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Symphonie für Jazz

René Schickele: Symphonie für Jazz - Kapitel 13
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typefiction
authorRené Schickele
titleSymphonie für Jazz
year1963
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
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12

Johanna hatte die Scheidungsklage eingereicht. Sie wiederholte, sooft Josephus und Ruth es hören wollten:

»Ich suche einen neuen Mann.«

Oder sie hob ein nachdenkliches Gesicht und sprach:

»Wie schwer das ist!«

Was war so schwer?

»Einen Mann zu finden. Ich frage mich, wie ich es angestellt habe, um John zu bekommen.«

Erkundigte sich jemand nach dem Verbleib ihres Gatten, so antwortete sie mit scherzhaften Vermutungen, hinter denen sie sich und John in gleicher Weise versteckte. Vielleicht wanderte er auf den Spuren seiner Ahnen in Java, vielleicht war er im Begriff, am Pariser Konservatorium eine Klasse für Jazzmusik zu übernehmen, vielleicht befand er sich in einem Sanatorium, einem blitzblanken Ding wie das Haus Deutermanns, um sich die Unordnung des Komponierens abzugewöhnen.

Sie hatte es nicht ungern, wenn man sie über John ausfragte, denn dann überließ sie sich der lustvollen und quälenden Täuschung, als sei alles nur ein abgekartetes Spiel zwischen ihnen und John und sie befänden sich auf einer Maskenfahrt, deren Sinn sie beide allein verstanden.

Zugleich lebte sie in der Furcht, jemand könnte mit einer bestimmten Nachricht über John auftauchen, am Ende gar ihn selbst gesehn, gesprochen haben. Sie zitterte, wenn sie von einem Bekannten hörte, er reise nach Paris oder werde von dort erwartet.

Generaldirektor Deutermann war der einzige, der ihr besonderes Vergnügen am Rätselraten über John van Maray erkannte und in Winkeln von Zimmern und Gärten diesem heimlichen Laster mit ihr frönte. Die andern vermieden es, die Rede auf den Komponisten zu bringen. Allen voran wachte Ruth Samtaug über die Beachtung der gebotenen Diskretion. Kaum ward ein Summen in der Unterhaltung vernommen, das von fern an Maray gemahnte, da fuhr ihr Blick hoch und verscheuchte die Gefahr. Sie war nicht umsonst die Freundin Johannas.

Ach, sie war es mehr, als Johanna ahnte!

Hatte sie nicht Johannas wegen den einstigen Jazzschläger Carlo Boß erhoben, jenen verdächtigen Studenten mit der Piepsstimme, der abends hinter dem Schlagzeug seinem Lebensunterhalt nachgegangen war, bis Johanna ernstlich ›Gemütswerte‹ in ihm entdeckte, – erhoben und, wieder Johannas wegen, ihn fallen lassen, aber, zum drittenmal: Johanna zulieb doch nicht so tief, daß er hätte Schaden leiden können? Eine dunkle Geschichte.

Da war einmal Abendgesellschaft beim musikalischen Hagestolz, dem Generaldirektor Deutermann. Dieselbe Jazzkapelle spielt auf, die auch Ruth zu engagieren pflegt. Während die Erfrischungen herumgehn, entspinnt sich ein Disput über einen neuen Tanz, bei dem niggerhaft mit den Beinen geworfen und auch sonst gewackelt wird. Dies sei kein Gesellschaftstanz, behauptet Ruth ... Er lasse sich von Engeln tanzen, behauptet Johanna. Sie verschwindet und kehrt mit dem Jazzschläger zurück, die beiden haben eine Viertelstunde in einem Nebenraum geübt. Das Paar tanzt, wahrhaftig, sie tanzen anständig, Ruth ergreift den Jazzschläger, trippelt an seinem Arm davon, und nun bringt er ihr bei, was Johanna ihn soeben gelehrt hat, und auch Ruth führt der Versammlung den Niggersprung des weißen Mannes vor. Jetzt, aber auch jetzt erst, da Ruth die Sache führt, hat Johanna gesiegt. Aus lauter Freude behält Ruth den Studenten den ganzen Abend neben sich. Andern Tages tritt er seine neue Stellung als Privatsekretär bei Josephus an. Sie hat einen Menschen gerettet!

