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Südsee-Geschichten

Jack London: Südsee-Geschichten - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorJack London
titleSüdsee-Geschichten
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1934
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150527
projectid9c02f5f7
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Der unvermeidliche weiße Mann

»Kein Schwarzer wird einen Weißen verstehen lernen, und kein Weißer einen Schwarzen, solange Schwarz schwarz und Weiß weiß ist«, sagte Kapitän Woodward. Wir saßen in der Gaststube von Charley Roberts' Wirtschaft in Apia und tranken große Abu Hameds, die von besagtem Charley Roberts gemischt und verteilt wurden; er behauptete, das Rezept direkt von Stevens zu haben, der sich durch die Erfindung des Abu Hamed berühmt gemacht hatte zu einer Zeit, als der ägyptische Durst ihn anspornte – Stevens, der das Buch »Mit Kitchener nach Khartum« geschrieben hatte und später bei der Belagerung von Ladysmith gefallen war.

Kapitän Woodward, klein und gedrungen, bejahrt, von vierzigjähriger Tropensonne gebräunt, mit den schönsten klaren braunen Augen, die ich je an einem Manne gesehen, sprach aus einer reichen Erfahrung. Die kreuz und quer über seine Glatze laufenden Narben redeten von vertraulichem Umgang mit den Tomahawks der Schwarzen; gleiche Vertraulichkeit bezeugten die Narben vorn und hinten an seiner rechten Halsseite, wo einmal ein Pfeil eingedrungen und ganz hindurchgezogen worden war. Wie er erklärte, hatte er bei dieser Gelegenheit Eile gehabt – er wurde durch den Pfeil am Laufen behindert – und er hatte sich nicht Zeit lassen können, die Spitze abzubrechen und den Schaft auf demselben Wege herauszuziehen, den er gekommen war. Zurzeit war er Kommandant der ›Savaii‹ des großen Dampfers, der an der Westküste Arbeiter für die deutschen Plantagen auf Samoa anwarb.

»Das Unglück kommt zum größten Teil von der Dummheit der Weißen«, sagte Roberts und machte eine Pause, um einen tüchtigen Schluck aus seinem Glase zu nehmen und in kraftvollen Ausdrücken auf den Samoaner Kellner zu fluchen. »Wenn sich der weiße Mann ein bißchen damit abgeben würde, die Denkart des schwarzen Mannes zu verstehen, so würden die meisten Krawalle vermieden werden.«

»Ich hab' welche gesehen, die behaupteten, sich auf Niggers zu verstehen,« erwiderte Kapitän Woodward, »und ich hab' immer bemerkt, daß sie die ersten waren, die kai-kait (gefressen) wurden. Denken Sie an die Missionare auf Neuguinea und den Neuen Hebriden, der Märtyrerinsel Erromanga und so weiter. Denken Sie an die österreichische Expedition, die auf den Salomoninseln im Busch von Guadalcanar in Stücke gehauen wurde. Und denken Sie an die Händler, selbst die erfahrensten, die damit prahlten, daß kein Nigger mit ihnen fertig werden würde, und deren Köpfe heute die Dachsparren der Kanuhäuser zieren. Der alte Johnny Simons – sechsundzwanzig Jahre hatte er an den rauhen Küsten Melanesiens verbracht – schwor darauf, daß er die Nigger wie ein Buch in- und auswendig kenne, und daß sie ihn nie kriegen würden, und er fiel bei der Marovo-Lagune in Neugeorgien. Der Kopf wurde ihm abgesägt von einer schwarzen Mary (Frau) und einem alten Nigger, der nur ein Bein hatte. Das andre hatte er im Maul eines Haies vergessen, als er nach Fischen tauchte, die mit Dynamit betäubt waren. Und Billy Watts, der einen furchtbaren Ruf als Niggertöter hatte, ein Mann, der den Teufel selbst in Schrecken versetzen konnte. Ich weiß noch, wie wir einmal bei Kap Little auf Neuirland lagen, wißt ihr, da stahlen die Nigger ihm eine halbe Kiste Handelstabak – kostete ihn gegen dreieinhalb Dollar. Zur Vergeltung zog er aus, erschoß sechs Nigger, zerstörte ihre Kriegskanus und brannte zwei Dörfer nieder. Und vier Jahre später wurde er bei Kap Little mit fünfzig Bukuleuten, die er zum Trepangfischen bei sich hatte, überfallen. In fünf Minuten waren sie alle tot, mit Ausnahme von drei Leuten, die in einem Kanu entkamen. Nein, reden Sie mir nicht davon, daß man was von Niggern verstehen kann. Der weiße Mann hat die Mission, die Welt in die Höhe zu bringen, und die Aufgabe ist groß genug. Hat er da noch Zeit, die Nigger zu verstehen?«

