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Christoph Martin Wieland: Sympathien - Kapitel 8
Quellenangabe
typeessay
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Neunundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1754
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleSympathien
pages63
created20131202
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6.

Was liesest du hier, Aedon, das ein so vergnügtes Lächeln in deinem Gesicht erregt und den Schlaf von deinen 24 Augenliedern entfernt, obgleich die äußersten Sterne schon sinken? Es sind Anakreons Oden. Du bist entzückt über diesen Liebling der Natur, in dessen Liedern die feinste Wollust und die naivsten Grazien athmen. Du hast ihm eine gute Gesellschaft auf deinem Pulte gegeben. Hier liegt Tibull, dort ChaulieuChaulieu, geb. 1639 zu Fontenay, gest. 1720 zu Paris, wurde Anacréon du Temple genannt, weil er bis in sein Alter von Wein und Liebe sang, und der Herzog von Vendome ihm im Temple eine Wohnung eingeräumt hatte, wo sich an bestimmten Tagen die witzigsten Köpfe von Paris versammelten., GayWelcher Anstoß an dem zärtlichen Tibull und an Gay (geb. 1688 in Devonshire, gest. 1732 zu London), dem berühmten Verfasser der Bettleroper, die ein Lieblingsstück der Engländer geblieben ist, hier eigentlich genommen war, dürfte schwer zu sagen seyn, wenn der damalige Wieland nicht an noch weit unverdächtigeren Dichtern ein Aergerniß genommen hätte. und PriorPrior, geb. 1664 und gest. 1721 zu Wimpole, ist in seinen Erzählungen und Liedern immer anmuthig, zuweilen leichtfertig., deine Vertrauten, mit andern Dichtern, deren Muse die Freude ist, in angenehmer Unordnung zerstreut. Eine lächelnde Tiefsinnigkeit verkündigt mir, was jetzt in deiner Seele vorgeht. Du siehst die Welt aus einem lustigen Gesichtspunkt, lauter Myrtenhaine, Rosenlager und ewiger Frühling, willige Mädchen, Faunen und tanzende Mänaden und Nachtigallen, deren Sirenengesang zur Liebe einladet. – Ein solches Gesicht, allzu poetischer Jüngling, breitete die Gegnerin der Tugend vor dem Herkules aus, da er gedankenvoll auf dem Scheideweg saß und, was du noch nie gethan, mit Ernst darauf dachte, wie er leben wollte. – Höre (wenn dich anders die Phantasie nicht schon so weit von der Weisheit abgeführt hat, daß dich Anakreon ein Weiser dünkt), höre die Stimme eines Freundes, welcher frühzeitig den reizenden Gefahren entronnen ist, denen du zueilest. – Ein dichtrischer Jüngling, dem die Natur ein feines Gefühl für ihre Schönheit und einen Ueberfluß an Witz gegeben, ist mehr als irgend ein Anderer benöthigt, ein Schüler der echten Weisen zu seyn. Je weiter die Grenzen des Witzes werden, desto enger wird das Gebiet der Vernunft. Und die Vernunft muß doch in einem Geschöpf herrschen, welches mehr als das schönste Thier ist. Der Rath, den ich dir gebe, hat nichts Unangenehmes. Ich erlaube dir den SuarezFranz Suarez, ein spanischer Jesuit, gest. 1617, dessen Werke 24 Foliobände ausmachen, half den Geschmack an scholastischen Spitzfindigkeiten und Zergliederungen allerdings sehr verbreiten, auch in der Moral, mit deren wichtigsten Gegenständen er sich beschäftigte, allein er war einer der feinsten Köpfe seines Ordens. Wielands Erlaubniß, ihn zu verspotten, ohne ihn zu kennen, läßt sich daher nur mit seiner Jugend entschuldigen. zu verspotten, ob du ihn gleich nicht kennest. Ich will dich nur zu einem größern Virtuoso machenAuf jeden Fall bezieht sich dieß auf folgende