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Südsee-Geschichten

Jack London: Südsee-Geschichten - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorJack London
titleSüdsee-Geschichten
publisherBüchergilde Gutenberg
editorMax Barthel
year1934
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150527
projectid9c02f5f7
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Otoo, der Heide

Das erstemal traf ich ihn in einem Orkan, und obgleich wir den Orkan auf demselben Schoner erlebten, bemerkte ich ihn erst, als das Schiff unter unsern Füllen zertrümmert war. Zweifellos hatte ich ihn mit der übrigen Kanakenbesatzung an Bord gesehen, aber seine Existenz war mir nicht zum Bewußtsein gekommen, denn die ›Petite Jeanne‹ war stark überfüllt. Außer ihren acht oder zehn Kanakenmatrosen, dem weißen Kapitän, Steuermann und Superkargo und ihren sechs Kajütpassagieren fuhr sie von Rangiroa mit ungefähr fünfundachtzig Deckpassagieren ab – Paumotern und Tahitianern, Männern, Frauen und Kindern, jeder mit einer Kiste, der Schlafmatten, Bettdecken und Kleiderbündel nicht zu gedenken.

Die Zeit der Perlenfischerei auf Paumotu war vorüber, und alles kehrte nach Tahiti zurück. Wir sechs Kajütpassagiere waren Perlenhändler. Zwei davon waren Amerikaner, einer war Ah Choon (der weißeste Chinese, den ich je gesehen habe), einer war Deutscher, einer polnischer Jude, und ich machte das halbe Dutzend voll.

Der Fang war vom Glück begünstigt gewesen. Nicht einer von uns hatte Grund zu klagen, ebensowenig einer von den fünfundachtzig Deckpassagieren. Alles war gut gegangen, und alle konnten einer ruhigen, angenehmen Zeit in Papeete entgegensehen.

Natürlich war die ›Petite Jeanne‹ überladen. Nur siebzig Tonnen groß, hätte sie auch nicht ein Zehntel der Menge, die sie an Bord führte, aufnehmen dürfen. Unter ihren Luken war sie vollgepfropft bis an den Rand mit Perlmutter und Kopra. Selbst der Gepäckraum war damit vollgepackt. Es war ein Wunder, daß die Matrosen überhaupt arbeiten konnten. Auf Deck konnte man sich kaum bewegen. Sie mußten einfach von vorn nach achtern die Reling entlang kriechen.

Nachts traten sie auf die Schläfer, die das Deck wie ein Teppich bedeckten; sie lagen in zwei Schichten übereinander. Und dazu kamen noch Schweine und Hühner und Säcke mit Jams, während jede erdenkliche Stelle mit Girlanden von Kokosnüssen und Bananenbündeln bekränzt war. Auf beiden Seiten, zwischen Fock- und Großwant, hatte man Bardunen ausgespannt, gerade so hoch, daß der Vormastbaum ausschwingen konnte, und an jeder dieser Bardunen hingen mindestens fünfzig Bananenbündel.

Die Überfahrt versprach nicht gerade angenehm zu werden, selbst wenn wir sie in den zwei oder drei Tagen machten, die man bei frischem Südostpassat brauchte. Aber er wehte nicht frisch. Nach den ersten fünf Stunden legte er sich mit einem Dutzend fächelnden Atemzügen. Die Stille währte die ganze Nacht und den folgenden Tag. Es war eine dieser schimmernden glasklaren Stillen, bei denen der Gedanke allein, die Augen zu öffnen und sie zu sehen, schon Kopfschmerzen verursacht.

Am zweiten Tage starb ein Mann – ein Ostinsulaner, einer der besten Lagunentaucher des Jahres – an Pocken, obgleich es unerklärlich war, wie Pocken an Bord kommen konnten, da an Land, als wir Rangiroa verließen, kein Fall bekannt war. Aber es stimmte, es waren Pocken, ein Mann tot und drei andre angesteckt.

Es war nichts dabei zu machen. Wir konnten die Kranken weder isolieren noch für sie sorgen. Wir waren zusammengestaut wie die Sardinen. Man konnte nichts tun als sterben und verfaulen – das heißt nach der Nacht, die dem ersten Todesfall folgte. In dieser Nacht verschwanden der Steuermann, der polnische Jude und vier eingeborene Taucher mit dem großen Walboot. Man hörte nie wieder etwas von ihnen. Am Morgen ließ der Kapitän sofort die übrigen Boote anbohren, und da saßen wir nun.

An diesem Tage gab es zwei Todesfälle, am nächsten Tage drei; dann sprang es auf acht. Es war ein merkwürdiger Anblick, wie wir uns dazu verhielten. Die Eingeborenen verfielen in einen Zustand dumpfen, schlaffen Entsetzens. Der Kapitän – er hieß Oudouse und war Franzose – wurde sehr nervös und redete viel. Er bekam geradezu nervöse Zuckungen. Er war ein starker, fleischiger Mann, der mindestens zweihundert Pfund wog, und er wurde bald das getreue Bild eines zitternden geleeartigen Fettberges.

Der Deutsche, die beiden Amerikaner und ich kauften allen schottischen Whisky an Bord auf und waren andauernd betrunken. Die Theorie war prachtvoll: Wenn wir uns beständig unter Alkohol hielten, so mußte jeder Pockenkeim, der mit uns in Berührung kam, sofort zu Schlacke verbrannt werden. Und die Theorie wirkte, obgleich ich gestehen muß, daß weder Kapitän Oudouse noch Ah Choon von der Krankheit ergriffen wurden. Der Franzose trank überhaupt nicht, während Ah Choon auf ein Glas täglich sich beschränkte.

Es war eine angenehme Zeit. Die Sonne näherte sich der nördlichen Deklination und stand uns direkt zu Häupten. Es gab keinen Wind, außer häufigen Böen, die mit Ungestüm fünf Minuten bis eine halbe Stunde wehten und uns mit Regen überschütteten. Nach jeder Bö kam die schreckliche Sonne wieder und zog Dampfwolken aus dem durchnäßten Deck. Der Dampf war nicht schön. Es war der Dampf des Todes, mit Millionen und aber Millionen von Keimen gesättigt. Wenn wir ihn von den Toten und Sterbenden aufsteigen sahen, tranken wir immer noch einen und meistens noch zwei oder drei besonders steif gemischte dazu. Auch machten wir es zur Regel, ein Extraglas zu nehmen, sooft die Toten den uns umschwärmenden Haien überlassen wurden.

So lebten wir eine Woche, und dann ging uns der Whisky aus. Es war gut so, denn sonst wäre ich heute nicht mehr am Leben. Um das, was jetzt folgte, zu überstehen, mußte man nüchtern sein, wie man zugeben wird, wenn ich die kleine Tatsache erwähne, daß nur zwei Menschen es tatsächlich überstanden. Der andre war der Heide – so hörte ich wenigstens Kapitän Oudouse ihn nennen, als ich zuerst von seiner Existenz Kenntnis erhielt. Aber darauf komme ich später zurück.

