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Christoph Martin Wieland: Sympathien - Kapitel 4
Quellenangabe
typeessay
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Neunundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1754
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleSympathien
pages63
created20131202
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2.

Was für ein Gewölk, o Alcest, hat sich über dein Gesicht gezogen, das die Natur zur Freundlichkeit bildete? Woher diese unmuthigen Blicke, diese Falten auf einer Stirne, die zur Heiterkeit ausgebreitet ist? Ueber wen zürnst du, Alcest? – »Ueber das ganze menschliche Geschlecht. Die Menschen sind Mißgeburten und Ungeheuer in deinen Augen, die man entweder hassen oder verachten muß. Ihre Thorheit, ihre Laster, ihre Einbildungen, ihre widersinnigen Ungleichheiten, ihre Falschheit und Bosheit sind dir nicht länger erträglich. Du siehest sie von allen Seiten an, wie du glaubst, und kannst nichts Liebenswürdiges an ihnen finden. Sie mögen liebenswürdig gewesen seyn, da sie in ihrer ersten Unschuld aus der Hand des Schöpfers kamen. Aber, wie sie bald nachher geworden und bisher geblieben 12 sind, findest du sie unerträglich. Sie prahlen auf Vernunft, der sie niemals folgen, und bewundern die Tugend desto mehr, je weniger sie Lust haben, sie auszuüben. Sie sind aufgeblasen und übermüthig, wenn es nach ihrem Sinne geht, und kriechen muthlos am Boden, sobald ihnen etwas Widriges aufstößt. Sie schweifen immer aus sich selbst hinaus und suchen die Glückseligkeit allenthalben, wo sie nicht ist. Die Wahrheit hat kein Ansehn bei ihnen. Der schändlichste Irrthum gefällt ihnen in einer schönen Larve besser, als die Wahrheit, die ungeschmückt am schönsten ist. Sie hassen sich um Gottes willen, den sie nie glauben, außer wenn sein Donner sie an ihn erinnert, oder wenn sie im Angesicht des Todes vom Bewußtseyn ihrer eigenen Thaten, wie von Furien mit Schlangenpeitschen, vor seinen Richterstuhl geschleppt werden. Sie machen unaufhörliche Gesetze und untersuchen, was recht ist; sie machen Gesetze, die ihre Leidenschaften bändigen sollen, und diese Leidenschaften sind die einzigen Gesetze ihrer Handlungen. Viele scheuen sich nicht, im Angesicht des Himmels und der Erde Bösewichter zu seyn; und die Uebrigen, die noch erröthen können, haben zur Verhehlung ihrer Schande falsche Tugenden ersonnen und sie an die Stelle der wahren gesetzt, von der sie weder Gefühl noch Kenntniß haben. Die Elenden! Die Religion selbst, die ihnen eine Ewigkeit voll Wonne zum Sold anbietet, wenn sie das thun wollen, was sie aus Eigennutz thun müßten, wenn auch kein Himmel wäre, – die Religion selbst hat sie nicht vermögen können, weise zu werden. Welch eine Unordnung, welch ein Getümmel von moralischen Dissonanzen ist diese menschliche Welt! Was für ein glorreiches Geschöpf wäre der Mensch, wenn er wäre, was er seyn soll! der Engel der Erde. Aber was ist er jetzt, da 13 es dem Vieh selbst eine Schande ist, mit dem Menschen verglichen zu werden! da er aus einem weisen, gutthätigen, zärtlichen Wesen in ein grausames, stolzes, schändliches Ungeheuer verwandelt ist, das die Natur nicht für ihre Geburt erkennt und gern in den Abgrund ausspeien möchte, wo es allein seines Gleichen fände!«

Genug, genug, Alcest! du könntest noch Tage lang aus diesem Gesichtspunkt und in diesem Ton auf die Menschen schmälen. Aber was folgerst du aus dem Allem!