»Stimmt«, sagte Roberts. »Und alles in allem ist es auch gar nicht nötig, daß man die Nigger versteht. Je größer die Dummheit des weißen Mannes ist, desto mehr Erfolg hat er dabei, die Welt in die Höhe zu bringen – –«

»Und Gottesfurcht in die Herzen der Nigger zu pflanzen«, platzte Kapitän Woodward heraus. »Vielleicht haben Sie recht, Roberts. Vielleicht ist es seine Dummheit, die ihm die Erfolge schafft, und es gehört vermutlich mit zu seiner Dummheit, daß er die Nigger versteht. Aber eins ist sicher: Der Weiße muß die Nigger beherrschen, ob er sie nun versteht oder nicht. Das ist unvermeidlich. Das ist Schicksal.«

»Und natürlich ist der weiße Mann unvermeidlich – das ist das Schicksal des Niggers«, fiel Roberts ein. »Erzählt dem weißen Manne, daß es irgendwo in einer Lagune, die mit zehntausend heulenden Kannibalen behaftet ist, Perlmuscheln gibt, und er wird ihnen entgegentreten, ganz allein, nur mit einem halben Dutzend kanakischer Taucher und einer billigen Weckuhr als Chronometer, alles wie die Sardinen in einer bequemen Jacht von fünf Tonnen verstaut. Flüstert ihm zu, daß am Nordpol eine Goldmine sei, und dasselbe unvermeidliche weißhäutige Wesen macht sich auf, mit Hacke und Schaufel, einer Speckseite und der neuesten Patent-Goldwaschwiege bewaffnet – und was mehr ist, er setzt durch, was er will. Gebt ihm einen Wink, daß die rotglühenden Wände der Hölle mit Diamanten besetzt seien, und Mr. Weißer Mann wird die Hölle stürmen und den alten Satan selbst mit Hacke und Spaten arbeiten lassen. Das sind die Folgen von Dummheit und Unvermeidlichkeit.«

»Aber ich möchte wissen, was der schwarze Mann von der – der Unvermeidlichkeit denkt«, sagte ich. Kapitän Woodward brach in ruhiges Lachen aus. Seine Augen glänzten von Erinnerungen.

»Ich denke gerade daran, was die Nigger von Mallu von dem unvermeidlichen weißen Mann dachten und noch denken müssen, den wir an Bord hatten, als wir sie mit der ›Duchess‹ besuchten«, erklärte er. Roberts mischte drei neue Abu Hameds.

»Es ist zwanzig Jahre her. Saxtorph hieß er. Er war bestimmt der dümmste Mensch, den ich je gesehen habe, aber so unvermeidlich wie der Tod. Nur eins konnte der Kerl: schießen. Ich weiß noch, wie ich ihm das erstemal in den Weg lief – gerade hier in Apia, vor zwanzig Jahren. Das war vor Ihrer Zeit, Roberts. Ich schlief im Hotel vom ›Deutschen Heinrich‹, wo jetzt der Markt ist. Habt ihr je von ihm gehört? Er verdiente ein tüchtiges Stück Geld mit Waffenschmuggel an die Rebellen, verkaufte sein Hotel und wurde genau sechs Wochen später bei einer Wirtshausrauferei getötet.