Am Ende der Woche, als der Whisky ausgegangen und die Perlenhändler nüchtern geworden waren, warf ich zufällig einen Blick auf das Barometer, das in der gemeinsamen Kajüte hing. Sein normaler Stand in Paumotu ist 29,90, und es schwankt gewöhnlich zwischen 29,85 und 30,00 oder sogar 30,05; aber was man jetzt sah: daß es auf 29,62 gefallen war, genügte, um den betrunkensten Perlenhändler, der je Pockenbazillen durch schottischen Whisky eingeäschert hat, zu ernüchtern.

Ich lenkte Kapitän Oudouses Aufmerksamkeit darauf, aber nur, um zu erfahren, daß er das Fallen bereits seit mehreren Stunden beobachtete. Es war wenig dabei zu tun, aber das wenige erledigte er in Anbetracht der Umstände sehr gut. Er zog die leichten Segel ein, reffte die andern, ließ Rettungsleinen ausspannen und wartete auf den Wind. Einen Fehler beging er erst, als der Wind da war. Er legte Backbord um, was südlich des Äquators richtig gewesen wäre, wenn – und hier lag der Hase im Pfeffer – wenn wir uns nicht direkt in der Bahn des Orkans befunden hätten.

Wir waren direkt darin. Ich konnte es am ständigen Wachsen des Windes und am ständigen Fallen des Barometers sehen. Ich wollte, daß der Kapitän wendete, mit dem Winde lief, bis das Barometer nicht mehr fiel, und dann beidrehte. Wir stritten uns darüber, bis er ganz rasend wurde; aber er wollte nicht nachgeben. Das schlimmste war, daß ich die andern Perlenhändler nicht auf meine Seite bringen konnte. Wer war ich denn, daß ich mehr von der See und ihren Tücken verstehen wollte als ein erfahrener Kapitän? Das war, wie ich wohl wußte, ihre Meinung.

Natürlich erhob sich mit dem Steigen des Sturmes ein entsetzlicher Seegang, und nie vergesse ich die drei ersten Seen, die die ›Petite Jeanne‹ übernahm. Sie war abgefallen, wie Schiffe manchmal tun, wenn sie beigedreht haben, und die erste See fegte eine glatte Bresche. Die Rettungsleinen halfen nur den Starken und Gesunden und nützten selbst denen nur wenig, denn Frauen und Kinder, Bananen und Kokosnüsse, Schweine und Reisekisten, Kranke und Sterbende wurden als eine kompakte schreiende und kreischende Masse fortgespült.

Die zweite See füllte das Deck der ›Petite Jeanne‹ bis an die Reling, und als ihr Achtersteven sank und ihr Bug sich zum Himmel hob, rutschte der ganze elende Wirrwarr von lebenden und toten Gegenständen nach achtern. Es war ein Malstrom von Menschen. Kopf oder Füße voran, seitwärts, sich überschlagend, windend, drehend, krümmend, zum Knäuel geballt, kamen sie. Hin und wieder faßte einer einen Pfosten oder ein Tau; aber das Gewicht der ihm folgenden Körper riß ihn wieder los.

Einen Mann sah ich, der mit dem Kopf gegen die Steuerbordreling geschleudert wurde. Sein Schädel zerschellte wie eine Eierschale. Ich sah, was kommen mußte, sprang auf das Kajütendach und von dort weiter in das Großsegel. Ah Choon und einer der Amerikaner versuchten, mir zu folgen, aber ich war ihnen einen Sprung voran. Der Amerikaner wurde wie ein Stückchen Spreu über den Stern gespült. Ah Choon faßte eine Speiche vom Steuerrad und klammerte sich daran fest. Aber eine stämmige Baratonga-Vahine (Frau) – sie wog mindestens zweihundertundfünfzig Pfund – tauchte hinter ihm auf und schlug ihren Arm um seinen Nacken. Er packte den Kanaken-Rudergänger mit dem andern Arm, und gerade in diesem Augenblick krengte der Schoner nach Steuerbord.

Der Strom von Körpern und Wasser, der sich durch den Backbordgang zwischen Kajüte und Reling ergoß, machte jäh kehrt und wälzte sich nach Steuerbord. Weg waren sie – Vahine, Ah Choon und der Rudergänger –, und ich schwöre darauf, daß Ah Choon mich mit philosophischer Gelassenheit angrinste, ehe er über die Reling ging und untersank. Die dritte See – die größte von den dreien – richtete nicht soviel Schaden an. Als sie kam, war fast alles in der Takelage. Auf Deck rollten vielleicht ein Dutzend keuchende, halbertrunkene und halbbetäubte Wesen herum. Einige versuchten, sich kriechend in Sicherheit zu bringen. Sie gingen über Bord, ebenso die Trümmer der beiden noch übrigen Boote. Die andern Perlenhändler und ich selbst brachten etwa fünfzehn Frauen und Kinder in die Kajüte und schlossen die Luken. Letzten Endes half es den Ärmsten nicht viel.

Wind? Nach allem, was ich je erlebt hatte, hätte ich es nicht für möglich gehalten, daß es so wehen könnte, wie es tat. Es war unbeschreiblich. Wie kann man ein Chaos beschreiben? So war es mit dem Wind. Er zerrte uns die Kleider vom Körper. Wenn ich zerren sage, so meine ich es buchstäblich. Ich verlange nicht, daß man mir glaubt. Ich erzähle nur etwas, was ich gesehen und gefühlt habe. Es gibt Zeiten, da ich es selbst nicht glaube. Ich habe es überstanden, und das genügt. Man konnte dem Wind nicht lebend trotzen. Es war unerhört, und das Unerhörteste war, daß er immer noch wuchs und wuchs.

Stellt euch ungezählte Millionen, Billionen Tonnen Sand vor, denkt euch, daß dieser Sand mit einer Schnelligkeit von neunzig, hundert, hundertundzwanzig oder sonst einer beliebigen Zahl von Meilen die Stunde vorwärts rast. Denkt euch ferner, daß dieser Sand unsichtbar und unfaßbar ist und doch das ganze Gewicht und die Dichte des Sandes besitzt. Stellt euch das vor und ihr habt eine schwache Ahnung, wie dieser Wind war.

Vielleicht ist Sand nicht der rechte Vergleich. Denkt ihn euch wie Schlamm, unsichtbar, unfaßbar, und doch schwer wie Schlamm. Nein, es war noch schlimmer. Denkt, daß jedes Molekül eine ganze Schlammbank für sich ist. Dann versucht, euch den gesamten Druck dieser Schlammbänke vorzustellen. Nein, es übersteigt meine Kraft. Die Sprache mag genügen, um den gewöhnlichen Lebensbedingungen gerecht zu werden, aber sie kann unmöglich schildern, was bei einem so ungeheuren Orkan vorgeht. Am besten wäre ich bei meiner ursprünglichen Absicht geblieben, eine Beschreibung gar nicht zu versuchen. So viel will ich jedoch sagen: Der Seegang, der sich zuerst erhoben hatte, wurde von diesem Sturm niedergehalten. Mehr noch: Der ganze Ozean schien von dem Schlund des Orkans aufgesogen und in den Teil des Raumes geschleudert zu sein, den früher die Luft eingenommen hatte.

