Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Sturmzeichen

: Sturmzeichen - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/skowronn/sturmzei/sturmzei.xml
typefiction
authorRichard Skowronnek
titleSturmzeichen
publisherUllstein & Co.
year1914
firstpub1914
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#24206
created20080819
Schließen

Navigation:

8.

Die Wochen vergingen in scharfem Dienstbetriebe, der Oberstleutnant Harbrecht hielt sein Regiment in Atem. Ob die politische Spannung schärfer wurde oder schwächer, kümmerte ihn blutwenig. Er tat seinen Dienst an der Grenze, wie ein Soldat, der mit offenen Augen auf verantwortungsvollem Posten stand.

Die Aufgabe, die er mit dem Kommandeur des in Ordensburg liegenden Infanterieregiments zu erfüllen hatte, war einfach, aber anstrengend. Nachts paßten die Grenadiere an den von Osten kommenden Einfallstraßen, am Tage die Dragoner. Und dahinter hielten die beiden Regimenter in einer Art von Bereitschaftsstellung. Felddienst und Exerzieren gingen ihren Gang wie sonst, nur man war dabei fortwährend auf der Lauer. Um sich dem Stoß, wenn er endlich von drüben kam, rechtzeitig entgegenzuwerfen, ihn mit Einsetzen des letzten Mannes so lange aufzuhalten, bis weiter rückwärts der Aufmarsch vollzogen war. Dieses dauernde Warten aber auf ein Ereignis, das jede Stunde kommen konnte oder vielleicht auch ganz ausbleiben, machte mürbe, kostete Nerven. Und noch etwas anderes kam hinzu, was dem Oberstleutnant Harbrecht Sorgen, Aerger und schlaflose Nächte bereitete, eine ekle Spionengeschichte.

Von der Division war ihm mitgeteilt worden, die große Berliner Zentrale für diesen wohl notwendigen, aber wenig dekorativen Dienst hätte bestimmte Gründe für die Annahme, daß im Ordensburger Kreise eine Persönlichkeit dem feindlichen Informationsbureau Nachrichten lieferte, die im Ernstfalle für die deutsche Armee geradezu verhängnisvolle Folgen haben müßten. Der schimpfliche Verräter verfügte über Kenntnisse, die auf eine genaue Vertrautheit mit den diesseitigen Mobilmachungsplänen und der Lage der Sperrforts schließen ließen, und er, der Oberstleutnant Harbrecht, wurde aufgefordert, sich dazu zu äußern. Ob ihm dienstlich oder außerdienstlich etwas aufgefallen wäre, was den Verdacht auf eine bestimmte Persönlichkeit lenken könnte. Da ging er in Sorge und Aufregung umher, bis ihm eine Art von Erleuchtung kam.

In der Waldschenke, in der Nähe der Schießstände in der großen Beldahner Forst, hauste der Wirt Burdeyko, von dem er wußte, daß er alle paar Monate einmal eine geheimnisvolle Fahrt über die Grenze unternahm. Es wäre ja nicht das erste Mal gewesen, daß solche Kerle zweispännig fuhren, heute für diese Seite ihr dunkles Handwerk trieben, morgen für die andere ... Und es gab einen im Regiment, der diesen Burdeyko ein wenig genauer kannte, weil er schon seit Wochen bei ihm russischen Sprachunterricht nahm, den Rittmeister von Foucar!

Er schickte eine Ordonnanz ins Revier der fünften Schwadron und ließ ihn bitten, für ein paar Minuten ins Regimentsbureau zu kommen. Aber auch diese Unterredung brachte nicht die erwünschte Klarheit. Herr von Foucar konnte nichts anführen, was den Verdacht des Kommandeurs bestätigt hätte. Im Gegenteil, er hielt den Wirt Burdeyko für einen durch und durch patriotisch gesinnten Mann, der seinen gefährlichen Beruf gegen verhältnismäßig geringe Entlohnung ausübte. Aus einer Art von Passion, aber er hätte erst unlängst einmal geäußert, er gedächte demnächst Schluß zu machen. Einmal erwischte man ihn doch da drüben, und er hätte keine Lust, sein Leben in den Bleibergwerken Sibiriens zu beschließen.

Da sagte der Oberstleutnant ärgerlich:

»Na schön, dann sollen die Herrschaften aus Berlin so einen Sherlock Holmes herschicken, vielleicht kriegt der es 'raus! Mir sind solche Geschäfte ekelhaft. Aber Sie, lieber Rittmeister, – gut, daß ich Sie einmal unter vier Augen habe! Sie gefallen mir ganz und gar nicht. Sie muten sich zu viel zu.«

»Verbindlichsten Dank, Herr Oberstleutnant, aber ich befinde mich ausgezeichnet.«

»Nee, mein Lieber, so kommen Sie mir nicht weg! Ihr Diensteifer in Ehren! Sie haben das Kunststück fertig gebracht, aus einer Schwadron, die – na sagen wir mal – zu wünschen übrig ließ, in kurzen Wochen eine Truppe zu machen, die sich sehen lassen kann. Das soll Ihnen nicht vergessen und dick angekreidet werden. Aber nun können Sie sich auf diesen Lorbeeren auch ein bißchen verpusten. Wir haben ja so schon Dienst zum Ueberlaufen, da ist es – weiß Gott – nicht nötig, daß Sie sich noch 'ne Extraportion einschwenken. Russische und polnische Sprachstudien, ausgedehnte Ritte ins Gelände – es ist ja manchmal verblüffend, wie gut Sie Bescheid wissen in unserem verzwickten Terrain mit den vielen Einschnitten und Gewässern – und neulich wurde mir erzählt, wenn man spätnachts an Ihrem Häuschen vorbeikäme, da draußen vor dem Tore, könnte man Sie egalweg am Schreibtisch sitzen sehen vor Ihrer Studierlampe.«

»Nochmals heißen Dank, Herr Oberstleutnant, aber ich fühle mich bei dieser angestrengten Tätigkeit sehr wohl! Nur von jetzt an werde ich abends meine Fensterläden schließen.«