Um aber auf Saxtorph zurückzukommen: Eines Abends war ich gerade schlafen gegangen, als ein Katzenpärchen unten im Hofe zu singen begann. Da wurde im Nebenzimmer das Fenster geöffnet, zwei Schüsse fielen, und das Fenster wurde wieder geschlossen. Ich kann Ihnen kaum einen Begriff davon geben, wie schnell das ging. Es dauerte höchstens zehn Sekunden. Fenster auf, peng, peng, der Revolver, Fenster zu. Wer es auch war, so hatte er jedenfalls keine Pause gemacht, um die Wirkung seiner Schüsse zu sehen. Er kannte sie. Versteht ihr? – er kannte sie. Das Katzenkonzert war zu Ende, und am Morgen lagen die beiden Ruhestörer mausetot da. Für mich war es ein Wunder. Ist es auch heute noch. Erstens war Sternenlicht, und Saxtorph schoß, ohne zu visieren; zweitens schoß er so schnell, daß die beiden Knalle wie ein Doppelknall klangen, und endlich wußte er, ohne hinzusehen, daß er sein Ziel getroffen hatte.

Zwei Tage darauf kam er an Bord, um mich zu besuchen. Ich war damals Steuermann auf der ›Duchess‹, einem riesigen Schoner von hundertundfünfzig Tonnen, der auf Sklavenjagd ging. Und laßt euch sagen, daß Sklavenjagden in jenen Tagen Sklavenjagden waren. Es gab damals noch keine Regierungsinspektoren und anderseits auch für uns keinen behördlichen Schutz. Es ging heiß her für beide Teile, und wenn wir abgeschlachtet wurden, krähte kein Hahn danach, und wir holten Nigger von jeder Südseeinsel, von der wir nicht vertrieben wurden. Also Saxtorph kam an Bord, John Saxtorph, wie er sich nannte. Er war ein kleiner, sandfarbener Mann mit sandfarbenem Haar, sandfarbener Haut und sogar sandfarbenen Augen. Es war nichts Auffallendes an ihm. Und seine Seele war so farblos wie sein Äußeres. Er sagte, es gehe ihm dreckig und er suche eine Anstellung an Bord. Wollte als Kajütsteward, Koch, Superkargo oder gewöhnlicher Matrose fahren. Verstand nichts von irgendeinem dieser Berufe, sagte aber, daß er es lernen wolle. Ich brauchte ihn nicht, aber sein Schießen hatte solchen Eindruck auf mich gemacht, daß ich ihn als Matrosen für drei Pfund monatlich heuerte.

Er hatte wirklich den besten Willen, das muß ich zugeben. Aber er war von Natur unfähig, etwas zu lernen. Von Kompaßstrichen verstand er nicht mehr als ich vom Getränkemischen. Und sein Steuern verschaffte mir die ersten grauen Haare. Wenn Seegang war, konnte ich es nicht wagen, ihn am Ruder zu lassen. ›Voll und bei‹ und ›Dicht am Wind‹ waren und blieben ihm böhmische Dörfer. Konnte nie den Unterschied zwischen Schote und Talje lernen, konnte einfach nicht. Fock und Klüverbaum waren ein und dasselbe für ihn. Wenn man ihm sagte, er solle das Großsegel nachlassen, so hatte er, eh' man es merkte, die Piek losgemacht. Er fiel mehrmals über Bord und konnte nicht schwimmen. Aber er war immer vergnügt, niemals seekrank und der willigste Mensch, den ich je gekannt habe. Mitteilsam war er nicht. Er sprach nie von sich. Für uns begann seine Geschichte mit dem Tage, als er auf der ›Duchess‹ angeheuert wurde. Wo er schießen gelernt hatte, wußten die Sterne allein. Er war Yankee – soviel merkten wir an seiner Aussprache. Aber das war alles, was wir herausbrachten.