Natürlich war unsre Leinwand längst verschwunden. Aber Kapitän Oudouse hatte auf der ›Petite Jeanne‹ etwas, was ich noch nie auf einem Südseeschoner gesehen hatte: einen Seeanker. Es war ein konischer Segeltuchbeutel, dessen Ende durch ein riesiges Bandeisen offen gehalten wurde. Der Seeanker war ungefähr wie ein Papierdrache aufgezäumt, so daß er sich im Wasser festbiß wie ein Drache in der Luft, jedoch mit einem gewissen Unterschied. Der Seeanker hielt sich gerade unter der Oberfläche des Meeres in lotrechter Stellung. Eine lange Leine verband ihn wieder mit dem Schoner. Infolgedessen ritt die ›Petite Jeanne‹ gerade gegen Wind und See.

Die Lage wäre in Wirklichkeit recht günstig gewesen, hätten wir uns nicht gerade in der Bahn des Sturmes befunden. Zwar riß der Wind die Segel von den Seisingen, schleuderte die Stengen heraus und würfelte alles, was nicht niet- und nagelfest war, bunt durcheinander, aber wir wären doch heil durchgekommen, wenn wir uns nicht gerade im vorrückenden Zentrum des Sturmes befunden hätten. Das gab uns den Rest. Ich war in einen Zustand von Starre und Betäubung versunken, und ich glaube, ich war ziemlich so weit, allen Widerstand aufzugeben und zu sterben, als das Zentrum uns traf. Der Schlag, den wir erhielten, war absolute Windstille. Es war nicht ein Hauch zu spüren. Die Wirkung war widerwärtig.

Denkt euch, daß wir uns die vier Stunden, die wir dem schrecklichen Druck des Windes widerstehen mußten, in einer furchtbaren Muskelanspannung befunden hatten. Und plötzlich war dieser Druck fort. Wie ich mich entsinne, hatte ich das Gefühl, als sollte ich mich aufblasen und in Stücken in alle Himmelsrichtungen fliegen, jedes Atom meines Körpers schien alle andern Atome abzustoßen und im Begriff zu sein, sich mit unwiderstehlicher Kraft in den Weltraum zu stürzen. Aber das dauerte nur einen Augenblick. Das Verderben war über uns.

Als Wind und Druck gewichen waren, hob sich die See. Sie sprang, schoß, flog geradeswegs bis zu den Wolken. Vergeßt nicht, daß der unerhörte Wind aus allen Richtungen des Kompasses auf das Zentrum der Stille losbrach. Die Folge war, daß aus jeder Richtung des Kompasses die Seen heransprangen. Es gab keinen Wind, der ihnen trotzen konnte. Sie knallten hoch wie Pfropfen, die man vom Boden eines Eimers aufsteigen läßt. Es war kein System in ihnen, keine Zielsicherheit. Es waren dumpfe, wahnsinnige Seen. Sie waren mindestens achtzig Fuß hoch. Es waren überhaupt keine Seen. Sie waren ungleich jeder See, die ein Mensch je wahrgenommen hatte.

Es waren Spritzer, ungeheure Spritzer – das ist alles. Spritzer, die achtzig Fuß hoch flogen. Achtzig! Mehr als achtzig! Sie gingen über unsere Mastspitzen. Es waren Fontänen, Explosionen. Sie waren betrunken. Irgendwo, irgendwie fielen sie nieder. Eine drängte die andre; sie stießen zusammen, oder sie fielen jede für sich wie tausend Wasserfälle auf einmal. Dies Sturmzentrum war kein Ozean mehr, den ein Mensch sich vorstellen kann. Es war das dreifache Chaos. Es war Anarchie. Es war ein Höllenpfuhl wahnsinnigen Seewassers. Die ›Petite Jeanne‹? Ich weiß es nicht. Der Heide sagte mir nachher, daß er auch nichts wußte. Sie wurde buchstäblich in Stücke gerissen, zerfetzt, zu Brei zerstoßen, zu Kienholz zermalmt, vernichtet. Als ich zu mir kam, befand ich mich im Wasser und schwamm, obgleich mehr tot als lebendig, automatisch. Wie ich dahin gekommen war, konnte ich mich nicht mehr erinnern. Ich hatte gerade noch gesehen, wie die ›Petite Jeanne‹ zerfetzt wurde, dann hatte mich das Bewußtsein verlassen. Aber nun war ich hier und konnte nichts andres tun, als gute Miene zum bösen Spiel machen, und das war nicht sehr hoffnungsreich. Der Wind blies wieder, die Seen waren viel kleiner und regelmäßiger, und ich wußte, daß ich über das Zentrum hinaus war. Zum Glück gab es keine Haie in der Nähe. Der Orkan hatte die räuberische Horde zerstreut, die das Totenschiff umringt und von den Toten gelebt hatten.

Es war gegen Mittag, als die ›Petite Jeanne‹ in Stücke ging, und es mochte zwei Stunden später sein, als ich einen ihrer Lukendeckel auffischte. Um diese Zeit strömte dichter Regen herab, und es war der reine Zufall, der mir den Lukendeckel schickte. Ein kurzes Stück Leine hing vom Griff herab und schleppte nach, und jetzt wußte ich, daß ich wenigstens für einen Tag gesichert war, wenn die Haie nicht wiederkamen. Drei Stunden später, vielleicht etwas mehr, während ich mich mit geschlossenen Augen an dem Deckel festhielt und meine ganze Seele daran setzte, so viel Luft einzuatmen, wie nötig war, um mich oben zu halten, und zugleich zu vermeiden, so viel Wasser zu schlucken, daß ich ertrank, war mir, als hörte ich Stimmen. Der Regen hatte aufgehört, und Wind und Wellen beruhigten sich mit wunderbarer Schnelligkeit. Keine zwanzig Fuß von mir hingen auf einem andern Lukendeckel Kapitän Oudouse und der Heide. Sie kämpften um den Besitz des Deckels – wenigstens tat es der Franzose.

»Paien noir!« hörte ich ihn schreien und sah ihn gleichzeitig nach dem Kanaken treten.

Nun hatte Kapitän Oudouse alle seine Kleider außer der Fußbekleidung verloren, und das waren schwere Stiefel. Ein tüchtiger Tritt traf den Heiden auf Mund und Kinn und betäubte ihn halb. Ich dachte, er würde Vergeltung üben, aber er begnügte sich damit, sich in Sicherheit zu bringen, indem er zehn Fuß fortschwamm. Sobald eine Woge ihn aber näherschlug, hing sich der Franzose mit den Händen fest und stieß mit beiden Füßen nach ihm. Und bei jedem Tritt schalt er den Kanaken einen schwarzen Heiden.

