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Christoph Martin Wieland: Sympathien - Kapitel 2
Quellenangabe
typeessay
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Neunundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1754
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleSympathien
pages63
created20131202
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Einleitung.

Wie glücklich, wenn sympathetische Seelen einander finden! Seelen, die vielleicht schon unter einem andern Himmel sich liebten und jetzt, da sie sich sehen, sich dessen wieder erinnern, wie man eines Traumes sich erinnert, von dem nur eine dunkle angenehme Empfindung im Gemüthe zurückgeblieben ist. Das Schicksal trennte sie vielleicht, als sie von jenen seligen Gestaden herabsanken, ihre Prüfungszeit in diesem fremden Lande anzutreten. Aber ihre befreundeten Engel bringen sie wieder zusammen, wenn gleich Jahre, Gebirge und Flüsse zwischen sie gelegt sind. Kaum erwachen die schwesterlichen Seelen wieder von der Betäubung, worein der Fall in den irdischen Klumpen sie stürzte; kaum fühlen sie sich selbst wieder recht, so erwacht auch eine geheime Sehnsucht, die ihnen selbst fremd ist. Sie athmen nach einem Gute, das ihnen fehlt; sie staunen; oft sinken sie in einsamen Schatten oder unter den Flügeln der Nacht in ernste Träume. Tausend Gestalten der Dinge gehen vor der denkenden Seele vorbei, ohne sie zu rühren; sie erfindet sich zuletzt ein liebenswürdiges Bild, sie malet es aus und liebt es und wünscht, wie Pygmalion, daß es leben möge, unwissend, daß dieses Bild ein Urbild hatDie ersten philosophischen Abhandlungen Wielands sind als eine Frucht seiner Lectüre Platons zu betrachten. Daß er in seinen früheren Jahren die Lehre Platons von den Ideen angenommen, haben wir schon bemerkt: gerade hier wird es zweckdienlich seyn, die theologischen, psychologischen und moralischen Sätze Platons, die damit zusammenhängen, anzuführen, denn Wieland hatte sie in seine Denkweise aufgenommen. Es sind hauptsächlich folgende.

1) Von Ewigkeit her war die Gottheit und die ungeformte Materie vorhanden, und in der Gottheit waren von Ewigkeit her die Ideen. Die Welt entstand, indem die Gottheit die Materie mit diesen Ideen verband oder sie ordnete nach ihren ewigen Urbildern. Das Weltideal, sofern es von Gott gedacht wird, macht die Verstandeswelt aus, nach welcher die sichtbare dadurch, daß die Materie mit den Ideen verbunden wurde, gebildet ist.

Da es nach diesen Sätzen zweifelhaft seyn mußte, ob ein Verstand, der nicht der göttliche selbst ist, die Verstandeswelt erkennen könne, so half Platon durch einen Satz seiner Psychologie.

2) Die Seele ist göttlichen Ursprungs und vor ihrer Vereinigung mit dem Körper in einem vollkommnern Zustande gewesen. Aus eben diesem liegen die Ideen noch in ihr (sie sind angeboren), und alles unser Erkennen, Erlernen u. s. w. ist eine blose Wiedererinnerung.

Dieses ist der Satz, den Wieland hier vorträgt. Um des Folgenden willen theilen wir aber gleich auch die moralischen Folgerungen mit, welche Platon aus solchen Voraussetzungen zog:

3) Körper und Sinne hindern uns, die Wahrheit rein und vollkommen zu erkennen und eine reine und vollkommene Glückseligkeit zu erlangen. Der Körper ist der Seele Kerker, und diese zur Strafe in ihn gesetzt. (Hier folgt die Lehre von dem Abfall, Sündenfall.) Um noch Glückseligkeit hienieden zu erlangen, muß man das Irdische fliehen, die Seele vom Körper abziehen und die ewige Wahrheit des Unsichtbaren unverwandt mit dem Auge des reinen Verstandes anschauen, worin die wahre Weisheit, die Mutter aller Tugenden, besteht. Des Menschen Glückseligkeit besteht in der Aehnlichwerdung Gottes, wozu die Tugend, die Anerkennung des Elendes der eingekerkerten Seele und die Vereinigung derselben die Mittel sind. Der Tod erst, als Befreiung von des Körpers Banden, verhilft zur wahren Glückseligkeit.

