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Symphonie für Jazz

René Schickele: Symphonie für Jazz - Kapitel 14
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typefiction
authorRené Schickele
titleSymphonie für Jazz
year1963
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
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13

Wieder wie vor Jahren: fliegender Holländer auf einem Alkoholschiff.

Doch diesmal muß der romantische Held täglich zwölf Stunden Zwangsarbeit verrichten.

Ich habe auch wieder vom Depsich geträumt, dem käsebleichen Depsich – der offenbar den Nebenberuf ausübt, in meinen Träumen als Staatsanwalt meines Gewissens aufzutreten. Seinen Hauptberuf kenne ich nicht, weiß nicht einmal, ob er noch lebt, im Pommerschen oder sonstwo da oben.

Auch einen Fesselballon habe ich im Traum gesehn, das Tau schleppte auf dem Boden, und der Ballon trieb mit melancholischem Nicken über Güterbahnhöfe und Plätze und abgeerntete Felder, über einen hohen Berg, um schließlich zerknüllt und verdrießlich im Park eines Schweizer Sanatoriums niederzugehn. Aber da war ich schon halb wach. Über dem hohen Berg war ich erwacht.

Draußen vor den Fenstern rumorte Paris.

Ich liebe Paris, weil es eine zart besaitete Landschaft und auch weil es die Stadt ist, wo die Katze als das Sinnbild abgründiger Schönheit verehrt wird, als Lehrmeisterin einer etwas trägen, etwas unzuverlässigen Anmut, und wo ein Haufen wilder Lebenskämpfer vor Schrecken erstarrt, wenn ein Kind allein über den Fahrdamm will. Erinnern die Frauen nicht alle an halb verschlafene oder überwach gespitzte Katzen, die Männer an zuversichtliche Buben? Und manchmal erscheinen sie mir wie Erstkommunikanten und -kommunikantinnen, die schnell ins Heidentum zurückspaziert sind, aber vergessen haben, sich die Spur der kirchlichen Salbung von der Stirn zu wischen.

Kein Wunder, daß Billi-Billi das tiefste Verständnis bei den Parisern findet. Der westliche Katholizismus wie der östliche kennt seit je die schwarzen Madonnen. Und Felix Arabou stammt von den Bildhauern der romanischen Kirchen ab, darüber kann kein Zweifel bestehn.

In Wirklichkeit sind die Franzosen katholisch bis zur antikatholischen Despotie, sie sind katholisch bis zur Narrheit. Die paar Protestanten unter ihnen erhalten das Gleichgewicht. Keinem europäischen Volk scheinen die Juden so nahe wie den Franzosen. Und die Franzosen haben den stärksten nationalen Magen der Welt, sie assimilieren sich die artfremdesten Rassen, daß es wie Hexerei wirkt.

Schon viele haben geäußert, eine große Stadt sei ein Meer, und als das Meerhafte die Häuser und Dächer genannt. Aber nein, es ist das Geräusch der Stadt, das an das Meer erinnert, der Lärm und die Stille. Ursel und ich haben das Meer nicht verlassen, wir haben es nur gewechselt – ich und mein Nacht-Ursch.

Mein Nacht-Ursch, das ist Ursel, wie sie in der Nacht lebt. Unser lebendiger Nachtsommer.

Dagegen gehört der Tag-Ursch zu den Leuten, die das vom Meer so herschwatzen wie vieles andre, weil sie ernsthaft nur über den Gelderwerb nachdenken.

Meinem Nacht-Ursch bin ich treu wie Brot.

Den Tag-Ursch betrüge ich, wie ich kann.

Statt eine gut bezahlte Unterrichtsstunde zu geben, flaniere ich zum Beispiel mit meinem Freunde Felix Arabou. Zweimal in der Woche fährt er von Bouval, wo er wohnt, nach Paris. Wir treffen uns zur festgesetzten Stunde am Bahnhof St.-Lazare und bummeln dann bis zum Abend.

Gewöhnlich zieht es Arabou gleich nach dem Garten des Luxembourg oder den Tuilerien. Er muß Kinder um sich haben, und da seine fünf Kinder noch alle zu klein sind, um ohne die Mutter zu reisen, die Mutter aber ohne die Kinder nicht reisen will, so stillt er seine Sehnsucht, indem er in jeden Kinderwagen hineinguckt und an die größeren Kinder Segelschiffe, harte Gummibälle, die drei Meter hoch springen, und Luftballons verteilt. Eine wunderbare Erholung für abgehetzte Männer wie wir!

»Mein Lieber, Sie haben keine Kinder«, sagt er zur Entschuldigung, wenn er einmal zu lange vor Nase und Mund eines Säuglings gefingert hat.

Jedesmal antworte ich: »Nein, leider nicht.«

Johanna betreibt unsre Scheidung.

Ich lasse mich nicht von ihr scheiden! Ich will nicht. Ich beantworte nicht einen einzigen Brief ihres Anwalts, keine Vorladung. Das ist das beste.

Tut bäbä! Arabou behauptet, er kenne Johanna so gut, daß er sie modellieren könnte, obwohl er nicht einmal ein Bild von ihr gesehn hat, er nennt sie eine gute, tapfere Frau wie die seine, und das einzige Mal, daß ich ihn bei einer Unschicklichkeit ertappte, war, als er in einer Art Jähzorn mich einen Esel und einen Nichtnutz schimpfte, wenn ich nicht innerhalb eines Vierteljahres zu Madame zurückkehrte. Auch bestand er darauf, daß ich Madame um Verzeihung bitte, wofür er mir diese Verzeihung in sichere Aussicht stellen zu können glaubte.

Eine Wohltat, neben dem kleinen kräftigen Mann zu marschieren, der soviel Haare im Gesicht hat. Er fühlt sich als Handwerker, und als ein Handwerker spricht er klug und bestimmt, mit einem leisen Sang hinter den Worten wie aus der Fülle von Schönheit, die seine Rasse hervorgebracht hat.

Familie Arabou hat nur ein Dienstmädchen in Bouval, obwohl Monsieur ein vermögender Mann ist, und. das eine Mädchen gilt als unwillkommene Sklavin. Wenn sie am Tisch mitäße, sagt er, wäre es besser, dafür sei er aber schon zu verdorben, sagt er, es gehe nicht.