»Für zwei Centimes würde ich rüberkommen und dich ertränken, du weiße Bestie!« schrie ich, und nur die Erschöpfung hielt mich davon ab, es zu tun. Allein der Gedanke an die Anstrengung, hinüberzuschwimmen, erregte Übelkeit. So rief ich dem Kanaken zu, daß er zu mir kommen solle, und teilte meinen Lukendeckel mit ihm. Otoo (sprich O-to-o), sagte er mir, sei sein Name; auch erzählte er mir, daß er ein Eingeborener von Bora Bora, der westlichsten der Gesellschaftsinseln, sei. Wie ich später erfuhr, hatte er zuerst den Lukendeckel erwischt, nach einiger Zeit Kapitän Oudouse getroffen, ihm angeboten, den Platz mit ihm zu teilen, und war dann zum Dank fortgestoßen worden.

So trafen Otoo und ich uns zuerst. Er war kein Kampfhahn. Er war ganz Milde und Sanftmut, ein Wesen voller Liebe, obgleich er fast sechs Fuß maß und Muskeln wie ein Gladiator hatte. Er war kein Kampfhahn, aber auch kein Feigling. Er besaß das Herz eines Löwen, und in den folgenden Jahren sah ich, wie er sich Gefahren aussetzte, von denen ich mir nie hätte träumen lassen. Und wenn Otoo einmal in Aktion trat, dann hieß es: »Hände weg!« Ich vergesse nie, wie er mit Bill King verfuhr. Es geschah auf Deutsch-Samoa. Bill King war Schwergewichtchampion der amerikanischen Flotte. Er war ein Riesenkerl, ein wahrer Gorilla, einer dieser hart zuschlagenden groben Burschen, die ihre Fäuste gut zu gebrauchen wissen. Er fing den Streit an, stieß Otoo zweimal und schlug ihn einmal, bevor Otoo es für nötig hielt, wiederzuschlagen. Ich glaube, es währte keine vier Minuten, bis Bill King der unglückliche Besitzer von vier gebrochenen Rippen, einem gebrochenen Oberarm und einer verrenkten Schulter war. Otoo verstand nichts vom wissenschaftlichen Boxen. Er schlug nur drauflos, und Bill King brauchte etwa drei Monate, um sich von dem bißchen Drauflosschlagen zu erholen, das ihm an diesem Nachmittage auf dem Strande von Apia zuteil geworden war.

Aber ich greife dem Gang der Erzählung vor. Wir teilten den Lukendeckel miteinander. Abwechselnd lag der eine flach auf dem Deckel und ruhte sich aus, während der andre sich, bis zum Halse im Wasser, mit den Händen festhielt. Zwei Tage und Nächte trieben wir so, abwechselnd auf dem Deckel und im Wasser, über dem Ozean. Zuletzt war ich meist ohne Besinnung, und es kam auch vor, daß ich Otoo in seiner Muttersprache schwatzen und phantasieren hörte. Unser ständiges Untertauchen rettete uns vor dem Verdursten, obgleich Seewasser und Sonnenschein uns die denkbar unangenehmste Vorstellung von Gepökelt- und Gedörrtwerden gaben.

Schließlich rettete Otoo mir das Leben; denn als ich zu mir kam, lag ich, zwanzig Fuß vom Wasser entfernt, auf dem Strande, durch eine Menge Kokosblätter vor der Sonne geschützt. Niemand als Otoo konnte mich da hingetragen und mit den Blättern bedeckt haben. Er lag neben mir. Ich verlor von neuem das Bewußtsein, und als ich wieder zu mir kam, war kühle, sternenklare Nacht, und Otoo hielt mir eine Kokosnuß zum Trinken an die Lippen.

Wir waren die einzigen Überlebenden von der ›Petite Jeanne‹. Kapitän Oudouse war sicher der Erschöpfung erlegen, denn einige Tage später trieb sein Lukendeckel ohne ihn an Land. Otoo und ich lebten eine Woche bei den Einwohnern des Atolls; dann wurden wir von einem französischen Kreuzer aufgenommen und nach Tahiti gebracht. Inzwischen begingen wir jedoch die Zeremonie des Namenstausches. In der Südsee verbindet diese Zeremonie zwei Männer fester als Blutsbrüderschaft. Der Vorschlag war von mir ausgegangen, und Otoo war begeistert, als ich ihn machte.

»Es ist gut«, sagte er auf tahitianisch. »Denn wir sind zwei Tage Genossen an den Lippen des Todes gewesen.«

»Aber der Tod hat gestottert«, lächelte ich.

»Du hast eine brave Tat getan, Herr,« antwortete er, »und der Tod war nicht schlecht genug, um zu sprechen.«

»Warum nennst du mich Herr?« fragte ich, indem ich mich verletzt stellte. »Wir haben die Namen getauscht. Für dich bin ich Otoo. Für mich bist du Charley. Und zwischen dir und mir bist du in alle Ewigkeit Charley und ich Otoo. So will es der Brauch. Und wenn wir sterben und vielleicht irgendwo hinter den Wolken und Sternen wieder zusammen leben, so wirst du immer noch für mich Charley sein und ich für dich Otoo.«

»Ja, Herr«, antwortete er mit glänzenden, freudeerfüllten Augen.

»Fängst du schon wieder an?« rief ich entrüstet

»Was tut es, was meine Lippen sagen?« wandte er ein. »Es sind ja nur meine Lippen. Aber ich denke immer Otoo. Sooft ich an mich denke, denke ich an dich. Sooft ich beim Namen gerufen werde, denke ich an dich. Und hinter Sternen und Wolken, immer und ewig, wirst du Otoo für mich sein. Ist es so recht, Herr?«

Ich antwortete lächelnd, daß es so recht sei.

In Papeete trennten wir uns. Ich blieb dort, um mich zu erholen, und er fuhr mit einem Kutter nach seiner eigenen Insel Bora Bora. Sechs Wochen darauf kam er wieder. Ich war erstaunt, denn er hatte mir von seinem Weibe erzählt und gesagt, daß er zu ihr zurückkehren und die weiten Reisen aufgeben wollte.

»Wohin gehst du, Herr?« fragte er nach unserer ersten Begrüßung.

Ich zuckte die Achseln. Die Frage war nicht leicht zu beantworten.

