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Sturmzeichen

: Sturmzeichen - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/skowronn/sturmzei/sturmzei.xml
typefiction
authorRichard Skowronnek
titleSturmzeichen
publisherUllstein & Co.
year1914
firstpub1914
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#24206
created20080819
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7.

Die fünfte Eskadron des Dragonerregiments Graf Schmettau stand in Linie zu vier Zügen auf dem großen Ordensburger Exerzierplatze, der sich zwischen der Eisenbahn und dem Walde der Domäne Mrosen dehnte. Die Gäule schlugen mit den Schwänzen und schlackerten die Köpfe der vielen Fliegen wegen, die Mannschaft saß stumpfsinnig dösend da in den Sätteln. Es gab einen neuen Schwadronschef, von dem ein unbestimmtes Gerücht ging in den Mannschaftsstuben, er wäre ein besonders scharfer. Aber nur die im ersten und zweiten Jahrgang verspürten ein leichtes Bangen in der Brust, die »alten Leute« blickten ziemlich gleichgültig drein. Ihnen konnte nicht mehr viel passieren in den paar Wochen, bis Reserve Ruhe hatte. Wenn's aber Krieg gab, pumpte man ganz von selbst das letzte aus den Knochen. Dazu brauchte man nicht erst »getrietzt« zu werden, um der Gesellschaft da drüben zu zeigen, was 'ne ostpreußische Dragonerfaust war.

Die Offiziere hielten in einem Pulk vor der Front und tauschten halblaut ihre Meinungen. Sie erörterten die auffällige Tatsache, daß ein Generalstäbler sechs Wochen ungefähr vor der reglementsmäßigen Zeit seine Schwadron gekriegt hatte. Daraus konnte man zweierlei Schlüsse ziehen. Entweder hatte man ihn in Berlin vorzeitig »als unbrauchbar abgegeben«, oder er war eines von den ganz großen Kirchenlichtern, die eine außergewöhnliche Karriere machten.

»Das letzte, meine Herren, das letzte,« sagte Karl von Gorski, der jüngere der beiden Brüder. Er hatte sich am frühen Morgen zu dem feierlichen Anlaß des Kommandowechsels wieder gesund gemeldet, trotzdem das verstauchte Handgelenk ihm bei der Zügelführung noch arge Schmerzen verursachte. Und mit pfiffigem Lächeln fügte er hinzu: »Derweil die Herren noch schliefen, habe ich schon ein informatorisches Telephongespräch mit jemand gehabt, der sehr gut unterrichtet ist über unseren neuen Chef. Wir verdanken ihn der väterlichen Fürsorge meines angeheirateten Onkels Wegener für sein altes Regiment. Er soll uns hier die Schlachtpläne ausarbeiten, wie wir es fertig kriegen, mit fünfhundert Mann eine Division Russen aufzuhalten. Und um auch gleich Ihre Neugierde nach seiner Familie zu befriedigen: sie war vor genau hundertzwanzig Jahren noch stockfranzösisch. Als man damals in Paris die unangenehme Gepflogenheit einführte, sämtliche Aristokraten um ein Stückchen kürzer zu schneiden – am oberen Ende natürlich –, wanderte sie nach Deutschland aus, weil das dort noch nicht Sitte war. Wissen Sie jetzt Bescheid, meine Herren?«

»Vollkommen,« sagte der Leutnant Uhlenburg, wegen seiner Neigung zur Korpulenz das »Tonnchen« genannt. »Aber von wem haben Sie denn diese Kenntnisse bezogen?«

»Von wem denn sonst als von meinem alten Gönner Exzellenz von Moltke, höchstpersönlich? Zuerst war er ein bißchen knurrig, weil ich ihn durch dringliches Gespräch aus dem Schlaf geweckt hatte und er mit bloßen Beinen am Telephon stand. Im Generalstab zieht es nämlich. Als er aber hörte: ›Hier Karl von Gorski, der prominenteste Leutnant der Ordensburger Dragoner‹, wurde er wie Zucker! Sie hat er auch grüßen lassen, Tonnchen. Sie sollten nicht so viel dickes Bier trinken, sonst würden Sie nie General werden!«

Die anderen Herren lachten, nur der ernsthafte Oberleutnant Gusovius, der ein paar Schritte abseits hielt, verzog keine Miene. Er hatte die Schwadron von dem Tage an geführt, an dem der Rittmeister Kaminski sich krank meldete. Und daß da plötzlich vom Generalstabe einer ins Regiment schneite, hatte ihm stille Hoffnungen zerstört. Wenn's Glück gut war, wäre er zum Herbst auch an der Reihe gewesen, eine Schwadron zu kriegen. Im günstigsten Falle kam er jetzt in ein fremdes Regiment, wer weiß wohin, und an seiner Seele fraß gekränkter Ehrgeiz.