Darauf blieb er ständig um sie, ein klein wenig nach ›Russisch Leder‹ duftend, sanft und weißhaarig, die Aufmerksamkeit seiner Augen tat ihr wohl. Er brachte ihr die neuen Bücher, die neuen Noten, die man kennen mußte, führte sie in Theater, Kinos, Konzerte, Ausstellungen, dank ihm bekam sie wieder alte Bilder zu Gesicht, die irgendwo vergessen in den Museen hingen und von denen sie nicht geahnt hätte, wie ›verblüffend modern‹ sie über Nacht geworden waren. Was er zu alledem sprach, klang eigenartig und dennoch verständlich. Es ›saß ihr‹, als wäre es auf sie zugeschnitten, sie konnte jede seiner Bemerkungen auf eigene Rechnung übernehmen, ohne Gefahr, eines geistigen Diebstahls verdächtigt zu werden. Sie gewöhnte sich an seine Stimme, wie das Ohr das Kläffen eines Lieblingshundes in Musik verwandelt. Sie sagte Carlo zu ihm, er sagte: Ruth.

Ruth, sagte er und betrat nie mehr die Universität, obwohl einer seiner Lehrer gelegentlich vor Ruth seinen Fleiß zu rühmen wußte, er betrat auch nicht das Büro in der Mauerstraße, und trotzdem erzählten Samtaugs Bekannte, man merke den Briefen des Chefs den neuen Privatsekretär an. Sie sagte: Carlo.

Es war etwas Wunderbares um Carlo Boß. Wo er auftrat, begann gleich eine reizende kleine Welt zu kreisen, gleichsam eine weibliche Handarbeit von einer Welt, deren Planet er war, seine jeweilige Herrin aber die Sonne, man fühlte es heildunkel wimmeln um Carlo Boß, es leuchtete und blieb doch trüb und undurchsichtig, einem Aquarium vergleichbar, in das ein Sonnenstrahl fällt.

Er mußte mit magischen Kräften begabt sein.

Sogar der scharfe Kurt Kommer ließ Wehr und Waffen vor ihm sinken.

Boß schrieb Musikkritiken für Kommers Zeitung, und als es sich zeigte, daß sein Urteil fester saß als sein Deutsch, verwandte Kommer viel Zeit darauf, die dunkle Seite des neuen Gestirns ins Licht zu setzen.

Ein Mensch gerettet, ein großer Mann entdeckt: dabei wäre es mindestens einen Sommer geblieben, hätte Carlo Boß nicht eines Tages Ruth Samtaug verlassen.

Er war, lautlos wie immer, in ihr Zimmer getreten, hatte sich, die Hand auf der Lehne des Sessels, über sie gebeugt und ihr mit leiser Stimme anvertraut: »Ruth, ich muß mich mehr um Johanna kümmern – wer weiß, was sonst aus ihr wird!«

Sie verstand ihn. Seit Tagen wartete sie darauf, die Lichter der Weiche wechseln zu sehn. Ohne es zu wissen, rief Johanna ihn zu sich hinüber. Was konnte Ruth dagegen tun? Seit Tagen hörte sie seine Stimme mißtönend werden, sein Gesicht zerfiel zu dem einer intriganten, alternden Jungfer.

»Sie wollen sagen: um Frau van Maray? ...«

»Gewiß, gnädige Frau. Ich wollte sagen: um Frau Johanna van Maray.« Sie fühlte sein Grinsen über sich (»Spinnweb, Spinnweb an der Wand«, beschwor sie's), er nahm den Arm von der Lehne, sie hob den Blick, begegnete dem hübschen ovalen Gesicht, den rötlichen Kaninchenaugen und sah, wie die Frechheit darin mit eins in Demut umschlug.

»Was aus Frau van Maray wird –?« wiederholte sie gedehnt und packte soviel entrüstetes Staunen hinein, wie sie nur konnte ... Da schrie er auf: »Ich bin kein Schulbub! Was fällt Ihnen ein, mich so zu behandeln!« stampfte mit den Füßen: »Der Generaldirektor will mich aufs Konservatorium schicken. Ich brauche Sie nicht!«

Gleich darauf bückte er sich, ergriff mit Gewalt ihre Hand, küßte sie.

Ruth erhob sich: »Gehn Sie!« Nun warf er sich weinend auf die Knie. Sie verließ das Zimmer.

Er blieb. Als sie nach einer Weile wiederkam, lag er noch immer an derselben Stelle.

Er riß den Kopf hoch und fragte, indes er Ruth mit wütenden Kaninchenblicken anherrschte: »Verzeihen Sie mir?« – »Ja, wenn Sie jetzt gehn.« – »Darf ich wiederkommen?« Sie antwortete nicht.