»Um die ganze Welt –,« lautete meine Antwort, »um die ganze Welt, über das Meer, nach allen Inseln, die im Meere sind.«

»Ich gehe mit dir«, sagte er einfach. »Mein Weib ist tot.«

Ich hatte nie einen Bruder gehabt; aber nach dem, was ich Ton den Brüdern andrer Leute gesehen habe, bezweifle ich, daß je ein Mensch einen Bruder gehabt hat, der so zu ihm hielt, wie Otoo zu mir. Er war mir Bruder, aber auch Vater und Mutter. Und ich wußte, daß ich Otoos wegen ein besserer, rechtschaffener Mensch wurde. Um andre Menschen kümmerte ich mich wenig, aber ich mußte rechtschaffen leben unter Otoos Augen. Seinetwegen wagte ich nicht, mich zu beflecken. Er machte mich zu seinem Ideal, und ich fürchte, daß er mich hauptsächlich nach dem Bilde seiner eigenen Liebe und Verehrung schuf. Es gab Zeiten, da ich dicht vor den Stufen der Hölle stand und mich hineingestürzt haben würde, wenn der Gedanke an Otoo mich nicht zurückgehalten hätte. Sein Stolz auf mich wurde mein eigener, bis es eines der Hauptgesetze meines persönlichen Kodex wurde, nichts zu tun, was diesen seinen Stolz verringern konnte. Natürlich lernte ich seine Gefühle mir gegenüber nicht ohne weiteres kennen. Er kritisierte nie, tadelte nie, und in demselben Maße, wie er das Piedestal erhöhte, auf das seine Augen mich gestellt hatten, wuchs auch mein Verständnis dafür, wie sehr ich ihn verletzen würde, wenn ich nicht das Beste aus mir herausholte.

Siebzehn Jahre waren wir zusammen; siebzehn Jahre war er an meiner Seite, wachte, wenn ich schlief, pflegte mich bei Fieber und Wunden – ja, empfing selbst Wunden im Kampfe für mich. Er nahm auf denselben Schiffen Heuer wie ich, und zusammen durchkreuzten wir das Stille Meer von Hawai bis zur Mole von Sydney und von den Torres Straits bis zu den Galapagos. Wir gingen auf die Jagd nach Kulis von den Neu-Hebriden und den Gilbertinseln westwärts über die Louisiaden, Neubritannien, Neuirland und Neuhannover. Wir erlitten dreimal Schiffbruch, bei den Gilbertinseln, der Santa-Cruz-Gruppe und den Fidschiinseln. Und wir handelten und feilschten, wo ein Dollar zu verdienen war mit Perlen und Perlmutter, Kopra, Trepang, Tauschwaren und gestrandeten Wracks. Es begann in Papeete, unmittelbar nachdem er erklärt hatte, daß er mich über das ganze Meer und alle Inseln darin begleiten wollte. Damals gab es in Papeete einen Klub, in dem Perlenhändler und sonstige Kaufleute, Kapitäne und allerhand Ausschuß von Südseeabenteurern sich versammelten. Es wurde hoch gespielt und stark getrunken, und ich fürchte sehr, daß ich oft länger blieb, als schicklich und anständig war. Aber zu welcher Stunde ich auch den Klub verließ, Otoo wartete auf mich, um mich sicher nach Hause zu bringen.

Zuerst lächelte ich; darauf schalt ich ihn aus. Dann sagte ich ihm rundweg, daß ich keine Amme brauchte. Nun sah ich ihn nicht mehr, wenn ich den Klub verließ. Ganz durch Zufall entdeckte ich etwa eine Woche später, daß er mich immer noch, versteckt zwischen den Schatten der Mangobäume auf der andern Seite der Straße, nach Hause begleitete. Was sollte ich tun?

Unmerklich begann ich, die Zeit besser einzuhalten. In regnerischen und stürmischen Nächten, mitten in Tollheit und Ausgelassenheit, drängte sich mir der Gedanke an Otoo auf, der seine öde Wacht unter den tropfenden Bäumen hielt. Wahrlich, er machte einen besseren Menschen aus mir. Und doch war er nicht engherzig. Und er wußte nichts von christlicher Moral. Alle Leute auf Bora Bora waren Christen; aber er war Heide, der einzige Ungläubige auf der Insel, ein großer Materialist, der an kein Jenseits glaubte. Er glaubte nur an ehrliches Spiel und anständiges Betragen. Kleinliche Niedertracht war nach seinem Gesetz fast ebenso schlimm wie mutwilliger Totschlag, und ich glaube sogar, daß er vor einem Mörder mehr Achtung hatte, als vor einem gemeinen Gauner.

Was mich persönlich betraf, so widersetzte er sich allem, was irgendwie schädlich für mich war. Gegen das Spiel hatte er nichts. Aber er setzte mir auseinander, daß das späte Aufbleiben der Gesundheit nicht zuträglich war. Er hatte Leute, die nicht auf sich achtgaben, am Fieber sterben sehen. Er war kein Abstinenzler und sagte nicht nein zu einem tüchtigen Glas, wenn es Bootsarbeit bei feuchtem Wetter gab. Anderseits war er für Mäßigkeit. Er hatte gesehen, wie viele Menschen sich durch die Schnaps- oder Whiskyflaschen entehrt oder getötet hatten.

Otoo lag stets mein Wohl am Herzen. Er dachte an meine Zukunft, erwog meine Pläne und nahm größeres Interesse an ihnen als ich selbst. In der ersten Zeit, als ich seine Teilnahme für meine Angelegenheiten noch nicht bemerkt hatte, mußte er meine Absichten erraten, wie zum Beispiel in Papeete, als ich vorhatte, mich mit einem schuftigen Kompagnon auf eine Guanospekulation einzulassen. Ich wußte nicht, daß er ein Schuft war. Auch kein andrer Weißer in Papeete wußte es. Ebensowenig wußte Otoo es, aber er sah, wie befreundet wir wurden, und fand es heraus, ohne daß ich ihn darum gebeten hätte. Eingeborene Seeleute von allen Enden des Meeres treiben sich auf dem Strande von Tahiti herum, und Otoo, der zuerst nur instinktiv argwöhnisch gewesen war, mischte sich unter sie, bis er seinen Argwohn durch die Tat bestätigt sah. Oh, es war eine reizende Geschichte mit Randolph Waters. Als Otoo es mir zuerst erzählte, konnte ich es nicht glauben; als ich es aber zu Hause Waters vorhielt, gab er alles ohne einen Muck zu und verschwand mit dem ersten Dampfer nach Oakland.

Anfänglich, das gestehe ich offen, nahm ich es Otoo übel, daß er seine Nase in meine Angelegenheiten steckte. Aber ich wußte, daß er ganz selbstlos war, und bald lernte ich seine Klugheit und Diskretion schätzen. Er hielt die Augen stets zu meinem Besten offen, und er sah scharf und weit. Allmählich wurde er mein Berater, bis er schließlich meine Geschäfte besser kannte, als ich selber. Ich besaß die großartige Unbekümmertheit der Jugend und zog das Erlebnis dem Dollar, das Abenteuer dem behaglichen Quartier vor. So war es gut, daß ich jemanden hatte, der auf mich achtete. Ich weiß, daß ich ohne Otoo heute nicht hier sein würde.

