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Christoph Martin Wieland: Sympathien - Kapitel 14
Quellenangabe
typeessay
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Neunundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1754
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleSympathien
pages63
created20131202
sendergerd.bouillon@t-online.de
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12.

Die meisten Menschen, Arete, sind von Empfindungen ihres eigenen Werths aufgeblasen, weil sie nicht wissen, was der wahre Werth des Menschen ist. Sie kennen sich selbst nicht, weder was sie sind, noch was sie seyn sollen. Eine weise Seele vergißt nie, daß ihr wahrer Werth von Gott selbst abgewogen wird, und daß auf der Wage des Gerichts 44 weder Schönheit noch Witz, weder Reichthum noch Hoheit ein Gewicht machen. Der Mensch ist auch hier schon nicht mehr werth, als er seyn wird, wenn er, vom Leib entblöst, entweder mit seiner Tugend oder mit dem Bewußtseyn eines übel geführten Lebens in die unsichtbare Welt eingehen wird. Diese wichtige Wahrheit schwebt einer solchen Seele allezeit vor; und wie kann sie dann anders als demüthig seyn? Wohin sie ihr Auge wirft, findet sie Gegenstände, die ihr ein Gefühl ihrer Unvollkommenheit geben. Denkt sie an Gott, so sieht sie, daß sie nichts Gutes hat, das nicht von ihm ausgeflossen wäre; sie überlegt die Menge seiner Wohlthaten und ermüdet, sie herzuzählen. Wie wenig, sagt sie beschämt zu sich selbst, habe ich mir noch alle diese Gnaden zu Nutze gemacht! Wie weit wäre vielleicht ein Anderer in der Tugend fortgegangen, wenn er so kräftig und vielfach zu ihr wäre gezogen worden, wie ich! – Sieht sie auf ihre Nebengeschöpfe, so macht sie sich neue Vorwürfe. Die leblosesten Werke Gottes beschämen sie. Die ganze Natur gehorcht dem Wink ihres Schöpfers; die Sonne und die Sterne laufen unermüdet in ihren Kreisen; Alles ist in Bewegung, mit ehrfurchtsvoller Stille den Endzweck des Ewigen zu vollbringen. – Und ich! wie saumselig bin ich, saumselig in Pflichten, deren Ausübung doch mein eignes Bestes ist! – Wirft sie einen Blick auf die Seligkeiten, welche ihr der göttliche Versöhner aufgeschlossen hat, auf die unermeßliche Herrlichkeit der Tugendhaften, die dereinst den Engeln gleich sind und zum Anschaun der Gottheit zugelassen werden; o, welche mächtige Gründe, sich zu demüthigen, gibt ihr dieser Gedanke, ob er gleich so stolz zu seyn scheint! Eben dieser großer Gedanke – Es wartet eine unaufhörliche und vollkommene Seligkeit auf mich, – setzt unsre Unwürdigkeit 45 in das helleste Licht! Ach, Arete, wenn gleich unser ganzes Leben eine einzige Kette von lauter tugendhaften, großmüthigen und wohlthätigen Werken wäre, so hätte es doch mit einer unendlichen Belohnung kein Verhältniß. Aber unser Herz sagt uns, daß wir noch lange nicht das sind, was wir nach unsrer eignen Einsicht seyn sollten. Denke nur an dieses Einzige: Wie oft murret unsre Seele, wenigstens in Geheim, gegen die göttlichen Schicksale, gegen den Zusammenhang der Dinge, gegen Zufälle, welche doch mit den Absichten Gottes übereinstimmen! Wie oft ermüdet unsre Geduld, da wir doch einen Himmel voll unsterblicher Wonne über uns sehen, gegen welchen alle Leiden dieser Zeit kaum für einen schreckhaften Traum anzusehen sind, der bald vorübergeht und uns die Glückseligkeit unsers Zustandes, wenn wir erwacht sind, nur desto besser fühlen macht! O, was für unvollkommene, sich selbst ungleiche, schwache und unmächtige Geschöpfe sind wir! Wie wenig Ursache haben wir, uns in unsern guten Eigenschaften zu spiegeln, oder, wie Narcissus in der Fabel, in unsre eigne Schönheit verliebt zu werden! Wir mögen so gut seyn als wir wollen, so überwiegen unsre Mängel allezeit. Wenn es uns Ernst ist, nach der Vollkommenheit zu streben, so müssen wir demüthig seyn. Die schmeichelhafte Beschauung unsrer schönen Seite nutzt uns wenig, besser zu werden. Wir müssen unsre Gebrechen anschauen und empfinden, wenn wir von ihnen befreit werden wollen.

Wie liebreich meinte es also unser göttlicher Lehrer mit uns, da er uns die Demuth so nachdrücklich anbefiehlt! Der Stolze nimmt immer ab im Guten, weil er nimmer wachsen zu können glaubt; er reißt alle Wohlthaten Gottes unerkenntlich zu sich, als ob sie ihm gebührten, und murret, 46 wenn seinen Verdiensten, wie er glaubt, nicht Gerechtigkeit widerfährt. Er hasset Andere wegen der Vorzüge, die er an ihnen glänzen sieht, als ob es Vorwürfe wären, die ihm zeigten, daß ihm noch etwas fehle. Er verachtet alles Vortreffliche, wovon er selbst nichts besitzt, und brüstet sich dagegen mit Vorzügen, die vielleicht nur falsche Juwelen und Flittergold sind. Er ist ein strenger Tadler der kleinsten Schwachheiten seiner Brüder; seiner eigenen Häßlichkeit sich unbewußt, beobachtet er mit einem Schalksauge kleine, kaum merkliche Flecken an den schönsten Seelen. Nur der Demüthige kann ein wahrer Menschenfreund seyn; nur er kann Mitleiden mit dem moralischen Elend der Menschen haben, welches bejammernswerther ist, als alle Gebrechen des Leibes und Widerwärtigkeiten des Glücks; nur er kann sanftmüthig seyn und Andre mit Liebe bessern, weil er die Strenge nur für seinen eignen Fehler behält. Und so wächst er unvermerkt im Guten, steigt von einer Stufe der Weisheit und Tugend zur andern und wird den Engeln ähnlich, indem er nur ein schwacher Sterblicher zu seyn glaubt.