Stelle in Shaftesbury's Abhandlung Sensus communis: »Jeder ist ein Virtuose von einem höhern oder niedrigern Range; Jeder strebt einer Grazie nach und buhlt um eine Venus von der einen oder der andern Art. Das Venustum, das Honestum, das Decorum öffnet sich mit Gewalt den Weg. Wer ihm in den edleren Gegenständen, von der geistigen und moralischen Gattung, kein freies Spiel lassen will, wird anderswo, in einer niedrigern Classe von Dingen, seine Gewalt fühlen. Wer die Haupttriebfedern der Handlungen übersieht und auf Harmonie und Ebenmaß eines ganzen Lebens keine Aufmerksamkeit richtet, wird sich mit elenden Nebensachen beschäftigen und davon fesseln lassen, entweder mit dem Studium gewöhnlicher Künste oder mit der Wartung und dem Anbau blos mechanischer Schönheiten. Die Modelle von Häusern, Gebäuden und ihren begleitenden Verzierungen, die Plane von Gärten und ihren Beeten, die Anlegung der Spaziergänge, Pflanzungen, Alleen und tausend andre Symmetrien werden an die Stelle der glücklichern und höhern Symmetrie und Ordnung einer Seele treten.« – »Die Wollüstlinge, die diese philosophische Schönheit am meisten zu verachten scheinen, können ihr doch nicht immer ihre Reize absprechen. Sie können eben so herzlich wie Andere die Tugend loben; sie werden eben so sehr durch die Schönheit einer edlen Handlung gerührt. Sie bewundern die Sache, allein nicht die Mittel dazu. Gern möchten sie, wenn es anginge, Tugend und Wollust vereinigen; allein die Regeln der Harmonie erlauben es nicht, die Mißharmonie ist zu stark.« Des Grafen v. Sh. ph. Werke. Uebers. I. 182. fg.. Du sollst das ganze Reich der Schönheit durchreisen und dich 25 überzeugen, daß es höhere Schönheiten gibt, als Rosenwangen und milchweiße Busen; daß es höhere Freuden gibt, als die von den Lippen der Mädchen und aus sprudelnden Gläsern winken; daß die Weisheit, die Tugend, die Unschuld unsre höchste Bewunderung und Liebe verdienen. Aber was sage ich? Was bedeutet dieser Name? Was ist Weisheit? Was ist Unschuld? Unsere Zeiten haben eine neue Sprache angenommen. Anakreon ist ein Weiser, und Leontium unschuldig. So schief und schwindlig dachte man nicht, als Xenophon und Plutarch noch ihre Schüler hatten. Von diesen, von einem Platon oder Shaftesbury lerne, was Natur und Tugend ist, und gib dir, ich beschwöre dich bei dieser Liebe zum Vergnügen, die in deiner Brust wallet, bei den unsterblichen Begierden deiner Seele nach Glückseligkeit, gib dir nur halb so viel Mühe, vernünftig denken zu lernen, als sich eine deiner unschuldigen Nymphen gibt, ihre feile Schönheit auszulegen. Widerstehe den Reizen der sinnlichen Schönheit, damit du nicht in Gefahr kommest, eine Circe so sehr zu schätzen als eine unschuldvolle LaviniaWenn keine andre gemeint ist, als die Tochter des Latinus und nachmalige Gemahlin des Aeneas, welcher der Stadt Lavinium nach ihr den Namen gab, so sehe ich nicht, warum sie gerade als die unschuldsvolle bezeichnet und der Zauberin Circe entgegengesetzt wird. –. Soll Witz, Schönheit und Anmuth geliebt werden, ohne daß man frage, ob ein rechter Gebrauch von diesen Naturgaben gemacht worden sey? Soll Ovid aufhören abscheulich zu seyn, weil er reizend ist? Welch eine Verwirrung der Ideen! Welche Verkehrung der Natur und wahren Gestalt der Dinge! – Erwache aus deiner Verblendung! Der Witz, wenn er nicht ein Aufwärter der Wahrheit ist, ist ein Teufel in einen Engel des Lichts verkleidet.Bei allen heftigen Anklagen des Witzes, die hier und anderwärts