»Geld? Ich brauche es für unsre alten Tage«, sagt er – »und außerdem habe ich bis jetzt schon fünf Kinder.«

Ich frage, warum er keins der Kinder modelliert habe.

Streng:

»Erst müssen die Gören so groß sein, daß sie richtig ihrer Mutter gleichen. Und«, fügt er heiter hinzu: »bis dahin modelliere ich sie eben alle zusammen in ihrer Mutter.«

Er liebt alte Kleider, und wenn er einen neuen Hut kauft, reist er eine Weile darauf zwischen Bouval und Paris, dann ist der Hut soweit, und Arabou kann ihn ungeniert aufsetzen.

Unter den reichen Leuten gibt es ›Klienten‹, mit denen er sich infolge eines (seinem Händler gegebenen) Ehrenwortes über die Kunst unterhalten muß, die andern schaut er sich gelegentlich an, um die natürliche Neugier des Menschen zu befriedigen, und auch, damit sein Temperament nicht einschläft. Er glaubt an die Weltrevolution, versteht aber nichts davon.

Eine Weltrevolution scheint ihm eine verdammt verzwickte Geschichte, die verzwickteste, die er kennt (»weil so viel anständige Interessen gegeneinanderstehn und, wie der Minister mit Recht sagt, erst einmal alles darüber kaputt geht«). Worauf sollte sich der Glaube richten, wenn nicht auf unmögliche Dinge? Zu dem, was man sieht und greift, braucht man ihn nicht. Arabou glaubt auch an den ewigen Fortschritt des Menschengeschlechts.

Alle seine Vorfahren waren Weinbauern, und ein Bauer ist er geblieben. Wenn er von sozialen Interessen spricht, meint er die Interessen der Bauern. Er betont, das kapitalistische Amerika habe sich trocken gelegt, während in Rußland das Glas fröhlich umgehe. Er trinkt gern und wenig. (Ich trinke ungern und viel.) Was er zugibt zu verstehn, das sind Brot und Wein, ihre Bereitung, ihr Preis, sein Handwerk. Jedem sein Feld, und Respekt vor dem Feld des andern! Er legt keinen Wert auf Originalität, weder in seinen Meinungen noch in der soviel wichtigeren Arbeit. Vielleicht ist er deshalb der eigenartigste unter den Bildhauern der Zeit.

Arabous Kinder sind ungetauft, aber seine Frau schleicht sich manchmal heimlich zur Messe. Er vermerkt es als lässige Sünde und lacht wie ein Dieb. Er will in seinem heimatlichen Dorfe begraben sein, mit oder ohne Priester, wie sie's dann gerade im Dorf damit halten.

In der Notwendigkeit, die Herrschaft der Priester auszurotten, bis auf den Stumpf, geht er einig mit Garat-Cornet und dessen Partei, ebenso in der Verteidigung der Republik. Über das Parlament macht er sich lustig, wie alle Franzosen, er läßt keine Wahl aus und stimmt für die Kommunisten, übrigens mit der Billigung Garat-Cornets, der mir erklärte: »Schade, daß ein Mann wie Arabou nicht meine Partei wählt. Wenn er aber uns nicht wählt, dann muß er seine Kandidaten links von uns suchen. Links und nur links.« Arabou ist Offizier der Ehrenlegion. Einmal im Jahr zieht er den Frack an und seine Frau ein seidenes Kleid, und sie besuchen den Ball des Präsidenten.

Er hat nur zwei Feinde, der eine ist der Steuereinnehmer von Bouval, der andre heißt Ursel Bruhn. Den Steuereinnehmer haßt er. Ihn haßt Ursel. Und doch hat er anfangs ein- oder zweimal ihren kleinen prallen Leib gespürt! Sie traut ihm nicht, nicht seiner Höflichkeit, nicht seinem langen, verlegenen Schweigen. Hat er sie je in seine Familie nach Bouval eingeladen? Niemals.

Sie aber weiß, daß er mir dauernd sein Gastzimmer anbietet. Woher? Ich ahne es nicht.

Nach ihrer Behauptung reimt sich Bildhauer auf Bauer wie Schuh und Fuß. Und: »Ein Bildhauer!« meint sie, indem sie ihre feine Nase verzieht, »ein Bildhauer! Was versteht ein Steinmetz von Musik!« Er wieder meinte, als er einem Zornausbruch Ursels und meinem Beschwichtigungstheater beigewohnt hatte:

»Vielleicht kann ein Künstler kein rechter Mann sein ... Wo sollte er auch die Zeit hernehmen?«

Wüster Tagsommer.

Zehrender Nachtsommer.

Sommer der Freundschaft mit Felix Arabou.

Geburtsjahr einer unsterblichen Statue.

Billi-Billi, lebensgroß in Bronze gegossen ...

Ein Stelldichein wurde verabredet, um sie zu besuchen.

Wir hielten im Hof der Gießerei, auf der Seine fuhr eins der kleinen Pariser Dampfboote vorbei. Der helle Haufen Menschen an Deck winkte, wir winkten zurück: der Vorarbeiter, der Bildhauer, der Minister und ich, dann setzten wir unsern Rundgang um die ruhende Tänzerin fort. Nur Ursel war in Betrachtung versunken geblieben.

»Finden Sie nicht, daß sie mir gleicht?« fragte sie mit einem sichtlichen Anlauf.

Auf einen Ruck wandten alle den Kopf nach ihr, der Vorarbeiter, der Bildhauer, der Minister und ich, eine Pause trat ein, und Ursel errötete wie als Schulmädchen, wenn sie eine schlechtere Note erhielt, als sie gedacht hatte.

»In der Tat«, beeilte sich der Minister, »in der Tat – soweit eine Weiße einer Schwarzen gleichen kann.«

Die Franzosen zeigten höfliche Augen, in denen auch gleich ihre eingefleischte Nachsicht für die Frau auflebte, der Vorarbeiter nickte ihr ein Kompliment zu, der Blick des Bildhauers nahm einen flüchtigen Abdruck von ihr, lächelte gutmütig, nickte, auch er.

