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Christoph Martin Wieland: Sympathien - Kapitel 5
Quellenangabe
typeessay
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Neunundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1754
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleSympathien
pages63
created20131202
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3.

In einer mitternächtlichen Stunde, als meine Seele in stille Schatten gehüllt umhergleitete, hörte sie mit dem inwendigen leisen Gehör, womit sie die Hymnen der Natur und die noch zartere Stimme vernimmt, die bei jeder Idee oder Handlung uns Beifall gibt oder tadelt, einen Streit zwischen zwei Geistern, welche um das Haupt der schlummernden Sacharissa schwebten. Der eine war leicht für einen guten Engel und für ihren Beschützer zu erkennen; aber den andern verrieth sein schweflichter Glanz und eine Miene voll tückischer Bosheit, daß er einer von denen sey, welche im Finstern umherschleichen, um das reine Herz der Unschuld zu beflecken. Denn eine jede Seele, o Sacharissa, ist von zwei Genien umgeben. Der eine, ihr Freund und getreuer Wächter, ist unablässig bemüht, sie unverletzt durch die Irrgänge des Lebens zu leiten; er wirkt durch geheime Einflüsse in den edelsten Theil der Seele, wo er die Vernunft stärket und sich von da ins willige Herz ergießt. So süß ist nicht dem zärtlichen Jüngling die Stimme der Geliebten, noch der liebenden Mutter das Stammeln des Kindes, das um ihren Busen lächelt, als seine ätherische Stimme sanft säuselnd ins Herz hinabtönt, wenn er eine gute That mit inwendigem Beifall belohnt und der in sich selbst gesammelten Seele ein Triumphlied singt. Unter seinen Flügeln im Bewußtseyn der Unschuld ruhen, ist lieblicher, als in Bächen sinnlicher Freuden 18 schwimmen. Von ihm kommt es, schöne Sacharissa, wenn du durch ein wunderbares geheimes Gefühl gewarnet wirst, Gedanken in deinem Gemüthe Platz zu geben, welche den holden Frieden deiner Seele zerstören könnten. Von ihm kommt die Bestrafung, die du auf deinem nächtlichen Lager fühlst, wenn du einen Tag zum Opfer der Eitelkeit abgeschlachtet oder aus allzu großer Gefälligkeit wider deinen eignen Geschmack Thorheiten, die der Gebrauch nicht rechtfertigen kann, mitgemacht hast. Glücklich, wenn du einen solchen Beschützer nie von dir verscheuchest, noch dein leicht verwundetes Herz dem tückischen Dämon aussetzest, der immer, bald näher, bald entfernter, nach dir schielt und auf Gelegenheiten lauert, irgend einen unverwahrten Zugang in deine Seele zu finden. Und wie leicht ist dieß möglich, da er die gefährliche Gabe besitzt, gleich dem betrüglichen Witz allerlei Gestalten anzunehmen! Wie oft versteckt er sich hinter eine Schaar von Jugendfreuden, die er unschuldig nennt, und lauert wie der Skorpion unter Blumen! Laß dich nicht durch seine glatten Worte verführen! Durch solche verführte einer seines Gleichen die unschuldigste unter allen Weibern. Nur dann bist du unschuldig, wenn du dein Herz mit Freuden vor dem Allwissenden ausbreiten kannst; wenn keine Schwärmerei eitler Begierden, keine unbesonnene Wünsche, keine Ungeduld, kein Stolz über Vorzüge, die auf der Wage der Weisheit von einem Sonnenstaub überwogen werden, deinen Geist beflecken. Glaube nicht dem Unbedachtsamen, der dich geistreich nennt, weil deine Augen mit ihren lieblichen Blitzen sein Herz geschmelzt haben, und dich tugendhaft glaubt, weil er sich beredet, daß in einem blendenden Busen nothwendig die schneeweiße Unschuld wohnen müsse. Du bist edel, weil du Begierden in dir fühlst, den erhabensten 19 Vorbildern der Tugend nachzueifern. Aber du bist noch weit entfernt, sie erreicht zu haben, wenn du ihnen schon diese oder jene Empfindungen abgelernt hast. Eine Clarissa, eine Byron oder AmaliaAmalia, welche hier neben zwei weiblichen Idealen von Richardson steht, ist die Heldin eines Romans von Fielding, der in ihr ein Muster ehelicher Treue und Zärtlichkeit aufstellen wollte. Seinem Tom Jones steht dieser Roman weit nach, und der Amalia thut man nicht großes Unrecht, wenn man sie mit unserm seligen Weibe, wie es seyn soll, vergleicht. ist die höchste Zierde der Menschheit; sie schwebt zwischen der englischen und menschlichen Natur in der Mitte. Du hast alle ihre Zärtlichkeit, Sacharissa, strebe auch nach ihrer Größe. Jene ist eine Gabe der Natur; diese kann und muß dein eigenes Werk seyn. Zärtlichkeit des Gemüths ohne Stärke, ohne Großmuth ist Weichlichkeit, ein Rohr, das von jedem Winde bewegt wird. Aber eine Seele, die sich eine erhabene Art zu denken angewöhnt hat, hört ungereizt die Stimme der Freuden, die an ihre Ufer zu einem wollüstigen Tode einladen, und stehet unerschüttert im Sturm, wie eine Ceder Gottes, deren Wurzeln in die Tiefe hinabreichen. Und wie kann eine Seele anders als groß seyn, die ihren Adel bedenkt, die diesen Erdenkloß gegen jene himmlischen Welten und Tage, die wie ein Schatten dahingehen, gegen die Ewigkeit abgewogen hat? Was hat denn Eitelkeit und Wollust einer solchen Seele Anständiges anzubieten? Was hat ein Stäubchen für ein Verhältniß gegen den Himmel? Muß nicht, wenn du so denkst, die getreue Ausübung der kleinsten Pflicht dir ein größeres Vergnügen geben, als jene flatternden Seelchen zu kennen fähig sind, die immer außer ihrem eignen Bezirk in den Auen der Thorheit herumirren und alle Dinge um sich her mit trunknem, ungewissem Auge angaffen? Nein, Sacharissa; der neidische Dämon soll nicht triumphiren, dich in diese Labyrinthe gezogen zu haben. Du wirst unverwandt dein Ohr nach der sanften Stimme der Weisheit lenken und den Weg mit immer stärkern Schritten fortwandeln, auf welchem Ruhe und Zufriedenheit unter 20 deinen Tritten blühen und tausend Seraphime von deiner demuthsvollen Tugend angelockt, um dich her schweben und einen Kreis um dein Herz ziehen, durch den kein Uebel dringen kann.


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