»Na, wie Sie wollen! Aber einen Rat möchte ich Ihnen noch geben, ganz freundschaftlich. Aller Welt fällt es auf, wie Sie sich in diesen Wochen verändert haben. Sogar meiner Frau fällt es auf, wie spitz Sie im Gesicht geworden sind. Gestern erst stellte sie mich darauf. Und gab mir zugleich als sorgsame Regimentsmutter ein kleines Avis: Sie halten sich zu sehr von dem gesellschaftlichen Verkehr fern in unseren Familien. Vorige Woche gab unser Etatsmäßiger ein Gartenfestchen – Sie glänzten durch Abwesenheit! Herr und Frau von Lüttritz feierten ihren zehnjährigen Ehekontrakt, die ganze Gentry aus Stadt und Umgegend war da, bloß Sie nicht! Und ähnliche Klagen sind mir von unseren Herren zu Ohren gekommen. Mittags essen Sie schweigsam im Kasino Ihr kärgliches Menü und fertig, Mahlzeit! Abends sind Sie nie zu sehen. Auch nicht in den bürgerlichen Exkneipen, wo unsere Herren sich mit denen von der Infanterie treffen und etlichen aus dem Zivil. Das wird Ihnen verdacht, als Hochmut ausgelegt. Und gerade auf Sie hatte man nach Ihrem Aussehen und ersten Auftreten hier besondere Hoffnungen gesetzt in gesellschaftlicher Beziehung! Also – wenn sich's machen läßt – nehmen Sie sich die freundschaftliche Aussprache eben zu Herzen! Guten Morgen, lieber Herr von Foucar.«

»Empfehle mich gehorsamst, Herr Oberstleutnant.«

Einen Augenblick hatte Gaston gezögert, ehe er mit einer Verneigung das Regimentsbureau verließ, um in sein Schwadronsrevier zu der unterbrochenen Besichtigung der Pferde zurückzukehren. Das Wort, das dem so wohlwollenden Vorgesetzten für sein Verhalten die Erklärung gegeben hätte, hatte ihm schon auf den Lippen gelegen: »Herr Oberstleutnant, ich habe innerlich mit etwas fertig zu werden, was mich arg bedrückt. Eine Angelegenheit, über die ich aus naheliegenden Gründen nicht sprechen kann. Hoffentlich kriege ich sie unter, und dann will ich den mir so gütig gegebenen Ratschlag gerne befolgen.« Die Scheu, sein Allerinnerstes selbst vor noch so teilnehmendem Auge zu entblößen, band ihm die Zunge.

Als er nach dem Mittagessen in das kleine Häuschen vor dem Tore kam, das er sich so recht behaglich eingerichtet hatte, ging er geradenwegs in das Schlafzimmer und musterte sein Gesicht aufmerksam in dem großen Spiegel. Aehnlich wie vor jenen langen Wochen in Berlin. Nur diesmal blickte ihm ein anderer entgegen. Ein hohläugiger Kerl mit hagerem Gesicht, aus dem eine spitze Nase sprang, zwei tiefe Falten rechts und links. Kein Wunder, denn der Kerl war krank. Zwei Geier fraßen zugleich an seiner Leber, die Reue und die Sehnsucht. Da »bearbeitete« er sich nach dem Wort, das er von dem dicken Freiherrn von Lindemann gehört hatte. Aber das Mittel half nicht immer. Zuweilen fiel ihn die Sehnsucht nach dem lieben blonden Mädel an wie ein körperlicher Schmerz ... Dann sah er sie vor sich, die Annemarie von Gorski, wie sie ihm im Coupé gegenübersaß auf der viel zu kurzen Fahrt damals, oder wie sie mit den schmalen Füßen durch die spritzenden Regentropfen schritt, ohne sich umzublicken. Kaum eine Stunde brauchte er zu reiten, und er konnte sie wiedersehen, aber vor diesem Wege türmte sich ein grobes Hindernis. Das Wort, das er einer anderen verpfändet, und von dem diese ihn noch immer nicht gelöst hatte.

Jedesmal, wenn er nach Hause kam, schlug ihm das Herz, heute endlich mußte doch die Antwort da sein! Aber der Platz auf dem Schreibtische war leer. Nur zuweilen, alle Woche einmal, lag ein Brief da mit zweisprachiger Adresse, russisch und deutsch, und dem Poststempel Warschau. Wenn er ihn aufschnitt, fielen Papierschnitzel heraus, Stücke einer polnischen Zeitung. Er versuchte, sie zusammenzusetzen, aber sie ergaben keinen Sinn. Auch sein Lehrer Burdeyko vermochte sie nicht zu erklären. Da warf er die rätselhaften Briefe ungelesen in den Papierkorb. Nur ein unheimliches Gefühl beschlich ihn jedesmal dabei.

Als zwei Wochen vergangen waren, ohne daß er von Josepha eine Antwort hatte, wandte er sich an ein Berliner Detektivbureau, dessen Adresse er in einer Zeitungsannonce gelesen hatte. Ersuchte mit der Bitte, die Spesen durch Nachnahme zu erheben, um Auskunft, ob Frau Rheinthaler, Kolonie Grunewald bei Berlin, Prinz-Handjery-Straße, verreist wäre. Nach drei Tagen kam die Antwort unter gleichzeitiger Nachnahme von dreißig Mark: »Angefragte lebt höchst zurückgezogen in ihrer Villa, ganz der Trauer um ihren, in der Blüte der Jahre verstorbenen Gemahl hingegeben. Verschiedene Anzeichen lassen darauf schließen, daß sie in nächster Zeit eine längere Reise anzutreten gedenkt, vermutlich ins Ausland.«

Da schrieb er einen neuen Brief in zwei Ausfertigungen. Einen an Josepha, den zweiten an diese unheimliche alte Hexe, die ihm den Bericht über die Ereignisse am Tage seiner Abreise geschickt hatte. Und diesmal wurde er deutlicher in seinem gerechten Zorn, schrieb sich alles herunter, was er auf der Seele hatte. Auf dem Papier sah es schroffer aus, als er es sich zurechtgelegt hatte, aber er mochte nichts ändern. Er schloß damit, daß er sein Wort unter falscher Voraussetzung abgegeben hätte. Einer geschiedenen Frau hätte er es wohl halten können, aber niemals einer, die schon vorher nicht die Anforderungen erfüllte, die ein anständiger Mann an seine zukünftige Gattin zu stellen berechtigt wäre. Und an einer flüchtigen Sinnesregung ließ er sich nicht festhalten. Er wollte endlich wieder reinen Tisch haben in seinem Leben, innerlich und äußerlich.

Die beiden Briefe trug er persönlich zur Post, ließ sie »eingeschrieben« an ihre Adressen befördern. Die Tage vergingen, es kam keine Antwort. Nur ein merkwürdiger Kerl stellte sich ein in der Nähe seiner kleinen Villa, der ihn anscheinend beobachtete. Ein Kerl mit einem konfiszierten Galgengesicht, der ihm auf die Dauer unheimlich wurde.

