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Sturmzeichen

: Sturmzeichen - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/skowronn/sturmzei/sturmzei.xml
typefiction
authorRichard Skowronnek
titleSturmzeichen
publisherUllstein & Co.
year1914
firstpub1914
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#24206
created20080819
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10.

Der alte Herr von Gorski auf Kalinzinnen hielt neben einem gewaltigen Getreidestoggen auf freiem Felde, der langsam in den Rachen einer mit Dampf betriebenen Dreschmaschine wanderte. Oben fielen die körnerbeschwerten Garben hinein, die kleinen Hämmer rasselten und trommelten. In einem einzigen Strom rieselte der grauglänzende Erntesegen in die bereitstehenden Säcke, die Spreu türmte sich zu Haufen, und die leergedroschenen Bunde wanderten auf einem Riemengang zur Seite, um von zulangenden Händen zu einem neuen Stoggen getürmt zu werden.

Das nach dem alten Preußengotte Perkuhn benannte Leibroß, ein Gaul von der Größe und Stärke eines Kürassierpaukenpferdes, stand ruhig unter der schweren Last seines Herrn. Nur von Zeit zu Zeit prustete es schnaubend, wenn ihm die feinen Getreidespelzen, die der Luftzug von der Maschine herüberbrachte, in die Nüstern fuhren.

Herr von Gorski sah auf den rieselnden Strom der Roggenkörner, aber er hatte an dem über alles Erwarten reichlich ausfallenden Segen keine rechte Freude. Wie lange mochte es noch dauern, so erwog er in sorgenden Gedanken, daß auf diesem Boden hier in Frieden gesät und geerntet wurde? Die Sturmzeichen mehrten sich. Von dem Vorstande seiner Partei hatte er die vertrauliche Mitteilung empfangen, die Regierung bereite eine Heeresverstärkung vor, die an die Opferwilligkeit des ohnedies mit Steuern überlasteten Volkes bisher unerhörte Anforderungen stellen würde. Und es gälte, die Vertrauensmänner im Kreise zu überzeugen, daß diese Verstärkung nichts anderes wäre als die notgedrungene Antwort auf im Kommen begriffene Rüstungen der Nachbarn. Vielleicht, daß es dadurch gelänge, den Zusammenstoß noch um einige Zeit hinauszuschieben. Und das verdroß den alten Herrn, dem von den reisigen Vorfahren her streitbares Blut in den Adern floß. Viel würdiger wäre es ihm erschienen und zugleich richtiger, wenn der Michel mit der starken Faust auf den Schild gehauen hätte: »Hier heran, so Ihr was von mir wollt! ... Krieg? ... Ist mir recht! Lieber als diesen faulen Frieden, an dem wir uns langsam verbluten. Und dieses heimliche Spinnen im Dunkeln wird auf die Dauer unerträglich!«

Und von den Sorgen um die leidige Politik kam der alte Herr zu denen im eigenen Hause ... In vierzehn Tagen sollte seine Tochter sich dem Manne verloben, den er ihr schon vor langer Zeit ausgesucht hatte. Weil er ihn für tüchtig hielt und an seiner Seite das geliebte Kind nicht zu entbehren brauchte. Da drüben hinter dem blauen Streif des Waldes hob sich der alte Turm des Schlosses Orlowen. Zweimal am Tage konnte er hinüberreiten, wenn ihn die Sehnsucht trieb, die Sehnsucht nach dem lieben blonden Mädel, das in seinem einsamen Herzen ein Sonnenstrahl gewesen war. Der zukünftige Bräutigam konnte den Tag kaum erwarten, an dem er endlich das Jawort erhielt. Sie aber entzog sich ihm, so oft sie nur konnte. Ging mit verschlossenem und verhärmtem Gesicht herum, als trüge sie an einem geheimen Kummer, und gab auf besorgte Fragen ausweichende Antworten.

Ein paar Tage nach der Rückkehr aus der Königsberger Klinik hatte es damit angefangen. Vorher war sie ein lustiges und unbekümmertes Mädel gewesen, hatte an seinem mehr langweiligen als schmerzhaften Lager geplaudert wie ein Starmatz, vorgelesen und gesungen, um ihm die Zeit zu kürzen, alles in überquellender Laune und Lebensfreudigkeit. Ordentlich hell wurde es jedesmal in dem nüchternen Zimmer, wenn sie hereinkam, und jetzt ging sie herum wie ein Schatten von dem, was sie früher gewesen war. Da forschte er natürlich nach der Ursache dieser Veränderung, aber der Verdacht, den er zuerst gefaßt hatte, bestätigte sich, Gott sei Dank, nicht. Aus dem interessanten und so vielbesprochenen Herrn von Foucar, den sie auf der Reise damals kennen gelernt hatte, machte sie sich nichts. Im Gegenteil, sie meinte, daß ihr das Verhalten der Ordensburger Weiblichkeit recht unwürdig und unbegreiflich vorkäme. Von ihrer Freundin Lüttritz hätte sie gehört, daß verschiedene junge Damen der Gesellschaft, die Töchter des Gymnasialdirektors, des Landgerichtspräsidenten und noch etliche andere ihre Spaziergänge jetzt zum Polnischen Tor hinaus unternähmen, an dem Häuschen des Rittmeisters von Foucar vorbei, statt wie früher nach dem nahen Beldahner Walde. Geradezu verächtlich wäre das, sich so anzubieten. Das nahm er mit Befriedigung zur Kenntnis, aber es brachte ihn der Lösung, weshalb sein liebes Mädel nun eigentlich das Köpfchen hängen ließ, nicht näher ...

Und seine Gedanken flogen in eine Zeit zurück, in der er an einer anderen diese augensichtliche Veränderung des Wesens wahrgenommen hatte von ausgelassener Laune zu Trübsal, bis er nach langer Unsicherheit zu der trostlosen Gewißheit gekommen war. Aus einer lächerlichen Ursache war er an jenem Morgen von der Fahrt zur Treibjagd wieder umgekehrt. Weil er in der Eile des Aufbruches vergessen hatte, sich mit Zigaretten zu versorgen. Da ließ er den Wagen am anderen Parkende halten, eilte zu Fuß ins Haus zurück. Und erst das erschreckte Gesicht seines Dieners, eines schuftigen, bestochenen Kerls, löste in ihm den entsetzlichen Verdacht aus. Da rannte er nach dem Schlafzimmer, die Tür war verschlossen. Unter einem Fußtritt brach sie in Splitter, ein Glück war es, daß er keine Waffe bei sich hatte. Die Frau schrie gellend auf in Todesangst, der Baron Totberg verneigte sich lächelnd.

»Keine unnützen Emotionen, Herr von Gorski, ich stelle mich Ihnen zur Verfügung. Ich war im Begriff, Ihre Frau Gemahlin zu fragen, ob sie die Meine werden wollte. Ort und Zeit sind ein wenig ungewöhnlich, ich gebe es zu, aber es dürfte sich empfehlen, keine Katastrophe zu veranstalten, sondern mich in ordnungsmäßigem Verfahren hinzurichten. Andernfalls würde ich mich zur Wehr setzen, und der Skandal würde zum Himmel stinken.«

Da ließ er ihn schweigend den Rückzug gewinnen durch das Balkonfenster in den Park. Die Frau warf sich ihm schreiend zu Füßen. Sie könnte nichts dafür, wie ein Blitz wäre es in ihre Seele gefahren, als sie den anderen zum ersten Male erblickte. Sie hätte mit sich gerungen in namenloser Qual, aber die Leidenschaft wäre stärker gewesen als die Pflicht gegen Mann und Kind. Und dann hatte er seine Rache genommen. Den Verführer fraßen schon lange die Würmer, die Frau aber trieb sich als eine Ausgestoßene in der Welt herum. Herzzerreißend waren ihre Briefe ... Das letzte Geld hatte er nach Rußland geschickt, wo sie bei Verwandten einen kärglichen Unterschlupf gefunden hatte, das bittere Brot der Fremde aß und sich noch immer mit Selbstvorwürfen zerfleischte, daß sie damals nicht genug Charakterfestigkeit besessen, gewissenlosen Einflüsterungen Widerstand zu leisten. Das waren nachträgliche Ausreden, gewiß. Doch ab und zu kamen ihm wohl Gedanken, die mit den altüberkommenen Selbstverständlichkeiten schwer vereinbar waren. Ob es damals nicht besser gewesen wäre, dem bunten Vogel, der sich bei ihm langweilte, die Freiheit zu geben? Statt den niederzuschießen, von dem sie sich aus ungewohntem, einförmigem Dasein eine Erlösung erhoffte. Er hatte damals vielleicht auch manches verabsäumt bei der an Zerstreuungen aller Art gewöhnten jungen Frau, die ihm aus geräuschvollem Leben in die Einsamkeit gefolgt war aus Liebe ... Darum spähte er manchmal sorgenvoll das Wesen seiner Tochter, ob sie von diesem flatterhaften und unruhigen Sinn vielleicht etwas geerbt hätte, sich gleich der Mutter einem posierenden Blender ohne Widerstand gefangen geben könnte.