Hier folgt nun im platonischen Systeme die Lehre von der Unsterblichkeit und Seelenwanderung, womit sich der Cirkel schließt. Eine unendliche Sehnsucht treibt den Forscher zu Gott hin; aber auch diese, durch nichts Irdisches zu befriedigende Sehnsucht leitet er von der dunkeln Erinnerung des ehemaligen Zustandes ab, wo die Seele Gott näher und in ihrem eigentlich natürlichen Zustande war. Zu Gott erheben die Schwingen der Seele, d. i. die Kraft und der Hang, vom Sinnlichen zum Uebersinnlichen emporzusteigen. Dieß führt den Denker auf die Kraft der Begeisterung und der Schönheit, die er ebenfalls mit seinen Ideen in Verbindung bringt. Er weiß es, daß die Energie des Geistes durch das wahrgenommene Sinnlichschöne besonders kräftig erregt wird, und daß es antreibt, zu dem Genusse des geistigen Urschönen sich zu erheben. Die Schönheit führt ihn auf die Liebe. Der physischen Liebe aber, die sich an der körperlichen Schönheit weidet, eine Folge des Geschlechtstriebes ist und blos angenehmen Sinnengenuß bezweckt, stellt er, als vernünftiges Begehren, seine himmlische Liebe entgegen, deren Gegenstand die moralische Schönheit und Vollkommenheit ist. »Wer, durch die Liebe für den geliebten Gegenstand richtig geleitet, sich von der Neigung zu diesem allmählich erhoben hat zum Anschauen der ewigen Schönheit, der hat den Grad der Vollendung beinah erreicht. – Von schönen Körpern steigt man zu schönen Handlungen, zu schönen Wissenschaften auf und wird endlich in den letzten Grad eingeweiht, wo man die Urschönheit selbst erkennt. Hier wird des Menschen Leben erst ein wahres Leben.«

, und daß 4 sie sich nur wieder auf seine Züge besinnt. Wie süß ist dann das Erstaunen dieser harmonischen Geister, wenn sie sich unverhofft finden! Ein geheimer magnetischer Reiz nähert sie einander, sie schauen sich an und lieben sich immer mehr, je länger sie sich anschaun. Und wie könnten sie anders als sich lieben? Ihre Herzen sind in den lieblichsten Gleichlaut gestimmt. Die Natur hat gleiche Reize für beide. Dieser reine Azur des Himmels, diese balsamischen Blumen, diese blühende Gegend, die im Mondschein schlummert – aber noch viel mehr das geistige Schöne, die Ordnung, die Güte, die Unschuld, die stille Tugend, die unaufgemuntert, unerkannt und unnachgeahmt mitten in dem Getümmel einer ausgearteten Welt der Stimme des Himmels getreu bleibt – alle diese Gegenstände rühren beide auf gleiche Art. Wie süß ist es ihnen, ihr Innerstes einander aufzuschließen! Wie leicht verstehen sie sich! Wie schnell geht jede Empfindung aus der einen in die andre über! Sie scheinen nur zwei Hälften zu seyn, welche die Freundschaft wieder in eine Seele zusammenfügt. Kein großer Gedanke, keine schöne Empfindung, keine frohe Hoffnung, keine edle That, die sie nicht unter sich gemein haben! Kein Mißklang in der einen, der nicht durch die andere in Harmonie aufgelöst werde! Die Begierde, sich den Unsterblichen, jenem heiligen Lande, wo sie entsprungen sind, immer mehr zu nähern; diese erhabne Begierde, man mag sie nun Tugend oder Religion nennen, vereinigt sie in Allem, was sie denken oder thun. Denn was für eine andere Harmonie kann unter Geistern seyn, wenn es nicht die Tugend ist?