Auf dem Kamm der leichten Hügelwelle, die den Exerzierplatz von dem Gartenlande des Städtchens schied, erschien ein einzelner Reiter. Der Oberleutnant Gusovius wandte sich im Sattel: »Die Herren, bitte, auf ihre Posten! Stillgesessen!«

Er spornte seinen Gaul und kanterte dem Kommenden entgegen. Auf drei Schritt Entfernung parierte er und meldete: »Die Eskadron ist rangiert in vier Zügen zu dreizehn Rotten mit zwei blinden!«

Rittmeister von Foucar streckte ihm die Hand entgegen.

»Danke, mein lieber Herr Gusovius! Und würden Sie es mir übelnehmen, wenn ich gleich zu Anfang und ohne alle Umschweife ein offenes Wort mit Ihnen spreche?«

Der Oberleutnant lenkte seinen Gaul an die Respektseite seines neuen Vorgesetzten.

»Wie sollte ich wohl, Herr Rittmeister?«

»Na also, im königlichen Dienst darf es ja wohl keine Empfindlichkeit geben, aber wir alle sind doch nur Menschen. Vorhin, als ich mich bei unserem Kommandeur meldete, glaubte ich aus einer beiläufigen Bemerkung entnehmen zu dürfen, daß meine Versetzung ins hiesige Regiment gerade Ihnen nicht besonders willkommen gewesen wäre. Das tut mir leid, aber die Versetzung ist nur zum geringen Teil durch mein Zutun erfolgt. Es ist sehr ungewöhnlich, daß ich mich mit Ihnen darüber ausspreche – ich weiß es – aber ich möchte nicht, daß unsere Beziehungen durch eine leicht begreifliche Verstimmung getrübt werden. Und zwar nicht bloß die dienstlichen. Also, wollen wir gute Kameradschaft halten?«

Das finstere Gesicht des Oberleutnants Gusovius erhellte sich, jetzt streckte er dem Vorgesetzten die Hand hin.

»Sehr wohl, Herr Rittmeister, von Herzen gern!«

Gaston von Foucar aber fühlte, daß er in diesem Augenblicke einen Freund gewonnen hatte, und das gab ihm in seiner Lampenfieberstimmung die Sicherheit wieder. Er ritt vor die Front, rief laut und fest: »Die Schwadron hört von jetzt an auf mein Kommando! Guten Morgen, Dragoner!«

»Guten Morgen, Herr Rittmeister,« schrie es wie aus einer einzigen Kehle zurück. Danach kam das Kommando »Absitzen«, Gaston begrüßte die Offiziere und ließ sich die Unteroffiziere vorstellen. An jeden richtete er eine kurze Frage, und jeder von ihnen hatte das Gefühl, der Mann da mit dem gewinnenden Gesicht und den klaren Augen meinte es gut mit ihm, würde seinen Namen nicht vergessen.

Hans von Gorski stand neben seinem jüngeren Bruder. Die Offiziere hatten ebenso absitzen müssen wie die Mannschaft.

»Du, Karl,« sagte er leise.