Und heute sprang ihn zum ersten Mal eine Wahrnehmung an, daß ihm vor Erregung die den Zügel haltende Hand zitterte: genau so war es damals gewesen! Da hatte auch eine über die Damen des Städtchens, die sich dem interessanten Fremden würdelos anboten, höhnisch und verachtungsvoll gespottet, weil sie selbst sich in Eifersucht verzehrte. Aber das war doch Unsinn, sein liebes Mädel hatte diesen Herrn von Foucar nur ein einziges Mal gesehen! Und der hatte es nicht einmal für nötig befunden, der Einladung von Annemarie zu folgen, der Einladung, mit der er damals so wenig einverstanden gewesen war, daß er es unterlassen hatte, sie zu bestätigen ...

Ueber die kahlen Roggenstoppeln kam von Orlowen her ein Reiter gerast, als gälte es, in einem Jagdrennen den ersten Preis zu gewinnen. Dem Gaul flog der weiße Schaum von der Gebißstange, auf drei Schritt Entfernung riß ihn der Reiter zusammen, daß er in der Hinterhand einknickte, sich rücklings fast überschlagen hätte. Im Sattel saß Hermann von Brinckenwurff, sein Gesicht war verstört, die Augen lagen ihm tief im Kopfe.

»Jetzt weiß ich Bescheid, weshalb sie immer nicht mit Ja oder Nein 'rausrücken wollte!« schrie er ohne jede Einleitung neben der geräuschvoll arbeitenden Dreschmaschine. »Annemarie hat sich eben mit dem Rittmeister von Foucar verlobt!«

Dem alten Herrn griff eine kalte Hand nach dem Herzen, aber er bezwang sich mühsam.

»Junge, ich glaub', Du bist nicht recht bei Trost! Sie hat ihn meines Wissens doch nur ein einziges Mal gesehen?!«

»Das ist in diesen modernen Zeiten vielleicht genug! Die Frauenzimmer hier rennen ihm ja alle nach, wie verrückt benehmen sie sich. Wie die Hühner, wenn man einen fremden Hahn zwischen sie gesetzt hat. Da wackeln sie alle kokett mit dem Pürzel und ersterben in Zerflossenheit, nur weil er ein paar ausländ'sche Federn trägt!«

Herr von Gorski winkte dem Erregten, ihm ins Feld hinaus zu folgen, und legte ihm begütigend die Hand auf die Schulter.

»Na na na, Hermann! Ich will's Deiner Erregung zugute halten, aber so spricht man nicht von meiner Tochter! Und jetzt klar und deutlich, was ist los?«

Der Lange, der neben ihm ritt, schluckte auf.

»Da ist nicht viel zu erzählen. Heute früh bekam ich den Absagebrief. Ich wüßte schon weshalb – keine Ahnung hatte ich! Ich telephonier' bei Euch an, der Diener sagt mir, das gnädige Fräulein wär' in die Stadt gefahren, wahrscheinlich zu ihrer Freundin Lüttritz. Ich lauer' meinen Bruder Adolf ab, der auf Felddienstübung war, und lass' sie stellen. Da gibt es eine dramatische Szene. Allerhand Zwischenträgereien sind am Werk gewesen. Sie sagt, sie müßte mich verachten, und wirft sich diesem Herrn von Foucar an den Hals. Als seine Braut! Mein Bruder Adolf fand darauf, Gott sei Dank, a tempo die passende Antwort. Aber ich gedenke außer diesem interessanten Herrn Rittmeister noch einem anderen an den Kragen zu fahren. Diesem frechen Lausbub, Deinem Neffen Karl, mit seiner Kodderschnauze! Der hat das ganze Unglück angerichtet – ich kann ihn, Gott sei Dank, auf einem Wort festnageln, das er nur allein der Annemieze hinterbracht hat!«

Herr von Gorski hob die Hand.

»Was war das für ein Wort?«

»Ach Gott, was man so in gereizter Stimmung hinspricht, wenn man dazu ein paar Schoppen im Leibe hat. Und noch außerdem gehänselt wird, von so einem kleinen Frechdachs. Da habe ich gesagt, ich würde ... ja also, ich würde die Annemarie mir schon bändigen. Das hat er ihr hinterbracht.«

Der alte Herr ritt eine Weile lang schweigend, in Nachdenken versunken. Endlich – sie bogen in die lange Allee, die vom Kätnerdorfe zum Schlosse führte – fing er wieder an zu sprechen.

»Das mit den Forderungen überlegst Du Dir wohl noch! In Anbetracht dessen, daß damit jede – vielleicht noch mögliche – Einigung im Guten ausgeschlossen wäre. Ich möchte meine Tochter nicht im Mittelpunkt eines Skandals sehen. Das mit diesem Herrn von Foucar hoffe ich ihr auszutreiben. Das ist vielleicht nur eine vorübergehende Laune. Und wenn Du gesonnen bist, an Deiner Werbung festzuhalten ...«

»Selbstverständlich, lieber Onkel Gorski! Jetzt, wo ich sie verlieren soll, merke ich erst eigentlich, wie lieb ich sie habe. Weißt Du, vorher nahm man das als eine Art von Selbstverständlichkeit hin, aber jetzt bäumt sich mir da drinnen alles auf, wenn ich daran denke, daß vielleicht ein anderer – na schön ... da nützt kein Beschwichtigen! Wenn die Sache nicht restlos aus der Welt geschafft wird, hat dieser interessante Herr nur noch einen Tag zu leben.«

»Lieber Hermann,« sagte der alte Herr, »das sind frivole Redensarten! Mir selbst würde ein Lieblingswunsch zerstört, wenn meine Tochter Dich nicht heiraten würde. Aber sie ist ein ernsthafter Mensch. Ich kann mir kaum vorstellen, daß sie wegen eines einzigen, unbedachten Wortes ...«

Hermann von Brinckenwurff machte sich etwas an dem Zaumzeug seines Gauls zu schaffen.

»Gott, lieber Onkel, es wird viel geklatscht. Kleinigkeiten werden zu Riesenverbrechen aufgeblasen. Ich bin nicht anders als andere junge Leute von meinem Kaliber. Und den Rittmeister von Lüttritz lang' ich mir auch einmal bei Gelegenheit. Weil seine Frau zu dieser Kuppelei die Hand geboten hat.«

Der alte Herr fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

»Mir ist das eben wie ein Gußregen über den Kopf gepladdert. Du wirst begreifen, daß ich im Augenblick keinen Entschluß fassen kann. Nur eins darfst Du glauben: wenn meine Tochter Dich zu Unrecht schlecht behandelt hat, aus einer unerfindlichen Laune, gibt's kein Erbarmen. Launen gibt's nicht, wenn Du Dir nichts vorzuwerfen hast ... na, ist gut!«

Auf der Freitreppe, deren schlanke Säulen von hundertjährigem Efeu überwuchert waren, standen zwei Hand in Hand. Annemarie und der Rittmeister von Foucar. Herr von Gorski schwang sich aus dem Sattel, stieg mit finsterer Stirn die Stufen empor.

»Herr von Foucar, ich glaube zu wissen, weshalb Sie hier sind. Ich sage Ihnen gleich, ich bin dessen nicht froh. Ehe ich Ihnen jedoch die Antwort gebe, muß ich ein paar Worte mit meiner Tochter sprechen.«

Der wartende Reitknecht hatte den alten Perkuhn nach dem Stall geführt. Hermann von Brinckenwurff hielt noch im Sattel, die drei anderen standen auf der Freitreppe. Annemarie preßte einen Augenblick lang die Hand auf die Brust, dann trat sie vor.

»Lieber Vater, ich glaube, es wird nicht nötig sein, daß Herr von Brinckenwurff sich hier noch länger aufhält. Ich wundere mich, daß er die Stirn hat, mir unter die Augen zu treten, nach dem, was ich seinem Bruder gesagt habe.«

»Liebe Annemarie,« warf der im Sattel ein, »das sind doch törichte Klatschereien ...«

»Ah nein, sondern die Wahrheit, die schimpfliche Wahrheit! Durch einen blöden Zufall habe ich sie erfahren von zwei Mägden, die im Garten Bohnen pflückten, ohne mich zu sehen. Die unterhielten sich über das Schicksal, das mir bevorstände als Gattin des Orlower jungen Herrn. Und jetzt helf' mir Gott, wenn ich zwischen Euch Männern nicht zimperlich spreche wie ein junges Mädchen, das von nichts eine Ahnung hat. Ich bin ja kein Kind mehr! Mit allem, was lange Zöpfe trüge in Orlowen, hätte ich die Gunst meines zukünftigen Herrn Gemahls zu teilen, vom Stubenmädchen bis hinauf zur Mamsell! Ich flog am ganzen Körper, aber hielt mich still, um noch mehr zu hören. Und eine Stunde später ritt ich nach Orlowen und fischte mir die Mamsell. Erst leugnete sie, dann wurde sie frech. Ich sollte mir auf meine Schönheit nur nichts einbilden. Der junge Herr fände sie viel schöner und hätte ihr versprochen, sie gleich nach der Verheiratung wieder nach dem Hof zu bringen, wenn seine unbequeme alte Dame nach der Uebergabe des Gutes nichts mehr zu sagen hätte! Da spie ich aus und schrieb Dir, Hermann, den Absagebrief. Und jetzt verantworte Dich, wenn Du kannst!«

Der im Sattel lachte verlegen auf. Das Spiel war verloren, jetzt galt es nur, einen nicht unrühmlichen Rückzug zu gewinnen.

