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Christoph Martin Wieland: Sympathien - Kapitel 10
Quellenangabe
typeessay
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Neunundzwanzigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1754
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titleSympathien
pages63
created20131202
sendergerd.bouillon@t-online.de
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8.

Wie zufrieden lächelt diese Mutter auf den zarten Knaben, der unter den Lilien ihres keuschen Busens weidet! Bald heben sich ihre entzückten Blicke aufwärts, indem stille Gebete aus ihrem Innersten zu Gott aufsteigen, bald sinken sie wieder auf den Säugling, in dessen Gesichte die erste Morgenröthe einer schönen Seele zu glühen scheint. Lange schaut sie ihn an, wie ein Schutzengel, von ätherischem, obgleich unsichtbarem Schimmer umflossen, dich, schöne C . . . ansieht, wenn du, von deiner Unschuld bedeckt, an der einsamen Quelle schlummerst; er betrachtet unverwandt die holdselige Majestät der frommen jungfräulichen Seele, die aus der blühenden Gestalt wie aus einem reinen Krystall hervor scheint. So lächelt die tugendhafte Mutter auf das Kind ihres Herzens und freuet sich, daß durch sie die Zahl der Verehrer Gottes, der Christen und zukünftiger Engel, vermehrt werden soll. Jetzt denkt sie nach, wie sie, sobald sein zarter Leib fester geworden, und die junge Seele aus der ersten Betäubung sich erholt und sich selbst zu fühlen angefangen hat, wie sie die Triebe, welche der Schöpfer in dieselbe gelegt, 30 entwickeln und bilden wolle; wie sie seine Zärtlichkeit zu Menschenliebe, seinen Stolz zu Großmuth, seine Neugier zu Wahrheitsliebe erhöhen wolle. Sie staunt und sinnt auf anmuthige Fabeln und rührende Erzählungen, in welche sie die Wahrheit verhüllen will, damit ihr blendender Glanz die zarte unerfahrene Seele nicht verletze; sie gelobt, auf sich selbst immer wachsamer zu seyn, damit keine Geberde, kein Wort, keine Handlung die Bildung dieses weichen Herzens durch schädliche Eindrücke verunstaltete. Ihr Leben soll ihm zeigen, was Tugend ist, und wie liebenswürdig sie ist. Ach, mit welchem süßen Erstaunen, so denkt diese würdige Mutter, wird er mich hören, wenn ich ihm sage, was der Mensch ist, in welch eine Welt er gesetzt ist, und daß ihn ein unaussprechlich wohlthätiger Geist darein gesetzt hat. Wenn ich im blumigen Gefilde seine jungen Tritte leite; wenn er mit reger, fröhlicher Munterkeit von einer Blume zur andern hüpft und ihre vielfache Bildung und Farben mit sprachloser Verwunderung bei sich selbst vergleicht; wenn ihn Alles anzulächeln scheint; wenn er voll Entzückung die süßen Geister der Rosen in sich athmet; dann will ich mich unter die Blumen setzen und den zärtlichen Knaben an mein Herz drücken und sagen: Siehe, mein Kind, diese schönen Auen waren vor wenigen Wochen mit Schnee bedeckt, diese grünen Bäume standen ohne Schmuck, wie verdorret; diese ganze Gegend schien vor Kälte verschmachtet zu seyn, und wir Alle hätten zuletzt in derselben verschmachten müssen. Aber ein gütiger, liebreicher Geist, der über diesem Himmel wohnt und seine Freude daran findet, alle Lebendige mit Freude zu erfüllen, hat Mitleiden mit uns gehabt und uns die warme erquickende Sonne zugeführt. Sobald er diese Erde anlächelte, grünten die Bäume, und tausend Blumen stiegen aus dem zarten 31 Gras hervor, unser Auge und unsern