Und jetzt kommen wir endlich zur Sache. Wir hatten wenig Glück auf den Neuen Hebriden – nur vierzehn Mann in fünf Wochen – und fuhren südostwärts nach den Salomoninseln. Malaita war damals wie heute ein gutes Feld für Werber, und wir fuhren nach Mallu an der Nordwestecke. Dort gibt es ein Strandriff und ein äußeres Riff, und das Ankern greift die Nerven an; aber es klappte, und wir feuerten unser Dynamit ab als Signal für die Nigger, daß sie kommen und sich anwerben lassen sollten. In drei Tagen bekamen wir nicht einen Mann. Die Nigger kamen zu Hunderten in ihren Kanus zu uns, aber sie lachten nur, wenn wir ihnen Perlen und Kaliko und Beile zeigten und von den Freuden der Plantagenarbeit auf Samoa sprachen. Am vierten Tage trat ein Umschwung ein. Etwa fünfzig Mann ließen sich anwerben und wurden im Raum einquartiert, durften sich aber natürlich an Deck bewegen. Und wenn man es bedenkt, war dies Sichwerbenlassen en gros natürlich recht verdächtig, aber damals meinten wir, daß irgendein mächtiger Häuptling das Verbot, sich anwerben zu lassen, aufgehoben hätte. Am Morgen des fünften Tages gingen unsere beiden Boote wie gewöhnlich an Land – das eine, wissen Sie, um das andre im Falle von Unruhen zu decken. Und wie gewöhnlich befanden sich die fünfzig Nigger, die wir an Bord hatten, auf Deck, lümmelten sich herum, schwatzten, rauchten, schliefen. John Saxtorph, ich und vier andre Matrosen waren allein an Bord geblieben. Die beiden Boote waren mit Gilbert – Insulanern bemannt. In dem einen befanden sich der Kapitän, der Superkargo und der Werber; in dem andern, dem Begleitboot, das hundert Ellen vom Strande ab lag, der zweite Steuermann. Beide Boote waren gut bewaffnet, obwohl man kaum Unruhen erwartete. Vier von den Matrosen, unter ihnen John Saxtorph, schrubbten die Reling bei der Hütte. Der fünfte hielt, mit dem Gewehr in der Hand, am Wassertank gerade vor dem Großmast Wache. Ich war vorn beschäftigt, die letzte Hand an eine neue Klaue für die Vordergaffel zu legen. Ich wollte gerade meine Pfeife aufheben, die ich beiseitegelegt hatte, als ich einen Schuß von Land hörte. Ich richtete mich auf, um zu sehen, was los war, als irgend etwas mich am Hinterkopf traf, so daß ich fast das Bewußtsein verlor und auf das Deck schlug. Mein erster Gedanke war, daß etwas aus der Takelage heruntergefallen war; aber im Fallen, noch ehe ich aufgeschlagen war, hörte ich vom Lande ein Flintengeknatter wie von tausend Teufeln, und als ich mich zur Seite drehte, sah ich flüchtig den Matrosen, der die Wache hielt. Zwei große Nigger umklammerten seine Arme, und ein dritter bearbeitete ihm den Schädel von hinten mit dem Tomahawk.