»Außerdem«, sagte der Minister, »gleichen die Modelle Arabous alle seiner Frau.«

Dies klang gewichtig – als wäre es ein Satz aus einer Rede. Garat-Cornet hielt sich auch so, wie ich ihn bei der Schlußsitzung der Abgeordnetenkammer auf der Tribüne gesehn hatte, üppig und hoch in der Gestalt, ein schöner Gallier, dessen Schnurrbart und en brosse geschnittenes Haar fröhliche Kampflust verrieten. Er liebte die Kunst – ich erkannte es deutlich. Hingerissen stand er vor der Bildsäule, nachdem der Zwischenruf Ursels beantwortet war, und atmete schwer, atmete andächtig. Er gehörte zu jenen überzeugten Freimaurern, die im Ernst für die Freiheit und die schöne Entfaltung des Menschengeschlechts wirken, und er begrüßte alle neue Kunst als Überwindung der Finsternis und einen ›singenden Schritt in die neue, bessere Zeit‹, um ein Lieblingswort von ihm zu gebrauchen.

Die Bemerkung Garat-Cornets hatte Ursel verstimmt.

Frau Arabou war eine kleine Frau, kurzhalsig, mit ziemlich dicken Gliedern, die fünf Kindern das Leben geschenkt hatte. Ursel sah weg und rümpfte die Nase.

»Arabou, ich will ein Prophet sein«, sagte ich (um auch etwas zu sagen). »Von der ganzen Niggerei unserer Zeit wird nur Billi-Billi bleiben – Ihre Billi-Billi, die Madame Arabou gleicht.«

Ursel war viel zu verärgert, um an meine Lieder zu erinnern. Statt ihrer tat es der Minister. Ich platzte aus, und Ursel strafte mich mit einem Blick, darin stand zu lesen: ›Das Schaf weiß sich nicht zur Geltung zu bringen‹, das Schlimmste, was sie jemand nachsagen konnte.

Bildhübsche Ursel!

Hinter dem Rücken der andern warf ich ihr Kußhände zu.

Sie schüttelte grimmig den Kopf.

Ja, ja ... Ich hatte es in der letzten Zeit oft zu hören bekommen: als Liebhaber mochte sie mich, als Künstler war ich ein Unding. Für Ursel Bruhn blieb aber die Hauptsache die Kunst.

Arabous Kunsthändler kam über den Hof geschossen. Er verbeugte sich tief vor dem Minister und klopfte dem Bildhauer auf die Schulter. Dann führte er einen Skalptanz um die Statue auf, der damit endete, daß er, vor Begeisterung verstummend, hastig in die Hosentasche griff und dem Vorarbeiter einen zerknüllten Geldschein in die Hand drückte.

Endlich erschien Billi-Billi, ganz allein. Nachdem sie ihre liegende Gestalt aufmerksam von allen Seiten betrachtet hatte, sagte sie zum Bildhauer: »So schön bin ich nicht. So schön war nur meine Mutter.«

Sie legte den Arm um seine Schultern und küßte ihn auf beide Backen.

Der Kunsthändler stand tränenden Auges hinter ihnen und klatschte leise in die Hände.

Wir fuhren nach Paris zurück.

Das Leben mit Ursel wurde immer schwieriger.

Wir bewohnten den ersten Stock eines Hauses Ecke Rue Bonaparte und Place St.-Germain-des-Prés. Im Erdgeschoß befand sich ein Café. Bis spät in der Nacht rasselten die Autobusse vorbei und brachten die Häuser zum Tanzen. In den kurzen Pausen siedete es und sauste, man wußte nicht recht, wovon. Der Verkehr auf dem Boulevard St.-Germain warf nur die gröbsten Laute herüber, die man auch deutlich als solche unterschied, indes das Sausen und Sieden im Hause selbst zu wohnen schien, wie die Musik im Lautsprecher.

Tagsüber gaben wir Stunden und ›scheffelten Geld‹. Nachts zogen wir mit meiner Jazzband von Salon zu Salon und scheffelten wiederum Geld.

Ursel hatte herausbekommen, daß unser Honorar für derartige Privatveranstaltungen nicht weit hinter dem Ertrag eines Konzertes zurückzubleiben brauchte. Sie wußte es nämlich einzurichten, daß die Veranstalter einander überboten. Es war eine Art von endloser amerikanischer Versteigerung, die sie mit uns vornahm.

Die öffentlichen Konzerte, erklärte sie mir, dienten einzig und allein dem ›Ruhm‹, worunter sie die Feierlichkeit des Apparats verstand, der die Lockvögel oder ›Spitzen der Gesellschaft‹ auf einem weithin sichtbaren Platz versammelte, in zweiter Linie die Gratisreklame der Zeitungen. Das nächste Konzert wollten wir im Herbst geben: mit meiner Symphonie als Hauptstück. Schon verbreitete Ursel die Sensation durch Wort und Schrift.

Eines Tages beobachtete ich, wie sie ein Tischchen an den Flügel rückte, beschriebenes und leeres Notenpapier in Unordnung darüberstreute und zum Schluß ein altes Saxophon, das ich aus Liebhaberei mit mir führte, an das Bein des Tisches lehnte.

Eine Stunde später erschien sie mit einem Photographen in der Wohnung, der mich aufnahm, wie ich an der ›Symphonie für Jazz, Streicherkorps und Orgel‹ arbeitete. So hatte ich kurz darauf das Vergnügen, mich endlich einmal an der Symphonie arbeiten zu sehen, wenn auch nur in einer illustrierten Zeitung.

In Wirklichkeit war ich ausschließlich damit beschäftigt, Geld zu scheffeln und jede Woche ein neues Lied für Ursel zu schreiben. Sie brauchte immer wieder ein neues Lied, dessen Premiere audition sie versteigern konnte.

Zwar hatte die Reisezeit längst begonnen. Aber Paris leerte sich viel zu langsam für meine Begriffe, der Minister Garat-Cornet war noch da und ein großer Teil seiner Bekannten.

Die Leute gaben vor, das leere Paris, das ›Paris der Pariser‹ zu genießen, während zur gleichen Zeit eine wachsende Zahl von Häusern genannt wurde, die sich eine besondere Stellung schufen, indem sie die vornehmsten der nunmehr in Massen ankommenden Fremden empfingen. Es wurde Mode, Paris erst zu verlassen, wenn die besseren Fremden durchgereist waren.