Geruch zu ergetzen und mit uns eine unzählbare Menge von Thieren zu speisen. Und warum liebt uns der große Herr des Himmels so sehr? Höre, mein Kind, wie groß unsere Seligkeit ist! Alles, was du hier um dich siehest, der Himmel und die Erde sind das Eigenthum dieses Gottes (mit diesem Namen nennen wir unsern großen unsichtbaren Wohlthäter); alle diese angenehmen Dinge, diese Auen, diese grünen Wälder, diese lieblich singenden Vögel, diese Thiere und wir Menschen, Alles, was du siehest, Alles, was ist und lebt, ist ehemals nicht gewesen, und wir wären jetzt noch nicht, so wie du vor wenigen Jahren noch nicht warest, wofern nicht dieser Gott uns und Alles, was um uns ist, gemacht hätte. Und jetzt liebet er uns, weil er unser Vater ist, und er hat uns versprochen, uns ohne Aufhören immer mehr Gutes zu thun, wenn wir ihn wieder lieben und uns befleißen, selbst gut zu seyn. Auf einige Zeit hat er uns in diese angenehme Wohnung gesetzt, und da gibt er uns alle Tage neue Proben seiner Güte, damit wir ihn lieben und uns bestreben, immer besser zu werden, damit er uns immer mehr Gutes thun könne; denn weil er selbst lauter Güte ist, so kann er das Böse nicht leiden. – Auf diese Weise will ich dieser jungen wissensbegierigen Seele ihre Speise geben; aber nur die Milch der Wahrheit, wie es sich für dieses Alter schickt. Ich will sein Herz gewöhnen, nur die Wahrheit, nur das Gute zu lieben; dieß ist die beste Zubereitung einer menschlichen Seele zur Religion, welche die höchste Vollkommenheit unsrer Natur und die Quelle der Glückseligkeit ist. Wer das Gute liebt, muß auch Gott lieben, und wer Gott liebt, verachtet Alles, was ihn nicht zur Vollkommenheit befördert, weil er Gott desto mehr lieben kann, je vollkommener er ist. Und so werde ich 32 dich, du süßer Liebling meines Herzens, zu jeder Vollkommenheit bilden, wenn ich dich von deiner zarten Jugend an zur Wahrheit und Ordnung und Güte bilde. Hierin soll meine mütterliche Liebe keine Grenzen haben. Sie wird nicht, wie die kindischen Mädchen, welche zu früh Mütter werden, indem sie selbst noch unerzogen sind, sie wird nicht aus blöder Gefälligkeit deiner Neigungen schonen, wenn sie auch nur in ihren entferntesten Folgen dir zum Schaden gereichen könnten. Sie wird streng gegen die Gebrechen deines Temperaments und gegen die kleinsten Ausbrüche des angebornen Uebels seyn. Ich werde nie vergessen, daß du nicht mein Geschöpf bist, ob ich gleich deine Mutter heiße, sondern daß du mir von Gott anbefohlen bist, dem ich dich zuführen soll. Welch ein Triumph wird es für mich seyn, dich an dem großen feierlichen Tage deinem Schöpfer darzustellen, dessen Gnade meine treuen Bemühungen unterstützt und mich zu einem nützlichen Werkzeug, seine Ehre auf dieser Erde zu befördern, gemacht hat!

In solche heilige Gedanken ergießen sich die stillen Empfindungen dieses mütterlichen Herzens. Eine solche Mutter zu seyn, ist die höchste Stufe des weiblichen Ruhms. Entsaget der Eitelkeit und der Ausschweifung, ihr Schönen; bearbeitet euren Verstand und erweitert euer Herz, daß der große Gedanke, nützliche Glieder der Gesellschaft zu werden, darin Raum habe. So werdet ihr dem Stand, in welchen ihr zu treten wünschet, größere Ehre machen, und unsre Kinder werden den Affen weniger ähnlich seyn und der Welt zu einem bessern Geschlechte von Menschen Hoffnung machen. 33


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