Drüben, auf der anderen Seite der Straße, war freies Feld. Da hatte der Mann ein Stück von der Größe eines mäßigen Gartens gekauft, grub den Acker um und ließ von einigen Arbeitern ein kleines Häuschen aufführen. Jedesmal, wenn Gaston ausritt oder heimkehrte, fühlte er, daß der Mann ihm forschend nachsah. Auch mit seinem Burschen hatte er sich bekannt gemacht, stand zuweilen plaudernd am Gartenzaun. Nach näherer Erkundigung aber stellte sich heraus, der unheimliche Fremde wäre ein pensionierter Kanzleibeamter aus Königsberg, der sich hier einen Ruhesitz einrichtete, auf dem er als bescheidener Rentner zu leben gedächte. Die vermeintliche Beobachtung war nichts weiter als spießbürgerliche Neugierde.

Da fing Gaston an, allmählich ruhiger zu werden, und zugleich stellte sich ihm eine Erklärung ein, daß er auf seine beiden Briefe keine Antwort erhalten hatte. Den zweiten hätte er sich eigentlich sparen können, der erste war ja schon deutlich genug gewesen. So deutlich, daß eine Frau wie Josepha darauf nichts mehr zu erwidern brauchte. Und er zerfleischte sich mit bitteren Selbstvorwürfen, er hätte die notwendige Befreiung vielleicht mit zarteren Mitteln durchsetzen können. Die Aermste konnte doch nichts dafür, daß sie aus einem Gefühl unerklärlicher Sympathie ihre Hoffnung auf einen setzte, der sie bitterlich enttäuscht und – weshalb, war gleichgültig – die beschworene Treue brach ...

Am eigenen Leibe verspürte er's jetzt, wie es einem zumute war, der sich in hoffnungsloser Sehnsucht verzehrte. Wie eine Krankheit war das, die den Befallenen ganz schwach und elend machte. Stundenlang ging man herum wie ein Gesunder, dann kam plötzlich das bittere Weh über einen, daß man hätte aufschreien mögen vor Schmerzen und Bangen und Qual.

Einmal vor ein paar Tagen hatte er das Fräulein von Gorski wiedergesehen. Sie hielt in einem Selbstfahrer mit einem schnittigen Trakehner Halbblut auf dem Marktplatz, sprach eifrig mit ihrer Freundin Lüttritz, der Gattin des Rittmeisters der zweiten Schwadron. Er grüßte respektvoll, sie dankte kurz, blickte kaum nach ihm hin. Wenn sie nicht gar so kühl zurückgegrüßt hätte, wäre er an den Wagen getreten, hätte sich entschuldigt, daß er wegen vielen Dienstes leider noch immer nicht dazu gekommen wäre, in Kalinzinnen seinen pflichtschuldigen Besuch abzustatten. So ging er weiter und schalt sich einen Narren, weil er sich im innersten Winkel seiner Seele immer noch mit törichten Hoffnungen und Wünschen getragen hatte. Die Einladung damals auf der Reise war nichts weiter als eine belanglose Liebenswürdigkeit gewesen, stammte aus irgend einer gehobenen Stimmung, die vielleicht mit der Heimkehr nach langer Abwesenheit zusammenhing oder mit der glücklichen Genesung ihres Vaters. Da hätte sie jeden anderen an seiner Stelle wohl ebenso eingeladen. Und das vermeintlich absichtliche Vergessen der kostbaren Zigarettentasche? Wenn es wirklich Absicht war, war es die Laune einer verwöhnten jungen Dame, die sich in kindischem Trotz gegen den Vater auflehnte einen Augenblick lang ...

Ein paar Stunden später war die ganze Angelegenheit wieder vergessen. Und von seinem russischen Lehrer, der ihm nach beendigter Lektion bei einer Zigarette zuweilen Neuigkeiten aus dem Kreise erzählte, erfuhr er, die Verlobung im Herrenhause von Kalinzinnen stände kurz bevor. In der letzten Augustwoche würde Fräulein von Gorski einundzwanzig Jahre alt, und dann würde die Verlobung mit dem Besitzer des Nachbargutes Orlowen veröffentlicht. Schon jetzt träfe man die Vorbereitungen zu dem Fest.

An dem Abend litt es ihn nicht in der Einsamkeit seines kleinen Häuschens, er mußte sich irgendwie Gewißheit schaffen.

Er machte sich auf und ging ins Kasino. Es waren zehn oder zwölf Herren da im Spielzimmer, aber er stieß auf frostigen Empfang. Alle gingen sie nach kurzer Zeit fort, weil sie heim wollten nach anstrengendem Dienst oder irgendeine Verabredung hatten. Nur sein »Schwadronskücken« blieb bei ihm sitzen, der jüngere Leutnant von Gorski. Er lud ihn auf eine Flasche Mosel ein, der Kleine akzeptierte dankend, saß aber dann verfroren auf seinem Stuhl und blinzelte den Schwadronschef von Zeit zu Zeit verwundert an, als wenn er fragen wollte, weshalb er gerade zu dieser plötzlich über sein ahnungsloses Haupt sich ergießenden Ehrung käme. Zudem war der Mosel sauer wie Essig. Eine jener Sorten, denen, seiner Ansicht nach, vornehmlich die Zunahme der Temperenzlerbewegung zu verdanken war.

Erst allmählich wurde der kleine Gorski wärmer, als sein Rittmeister ihm bei der zweiten Hälfte der Flasche die unerwartete Eröffnung machte, ihm wäre es leider nicht gegeben, mit leichtem Sinn Anschluß zu finden. Dazu brauchte er immer erst eine gewisse Zeit, aber von jetzt an würde er sich öfter zum abendlichen Schoppen im Kasino einfinden. Darauf erklärte Karl von Gorski, die Ausführung dieser liebenswürdigen Absicht würde im Kreise der Kameraden allseitige Freude erregen. Als jedoch danach das Gespräch wieder ins Stocken geriet, begann er, seinem Vorgesetzten die neuesten jüdischen Witze zu erzählen. Aber es war ein undankbares Beginnen. Bei Pointen, die jedem an der polnischen Grenze Aufgewachsenen das Zwerchfell erschütterten, verzog der kaum den Mund. Da beschloß er, auf einen baldigen Rückzug zu sinnen, gleich den übrigen, die sich vor dem steifleinenen Gesellen da rechtzeitig gedrückt hatten, in der gemütlichen kleinen Kneipe am Gerichtsplatze saßen und würziges Bier tranken statt sauren Mosels.