»Weißt Du, Annemieze, man sollte es kaum glauben, daß Du ein Mädel vom Lande bist! Das ist doch überspannter Kram, und nenn' mir nur einen der Herren in unserem Kreise, der als Lediger ...«

Gaston wollte vortreten mit einem heftigen Wort auf den Lippen. Der alte Herr aber hob die Hand.

»Hermann, ich frage Dich auf Ehre und Gewissen als ein Edelmann den andern: Was meine Tochter da eben sagte, ist das wahr?«

Der andere blickte trotzig in die Höhe.

»Wozu soll ich's leugnen – etwas ist schon dran! Nur die Geschichte ist maßlos übertrieben natürlich. Ich weise es ganz energisch zurück, daß ich deswegen auf ein Armesünderbänkchen soll. Ich lebe, wie es mir paßt. Und habt Euch bloß um Gottes willen nicht so! Schließlich bin ich doch ein Brinckenwurff! Wenn ich Deiner Tochter die Ehre antue, um sie zu freien, soll sie froh sein, statt hinter mir her zu spionieren!«

Aus der Brust des alten Herrn kam ein Stöhnen.

»O Du ... jetzt habe ich Dich auch erkannt! Aber eins sage ich Dir: Wenn Du nach denen suchst, die meine Tochter vertreten, zuerst stehe ich da und lass' mir dieses Recht nicht nehmen! Hörst Du, zuerst! Halt' Dich zu Hause, damit Dich meine Zeugen treffen! Und jetzt marsch, fort von meinem Hof!«

Hermann von Brinckenwurff verneigte sich im Sattel.

»Das letzte hättest Du Dir sparen können! Und Gott sei davor, daß ich mich an Deinem weißen Haupt vergreife. Es sind Jüngere da, an die ich mich halten kann!« Er wandte seinen Gaul mit einem Schenkeldruck, ritt in gestrecktem Galopp die lange Allee zurück, die über das Kalinzinner Kätnerdorf nach Orlowen führte.

Annemarie warf sich mit einem Aufschluchzen an die Brust ihres Vaters.

»Um Gottes willen, Papa, das leide ich nicht, daß Du ... Und was heißt das, daß er sich gewissermaßen herabgelassen hätte, wenn er um mich warb?«

Herr von Gorski antwortete mühsam: »Das ist eine gedankenlose Frechheit gewesen, mein Kind, nichts weiter. Weil die Brinckenwurffs sich bekanntlich einbilden, sie wären mit dem lieben Herrn Jesus Christus zugleich in dieses heidnische Land gekommen!« Und nach einer kleinen Pause der innerlichen Sammlung fuhr er fort: »Herr von Foucar, ich bitte Sie, mir es nachzusehen, wenn ich Sie jetzt nicht als Gast in mein Haus lade. Ich muß mich erst selbst zurechtfinden, ehe ich einen Entschluß fassen kann.«

Gaston verneigte sich respektvoll.

»Sehr wohl, Herr von Gorski. Es wird sich eine Stunde finden, in der Sie die Güte haben werden, mir zuzuhören. Ihr Fräulein Tochter hatte die Gnade, meiner Werbung Gehör zu schenken. Morgen werde ich anfragen, wann Sie für mich zu sprechen sind.«

Herr von Gorski nickte schweigend, Annemarie bot ihm die Hand zum Kusse. In ihren Augen glaubte er jedoch eine leichte Enttäuschung zu lesen. Aber er konnte ihr nicht helfen. Es wäre gar leicht gewesen, sich einen effektvollen Abgang zu sichern. Sich als ein Edelmütiger aufzuspielen, der es als seine Pflicht ansähe, für den Vater des geliebten Mädchens in die Bresche zu treten. Das war eine Selbstverständlichkeit, über die sprach man nicht. Und als ihn der Kalinzinner Sandschneider, aus dem er jetzt die Zügel führte, in schneller Fahrt zum Städtchen zurücktrug, überlegte er, wie er am raschesten wohl dem Herrn von Brinckenwurff die Forderung zustellen könnte, ehe ihm der alte Herr zuvorkäme.

Persönlich nach Orlowen zu fahren und mit ein paar kurzen Worten Ort und Zeit festzusetzen, ging nicht an. Nach altüberkommenem Brauche, der in manchen Fällen vielleicht lächerlich sein mochte, aber an dem man nicht zu rütteln hatte. Und da fiel ihm ein, daß er auf halbem Wege zur Stadt die Möglichkeit hatte, den Rittmeister v. Lüttritz telephonisch anzurufen, er möchte ohne jede Zeitversäumnis nach Orlowen reiten, dem Herrn von Brinckenwurff die Forderung zu überbringen. Wegen einiger unziemlicher Worte, die er sich Fräulein von Gorski gegenüber herausgenommen hätte. Dann war die Angelegenheit erledigt, und Annemarie brauchte sich nicht um ihren alten Vater zu sorgen.

Unter den rostbraunen Kiefern des Beldahner Waldes, zwischen denen die sandige Straße hinführte, stand die sonnendurchglühte Luft wie in einem Backofen. Der nur unwillig trabende Gaul hatte nasse Flanken, unter dem Riemenzeug bildete sich weißlicher Schaum, und Hunderte von blutgierigen Bremsen schwirrten ihm um die Stellen, an denen er wehrlos war. Gaston versuchte, ihm mit der Peitsche zu helfen, so gut es ging, sobald er aber in Schritt fallen wollte, trieb er ihn unbarmherzig vorwärts. Er hatte keine Zeit zu verlieren, wenn er dem alten Herrn zuvorkommen wollte.

Und wie den armen Gaul die Bremsen, stachen ihn die Gedanken. Daß nach allem menschlichen Ermessen sein Glück nur kurzen Bestand hatte – morgen um diese Zeit war er schon ein toter Mann. Weil der andere aus seiner Kaste in der Handhabung der Waffe mehr Uebung besaß. Er selbst hatte vor wichtigeren Aufgaben dazu keine Zeit gehabt. Ein junger Herr, dessen reichliche Mußestunden ihm gestatteten, sich zu einem Virtuosen im Pistolenschießen herauszubilden, schoß ihn morgen über den Haufen. Einer, dessen Leben für die Allgemeinheit so unbeträchtlich war, als wenn da um den schwitzenden Gaul eine Bremse mehr flog oder weniger, streckte einen Mann in den Sand, der in schweren Zeiten dem Vaterlande vielleicht Nützliches hätte leisten können. Verrückt war das, wenn man sich die Anschauungen derer zu eigen machte, die, von keiner Tradition beschwert, an jedem durch Jahrhunderte geheiligten Brauch zersetzende Kritik übten. Entweder gehörte man zu der Kaste, die den Begriff der persönlichen Ehre mit besonderen Gesetzen umschrieben hatte, oder man stand draußen. Ein Aussuchen von Fall zu Fall gab es da nicht. Und eine unwillige Regung erhob sich in ihm gegen sich selbst, daß er auch nur einen Augenblick lang eine Anwandlung gehabt hatte, die, genau besehen, reichlich nach Feigheit schmeckte. Als wenn er nach einem Auswege gesucht hätte. Eins aber konnte ihm niemand verwehren, daß er mit Trauer daran dachte, das Leben aufs Spiel setzen zu müssen, als es eigentlich erst anfing. Das Leben voll von Glück, von dem er zuweilen in müßigen Stunden geträumt hatte ...

Vor einer kurzen Weile erst hatte er einen Vorgeschmack von den Seligkeiten bekommen, die seiner vielleicht gewartet hätten. Als er auf dem Heimwege mit seiner langen und aufrichtigen Beichte fertig gewesen war. Da hatte die neben ihm sitzende Annemarie geantwortet: »Was soll ich dazu sagen? Du hast mich damals doch nicht gekannt. Wir alle gehen durch Irrtümer. Ehe ich Dich kannte, gab es Zeiten, in denen ich mit meinem Los ganz zufrieden war.« Und, weil sie mit den Zügeln in der Hand auf den Weg passen mußte, neigte sie sich nur ein wenig zur Seite und bot ihm die Wange. Ihm aber weitete sich die Brust unter einem bisher nicht gekannten Gefühl. Von aller Erdenschwere befreit flog man dahin in einer einzigen Glückseligkeit ...

Zwischen grünen Tannenwipfeln leuchtete ein rotes Ziegeldach. Die Waldschenke neben den Schießständen, von denen in kurzen Zwischenräumen gellende Kugelschläge durch die Mittagsschwüle drangen. Wie scharfes Peitschenknallen. Der Wirt Burdeyko, ein hagerer kleiner Mann mit ausdrucklosem Gesicht, kam eilig durch den Garten, als das Fuhrwerk mit dem schaumbedeckten Gaul auf der Straße hielt.

»Guten Tag, Herr Rittmeister. Was steht zu Diensten?«

Gaston vermochte im ersten Augenblick nicht zu antworten. Aefften ihn seine erregten Nerven, oder war das Wirklichkeit, was er eine Sekunde lang hinter einem rasch wieder vorgezogenen Fenstervorhang zu sehen geglaubt hatte? Ein gelbes Gesicht mit einem bunten Kopftuch darüber, anders geknüpft, als es hier die Bauernfrauen trugen. Er deutete mit der Peitsche nach dem Hause.

