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Sturmzeichen

: Sturmzeichen - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/skowronn/sturmzei/sturmzei.xml
typefiction
authorRichard Skowronnek
titleSturmzeichen
publisherUllstein & Co.
year1914
firstpub1914
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#24206
created20080819
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4.

Als Gaston nach Hause kam, lag auf dem Tische die offizielle Bestätigung der privaten Nachricht, die er in der gestrigen Nacht erhalten hatte.

Er überlegte. Wenn er eine Depesche an seinen neuen Kommandeur schickte, hätte der ihm die paar Tage Urlaub wohl nicht abgeschlagen. Eigentlich brauchte er nicht viel mehr als sechsunddreißig Stunden, um zu seinem alten Mütterchen hin und zurück zu fahren. Und da hätte er sich in einer Aussprache wohl Klarheit und Trost holen können. Aber wie sollte er es anfangen, der schlichten alten Frau all das zu schildern, was in seinem besonderen Falle mitspielte? Sie hätte ihn vielleicht gar nicht verstanden, nach dem altüberkommenen Schema Schwarz oder Weiß geurteilt. Daß modern empfindende Menschen da allerhand Schattierungen und Zwischenstufen einschoben und danach ihr verständnisvolles Urteil einrichteten, hätte sie wohl nicht begriffen. Und danach wäre sie, wie immer, auf den eigenen Kummer gekommen, der ihr ganzes Leben zerstört hatte. Auf den allzufrühen Verlust des Gatten, der nach kaum zweijähriger Ehe in den sicheren Tod gegangen war. Als Kammerherr und Hofmarschall der Großfürstin Anna Feodorowna, die sich als Witwe an den heimatlichen kleinen Hof zurückgezogen hatte. Für den Ruf seiner Herrin hatte er sich geschlagen, den ein frecher Höfling in den Staub gezerrt. Aus glatter, blanker Vasallentreue hatte er sich geschlagen, wie ein Kavalier des Ancien régime, aber seine Frau witterte etwas anderes dahinter, ein Verhältnis mit der leichtlebigen Großfürstin. Und davon war sie nicht abzubringen, auch nicht, nachdem sie den Brief gelesen hatte, der ihrem Sohne von dem Vormunde eingehändigt wurde an dem Tage, als er Offizier wurde.

»Mein Junge, es wird etwas lange dauern, bis Du nach meiner Bestimmung diesen Brief zu lesen bekommst. Du sollst erst reif genug sein, Dir selbst ein Urteil über Deinen Vater zu bilden. Ich werde morgen früh im Zweikampfe erschossen werden, denn mein Gegner hat in der Handhabung der Pistole eine größere Fertigkeit. Ich weine bei dem Gedanken, Dich und Deine Mutter allein zurückzulassen, aber ich sterbe im Dienst. Im Dienst der Herrin, der ich mich gelobt habe. Sie ist ein Racker, ich weiß es, aber ihr Ruf wurde öffentlich beschimpft, und ich muß als der Cavaliere servente dafür eintreten. Getreu dem Wahlspruch unseres alten Geschlechts: mon âme à Dieu, mon épée au roi, mon coeur aux dames! Deine Mutter als reine Deutsche versteht das nicht. Sie glaubt, ich hätte ein sträfliches Verhältnis mit meiner Herrin. Dir gebe ich mein Wort, es war nicht der Fall, trotz öfterer Gelegenheit. Dazu hatte ich Deine Mutter viel zu lieb.

In den hundert Jahren, die unser Geschlecht jetzt in dem schwerfälligen Deutschland lebt, ist uns jene frohe und leichtblütige Galanterie abhanden gekommen, die an unverbindliche Zärtlichkeiten in schwüler Stunde nicht den Maßstab eines Wüstenpredigers legt. Da langweilte sich meine hohe Herrin mit mir, wählte für ihr loisir einen Burschen, der nicht luftdicht war, der im Trunk mit der genossenen Gnade großsprecherisch prahlte. Es tut mir leid, daß ich wegen mangelnder Fertigkeit diesen Lumpen nicht gebührend züchtigen kann. Der Schlag ins Gesicht war nicht genug.

Und nun leb' wohl, mein Junge. Es tut mir leid, daß ich Dich der Erziehung Deiner Mutter überlassen muß. Sie wird einen deutschen Pedanten aus Dir machen, der mal eine wohlerzogene Geheimratstochter heiratet. Das letzte Tröpfchen gallischen Abenteurersinnes wird verloren sein. Aber vielleicht ist es gut so – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Ich habe in dem Brief eine Pause gemacht, eine ganze Weile saß ich an Deinem Bettchen. Du schliefst ruhig, die kleinen, runden Fäuste gegen das Näschen gestemmt. Deutlich erkannte ich das Zeichen der Foucar, den leichtsinnigen kleinen Knick nach links, aber man wird ihn Dir schon austreiben. Danach bettelte ich noch einmal an einer verschlossenen Tür – sie tat sich mir nicht auf. Vielleicht wäre dann noch alles anders gekommen.