Mit splitternder Stimme forderte er: »Darf ich wiederkommen?!«

»Ja doch, ja, ja ...« Ein schrilles triumphierendes Auflachen, er lief hinaus.

Ruth sah, daß die Stelle des Teppichs, wo er gekniet hatte, feucht war von Tränen.

Da schlüpften auch ihr zwei, drei Tropfen aus den schwarzen Rundaugen. Sie weihte sie in Gedanken Johanna, die niemals, nein, niemals erfahren sollte, welches Opfer sie ihr gebracht hatte.

Und festlich zogen die Samtaugschen Tage weiter, dem Sommer entgegen.

Kleine, schmächtige Tage, denen man nicht ansah, welch schwere Erdenlast sie bewegten.

Ein heiteres, einfach gebautes Jagd- oder Lustschlößle mitten in Berlin, so stand das Haus Rauchstraße 4 mit weithin schimmerndem Winken zwischen den Bäumen des Viertels. Niemand sprach von Geld. Es roch nach frisch gesprengten Rosen und den Blumen der Jahreszeit. Alle Sorgen schienen in der innern Stadt oder sonstwo wie überwältigte Riesen an der Kette zu liegen. Hier gab es weder Lärm noch Staub, und wenn nachts ein hungriger Magen knurrte, so war es ein Stoßgebet für die Schönheit des Körpers.

Sogar die Vögel schienen ausgeruhter als im nahen Tiergarten, sie erzählten einander, morgens und abends, die Stimmen klangen gepflegt, ihr Flug von einem Garten in den andern hatte die Würde eines Besuches.

Die reichen Leute, die hier wohnten, liebten das Revolutionäre auf allen Gebieten, nur nicht gerade in der heimatlichen Politik. Sie hielten darauf, freie Menschen zu sein, und nannten den Feind einen Feind, nicht einen Lump. Ein schönes, geistiges Viertel.

Wer den Kopf über das efeubedeckte Gitter an der Rauchstraße steckte, erblickte zuerst eine Rasenfläche und gleich zur Rechten die Mauer des Nachbarhauses, an der wilder Wein mit einem Gewimmel winziger Klauen hinaufkroch. Dem Wein fiel es nicht leicht, es war die Nordseite, und auch die Rasenfläche davor lag fast den ganzen Tag im Schatten.

Hinter ihr aber, von einer Linie an, die mit der Schnur gezogen schien, türmten sich um so üppiger die Blumenrabatten, immer höher wuchsen die Stauden, bis sie mit Rittersporn, Malve, Sonnenblume, Königskerze, Goldball die Wand der Autogarage berührten. In einer wieder mit Blumenstöcken geschmückten Dachwohnung wohnte der Chauffeur, Herr Brust. Dann kam ein Stück Brandmauer eines Hauses, von dem man nichts andres erkannte, weil es in der Seitenstraße stand, und diese glückhafte Sonnenmauer war fast bis zur Hälfte zugewachsen mit rankenden Monatsrosen.

Links von den Blumenrabatten schloß sich ein gekachelter Hof an, mit einem Brunnen in der Mitte, doch davon sah der Späher in der Rauchstraße nur ein paar gelblich leuchtende Kacheln, weil das Haus den Platz verdeckte, und den Brunnen verriet nur das schwabbelnde Geräusch, womit das Wasser ruckweise über den Rand der Schalen planschte.

Die Jahreszeiten wanderten.

In den Vasen mischte sich Goldregen unter den weißen Flieder, auf Goldregen folgten der kirchlich duftende Gewürzstrauch und Jasmin, auf Jasmin spätes Geißblatt, erste Klematis, darauf Deutzien, die großen weißen und roten Lilien, dann blieben die Rosen Alleinherrscherinnen bis in den Sommer.

Jeden dritten Tag kamen sie in langen Weidenkörben aus dem Gutsgarten von Buskow.

Ruth Samtaug zog dicke weiße Stulphandschuhe an und verteilte sie in die Vasen.

Je länger die Tage wurden, um so frühzeitiger verließ Josephus das Geschäft in der Mauerstraße, er trat in den Hof, noch flimmerten die Platten unter dem steilen Fall der Sonnenstrahlen, im Wasser der waagerecht sausenden Spritze auf der Rasenfläche schwankte ein zerbrochener Regenbogen – endlich traf die Sonne die Abendseite des Gartens.

Der Hof klang unter dem Tritt des Besitzers.

Es war ein prachtvoller Hof, Johanna fand: der schönste Teil des Hauses.