»Ich sehe es noch vor mir: den Wassertank, den Großmast, die Bande, die sich um den Matrosen drängte, die Axt, die sich auf seinen Hinterkopf senkte, und das alles in dem blendenden Sonnenlicht. Ich war gebannt von dieser wachsenden Vision des Todes. Der Tomahawk schien unendlich lange Zeit zu brauchen, um herunterzusausen. Ich sah, wie er traf und wie die Beine des Mannes nachgaben, als er zusammenbrach. Die Nigger hielten ihn aber durch ihre Kraft aufrecht, während sie ihm noch einige Axthiebe versetzten. Dann bekam ich noch zwei Hiebe über den Kopf und kam zu dem Ergebnis, daß ich tot sei. Das meinten auch die Bestien, die auf mich einhieben. Ich war zu hilflos, um mich zu bewegen, lag nur da und sah zu, wie sie der Schildwache den Kopf abhieben. Ich muß sagen, daß es recht glatt ging. Sie hatten Übung in dem Geschäft.

Das Gewehrfeuer von den Booten hatte aufgehört, und ich zweifelte nicht, daß alles zu Ende war. Nur noch einen Augenblick, dann kamen sie wieder, um meinen Kopf zu holen. Offenbar schnitten sie jetzt den Matrosen achtern die Köpfe ab. Köpfe sind wertvoll in Malaita, besonders weiße Köpfe. Sie erhalten einen Ehrenplatz in den Kanuhäusern der Salzwasserleute. Welchen besonderen dekorativen Zweck die Buschleute mit ihnen verbinden, weiß ich nicht, aber sie schätzten sie ebenso wie die Salzwasserbande.

Ich hatte eine unklare Vorstellung, daß ich sehen mußte, zu entwischen, und kroch auf Händen und Füßen zum Spill, wo ich versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. Von hier aus konnte ich nach achtern sehen und erblickte auf dem Kajütendach drei Köpfe – die Köpfe der drei Matrosen, die ich monatelang befehligt hatte. Die Nigger sahen mich stehen und kamen auf mich los. Ich wollte meinen Revolver ziehen, entdeckte aber, daß sie ihn weggenommen hatten. Ich kann nicht sagen, daß ich erschrak. Ich bin mehrmals dem Tode nahe gewesen, aber nie ist er mir so leicht erschienen wie gerade damals. Ich war halb bewußtlos, und mir war alles gleichgültig.

Der Anführer der Nigger hatte sich mit einem Hackmesser aus der Kombüse bewaffnet, und er grinste wie ein Affe, als er sich anschickte, mich abzuschlachten. Aber es kam nicht zum Abschlachten. Er brach plötzlich wie ein Klumpen auf Deck zusammen, und ich sah, wie ihm das Blut aus dem Munde strömte. Unklar hörte ich eine Büchse knallen. Nigger auf Nigger brach zusammen. Jetzt begannen meine Sinne klarer zu werden, und ich bemerkte, daß nicht ein Schuß vorbeiging. Jedesmal, wenn dieses Gewehr losging, fiel ein Nigger. Ich setzte mich neben das Spill und blickte nach oben. In den Dwarssalingen saß Saxtorph. Wie er hinaufgekommen war, ist mir jetzt noch unbegreiflich, denn er hatte zwei Winchestergewehre und ich weiß nicht wie viele Patronengürtel mitgenommen; jetzt tat er das einzige, wozu er auf der Welt taugte. Ich habe schon manches Schießen und schon manche Metzelei gesehen, aber so etwas noch nie. Ich saß beim Spill und sah dem Schauspiel zu. Ich war schwach und kraftlos, und alles schien mir wie im Traum. Peng peng peng peng ging sein Gewehr, und plumps plumps plumps plumps fielen die Nigger auf das Deck. Es war geradezu verblüffend, wie sie fielen. Als nach dem ersten Angriff auf mich etwa ein Dutzend gefallen waren, waren sie wie gelähmt; aber er ließ nicht locker und feuerte weiter. Inzwischen kamen Kanus und die beiden Boote von Land, mit Snider- und mit Winchestergewehren bewaffnet, die sie in den Booten erbeutet hatten. Das Feuer, das sie auf Saxtorph eröffneten, war furchtbar. Glücklicherweise verstehen die Nigger sich nur auf den Nahkampf. Sie sind nicht gewohnt, das Gewehr an die Backe zu legen. Sie warten, bis sie den Gegner gerade vor sich haben, und schießen dann von der Hüfte aus. Als sein Gewehr zu heiß wurde, wechselte Saxtorph. Das hatte er im Sinn gehabt, als er die beiden Büchsen mit hinaufnahm. Das Erstaunlichste war die Schnelligkeit seines Feuers, und daß er nie vorbeischoß. Wenn jemals ein Mensch unvermeidlich war, so mußte es dieser Mann sein. Die Schnelligkeit war es, die diese Metzelei so grausig machte. Die Nigger kamen gar nicht zur Besinnung. Schließlich stürzten sie sich über Bord, wobei natürlich die Kanus kenterten. Saxtorph ließ nicht locker. Das ganze Wasser war von ihnen bedeckt, und bum bum bum wurden sie von seinen Kugeln getroffen. Nicht ein einziger Schuß ging daneben, und ich konnte deutlich das Aufklatschen jeder Kugel hören, wenn sie sich in das menschliche Fleisch eingrub.