Unbegreiflich erschien es jetzt auch ihm, wie er an diesem zugeknöpften und hochmütigen Generalstäbler in den ersten Tagen hatte Gefallen finden können. Die andern hatten schon recht, dem waren die paar Jahre hier nichts als eine belanglose Durchgangsstation. Sie aber waren mit dem Regiment schon seit Generationen verwachsen. Alles, was an ›Cadets‹ heranwuchs auf den Gütern um Ordensburg, diente bei den Dragonern. Plötzlich aber hob der Kleine den Kopf mit den lächerlich großen Ohren. Und mit einem Male fing es ihm an zu dämmern, weshalb der da drüben seine Gesellschaft gesucht hatte.

»Was ich schon immer fragen wollte,« sagte der Rittmeister, »wie geht es eigentlich Ihrem Herrn Onkel in Kalinzinnen? Ich fuhr am Tage meiner Ankunft mit ihm in der Bahn zusammen, und wenn ich mich recht entsinne, war damals von einer Operation die Rede, die er glücklich überstanden hatte. Der alte Herr, glaube ich, war mit dem Pferde gestürzt?«

»Ganz recht,« versetzte Karl von Gorski, »aber es geht ihm ausgezeichnet. Im Herbst hofft er schon wieder unsere Jagden mitreiten zu können.«

»Freut mich sehr! Ihr spezielles Wohlsein, lieber Herr von Gorski.«

»Löffle mich gehorsamst, Herr Rittmeister.« Der Kleine leerte tapfer sein Glas, hüllte sich danach aber in Schweigen. Der andere konnte ja anfangen, wenn er mehr aus Kalinzinnen zu erfahren wünschte.

»Ich finde, dieser Mosel schmeckt ein wenig säuerlich,« sagte Herr von Foucar nach einer Pause. Und er erwiderte:

»Mit allem schuldigen Dank für die gütige Einladung, aber ich bin der Ansicht, man müßte den Kasinovorstand wegen Vorspiegelung falscher Tatsachen belangen, weil er dieses Getränk mit ›Josephshöfer‹ bezeichnet. Vielleicht aber hat bloß eine Verwechslung stattgefunden. Wir haben nämlich auch ein Faß Essig im Keller liegen, da machen wir wahrscheinlich mit Mosel den Salat an, während diese Flüssigkeit hier sich sehr viel besser eignen würde zur Vermischung mit Oel und Mostrich.«

Gaston lachte auf.

»Weshalb haben Sie das nicht gleich gesagt? Wollen wir ein Glas Sekt trinken?«

Karl von Gorski klappte die Hacken zusammen.

»Mein angeborenes Disziplingefühl gestattet mir nicht, eine solche Anfrage aus dem Munde eines Vorgesetzten zu verneinen. Und da ich persönlich zudem auf dem Standpunkte stehe, der Sekt müßte das Nationalgetränk des preußischen Leutnants werden, namentlich, wenn er eingeladen wird ...« Und er beschloß in seinem milder gestimmten Herzen, sich zu revanchieren. Dem anderen da die Frage zu ersparen, zu der er sich anscheinend nur schwer entschließen konnte.

Die Ordonnanz hatte den Eiskühler mit der silberbehalsten Flasche gebracht, der Kleine schenkte nach eingeholter Erlaubnis die Gläser voll.

»Uebrigens meine Cousine Annemarie hat sich riesig gefreut, als sie ihre verloren geglaubte Zigarettentasche wiederbekam.«

Der Rittmeister rückte näher: »Wirklich?«

»Kolossal hat sie sich gefreut. Nur sie hat sich – aber ich bitte um die Erlaubnis, ganz offen sein zu dürfen ...«

»Aber selbstverständlich ...«

»Also, sie hat sich erheblich gewundert, daß Herr Rittmeister das Fundstück nicht persönlich überbrachten. Namentlich, da sie sich doch das Vergnügen gemacht hatte, Herrn Rittmeister aufzufordern, in Kalinzinnen recht bald Besuch zu machen.«

Gaston fühlte, wie ihm das Blut in die Wangen stieg. Zu dumm war das! Und er nahm sich gewaltsam zusammen.

»Es tut mir selbst am meisten leid, daß ich dieser freundlichen Einladung wegen zu vielen Dienstes nicht folgen konnte. Und jetzt möchte ich meinen Besuch in Kalinzinnen verschieben, bis das Fest vorüber ist. Es wäre mir doch peinlich. Das würde aussehen, als wollte ich dazu eingeladen sein.«

Karl von Gorski blickte auf. Er hatte wohl bemerkt, daß sein Vorgesetzter plötzlich Farbe in die Wangen gekriegt hatte, aber noch tappte er im dunkeln, konnte sich keinen rechten Vers auf die ganze Geschichte machen.

»Welches Fest meinen Herr Rittmeister?«

»Nun, die ... die Verlobung von Fräulein Annemarie. Erst heute hörte ich zufällig, sie würde sich demnächst öffentlich verloben. Mit dem Herrn von Brinckenwurff, den ich am ersten Abend hier kennen lernte, als ich ankam.«

Der Kleine schwieg darauf, und Gaston mußte weitersprechen. Er fühlte deutlich, daß der Wein auf ihn zu wirken begann – seit Wochen hatte er keinen mehr getrunken. Zu Mittag ein Glas Wasser und abends bei der Arbeit einen leichten Tee. Er hätte den Kleinen anschreien mögen: ›Gib mir Gewißheit! Du hast sie doch in diesen Tagen öfter gesehen, weißt vielleicht, was sie fühlt und denkt.‹ Statt dessen mußte er höflich weitersprechen: »Eine sehr passende Verbindung, soweit ich's beurteilen kann. Nachbarskinder, die Besitz zu Besitz bringen, und dann ... sie kennen sich von Jugend auf.«

Karl von Gorski nickte. Er wußte Bescheid. Die Worte klangen gleichgültig, nur das Drum und Dran war verräterisch. Wäre ja auch merkwürdig gewesen, wenn der da drüben sich in das schöne Cousinchen nicht verliebt hätte. Alle verliebten sich ja in das herrliche Mädel, die es kennen lernten. Er selbst fühlte bei allem philosophischen Gleichmut einen Stachel im Herzen, wenn er daran dachte, daß sie einen anderen heiraten sollte. Aber er war – Gott sei Dank – immer noch in der Lage, sich mit einem guten Witz darüber hinwegzusetzen. Jetzt hatte es den da auch gefaßt, ganz wie er's vorausgesagt hatte. Nur es war zu spät, er hatte seinen günstigen Augenblick verpaßt. In vierzehn Tagen gab es in Kalinzinnen Verlobung. Und er sann darüber, wie er's ihm am schonendsten beibringen sollte, daß da nichts mehr zu hoffen war.