In der Mitte kauerte eine saubere Frau aus Stein und lauschte versunken, wie das Wasser, klipklap, klapklipklap, in kleinen Sprudeln über den Rand des Beckens ging. Das lief eine kleine Tonleiter ab, immer dieselbe, und erinnerte allen Ernstes an den kindlichen Gesang eines Bächleins im Wald.

Nur war der Ton, dem Bedürfnis der Großstadt entsprechend, ein wenig verstärkt, und ein diskret versteckter Schlüssel gab es einem in die Hand, den Gesang des Waldbächleins auf die gewünschte Tonstärke zu bringen. Im Wald mußte man selbst des Nachts, wenn die Vögel schliefen, beide Ohren spitzen, um so eine zarte Kleinigkeit richtig zu verstehn. Hier konnte man jederzeit hingehn und sich mit Hilfe des Schlüssels bedienen. So leicht machten sich's die reichen Leute in Berlin.

Josephus hob die Arme und lachte Ruth und lachte seinen Garten an, hob die eine Hand noch höher und strich Johanna über die Mähne, lachte mit weißen Zähnen den Himmel an. Johanna hatte den Brunnen ›Sehnsucht nach Buskow‹ getauft.

Alle Hausbewohner sehnten sich ständig nach Buskow, kaum daß der Himmel ein blaues Auge aufschlug.

Oft fuhr man schon am Freitag hinaus und blieb bis Montagabend.

In der Stadt sah man nur noch selten Gäste bei sich, wie eine Herde satter, träger Kühe stand die Nacht unter den Bäumen, Josephus las, seine Frau trug Briefschulden aus dem Winter ab, Johanna bemerkte mit Schrecken, daß auch die Tanzlokale sich zu leeren begannen. Während der letzten Woche waren ihrer vier oder fünf den Sommertod gestorben. Wie sollte das enden?

»Schlimmstenfalls gründen wir einen Klub«, versetzte Carlo Boß.

Johanna konnte den Tanz nicht entbehren, vermutlich, weil sie die Menschen nicht entbehren konnte. Seitdem sie in Berlin wohnte, war sie nie allein gewesen, jetzt beschloß sie feierlich: sie konnte, sie wollte nicht allein sein. Carlo Boß sprach von der ›dynamischen Gemeinschaft der Zeit‹.

Wo aber immer Menschen weilten, da wurde auch getanzt. Was sollten sie sonst miteinander anfangen? Carlo Boß nannte dies ›den Menschendienst eines jeden am andern‹.

Es war lange her, daß der Überfall Kakadus im Auto Johanna erstaunt hatte. Ähnliches war nicht wieder vorgekommen, sie verstand es nun, den Mann rechtzeitig zu entwaffnen, zwischen den Bedrohungen und halben Zugriffen hindurchzugleiten und auch zu verharren. Seitdem sie wußte, ein jeder und jede biete sich, wenigstens scheinbar, an, dünkte sie ein Mißverständnis unmöglich, deutlich und unverbindlich zugleich schwang die männliche Gebärde über der Frau, der weibliche Blick über dem Mann. Johanna zögerte nicht, Carlo Boß recht zu geben, und zu bekennen, es sei ihr so lieber als früher, da einem der Brodem des nächtlichen Dschungels ins Gesicht schlug und man sich von tückisch funkelnden Katzenaugen umringt sah. »Reine Luft ist unter allen Umständen besser als Schwüle.« Wenn Carlo Boß Schwüle sagte, erblaßte er vor Ekel.

Niemand außer Johanna wußte mit Bestimmtheit, ob sie selbst auf diese Philosophie des Dancings verfallen oder ob die tiefsinnige Auslegung des Juxes ihr von Carlo Boß eingeredet worden sei. Die Formulierung: ›Die neue Sauberkeit des Eros‹ stammte zweifellos von ihm, mit seiner Fistelstimme trug er sie von Haus zu Haus und eiferte für die neue Heilslehre.

Keiner untersuchte ihr Gewicht. Jedem lag sie bequem zur Hand. Sie bedurfte nicht eines Propheten wie Boß, im Gegenteil war er ganz danach angetan, sie zu schädigen. Die überhohe Stimme des Jünglings, das allzu weiche Blond seines Haupthaares, seine Haltung beim Gespräch, die an eine Frau erinnerte, die im Stehen und eifrig schwatzend drauflos strickte, verrieten ihn grausam.

