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Christoph Martin Wieland: Sympathien - Kapitel 7
Quellenangabe
typeessay
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Neunundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1754
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleSympathien
pages63
created20131202
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5.

Warum weinest du, Glycera? warum blickt deine sonst immer lächelnde Anmuth wie ein verblühender Frühling aus feuchten Wolken hervor? Warum fliehst du die gesellige Freude und suchest den melancholischen Hain, wo Niemand deine Thränen tadelt? – Ach! du beklagst eine verlorne Freundin. Vor wenigen Stunden blühte sie wie eine Morgenrose; da pflückte sie plötzlich der Tod, und sie verdorrete wie eine Rose im Mittag. Eine Gesundheit, welche Unsterblichkeit zu versprechen schien, die regeste Munterkeit, die frischeste Blume der Schönheit, konnten sie nicht vorm Grabe bewahren. Sie, die vor Kurzem alle Augen ergetzte, in allen 22 Jünglingen Verlangen und Liebe anzündete, von Allen bewundert oder beneidet wurde, sie ist nicht mehr! Das schmelzende Feuer ihrer Augen ist erloschen. die Farbe ihrer Wangen gleicht der welken Lilie, alle ihre lächelnden Grazien sind verschmachtet! Dieser Leib, in dem die Natur ihre schönste Idee ausgebildet zu haben schien, ist schon ein moderndes Scheusal, eine Speise der Würmer. Und wo ist nun die Schönheit, welche deine Gespielen an ihr beneideten? die Schönheit, wegen welcher ihre Schmeichler sie bald Leda bald Venus nannten? – Du staunest, Glycera! Ein ahnender Schauer erschüttert dein zartes Gebein. Die Schatten um dich her werden dir zu Todesgestalten, und du hörest aus dem rauschenden, halb entblätterten Gebüsche die Stimme deiner Freundin, die dir zuruft: Folge mir! – Ach! Glycera, was sind diese Farben, diese stolze Bildung? Eine gemalte Speise der Augen und wie oft ein Köder lüsterner, nach Wollust wiehernder Blicke; eine Nahrung der Eitelkeit, oft ein Raub des Lasterhaften und eine Verrätherin der Unschuld. – Und wie flüchtig, wie vergänglich ist sie ihrer Natur nach! Eine glänzende Seifenblase, ein buntes Nichts. – Wache auf, Seele! Unsterbliche, Erbin der Ewigkeit, wache auf! Schwinge dich über diesen blühenden Staub und erkenne deinen Adel. Die Tugend ist die Schönheit des Menschen, eines Geschöpfs, das, über die unbeseelte und thierische Welt erhaben, von einer Seite den Geistern des Aethers verwandt ist. Verachte, o Glycera, diese Würmerseelen, die, von niedrigen Begierden gedrückt, auf deinen Wangen kriechen; sie mißkennen sich selbst und dich! – Siehe, diese Welt ist nicht wie die Träume der wollüstigen Jugend sie zaubern. Sie vergeht mit ihrer Lust. Die Betrügerin verspricht dir beständige Freuden und bezahlet deine Erwartung mit Reue 23 und Ueberdruß. – Laß das Grab deiner Freundin dich Weisheit lehren. Weise seyn in der Blüthe des Ledens, wenn jede Ader nach Vergnügen lechzet, wenn tausend Sirenen die leichtsinnige Seele an ihre tödtlichen Ufer laden; alsdann weise seyn, eh' uns die Erfahrung zu spät weise macht; – o das ist ein Triumph für die Seraphim, die immer unter uns wandeln, und die ich oft in nächtlichen Stunden höre, wenn sie, in traurige Wolken verhüllt, den Fall der Unschuld und die Verblendung unsterblicher Seelen, deren Wächter sie sind, auf weinenden Lauten bejammern.

Komm, Glycera, laß uns das Grab unsrer Verstorbenen besuchen! Du stiller Mond, neige dein umschleiertes melancholisches Antlitz aus dem herbstlichen Duft herab und zeig' uns den Weg. Hier in dieser feierlichen einöden Stille, wo die Nacht und der Tod unter zerstreuten Gebeinen schlummern, aus den Gräbern der Christen, die einst auferstehen werden, hier laß uns mit unsrer Seele einen Bund machen! Engelsgestalten schweben halb sichtbar, mit Schatten vermischt, um uns her. Der Ewige, unser Richter, hört uns zu. Laß uns ein feierliches Gelübde thun, weise zu seyn und für die Ewigkeit zu leben! Laß uns diese kindischen Eitelkeiten mit Füßen treten, bei denen die Thoren Ruhe für ihre Seele suchen und nicht finden! Sie mögen, vom Wein des Unsinns trunken, uns als Einfältige und Narren verlachen; genug, daß wir den Beifall des Himmels haben und, was sie niemals seyn werden, glücklich sind.


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