»Was ist das für ein altes Weib in Ihrer Wohnstube, Herr Burdeyko?«

Der andere blickte erstaunt auf.

»Wie meinen der Herr Rittmeister? Ein altes Weib? Da müssen Sie sich versehen haben. Nur mein Kellnerjunge ist im Hause. Sonst keine Menschenseele.«

»So, nicht? Na, ist gut! Kann ich bei Ihnen ungestört telephonieren?«

»Aber gewiß doch, Herr Rittmeister. In der Zelle neben meinem Kontorchen. Ich hab' ja auch manchmal nötig, was zu sprechen, wo kein andrer was davon hören darf.«

Gaston gab die Zügel dem hinter ihm sitzenden Kutscher und ging über den kiesbestreuten Gartenweg mit einem Angstgefühl im Herzen, das ihm den Schweiß aus allen Poren trieb. War er denn im Begriff, verrückt zu werden, weil er am hellen Tage Spukgestalten sah? Wenn er sich vielleicht auch beim ersten Male getäuscht haben konnte, diesmal erschien es ihm fast unmöglich. Wenn er sich eben nicht in einem Zustande befand, in dem man Halluzinationen hatte? Ganz deutlich hatte er das Gesicht gesehen, das ihm damals von der Begegnung in der Rankestraße im Gedächtnis geblieben war ... Da beschloß er, sich Gewißheit zu schaffen. Ohne sich an das verwunderte Gesicht des Wirtes zu kehren, durchschritt er rasch die Räume der Schenke, stieg in den niedrigen Keller und blickte auf den Hof hinaus. Wenn außer dem Gläser spülenden Kellner jemand im Hause gewesen wäre, hätte er ihn sehen müssen ... Ein Schauder flog ihm über den Rücken wie am Vormittag, diesmal aber von anderer Art. Vor sich selbst bekam er Angst und er fing an zu zweifeln, ob er noch nach klaren Erwägungen handelte ...

Das Fräulein auf dem Amte weigerte sich zunächst, die Verbindung herzustellen, wegen drohender Gewittergefahr. Es bedurfte erst einigen Zuredens und des Hinweises, daß es sich um eine wichtige militärische Meldung handle. Dann aber pochte und knatterte es in dem Apparat, er vernahm wohl, daß der Rittmeister von Lüttritz am andern Ende sprach, aber eine Verständigung war unmöglich. Da gab er es auf, die erhoffte Zeitersparnis war ärgerliche Versäumnis gewesen.

Als er wieder zu seinem Fuhrwerk kam, meldete Herr Burdeyko, soeben wäre ein ganzer Wagen mit Herren vom Dragonerregiment vorübergefahren, dazwischen die beiden Herren von Gorski.

»Schade,« sagte Gaston, »den jüngeren hätte ich gerne gesprochen,« und stieg in den Kutschiersitz. »Na, dann los, Braunerchen.«

Herr Burdeyko lief ein paar Schritte neben dem Wagen her.

»Wann soll ich zur nächsten Stunde kommen, Herr Rittmeister?«

»Weiß ich nicht,« rief er zurück, »ich lasse es Ihnen noch sagen.«

Als Gaston schon ein Ende weit gefahren war, fiel ihm plötzlich ein: wie kamen die Brüder Gorski eigentlich dazu, ohne Urlaub die Garnison zu verlassen? Beide hatten doch am Nachmittage Dienst? Der ältere beim Turnen, der jüngere beim Baden. Aber er vermochte nicht weiter zu denken. Eine Art von Stumpfheit war über ihn gekommen nach all den Aufregungen des Tages. Er dachte nur noch einen Gedanken, mit möglichster Beschleunigung den Rittmeister von Lüttritz aufzutreiben, damit dieser dem Herrn von Brinckenwurff in Orlowen die Forderung überbrachte und die blonde Annemarie Gorski ihn nicht für einen Feigling hielt, der gemächlich abwartete, bis andere vor ihm in die Bresche sprangen.

In der Wohnung des Herrn von Lüttritz erfuhr er, der Rittmeister wäre ausgegangen, ohne zu sagen, wohin. Da hinterließ er die Weisung, er bäte ihn, sofort zu ihm herauszukommen, und fuhr nach Hause, mit ohnmächtigem Zorn im Herzen. An wen sollte er sich in der Eile wenden? Jedem anderen hätte er einen langen Sermon erzählen müssen, ohne das Kind beim rechten Namen zu nennen. Und hinterher wäre die glatte Antwort gekommen, ohne vorausgegangene Anrufung des Ehrenrates wäre der Auftrag nicht auszuführen. Da gab es also nichts als warten. Und es gereute ihn fast, daß er auf der Freitreppe des Kalinzinner Schlosses in vornehmer Gesinnung mit seinen Absichten hinter dem Berge gehalten hatte.

Im Flur seines Häuschens empfing ihn der Bursche.

»Herr Rittmeister, vor einer Viertelstunde ist eine Depesche gekommen. Ich hab' sie auf den Schreibtisch gelegt.«

»Eine Depesche? Von wem denn?«

Die Frage war töricht, das wußte er. Mit zwei langen Schritten stand er im Zimmer, riß das zusammengefaltete Papier auseinander.

»Ihre Frau Mutter schwer erkrankt, ersuche dringend, sofort hierherzukommen. Ableben stündlich zu erwarten. Justizrat König.«

Die Kniee zitterten ihm, er mußte sich in den vor dem Schreibtisch stehenden Lehnstuhl setzen. Stumpfsinnig starrte er auf die mit Blaustift geschriebenen Zeilen des Telegramms, bis ihn der Schmerz jählings übermannte. Sein liebes altes Mütterchen, an das er in diesen letzten langen Wochen nicht mit einem einzigen Gedanken gedacht hatte, lag im Sterben. Die Tränen schossen ihm aus den Augen, er legte die Stirn auf die harte Tischkante, und ein Aufschluchzen erschütterte seinen Körper. Erst ganz allmählich gewann er seine Fassung wieder, fing er an zu überlegen, was zu geschehen hätte.

Der Justizrat König war der Vermögensverwalter und vertraute Freund seines Mütterchens schon seit langen Jahren. Allabendlich spielten sie ihre geruhsame Partie Bézigue, und es war ein rührendes Verhältnis zwischen den beiden alten Leutchen. Von seiten des Justizrates, der unverheiratet geblieben war, vielleicht ein wenig Pietät und wehmütige Erinnerung. An eine vor langen Jahren begrabene Hoffnung. Aber mit dem Alter war er ein Krakeeler geworden. Fast immer verzankte er sich mit seiner Partnerin, um am nächsten Vormittag mit einem poetischen Brieflein wieder um gut Wetter zu bitten, weil er ohne die abendliche Partie nicht leben konnte. Da war es eigentlich verwunderlich, daß er in so dürren Worten telegraphiert hatte, was ihn doch nicht minder schmerzlich treffen mußte als den Sohn der alten Freundin. Aber wer überlegte wohl in einem so trüben Augenblicke, ob er der notwendigen Nachricht noch ein Wort der Teilnahme hinzufügen sollte?

Also da galt es, die Vorbereitungen zu einer schleunigen Reise zu treffen. Alles übrige, was er sich vorgenommen hatte, mußte er bis zu seiner Rückkehr aufschieben. Und wenn er Annemarie ein paar Zeilen schrieb, würde sie es wohl verstehen, daß es für ihn im Augenblick keine andere Sorge gäbe als die einzige, ob er sein Mütterchen noch am Leben fände. Schier zum Verzweifeln war es, daß er hier noch stundenlang untätig sitzen mußte, indessen das alte Frauchen da unten im fernen Schwaben sich gegen den Tod wehrte. Mit keiner anderen Waffe als der Sehnsucht, den einzigen Jungen vielleicht noch einmal im Arm zu halten, seinen Kopf an ihrer Brust zu fühlen ...

Der nächste Zug, mit dem er den von Eydtkuhnen kommenden Schnellzug erreichen konnte, ging erst gegen acht Uhr abends. Bis dahin hatte er reichlich Zeit, Urlaub zu nehmen, die Schwadron dem Oberleutnant Gusovius zu übergeben und den Brief an Annemarie zu schreiben. Wenn er den durch seinen Burschen beförderte, konnte sie ihn in anderthalb Stunden haben und brauchte keine verwunderten Augen mehr zu machen ... daß er beim Abschied unterlassen hatte, das Wort zu sprechen, das sie von ihm wohl erwartet hatte.

Als er die Schublade seines Schreibtisches aufzog, um einen seiner besten Briefbogen mit der farbigen Wappenprägung herauszulangen, fiel ihm auf, daß zwischen allem, was er dort aufbewahrte, nicht die gewohnte Ordnung herrschte. Die Brieftasche mit dem letzten Schreiben seines Vaters lag nicht auf ihrem richtigen Platz. Ganz ausgeschlossen war es, daß er selbst sie dorthin gelegt haben konnte, er hielt in allem, was ihn umgab, eine geradezu pedantische Ordnung. Wenn er an seinen Bibliothekschrank ging, konnte er im Dunkeln den gesuchten Band herausholen.