»Ja, Herr Rittmeister,« begann er tiefsinnig, »zu dieser Verlobung wäre manches zu bemerken. Wie zum Beispiel zu der Preußischen Klassenlotterie ... Nicht immer gewinnt der Würdigste das Große Los. Manchmal fällt es an einen Kommerzienrat, der sich nicht sonderlich viel daraus macht. Und die anderen stehen 'rum, beneiden ihn – wie der ergebenst Unterfertigte. Einer kann es ja nur gewinnen, aber weshalb muß es immer der andere sein? Das frißt einem am Herzen, namentlich wenn man sich schmeicheln darf, ein außergewöhnlich begabter junger Mann zu sein ...

Sehen der Herr Rittmeister mich mal an! Haben Sie eben bemerkt, wie brillant ich mit den Ohren wackeln kann? Zwei Zentimeter Ausschlag nach oben und nach unten. Im Panoptikum könnte ich damit auftreten unter riesigem Zulauf, wäre auch in der Lage, das Publikum in den Pausen zu unterhalten! Durch Humor ... Auf diese glänzenden Eigenschaften legt mein Cousinchen keinen Wert. Als ich sie unlängst fragte: ›Annemieze, na wie wär's? Wenn Du mich nehmen wolltest, würdest Du aus dem Lachen nicht 'rauskommen,‹ zuckte sie mit den Achseln: ›Mein Jungchen, Du hast Deine Chance verpaßt. Mir ist nicht mehr lächerlich zumute – in vierzehn Tagen ist Verlobung und in sechs Wochen Hochzeit. Die Kochfrau ist schon bestellt aus Königsberg, denn es soll natürlich 'was Feines zu essen geben.‹ Da tröstete ich mich ein bißchen, weil ich nämlich eminent feinschmeckerisch veranlagt bin ...«

Er hob sein Glas: »Gestatte mir gehorsamst zum Wohle, Herr Rittmeister!«

Gaston trank schweigend. Er wußte genug. Und der andere da drüben hatte anscheinend nicht das geringste gemerkt. Daß er nur deshalb mit ihm hier zusammensaß, um ihn auszuhorchen. Und jetzt hätte er mit der empfangenen Auskunft wieder heimgehen können, aber ihm graute vor dem Alleinsein mit den Gedanken, die aus allen dunklen Ecken gekrochen kamen in seinem stillen Häuschen da draußen ...

Die Flasche war leer, er griff nach dem Klingelzuge, der von der Lampe herabhing: »Ordonnanz, noch so eine ... Das heißt, wenn Sie freundlichst gestatten, Herr von Gorski?«

Der Kleine klappte die Hacken zusammen, verneigte sich lächelnd. Er selbst vertrug einen Stalleimer voll Sekt, brauchte am anderen Morgen den Kopf nur fünf Minuten unter die kalte Brause zu stecken, um vollkommen frisch zu sein. Sein Schwadronschef aber hatte schon die »Fahne« aufgezogen, glühte im Gesicht wie ein Fieberkranker. Da gelang es vielleicht, ihm listig noch allerhand abzufragen, was ihn selbst – nicht bloß aus Neugierde – interessierte.

Vor jenen Wochen, gleich nach der Rückkehr aus Königsberg, war sein Cousinchen arg verstimmt gewesen. Schon damals glaubte er zu wissen, weshalb, und heute war er seiner Sache sicherer denn je. Nur ein Rätsel gab es noch zu lösen: warum hatte der dumme Kerl da sich am Tage nach der gemeinschaftlichen Reise nicht auf seinen Gaul geschwungen, war nach Kalinzinnen geritten? Da wäre manches vielleicht anders gekommen. Und – ein gewisses Positionsgefühl sagte ihm das wie beim Schachspiel – die Lösung war vielleicht in jener Zeitungsnachricht zu suchen, über die sie damals auf dem Heimwege vom Kasino gesprochen hatten.

Die Ordonnanz hatte sich nach dem Einschenken wieder zurückgezogen, Gaston hob sein Glas: »Na prosit, Herr von Gorski! Es ist nett von Ihnen, daß Sie mir Gesellschaft leisten. Die anderen Herren werden über meine Absentierung vielleicht auch milder urteilen in einigen Tagen. Ich hatte mir selbst eine Aufgabe gestellt, die mich außerordentlich beschäftigte. Sie werden natürlich nicht darüber sprechen.«

»Selbstverständlich nicht, Herr Rittmeister.«

»Nun denn: es ist eine Möglichkeit vorhanden, die Herrschaften von drüben, wenn sie uns ohne Ankündigung überfallen, in eine große Mausefalle reiten zu lassen. Die Vorbereitungen dazu sind verhältnismäßig einfach und, wenn ich dem Kommandeur Vortrag gehalten habe, werden die Herren Kameraden mir hoffentlich Absolution erteilen. Die Arbeit hat mich in der letzten Zeit ganz und gar in Anspruch genommen.«

»Vielleicht auch noch etwas anderes,« dachte der Kleine, laut aber sagte er: »Diese Mitteilung wird alle Mißverständnisse natürlich mit einem Schlage beseitigen! Aber da auch ich keine Gelegenheit hatte, mit Herrn Rittmeister außerdienstlich zusammenzukommen: wie hat sich eigentlich der Fall des Oberleutnants Wodersen aufgeklärt, von dem wir damals sprachen? In der Zeitung standen allerhand dunkle Andeutungen, er hätte sich infolge eines amerikanischen Duells das Leben genommen. Vor dem Hause der Dame, die gewissermaßen den Einsatz bildete. Haben Herr Rittmeister das nicht gelesen? Ich glaube, die Nummer des obskuren Wochenblättchens, die einer unserer Herren auf dem Bahnhof gekauft hat, muß noch irgendwo zu finden sein.«

Gaston sah sein Gegenüber unsicher an.

»Weshalb kommen Sie auf die Idee, daß ich gerade in diesem traurigen Fall Bescheid weiß?«

»Weil Herr Rittmeister damals sagten, Sie wären mit Herrn von Wodersen noch kurz vor der Katastrophe zusammen gewesen.«

»So ... habe ich das gesagt? Na ja, es ist ja auch die Wahrheit.«

Gaston spürte, daß er sich nicht mehr so in der Hand hatte wie sonst. Nur er fühlte unklar, das war vielleicht die Gelegenheit, die junge Dame in Kalinzinnen wissen zu lassen, daß er sich nicht aus Feigheit zurückgehalten hatte. Zehn solche Kerle wie dieser Herr von Brinckenwurff hätten dastehen können, das wäre ihm herzlich gleichgültig gewesen, wenn er mit reinen Händen gegen sie hätte anreiten können. Er nahm einen hastigen Schluck.