Also adieu, mein Junge! Einen Rat gebe ich Dir auf den Weg: bleibe ledig! Dann bleibst Du auch frei. Die Nation mit den langen Haaren ist von kurzem Sinn. Eine Beleidigung, die Du ihrer Eitelkeit angetan hast, verzeihen sie selbst auf dem Totenbette nicht. Du kannst sie schlagen, sie werden Dir verzeihen. Aber haben sie Dich im Verdacht, eine andere hätte mal Deine Sinne gereizt, bist Du ein Verbrecher, der am Allerheiligsten gefrevelt hat!

Unten fährt der Wagen vor, man holt mich zu meinem letzten Gange. Grüß Deine Mutter, denk von dieser Stunde über Deinen Vater anders, als man Dich bisher gelehrt hat!

Gaston Baron Foucar de Kerdesac.«

Den Brief hatte er damals so oft gelesen, daß er ihn auswendig konnte. Aber die Mutter war selbst durch dieses im Angesicht des Todes geschriebene Bekenntnis nicht umzustimmen gewesen, hatte daraus nur eine neue Kränkung gelesen. Und er konnte es begreifen, denn als ein verwöhntes reiches Mädchen hatte sie unter zahlreichen Bewerbern dem Einen den Vorzug gegeben, der sich – ihrer Meinung nach – nachher als ein Wortbrüchiger und Treuloser erwies. Und im Laufe der Jahre hatte sie sich immer mehr in ihrem Urteil verstockt, suchte bei allen ähnlichen Konflikten, von denen sie vernahm, die Schuld nur auf seiten des Mannes. Da hätte sie vielleicht auch in seinem Fall ohne Ansehung der besonderen Umstände entschieden, und damit war ihm nicht gedient. Er brauchte einen glatten Freispruch, sonst hätte sich die weite Reise nicht gelohnt.

Der Tag ging herum unter vielfältigen Besorgungen wie eine kurze Stunde. Die Uhr zeigte auf fünf, und da konnte er sich immer noch entschließen, ob er den kurzen Abschied mündlich besorgte oder durch ein paar Zeilen, die sein getreuer Bursche Häberle überbrachte. Aber das hätte vielleicht wie eine Art von Feigheit ausgesehen, als schämte er sich seines Rückzuges.

Das Auto hielt vor dem hohen schmiedeeisernen Gitter, das die prunkvolle Rheinthalersche Villa von der Straße schied.

Der Diener, den er mit seiner Karte hineingeschickt hatte, kam zurück: »Herr und Frau Rheinthaler lassen bitten.« Gaston folgte ihm durch die weite Halle in ein halbdunkles Zimmer, in dem sich das ans helle Tageslicht gewöhnte Auge erst allmählich zurechtfand. Eine Art von Boudoir schien es zu sein mit einem Stutzflügel in der Mitte ... Bilder in Goldrahmen an den Wänden.

Hinter einem mit Patiencekarten bedeckten Tische erhob sich mühsam eine hagere Gestalt, ein paar unruhige Augen flackerten in einem verfallenen Gesicht.

»Ei sieh da, Herr Baron, das ist sehr liebenswürdig von Ihnen, daß Sie sich nach uns umsehen!« Herr Rheinthaler streckte dem Eintretenden die Hand entgegen: »Sie bleiben selbstverständlich zum Abend da. Wir telephonieren rasch ein paar nette Leutchen zusammen.«

Gaston tat, als hätte er die Bewegung nicht gesehen. Erbärmlich wäre er sich vorgekommen, wenn er dem Manne da die Hand gereicht hätte. Er verneigte sich, den Helm in der Rechten.

»Ich bedauere lebhaft, Herr Rheinthaler, meine Zeit ist leider sehr knapp. Ich komme nur, um mich zu verabschieden. Gestern nacht, als ich nach Hause kam fand ich ein Telegramm vor, das mir meine Versetzung ankündigte. Nach Ordensburg in Ostpreußen, zu dem Dragonerregiment Graf von Schmettau.«

Frau Josepha, die mit einem Buche am Fenster gesessen hatte, kam näher. Sie sah blaß und übernächtig aus, um ihre Augen lagen tiefe Schatten. Als Gaston ihre von blitzenden Ringen bedeckte Hand an die Lippen zog, spürte er einen leisen, zärtlichen Druck, der ihm das Blut in die Wangen trieb. Sie machte eine zum Platznehmen einladende Bewegung, setzte sich selbst auf einen niedrigen Hocker ganz in seiner Nähe.

»Die Versetzung ist Ihnen wohl sehr überraschend gekommen?«

Er sah sie ein wenig unsicher an. In der anscheinend so harmlosen Frage hatte ein geheimer Unterton angeklungen, fast wie ein Vorwurf: »Weshalb hast Du mir das gestern verschwiegen?«

»Ueberraschend? Doch nicht so ganz, gnädige Frau! Mein Abteilungschef, der mir sehr gewogen ist, hatte sie mir schon vor Wochen angekündigt. Es ist eine große Auszeichnung, und ich freue mich sehr darüber.«

Herr Rheinthaler, der seine Patience wieder aufgenommen hatte, warf ein: »Daß Sie nach Ordensburg kommen? Ich kenne das Nest! Vor ein paar Jahren war mir da in der Nähe ein Jagdgut angeboten. Wenn ich im Hotel nicht einen Weinreisenden getroffen hätte, der mit mir um die halben Pfennige Piquet spielte – ich wäre umgekommen vor Langerweile. In zwei Tagen! Wie vernünftige Menschen es dort ein Leben lang aushalten, ist mir ein Rätsel!«