Indes brauchte kein Tanzklub gegründet zu werden – als es Sommer geworden war, strömten die Terrassen Buskows über von Menschen, ein einziger, großer, über viele Schalen plätschernder Jungbrunnen, Haus und Nebengebäude faßten die Tanzlustigen kaum. Die jüngsten und bescheidensten übernachteten im Heu.

Wenn Carlo Boß ebenfalls im Heu übernachtete, so wollte er hauptsächlich Ruth Samtaug strafen. Die Frage sollte aufgerichtet bleiben: schämte eine gewisse Dame sich nicht, sein früheres Zimmer im Verwalterhaus, das zwischen weißen, rosa getupften Tapeten und windgeblähten rosa Vorhängen an blitzenden Messingstangen im Lichte schwankte, gleichgültigen Laffen von Sonntagsgästen zu überantworten, während er selbst in der Heuhölle schlief? Alle Welt sollte erkennen, wie tief er gestürzt worden war, seitdem er den Segen des Reichtums verschmäht und Dienst bei der armen Johanna genommen hatte.

Alle Welt schien vom Schauspiel seiner Erniedrigung befriedigt! Trotz der weiträumigen Verschwiegenheit Ruths ward auf einmal bekannt, daß er an jedem Ersten des Monats auf der Bank sein Gehalt als Privatsekretär abhob und sich bis zum nächsten Ersten nicht mehr dort blicken ließ. Seines Geistes wehte keine Spur mehr in den Briefen des Chefs. Der Professor, der seinen Fleiß gerühmt hatte, konnte sich nicht seines Namens entsinnen. Bei jedem Wiedersehn kündigte ihm Kurt Kommer knirschenden Kiefers die Stellung als Musikkritiker, obwohl Boß schon vor geraumer Zeit und ganz von selbst aufgehört hatte zu schreiben.

Boß wehrte sich. Je schlechter er von den einstigen Gönnern behandelt wurde, um so eifriger setzte er sich ihren Beleidigungen aus. Er träumte davon, sich zum Examen zu melden, nur um dem Lehrer Gelegenheit zur vollen Entfaltung seiner Grausamkeit zu geben, und sooft er am Zeitungsgebäude vorbeikam, in dem Kommer herrschte, stockte sein Fuß, er trat in die Halle, und während der Portier ihn mit verkniffenem Lächeln musterte, malte er sich aus, wie er kriechend und speichelleckend bei Kommer vorspräche und wie der Mann mit dem bombensichern Unterkiefer ihn unter Geheul auf den Gang hinausschmisse.

»Frau Johanna, Sie wandeln wie das verjüngte Bild des Sommers auf dieser Terrasse«, sprach er mit dem Zwitschern eines träumenden Kanarienvogels. »Wenn mich das blaue Feuer Ihres Blickes streift, fühle ich eine kühle Hand auf der Brust. Und doch – seitdem ich die Königin von Saba für die schönste ihrer Sklavinnen verließ, werde ich bespien und gegeißelt.«

Während er, Hände in den Rocktaschen, neben ihr ging, hielt er die schmale, weißgekleidete Gestalt ihr zugeneigt, die rechte Schulter hing deutlich herab, und über diese Schulter flüsterte er zu ihr, die fast einen Kopf größer war, so daß es den Anschein hatte, als suchte er hartnäckig ihren linken Arm nach einem Marienkäferchen ab.

Boß erwartete keine Antwort.

Vom Teich herauf scholl Kindergeschrei und der Baß von Männern, die Stimmen spielten Wasserball miteinander. Auch ein bellender Hund mischte sich in den Trubel. Man vernahm den Aufschlag des Balles auf dem Wasser, und einmal hörte man Kommer befehlen: »Los, Kinder, los, wer zuerst am andern Ufer –«, dann helle Schreie, Lärm von geschlagenem und aufgewühltem Wasser.

Boß verabscheute es, mit behaarten Männern, alternden Frauen und Hunden zu baden. Er schätzte Frauen nur, wenn er allein mit ihnen war. Dann dachte er auch nicht an ihr Alter. Behaarte Männer und Hunde haßte er unter allen Umständen.

Der Wind rührte stoßweise im schweren Duft der Lindenbäume, die auf drei Seiten die Terrasse umgaben. Auf der Anhöhe gegenüber, jenseits des unsichtbaren Teiches waren die Glashäuser mit Strohmatten gedeckt, worin es zuweilen weiß aufblitzte. Weit hinter dem Haus rollte mit hastigem Getue ein Güterzug vorbei. Er fuhr auf Stroh. Plötzlich war es still, wie wenn alles, was nicht leichter wog als ein Mensch, im glashellen Sommernachmittag eingebrochen wäre und versunken.

