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Christoph Martin Wieland: Sympathien - Kapitel 9
Quellenangabe
typeessay
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Neunundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1754
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleSympathien
pages63
created20131202
sendergerd.bouillon@t-online.de
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7.

Welch eine Mischung von zärtlichen Affekten drückt dein Gesicht aus, anmuthsvolle Maja? In der Stille dieser nächtlichen Stunden hast du die rührende Geschichte der frommen Clementina gelesen. Sympathetische Thränen gleiten von deinen schönen Wangen, und seufzende Wehmuth regt dein klopfendes Herz. Ich sehe dich, ob du mich gleich nicht siehest, ich bewundre die mitleidige, tugendhafte Zärtlichkeit deines Herzens. – Aber, o, erlaube dem, der deine Seele liebt (du wirst ihn erst in einer andern Welt kennen lernen), erlaube ihm, nach den innersten Empfindungen seines Herzens mit dir zu reden und die Vorstellungen in dir zu erregen, die er, vielleicht aus allzu sorgsamer Freundschaft, dir am nöthigsten glaubt; Gedanken, die dir nicht fremd sind, und welche allein Gewicht genug haben, eine feste Tugend in einer weichen Seele aufzurichten. – Stille den Lauf dieser allzu willigen Thränen! Hänge diesen schmelzenden Empfindungen über die unglückliche Liebe deiner Clementina nicht länger nach! – O, nenne sie nicht unglücklich! Sie, der ihr Gewissen mit der Stimme eines Seraphs, mit einer Stimme, die Todesqualen zu Entzückungen machen könnte, sagt: Du hast die größte aller Pflichten erfüllt! Du hast deinen Gott über Alles geliebt! über Alles, da du ihn mehr liebtest als einen Freund, dem Kronen keinen mehrern Werth geben 28 konnten. – Hier, Maja, hier laß dein ganzes Herz Empfindung werden! Hier mögen Thränen der Entzückung in dein Auge dringen, der Entzückung darüber, daß die menschliche Seele so groß seyn kann! Welch ein Beispiel! So stark, so heroisch und doch so zärtlich, so empfindlich und in Liebe glühend! Aber, wie ein siegreicher Engel, steht sie auf den Empfindungen von Staub und tritt die eigennützige Leidenschaft mit Füßen. Ein solcher Sieg, das Bewußtseyn einer solchen That muß eine Erquickung in der letzten feierlichen Stunde seyn, wenn alle irdischen Dinge den Glanz verlieren, den unsre Affecte ihnen gaben; wenn uns selbst vor denen Freuden ekelt, die nur unschuldig waren, wenn wir traurig in tausend leere verscherzte Stunden zurück sehen, die uns nicht in die Ewigkeit begleiten, weil sie mit keiner guten That bezeichnet sind: ach, Maja, dann ist das ein tröstendes, ein seliges Bewußtseyn, wenn wir uns erinnern, daß wir den über Alles geliebt haben, nach dessen Anschaun wir uns jetzt sehnen; daß wir mit unverfälschter Absicht uns bestrebt haben, Ihm zu gefallen und unsere Wünsche unter seinen Willen zu demüthigen. – Ein Herz, wie das deinige, ist der Welt ein Beispiel schuldig. Laß deine Zärtlichkeit nur der Tugend geheiliget seyn! Mache dich stark und lege um diese allzu zarte Brust, wie einen diamantnen Schild, den großen Gedanken: Ich bin für die Ewigkeit erschaffen. Laß deine inbrünstigsten Empfindungen nur zu Gott hinauf flammen. Hebe deine begierigsten Blicke immer in jene Welten, von denen nur wenige verirrte Strahlen aus der Tiefe dieses nächtlichen Himmels dein Auge entzücken. Diese Welt würde dein redlich Herz nur betrügen. Sie hat nichts, was wahrhaft glücklich machen könnte! Verschmähe ihre Lockungen, ihre Versprechen, ihre rauschenden Freuden. Träume nicht 29 willkürliche Glückseligkeiten, die sich vielleicht in Plagen verwandelten, wenn sie dir zugestanden würden. Lege dich unbesorgt in den Arm der Vorsicht. Laß das Schicksal, das Gott für dich bestimmt, dir willkommen seyn. Wisse, daß Tugend nichts Anderes ist, als ein tapfrer, unermüdeter, großmüthiger Streit mit dem unedlern und sterblichen Theil unser selbst. Nur dem, der bis ans Ende aushält, nur dem Ueberwinder wird die Krone zuerkannt.


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