»Na was denn?«

»Ich kann mir nicht helfen, er gefällt mir!«

»Mir schon gestern, wie er mich mit der Landkarte belapste. Und jetzt, daß er keine Rede gehalten hat. Besinnst Dich noch auf seinen Vorgänger Kaminski? 'ne halbe Stunde lang hat er gepredigt von Pflicht und Ehre und nochmal Pflicht, zum Schluß: ›Seine Majestät der oberste Kriegsherr, hurra, hurra, hurra!‹ Nachher war er der erste, der schlapp machte. Aber erinner' mich nachher, ich hab' Dir was von unserem Cousinchen zu erzählen! Augen wie Wagenräder wirst Du machen.«

»Warum nicht gleich?«

»Weil die Geschichte zu lang ist. Aber paß auf den Dienst, mein Sohn! ›Er‹ dreht sich schon nach uns um.«

Gaston ging langsam die Front entlang und musterte eingehend Mannschaft und Pferde. Jeden einzelnen der Dragoner fragte er nach Namen und Zivilverhältnis. Wenn ihm etwas Tadelnswertes auffiel an der Sattelung oder am Anzuge, sagte er nichts, sondern sah nur den neben ihm schreitenden Wachtmeister mit kurzem Blicke an. Der aber gab den Blick an die einzelnen Gruppenführer weiter, nur in erheblich verstärktem Maße. Ein Donnerwetter zog sich über schuldigen Häuptern zusammen, die da geglaubt hatten, der alte Schlendrian könnte so weiter gehen.

Oberleutnant Gusovius räusperte sich leicht: »Herr Rittmeister!«

Gaston blickte auf, der Regimentskommandeur kam über die Hügelwelle geritten. Anscheinend ohne jede Inspizierungsabsicht. Seine beiden Foxterriers jagten kläffend über das schon gelblich gefärbte kurze Gras, und neben ihm ritt seine jüngste Tochter. Ein blondlockiges Mädel von sechzehn oder siebzehn Jahren, das im Herrensitze seinen Pony lenkte.

Gaston bestieg seinen irischen Fuchswallach, riß den Säbel aus der Scheide. Wie eine Fanfare erklang das Kommando: »An die Pferde! – Fertig zum Aufsitzen! – Aufgesessen!« Und nach gemessener Pause: »Richt – Euch!«

Er ritt an den Flügel, die Richtung stimmte ausgezeichnet, die Bewegungen hatten geklappt. »Augen – links!« kommandierte er und sprengte dem Kommandeur entgegen, die Schwadron zu melden.

Oberstleutnant Harbrecht winkte ab.

»Lassen Sie sich nicht stören, Herr Rittmeister, ich bin nur ganz zufällig herausgebummelt.« Er stellte sein Töchterchen vor und sagte: »Lassen Sie, bitte, rühren.«

»Rührt Euch!« schrie Gaston über die Schulter zurück, und der Kommandeur fragte: »Na, zufrieden?«

»Danke, Herr Oberstleutnant, bis auf ganz geringfügige Kleinigkeiten.«

»Sehr nett von Ihnen – gegen Ihren Herrn Vorgänger! Na, und was haben Sie weiter vor, Herr Rittmeister?«

»Ich beabsichtige, die Schwadron eine halbe Stunde lang zu exerzieren. Hauptsächlich, um selbst nach langer Entwöhnung wieder in Uebung zu kommen.«

Der Oberstleutnant lächelte.

»Bescheidenheit ziert den Ritter. Na, viel Vergnügen.« Er hob grüßend die Rechte an den Mützenschirm, das Töchterchen verabschiedete sich mit einem Kopfnicken. Gaston ritt zu seiner Schwadron zurück.

»Stillgesessen – Eskadron Terab!«

Die Schwadron ritt an, jeder einzelne Mann nahm sich zusammen, in der hellen Kommandostimme des neuen Führers lag etwas Anfeuerndes.

»Trompeter: Galopp!«

Gaston gab seinem irischen Fuchswallach die Sporen, daß er wie ein abgeschossener Pfeil über das Blachfeld flog. Hinter ihm kam die Schwadron wie ein Ungewitter. Nach fünfhundert Schritt ungefähr sprengte er nach links, schwenkte um und parierte auf der Stelle, blickte prüfend auf die in einer Linie dahinfegende Schlachtreihe. Die Kerls gaben sich offensichtlich Mühe, Fühlung und Richtung waren gut.

»Eskadron mit Zügen brecht ab,« rief er, scharf kamen die Kommandos der Zugführer danach, das Manöver verlief exakt. Bei keinem Garderegiment konnte es besser gehen.