Von den vielen Beispielen will ich eines erzählen. Ich besaß einige Erfahrung im Werben von Arbeitern, ehe ich Perlenhändler in Paumotu wurde. Otoo und ich waren auf Samoa gestrandet – wir waren wirklich gestrandet und saßen bös auf dem Trockenen –, als das Glück mir eine Stellung als Arbeiterwerber auf einer Brigg in den Schoß warf. Otoo heuerte als einfacher Matrose, und für das nächste halbe Dutzend Jahre trieben wir uns auf vielen Schiffen in den wildesten Teilen von Melanesien herum. Otoo sorgte dafür, daß er stets am Schlagriemen meines Bootes saß. Nach unsrer Gewohnheit beim Werben von Kulis wurde der Werber stets an Land gesetzt. Das Begleitboot lag unter Riemen einige hundert Fuß vom Lande ab, während sich das Werberboot, ebenfalls unter Riemen, hart am Strande hielt. Wenn ich mit meiner Ware landete und meinen Platz am Steuerruder verließ, so stand Otoo von seinem Platze auf und ging ans Achterende, wo unter einem Stück Segelleinen eine Winchesterbüchse bereitlag. Die Bootsmannschaft war auch bewaffnet, und ihre Snidergewehre lagen unter Segeltuch versteckt am Schandeckel entlang. Während ich auf die wollköpfigen Kannibalen einsprach und sie zu überreden suchte, auf den Plantagen von Queensland zu arbeiten, hielt Otoo Wache. Und oft genug warnte seine leise Stimme mich vor verdächtigen Bewegungen und drohender Verräterei. Oft war ein schneller Schuß aus seiner Büchse, der einen Neger niederstreckte, die erste Warnung, die ich erhielt. Und wenn ich zum Boot eilte, war seine Hand stets ausgestreckt, um mich in einem Sprung hineinzuziehen. Einmal, entsinne ich mich, waren wir gerade auf Santa Anna gelandet, als der Aufruhr begann. Das Begleitboot kam uns in aller Eile zu Hilfe, aber die Scharen von Wilden hätten uns erledigt, ehe es ankam. Mit einem Satze sprang Otoo an Land, fuhr mit beiden Händen in die Waren und streute Tabak, Perlen, Tomahawks, Messer und Kaliko nach allen Seiten.

Das war zuviel für die Wollköpfe. Während sie sich um die Schätze rissen, wurde das Boot flottgemacht, und wir waren an Bord und vierzig Ellen fort. Und vier Stunden später hatte ich am selben Strand dreißig Arbeiter geworben.

Aber der Fall, an den ich eigentlich denke, ereignete sich auf Malaita, der wildesten unter den östlichen Salomoninseln. Die Eingeborenen waren merkwürdig freundlich gewesen, und wie konnten wir wissen, daß das ganze Dorf seit über zwei Jahren eine Sammlung veranstaltete, um den Kopf eines weißen Mannes zu erwerben? Die Banditen sind alle Kopfjäger und legen besonderen Wert auf den Kopf eines weißen Mannes. Der Bursche, der den Kopf brachte, sollte den ganzen Ertrag der Sammlung erhalten. Wie gesagt, zeigten sie sich sehr freundlich, und ich war an diesem Tage, volle hundert Ellen vom Boot entfernt, auf dem Lande. Otoo hatte mich gewarnt, und wie gewöhnlich, wenn ich nicht auf ihn hörte, kam ich zu Schaden. Ehe ich es wußte, prasselte eine Wolke von Speeren aus einem Mangrovensumpf auf mich herab. Mindestens ein Dutzend trafen mich. Ich begann zu laufen, stolperte aber über einen, der in meiner Wade steckte, und fiel hin. Die Wollköpfe kamen auf mich los, jeder mit einem langstieligen, breitschneidigen Tomahawk, um mir den Kopf abzuschlagen. Sie waren so gierig nach dem Preise, daß sie einander in den Weg liefen. In der Verwirrung entging ich mehreren Hieben, indem ich mich im Sande nach rechts und nach links wälzte.

Da kam Otoo–Otoo, und er ging drauflos. Irgendwie war er zu einer schweren Schlachtkeule gekommen, und im Nahkampf war das eine viel wirksamere Waffe als eine Flinte. Er war mitten im Handgemenge, so daß sie ihre Speere nicht gegen ihn gebrauchen konnten, und ihre Äxte schienen wirkungslos zu sein. Otoo kämpfte für mich, und er schien von einer wahren Raserei ergriffen. Die Art, wie er seine Keule handhabte, war erstaunlich. Hirnschalen wurden zerquetscht wie überreife Apfelsinen. Erst als er die Feinde verjagt, mich in seinen Armen aufgefangen hatte und zu laufen anfing, erhielt er die erste Wunde. Er erreichte das Boot mit vier Speerstichen, ergriff seine Winchesterbüchse und traf mit jedem Schuß einen Mann. Dann ruderten wir zum Schoner und dachten an unsere Wunden.

Siebzehn Jahre waren wir zusammen. Er machte mich zu dem, was ich bin. Ich wäre heute Superkargo, Arbeiterwerber oder tot, wenn er nicht gewesen wäre.

»Du gibst dein Geld aus, und dann gehst du hin und verdienst mehr«, sagte er eines Tages. »Jetzt ist es leicht, Geld zu verdienen. Wenn du aber alt bist, hast du dein Geld ausgegeben und bist nicht imstande, neues zu verdienen. Ich kenne das, Herr. Ich habe die weißen Männer beobachtet. An den Küsten leben viele weiße Männer, die einmal jung waren und Geld verdienen konnten wie du jetzt, jetzt sind sie alt, haben nichts und warten darauf, daß die jungen Männer an Land kommen und ihnen Getränke abkaufen.

Der Schwarze ist Sklave auf den Plantagen. Er erhält zwanzig Dollar jährlich. Er arbeitet schwer. Der Europäer arbeitet nicht schwer. Er sitzt zu Pferde und beaufsichtigt die Kulis bei der Arbeit. Er erhält zwölfhundert Dollar jährlich. Ich bin Matrose auf dem Schoner. Ich erhalte fünfzehn Dollar im Monat, weil ich ein guter Matrose bin. Ich arbeite schwer. Der Kapitän hat ein doppeltes Sonnensegel und trinkt Bier aus großen Flaschen. Ich habe ihn nie ein Tau schleppen oder rudern sehen. Er erhält hundertundfünfzig Dollar im Monat. Ich bin Matrose. Er ist Schiffsführer. Herr, ich glaube, es wäre sehr gut für dich, wenn du Schiffe führen lerntest.«

Otoo spornte mich an. Er fuhr mit mir als zweiter Steuermann auf meinem ersten Schoner, und er war stolzer auf mein Kommando, als ich selber. Später hieß es:

»Der Kapitän wird gut bezahlt, Herr; aber das Schiff ist ihm anvertraut, und er hat stets die ganze Bürde zu tragen. Der Eigentümer wird besser bezahlt – der Eigentümer, der an Land sitzt, viele Dienstboten hat und sein Geld zählt.«

»Allerdings, aber ein Schoner kostet fünftausend Dollar – noch dazu ein alter Schoner«, warf ich ein. »Bis ich fünftausend Dollar gespart habe, bin ich ein alter Mann.«

»Es gibt schnelle Wege für weiße Männer, um Geld zu verdienen«, fuhr er fort und zeigte auf den von Kokospalmen umsäumten Strand.