vorkommen, hatte Wieland Young vor Augen, der, wie Wieland selbst in einer von ihm unterdrückten Stelle sagt, die Schändlichkeit des gemißbrauchten Witzes so nachdrucksvoll und mit eben so viel Witz als Eifer dargestellt hat. Er raubt mit frevelnder Hand die keuschen Schönheiten der Natur, um die Thorheit damit auszuschmücken. – Wenn du so empfindlich für die Vergnügen der Einbildungskraft bist, Aedon, hat denn die wahre Unschuld, die Rechtschaffenheit, die Religion keine Grazien? Oder ist es unmöglich, 26 sie in einer gefallenden Gestalt, in ihrem vortheilhaftesten Licht und mit lieblichen Farben zu schildern? Aber diese leichtsinnigen Cupido's, diese Lehrer der Kunst, zu küssen und zu trinken, haben dir einen Geschmack an der Tändelei eingeflößt, der dich gegen die ernsthaften und frommen Musen gleichgültig macht. Schäme dich deines verwöhnten, unedeln Geschmacks! Erweitre deine Seele und lehre sie ernsthaft seyn, wenn du die Welt und jedes Ding in seinem wahren und schönsten Licht und Ebenmaaß sehen willst. Ein frommer Alter hat der mißbrauchten Dichtkunst ihren rechten Namen gegeben, da er sie den Wein der Teufel nannte, womit sie unbesonnene Seelen berausche, um sie, wie durch einen Zaubertrank, in niedriges Vieh zu verwandeln. Aber Beredsamkeit und Witz, wenn sie in weisen Händen zum Dienst der Wahrheit zugerichtet werden, sind ambrosische Früchte, eine liebliche und gesunde Nahrung der Seelen. Wie verdient macht sich der nicht um die Menschen, der neue Reizungen in der Tugend entdeckt! der uns die strengsten Pflichten zu lieben nöthigt! der unsre Phantasie mit großen, himmlischen Bildern anfüllt, unsere Affecte heiliget und uns durch die Neigung zum Vergnügen, die uns gemeiniglich von der Tugend hinweglockt, zu ihr zurück führt! – Wenn du ein dichterisches Feuer in dir fühlst, so habe den Ehrgeiz, solche Lorbeern zu verdienen, oder schweige. Denn es wird eine Zeit kommen, da diese wollüstigen Weisen richtiger denken und wünschen werden, damals keinen Witz gehabt zu haben, da sie Nachtigallen schriebenDie so eben erwähnte unterdrückte Stelle gibt hierüber Aufschluß. In einem Schreiben an den O. C. R. Sack, worin Wieland ihn bewegen will, »die Unordnung und das Aergerniß zu rügen, welches leichtsinnige Witzlinge anrichten,« heißt es: »Weil dieses Ungeziefer, welches so tief unter Ihrem Gesichtskreise kriecht, Ihnen vielleicht nicht einmal bekannt ist, so will ich einige der neuesten, die mir aufgestoßen sind, anzeigen: Lyrische Gedichte, neueste Ausgabe; die Nachtigall, eine Erzählung; Meine Lieder; Vermischte Poesien.« Der Hauptangriff ging hier auf den Dichter Uz, denn die genannten lyrischen Gedichte sind die Uzischen, welche mit drei mittelmäßigen, über die man schon damals schwieg, zusammengestellt werden. Man sieht schon daraus, daß Niemand diese Nachtigall mehr kennt, wie übereilt Wielands jugendlicher Eifer war, dessen Folgen an einem andern Orte erzählt werden sollen. und in lydischen Tönen zur Weichlichkeit und zum Entschlummern am Busen der Venus einluden. Laß die Worte des weisen Griechen etwas bei dir gelten, Aedon! Die Musen sind nie schöner, als wenn sie Aufwärterinnen der Tugend sind; oder 27 dein Witz werde, so oft du schreiben willst, zu Wasser, deine Feder gebe lauter geistlose Reime und platte Gedanken hervor; wenn du scherzest, so gähne dein Leser und schlafe wie berauscht ein, wenn du ihn zum Trinken aufforderst!


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