Es ist wahr, die Demuth verhüllet unsere Tugenden vor dem blödsinnigen Auge der Thoren, welches durch Schimmer und Lärm zur Bewunderung aufgefordert seyn will; aber sie gleicht der sittsamen Kleidung einer jungfräulichen Schöne, welche dem Weisen desto mehr gefällt, je mehr sie ihre keuschen Reize zu verbergen sucht. Und was liegt uns daran, wenn uns Menschen nicht beobachten, da Engel die Bewunderer der einfältigen und demüthigen Tugend sind? Denn Demuth ist eine englische Eigenschaft; die Seraphim, so rein und heilig sie sind, werfen ihre Kronen vor dem Unendlichen nieder, bedecken ihre Angesichter und erkennen sich unwürdig, seine Herrlichkeit anzuschauen.

47 Aber, indem ich, Arete, diese dir eigene Tugend preise, darf ich nicht vergessen, dich vor einer gewissen Schüchternheit zu warnen, die nicht selten die Gestalt der Demuth annimmt und unter diesem Schein schon oft auch redliche Gemüther getäuscht und im Lauf zur Vervollkommnung aufgehalten hat. Dieser Mangel an Muth hat ihre Kräfte niedergeschlagen; sie haben ihre eigne Stärke nicht gekannt, ja sich sogar eingebildet, unsere Seele müsse nur leiden, was Gott unmittelbar in ihr wirken wolle, ohne selbst an ihrer Verbesserung zu arbeiten. Diese Irrthümer sind aus einem undeutlichen Begriff von der Demuth entsprungen. Die Demuth schließt weder das Bewußtseyn unserer guten Eigenschaften, noch die eifrige Bestrebung nach höhern Graden der Vortrefflichkeit aus. Sie soll uns in dieser Bestrebung vielmehr fördern als zurückhalten. Die falsche Demuth erkennt nicht blos ihre Unvollkommenheit, sondern es scheint auch, daß sie sich in derselben gefalle, und daß sie sich, aus Furcht stolz zu werden, auch vollkommner zu werden fürchte. Verachte, Arete, diese schädliche Blödigkeit des Geistes. Vergiß nie, daß du, deiner ursprünglichen Natur nach, nur ein wenig minder als die Engel gemacht bist, und daß du nach deiner Vollendung den Engeln gleich seyn wirst. Denke nicht gering von den Fähigkeiten der menschlichen Natur, denn dieß hieße göttliche Gaben gering achten; denke nicht zu gering von dir selbst, da dich die Gnade, welche deiner Redlichkeit zu Hülfe gekommen, schon so weit gebracht hat. Der Schöpfer gab dir eine fruchtbare Seele, welche nur des erwärmenden Sonnenscheins der Weisheit nöthig hatte, um tausend liebliche Blumen und gesunde Früchte hervorzubringen. Er läuterte dich durch Prüfungen; er übte dich in der geduldigen Ergebung in seinen Willen; er lehrte dich den geringen Werth 48 der irdischen Dinge; er bildete dein Herz nach der göttlichen Vorschrift Jesu zur Unschuld und Menschenliebe; dein innigstes Vergnügen ist, die Tugend und Gottseligkeit ausgebreitet zu sehen, deine angelegenste Sorge, dich unaufhörlich zu verbessern. Du vollbringst mit willigem Gehorsam die gering scheinenden Pflichten dieses Lebens, und deine zärtlichsten Neigungen beziehen sich auf die Ewigkeit. Soll eine solche Seele jemals niedergeschlagen und kleinmüthig seyn? Muß es ihr nicht leicht seyn, auf den Pfaden des Friedens fortzuwandeln? Bemühe dich nur, so viel du kannst, deine Erkenntniß zu lauter Licht und Wahrheit und deine Liebe immer reiner und ausgebreiteter zu machen. Hierdurch wirst du zugleich in der Demuth und in der Vollkommenheit zunehmen. Denn unsere Vollkommenheit besteht darin, daß wir uns immer mehr von unsern natürlichen und erworbenen Fehlern, von Unwissenheit, Irrthum, Eitelkeit und allen unrichtigen oder übermäßigen Leidenschaften reinigen; eine Arbeit, mit der auch die Heiligsten in diesem Leibe des Todes nie zum Ende kommen. Je weiter wir uns von der Unvollkommenheit entfernen, desto näher kommen wir der Vollkommenheit, die allein in Gott ist. Und so viele Schwierigkeiten wir auch auf diesem Wege antreffen, so überwindet doch die Liebe sie alle. Denn was kann einer Seele, die Gott liebt, süßer seyn, als in der Erkenntniß zu wachsen, die zu ihm führet, und in der Unschuld und Rechtschaffenheit, die uns mit ihm vereiniget?


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