»Nun,« sagte Frau Josepha mit einer gewissen Schärfe, »dafür gibt es eine sehr einfache Lösung: sie arbeiten! Haben irgend eine Tätigkeit, die sie ganz ausfüllt. Nur die Leute, die dem lieben Gott den Tag abstehlen, langweilen sich.« Und zu Gaston gewandt, fuhr sie fort: »Ich kann es mir sehr gut vorstellen, das Leben in so einer kleinen Stadt. Auch für eine Frau ... Kein Theater, keine Bälle, keine rauschenden Vergnügungen, nur Ruhe und Stille. Einen Mann, den man von ganzem Herzen liebt, dem man genug ist. Man richtet ihm das Haus so behaglich, als es nur möglich ist, streicht ihm die Falten aus der Stirn, wenn er müde und verärgert vom ... von der Arbeit kommt ... und abends plauscht man, macht ein bisserl Musik oder liest ein gutes Buch. Wundervoll denk' ich mir das! Keine lästigen Menschen ringsum, nur zwei für sich ganz allein.«

Sie brach ab und sah mit sehnsüchtigen Augen durch das von dichtem Grün umrankte Fenster ins Weite, als erblickte sie dort ein fernes Glück.

Gaston spürte deutlich, all das war für ihn gesagt. Die Antwort war es auf die Frage, die er ihr durch die Alte am Vormittag gestellt hatte. Da dauerte es ihn fast, daß er diesen Glückstraum mit rauher Hand zerstören mußte.

Herr Rheinthaler lachte kurz auf und zwinkerte ihm vertraulich zu.

»Das sind so Stimmungen, mein verehrter Herr Hauptmann! Oder muß man schon Rittmeister sagen, weil Sie jetzt doch bei der Kavallerie sind? Ich kenne mich als gänzlicher Nichtsoldat da nicht aus.«

»Es ist ziemlich egal, Herr Rheinthaler.«

»Na dann, von dieser Schwärmerei eben für die kleine Stadt müssen Sie ein bißchen Jammer in Abrechnung bringen! Ehe wir in dem Ballokal landeten, hatten wir schon eine recht ausgiebige Sitzung hinter uns. Und meine teure Gattin hatte sich geärgert. Da trinkt sie noch mehr Sekt als gewöhnlich.«

»Ist nicht wahr,« fuhr Frau Josepha auf. Die Zornröte färbte ihr die Wangen.

»Aber Peperl, ich hab' Dir doch zugesehen! Du kannst ja einen ganz gehörigen Posten vertragen, aus langjähriger Uebung, aber gestern ... Und wie Du gegen das arme Wurm, die Sandori, losgingst, wußte ich Bescheid.«

Gaston fühlte einen Knäuel im Halse aufsteigen. Zwei Trunkene hatten gestern leichtfertige Liebesschwüre ausgetauscht. Und da hatte der Narr sich darum eine schlaflose Nacht gemacht, eine Nacht voll peinigender Selbstvorwürfe ... Er griff nach seinem Helm und erhob sich.

»Verzeihen Sie gütigst, gnädige Frau, ich möchte um die Erlaubnis bitten ...«

Frau Josepha sah ihn erschreckt an. »Um Gottes willen,« sagte sie unwillkürlich. Und Herr Rheinthaler legte seine Patiencekarten hin und trat auf ihn zu.

»Aber, mein bester Herr Baron, weshalb denn? Weil meine Frau sich mit mir ein bißchen gekabbelt hat? Das kommt in den besten Ehen vor! Und wir sind schon auf dem Wege, uns wieder zu vertragen – sie schmollt nur noch ein wenig!«

»Herr Rheinthaler, ich möchte wirklich nicht länger ...«

»Ne, ne,« sagte der Hausherr und drückte ihn auf den Stuhl zurück. »Es wäre mir sehr unangenehm, wenn Sie in Ihr kleines Nest da oben eine schlechte Erinnerung an uns mitnehmen würden. Außerordentlich peinlich wäre mir das! Und wo der Zufall Sie dazugeführt hat, wie wir uns gestern verzankten, müssen Sie jetzt auch hören ... Also, das sah alles schlimmer aus, als es in Wirklichkeit war! Ich hatte auch ein bißchen mehr Sekt im Leibe, als mir der Doktor erlaubt hat, und dann – sehen Sie – das kommt ja vor, daß man sich mal in eine andere vergafft. Nur äußerlich! Das sind so temporäre Verrücktheiten ... man besinnt sich wieder. Kehrt zu dem allein seligmachenden Hausaltar zurück, vor dem man in überirdischem Glück geopfert hat. Das Bild, das darauf thront, wird ja nicht immer unerbittlich bleiben, sich dem reumütigen Sünder wieder in Gnade neigen.«

Er sprach an seinem Gaste vorbei, seine Augen hingen bettelnd an der Frau, die sich zum Fenster gewandt hatte.