Wir befanden uns damals auf den Salomoninseln und sammelten eine Ladung von Steinnüssen an der Ostküste von Guadalcanar.

»Zwischen dieser Flußmündung und der nächsten sind zwei Meilen«, sagte er. »Das flache Land erstreckt sich weit einwärts. Jetzt ist es nichts wert. Nächstes Jahr – wer weiß? – oder das Jahr darauf wird man viel Geld für das Land bezahlen. Der Ankergrund ist gut. Große Dampfer können dicht an Land liegen. Du kannst das Land hier vier Meilen tief von dem alten Häuptling für zehntausend Stück Tabak, zehn Flaschen Schnaps und ein Snidergewehr kaufen, was dich vielleicht hundert Dollar kostet. Dann schließt du einen Vertrag mit dem Kommissionär, und nächstes Jahr oder das Jahr darauf verkaufst du und wirst Besitzer eines Schiffes.«

Ich befolgte seinen Rat, und seine Worte gingen in Erfüllung, allerdings erst in drei statt in zwei Jahren. Darauf pachtete ich die Weiden auf Guadalcanar, zwanzigtausend Morgen, auf neunundneunzig Jahre für eine ganz minimale Summe von der Regierung. Ich hatte den Pachtvertrag genau neunzig Tage, als ich ihn für ein halbes Vermögen an eine Gesellschaft verkaufte. Stets war es Otoo, der vorausschauend die günstigen Gelegenheiten sah. Er war es auch, der auf den Gedanken kam, die ›Doncaster‹ zu bergen, die ich auf der Auktion für hundert Pfund kaufte, und die mir dreitausend netto einbrachte. Er veranlaßte mich zum Kauf der Hawaiplantagen und zu dem Kakaounternehmen auf Upolo.

Wir fuhren nicht mehr soviel zur See wie in alten Tagen. Ich hatte es nicht mehr nötig. Ich heiratete, und meine Lebenshaltung hob sich auf einen andern Fuß. Aber Otoo blieb der Alte, ging im Hause herum oder schweifte durch das Kontor, die Holzpfeife im Munde, ein Schurzfell für einen Schilling auf dem Rücken und einen Lava-Lava für vier Schilling um die Lenden. Ich konnte ihn nicht dazu bringen, Geld auszugeben. Bezahlung gab es nicht für ihn außer Liebe, und Gott weiß, daß er die von uns allen in reichem Maße empfing. Die Kinder verehrten ihn, und wenn er sich hätte verziehen lassen, so würde meine Frau ihn sicher verdorben haben.

Die Kinder! Er war es wirklich, der ihnen den Weg ins praktische Leben bahnte. Zuerst brachte er ihnen das Laufen bei. Er wachte an ihrem Bett, wenn sie krank waren. Sobald sie auf den Füßen stehen konnten, nahm er sie eines nach dem andern mit zur Lagune hinunter und machte sie zu Amphibien. Mehr, als ich je davon gewußt hatte, lehrte er sie: die Gewohnheiten der Fische und die Arten, sie zu fangen. Ebenso im Busch. Mit sieben Jahren verstand Tom mehr von der Jagd, als ich mir je hatte träumen lassen. Als Mary sechs Jahre alt war, ging sie, ohne zu schaudern, über den Sliding Rock, und ich habe starke Männer davor zittern sehen. Und als Frank eben sechs war, konnte er tauchen und Schillingstücke aus drei Faden Tiefe heraufholen. »Die Meinen auf Bora Bora lieben die Heiden nicht – sie alle sind Christen, und ich liebe die Christen auf Bora Bora nicht«, sagte er eines Tages, als ich ihn dazu bringen wollte, etwas von dem Gelde auszugeben, das ihm rechtmäßig gehörte, und in dieser Absicht versuchte, ihn zu einem Besuch seiner Insel mit einem unsrer Schoner zu überreden – eine besonders zu dem Zweck gedachte Reise, von der ich erhofft hatte, daß sie in bezug auf verschwenderische Ausgaben bahnbrechend sein sollte.

Ich sage: einer von unsern Schonern, obgleich sie gesetzlich damals mein Eigentum waren. Ich hatte lange mit ihm zu kämpfen, ehe er mein Kompagnon wurde.

»Kompagnons sind wir gewesen seit dem Tage, als die ›Petite Jeanne‹ unterging«, sagte er schließlich. »Wenn es aber dein Herzenswunsch ist, so wollen wir Kompagnons nach dem Gesetz werden. Ich arbeite nicht viel und brauche doch eine Menge Geld. Ich trinke, esse und rauche eine Masse – das kostet viel, ich weiß es. Ich bezahle nichts für mein Billardspiel, denn ich spiele auf deinem Billard, und doch geht das Geld drauf. Das Fischen auf dem Riff ist ein Vergnügen, das sich nur ein reicher Mann leisten kann. Es ist unglaublich, was die Haken und die Leinen kosten. Ja, es ist nötig, daß wir Kompagnons nach dem Gesetz werden. Ich brauche Geld. Ich lasse es mir vom Kassierer im Kontor geben.«

So wurde denn der Vertrag aufgesetzt und beglaubigt. Ein Jahr darauf war ich genötigt, mich zu beklagen.

»Charley,« sagte ich, »du bist ein alter Bösewicht ein gräßlicher Geizhals, eine elende Landratte. Sieh mal, dein Gewinnanteil für dieses Jahr beträgt Tausende von Dollars. Der Kassierer hat mir diesen Zettel gegeben. Der besagt, daß du dieses Jahr achtundsiebzig Dollar und zwanzig Cent erhoben hast.«

»Hab' ich noch etwas zugute?« fragte er ängstlich.

»Ich sag' dir ja, Tausende und aber Tausende«, antwortete ich.

Seine Miene erhellte sich, wie von einer ungeheuren Erleichterung.

»Gut«, sagte er. »Sorge nur dafür, daß der Kassierer richtig Buch darüber führt. Wenn ich es brauche, hebe ich es ab, und dann darf kein Cent daran fehlen.«

»Wenn etwas fehlt,« fügte er nach einer Pause grimmig hinzu, »muß es dem Kassierer vom Gehalt abgezogen werden.«

Und die ganze Zeit lag, wie ich später erfuhr, sein vom Notar ausgefertigtes Testament, das mich zum alleinigen Erben einsetzte, im Geldschrank des amerikanischen Konsuls.

Doch das Ende kam, wie das Ende jeder menschlichen Vereinigung kommen muß. Es kam auf den Salomoninseln, wo wir unsre heißeste Arbeit in unsern heißen Jugendtagen geleistet hatten, und wo wir uns wieder einmal aufhielten – hauptsächlich auf Ferien, nebenbei, um nach unsern Besitzungen auf der Floridainsel zu sehen und die Möglichkeiten für Perlenfischerei im Mbolisund zu erforschen. Wir lagen vor Sabo, das wir angelaufen hatten, um Kuriositäten zu kaufen.