»Famos,« rief das Kommandeurstöchterchen begeistert. »Papa, ich glaube, mit diesem Herrn von Foucar haben wir eine glänzende Akquisition gemacht!«

Der Oberstleutnant lachte.

»Meinst Du?«

»Aber positiv! Der Unterschied gegen früher ... Also den muß doch ein Blinder mit dem Krückstock fühlen!«

»Na dann komm, Kind, wollen wieder nach Hause reiten. Auch ich hab' genug gesehen, die Schwadron ist in guten Händen. Und merk' Dir eins: eine Truppe ist wie ein edles Pferd mit allen Vorzügen und Untugenden. Unter einem miserablen Reiter im Sattel bockt es, unter einem tüchtigen gibt es sein letztes her.«

Die Julisonne brannte sengend vom wolkenlosen Himmel herab, die Gäule warfen Schaum von den Gebißstangen und bekamen nasse Flanken. Die Reiter hatten schwarze Gesichter von Staub und Schweiß, seltsam blänkerten die glänzenden Augen daraus hervor. Gaston brach das Exerzieren ab, er fühlte, er hatte die Schwadron in die Hand bekommen. Mit einem gewissen Stolz führte er sie in die Stadt zurück, ins Quartier.

Als die Spitze vom großen Platze unter die schattigen alten Bäume lenkte, die den Weg zum Städtchen umsäumten, drehte er sich im Sattel: »Wachtmeister, jeder Dragoner kriegt heute abend zwei Glas Bier in der Kantine auf meine Rechnung. Ich bin mit der Schwadron zufrieden! Und jetzt bitte ich mir ein Lied aus.«

Durch die in Marschkolonne reitende Truppe ging es wie ein Rauschen, der neue Rittmeister hatte sie auf Anhieb erobert. Schneid hatte er, verstand seinen Kram und besaß ein Herz für seine Kerls. Einer der Unteroffiziere erhob seinen wohlklingenden Tenor, die Mannschaft fiel mit rauher Kehle ein

»An der Grenze fern im Osten
Hält ein Reiter still auf Posten,
Sieht hinaus ins weite Feld.
Drüben fahren auf Kanonen,
Sammeln sich Schwadronen,
In dem weiten, weiten Feld.«

Gaston von Foucar ritt an der Spitze seiner Truppe. Das Lied schien ihm wie eine gute Vorbedeutung. Vor Tagen schon hatte er's gehört, als sein Herz sich aus Skrupeln und Nöten zu lösen begann ...

Karl von Gorski ritt neben seinem älteren Bruder an der Queue der Schwadron. Er kratzte sich mit der gesunden Rechten hinter dem Ohr.

»Du, Hans, ich glaube, die schönen Tage von Aranjuez sind vorüber.«

»Na Gott sei Dank, das vorher war ja auch zum Speien. Man fängt wieder an, Spaß am Dienst zu kriegen! Aber Du wolltest mir doch vorhin was von Annemarie ...?«

»Ach so, ja ... also ich sehe sehr schwarz auf unseren guten Brinckenwurff. Das dürfte im August an Annemiezens Geburtstag eine böse Ueberraschung geben. Möglicherweise auch schon vorher. Mit der Vereinigung von Kalinzinnen und Orlowen sieht es sehr nach Essig aus.«

Hans von Gorski tippte sich respektlos gegen die Stirn.

»Kleiner, ich glaube, Du träumst mit offenen Augen!«

»Ah nein, mein Jungchen, sondern meine bekanntlich in hohem Grade entwickelte Geistesschärfe gestattet mir einen Blick in die Zukunft, die gewöhnlichen Sterblichen verschleiert ist. Morgen kaufe ich mir einen Dreifuß mit einem Pfund Weihrauch und frisier' mich als Pythia.«

»Mensch, red' endlich vernünftig! Was ist passiert?«

»Na dann hör' zu!« Karl von Gorski dämpfte unwillkürlich seine Stimme: »Also der ›Moltke‹, mit dem ich heute früh telephonierte, war selbstverständlich Annemarie. Schon gestern erschien mir die Geschichte mit der Zigarettendose nicht geheuer. Es war für mich natürlich eine Kleinigkeit, dem harmlosen Tierchen alles abzufragen, was ich wissen wollte. Sie ist mit unserem neuen Rittmeister von Königsberg an zusammen gefahren, ihr gefiel er sehr, dem Alten weniger. Der machte sogar etwas Krach, bis sie ihn auf seinen geliebten Polenschimmel brachte, da hielt er Vorträge. Und als Annemarie den Herrn von Foucar nach Kalinzinnen einlud, bestätigte er die Einladung nicht. Da ließ sie absichtlich ihre goldene Zigarettendose im Coupé liegen, um ihm einen triftigen Vorwand zu baldigem Besuche zu geben.«