Ein glattrasierter Kammerdiener mit der Vornehmheit eines englischen Lords kam aus der zum Nebenzimmer führenden Tür, räusperte sich leicht und blieb schweigend stehen. Herr Rheinthaler wandte ärgerlich den Kopf.

» What is the matter?«

» Excuse Sir, the Professor Abner is waiting for you!«

Herr Rheinthaler sah seine Gattin mit einem gewissen Mißtrauen an: »Wer hat denn den um diese Zeit bestellt? Mitten aus seiner Sprechstunde?«

Frau Josepha zuckte die Achseln: »Vielleicht Du selbst? Ich kümmere mich doch nicht um Deine Kuren.«

Gaston blickte zu Boden. Das Herz schlug ihm bis in den Hals. In wenigen Augenblicken war er allein mit der Frau da drüben, und dann mußte er allerhand unbarmherzige Worte sprechen.

Herr Rheinthaler hatte dem Diener Bescheid gesagt, jetzt wandte er sich zu seinem Besucher.

»Entschuldigen Sie mich, lieber Herr Baron, aber ich kann den Professor nicht warten lassen. Jede Minute bei so einer Kapazität kostet ein kleines Vermögen, und ich möchte meiner Frau doch nach meinem Tode noch einiges hinterlassen. Der Abner wird mich ein bißchen trösten, ein bißchen massieren und wieder trösten. Was wirklich mit mir los ist, weiß ich doch bloß allein. In spätestens vier Wochen schwimm' ich ab.« Wieder richteten seine Augen sich bettelnd zum Fenster, ein leichter Hustenanfall erschütterte seine Brust. Er unterdrückte ihn mühsam, um seine schmalen Lippen flog ein verzerrtes Lächeln. »Eins ist jedenfalls vorläufig noch sicher: in einer Viertelstunde bin ich wieder hier! Ich hoffe Sie dann zu sehen.«

»Ich muß lebhaft bedauern, Herr Rheinthaler ...«

»Sie sind ein komischer Mensch. Immer, wenn man Sie einladet, bedauern Sie! Na schön, dann glückliche Reise und – auf Wiedersehen kann ich armer Hund leider nicht mehr sagen! Aber wenn Sie mal auf Urlaub nach Berlin kommen, besuchen Sie meine ›lustige Witwe‹. Sehen mal nach, mit wem sie sich getröstet hat.« Er streckte seine Hand aus, und diesmal konnte Gaston nicht ausweichen. Die Hand war kalt und feucht, umspannte seine Rechte mit kraftlosem Druck. Ein fröstelndes Gefühl flog ihm über den Rücken. Der Mann konnte nichts dafür. Das lag wohl an seiner Krankheit, aber er konnte sich nicht überwinden, den Händedruck zu erwidern.

In der Tür wandte sich Herr Rheinthaler noch einmal um.

»Du, Peperl, wirf mir um Himmels willen die Karten nicht durcheinander! Die Patience da habe ich auf einen ganz besonderen Herzenswunsch gelegt, und es scheint fast, als sollte sie diesmal aufgehen.«

Die Portiere schloß sich hinter ihm, die beiden waren allein. So still wurde es in dem halbdunklen Zimmer, daß man das leise Ticken der kleinen Uhr hörte, die in der Ecke auf einem zierlichen Schreibtische stand.

Frau Josepha blieb am Fenster und sah in die grünen Ranken hinaus, die es von außen fast ganz überspannten. Sie neigte den Kopf mit den schweren Flechten nach vorn, ein lautloses Schluchzen erschütterte ihren Körper. Nur an dem Zucken der Schultern war es zu merken. Gaston stand regungslos. Das Mitleid riß ihn am Herzen, aber er konnte sich nicht überwinden, näher zu treten. Nichts anderes konnte er denken, als daß die Frau da, deren schlanke und doch üppige Gestalt in dem lang herabfließenden Kleid sich prachtvoll von dem hellen Hintergrunde hob, in diesen ekeln Händen gewesen war, deren feuchten Druck er noch zu spüren glaubte. Er richtete sich auf, es mußte ein Ende gemacht werden! Seine Stimme klang heiser vor Erregung.

»Gnädige Frau, es ist wohl am besten, wenn ich mich jetzt entferne?«

Sie flog herum und auf ihn zu, warf ihm die Arme um den Hals. Ganz nahe hob sie ihr tränenüberströmtes Gesicht zu dem seinigen.

»Was denn? Jetzt willst fort, wo wir endlich ein paar kostbare Minuten für uns allein haben?«

Er stöhnte auf, versuchte, sich sanft loszumachen.

»Also das hier ... das alles ist so fürchterlich.«

Sie umklammerte ihn fester, schmiegte sich ganz an ihn, so daß er ihren bebenden Körper spürte.

