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Christoph Martin Wieland: Sympathien - Kapitel 12
Quellenangabe
typeessay
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Neunundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1754
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleSympathien
pages63
created20131202
sendergerd.bouillon@t-online.de
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10.

Wir würden glücklich seyn, Eulalia, wenn wir uns der Vortheile, die wir immer in unsrer Gewalt haben, recht bedienten. Nichts ist so sehr unser eigen, als unsre Gedanken. Alles Andre ist außer uns. Die Güter des Glücks sind unbeständig, die liebsten und würdigsten Gegenstände unsers Herzens können uns aus den Augen genommen werden, aber unsre Gedanken ersetzen uns Alles. Die Seele ist da, wo sie denkt. Durch ihre Gedanken kann sie sich mitten im Leiden einen Himmel um sich her verschaffen; in Gedanken kannst du, Eulalia, in die goldnen Zeiten der Unschuld zurückkehren, unter den Hütten der frommen Patriarchen wohnen oder wie die unschuldsvolle Maria zu den Füßen des Erlösers sitzen und die Worte des Lebens von seinem holdseligen Munde hören. In Stunden, da du nichts außer dir hast, das dich erfreuen oder lieblich beschäftigen könnte, kannst du, in dich selbst geschmieget, dich mit deinen eignen Gedanken besprechen und eine Unterhaltung in dir selbst finden, die dich den angenehmsten Umgang und die ausgesuchtesten Ergetzungen nicht vermissen läßt. Laß keine dieser glücklichen, aber geflügelten Stunden ungenossen vorbeigehen, da die Seele in einer erwünschten Einsamkeit aufgelegt ist, sich selbst glücklich zu machen. Eine einzige Stunde wird einen sanften Glanz auf ganze Tage verbreiten und dir eine neue Kraft zum wahren Leben einflößen. Bald 38 überzähle bei dir selbst, wie viele Wohlthaten du dem Vater aller Geister zu danken hast; steige so weit zurück, als du kannst, und rechne sie nach einander her. Wie manche wirst du finden, bei der deine gerührte Seele in anbetender Entzückung still stehen wird, um ihren ganzen Werth zu überdenken! Diese Gedanken werden dich in die Fassung setzen, welche der Schöpfer am meisten liebt, und worin wir am fähigsten sind, neue Gnaden von ihm zu empfangen. – Zu einer andern Zeit laß dein eignes Leben (den Traum!) vor deiner Seele vorbeigehen; erinnere dich deiner Gemüthsverfassung in den verschiedenen Perioden desselben; bemerke, wie du dich nach und nach entwickelt und verbessert hast, und was diese glücklichen Veränderungen veranlaßt und befördert hat; genieße den Beifall des Gewissens (der Gottheit in uns) bei der Erinnerung an gute Thaten; und wenn du auch Eitelkeit und Thorheit unter den Gedanken und Neigungen erblickst, denen du ehemals eine unverdiente Stelle in deinem Herzen erlaubtest, so lösche diese unangenehmen Bilder durch eine reuige, demüthige Thräne aus. – Oder versammle das Andenken aller der Seelen um dich her, die du jemals geliebt hast; der Seelen, die, wie du, von der Welt nicht gekannt, ihre größte Sorge seyn lassen, sich zur Ewigkeit anzuschicken, und die entweder jetzt in himmlischen Sphären vor den Augen ihres Königs und Bruders wandeln oder noch in dieser Dämmerung irren und vielleicht durch ganze Provinzen von dir geschieden sind, aber nichts desto weniger von dir geliebt werden und sich mit dir der entzückenden Hoffnung getrösten, daß eine bessere Welt uns Alle zusammenbringen wird. Wenn Leiden und Prüfungen deine Seele drücken und deine Geduld müde machen, o, so siehe zurück auf die, welche vor dir gelitten haben – auf so viele 39 Heilige, welche von der Welt geschmähet, verfolgt, vertrieben, gepeinigt und getödtet wurden – auf die Zeugen der Wahrheit, die in der ausgesuchtesten Marter lächelten, weil sie voll Glauben und Entzückung den Himmel eröffnet sahen – auf so viele tugendhafte Seelen, die jetzt unter den Engeln leuchten, aber in dieser Welt verkannt, verachtet und verlassen ihren einsamen Weg fortgingen und durch alle Hindernisse hindurchbrachen, weil sie gewiß waren, daß sie nach dieser Pilgrimschaft in den ewigen Wohnungen ruhen würden! – O, wie werden diese Gedanken dich zu gleicher Zeit beschämen und stärken! – Wer wollte nicht gern leiden, da der göttliche Mittler das Kreuz zu einem Ehrenzeichen gemacht hat! Wer wollte nicht leiden, da wir eine so große Hoffnung haben, dereinst zu dem ewigen Ruhetag Gottes einzugehen!

Diese Betrachtung, Eulalia, mache zu dem liebsten Gegenstand deiner Gedanken. Sondre, so oft du kannst, deine Seele ab, begib dich ins Einsame und erhebe dich auf den Flügeln des Glaubens in die lichtvollen Gegenden der Seligkeit; dort schlage gleichsam deine Wohnung auf und mische dich im Geist unter die Chöre der Seraphim, die unaufhörlich den Ewigen loben. Vielleicht, daß in solchen heiligen Stunden ein göttlicher Strahl in deine Seele fällt und dir in glänzenden Bildern auf eine lebhaftere Art die Seligkeit zu empfinden gibt, die noch kein sterbliches Auge gesehen hat. Aus solchen erhabnen Entzückungen wirst du eine neue Kraft zurückbringen, deinen Lauf in dieser Welt freudig fortzusetzen, unermüdet zu seyn im Kampf mit den Leidenschaften, welche wider die Seele streiten, unermüdet in der Geduld, inbrünstiger in der Liebe Gottes und des Nächsten. Denn nur dazu dienen diese hohen Betrachtungen und 40 Entzückungen, daß sie, gleich einem kräftigen Sonnenschein, den Wachsthum aller Tugenden in uns befördern. Die Zeit ist noch nicht gekommen, da wir die Offenbarungen der Gottheit mit aufgedecktem Angesicht sehen werden. Alles, was uns vergönnt ist, sind Blicke des Glaubens in die Ewigkeit, welche uns tüchtiger machen, in dieser vergänglichen Welt unsrer Erwählung gemäß zu leben.


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