»Was Anderes, als daß es die Hölle einer redlichen Seele ist, unter solchen Scheusalen zu wohnen und entweder schweigend, wie eine Statue, die man nicht scheut, ihren schändlichen Thaten zuzusehen oder sich, wenn man den Mund öffnet, alle Augenblicke ihren dummen Hohn, ihren sophistischen Künsten und ihrer tückischen Rachsucht auszusetzen? Kann man Verstand und Redlichkeit haben und hierbei gleichgültig bleiben? Nein! Ich will nicht, daß mich ein vergeblicher Eifer fresse. Ich will in eine Einöde gehen, in unzugangbare Wildnisse, wo das Gras niemals unter den Tritten dieser giftigen Thiere verdorret ist. Löwen und Tiger mögen ihr Lager daselbst haben, Schlangen und Drachen mögen um mich her zischen; vom Anblick der Menschen erlöst, will ich mich in einem Paradiese glauben.«

Und dieß ist also dein Entschluß? So willst du deine Umstände verbessern? durch deine eigene Weisheit den Fehler der Vorsicht verbessern, die dich unter die Menschen gesetzt hat? Ohne Zweifel wirst du die Wunder des Orpheus noch weiter treiben und die wilden Thiere durch die magische Gewalt deiner Philosophie geschickt machen, deine Gesellschaft zu seyn. Denn, glaube mir, wofern du Niemand hast, dem du deine Betrachtungen entdecken kannst, Niemand, der dich 14 billigen oder lieben kann, so wirst du sehr lange Weile haben. Gleich den Liebhabern in Romanen mit den Bäumen zu reden, ist nur eine kleine Zeit angenehm. Aber verstatte wenigstens zuvor, daß ich dich frage, was die Veranlassung zu dieser Erbitterung gegen das menschliche Geschlecht gewesen sey. Bekenne nur offenherzig, du bist von einem Niederträchtigen verleumdet worden, von einem Menschen, dem Jedermann gesunde Vernunft und Redlichkeit abspricht, und der doch Leute gefunden hat, die ihm glaubten. Dieß hat deine Galle so aufgebracht! In der That eine schwarze Handlung, aber welche keinen solchen Sturm in einem Weisen hätte sollen erregen können. Denn du siehest leicht, daß es sehr unbillig ist, den Zorn, den ein Einziger verdient hat, alle Uebrige ohne Unterschied entgelten zu lassen.

Ja, sprichst du, wenn ich nicht wüßte, daß die Uebrigen eben so schlimm wie dieser sind. Was ist gegen die Wahrheit des Gemäldes einzuwenden, das ich von den Menschen gemacht habe?