Der junge Mann auf der Terrasse summte:

»Bis aus dem Topasrauche deiner Augen
Auf einmal blaues Feuer schlug ...«

Leise sagte Johanna:

»Was suchen Sie bei mir, Boß? Ich prügle nicht.« Er schrak auf:

»Sie nicht, nein, Sie nicht. Aber eines Tages werde ich in den Reichstag gehn und von der Zuschauertribüne herunter den Abgeordneten Kommer unterbrechen, wenn er gerade im besten Zuge ist. ›Halten Sie's Maul, Sie Schuft!‹ werde ich rufen, und dann, Frau Johanna, dann wird er mich vor dem ganzen deutschen Volk zu Staub zermahlen.«

»Bossi, darf ich lachen?«

»›Sie haben die edelste aller Frauen verleumdet: Johanna van Maray‹, wird er schreien. – Gestern abend hat er mir nämlich nach monatelanger Peinigung auf einmal den Arm auf die Schulter gelegt, so mitleidig, so gut, und mich mit ins Gartenhaus genommen, Frau Johanna, und mir Liköre zu trinken gegeben. Aus Dankbarkeit habe ich getrunken, obwohl ich alles Trinken verabscheue, und er hat nicht geruht, bis ich anfing, unrein zu träumen. Lassen Sie mich jetzt schnell beichten, Allerliebste, sonst ist es zu spät.«

»Der da«, unterbrach er sich heftig, als er Deutermann die Treppe der Terrasse heraufkommen sah, »der würde mich nur heimlich vergiften. Natürlich kommt er, um Sie mir wegzunehmen.«

Im nächsten Atemzug erhob er die Stimme: »Guten Tag, Herr Generaldirektor«, schmetterte er keck und vollführte eine Bewegung, als wollte er in die Höhe springen. Er fiel aber gleich in eine tiefe Verbeugung.

Der alte Herr begrüßte ihn freundlich. Boß errötete, erblaßte, eine maßlose Erregung ergriff ihn. Um ihn zu beruhigen, legte Johanna ihren Arm in den seinen. Doch Deutermann sagte:

»Herr Boß, wollen Sie so gut sein, mir Frau Johanna für eine Viertelstunde zu überlassen? Ich habe einen kleinen Auftrag an sie –«

»Ich gehe schon«, kreischte Boß, »schauen Sie, Herr Generaldirektor, wie eine angeschossene Ente fliehe ich ... Auf seiner Erde ... flieht der Mensch ... so ... so .. . stimmt's? Genau wie eine angeschossene Ente übers Wasser!«

Beine und Arme flatterten geknickt. Er versuchte zu lachen. Es war so jämmerlich, daß Johanna sich abwandte.

»So was liebt Sie«, meinte Deutermann. »Einen Teufel müßte er erbarmen.« Sie schritten dem Hause zu. »Nur den Kurt Kommer rührt es nicht. Eben hat er drunten am Teich geschworen, er werde heute die Laus zerdrücken.«

»Was bringen Sie mir, lieber Mann?« fragte Johanna.

»Bitte, in das Musikzimmer!«

Fünf Meter entfernt schlich ein junges Mädchen über die Terrasse, und Johanna sprach vor sich hin: »Angelica.«

Als habe es auf das Zeichen gewartet, drehte das Kind sich um, es flog herbei, küßte Johanna die Hand. Schnell warf sie Deutermann einen scharfen Blick zu, knickste und trat zur Seite.

»Hübsches Mädchen«, meinte Deutermann im Weitergehn. »Augen wie eine Frau.«

»Wache Augen. Einsame Augen.«

»Gibt es das: einsame Augen, Frau Johanna? Alle Augen sind doch voll von dem, was sie sehn.«

»Haben Sie nicht bemerkt, wie sie aus ihrer Einsamkeit aufsprangen, diese Augen – und gleich wieder zurückfielen?«

Leichthin: »Wer ist sie?«

»Eines von Ruths zahlreichen Wochenendkindern. Eine Nichte Kurt Kommers.«

Scheinbar erstaunt stellte Deutermann die Frage:

»Die Tochter Bernhard Kommers?«

Johanna bemerkte, wie er die Mundwinkel verzog, was bei ihm das Zeichen besonderer Aufmerksamkeit war. Mit einer Wendung des Kopfes schaute er ihr voll ins Gesicht.