Die Nigger zerstreuten sich und suchten schwimmend den Strand zu erreichen. Das Wasser glich einem Teppich von wimmelnden Köpfen, und ich stand wie im Traum da und sah alles: die wimmelnden Köpfe und die Köpfe, die still geworden waren. Einige Weitschüsse waren prachtvoll. Nur ein Mann erreichte das Land; als er sich aber erhob, um an den Strand zu waten, bekam Saxtorph ihn auch. Es war wunderschön. Und als ein paar Neger hinunterliefen, um ihn aus dem Wasser zu ziehen, traf Saxtorph auch sie.

Ich dachte, daß alles vorüber sei, als ich das Gewehr wieder hörte. Ein Nigger war zur Kajütsluke herausgekommen, zur Reling gelaufen und mitten auf dem Wege gestürzt. Die Kajüte mußte voll von ihnen sein. Ich zählte zwanzig. Sie kamen einer nach dem andern heraus und sprangen nach der Reling, aber keiner erreichte sie. Es erinnerte mich an Scheibenschießen. Ein schwarzer Körper tauchte aus der Luke auf, peng, ging Saxtorphs Flinte, und der schwarze Körper fiel zu Boden. Natürlich wußten die unten nicht, was oben vorging, und so tauchten immer weitere auf, bis der letzte erledigt war.

Saxtorph wartete zur Sicherheit eine Weile und kam dann aufs Deck herunter. Er und ich waren alles, was von der Besatzung der ›Duchess‹ übriggeblieben war, und ich war ziemlich mitgenommen, während er, nachdem das Schießen vorbei war, ganz hilflos war. Auf meine Anweisung wusch er mir die Kopfwunden aus und vernähte sie. Ein tüchtiger Schluck Whisky tat das seinige, so daß ich versuchen konnte, die offene See zu gewinnen. Es war nichts andres zu machen. Saxtorph heißte, und ich hielt die Schote. Jetzt war er wieder der dumme Tölpel. Sein Heißen war nicht einen Cent wert, und als ich in Ohnmacht fiel, schien es aus mit uns zu sein.

Als ich wieder zu mir kam, saß Saxtorph hilflos auf der Reling und wartete darauf, mich fragen zu können, was er tun solle. Ich sagte ihm, er solle die Verwundeten überholen und sehen, ob einer von ihnen imstande sei, zu kriechen. Einer hatte, wie ich mich entsann, ein Bein gebrochen; aber Saxtorph sagte, daß seine Arme in Ordnung seien. Ich lag im Schatten, wehrte die Fliegen ab und gab Anweisungen, während Saxtorph das Hospital inspizierte. Ich will mich hängen lassen, wenn er nicht die armen Nigger an jeder einzelnen Leine an der Nagelbank ziehen ließ, bevor er die Fallen fand. Einer ließ die Leine mitten im Heißen los und glitt tot auf das Deck; aber Saxtorph schlug auf die andern ein und zwang sie zur Arbeit. Als Fock und Großsegel oben waren, hieß ich ihn, den Schäkel aus der Ankerkette zu schlagen und uns treiben zu lassen. Ich hatte mich nach achtern ans Steuerrad geschleppt und wollte einen Schichtwechsel beim Steuern einrichten. Ich ahne nicht, wie er es fertig brachte, aber statt den Schäkel herauszuschlagen, ließ er den andern Anker fallen, und wir waren doppelt verankert.