Also es gab keinen Zweifel, hier hatte jemand in seiner Abwesenheit die Schublade durchsucht. Jemand, der zu dem kunstvoll gearbeiteten Schlosse einen Nachschlüssel besaß. Den eigentlichen Schlüssel trug er nebst einigen Anhängseln an einer silbernen Kette. Nachts lag sie auf dem Tischchen neben seinem Bett, beim Aufstehen befestigte er sie an der Uniformhose. Die Möglichkeit, daß er den Schlüssel aus Versehen einmal hätte stecken lassen, war überhaupt nicht zu erörtern. Aber wer sollte nur ein Interesse daran haben, hier seine Andenken, Briefe und Familienpapiere zu durchstöbern?

Und plötzlich schlossen sich die Wahrnehmungen des Tages, die er für Ausgeburten seiner überreizten Sinne gehalten hatte, mit einigen anderen zu einem Verdacht, den er zunächst nur unklar fühlte. Er griff nach der Stelle der Schublade, an der er die letzten der seltsamen russischen Briefe aufgehoben hatte, die Stelle war leer. Da gefror ihm das Blut fast in den Adern, hier war gegen ihn etwas im Werke, wie es nur ein Teufel ersinnen konnte – oder eine im Innersten ihres Herzens gekränkte Frau! Die Viertelstunde fiel ihm ein, in der er mit dem schon halb verwirrten Herrn von Wodersen über die sonnenbeschienene Straße im Grunewald gegangen war. Da hatte der von einer Rache gesprochen, die Josepha an ihrem Gatten zu nehmen gedachte, weil er sie mit einer Tänzerin oder Schauspielerin betrog – dieser Person mit der seltsamen, wie eine geborstene Glocke klingenden Stimme. Nur das hier war noch teuflischer. Heute nacht, wenn er längst schon in der Eisenbahn saß, legte man hier in diese Schublade die entwendeten Briefe, nur mit einem anderen Inhalt. Einem Inhalt, der klipp und klar bewies, daß der Rittmeister Baron Foucar von Kerdesac vom Dragonerregiment Graf Schmettau mit dem russischen Geheimbureau in Warschau landesverräterischen Verkehr hatte. Morgen stand hier in diesem Zimmer ein von der Division entsandter Kriegsgerichtsrat, fand die Beweise, und auf telegraphischen Befehl wurde er an dem Sterbebette seiner Mutter unter dem Verdachte des Landesverrats verhaftet. Selbst wenn es ihm gelang, sich von diesem Verdacht zu reinigen, war er für alle Zeiten verfemt. Es blieb immer etwas hängen, selbst wenn er sich in geweihtem Wasser wusch ... ein unbestimmter Geruch, vor dem sich die innerlich und äußerlich Sauberen zurückzogen. Und blitzähnlich reihte er alles aneinander, was gegen ihn sprach, wenn er sich verteidigen wollte. Da war schon vor seiner Versetzung das merkwürdige Interesse für die Geheimpapiere im Generalstabe, die von der strategischen Bestimmung Ostpreußens handelten im Falle eines Krieges nach zwei Fronten. Dann war da sein auffälliges Absondern von den Kameraden, seine ausgedehnten Ritte und Fahrten im Aufmarschgelände, und zuletzt der Inhalt der in seinem Schreibtisch beschlagnahmten Briefe. Die waren in Warschau aufgegeben laut Poststempel, und in ihnen stand, Gott mochte wissen, was ... Die Aufforderung vielleicht, noch über diese Position im Mobilmachungsplan nähere Auskunft zu geben oder über jene ... Und noch etwas anderes kam hinzu, woran er zuallerletzt, die anderen aber vielleicht zuallererst denken mochten: sein französischer Name und das Tröpfchen französischen Blutes, das in zehnfacher Verdünnung noch in seinen Adern floß. Ganz deutlich entsann er sich der Aeußerung des alten Herrn damals auf der Fahrt von Königsberg. Den Wortlaut wußte er nicht mehr, aber es war eine Art von Zweifel gewesen, ob Abkömmlinge einer fremden Nation wohl restlos im deutschen Volkstum aufgehen könnten. Und das Netz, das sich ihm um die Glieder schnüren sollte, war schon seit langem gesponnen. Die große Nachrichtenzentrale in Berlin war ja schon vor Wochen alarmiert, daß hier an der Grenze ein Verräter saß. Heute kam die Mitteilung, die seine Persönlichkeit genau bezeichnete, und morgen, während seiner Abwesenheit, der vernichtende Schlag. Er aber hatte nichts zu seiner Verteidigung anzuführen, als daß da vielleicht ein Racheakt vorläge. Die Rache einer in leidenschaftlicher Liebe verratenen Frau. Er sah ordentlich das ungläubige Lächeln seiner Richter ...

Die Haare sträubten sich ihm, so grauenhaft war das. Nur ein Glied fehlte noch in der Kette der Voraussetzungen, nämlich daß da die auf dem Tische liegende Nachricht von der schweren Erkrankung seines Mütterchens gefälscht war. Dann war das alles kein leeres Hirngespinst, sondern grausige Wirklichkeit. Da erhob er sich mühsam, ging zu dem an der Wand hängenden Telephon.

Gott sei Dank, der Apparat funktionierte wieder, das Amt Ordensburg meldete sich.

»Liebes Fräulein,« sagte er, »wenn ich jetzt dringend nach Eßlingen telegraphieren würde, mit dringender Rückantwort bezahlt, wann könnte wohl die Antwort wieder hier sein?«

»Eßlingen in Württemberg?«

»Jawohl!«

»Etwa eine Stunde. Wenn Sie mir nämlich die Depesche telephonisch aufgeben.«

»So, kann man das?«

»Aber natürlich, schon immer!«

Da diktierte er: »Justizrat König, Eßlingen. Erhalte soeben von Ihnen Depesche über schwere Erkrankung meiner Mutter. Habe Gründe zur Annahme, daß diese Depesche nicht von Ihnen herrührt, sondern andere Zwecke verfolgt. Bitte dringende Antwort. Gaston.«

Das Fräulein auf dem Amte wiederholte den Wortlaut, als sie den Namen »Gaston« aussprach, bekam ihre Stimme einen schmelzenden Klang.

»Herr Rittmeister Baron von Foucar?«

»Allerdings!«

»Gott, wie interessant! Die Depesche wird noch in dieser Minute abgeschickt werden!«

Da mußte er, mitten in aller Aufregung, lachen. Die kleine Telephondame schien eine jener stillen Verehrerinnen zu sein, von deren Existenz er selbst keine Ahnung hatte.

»Freut mich sehr, mein gnädiges Fräulein! Wenn Sie nun noch die Güte haben wollten, mir die aus Eßlingen eintreffende Nachricht telephonisch mitzuteilen, statt durch Boten, wäre ich Ihnen sehr verbunden. Das geht doch hoffentlich auch?«

»Aber selbstverständlich!«

Gaston hing den Hörer an und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. Noch eine ganze lange Stunde hatte er zu warten, bis er die entscheidende Nachricht bekam. Inzwischen aber mußte er die Vorbereitungen zur Abreise treffen, um keinen Argwohn zu erregen. Er rief seinen Burschen.

»Wichotta, ich muß heute abend auf mehrere Tage verreisen. Legen Sie mir Zivil zurecht, und holen Sie den großen Lederkoffer vom Boden!«

»Befehl, Herr Rittmeister!« sagte der vierschrötige Masur und machte sich daran, den Auftrag auszuführen. Gaston hatte ihn scharf angesehen, er traute keinem Menschen mehr. Er hätte darauf geschworen, der Kerl war mit im Komplott, aber in dem sonnenverbrannten, stumpfsinnigen Gesicht zuckte keine Muskel.

Der Zweifel sprang ihn an, ob er sich vielleicht nicht bloß mit selbstgeschaffenen Gespenstern quälte, und er durchforschte sein Gedächtnis. Aber es gab keinen Irrtum, er wußte genau, er hatte die letzten aus Warschau gekommenen Briefe hier in der Schublade verwahrt. Aus einem instinktiven Angstgefühl, er könnte sie vielleicht irgendwie einmal als Beweismittel gebrauchen. Und diese Briefe waren fort. Von einem Unbekannten hier aus seinem Schreibtisch entwendet. Dieser Diebstahl mußte doch einen Zweck haben. Und von neuem überfiel ihn das Grausen, was geschehen wäre, wenn ein Zufall nicht seinen Verdacht geweckt hätte.

Der Zeiger an der kleinen Stutzuhr auf dem Schreibtische kroch wie eine Schnecke; Gaston versuchte den Brief zu schreiben, den er sich vorgenommen hatte, aber er konnte seine Gedanken nicht sammeln, die Unruhe fraß ihn fast auf. Draußen erklang die Türglocke, er schrak unwillkürlich zusammen. Ein eisiger Schauder flog ihm über den Rücken. Wie, wenn er nun mit seiner Entdeckung zu spät gekommen wäre?

Der Bursche meldete nach kurzer Pause: »Herr Leutnant von Gorski.«

»Ich lasse bitten.«

Der Kleine trat über die Schwelle. Sein Gesicht sah vergnügt aus wie immer mit den großen Ohren und der keck in die Luft ragenden Hakennase. Gaston atmete erleichtert auf.

»Na, lieber Gorski, was bringen Sie Gutes?«

Ein kaum merkliches Blinzeln mahnte zur Vorsicht.