Nun wimmelt Sabo von Haien. Die Gewohnheit der Wollköpfe, ihre Toten im Meer zu bestatten, konnte die Haie nicht davon abhalten, die umliegenden Gewässer zu ihrem Tummelplatz zu machen. Mein Geschick ließ das schmale, überfüllte Eingeborenenkanu, das mich an Bord brachte, kentern. Vier Wollköpfe und ich selber waren darin, oder richtiger, hingen daran. Der Schoner war an hundert Ellen entfernt. Ich wollte gerade ein Boot anrufen, als einer der Wollköpfe zu schreien begann. Er hielt sich am Ende des Kanus fest, wurde aber mit diesem mehrmals unter Wasser gezogen. Dann ließ er los und verschwand. Ein Hai hatte ihn gepackt.

Die übriggebliebenen drei Neger versuchten, auf den Boden des Kanus zu klettern. Ich schrie und fluchte und schlug mit der Faust nach dem nächsten, aber es half nichts. Blinder Schrecken hatte sie erfaßt. Das Kanu hätte kaum einen von ihnen tragen können. Unter dem Gewicht der drei richtete es sich auf und rollte seitwärts, so daß sie wieder ins Wasser geschleudert wurden.

Ich ließ das Kanu los und schwamm auf den Schoner zu, in der Erwartung, noch ehe ich ihn erreicht hatte, von dem Boote aufgenommen zu werden. Einer der Neger entschloß sich, mir zu folgen, und wir schwammen schweigend Seite an Seite, indem wir von Zeit zu Zeit das Gesicht ins Wasser steckten und nach Haien ausspähten. Die Schreie des einen Mannes, der beim Kanu geblieben war, zeigten uns an, daß er gefaßt war. Ich blickte ins Wasser und sah einen großen Hai dicht neben mir. Er war volle vierzehn Fuß lang. Ich sah alles. Er packte den Wollkopf um den Leib, und weg fuhr er, der arme Teufel, mit herzzerreißendem Geschrei, während Kopf, Schultern und Arme immer noch über Wasser zu sehen waren. So wurde er mehrere hundert Fuß weit fortgeschleppt, bis er unter der Oberfläche verschwand. Ich schwamm unablässig weiter, in der Hoffnung, daß das der letzte Hai wäre. Aber da sah ich noch einen. Ob es einer von denen war, die vorher die Eingeborenen angegriffen hatten, oder ob er anderswo eine gute Mahlzeit gehalten hatte, weiß ich nicht. Jedenfalls hatte er nicht solche Eile wie die andern. Ich konnte jetzt nicht so schnell schwimmen wie vorher, denn einen großen Teil meiner Anstrengungen mußte ich seiner Beobachtung widmen. Ich sah, wie er auch schon seinen ersten Angriff machte. Zum Glück konnte ich ihn mit beiden Händen an der Schnauze packen, und obgleich er mich fast unter Wasser stieß, konnte ich ihn doch abhalten. Er drehte ab und begann mich zu umkreisen. Ein zweites Mal entging ich ihm durch dasselbe Manöver. Der dritte Angriff endete beiderseits mit einem Fehlschlag. Er gierte in dem Augenblick, als meine Hände auf seiner Nase landen sollten, aber seine Sandpapierhaut (ich trug eine ärmellose Unterjacke) schrabte mir die Haut vom Ellbogen bis zur Schulter ab.

Jetzt hatte ich ausgespielt und gab die Hoffnung auf. Der Schoner war noch dreihundert Fuß entfernt. Ich lag mit dem Gesicht auf dem Wasser und erwartete einen neuen Angriff, als ich einen braunen Körper zwischen uns gleiten sah. Es war Otoo.

»Schwimm nach dem Schoner, Herr!« sagte er, und seine Stimme klang so munter, als sei die Sache ein lustiger Streich. »Ich kenne die Haie. Der Hai ist mein Bruder.«

Ich gehorchte ihm und schwamm langsam weiter, während Otoo mich umkreiste, so daß er immer zwischen mir und dem Hai war. So vereitelte er dessen Angriffe und ermutigte mich.

»Die Davittaljen sind weg, und nun läßt man das Fallreep herunter «,erklärte er mir etwa eine Minute später und tauchte dann unter, um einen neuen Angriff zu parieren.

Als der Schoner noch dreißig Fuß entfernt war, war ich ziemlich fertig. Ich konnte mich kaum noch rühren. Von Bord aus warf man uns Leinen zu, aber sie fielen immer zu kurz. Ais der Hai merkte, daß ihm nichts geschah, wurde er dreister. Mehrere Male hätte er mich fast erwischt, über stets kam Otoo gerade im letzten Augenblick dazwischen. Natürlich hätte Otoo sich leicht in Sicherheit bringen können, aber er wich nicht von meiner Seite.

»Leb' wohl, Charley! Mit mir ist es aus!« konnte ich eben noch hauchen.

Ich merkte, daß das Ende gekommen war und daß ich im nächsten Augenblick die Hände hochwerfen und sinken würde.

Aber Otoo lachte mich an und sagte:

»Jetzt will ich dir etwas Neues zeigen. Ich will den Hai tüchtig anführen.«

Er tauchte hinter mir, während sich der Hai zu einem neuen Angriff auf mich vorbereitete.

»Etwas mehr links!« rief er gleich darauf. »Da ist eine Leine. Links, Herr – links!«

Ich wechselte die Richtung und streckte blindlings die Hand aus. Ich war kaum noch bei Besinnung. Als ich die Leine faßte, hörte ich an Bord einen Ausruf. Ich drehte mich um. Von Otoo war keine Spur zu sehen. Im nächsten Augenblick kam er an die Oberfläche. Beide Hände waren an den Gelenken abgebissen, und das Blut spritzte aus den Stümpfen. »Otoo!« rief er sanft. Und ich konnte in seinem Blick die Liebe sehen, die in seiner Stimme zitterte. Jetzt, erst jetzt, am Ende all der Jahre, die wir zusammen verlebt hatten, nannte er mich bei diesem Namen.

»Leb' wohl, Otoo!« rief er.

Dann wurde er unter Wasser gezogen, und mich heißten sie an Bord, wo ich in den Armen des Kapitäns ohnmächtig wurde.

Und so starb Otoo, der mir das Leben gerettet und mich zu einem Manne gemacht hatte und mir nun zum Schluß wieder das Leben rettete. – Ein Orkan bat uns zusammengeführt, ein Hai trennte uns, und dazwischen lagen siebzehn Jahre einer Kameradschaft, von der ich sagen darf, daß sie nie ihresgleichen zwischen zwei Menschen gefunden hat, von denen der eine braun und der andre weiß war. Wenn Gott von seiner hohen Warte aus auf jeden Sperling achtet, der vom Dache fällt, so wird Otoo, der einzige Heide von Bora Bora, nicht der Geringste in seinem Reiche sein.

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