Unser Hauptstützpunkt, Festung und Kapitol, blieb nach wie vor das Haus Garat-Cornets. Ursel buchte es auf Geschäftsunkosten. Bei Garat-Cornet musizierten wir umsonst.

Madame, eine geborene Wienerin, zeichnete sich durch ein ungewöhnliches Musikverständnis aus, und sie spielte ausgezeichnet Klavier. In ihrer Jugend sollte sie auch als Sängerin geschätzt gewesen sein, bevor ihr Fettherz sie zum Verstummen gebracht hatte. Ihre Stimme schimmerte noch von Wärme wie eine Frucht an der Sonne, ein ganz klein wenig rauh klang sie, und gerade dies liebten die Männer. Unter allen Menschen hörte ich nur auf ihre Stimme – ohne zuzuhören. Ihre Gestalt war die eines erst übermäßig hochgeschossenen, dann allzu schnell dick gewordenen jungen Mädchens. Blond. Sie kleidete sich blau. Vom Morgen bis zur Nacht, manchmal bis zum nächsten Morgen wurde bei ihr musiziert. Nachdem sie jahrelang, zur Krönung des Tages, ›ihre‹ Quartette produziert hatte, zeigte sie jetzt ›ihre‹ Jazzband, und das war ich, die Marayband.

Wenn Ursel sang, hielt Madame den Klavierpart. Leider machte sie kein Hehl daraus, daß sie mich Ursel vorzog, und als Folge dieser Ungerechtigkeit wuchs der Posten ›Garat-Cornet‹, Konto Geschäftsunkosten, der ursprünglich nur ein winziger Stein des Anstoßes gewesen war, unter dem Feuerregen von Ursels Abscheu auf wunderbare Weise zum Felsen.

Ich nannte es Geiz, in der Erwartung, mich damit wirkungsvoll zur Wehr setzen zu können. Welch ein Mißgriff! Spielend entwand Ursel mir die Waffe, sie bekannte sich zu ihrem Geiz und zog mir jedesmal, wenn wir bei Madame umsonst musizierten, ein halbes Abendhonorar ab. Wieder setzte ich mich zur Wehr. Ich gab Garat-Cornet ein Zeichen, und Ursel wurde nicht mehr zum Singen bemüht. Da belastete sie mich mit einem ganzen Abendhonorar.

»Ursch«, drohte ich, »du treibst es ärger und ärger, und überdies läßt du mich nicht arbeiten. Ruhe! Was ich dir für deine Salonpremieren schreibe, ist für mich keine Arbeit.«

»Es ist dein Bestes!« behauptete sie und schnellte hoch.

»Nein. Und nochmals: Ruhe! Wenn du mich zwingst, zu wählen zwischen meiner Arbeit und dir –«

Sie unterbrach mich:

»Du meinst zwischen mir und dem Honorar.«

Ich suchte meinen Hut und kam gerade zurecht, um von der Hausschwelle auf den Autobus zu springen. Gewaltig donnerte er in die enge Straße. Die Häuser schwankten, und im Geiste sah ich Ursel und ihr zuversichtliches Lächeln mitschwanken, auf dem Teppich, mitten im Zimmer, einen halben Schritt hinter mir, so, wie man sie auf dem Bild der illustrierten Zeitung bewundert hatte: »John van Maray und die berühmte Sängerin Ursel Bruhn bei der Arbeit an einer Symphonie für Jazz, Streicherkorps und Orgel.«

Die Nacht kam. Immer kam die Nacht. Sie versöhnte uns immer.

Auf dem Diwan meines Zimmers, das nur die Bogenlampen des Platzes erleuchteten, fand ich sie wieder: die hemmungslos sich ausgießende Geliebte an der schmalen, gezackten Grenze ihrer Stimme, über die alle Gewalt rieselte, so daß es lange wie Sommerregen nachklang aus einer strahlend erleuchteten Tiefe. Die Ursel meiner Nächte, die ich ganz und gar verschieden wähnte von der unsrer mühsamen Tage.

Völlig vergessen die ersten Umarmungen, jene doch ziemlich krassen Offenbarungen, mit welcher Maschinistin der Wollust ich es zu tun hatte. Sie waren schon damals in das tiefe Meer gefallen und versunken in ihm, das gleich mit Seelengewalt über ihnen brauste. Sicher hielt ich auch absichtlich an der Täuschung fest, war es doch gerade das Doppelleben mit dem ›Tag-Ursch‹ und dem zutiefst verwandelten ›Nacht-Ursch‹, diese scheinbar unerschöpfliche Überraschung, die mich entzückte! Darum sage ich auch tags nur kurz Ursch zu ihr, nachts aber: mein Ursch.

Ein Autobus donnerte heran, die Erde wankte, dann zischte, sauste, bröckelte das Haus, ein Autobus donnerte heran, eine zweite Meereswoge, eine dritte, und eine sprang, leicht wie eine Spiegelung, über die Dächer der Stadt Paris und steil in einen feurig zugespitzten Himmel, der weithin zu wogen begann. Luftige Tore sprangen. Wir hielten, vor Seligkeit erblindet. Über die Wiesen eines höheren Sonnenuntergangs sanken wir mit dem Meer – und uns in die Arme zurück.

Tags war Ursch ein lustiger Teufel, nachts war sie ein Engel im Fleisch. Die menschliche Seele vermag manchen Funken aus sich zu schlagen – warum nicht Teufel und Engel?

Doch eines Nachts, in der Umarmung, rief Ursel ungeduldig:

»So paß doch auf!«

Und unser Nachtsommer war zerstört.

Richtig, ich hatte nicht aufgepaßt.

Jetzt tat ich es.

Sie hatte nie geduldet, daß wir uns in ihrem Zimmer liebten. Als ich einmal spät heimkam, überrumpelte ich sie in ihrem Bett.

»Was fällt dir ein!« schrie sie mich an.

