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Christoph Martin Wieland: Sympathien - Kapitel 11
Quellenangabe
typeessay
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Neunundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1754
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleSympathien
pages63
created20131202
sendergerd.bouillon@t-online.de
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9.

O du, welche nur der Enthüllung vom Leibe bedarf, um ein Engel zu seyn, schöne harmonische Seele! desto schöner, da Demuth und bescheidenes Mißtrauen deine eigne Vortrefflichkeit vor dir verbirgt; erlaube, Selima, daß mein Geist sich im Stillen dir nähere und dir helfen die Gedanken aufzuklären, die jetzt deinen seligen Geist erfüllen und ein so himmlisches Lächeln über dein sanftes Antlitz verbreiten. – Du denkst die allgegenwärtige Liebe, den Erbarmer der Menschen die versöhnte Erde – die Erneuerung zur Heiligkeit und Ordnung, den aufgeschlossenen Himmel – die unaussprechliche Ewigkeit. Diese Wahrheiten, die für die meisten Namen ohne Bedeutung und Kraft sind, entzücken dein Herz. Du siehest diese vergängliche Welt, dieses unnütze Leben, diese heitern oder finstern Träume, die wir träumen und Glück oder Unglück nennen, in einem ganz andern Licht, als bethörende Leidenschaften sie zeigen; die Freuden der Welt verlieren darin ihren blendenden Schimmer und, was sie Uebel nennt, seine schreckliche Gestalt.

Aber was für eine Weisheit hat dich zugleich so erhaben und so richtig denken gelehrt? Welcher Geheimnisse hat sich dein forschender Geist bemächtigt? Welcher magischen Kräfte, die Gestalt der Dinge zu verwandeln und dich in einen Himmel zu versetzen, während Andere im Thal des Jammers und der Thränen schmachten, und eine noch größere Anzahl den Schmerz im Arme der Fröhlichkeit findet und sich jauchzend in ihr Elend hinab stürzt? Haben dich tiefsinnige Platone oder Epiktete deine Weisheit gelehrt? Oder haben die geheimnißvollen ägyptischen Tempel ihre Heiligthümer vor dir aufgethan? Nichts minder! Du würdest noch ferne von 34 der Glückseligkeit seyn, wenn du sie auf Abwegen gesucht hättest. Deine Weisheit ist eine göttliche Weisheit. Du bist eine Christin! Ein Strahl der Gottheit ist in deine Seele gefallen und hat dein inwendiges Auge geöffnet, die wahre Gestalt der Dinge zu sehen. Glückliche Seele, die in diesem Lichte wandelt! Sie ist die kräftigste Widerlegung der Thoren, welche den Glauben der Christen verspotten. Nennet mir, ihr Sophisten, einen größern und glücklichern Menschen als den Christen, wenn ihr könnt. Wie hoch ist seine Art zu denken über die kriechenden Meinungen und thierischen Empfindungen der kleinen Seelen erhaben, die nicht weiter denken, als ihre Sinne reichen! Er lebt in einer andern Welt als sie. Seine Welt ist lauter Schönheit, lauter Harmonie; denn er siehet sie in dem Glanze, welchen die Allgegenwart Gottes über sie ausbreitet. Alles war gut, da der ruhende Schöpfer sein vollendetes Werk mit zufriedenem Blick überschaute – Alles wird gut seyn, wenn er nach Vollendung der Zeiten Alles in Allem seyn wird. Der Christ sieht die Zukunft schon im Gegenwärtigen eingehüllt; dieß beruhigt ihn über alles Uebel, womit er die Welt gedrückt sieht. Er verehret in jedem Schicksal den weisesten Vater. Die Natur ist für ihn ein zweites Paradies. Hier schöpft er seine Freuden; hier erhöht und erweitert er seine Neigungen; hier lernt er göttlich denken. Sein von allgemeiner Liebe überwallendes Herz ergetzt sich an der allgemeinen Blüthe und Wonne der Dinge. Er freut sich, Alles, was lebt, unter dem Scepter Gottes glücklich zu sehen. Nichts betrübt ihn als das moralische Elend der Menschen. Denn die menschliche Natur ist in seinen Augen groß und ehrwürdig. Er kann nicht klein von dem Menschen denken, den Gott nach seinem Bilde schuf, zu dessen Erhaltung so große geheimnißvolle 35 Anstalten gemacht wurden, und dessen Natur der Gott-Mensch über die Erzengel erhob. Wie ungleich ist hierin sein Urtheil den Vorurtheilen der Thoren! Nichts kommt ihm klein vor, was das Unsterbliche in uns angeht, was uns bessert oder verschlimmert. Gold, Schätze, prächtige Namen und die ganze schimmernde Rüstung der Eitelkeit, dieß sind ihm Kleinigkeiten und liegen, mit Staub bedeckt, tief unter ihm. O, wie gar eine andere Gestalt hat diese Erde in seinen Augen, als sie in den blöden schielenden Augen der Verkehrten hat! Myriaden von Seraphim schweben, nur dem Geiste des Christen sichtbar, unter den Wolken und beobachten unsere Thaten, beschützen die hülflose Kindheit und die gleitende Unschuld, athmen Frieden in die Seele des Frommen und zählen die Thränen der leidenden Tugend. Eine erhabene Wahrheit, welche die Thoren für Schwärmerei und die Weltweisen für einen anmuthigen dichtrischen Einfall halten, und die nur der einfältig weise Christ glaubt und empfindet: Die Erde ist die Pflanzschule des Himmels. Die Allgegenwart der versöhnten Gottheit ist über sie ausgebreitet. Unser Richter ist selbst der Aufseher und Zeuge unseres Lebens. Und was ist dieses Leben als ein Stand der Prüfung und Vorbereitung, worin sich Alles auf eine andere Welt bezieht, worin wir aussäen, um in einer noch unbekannten Zukunft zu ernten, worin das Wohl oder Elend unserer ewigen Dauer von einer jeden Stunde abhängt? Hier muß entschieden seyn, was wir dort werden können; hier müssen wir uns gewöhnen himmlisch zu denken, um dort an den Geschäften und Freuden der Himmlischen Geschmack zu finden; hier muß unsere Seele von den Hefen der Sinnlichkeit und Selbstheit gereiniget werden, wenn uns die lautern Ströme des Aethers nicht wie Schaum von sich auswerfen sollen. Aber auch hier, 36 schon hier kann unsere Seligkeit angehen, die dort vollendet werden wird; schon hier kann unser Geist, wie Henoch, mit Gott leben, welchen er zu schauen erschaffen ist.