»Wovon sprachen wir doch eben?«

»Davon, daß Herr Rittmeister mit diesem Herrn von Wodersen noch kurz vor der Katastrophe ...«

»Ach so! Was in den Zeitungen steht, ist natürlich Unsinn. Ich habe allen Grund zu der Annahme, er hat sich infolge eines Mißverständnisses totgeschossen. Freilich nicht mit ganz klaren Sinnen. Ich habe früher immer darüber gelacht, daß ein Mann sich so 'was in dieser Weise zu Herzen nehmen könnte – der Fall da hat mich eines Besseren belehrt. Der arme Kerl war mit Haut und Haaren in eine vielumworbene Frau verliebt. Und die machte sich nichts aus ihm. Er aber hoffte immer noch ...

Als er's mir zum ersten Mal erzählte, in einer jener seltenen Stunden, wo man das Visier hochschlägt, lächelte ich darüber. Er sagte: ›Um die Frau schieß ich mich noch einmal tot.‹ Ich aber zuckte mit den Achseln: ›Verstiegene Redensarten!‹ Sonst vielleicht ... na schön, an dem verhängnisvollen Tage traf ich ihn. Er war sehr aufgeregt, erzählte mir, er hätte allen Grund zu der Annahme, daß die schöne Frau sich einem anderen hinzugeben beabsichtigte. Und da unterließ ich es leider, ihn trotz besseren Wissens aufzuklären, trotzdem ich diesen anderen und seine eigentlichen Pläne ziemlich gut kannte. Ich wußte, dieser andere war – nicht ohne eigene Schuld natürlich – in eine Verstrickung geraten, die ihm bei klaren Sinnen eine Fessel war, nur er besaß nicht die Rücksichtslosigkeit, sich sofort davon zu befreien.

Zum allergrößten Teil war es Mitleid, denn die Frau lebte in einer unglücklichen Ehe, klammerte sich an ihn wie an den Heiland. Und jetzt ist er bei dem ganzen traurigen Handel eigentlich am meisten zu bemitleiden. Er hatte das Pech, sich hinterher in eine junge Dame zu verlieben, der er anscheinend auch recht gut gefiel. Aber die alte Schuld band ihm die Zunge ... Und jetzt –«

Gaston fühlte deutlich, daß er Worte wiederholte, die vor einigen Wochen ein anderer gesprochen hatte, aber er konnte sich nicht helfen, er mußte sie aussprechen.

»Jetzt kommt es ihm nicht mehr so lächerlich vor, wenn einer sagt, er will sich aus unglücklicher Liebe totschießen. Der arme Kerl, der Wodersen, hat alles aus dem Kopf. Ihm aber frißt ein Geier an der Leber, daß er manchmal ...« Er brach plötzlich ab, starrte mit weit aufgerissenen Augen in eine der dunklen Zimmerecken.

Der Kleine erschrak heftig, ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Den Zustand kannte er, in dem man allerhand Spuk sah mit wachen Augen. Er hatte ihn einmal durchgemacht, als er mit Urlaub acht Tage in Königsberg verlumpt hatte, um auch so 'was unterzukriegen, was ihn schwer bedrückte. Als er sich daheim aus notwendiger Enthaltsamkeit wieder ausnüchterte, saß in den ersten Nächten immer ein kleines Männchen mit einem runden Kürbiskopfe auf dem Fußende seines Bettes. Der da drüben sah jetzt wohl etwas anderes ... ein blasses Gesicht mit durchschossener Schläfe ... Und aus anderer Ursache. Weil er sich vor Kummer die Nerven zuschanden gearbeitet hatte, die der ungewohnte Alkohol jetzt noch mehr auspeitschte. Da gab es nur ein Mittel: den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben! Den armen Kerl so vollzugießen, daß er bewußtlos wie eine Tümpelkrähe ins Bett fiel, keine Dummheiten mehr anrichten konnte. Und das war eine Aufgabe nach seinem Herzen. Er schenkte den Rest der Flasche in die Gläser.

»Hoch zu verehrendes Wohlsein, Herr Rittmeister! Hat mich außerordentlich interessiert, was Sie da von dem Herrn von Wodersen erzählten – überflüssig, zu versichern, daß ich's für mich behalte! Aber ich meine, er muß wirklich verrückt gewesen sein. Oder er hatte keine Spur von Pflichtgefühl im Leibe. Wer schießt sich denn tot, wenn er vom Vaterlande gebraucht wird? Da kann man sich doch in entscheidender Stunde vielleicht noch ein wenig nützlich machen. Indem man seinem Zuge bei ›Lanzen gefällt, Marsch, Marsch, Hurra!‹ mit Gebrüll voranreitet ...«

»Oder seiner Schwadron,« warf Gaston mit schwerer Zunge ein.

»Ganz recht,« sagte der Kleine, »je nach der Stellung, die man auf der militärischen Stufenleiter einnimmt. Das Totschießen besorgt dann nachher die mit Recht so beliebte feindliche Bleikugel. Aber da der Deutsche schon seit Tacitus' Zeiten einen Lokalwechsel braucht, um immer noch einen zu trinken, möchte ich gehorsamst vorschlagen, wir tun desgleichen. Hier in der Nähe gibt es ein vorzügliches Glas Bier. Und da sitzen noch einige Kameraden, die sich mächtig freuen werden, den Herrn Rittmeister zu begrüßen.«

»Meinen Sie, lieber Gorski?«

»Aber selbstverständlich! Herr Rittmeister hatten sich – wenn mir's gestattet ist, das zu bemerken – ganz vorzüglich bei uns eingeführt im Regiment. Bloß Sie müßten sich öfter sehen lassen.«

»Na, dann vorwärts!«

Im Hinausgehen flüsterte Karl von Gorski der Ordonnanz zu: »Marsch, ins Revier der fünften Schwadron! Der Kutscher vom Krümperwagen soll anspannen, an der kleinen Kneipe vorfahren, gegenüber vom Landgericht!«

Die Ordonnanz nahm schweigend die Hacken zusammen. Solche Aufträge waren nichts Außergewöhnliches. Nach einem Liebesmahl fuhren die meisten der Herren mit dem Krümperwagen nach Hause, um unliebsamen Begegnungen auszuweichen. Und der Rittmeister von der Fünften wohnte ein ganzes Ende weit vor der Stadt ...