»Warum darf ich nicht bei dir schlafen, mein Ursch? Ich bin übrigens todmüde.«

»Müde oder nicht – mein Bett wenigstens will ich sauber halten.«

»Wa-as? Sauber –«

Ich hob die Hand – und mit dieser zum Schlag erhobenen Hand jagte ich hinaus. In meinem Zimmer sah ich, wie ich die Hand noch immer in der Luft und von mir weg hielt.

Ich betrachtete die Hand und schämte mich, weil sie gegen eine Frau emporgefahren war, aber noch viel mehr, und deshalb betrachtete ich sie, deshalb stieg meine Scham und brauste mir mit rauher Stimme in den Ohren, mit zündenden Gesichten in den Augen, noch viel mehr, weil sie Ursel so lange zum gelehrigen Werkzeug gedient hatte.

Ich riß das Leinen, die Decken vom Diwan und warf sie samt den Kissen vor ihre Tür.

Dann verließ ich das Haus und mietete in dem nahe gelegenen Hotel d'Alsace ein Zimmer.

Ursel schien sich nicht an den nächtlichen Vorfall zu erinnern.

»Recht hast du, John«, sprach sie arglos. »Für manche Leute ist ein schlechtes Bett noch immer besser als ein guter Diwan.«

Sie besuchte mich im Hotel und brachte mir sogar meinen Talisman, das alte Saxophon.

»Nie dich davon trennen, John!« empfahl sie mir. »In diesem Metall wohnt dein Hausgeist, der Sicherheit und Ruhm verbürgt.«

Was meine Sicherheit anlangte, war sie so kräftig wie lange nicht, aber von einer Art, die Ursel noch nicht kannte, und den Ruhm hatte ich ihr mit der Bettwäsche vor die Tür geworfen.

Die Trennung geschah an einem Gewittertag.

Ein ganzer empörter Himmel rief straßenwehend: »Putz' die Platte!«

Ursel hatte Arabou das Versprechen abgenommen, sie in eine gewisse hochadelige Gesellschaft einzuführen, die der Bildhauer zuweilen aufsuchte. Kaum war der Tag für unsern Besuch festgesetzt, als Ursel auch schon begann, über die ›Pariser Bürger‹ zu spötteln, die sich Radikale nennen, weil sie unerbittlich auf dem Pfennig fuchsen, und ihre abgesungenen Damen, über die Kunst der gütigen Herzen, Liebespaare auseinanderzubringen, zugleich malte sie sich aus, zu welchen Herrlichkeiten der bevorstehende ›letzte Schritt auf der Leiter‹ sie emporheben würde.

Zu fünft verließen wir das Haus Garat-Cornets, denn auch Garat-Cornet und Frau hatten durch Arabous Vermittlung eine Einladung erhalten, und beschlossen, den Weg zu Fuß zurückzulegen. Ein heißer Nachmittag beugte sich gespannt: über die Stadt. Plötzlich brach er in einem Gewitter zusammen. Das war ein Regen, unter dem die Bäume der Champs-Elysees stehenden Fußes ersoffen. Auf dem Fahrdamm stand das Wasser wie bei einer Überschwemmung, in weißen Garben spritzte es von den Autos. Die Häuser entlang und hoch über den Dächern trieben Schwaden von Wasserdampf.

Und es war heißer als zuvor.

Wir schritten in unsern Gummimänteln und schwitzten. Das Wasser, das uns über das Gesicht in den Kragen und an den Ärmeln hinunter in die Tasche lief, war lauwarm. Wir versuchten, ein Auto anzuhalten, sie rasten vorbei.

Ursel beklagte sich nicht. Sie liebte es, den Elementen zu trotzen.

Nach einer weiteren halbstündigen Wanderung durch Seitenstraßen langten wir an unserm Ziele an. Im Vestibül nahm uns ein livrierter Diener in Empfang und trocknete uns ab, der Fahrstuhl miaute, wir betraten einen riesigen Atelierraum, in dem stark gedämpftes Tageslicht herrschte. Junge Herren reichten Tee und Gebäck, es roch heftig nach chinesischer Taglilie, Gespräche im Flüsterton füllten gleichmäßig summend, leise betäubend den Raum.

Die Gastgeberin begrüßte uns.

Sie machte den Eindruck einer in frommen Übungen und Wohltätigkeit ergrauten Schloßherrin aus der Provinz, sanft beleibt kam sie daher und freundlich, und ihre Röcke reichten bis zum Knöchel, sie trug einen hochadeligen Namen und marschierte an der Spitze dessen, was man hier im Hause die Zeit nannte, unsere Zeit, die gegenwärtige Zeit – die Zeit. So hatte mir als Kind der Herr Pfarrer die Hand gereicht. So hatte er, wie zur Probe, den gesalbten Mund bewegt, bevor er die ersten Worte sprach. So hätte sein erhabenes Kuhauge auf mir geruht.

» Altesse«, hauchte Ursel – um ein Haar hätte sie einen Knicks gemacht und der alten Prinzessin die Hand geküßt.

Noch während wir mit ihr sprachen, trat auf einmal ein junger Abbé hervor, er trat gleichsam aus ihr heraus, wie ihr fleischgewordenes Wort, indes der schwere Umriß der Dame im Helldunkel unsern Blicken entschwand. Von den Hüften bis zu den Füßen, die in grobem Schuhwerk staken, verriet der Abbé deutlich die ländliche Herkunft, der obere Teil war von seinem Pariser Umgang veredelt. Lächelnd stellte er uns einer Reihe von Damen vor, die alle in knappe, am Hals schließende Blusen und einen ganz kurzen Rock gepreßt waren und kurz geschnittenes Männerhaar trugen. Die meisten sprühten von Schminke, einige aber, mit strengen Gesichtszügen, hatten nicht einmal die Lippen gefärbt.

Die Geschminkten, fand ich heraus, neigten mehr zur streitenden Kirche, die blassen mehr zum Buddhismus, aber die Grenze der Weltanschauungen blieb sehr verschwommen. Das kam daher, daß die katholischen Mitglieder der Versammlung sich ebenso leidenschaftlich und unverbindlich für die indischen Heilslehren interessierten wie die buddhistischen für die römischen. Im Grund schwankten sie zwischen Rom, Lhassa und Benares, denn einige unter ihnen liebäugelten auch mit Brahma, von dem sie annahmen, er werde sich auf die Dauer stärker zeigen als alle Buddhas zusammen, diese ›Luther des fernen Ostens‹.