»Um Jesu Barmherzigkeit willen, laß mich jetzt nicht allein. Geh nicht so von mir! Ich kann das begreifen, aber Du mußt darüber hinwegsehen. Ich konnte es ja unmöglich wissen, daß Du ihm noch einmal begegnen würdest! Wie eine Klette hängt er sich an mich, bettelt und bettelt. Weil er sah, daß ich Ernst gemacht hatte mit dem Davongehen, hat er plötzlich seinen Sinn gewandelt. Vielleicht erschien ich ihm dadurch wieder begehrenswert, aber ich schwöre Dir, er wird mich nicht mit einer Fingerspitze berühren. Und übermorgen lauft er doch wieder der anderen nach, ich kenn' ihn ja. Also da darfst kein Mitleid mit ihm haben! Und, geh', sag', daß Du so kalt dastehst, das ist doch nur, weil wir hier in seinem Haus sind, gelt? Mußt nicht so arg verfroren sein, lieber Bub' ... ich hätt' halt dran denken sollen, wie Du bist, Dich gar nicht erst herkommen lassen! Aber, schau, seit sechs Uhr in der Früh, wie er heimgekommen ist, geht das schon so. Da war ich halt ein bisserl verwirrt! Und der Doktor sagte mir: ›Wenn Sie jetzt von ihm gehen, ist es sein Tod! Sein Zustand ist schlimmer, als er ahnt. Das viele Morphium hält ihn nur noch aufrecht. Jede Minute kann es den Zusammenbruch geben, wieso wollen Sie sich da erst scheiden lassen?‹ Da bin ich geblieben. Und jetzt sag mir ein liebes Wort! Nur ein einziges kleines Wort, aus dem ich wieder Hoffnung schöpfen kann. Die Zweifel zerreißen mir das Herz. Die Ursel hat mir zwar erzählt, wie glücklich Du gewesen wärst über meinen Brief, aber jetzt sprich das einzige kleine Wörtel: Willst mein sein und mir treu bleiben?« Sie umklammerte ihn fester, starrte ihm angstvoll in die Augen.

Da atmete er auf. Das ging über Menschenkraft, jetzt auszusprechen, was er sich vorgenommen hatte. Er beugte sich hinab, küßte ihre Stirn, und dann fanden sich ihre Lippen.

»Du bleibst mir treu?« stammelte sie zwischen zwei Küssen.

»Ich werde mein Wort halten!«

»Ah na, ob mich lieb hast, will ich wissen?«

Von ihrem warmen Körper, der eng an den seinen geschmiegt war, zog ein heißer Strom durch seine Adern.

»Ja, ich habe Dich lieb!«

»So arg, daß Du nie an eine andere denken wirst? Und wär' sie noch tausendmal schöner als ich?«

Da flüsterte er trunken: »Schöner als Du? Du bist für mich die Schönste, Herrlichste und Reinste auf der Welt.«

Sie hob sich auf den Zehenspitzen, biß ihn in die Wange, daß er einen jähen Schmerz verspürte: »Da, daß Du dieses letzte Wort nimmer vergißt! Und jetzt geh', daß ich mich ein wenig beruhigen kann, bis er wiederkommt.« – – –

Er stand draußen im grellen Sonnenlicht des heißen Sommernachmittags und ging langsam die Straße zurück, die zur Stadt führte. Ein großes Gefühl weitete ihm die Brust, wie ein Sieger kam er sich vor, wie ein Sieger über kleinliche Fürchte und Bedenken. Mochte sie nun aus den entzündeten Sinnen stammen oder aus dem übergewaltigen Mitleid – die Liebe war gekommen, erfüllte ihn ganz und gar! Und war er nicht etwa Manns genug, sich über alles hämische Gezischel und Geraune hinwegzusetzen, das sich vielleicht erheben konnte? Er brauchte sich nur herauszurecken mit allem, was er war, und die bösen Zungen verstummten! ...

Vor ihm auf der Straße ging einer dahin, der es ebensowenig eilig zu haben schien, nach der Stadt zurückzukommen, wie er. Ein untersetzter kleiner Herr in modischem Jackett und Strohhütchen, der ihm bekannt vorkam. Gaston verlangsamte unwillkürlich seinen Schritt und gedachte, die andere Seite zu gewinnen. Es wäre ihm unangenehm gewesen, jetzt, in dieser Stimmung irgend einem Schwätzer Rede und Antwort stehen zu müssen.

Da blieb der Voranschreitende plötzlich stehen, wandte sich um: »Guten Tag, Herr von Foucar!« In einem aschfahlen Gesicht flackerten ein paar Augen in irrem Glanz.

»Wodersen!« sagte er überrascht. »Wie kommen Sie hierher?«

»Ich hatte vor Ihnen in der Villa Rheinthaler einen Besuch machen wollen, wurde aber nicht angenommen. Da sah ich Sie stolz im Auto anfahren und, weil ich mir dachte, Sie werden doch nicht ewig drinbleiben, hab' ich auf Sie gewartet.«

»Na, das ist nett von Ihnen. Da kann ich Ihnen gleich Adieu sagen.«

»Sie verreisen?«

»Nee, ich bin versetzt worden. Zu den Ordensburger Dragonern.«

»Donnerwetter, so mitten aus der Tour? Wem haben Sie denn das zu verdanken?«

Gaston lachte bitter auf. So dachten sie alle, die mal mit ihm Schulter an Schulter ihren Dienst getan hatten. Und seine Antwort klang schärfer, als es der im Grunde unbeträchtliche Anlaß erfordert hätte.