Endlich brachte er es fertig, beide Schäkel herauszuschlagen und das Stagsegel und den Klüver zu setzen, und die ›Duchess‹ fuhr unter vollen Segeln auf die Einfahrt los. Unser Deck war sehenswert. Überall lagen tote und sterbende Nigger. Sie waren teilweise an den unmöglichsten Stellen verstaut. Die Kajüte war voll von solchen, die vom Deck hinuntergekrochen und unten verendet waren. Saxtorph mußte sie mit seiner Friedhofskolonne über Bord werfen, und weg waren sie. Unsere vier ermordeten Matrosen gingen natürlich denselben Weg. Aber ihre Köpfe steckten wir in einen Sack mit Gewichten, so daß sie jedenfalls nicht an Land treiben und den Niggern in die Hände fallen konnten.

Unsere fünf Gefangenen beschloß ich als Mannschaft zu verwenden, aber sie beschlossen es anders. Sie erspähten eine Gelegenheit und sprangen über Bord. Saxtorph erwischte noch zwei in der Luft mit dem Revolver und hätte die drei andern im Wasser erschossen, wenn ich ihn nicht daran gehindert hätte. Ich war krank von dem Gemetzel, sehen Sie, und außerdem hatten sie geholfen, den Schoner hinauszubringen. Aber mein Mitleid war verschwendet, denn die Haie holten sie alle drei. Ich bekam Gehirnentzündung oder etwas Ähnliches, als wir klar vom Land kamen. Jedenfalls lag die ›Duchess‹ drei Wochen lang beigedreht, bis ich mich zusammenriß und wir mit ihr nach Sydney schaukelten. Aber diese Nigger von Mallu hatten doch für immer gelernt, daß mit einem weißen Mann nicht gut Kirschenessen ist. In ihrem Falle war Saxtorph bestimmt unvermeidlich.«

Charley Roberts stieß einen langen Pfiff aus und sagte:

»Ja, das kann man wohl sagen. Aber was wurde aus Saxtorph?«

»Er legte sich auf die Seehundjagd und wurde ein berühmter Schütze. Sechs Jahre lang herrschte auf den Schiffen von Victoria und San Francisco große Nachfrage nach ihm. Im siebenten Jahre wurde sein Schoner im Beringsmeer von einem russischen Kreuzer gefaßt und die ganze Besatzung, wie es heißt, in die sibirischen Salzbergwerke geschickt. Wenigstens habe ich seitdem nie wieder etwas von ihm gehört.«

»Die Welt in die Höhe bringen«, murmelte Roberts. »Die Welt in die Höhe bringen. Na, sie sollen leben. Einer muß es ja tun: die Welt in die Höhe bringen, meine ich.«

Kapitän Woodward rieb sich die Narben auf seinem kahlen Schädel.

»Ich habe mein Teil dazu beigetragen«, sagte er. »Vierzig Jahre jetzt. Dies ist meine letzte Reise. Dann geh ich nach Hause und bleibe da.«

»Ich wette eine Flasche darauf, daß Sie es nicht tun«, forderte Roberts ihn heraus. »Sie sterben in den Sielen, nicht zu Hause.«

Kapitän Woodward nahm die Wette sofort an, aber ich persönlich glaube, daß Roberts sie gewinnen wird.

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