Dafür herrschte bei den Jünglingen um so mehr Ordnung, Aktivität und noch etwas, was sie mit Wirklichkeitssinn bezeichneten, worunter sie aber trainierte Muskeln verstanden. Sie hielten es mit dem kommenden König von Frankreich und dem Dichter des Tages, dem langen, blonden – Ursel stupfte mich: wie hieß er doch gleich? Fast alle waren hübsch, und ihre Namen gehörten zu den ältesten Frankreichs. Wenn einer von ihnen nicht gut aussah, so zeichnete er sich gleich durch eine Anomalie aus: ein gleichsam verwehendes, nur flüchtig gespiegeltes Wesen oder, im Gegenteil, ein heftig entartetes Gesicht.

Auch der deutsche Weltreisende war zugegen und wurde sichtlich geehrt. Ich bemerkte, daß man, nächst den historischen und philosophischen Altertümern, am meisten mit Deutschland sympathisierte, von dem man anzunehmen schien, es sei noch immer das alte und überdies ein lebendiger Wall gegen die Weltrevolution, wie sie aus dem Osten drohte.

Ursel hatte erst in jener Anmut geblüht, mit der fünf Minuten echter Schüchternheit sie schmücken konnten, und war nicht von meiner Seite gewichen. Jetzt hörte ich sie irgendwo im Zigarettenrauch mit der Anrede ›Hoheit‹ saftig umgehn wie mit einem Fruchtmesser. Ihr Altesse durchschnitt das Halbdunkel kreuz und quer. Ursel hatte sich gefaßt. Sie sprach laut und gebieterisch. Sie war auf dem Posten. Ich war froh, von ihrem ungenierten schlechten Französisch nichts anderes zu hören als das Signal ihres Sieges über die große Welt: Altesse ... Altesse ...

Ein junges Mädchen in schwarzer Russenbluse, in langen schwarzen Beinkleidern, die sich an den Fußknöcheln verengten, erschien an der Tür. Beschwörend hob sie die Hand. Sofort wurden Teetassen und Zigaretten weggelegt, man begab sich paarweise zwei Treppen hinunter in das Erdgeschoß.

Hier schloß sich uns ein halbes Dutzend Kinder an, wie ich hörte, Kinder russischer Adeliger, deren Mütter ein Gewerbe ausübten, Mütter und Kinder lebten im Hause der Prinzessin, zwei der Kinder waren Waisen und von der Prinzessin an Kindes Statt angenommen.

Ein großer, ein kleiner Raum, mit bemalten Decken, der erste voller Stühle, wir nahmen Platz. Ich saß in der ersten Reihe zwischen Felix Arabou und Madame Garat-Cornet, rechts von ihr saß ihr Gatte, der Minister.

Der um eine Stufe erhöhte kleine Salon war ebenfalls ausgeräumt bis auf den Flügel an der Rückwand. Nackter Parkettboden unter einem lila verschleierten Kronleuchter. Die Vorhänge, lila Damast, dicht geschlossen.

Wahrscheinlich hatte früher eine Flügeltür den kleinen Raum vom großen getrennt, denn zu beiden Seiten der Öffnung stand ein Stück Wand hervor.

An einer dieser Wände schob sich jetzt das Mädchen in der Russenbluse und den langen Beinkleidern entlang, gleichzeitig nahte auf der andern Seite langsam ein Mann, bis auf die Füße in einen lilasamtenen Radmantel gehüllt. Stickende Stille. Es roch heftig nach chinesischer Taglilie.

Das verblühte Knabengesicht des Mannes war geschminkt, das gekräuselte blonde Haar seitlich in die Höhe gekämmt.

Das Mädchen stellte einen Fuß auf die Stufe und lehnte hingebend die Wange an die Türfüllung, so daß Haupt und Fuß allein den Kuß des gefärbten Lichtes empfingen. Der Fuß war nackt.

Sie wartete, bis der Mann den Flügel erreicht hatte, dann zog sie den andern Fuß nach, und der Mann setzte sich. Der Radmantel mit dem Zobelkragen war auf die Lehne des Stuhles geglitten, der Mann saß in fliederfarbenem Pyjama, fliederfarbenen Pantoffeln, die Hände voll glitzernder Ringe. Und nun, als verfügten sie über eine leicht verletzliche Feinfühligkeit, suchten seine Hände langsam, fanden zögernd die Tasten. Endlich spielte er. Er sang.

Er sang deutsch, mit Königsberger Akzent – alte geistliche Lieder. Die Stimme krächzte süßlich, eine Altweiberstimme, in Wonne getaucht. Wunderbar tanzte das Mädchen.

Was er spielte und sang, das drückte das Mädchen in Tanzgebärden aus. Die wollüstigen Windungen und Streckungen des Körpers stiegen aber nicht bis zu dem asketischen Haupt empor, vielmehr schien das Haupt nicht zu wissen, was der Körper tat. Und der Körper selbst schien Lust nur zu träumen. Ungeschminkt, scharf, bitter schwebte das Haupt gleichsam für sich, überwach und vom Traumleben des Rumpfes getrennt.

Das welke, geschminkte Gesicht des Mannes schwamm in feuchter Süße. Als er, über die ganze Gestalt erbebend, die Augen schloß, lief ein Flüstern der Bewunderung durch den Saal. Mir schien, es träfe mich plötzlich der Geruch einer Leiche.

Säuselnder Beifall und Pause. Zwei Russenkinder gingen mit Blumenkörben herum und verteilten Taglilien und fliederfarbene Nelken. Es folgte das bräutliche ›In den Rosen‹ der rheinischen Nonnen, und nun roch es wirklich, roch es unbestreitbar nach einer Mischung von Blumen, Weihrauch und Coty Or, heftig roch es nach Leiche. Ich drehte mich um, in der Hoffnung, die neu aufgefahrene Räucherpfanne mit dem Weihrauch zu entdecken, da fiel mein Blick auf Ursel. Sie saß in der Reihe hinter mir, auf dem letzten Stuhl, ein klein wenig abgerückt von den andern. Blaß und bröckelnd verging das Gesicht meiner Turnerin unter dem lila Lichthauch, in weithin schnuppernder Ekstase, sie hielt die Schultern hoch und den Kopf zurück, und von den Augen war nur ein dünner Schlitz übriggeblieben, aus dem ein farbloses Licht rann.