»Ich hatte nur die Absicht, dem Herrn Rittmeister im Vorbeigehen gehorsamst guten Tag zu sagen und, wenn möglich, einen Kognak zu schinden.«

Gaston hatte verstanden, daß etwas Besonderes vorgefallen war.

»Charmant,« sagte er, »sollen Sie gleich kriegen.« Und zu dem Burschen Wichotta, der nur zögernd zur Tür schritt, mit gespieltem Selbstvorwurf: »Herrgott, das Wichtigste hätte ich beinahe vergessen! Sie müssen ja sofort zum Herrn Oberst gehen mit meinem Urlaubsgesuch. Warten Sie einen Augenblick!« Er warf einige Zeilen auf einen Bogen in vorschriftsmäßigem Dienstformat, verschloß ihn in einen Umschlag und mahnte den Burschen zur Eile. Karl von Gorski fragte respektvoll, aber nicht ohne leichte Verwunderung: »Herr Rittmeister beabsichtigen, jetzt auf Urlaub zu gehen?«

»Ja! Ich habe vor einer Stunde ungefähr eine Nachricht erhalten, die mich nötigt, noch heute für ein paar Tage zu verreisen. Aber jetzt erzählen Sie, was ist mit Ihnen los?«

»Ach Gott, nichts Besonderes. Ich bin eigentlich nur gekommen, um mich vom Herrn Rittmeister zu verabschieden. Man wird mich wohl von morgen an für längere Zeit einsperren. Wegen Nichtachtung einer ganzen Reihe von Vorschriften, die der preußische Leutnant zu befolgen hat, wenn er seinen hohen Vorgesetzten ein Wohlgefallen sein will.«

»Ach nee! Was haben Sie denn so Böses ausgefressen?«

»Ich habe mich soeben mit Herrn Hermann von Brinckenwurff ohne vorherige Befragung des Ehrenrates im Beldahner Wald geschossen.«

Gaston fuhr auf: »Was haben Sie?«

»Mich mit Herrn von Brinckenwurff geschossen!«

»Und was ist herausgekommen?«

»Nicht allzu viel. Immerhin wird es einige Monate dauern, bis mein Komparent seinen rechten Arm wieder zum Pistolenschießen gebrauchen kann. Der Knochen ist gesplittert, und die Kugel sitzt irgendwo in der Schulter. Der Doktor buddelt noch danach. Vielleicht aber benutzt Herr von Brinckenwurff die unfreiwillige Muße zu innerer Einkehr und wird wieder friedlich.«

Gaston schwoll die Ader auf der Stirn.

»Hat er Sie gefordert, oder Sie ihn?«

»Das letztere. Gleich nachdem Herr Rittmeister von Kalinzinnen abgefahren waren, rief mich nämlich meine Cousine Annemarie telephonisch an, Herr von Brinckenwurff hätte sich in despektierlicher Weise über die ganze Sippe derer von Gorski erhoben. Das verdroß mich natürlich als Mitglied dieser ehrenwerten Familie, und da benutzte ich die segensreiche Erfindung des Fernsprechers, um meinem ehemaligen Jugendfreunde auf diesem ungeheuer viel Zeit ersparenden Wege aufs Dach zu steigen. Er verfuhr am anderen Ende der Leitung auch nicht sänftiglich mit mir, und da einigten wir uns rasch. Eine Stunde später trafen wir uns mit dem nötigen Apparat an Sekundanten, Unparteiischem und so weiter an den idyllischen Ufern des Tatarensees – das Ergebnis habe ich Herrn Rittmeister schon gemeldet.«

Gaston hatte mit zornigen Augen zugehört.

»Herr von Gorski, ich kann Ihnen nicht verhehlen, daß Sie mir da in höchst unerfreulicher Weise in die Quere gekommen sind. Mir gehörte der Mann, der es sich herausgenommen hatte, gegen meine ... gegen eine junge Dame, die mir nahesteht, also der es sich erlaubt hatte, ungezogen zu werden. Wie soll ich's jetzt Fräulein Annemarie erklären, daß ich nicht sofort im Augenblick dazwischentrat? Weil es mir als billige Renommage erschienen wäre. Jetzt muß sie denken, es hätte mir vielleicht an dem erforderlichen Mute gefehlt. Und alles nur, weil es mir nicht gelungen ist, Herrn von Lüttritz zu erreichen, der die Uebermittlung meiner Forderung ohne lange Auseinandersetzungen übernommen hätte!«

Der Kleine machte ein möglichst zerknirschtes Gesicht.

»Ich sehe ein, Herr Rittmeister, ich bin leider Gottes noch immer ein vorlauter und unbesonnener Knabe. Aber da ich schon längst die Befürchtung hegte, diese Untugenden könnten mich vielleicht einmal in Konflikte stürzen, paukte ich mich in meinen Mußestunden auf Pistolen ein. Durch Fleiß und Eifer brachte ich's im Laufe der Jahre dahin, daß ich sogar um ein weniges besser schoß als der lange Brinckenwurff. Und der konnte es eklig, produzierte manchmal, wenn wir im Park von Orlowen übten, recht nette Kunststücke. Da sagte ich mir in diesem Falle, es ist doch nicht gerade nötig, daß er diese Fertigkeit zur Ausrottung meiner ganzen Verwandtschaft mißbraucht. Nicht nur meines verehrungswürdigen Onkels in Kalinzinnen, sondern auch eines, allerdings erst anzuheiratenden Cousins.«

Gaston hatte verstanden, die Augenwinkel wurden ihm feucht.

»Na ja, schön! Aber ich kann nun reden und reden ...«

Karl von Gorski schluckte ein wenig, sah zum Fenster hinaus, vor dem ein plötzlich einsetzender Windstoß die fruchtbehangenen Kronen der Obstbäume bog.

»Ja natürlich! Diese kleinen Frauenzimmer ... pardon, ich wollte sagen, jungen Damen ... ja also, es ist zu merkwürdig. Mit der einen Hälfte des Herzens zittern sie um den Geliebten, in der anderen Hälfte aber regt sich allerhand Unklares, Romantisches ... Ich hab' sie gründlich angebrüllt per Telephon, meine Cousine Annemarie. Und zufällig traf ich die richtigen Argumente, die ihr einleuchteten: daß Herr Rittmeister nämlich keiner von denen wären, die gleich einer eilegenden Henne kakeln und spektakeln würden, wenn sie sich etwas vorgenommen hätten.«

Gaston atmete tief auf, streckte die Hand aus.

»Junge, wie soll ich Dir das alles mal vergelten?«

Der Kleine schnüffelte mit der Nase, aber sein Mund lachte schon wieder.

»Privatdiskursch, Herr Rittmeister, wie unsere österreichischen Bundeskollegen sagen?«

»Aber natürlich!«

»Dann, lieber Vetter Gaston, machen Sie um Unbeträchtlichkeiten kein Brimborium! Ein Pistolenvirtuose wie ich, der auf dreißig Schritt und Kommando Eins 'nen Hosenknopp trifft, hat's verdammt billig, Mut zu zeigen. Immerhin, wenn ich in Weichselmünde sitze und Ihr auf der Hochzeitsreise seid im schönen Land Italia, bitt' ich um eine Ansichtskarte. Die kleb' ich dann mit einem leichten Seufzer an die kahle Zellenwand und beseh' sie von Zeit zu Zeit mit neiderfülltem Herzen.«

Das Telephon schrillte an der Wand, Gaston hob den Hörer ab.

»Ja, hier Rittmeister von Foucar.«

»Die Antwort aus Eßlingen ist da,« sagte das Fräulein auf dem Amte, »darf ich vorlesen?«

»Ja, bitte!«

»Also: Rittmeister von Foucar, Ordensburg. Sehr erstaunt über Anfrage. Ihre Mutter vor Wochen unpäßlich gewesen, jetzt wieder ganz gesund. Spielen abends Bézigue wie immer und zanken uns, hoffen, Sie nach Manöver längere Zeit hier zu sehen. Gruß von Mutter und Justizrat König.«

»Danke verbindlichst,« sagte Gaston. Seine Stimme klang heiser vor Erregung. Die Beweiskette war geschlossen. Er deckte die Hand über die Augen, lehnte sich ein Weilchen lang mit der Schulter gegen die Mauer. Die überreizten Nerven gehorchten nicht mehr, er schluchzte leicht auf.

Karl von Gorski sprang hinzu.

»Um Gottes willen, Herr Rittmeister, haben Sie eine traurige Nachricht gekriegt?«

Da sammelte er sich langsam.

»Nein, lieber Kleiner. Nur, ich mache hier eben 'was durch ... das könnte auch einen Stärkeren umwerfen. Wenn mir nicht der liebe Gott geholfen hätte, als es vielleicht noch Zeit war, war ich morgen ein verfemter Mann.« Und er fing an, zu erzählen, wie es angefangen hatte, was jetzt in einem grausigen Werk der Vernichtung endigen sollte.