O, hütet euch, die geheiligten Namen der Liebe und Freundschaft zu entweihen, ihr kleine Seelen, welche Ehrgeiz oder Wollust auf kurze Zeit an das gleiche Joch spannen; 5 nennet nicht Sympathie, was eine schändliche Zusammenrottung ist, die ihr umsonst mit dem Namen der Liebe und Freundschaft bedeckt, wie Afra ein häßliches Gemüth unter den Rosen ihrer Wangen verbergen will. Begnüget euch, von uns unbeneidet, an euren thierischen Trieben und Freuden, aber haltet euch in euren Grenzen und gönnet uns, daß wir die Welt in einem andern Lichte betrachten; daß wir unsern Geist lieber mit großen und gewissen Hoffnungen nähren und erweitern, als in schnell vorbeirauschenden Wollüsten zerschmelzen wollen; uns lieber mit einem göttlichen Glauben nähren, als mit Einbildungen, die keine Wahrheit außer dem Hirn des Träumers haben; daß unsre Seelen lieber bei sich selbst wohnen, als in tausend eitle Begierden und sprudelnde Thorheiten ausfließen; daß wir desto mehr zu leben glauben, je mehr der Geist frei und seiner eignen Natur gemäß empor steigt, und je mehr wir von den Banden, die ihn an diesen irdischen Felsen anheften, zerreißen können.

Und wie kann es anders seyn, als daß Alle, die mit dieser Denkart beseliget sind, in einer geheimen geistigen Verbindung stehen und einander nahe sind, wenn gleich ihre Blicke sich nie begegneten, und ihre Lippen sich nie gegen einander eröffnet haben? Ihre Neigungen begegnen einander, ihre reinsten Wünsche steigen gemeinschaftlich zu Gott auf, ihr Geist strebet in gleichlaufenden Linien nach der Vollkommenheit, ihre Hoffnung fließt in dem gleichen Mittelpunkt zusammen. Zwar hängt oft eine Decke zwischen ihnen, die sie verhindert, einander zu erkennen; viele finden sich erst in jener Welt. So ordnet es der, der allein weise ist! Die Erde soll kein Himmel seyn! Doch fügt es oft ein gütiges Geschick, daß sie auch schon hier sich finden; und wenn gleich Ort und Zeit sie 6 trennt, so hat der Witz, den Begierden des Herzens zu Hülfe zu kommen, ein Mittel erfunden, die Bewohner entfernter Gegenden in einem Augenblick zusammenzubringen und die Jetztlebenden in die Gesellschaft jener ehrwürdigen Schatten zu versetzen, deren Tugend mit jedem Jahrhundert neu geboren wird.

Wie oft, wenn meine Seele aus den Zerstreuungen des Tages in stille einsame Schatten flieht, zu ihren liebsten Gedanken sich flüchtet und sich mit unsichtbaren Gegenständen unterhält; wie oft ergötzt mich da die süße Vorstellung, daß es Verwandtschaften unter den Geistern gibt, und daß viele mit mir verschwisterte Seelen auf dem Erdboden zerstreut sind, die vielleicht in diesem Augenblick, wie ich, in einsame Schatten entflohen sind und sich mit gleichen Gedanken und Gegenständen unterhalten! Dann hänge ich in stiller Entzückung diesen geliebten Träumen nach und fliege in Gedanken umher, diese sympathetischen Seelen aufzusuchen und an dem Zustand, worin jede sich befindet, Antheil zu nehmen. Vielleicht, denke ich, schmachtet diese nach einem Freunde, dem sie ihr Herz entdecken dürfte, der ihre Empfindungen verstände und ihr so rathen könnte, wie sie es nöthig hat; vielleicht ist eine andere noch unerfahrene, obgleich gut geartete Seele, der Belehrung, eine andere, die gleiten will, der Unterstützung, eine niedergeschlagene der Ermunterung, eine leichtsinnige der Warnung benöthigt. So stelle ich mir verschiedene Umstände vor, in den jetzt meine nächsten und eigentlichen Verwandten sich befinden, und sinne voll Freundschaft nach, wie ich sie belehren oder ermuntern, trösten oder stärken, bestrafen oder mit gerechtem Beifalle belohnen wolle. Dann zeichne ich diese Gedanken auf, und mein Herz findet eine süße Befriedigung 7 darin, sich mit seinen Abwesenden zu besprechen und ihnen das gleiche Vergnügen zu machen, das ich an diesen geheimen Gesprächen finde.

Nehmet denn, ihr geliebte Seelen, die mich näher angehen als die übrigen Menschen – für deren größeren Theil keine andre Liebe als Bedauern möglich ist, nehmet diese Erinnerungen und Ermunterungen von eurem Freunde an, der euch in einer bessern Welt alle um sich her versammelt zu sehen hoffet. Ihr allein verstehet diese Blätter; ihr allein werdet diese Sprache kennen und fühlen, und nur in euren Herzen werden sympathetische Empfindungen den meinigen antworten. 8


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