Lange starrte ich sie an. Sie sah mich nicht. Spiel und Gesang hörten auf, meine propre Turnerin, die ich da ganz zerfallen, in selbstgenießerischer Verwesung erblickte, änderte nicht ihre Haltung.

Als ich mich wieder umwandte, hing der Mann im fliederfarbenen Pyjama tief gebeugt über dem Flügel, die glitzernden Hände waren gefaltet, er sammelte sich wohl im Gebet. Die Tänzerin kauerte am Boden.

In der Tat wurde nun ein Choral von Bach getanzt. Als die Worte ›O Haupt voll Blut und Wunden‹, die ich im Geiste wie Posaunenton vernahm, von den weißen Händen der Tänzerin über ihre Brüste und Flanken gezogen, von den aufzuckenden Hüften zwischen ihren Schenkeln versammelt wurden, sagte ich laut: »Hier werden schwarze Messen zum Tee gereicht«, ich sagte nach der andern Seite: »Man tanzt hier den Kreuzestod mit dem Bauch«, und erhob mich.

Jetzt sah mich Ursel!

Von einem Verstörtsein fiel sie ins andre.

Schrecken, ja Entsetzen malte sich in ihren Zügen, wie abwehrend hob sie die Hand. Gleich aber sandte sie einen kalten, hämischen Blick in die Runde, als wollte sie schnell kundtun, wie sehr sie mich verachte.

Droben der dilettierende Henker am Kreuz war zusammengefahren und hatte zwei weibliche »Hu!« in den Saal geschrillt, nach jedem meiner Sätze eins. Ich sah noch, wie er die Stirn auf die Hände schlug und hysterisch in Tränen ausbrach. Dabei bemerkte ich die starken Muskeln seiner Arme, und wie er trotz des weibischen Benehmens die Gefährlichkeit einer großen Katze verriet.

Eine überhohe Männerstimme im Saal befahl:

»Mögen die Barbaren den Tempel verlassen.«

Ich drehte mich um, sah aber nur, daß Arabou, der Minister und Frau Garat-Cornet mir folgten. Und auch die stolzen Schultern Ursels, auch sie sah ich noch einmal.

Ich wunderte mich. Um mit Anstand dazubleiben, hätte sie jetzt in Ohnmacht fallen müssen. Aber so weit war sie nie im Leben gegangen. So weit konnte sie nicht gehn. Eine Ohnmacht war ihr das Unerfindlichste von der Welt.

Eine zweite Stimme eiferte im gedämpften Lärm (war es nicht die des deutschen Weltreisenden?): »Der Herr ist nicht Deutscher! Er ist Holländer! Kein Deutscher.«

Da die Tür, durch die wir gekommen waren, sich als abgeschlossen erwies, mußten wir den Saal der Länge nach durchqueren. Ich brannte vor Begierde, um mich zu schlagen, und fragte mich, wie ich so langsam gegen den Hintergrund des Salons vordrang, ob nicht die Jünglinge mit dem Wirklichkeitssinn die Dunkelheit benützen und sich auf uns stürzen würden, um uns, nach ihrem Lieblingswort, ›eine Lektion zu erteilen‹.

Nichts dergleichen geschah. Vor uns erstand, Schwarz in Schwarz, der Abbé. Er führte uns hinaus durch drei kleine niedrige Zimmer, Mitteldinge zwischen Sakristei und Boudoir, in denen es nach abgestandenem Weihrauch und Parfüms roch. Stehlampen breiteten eine mäßige Helligkeit über einen Haufen grellfarbiger Polster, und in jedem der drei Räume zeichnete ein blendend weißes Kruzifix das Halbdunkel.

Seine Art, uns zu verabschieden, bewies mehr als nur Höflichkeit, es war da ein geflügeltes Lächeln, das auf herzhaftes Mitgefühl, wenn nicht auf Billigung schließen ließ. Zumindest der untere Teil des Abbés war ausdrücklich für uns.

Es sprang mir in die Augen, und ich bat ihn, mich bei der Prinzessin zu entschuldigen, im Sprechen erkühnend, nannte ich sie gar das Opfer ihrer wahrhaft mütterlichen Güte.

» Que voulez-vous, Monsieur?« versetzte er. »Auch die wirklichen Mütter suchen sich nicht ihre Kinder aus.«

Der Regen hatte aufgehört. Trotz meiner Versicherung, wir wüßten einen Gang durch die frische Luft zu schätzen, ließ der Abbé den Wagen seiner Herrin vorfahren. Danach zog er sich mit einer fast höfischen Verbeugung zurück.

»Arabou, sagten Sie nicht, die Leute hofften mich zu bekehren – gewissermaßen Lateran und Vatikan Frankreichs zu versöhnen?« fragte Garat-Cornet muntern Tones.

»Wenn es nach ihr ginge, lieber Minister, würde die Prinzessin Himmel und Hölle versöhnen.«

»Nun, mein Lieber, ich bereue nicht, hergekommen zu sein. Je les tiens! Passen Sie auf, in ihrem Katzenjammer wird ihnen klar werden, daß es sich empfiehlt, mich in ihrer Zeitung nicht mehr zu nennen. Ich könnte sonst aus dem Tempel schwatzen.«

Frau Garat-Cornet lachte nicht, sie versicherte ernsthaft, die verschollene Protestantin in ihr sei mit einem Schrei der Entrüstung erwacht, und der Bildhauer sprach genau das Wort, das jeder französische Arbeiter und Kleinbürger in diesem Fall gesprochen hätte:

»Die Leute haben keine Arbeit, darüber sind sie verrückt geworden.«

»Übrigens«, fügte er hinzu: »wie keusch tanzt unsre Billi-Billi im Vergleich zu diesem russischen Kind.«

Ich sagte:

»Haben Sie bemerkt, Arabou? Kopf und Körper bei ihr werden von verschiedenen Kräften regiert.«

»Sie gehören ihr beide noch nicht, weder der Kopf noch der Körper. Wem aber gehören sie?«

»Der Körper vermutlich dem fliederfarbenen Pyjama, der Kopf dem Abbé – und ihrem ersten Liebhaber.«

Der Minister pflichtete bei:

»Nicht die Sinne, die sie noch gar nicht kennt, der rohe Geist, der Fanatismus ist das Stärkste an ihr.«

Frau Garat-Cornet graute es für das Kind: wo anders sollte es einen Mann finden als in diesen Häusern, die nicht mehr feststanden, sondern abgetakelte, treibende Schiffe waren – eine angebohrte Arche Noah.

