche und sagte:

»Morgen früh fahre ich nach Paris und spreche mit John.«

Sie schrie:

»Nein!«

Kommer war fort.

Eine Weile verharrte sie reglos.

Dann warf sie die Hände über den Kopf und war ein einsames Bild des Entsetzens.

So traf sie Josephus.

Ruhig legte er den Arm um sie und zog sie neben sich auf die Bank. Sie warf den Kopf zurück auf die Lehne und schaute aus weitgeöffneten Augenfenstern in den Himmel. Er tat wie sie. Zwei dunkle, zwei helle Augen spiegelten dasselbe Stück Bläue.

Klappern von Tassen und Geschirr auf der oberen Terrasse, der Teetisch wurde gedeckt.

Seitwärts rasselte die Tür zur Garage, ein Auto fuhr durch den Park.

Auf einmal sagte sie verschlafen:

»Du mußt doch selber sagen, Josephus, das mittelalterliche Spießrutenlaufen war eine hygienische Einrichtung im Vergleich zu dem, wie ihr mich hier verwöhnt...«

»Denk' ich mir auch«, meinte Josephus – er gluckste ein verstecktes Lachen.

Nach einem Schweigen führ sie fort:

»Zuerst war es eure Diskretion ... Jetzt ist es die helle Wut der Männer.«

»Zwei davon sind fort«, sagte er und gähnte. »Boß und Kommer. Eben im Auto zur Station ... Den Boß habe ich für vier Wochen in die Ferien geschickt ... Bis dahin ist die Gewitterzeit vorbei ... Kommer mußte auf einmal nach Hause. Weiß nicht, warum.«

Johanna fühlte sich viel zu müde, um zu antworten, und Josephus war froh, eine Viertelstunde ohne Gäste zu sein, ohne sein anstrengendes Lächeln, ohne Geschwätz. Inbrünstig schwiegen sie beide in die Bläue hinein, die dort oben verharrte.

Zuerst schlossen sich die hellen Fenster unter dem Himmel, dann die dunkeln. Tassengeklapper, Kinderrufe, Heranrauschen des Berliner Zuges hinter den Hügeln von Buskow.

Deutermann hatte Kommer davoneilen und Samtaug in den Sandweg einbiegen sehn. Um ihm zuvorzukommen, war er zu weit entfernt gewesen. Er ärgerte sich und wartete.

Als er schließlich wie von ungefähr den Sandweg hinaufging, fand er Johanna und Samtaug schlafend Seite an Seite. Auf den Fußspitzen ging er zurück.

Die beiden erwachten vom Geräusch eines Autos, das mit schmetterndem Hörn vom Parkweg auf die Landstraße einbog.

Josephus hob den Finger:

»Das Autohorn des Generaldirektors! Jetzt ist auch der dritte Mann weg ...«

Deutermann aber hatte einen Brief an Johanna hinterlassen, in dem es hieß: »Verehrteste Freundin! Ich erwarte Ihre Antwort telephonisch bis heute nacht vier Uhr, dann wieder von einhalb sieben an und so fort, Tag und Nacht. D.«

Ruth selbst überreichte den Brief, als Johanna mit Josephus an den schon halb abgeräumten Teetisch trat.

Sie lächelte fein und sagte:

»Wenn dieses Billett nicht von der allergrößten Bedeutung ist, will ich nie mehr ein Geheimnis wissen.«

»Du sollst es erfahren«, versetzte Johanna.

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