Als er alles herunter hatte von der Seele, kehrte auch seine Ruhe wieder. Ganz kaltblütig traf er seine Dispositionen. Am Abend reiste er natürlich ab, als wenn er nicht den geringsten Argwohn geschöpft hätte, stieg auf der ersten Station wieder aus und fuhr mit vorher bestelltem Wagen zurück. Mit Dunkelwerden rückte die fünfte Schwadron zu einer Nachtfelddienstübung aus, stellte sich am Eisenbahndamme auf, und dann gab es ein Kesseltreiben um das kleine Häuschen. Eine einzige Schwierigkeit war nur zu überwinden. Wie man nämlich einen zuverlässigen Mann im Hause unterbrachte, ohne daß der Bursche Wichotta argwöhnisch wurde. Es war vielleicht nur eine Vermutung, daß er dem geplanten Anschlag Vorschub leistete, aber sicher war sicher. Und irgend jemand mußte doch da sein, der den weit fort am Bahndamm haltenden Dragonern ein Zeichen gab, den Ring zu schließen, wenn die Verbrecher am Werke waren.

Der Kleine hatte in einer Art von Erstarrung zugehört.

»Grauenhaft ist das,« sagte er endlich, »und wenn die gefälschte Depesche da nicht wäre ... na schön! Den Wagen in Kalinzinnen stelle ich. Ich will es auch übernehmen, mich nach Dunkelwerden hier in den Garten zu pürschen, aber einen Rat möchte ich mir noch erlauben: es dürfte sich doch sehr empfehlen, auch den Herrn Oberstleutnant ins Vertrauen zu ziehen. Es urteilt sich bedeutend leichter, wenn man schon vor der Verhandlung Partei ergriffen hat.«

Gaston konnte nicht mehr antworten, der Bursche trat ins Zimmer, brachte den Bescheid vom Regimentsbureau. Er riß das Kuvert auf und sagte mit gespieltem Erstaunen: »Denken Sie sich bloß, Herr von Gorski, der Kommandeur will mich noch sprechen, ehe ich auf Urlaub gehe!«

Der Kleine heuchelte mit: »Wahrscheinlich handelt es sich um den Bericht wegen des Zwischenfalles an der Grenze. Aber da müssen Herr Rittmeister sich beeilen. Um acht Uhr geht der Zug.«

»Ja natürlich. Also, Wichotta, packen Sie fertig! Den Krümperwagen bestelle ich selbst im Vorbeigehen. Und in einem zweiten Koffer Paradeanzug mit allem, was dazu gehört. Für den Fall, daß ich ihn da unten gebrauchen sollte.«

Der Bursche machte ein betrübtes Gesicht. Er verriet sich in seiner Dummheit, ohne es selbst zu merken.

»Ich wünsch' Herrn Rittmeister,« sagte er, »die traurigen Nachrichten sollen sich nicht bewahrheiten.«

Da wechselte Gaston mit seinem Leutnant einen kurzen Blick. Es stimmte. Der Schweinehund da war mit im Komplott.

Und ein paar Stunden später kannte der Rittmeister von Foucar alle Einzelheiten des gegen ihn gerichteten Anschlages.

Der Zug setzte sich schon in Bewegung, da wurde im letzten Augenblick die Coupétür aufgerissen, ein Reisender stieg noch ein. Gaston blickte auf, es war der pensionierte Kanzleibeamte, der sich auf der anderen Straßenseite angesiedelt hatte! Da wußte er Bescheid. Der Kerl fuhr mit, um seine Spießgesellen zu warnen, falls irgend ein unerwarteter Zwischenfall einträte. Und in einer Viertelstunde mußte er mit ihm ins Reine kommen, denn fünfzehn Minuten fuhr der Zug nur bis zu der ersten Station. Da eröffnete er kurzerhand die Feindseligkeiten.

»Sehr nett von Ihnen, Herr Nachbar, daß Sie sich persönlich davon überzeugen, ob ich auch wirklich abgefahren bin. Wie weit sollen Sie mich nun eigentlich begleiten, damit die Schweinerei in meinem Schreibtisch fertig ist?«

Der andere sah ihn ganz entgeistert an.

»Wie ... wie meinen Sie das, Herr Rittmeister?«

Da mußte er auflachen. Der Kerl sah komisch aus mit dem vor Erstaunen geöffneten Munde.

»Kommt Ihnen ein bißchen überraschend? Na, dann lassen Sie sich sagen, wir beide werden schon in Kalinzinnen aussteigen. Und sehen Sie mich nicht so ungläubig an: Sie werden wirklich mit aussteigen! Nur ich werde natürlich dafür sorgen, daß Sie mit keinem Telephon in Verbindung kommen. Um – na sagen wir mal – nach der Waldschenke Nachricht zu geben!«

Das letzte hatte er nur aufs Geratewohl gesprochen, aber die Wirkung war niederschmetternd. Der angebliche Kanzleibeamte bog sich vor.

»Herr, woher wissen ... Das heißt, ja« – er nahm sich gewaltsam zusammen – »das ist nämlich alles Unsinn. Und ich weiß wirklich nicht, was Sie von mir wollen. Ich fahr' ganz harmlos nach Berlin, und da kommen Sie her ...«

»Ganz recht,« sagte Gaston gemütlich, »und da komme ich her, ersuche Sie höflichst, mit mir schon in Kalinzinnen auszusteigen! Und nun wollen wir unser Geschäft in Ruhe erledigen. Bitte, greifen Sie nicht immer nach Ihrer rückwärtigen Hosentasche ... ich kann mir denken, daß Sie da was bei sich tragen, aber ich glaube, ich bin beträchtlich stärker als Sie. Ich verdresche Sie unbarmherzig, wenn Sie nicht sofort die Hand wieder nach vorn nehmen. So! Und nun beantworten Sie mir gefälligst die Frage: Was haben Sie eigentlich davon, daß Sie mich bis Berlin begleiten, indessen Frau Ursula Blazitschek mit Herrn Burdeyko die gefälschten russischen Briefe in meinen Schreibtisch praktiziert? Ich habe Ihnen persönlich doch nie 'was getan?«

Der andere saß wie vor den Kopf geschlagen da.

»Herr, das ist ... das ist ...«

»Na, über die Bezeichnung des gegen mich gerichteten Anschlages wollen wir nicht streiten, nennen wir ihn niederträchtig meinetwegen. Aber ich bin gesonnen, Sie ungeschoren laufen zu lassen, wenn Sie mir wahrheitsgemäß ein paar Fragen beantworten.«

»Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, Herr Rittmeister?«

Gaston mußte unwillkürlich lächeln.

»Damit muß man sparsam sein, Herr Nachbar! Aber so etwas Aehnliches gebe ich Ihnen. Also: Wer hat nun die Gemeinheit, die ich im letzten Augenblick noch – Gott sei Dank – vereiteln konnte, angezettelt?«

»Das habe ich erst in diesen Tagen erfahren, Herr Rittmeister. Dieses alte Weib ... So oft sie Ihren Namen nannte, spie sie aus vor Haß. Ich selbst war vor Wochen von meinem Bureau aus Berlin hierher geschickt, um Sie zu beobachten. Nichts weiter. Ich kannte Sie nämlich schon. Von der Königsallee her, wie der Herr von Wodersen sich totschoß. Da stand ich auch auf Posten. Aber im Auftrage des verstorbenen Herrn Rheinthaler. Also jetzt gingen die Berichte an die Witwe. Wissen Sie, da stören wir uns nicht daran. Es kommt oft genug vor, daß wir zwei Parteien gleichzeitig bedienen. Den Mann beobachten im Auftrag der Frau, und die Frau im Auftrag vom Mann. Das ist eben unser Geschäft.«

»Kann ich verstehen,« sagte Gaston, »aber, Herr, hat Ihnen nicht ein bißchen wenigstens das Gewissen geschlagen, als Sie erfuhren, was man gegen mich plante?«

Der andere zuckte die Achseln.

»Meinen Sie, Herr Rittmeister, ein Berliner Detektivbureau sucht sich seine Angestellten in den Kreisen der Herren Reserveoffiziere? Und dieses alte Frauenzimmer aus Berlin schmiß nur so mit dem Geld. Der Burdeyko kriegt hunderttausend Mark, wenn die Briefe in Ihrem Schreibtisch liegen, Ihr Bursche sechstausend. Das sind doch Vermögen für solche Leute! Und der Wirt Burdeyko hat lange mit sich gekämpft. Aber er hat Kinder, und mit dem Geld kann er sich in Südrußland ein ganzes Rittergut kaufen. Da fiel er natürlich um.«

»Natürlich! Und nur eins noch: Haben Sie aus den Gesprächen mit dieser Frau Blazitschek vielleicht erfahren, wer eigentlich den Plan gegen mich geschmiedet hat? Die alte Hexe allein, oder war auch Frau Rheinthaler daran beteiligt?«

»Da muß ich ehrlich gestehen, Herr Rittmeister, das weiß ich nicht. Die Alte hat nur gelegentlich mal erzählt, ihre Herrin hätte tagelang geweint, als von Ihnen plötzlich der Brief mit der Absage kam.«

»Es ist gut,« sagte Gaston heiser. »Und schließlich ist es auch egal. Gewußt hat sie jedenfalls darum. Woher sollte sonst wohl das Geld stammen?«

Die Wagenbremsen zogen kreischend an, der Zug hielt an der kleinen Station. Der Schaffner lief den Bahnsteig entlang: »Kalinzinnen, eine Minute.«

Gaston stand auf.