»Natürlich allem anderen, nur nicht mir selbst. Der unbekannten hohen Dame, die angeblich meine Schicksale überwacht, oder meiner Fähigkeit, mich bei meinen Vorgesetzten zu schustern und in den Vordergrund zu drängen ... na dann Adieu, Herr von Wodersen! Ich habe es ein bißchen eilig.«

Der andere achtete gar nicht darauf und ging rasch neben ihm her in gleichem Schritt.

»Meinen Sie vielleicht, ich hätte deshalb hier drei Stunden auf Sie im Sonnenbrand gelauert, um mich so abspeisen zu lassen?«

»Wie? Sie haben ...«

»Auf Sie gewartet! Schon heute vormittag hatte ich natürlich telephonisch ausführlichen Bericht, was gestern passiert war. In dem Ballokal, und daß Sie nachher Frau Josepha im Auto allein nach Hause gebracht haben. Nachmittags war ich dienstfrei, da bin ich ohne Urlaub fortgefahren. Das übrige konnte ich mir ungefähr denken. Sie hatte mich in diesen Wochen ja fast ein dutzendmal gequält, ich sollte Sie endlich heranschleifen. Daß ich es nicht tat, werden Sie nach dem, was wir neulich mal gesprochen hatten, begreiflich finden.«

»Allerdings! Und was steht jetzt zu Diensten?«

Der kleine Husar blickte zornig zu ihm auf.

»Erst klopfen Sie sich mal den Puder von Brust und Kragen! Sonst sieht es womöglich noch einer von den bezahlten Aufpassern, daß Sie eben Abschied genommen haben. Von einer schönen Frau, die die Gepflogenheit hat, sich Gesicht und Arme zu pudern.«

Gaston schielte auf seinen Ueberrock hinab und wurde unwillkürlich rot. Wahrhaftig, man sah es ganz deutlich! Und jetzt wußte er plötzlich, weshalb der glattrasierte Kerl, der ihm in der Rheinthalerschen Villa beim Hinausgehen die Tür öffnete, so süffisant gelächelt hatte. Er zog das Taschentuch und wischte heftig über das dunkle Tuch, aber der feine weiße Staub drang nur um so tiefer ein, war nicht fortzubringen. Da gab er's ärgerlich auf.

»Nun also, was wünschen Sie von mir, Herr von Wodersen?«

»Nur eine kurze Auskunft. Wie Sie sich von jetzt an zu Frau Josepha verhalten werden.«

»Und wenn ich das zurückweisen müßte? Als einen unangemessenen Eingriff in meine ganz persönlichen Angelegenheiten?«

Der Landsberger Husar schüttelte den Kopf.

»Das werden Sie nicht tun! Wenn einer den Anspruch hat, es zu erfahren, bin ich es. Das wissen Sie!«

»Also, wo wir mal schon so weit sind, meinetwegen! Es wird auch dazu beitragen, diese Unterredung, die uns beiden ja nur peinlich sein kann, abzukürzen. Ich habe – also ich bin mit Frau Josepha übereingekommen ... wenn sie die Trennung von ihrem Manne vollzogen hat, werde ich sie heiraten.«

»Dann ist's gut ... und danken Sie Gott!«

»Herr von Wodersen, ich muß doch sehr bitten ...«

»Danken Sie Gott,« wiederholte der andere hartnäckig. »Im anderen Falle, wenn's Ihnen nur ein Spiel gewesen wäre, hätte ich Sie provoziert und abgeschossen. Es geht nicht an, daß einer umkommt vor Durst und Hunger, während der andere in frivolem Spiel ... also es ist gut! Adieu, Herr von Foucar.« Er sah starr geradeaus mit schwimmenden Augen, und plötzlich kam ein lautes Aufschluchzen aus seiner Brust, er wandte sich ab. Gaston aber stand ratlos dabei und wußte nicht, wie er sich in dieser seltsamen Situation zu benehmen hatte. Trösten ging nicht an, das beste war, sich still zu entfernen.

»Adieu, Wodersen,« sagte er leise und schritt langsam weiter.

Der arme Kerl tat ihm leid, schrecklich war es, wie es den zusammengerissen hatte, daß er von jetzt an nichts mehr zu hoffen hatte. Zugleich aber schwellte ihm selbst ein gewisses Stolzgefühl die Brust. Daß er die Liebe dieser herrlichen Frau errungen hatte, für die ein anderer ohne Zaudern sein Leben eingesetzt hätte. Fast eine Steigerung des eigenen Glückes war es ihm.

Eine heisere Stimme erklang neben ihm.

»Entschuldigen Sie, Foucar, wenn Sie mich eben als altes Weib gesehen haben ...«

»Ach Sie noch mal, Wodersen? Wäre es nicht besser, wir hätten eben Schluß gemacht?«

»Vielleicht! Nur, Sie werden begreifen, man steht da neben einem frisch zugeschütteten Grab, kann nicht sogleich weggehen. Eigentlich aber hätte ich's voraussehen müssen, die Frau war ja krank nach Ihnen! Gab mir hundert Aufträge für Sie. Immer sollte ich Ihnen bestellen, wo Sie sie abends treffen würden. Ich hab's natürlich nie ausgerichtet. Sie werden das begreifen.«

»Selbstverständlich! Und nun wollen wir wirklich Schluß machen! ... Sie werden einsehen, daß es mir einigermaßen peinlich ist.«

Herr von Wodersen lachte plötzlich schrill auf.