Auf der Straße hielt Karl von Gorski sich dicht neben seinem Vorgesetzten, um erforderlichen Falles zur Hand zu sein, wenn dem der Fuß in unsicherem Tritte stocken sollte. Aber die Fürsorge war unnötig, der Rittmeister ging ohne Schwanken die Straße entlang. Da stieg seine Hochachtung gewaltig: der Mann mußte eine fabelhafte Energie besitzen, um sich so zusammenreißen zu können! Und nach einigen Minuten blieb Herr von Foucar plötzlich stehen, sagte mit ganz klarer Stimme: »So, das hat wohlgetan. Aber noch eins, Herr von Gorski ...«

»Herr Rittmeister?«

»Ich bin vorhin ein bißchen zusammengesackt. Ich lege keinen Wert darauf, daß das in weiteren Kreisen bekannt wird. Ich hatte meinen Nerven in den letzten Wochen zu viel zugemutet, und vorher die Zeit im Generalstabe – ja, das war auch alles andere, nur keine Sommerfrische.«

Der Kleine blickte auf.

»Sehr wohl, Herr Rittmeister! Aber die Mahnung zur Diskretion war etwas kränkend, nachdem Sie die Güte gehabt hatten, mir ein wenig Vertrauen zu schenken. Ich mache nicht immer schlechte Witze, ich kann auch manchmal leidlich ernst sein.«

Gaston legte in einer impulsiven Regung seinem Leutnant den Arm um die Schulter, zog ihn näher an sich.

»Weiß ich, kleiner Gorski, weiß ich! Und zuverlässig. Sonst wäre ich wohl nicht so aus mir herausgegangen. Die, denen das sogenannte Herz immer gleich auf der Zunge liegt, haben es leichter.«

Er ließ seinen Arm wieder sinken und fuhr lächelnd fort: »Aber diese neue Freundschaft wird mich natürlich nicht hindern, Sie im Bedarfsfalle unter vier Augen wieder einmal gründlich anzulappen! Falls Sie morgen nämlich, wie neulich, zehn Minuten zu spät zum Dienst kommen sollten.«

»Es wird mir ein Hochgenuß sein,« sagte der Kleine. »Und noch eine Frage: die junge Dame, in die sich ›der andere‹ verliebt hat, von der Herr Rittmeister vorhin sprachen ...?«

»Die ist mit ihm zusammen in der Eisenbahn gefahren, da lernte er sie kennen. Leider zu spät. Für ihn selbst. Ein Skrupelloser hätte sich vielleicht darüber hinweggesetzt, daß er noch an eine andere gebunden war. Ihm ist es nicht gegeben, das einer Frau verpfändete Wort wie eine Seifenblase zu behandeln. Aber das ist ja auch egal ... in vierzehn Tagen verlobt sich die mehrfach genannte junge Dame ...«

Karl von Gorski blickte tiefsinnig vor sich hin.

»Selten ist wohl von einem Weisen ein wahreres Wort gesprochen worden als der Satz: ›Verlobt ist nicht verheiratet.‹ Und von allen Sagen, die ich kenne, erschien mir immer die vom Tannhäuser am vernünftigsten: es kann alles verziehen werden. Namentlich wenn der Tannhäuser gewissermaßen nur aus Versehen in den Venusberg geraten war.«

Gaston atmete tief auf, eine verrückte Hoffnung regte sich ihm im Herzen. Aber das war natürlich Unsinn. Der Kleine da neben ihm hatte eine Flasche Sekt im Leibe. Da sprach er mehr, als er verantworten konnte. Genau wie er selbst. Nur der ungewohnte Trunk hatte ihn doch verleitet, ein sorgfältig gehütetes Geheimnis zu verraten. Dem er's anvertraut hatte, war ein Edelmann, behielt es bei sich. Wenn nicht, war es auch egal. Von morgen fing ein neues Leben an, trinken war besser als arbeiten. Beim Arbeiten saß man allein, beim Trinken in lustiger Gesellschaft. Und man geriet nicht in den Verdacht, daß man sich hochmütig und streberisch von den Kameraden absonderte ...

In der von Tabaksqualm erfüllten kleinen Kneipe gab es nach anfänglichem Stutzen großes Halloh. Der dicke Herr von Schnakenburg, der unverheiratete Major vom Stabe, erhob seine dröhnende Stimme: »Zeichen und Wunder! Der Gerechte verirrt sich unter die Gottlosen? Was verschafft uns denn die Ehre, Herr von Foucar?«

»Die bessere Einsicht, Herr Major,« versetzte Gaston. »Die Einsicht, daß es verdienstvoller ist, zu trinken, als leeres Stroh zu dreschen. Ist es gestattet, meine Herren?«

»Aber mit Vergnügen!«

Major von Schnakenburg, der mit dem Rücken zur Wand saß, tippte seinem Nachbar, dem einzigen Zivilisten in der Tafelrunde, auf die Schulter: »Sie, junger Brinckenwurff, rücken Sie mal 'ne Rotte weiter nach unten. Ich möchte den unerwarteten Rittmeister gern an meiner grünen Seite haben. Vorausgesetzt, daß er noch über den Tisch klettern kann.«

»Wird sofort gemacht!«

Dem Kleinen stand der Atem still, das gab sicherlich ein Unglück. Er nahm eine Art von Bereitschaftsstellung ein, um bei einem Sturze zur Hand zu sein, aber die Befürchtung war grundlos. Herr von Foucar stieg sicher hinüber, nahm auf dem Stuhle Platz, den der lange Brinckenwurff soeben freigemacht hatte. Und ein paar Minuten später hatte er die Führung des Gespräches übernommen an dem runden Tische. Plauderte mit glänzender Laune über alles mögliche, erzählte kleine Anekdoten aus dem internen Betriebe des Generalstabes, bezauberte die ganze Gesellschaft. Der allgemeine Aufbruch fand später als sonst statt. Hermann von Brinckenwurff ging mit den beiden Brüdern Gorski nach dem Bahnhofe zu, im Hotel zum Kronprinzen hatte er sein Fuhrwerk eingestellt.

»Ich kann mir nicht helfen,« sagte er, »der Mensch ist mir unsympathisch mit seinem sprunghaften Wesen. Schließlich ist er doch keine Primadonna im Regiment, die sich den Luxus gestatten darf, Launen zu haben! Wochenlang hat er uns geschnitten, mit einem Male taucht er auf, spielt den Liebenswürdigen und Geistreichen ...«

»Entschuldige,« fragte Karl von Gorski, scheinbar harmlos, »wen meinst Du eigentlich?«

»Na, Euren neuen Rittmeister, diesen Baron von Foucar!«

»So, so! Dazu ließe sich bemerken, geistvolle Leute haben ein gewisses Recht, launenhaft zu sein, denn der Geist läßt sich nicht kommandieren. Etwas anderes ist es mit dem Stumpfsinn. Der ist bei seinem Besitzer immer gleichmäßig vorhanden. Man sagt nur ab und zu einmal ›Prost‹ – was keine besondere Anstrengung kostet – trinkt acht halbe Liter und fährt mit der Befriedigung, sich glänzend unterhalten zu haben, nach Hause.«

Herr von Brinckenwurff begehrte auf.