»Lieber Mann, ich kenne die Eltern nicht. Der Onkel bringt sie mit.«

Deutermann nickte.

»Die Mutter hat natürlich keine Zeit für das Kind, sie ist selbst zu schön. Der Vater verdient aus Leibeskräften. Er handelt in Getreide. Ich fürchte, er verdient sich krank.«

»Sie kennen sie also? Aber, lieber Mann –! ... Haben Sie etwas dagegen, wenn ich das Kind mitnehme?«

Angelica stand, wo die Erwachsenen sie verlassen hatten, und blickte ihnen nach. Sie schien fast entrückt vor angestrengtem Schauen, es war, als sähe sie die beiden sehr deutlich, aber in weiter Ferne.

Als sie angerufen wurde, fuhr sie zusammen. Langsam kam sie näher und ging dicht neben Johanna.

Darauf saß sie in einer Ecke des Musikzimmers neben dem Notenschrank und spähte aus ihrem Versteck zu dem Flügel hinüber.

»Ärgert Sie die Kleine?« fragte Johanna leise. Sie stand hinter Deutermann, der sich mit dem Musikblatt einer Zeitung vor dem Klavier niedergelassen hatte, und starrte auf das bedruckte Papier – und ohne eine Antwort abzuwarten:

»Oh, lieber Mann«, flüsterte sie und legte zwei zitternde Hände auf seine Schultern. »Hab' ich's doch geahnt, als Bossi heute bei Tisch auf einmal ... – Spielen Sie! Ich versuch's, ich versuch's ...«

Zur gleichen Zeit führte Ruth am Teich, wo die Gäste zum nachmittäglichen Bad versammelt waren, bei Josephus und Kakadu heftige Klage wider Carlo Boß, ›das Ungeheuer an Indiskretion‹. Der Sachverhalt war folgender:

Die musikalische Beilage eines Berliner Blattes hatte am Morgen ein neues Lied von John van Maray veröffentlicht. Natürlich war von Ruth alles getan worden, um es Johanna zu verheimlichen, die durch jede Erinnerung an ihren Gatten bekanntlich körperlich geschmerzt wurde – kein Wort mehr darüber! Doch Boß, dieser Boß, seit dem frühen Morgen ging er herum und pfiff, säuselte, murmelte, quietschte das Lied vor sich hin, mit verdrehten Augen und flatternden Händen, und bei Tisch hatte er plötzlich laut losgelegt:

»Bis aus dem Topasrauche deiner Augen
Auf einmal blaues Feuer schlug ...«

Zum Glück war Johanna gerade in ein interessantes Gespräch mit Kakadu verwickelt gewesen, so daß ihr der eigentümliche Klang nicht auffiel und sie mit den andern über den musikalischen Anfall des Ungeheuers lachen konnte.

Hier sprang Kurt Kommer auf und schwenkte seine dicke Zigarre.

»Heute fliegt er hinaus«, erklärte er. »Ich bin bereit. Jetzt gleich beim Tee lasse ich die Bombe platzen. Gestern abend habe ich ihm schon ins Gesicht gehauen wegen Johanna.«

Ruth, die sich durch kunstvolle Rede ihrer Entrüstung entledigt hatte, verfiel gleich wieder in ihre natürliche Gutmütigkeit. Sie erhob Einwände sozialer Natur und geriet unversehens in eine Schilderung ihrer Weltanschauung. Von Kakadu zum Thema zurückgerufen, erinnerte sie an die gute Kameradschaft, die den Unglücklichen mit Johanna verband, womit sie aber Kakadu derart in Harnisch brachte, daß er anfing, sich in der Wahl der Ausdrücke zu vergreifen, und Josephus einschreiten mußte.

»In Gottes Namen«, seufzte Ruth. »Ich kann Boß nicht mehr helfen.« Und nach einer Pause: »Ist es heute nicht frisch wie am ersten Tag?«

Droben im Herrenhaus durchmaß Johanna das Musikzimmer: mit wirrer Mähne, hoch aufgerichtet, als gälte es zu kämpfen.

Sie sang das neue Lied, vielmehr, sie spürte, wie es in der Luft um sie Gestalt annehmen wollte, zwei-, dreimal durchschritt sie, Angst und Empörung in den Gliedern, das Zimmer und ging jener fließenden, sich zusammenziehenden Gestalt nach, dann stand sie, außer sich, hinter dem Klavierspieler, das Wesen der musikalischen Form entstand in ihr, das Wunder geschah.