»Ihnen? Wo Sie im Glück sitzen!«

»Na ja, aber peinlich natürlich auch für Sie.«

»Das braucht Sie nicht zu bekümmern! Und ich müßte ersticken oder verrückt werden, wenn ich jetzt nicht – ich weiß überhaupt noch nicht, ob ich drüber wegkomme. Also, Foucar, Sie schwören mir, Sie werden sie gut behandeln!«

»Aber das ist doch selbstverständlich!«

»Na ja! Und ich werde natürlich weiter aufpassen.«

Gaston blieb stehen.

»Herr von Wodersen, alles hat seine Grenzen.«

»Ach Gott, wollen doch jetzt nicht zimperlich sein wie kleine Pensionsmädchen! Ich bin ja halb verrückt, ich hatte doch immer noch gehofft, sie würde mich kleinen unansehnlichen Kerl ...« Er brach ab und sah in angestrengtem Nachdenken vor sich hin. »Also, was wollte ich doch gleich ... ja richtig! Noch vor etwas anderem müssen Sie sich in acht nehmen, vor Josepha selbst! Wissen Sie, was sie ihrem Mann antun wollte, jetzt wegen dieser Geschichte mit der Sandori? Kein Teufel kann sich Aergeres ausdenken, denn das ist so auf die ganze Art dieses Menschen zugeschnitten, mußte ihn gerade aufs tödlichste verwunden. Sie hat sich eine Szene schreiben lassen, einen Sketch, wie man das im Theaterjargon nennt. Mit einem Dutzend raffinierter Tricks ... ich war bei einer Probe dabei im Apollotheater – es war doll! Hinreißend ... zum Wahnsinnigwerden. Eine große Menschendarstellerin, die ihre ganze Kunst in eine einzige Szene preßt ... Alles, was sie kann, zeigt sie da ... und dann war da ein Tanz, wo sie sich aus einem Schleier nach dem andern löst, bis sie mit ihrem herrlichen Körper dasteht in einem ganz leichten Gewand ... also ich sage Ihnen, ganz Berlin wäre verrückt geworden bei dieser Darstellung. Ich ging wie ein Betrunkener aus der Probe.«

Der Kleine schwieg und sah mit verzückten Augen geradeaus. Gaston spürte ein widerwärtiges Gefühl, zugleich aber stachelte ihn die Neugierde. »Weiter,« sagte er heiser.

Herr von Wodersen blickte verwirrt auf, als müßte er sich erst besinnen, wovon er eben gesprochen hatte.

»Ach so ... ja! Wer das nicht gesehen hat, kann nicht begreifen, daß ich von der Stunde an noch verrückter war als vorher ... total verrückt! Ich schlafe seit dem Tag nicht mehr ... und ja, verstehen Sie denn nicht, was das alles bedeutete? Josepha hätte an dem Abend doch nur für einen gespielt und getanzt, für ihren Mann! Dann aber, wenn seine aufgestachelte Begierde wieder lichterloh brannte, hätt' sie ihn verdursten lassen. Hätte ihn vor aller Welt lächerlich gemacht mit irgend einem häßlichen, hirnlosen Halbaffen – so einem vielleicht wie ich ...«

»Wodersen, hören Sie auf!«

Der andere lachte höhnisch.

»Das ist Ihnen peinlich, was? Ja, meinen Sie vielleicht, ich habe vor Freude getanzt, als ich heute früh die Nachricht bekam, für mich ist es aus? Nichts mehr zu hoffen, rein gar nichts ...« Er dämpfte plötzlich seine Stimme zu einem geheimnisvollen Flüstern: »Das dürfen Sie aber niemandem weiter sagen, ich kam mit einer ganz andern Absicht hierher ... Daß Sie noch leben, verdanken Sie ihr! Der Josepha! Sie hätte sich ja die schönen Augen blind geweint um Sie ...«

»Herr von Wodersen, ich nehme Rücksicht, daß Sie sich offenbar in einer Gemütsverfassung befinden ...«

Der Kleine nickte.

»Ja, nehmen Sie nur ... ist auch ganz recht! Heute früh hat sich mir da oben im Kopf was 'rumgedreht, ich hab's ganz deutlich gespürt. Von dem Augenblick an habe ich Mühe, meine Gedanken zu sammeln. Und das weiß kein Mensch, was das heißt, sich vor Qualen winden und schreien, während andere mit sattem Bauch ruhig schlafen. Aber ich hab' etwas für Sie, da werden Sie auch nicht schlafen. Ich hätte mich darüber hinweggesetzt, denn ich bin ja längst schon ein kleiner Lump geworden, innerlich. Von außen, wenn ich meine Uniform anhabe, merkt man es nicht so. Ja, also, Ihre zukünftige Frau Gemahlin, wie sie noch in Brünn am Stadttheater war, zusammen mit so einem nichtswürdigen Kerl von Schauspieler, da hat sie einen Selbstmordversuch gemacht.«

Gaston schritt schneller aus, um sich von der Gesellschaft des offenbar plötzlich Irrgewordenen zu befreien. Aber weit und breit war keine Fahrgelegenheit zu erblicken auf der sonnenbeschienenen Straße, und der andere neben ihm hielt gleichen Schritt.