Vielleicht sehr viel. Aber antworte jetzt nur auf diese Frage: Gibt es keine tugendhafte Menschen auf der Welt? – Ja, antwortest du, aber es sind ihrer so wenig, daß sie gegen die schlimmen in keine Betrachtung kommen. Du urtheilest sehr schnell. Ein einziger Tugendhafter kommt gegen eine ganze Hölle voll Bösewichter in Betrachtung. Aber warum machst du die Zahl der Redlichen so klein? Kennst du nicht selbst verschiedene? und sind es diejenigen desto minder, die du nicht kennst? Wie, wenn ihre Zahl in den Registern des Himmels viel größer wäre? Und sollte nicht ein einziger Tugendhafter einem wohl beschaffnen Geiste so viel Vergnügen geben, daß der Anblick von zehn Boshaften 15 es nicht sollte vermindern können? – Laß mich freimüthig reden, Alcest, – du liebest die Freimüthigkeit an dir selbst– hat nicht eine Leidenschaft, die vielleicht unedler ist, als du denkst, dein inwendiges Auge benebelt? Du kennst doch die Natur der Leidenschaften. Sie vergrößern, sie leihen den Sachen ihre eigene Gestalt, sie sind die ältesten und künstlichsten Sophisten. Von Leidenschaft erhitzt sieht der Anhänger Mahomeds in der blutigen Schlacht den Himmel voll schwarzaugiger Mädchen; im Affect sieht und hört der Furchtsame lauter Gespenster um sich her; im Affect siehest du eitel Thorheit und Laster, eitel Unordnung in der Welt. – Ist sie dir allezeit so häßlich vorgekommen? – Du erröthest! Erst gestern schien dir Alles blühend, da du von der schönen Delia kamst; Alles war Himmel um dich her, du träumtest lauter Unschuld und Zärtlichkeit. Die Welt ist gleich unschuldig, wenn du sie für schöner, als wenn du sie für häßlicher hältst, als sie ist. Nimm sie für das, was sie ist, und gewöhne dich, sie mit dem Auge des echten Christen anzusehen, und sie wird wieder zu einer paradiesischen Schönheit vor dir aufblühen. Dieß ist mehr, als blose Weltweisheit kann. Diese kann uns geduldig, die christliche Weisheit allein kann uns vergnügt machen. Meinest du, der Schöpfer würde diese Erde nur einen Augenblick vor seinem Angesicht dulden, wenn er nicht eine ihm gefällige Schönheit, eine überwiegende Güte in derselben fände? Glaubest du, der Sohn Gottes sey vergebens herunter gestiegen, sich eine unsichtbare Gemeine von Heiligen zu sammeln, damit die alten Ansprüche des Himmels an die Erde gültig blieben? Schäme dich deines unbesonnenen Eifers, der die Gottheit schmähet, da er nur die Menschen zu tadeln glaubt. – Und wie verträgt sich diese Verbitterung gegen 16 das menschliche Geschlecht mit der Güte, welche du von dir selbst fordern solltest, da du an Andern den Mangel derselben so streng verdammest? Ich fordre nicht von dir, ein Menschenfreund zu seyn, solange du sie hassenswürdig findest. Aber als ein Weltbürger darfst du keinem Insect Unrecht thun. Wenn du also deine Beschuldigungen nicht auf alle und jede Menschen erweisen kannst; wenn es sich befindet, daß der Mensch eine schöne Seite hat, welche die unvollkommene bei Weitem überglänzt, und daß die Quellen der moralischen Uebel vielmehr Mängel sind, als Bosheit: so würdest du, nach dem Ausspruch deines eigenen Herzens, ein sehr ungerechtes Geschöpf seyn, und es würde Niemand weniger als dir anstehen, so unbarmherzig auf die Sterblichen herabzudonnern. Verstatte mir in diesem Augenblick dein Gewissen zu seyn und dich an dich selbst zu erinnern. Siehe in dein Leben zurück und sage mir dann, ob du leugnen kannst, daß du auch zu den Menschen gehörst? Wie viel Thorheit wird diese Selbstbeschauung in deinem eignen Busen entdecken! Vielleicht findest du bei genauer Untersuchung, daß das menschliche Geschlecht erst alsdann so verachtet zu werden verdiente, wenn ein Jeder nach dem Verhältniß seiner Kräfte und der Gelegenheiten, die er zu seiner Selbstverbesserung hat, noch ein so großes Maß von Fehlern hätte, wie du.

Ich sehe, wie beschämt dich diese Betrachtung macht. Ich will dich nicht noch mehr zu Boden drücken. Aber ich hoffe, daß du jetzt an den göttlichen Lehrer der Christen denken werdest, der, gewiß aus tiefer Einsicht in die Natur des Menschen, seine Jünger so stark zur Demuth ermahnet. Demuth oder Selbsterkenntniß ist das beste Gegengift gegen eine Misanthropie wie die deinige, die zwar aus Eifer für 17 das Gute entspringt, aber vom Stolz zu einer Leidenschaft aufgeschwellt wird, die den Menschen schändet und eine Art von Empörung gegen die Vorsicht ist.


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