»Und das hat sie Dir so ganz offen gesagt?«

»Ne, mein Jungchen, aber verschwiegen! Und – bewundere meinen Scharfsinn – das ist das Schlimme bei der Geschichte! Hätte sie mir nach all dem übrigen ganz harmlos gesagt: ›Du, Karl, denk' Dir bloß, ich habe dabei meine kostbare Zigarettendose im Coupé verloren, mit all den himmlischen Widmungen, und ich gräme mich ganz fürchterlich, ob ich sie wohl wiederkriegen werde‹, wäre ich ja gar nicht auf den Spurius gekommen. Aber so liegt es doch klar auf der Hand, daß sie sich in unseren neuen Rittmeister arg verschossen hat. Und das ist kein Wunder. Er hat etwas an sich – also ich kann's verstehen, daß sich die Mädels in ihn verlieben.«

»Unsinn,« sagte Hans von Gorski, aber es klang nicht ganz überzeugt. »Und dagegen spricht doch, daß Herr von Foucar anscheinend nicht den geringsten Wert darauf gelegt hat, das Fundstück persönlich zurückzubringen!«

Der jüngere der beiden Brüder zuckte mit den Achseln.

»Dafür gibt's 'ne Masse Erklärungen. Vielleicht hat er die liebenswürdige Absicht gar nicht bemerkt. Das glaube ich nämlich aus einem ganz bestimmten Grunde, und ebenso bin ich überzeugt, es tut ihm heute schon leid. Andererseits aber ist es auch möglich, er ist so maßlos verwöhnt, daß er auf diese neue Eroberung keinen sonderlichen Wert legt. Aber vielleicht kommt das noch ... Wenn er unser ›trautstes Cousinchen‹ erst näher kennen lernt.«

»Hm,« sagte der Aeltere, »Du red'st wie ein Buch! Jedenfalls müßte man dem Hermann Brinckenwurff einen kleinen Wink geben, damit er die Augen offen hält.«

»Um Himmels willen! Hast Du Lust, Deinen Daumen in eine Türangel zu klemmen? Damit knackt man Haselnüsse! Und uns beiden muß doch die Annemieze näher stehen! Ich bin kein Tugendbold, aber sag' mal selbst: Wenn Du die Aussicht hättest, eine Annemarie von Gorski zu heiraten, würdest Du es da fertig kriegen, eine nach übler Pomade duftende Mamsell auf den Mund zu küssen, mit dem sie kurz vorher – na sagen wir mal – Gänseleber mit Zwiebeln abgeschmeckt hat?«

Hans von Gorski schüttelte sich lachend.

»Nicht um tausend Taler!«

»Na also!«

Eine Weile ritten sie schweigend nebeneinander her, dann fragte der Jüngere unvermittelt: »Du, Hans?«

»Was denn?«

»Kannst Du Dir vorstellen, daß uns beiden so ein Mädel wie Annemarie blanke Augen machen würde oder zur Ermunterung eine goldne Zigarettendose im Coupé liegen lassen?«

»Schwerlich!«

»Na siehst Du,« versetzte der Jüngere tiefsinnig, »ich habe es schon immer gesagt, und die Geschichte eben bestärkt mich von neuem in der Meinung: wir hätten uns rechtzeitig zusammentun müssen, unseren Urgroßvater zu erschlagen. Von ihm stammt nämlich, nach dem Bild im großen Saal zu schließen, in einem grotesken Sprung über Generationen, das ganze Malheur. Die krummen Beine, die großen Ohren, die Sommersprossen und der weit vorspringende Nasengiebel. Wobei ich annehme, der damalige Maler hat in Ansehung des Honorars noch beträchtlich geschmeichelt.«

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