»Rennen Sie doch nicht so, Foucar! Das muß Sie doch auch interessieren, daß Josepha damals sich umzubringen versuchte, weil der Kerl sie nicht wieder ehrlich machen wollte ... so ein gemeiner Hund! Sie kennen ihn auch ... er war gestern auch in der Loge, der glattrasierte Schuft ... er hat mir auch die Zeitungen gegeben, wo alles drinstand ... Sie müssen natürlich jetzt Ihren Abschied nehmen ... ich hätte ihn ja auch genommen.«

Gaston fühlte, wie es ihm rot vor den Augen wurde. Ob der da neben ihm nun klar im Kopfe war oder nicht – dafür gab es nur eins: niederschlagen! Er hob den Arm, aber der Kleine sprang wie eine Katze zur Seite, rannte ein paar Dutzend Schritte zurück und lachte gellend auf.

»Ach, Sie haben sich wohl eingebildet, ich wär' so leicht zu kriegen? Und die Zeitungen schick ich Ihnen zu – nach Ordensburg.«

Gaston wandte sich ab. Grauenhaft war das. Wie in einer Betäubung ging er weiter, zur Stadt zurück. Was sollte er jetzt tun? Einen Irrsinnigen zur Rechenschaft ziehen? Das erledigte sich von selbst, da war kein Wort darüber zu verlieren. Aber das, was dieser Irre zuletzt gesprochen hatte, das blieb hängen, wie ein Pfeil, der mit dem Widerhaken in die Weichen gedrungen war. Das alles war Lüge, eine Ausgeburt krankhafter Phantasie, sicherlich, aber woher sollte er sich Gewißheit holen? Noch einmal in die Rheinthalersche Villa zurückkehren, den Mann beiseite schieben: »Erlauben Sie mal, ich habe mit Ihrer Frau Gemahlin ein paar Worte unter vier Augen zu sprechen?« Oder einen Brief schreiben, den man zu Händen der alten Hexe sicher an die eigentliche Adresse beförderte? Vielleicht hätte Josepha in ihrem stolzen, jede Lüge verabscheuenden Sinn die Wahrheit geantwortet!

Aber darauf kam es ja nicht an. Es war schon genug, daß gegen die Frau, die er heimzuführen gedachte, sich überhaupt ein so schmählicher Verdacht erheben konnte. Daß es einen Menschen geben konnte auf der Welt, der sich brüsten durfte, mit Recht oder Unrecht, sie wäre sein gewesen. Da konnte er nicht drüber hinweg, dafür konnte er seinen Namen nicht einsetzen, das ging nicht an! Es war schon genug, daß er sich damit abgefunden hatte, daß er sie aus den eklen Händen ihres Gatten nehmen mußte ... Nur, wenn man weiter dachte, wo war da ein Unterschied? Weshalb sollte er ihr gerade den ersten verübeln? Dem hatte sie sich vielleicht in heißer Leidenschaft geschenkt, oder sie war in törichter Unerfahrenheit seinen ruchlosen Künsten erlegen, den zweiten aber ... er konnte nicht weiter. Da verwirrten sich auch ihm die Gedanken. Schluß mußte es sein, oder er verlor sich selbst! Und keine Auseinandersetzung mehr. Wie die enden würde, wußte er. Vor ein paar Wochen hatte er über den angeblichen Zauber gelacht. Heute hatten ein paar Augenblicke, in denen diese Frau an seinem Halse hing, hingereicht, damit er sich selbst und sein Schicksal verschwor.

Er hatte vormittags im Fahrplan nachgesehen, gegen neun Uhr ging ein Zug nach dem Osten. Den konnte er noch erreichen, einen Tag in Königsberg verbringen, ehe er weiter nach Ordensburg fuhr. Nur fort und hinaus ...

Nur das Notwendigste wurde eingepackt, alles übrige besorgte der Spediteur. Jedesmal, wenn die Klingel ging, fuhr Gaston zusammen. Als könnte sich noch irgend ein Zwischenfall ereignen, der ihn an der Abreise hinderte. Oder es könnte noch eine Auseinandersetzung geben. Davon hatte er genug. Nur fort und hinaus ...

Erst als der Zug sich in Bewegung setzte, atmete er auf. Ein blödes Wort, das er einmal an der Biertafel gehört hatte, ging ihm nicht aus dem Sinn. »Ein Kavalier reißt nicht aus. Nur, wenn er in Gefahr befindlich ist. Dann aber schnell.« Das paßte auf ihn. Auch er riß aus. Vor einer, der seine Sinne erlagen, wenn sie in seiner Nähe war. Je weiter er eilte, desto weniger konnte sie ihn erreichen. Nur eins beunruhigte ihn ... dort, weit hinten, von wo er kam, blieb sein Wort. Immer länger und dünner wurde der Faden, an dem es hing, aber er riß nicht ab. Noch tausend Meilen konnte er fahren, er riß nicht ab. Freiheit konnte es nur geben, wenn die, die den Faden am anderen Ende hielt, in gutem Willen ihre Hand öffnete. Wort war Wort.

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