»Karlchen, wahr' Deine Zunge! Schon neulich hatte ich die Empfindung, Du legst es darauf an, Dich an mir zu scheuern.«

Der Kleine stieß einen komischen Seufzer aus.

»Da wunderst Du Dich darüber? Wo ich in Deine zukünftige Braut so unglücklich als nur irgend möglich verliebt bin? Mich tröstet nur eins: daß Du in Bälde nämlich den geliebten Topp Echtes am Abend entbehren wirst! Samt den Mikoschwitzen Deines Freundes Tonnchen, die Dir so viel Vergnügen machen. Dann mußt Du als ein gebändigter Herkules bei Deiner Omphale sitzen, die Spindel drehen und Heines Buch der Lieder deklamieren. Ich denke es mir wonnig!«

Herr von Brinckenwurff lachte.

»Entschuldige, Karlchen, daß ich Dich einen Augenblick ernst genommen habe. Aber das mit dem Herkules am Spinnrocken ist Phantasie. Oder vielmehr ganz richtig für die ersten paar Wochen. Nachher zieht man langsam die Kandaren an, lebt wieder, wie es einem paßt. Im ersten Jahre mault sie. Im zweiten hat sie so einen kleinen Quarrsack in der Wiege, da begibt sie sich.«

»Sehr richtig! Und – was ich schon immer fragen wollte – gibt's Krebse bei Eurem Verlobungsdiner?«

»Selbstverständlich! Schon seit acht Tagen lasse ich in der ganzen Umgegend sammeln. Kerle wie Hummern – pro Nase gibt es mindestens ein ausgewachsenes Dutzend.«

»Dann komme ich bestimmt. Für Krebse lasse ich mein Leben. Außerdem aber« – seine Stimme klang plötzlich scharf – »interessiert es mich immerhin, zu sehen, wie einer geborenen Gorski die Kandaren angezogen werden. Das überlegst Du Dir vielleicht noch! Na, gute Nacht, Hermann, ich muß jetzt nach rechts ab.«

Er bog in eine Seitenstraße, die zu der dunklen Bahnhofsallee im rechten Winkel stand. Der Lange rief ihm nach: »Manchmal weiß man wirklich nicht, was man von Dir halten soll!«

»Beruhige Dich,« rief er zurück, »manchmal weiß ich's auch nicht.«

Die beiden Brüder Gorski schritten der gemeinschaftlichen Wohnung zu, der ältere sagte mißbilligend: »Du wirst den Hermann Brinckenwurff so lange anulken, bis er Dir eines Tages an den Hals fährt. Diese Anzapfung eben war doch zum mindesten höchst überflüssig!«

»Vielleicht nicht so ganz! Im Gegenteil! Wenn ich so sagen darf, für mich eine Gewissensberuhigung. Neulich sagte ich, ich würde mich als Pythia frisieren. Mit 'nem Dreifuß. Morgen kaufe ich mir eine große Schere, reite nach Kalinzinnen, um – möglicherweise – einen Verlobungsfaden abzuschneiden!«

»Karlchen, Du bist verrückt!«

»Ah nein, mein Jungchen, sondern der einzig Vernünftige in der ganzen Pastete. Zwei Leutchen sind da drin, die aneinander vorbeigehen. Aus Mißverständnis. Die sollen sich aussprechen dürfen. Was sie nachher tun, ist ihre Sache. Das bin ich beiden schuldig. Ihr, weil ich mal blöd in sie verliebt war, dem anderen, weil ich vor einer Stunde ungefähr eine gewaltige Hochachtung vor ihm gekriegt habe. Fast schon Zuneigung. Und nicht zuletzt handle ich aus Familiengefühl. Es war schon einmal so ein Skandal in der Familie Gorski, vor jenen zwanzig oder mehr Jahren. Ich kenne ihn aus mangelnder Anciennität nur vom Hörensagen, aber ich kann ihn mir nachträglich vorstellen. Hinterher wird geschossen, die Leidtragende ist das arme Wurm von Frau, das sich ein paar Jahre zu früh verheiratet hat. Ehe sie den kennen lernte, der vielleicht besser zu ihr gepaßt hätte. Der nachher Hausfreund wird, weil der Herr Gemahl seine Zerstreuung in der Kneipe sucht.«

»Und Hermann von Brinckenwurff? Der uns doch als Jugendfreund nahesteht?«

Der Kleine hob die Achseln.

»Der andere steht mir näher, seit einer Stunde. Einer mit Irrtümern und Fehlern vielleicht, aber ein Edelmann! Ich habe beschlossen, mir höhere Stiefelabsätze zuzulegen, weil er mich seiner Freundschaft würdigte. Um schon äußerlich diese neue Würde zu dokumentieren. Ich werde auch neue Visitenkarten drucken lassen, wie jener, dadurch berühmt gewordene Herr Müller: › Ami de Beethoven!‹ Das gibt immerhin ein gewisses Relief.«

»Karlchen, ich glaube, Du bist betrunken!«

»Möglich, Herr Majoratserbe, möglich. Aber was beweist das? Ich bin immer der Meinung, die genialsten Einfälle sind im Rausch zustande gekommen. Im Rausch, wo man mit beschwingter Phantasie aufs Ganze geht, statt sich an allerhand Kleinkram zu stoßen. Und jetzt lese ich auf Deinen Lippen das Wort ›Philosoph‹. Da irrst Du Dich. Ich bin wirklich nur betrunken. Und morgen nachmittag reite ich nach Kalinzinnen, erzähl' der Annemieze, daß sie sich fälschlicherweise geärgert hat wegen einer ausgeschlagenen Einladung. Dann kann sie hinterher immer noch tun, wozu sie Lust hat. Den einen nehmen oder den anderen.«

»Karlchen, misch Dich nicht in Dinge, die Dich nichts angehen! Neulich gabst Du mir doch selbst den Rat, den Daumen nicht in eine Türangel zu stecken!«

»Das war neulich! Inzwischen aber bin ich zu der Erkenntnis gekommen, daß es unmöglich das Ideal einer Ehe sein kann, wenn der Gatte allabendlich in die Stadt fährt, um dickes Bier zu trinken. Stumpfsinnig dasitzt, bis der Leutnant Uhlenburg einen Witz erzählt, und dann sagt: ›Na prost! Sollst leben, Tonnchen!‹ Dazu ist mir unser Cousinchen zu schade!«

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.