»Bis aus dem Topasrauche deiner Augen
Auf einmal blaues Feuer schlug
Und ich mich ganz verklärt
Sah vor dir stehn –
So still, als wäre eins von uns schon tot,
Indes mich doch dein Bild
Angriff mit kühlen Händen ...«

Tönend, gelöst in sanfter Strenge, zog sie, Lied geworden, durch den harmonisch sich rundenden Raum, der sie mit durchsichtiger Schale umgab.

Die Hände Deutermanns lagen noch auf den Tasten. Das Profil des seitlich zurückgelehnten Kopfes, der kahl war bis auf eine gestutzte Flügelspitze weißen Haares über den Ohren, ruhte metallisch im Licht, doch mit einem Schauer von Leben. Um den Mund lag ein feuchter Schimmer. Und es war dieser dicke, unschöne Mund, nicht das ausgelöschte Königsauge, dieser Mund allein war das stumme, vor Ergriffenheit leuchtende Wort, das er Johanna zuwandte, als sie geendet hatten.

»Verstehn Sie Spaß, lieber Mann?« sagte sie plötzlich.

Sie ergriff seine Hand, und nun zwang sie ihn, Arm in Arm mit ihr die Runde um das Zimmer zu machen. »Ja, ja« mußte er mit ihr rufen und »Jawohl!« Er mußte lachen, nicken, immer wieder, immer schneller durch Stühle und Möbel um das Zimmer herum. Wie sie schließlich mit ihm durch die Tür schießen wollte, um draußen weiteren Raum für den korybantischen Rundgang zu suchen, erhob sich aus dem Winkel hinter dem Notenschrank Angelicas Stimme:

»Hinter dem Fenster hängt einer und spioniert. Es ist der Boß.«

Gleich darauf: »Weg ist er!«

Die Angst vor dem Generaldirektor jagte den ertappten Lauscher zum Badestrand, unter Menschen, die durch ihre Zahl fähig waren, ihn zu schützen, falls er nicht einfach zwischen ihnen verschwinden konnte. Bossi hatte den großen schwerhäuptigen Herrn beim Golfspiel beobachtet, einem Spiel geduldiger, starker Elefanten, die eine winzige Kugel vor sich hertrieben, was besonders heimtückisch wirkte. Sicher schlug der Alte noch fester zu als Kommer.

Während er die Treppen der beiden Terrassen hinabsauste, sah er sich, vom Golfschläger Deutermanns getroffen, als betäubte Kugel über den Rasen fliegen.

»Droben singen sie das neue Lied von Maray«, schrie er und sprang unter die Gesellschaft. »Der Generaldirektor und Frau Johanna singen das neue Lied von Maray«, kreischte er, mit beiden Händen winkend, über das Wasser, als könnte er nicht rasch genug alle Bundesgenossen um sich versammeln.

Die erste, die aufsprang, war Ruth:

»Das haben Sie angestiftet!« kam es über ihre frisch geröteten Lippen.

»Nein. Ich schwöre. Ich habe nur gelauscht.«

»Gelauscht«, rief Kommer. »Gelauscht hat das Tier!«

So bricht ein Trupp Wasservögel aus dem Schilf, wenn ein Schuß fällt. Im Badeanzug erstürmten Männer, Frauen und Kinder hinter Ruth und dem Hund die Treppen und fielen in das Haus. Im Gang stolperte Ruth über den erregten Hund, der nicht wußte, wohin er sich wenden sollte. Kakadu ergriff ihren Arm, da hatten die Nachdrängenden die beiden schon an die Wand gedrückt und hielten im Musikzimmer.

Am Flügel saß einsam Angelica und versuchte, die auf dem Pult zurückgebliebenen Noten zu entziffern.

»Was ist denn eigentlich los?« fragte eine atemlose Frauenstimme.

»Daß ihr mir wahrscheinlich eine Rippe eingedrückt habt«, antwortete Ruth. »Genügt es euch?«

An Kommers Arm hinkte sie zum Stuhl neben dem Notenschrank, auf dem vorhin Angelica gesessen hatte. Spanischem Pfeffer gleich prangten die Lippen im blassen Gesicht.

Vom Flügel her meldete Angelica:

»Die beiden sind auf und davon getanzt.«

Tapfer, wie sie war, drehte Ruth langsam den Kopf und zeigte allen ihr Lächeln. Die Rippe war geheilt.

Kommer überließ sie dem untätigen Mitleid der Menge und machte sich auf die Suche nach Johanna.

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