O unaussprechlicher Gedanke! Empfinde ihn ganz mit mir, theure Selima; ihn nur zu denken, ist schon ein Vorschmack des Himmels, der uns den Geschmack an allen irdischen Freuden nehmen sollte! – Und wer ist nun, der uns unglücklich nennen darf, und wenn auch unsre Leiden so vielfach und so schwer wären, als der ersten Bekenner des Christenthums? – Und wofür anders sollen wir die Stimme der Klage oder des Unmuths, die sich manchmal in uns empören, halten, als für giftige Anhauchungen eines bösen Dämons, der uns wider unsre Absicht gegen unsern Schöpfer undankbar machen und das Ziel, wornach wir streben, uns aus den Augen rücken will? Hinweg mit jeder Empfindung, die nicht aus der großen Wahrheit, daß wir für das Anschaun des Ewigen erschaffen sind, entspringt oder in sie zurückfließt! Hinweg mit aller Trägheit, mit allem Unmuth, mit Allem, was die Seele im Flug zur Vollkommenheit aufhält und niederschlägt! Eine heilige Freude soll sich unsrer Seele bemächtigen. Siehe rings um dich her und betrachte Alles im göttlichen Lichte, welches von dem Angesicht dessen ausgeht, der der Abglanz der Herrlichkeit Gottes ist. Wie entzückt ist dein Geist über dieses Gesicht! Dieß ist das Licht, in welchem die Heiden wandeln sollen. Alles erscheint da in seiner wahren Gestalt. Die Welt – ist ein Tempel Gottes; die Erde – das Land seiner Offenbarung, wo er wandelte; jedes Geschöpf von der Sonne bis zum kleinsten Grase – ein Zeuge der Gegenwart Gottes; die Menschen – unsre Brüder, Befreundete der Engel; dieß Leben ein Weg zu Gott, der Tod – ein lieblicher Bote, der uns 37 das wahre Leben ankündiget; das Weltgericht – ein Triumph der göttlichen Gnade und der erneuerten Unschuld; die Ewigkeit – eine unendliche Aussicht in Licht und Wonne.


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