»Aber die Republikaner«, murrte Arabou gutmütig, »schießen der Arche Noah Salut!«

»Jedes Regime hat seine Schwäche«, meinte der Minister. »Der Hof zog die Philosophen groß.«

»Er starb daran.«

»An Gift und am Schwert – wenn nicht an Selbstmord. Wir begehn nicht Selbstmord, und unser Spielzeug sind alte Möbel. Keine Gefahr für die Republik, lieber Freund! Die Welt ist heillos verbürgerlicht, auch die Könige, die es noch gibt, ja, sie am allermeisten. Wo jeder ein König von bürgerlichem Format werden kann, warum sollte man die Monarchie zurückwünschen, die in tausend Jahren immer nur ein und denselben König duldet? Keine Gefahr für die Republik, lieber Freund, keine Gefahr.«

Wie er so aufrecht in der Ecke des Wagens thronte, den Strohhut leicht zurückgeschoben auf dem Kopf, den Knauf des Spazierstocks in übereinandergelegten Fäusten, strotzte Garat-Cornet von einer Zuversicht, wie sie kein König auf Erden mehr kannte.

»Die Gefahr droht von unten«, erklärte er noch. »Da heißt es abbauen. Mit jedem neuen Schub, der heraufkommt – abbauen! Vorsichtig mit ihnen teilen – die Leute haben ebensoviel Appetit wie wir. Vielleicht teilen wir uns arm, in fünfzig, in hundert Jahren. Es wäre nicht mehr als billig.«

Und die Rede kam auf das fliederfarbene Pyjama. Mit Staunen vernahm ich, der Mann habe den Krieg, in Frauenkleidern versteckt, zwischen diesen Häusern verbracht, hier in Paris, während sein leiblicher Vater eine preußische Division gegen die Hauptstadt führte. Er war Preuße, trotz des französischen Emigrantennamens, heute noch Preuße, aber nicht mehr Protestant. Damals während des Krieges war das Donnerwetter der metaphysischen Angst auf ihn herabgestürzt, die Frömmigkeit blieb – »wie Schwefelgeruch«, sagte der Minister. Vier Jahre lang betete der Mann für den ›Degen der Kirche‹, den Sieg Frankreichs. Doch trat er weder in die Fremdenlegion ein, noch leistete er andre Hilfe als mit dem Gebet und hielt sich als Frau versteckt bis zum Tag des Waffenstillstandes. An diesem Tag trat er unter den verklärten Augen der Prinzessin zum Katholizismus über. Einige Zeit danach gab die Prinzessin ein Bankett zur Feier seiner Bekehrung. Er wurde von Offizieren umarmt und geküßt, die geradewegs aus dem Krieg kamen und deren Leute sein Vater jedenfalls nach besten Kräften hatte massakrieren helfen. Durch die Salons lief sein Ausspruch: »Niemand kann sein Vaterland wechseln, aber jeder kann den offenbarten Gott erkennen.«

Lächelnd nickte der Minister:

»Oh, in ihrer Art sind sie stark, jene Häuser! Sehr stark. In ihrer Art.«

Über Ursel kein Wort.

Ich aber machte mir die ganze Zeit über heimlich klar: schon fühlte, dachte, hantierte ich in einer Welt, in der sie nicht mehr weilte! Jedes gesprochene Wort bestätigte es. Jede Bewegung. Die Augen Arabous sagten im blauen Grunde nichts anderes. Der Minister thronte auf dieser Gewißheit.

Vor dem Hause Garat-Cornets angelangt, lud Madame uns ein, den Abend mit einigen Freunden bei ihr zu verbringen.

Leider konnte ich nicht annehmen, ich bedauerte lebhaft, fast übertrieben, und da schien auf einmal auch der Bildhauer nicht zu können.

»Ich übersiedele nämlich gerade heute zu Arabou nach Bouval«, erklärte ich. – »Richtig, ja, richtig!« rief Arabou aus, der das erste Wort davon hörte. »Nicht wahr, eine glänzende Idee, daß er zu uns hinauszieht?«

»Glänzend!« fand der Minister.

»Ausgezeichnet!« sagte Madame. »Wir müssen jetzt doch in die Ferien. Auf Wiedersehn denn im Herbst bei meiner Marayband

Sicher blieb mir nicht mehr als eine Stunde, um meine Koffer zu packen. Ursel war nicht in Ohnmacht gefallen. Wie lange konnte sie sich dort halten – bei vollem Bewußtsein?

Der Wagen der Prinzessin hielt vor meiner Wohnung, dann vor dem Hotel und brachte uns zur Gare St.-Lazare.

Als der Zug anfuhr, hob Arabou den Stock:

»Nieder mit dem Ruhm!«

»Nieder mit der Kasse, mein guter Arabou!«

»Es lebe die Arbeit!«

Der Zug ruckte los. Ich hob das alte Saxophon an den Mund: Bäbä-tut. Bäbä-tut. Tut-bäbä.

Hip-hip für den unsterblichen kleinen Mann mit dem Gesicht voller Haare... rra! rra! rra!

Hip-hip für den Komponisten bei der Arbeit an seiner Symphonie für Jazz, Streicherkorps und Orgel:

rra! rra! rra!

Bis aus dem Topasrauche deiner Augen
Auf einmal blaues Feuer schlug...

»Arabou, gibt es eine Orgel in Bouval?«

»Ja, mein Alter, aber Sie müssen den Schlüssel beim Pfarrer holen.«

»Wie ist er, der Pfarrer?«

Achselzucken:

»Katholisch.«

Taktaktaktak-fiieh-je! lockt die Grasmücke, bevor sie singt.

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