»Kommen Sie, Verehrtester!«

»Ich denke, Herr Rittmeister wollten mich doch laufen lassen?«

»Sehr richtig, hatte ich versprochen. Aber erst, wenn Sie keinen Unfug mehr anrichten können. Also vorwärts!«

Sie standen auf dem Perron, Gaston rief den rotbemützten Stationsbeamten an:

»Herr Vorsteher, kennen Sie mich?«

»Sehr wohl, Herr Rittmeister.«

»Na, dann heben Sie mir diesen Gentleman hier auf, bis Sie von mir persönlich Nachricht kriegen, ihn wieder freizulassen! Es handelt sich um eine militärische Angelegenheit von einiger Wichtigkeit, und Sie haben doch gewiß ein sicheres Gelaß, in dem Sie ihn unterbringen können?«

»Sehr wohl, Herr Rittmeister. Einen Güterwagen. Wenn wir von außen die großen Riegel vorlegen!«

Der »pensionierte Kanzleibeamte« begehrte auf.

»Da protestiere ich! Das ist Freiheitsberaubung.«

»Ganz recht, lieber Freund. Es sieht verdammt danach aus. Aber ich stelle Ihnen anheim: Wollen Sie lieber mit mir nach Ordensburg zurückfahren, zu Ihren Spießgesellen? Sie ziehen es vor, in dem Güterwagen zu übernachten? Ist mir auch recht. Viel Vergnügen.«

Hinter dem ziegelgedeckten Schuppen, der die Wartehalle der Station Kalinzinnen darstellte, hielt ein geschlossener Wagen. Gaston trat heran und fragte den Kutscher: »Sind Sie von Herrn Leutnant von Gorski bestellt? Für den Rittmeister von Foucar?«

Aus dem Wageninnern antwortete eine helle Stimme:

»Zu Befehl! Steigen Sie nur ein, Herr Rittmeister.«

Da schrie er fast auf:

»Annemarie!«

»Ja, ich, natürlich. Aber jetzt rasch. Ich schätze nämlich, mein lieber Papa hat mittlerweile seinen alten Perkuhn bestiegen, um mich von einem Schritt zurückzuhalten, den er für höchst unpassend ansehen würde. Ich hatte unserer alten Repräsentationsdame den Auftrag gegeben, ihn zwanzig Minuten nach meiner Abfahrt davon zu unterrichten, daß ich im Begriffe wäre, mich unrettbar mit Dir zu kompromittieren ... Wegen Beschleunigung des Jawortes.«

»O, Du ... Du himmlischer Kerl von Mädel, Du!«

Sie saßen eng aneinandergeschmiegt in dem dunklen Wagen, der bei der raschen Fahrt in den Gleisen des holperigen Landweges stuckerte und schleuderte. Wenn sie sich küssen wollten, stießen sie mit den Köpfen gegeneinander. Da lachten sie wie fröhliche Kinder. Und es ergab sich, daß Gaston nicht viel mehr zu erzählen hatte. Das telephonische Gespräch, das Karl von Gorski mit seiner Cousine geführt hatte, war ausführlich genug gewesen. Und plötzlich schlang Annemarie ihre Arme um den Verlobten und drängte ihr Gesicht ganz nahe an das seinige.

»Du, sie tut mir leid! Ich wüßte auch nicht, was ich anfangen würde, wenn ich Dich wieder hergeben sollte. Vielleicht würde ich mich ebenfalls rächen! Aber was machen wir nur mit meinem Vetter Karl? Dem müssen wir eine ganz besonders feine Dedikation stiften, denn ohne ihn wären wir doch nie zusammengekommen?«

Da zog er sie fester an sich, raunte an ihrem Ohr, halb mit Lachen:

»Bei den Foucars war es Sitte, den Erstgeborenen Gaston zu taufen. Ich heiße auch noch so, aber das Geschlecht wird immer mehr verdeutscht. Da dürfte es sich vielleicht empfehlen, den nächsten Foucar Karl zu nennen.«

Sie barg ihr Gesicht an seiner Brust und schloß ihm mit der kleinen, festen Hand den Mund. Wohlweislich aber erst, als er ausgesprochen hatte ...


Es ging schon auf Mitternacht, als der Bursche Wichotta dem Wirt der Waldschenke die Tür öffnete, in dem kleinen Häuschen vor dem Tor. Er zitterte vor Aufregung am ganzen Körper.

»Ach Gott, Herr Burdeyko, wenn's nu aber schief geht? Sie sind morgen früh schon längst über der Grenz', aber ich muß hierbleiben. Und dann fängt die Fragerei an nach allem möglichen! Da bricht nur der Angstschweiß schon jetzt aus am ganzen Leib.«

Der andere zischelte leise: »Dummer Kerl, zweitausend Taler verdient man vielleicht im Schlaf? Und wer kann Dir was beweisen, wenn Du nur immer sagst, Du weißt von nichts? Du hast hinten im Pferdestall geschlafen. Wie sollst Du da hören, ob hier vorne einer die Tür aufschließt?«

Die alte Frau mit dem bunten Kopftuche löste sich von dem Staketenzaun wie ein Schatten.

»Vorwärts, vorwärts. Da hinten aus dem Dunkeln zieht sich 'was heran. Ich riech' es, Pferde sind unterwegs.«

Herr Burdeyko horchte mit angehaltenem Atem in die Nacht hinaus.

»Ach Unsinn, es ist nichts zu hören. Und der Rittmeister ist harmlos unterwegs nach Eßlingen. Sonst hätten wir doch längst schon Nachricht, wenn er Verdacht geschöpft hätte.«

Der Bursche Wichotta ging vorsichtig voran, sie standen zu dritt am Schreibtisch. Eine abgeblendete Kerze verbreitete einen matten Schimmer. Herr Burdeyko holte den nach einem Wachsabdruck zurechtgefeilten Schlüssel aus der Tasche.

»Na nu, verehrte Frau Blazitschek ... erst das Geld! Sonst streik' ich. Es ist eine fürchterliche Schweinerei.«

Die Alte zog ein dickes Paket brauner Scheine aus dem Brusttuche. Herr Burdeyko fing an, sorgfältig zu zählen. Der Bursche stand dabei, sah mit gierigen Augen zu.

»Na, das ist doch aber ... Sie sollen so viel kriegen, und ich so wenig? Wo ich meine Haut doch am meisten zu Markt trag'?«

Herr Burdeyko hob den Kopf und stieß das unter dem Schreibtisch stehende Licht mit dem Fuße um.

»Sei still, dummer Kerl, da draußen ist wirklich ...«

Weiter kam er nicht. Zu beiden Türen drang es herein. Er griff nach dem Browning. Ein greller Lichtstrahl blendete seine Augen, eine schwere Faust flog gegen seine Schläfe. Im Zusammenbrechen hörte er nur wie von weitem, daß die Alte, die ihn durch ein ungeheuerliches Geldangebot zu dem Verrate verführt hatte, wie eine vom Teufel Besessene schrie.

Die Gefangenen waren abgeführt. Gaston von Foucar stand mit den Offizieren seiner Schwadron in dem hell erleuchteten Zimmer. Die Augen lagen ihnen tief im Kopfe nach der aufregenden Jagd. Der Kommandeur saß am Schreibtische und las die Briefe, die man dem Gastwirt Burdeyko abgenommen hatte. Endlich fuhr er sich mit der Hand über die Stirn.

»Herr von Foucar, wenn ich diese Briefe ohne Vorbereitung gelesen hätte und in Ihrer Abwesenheit – ich wüßte nicht, wie ich geurteilt hätte! Aber jetzt wollen wir ins Kasino gehen, lieber Foucar, und eine vergnügte Flasche Sekt trinken. Ich spendiere sie mit dankbarem Herzen, weil meinem geliebten Regiment ein zum Himmel stinkender Skandal erspart worden ist.«

»Heißen Dank, Herr Oberstleutnant, aber ich möchte im die Erlaubnis bitten, eine Viertelstunde später erscheinen zu dürfen. Bei Frau von Lüttritz erwartet mich jemand.«

»Hab' schon 'was läuten hören, von dem Kleinen da, der in den nächsten Tagen uns auf längere Zeit verlassen wird. Um allerhand Schandtaten abzusitzen.«

Karl von Gorski klappte die Hacken zusammen und machte sein respektvolles Gesicht. Nur die in seiner Nähe stehenden Offiziere mußten das Lachen verbeißen, weil er in seiner bekannten Manier bei der Antwort mit den Ohren wackelte.

»Sehr wohl, Herr Oberstleutnant,« sagte er, »ich bin tief zerknirscht. Aber drei Monate Weichselmünde sind rasch herum. Namentlich wenn man sie in zwei Hälften absitzen kann. Ich schätze nämlich, wenn ich zur Hochzeit meines lieben Vetters Foucar ein Urlaubsgesuch einreiche, werden Herr Oberstleutnant die Gnade haben, dies Gesuch zu befürworten ...«

Der Kommandeur lachte auf.

»Frechdachs! Aber heute abend sollen Sie mein lieber Ehrengast sein beim Schoppen im Kasino. Und wenn wir über kurz oder lang zu ernsterem Beginnen reiten, sollen Sie mit Ihrem Zug die Spitze haben, Leutnant von Gorski! Vorwärts, meine Herren ...«

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