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Sturmflut. Zweite Abteilung

Friedrich Spielhagen: Sturmflut. Zweite Abteilung - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleSturmflut. Zweite Abteilung
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
printrun33.-34. Auflage
year1913
firstpub1877
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141027
projectid381adaf6
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Achtes Kapitel

Muß ich dem Droschkenkutscher für meine kleine Person und meinen kleinen Koffer wirklich zwanzig Silbergroschen bezahlen? fragte Mieting, die Tür zu Elses Zimmern aufreißend.

Mein Gott! Mieting!

Erst beantworte mir meine Frage!

Ich weiß es nicht.

Das gnädige Fräulein weiß es auch nicht, August! rief Mieting auf den Korridor hinaus; bezahlen Sie ihm also, was er haben will. – Und nun, du Liebe, Einzige, Beste, sage mir, ob ich dir willkommen bin!

Mieting flog Elsen um den Hals, lachend und weinend: siehst du, nun bin ich doch hier – ohne Brief, nachdem ich mich hundertmal angemeldet. Ich hatte es endlich heraus: wenn der Papa sagte: du kannst morgen fahren, dann wurde es nichts, weil morgen wer oder was anderes gefahren werden mußte. Und als er es heute beim Kaffee wieder sagte, sagte ich: nein, morgen nicht, aber heute, sofort, auf der Stelle, tout de suite! packte meinen Koffer – er ist darum so klein geworden – meine Wäsche hing auf der Leine – du wirst mir schon aushelfen, und da bin ich. Und was den Droschkenkutscher betrifft, so ist es nur, weil mein Papa sagte: nimm dich vor den Bauernfängern in acht! und meine Mama sagte: Ach, was Bauernfänger, wenn sie nur sonst verständig ist! Und nun habe ich mir unterwegs mit schrecklichen Eiden zugeschworen, furchtbar verständig zu sein und dir keine Schande zu machen, und da mußte ich doch gleich mit dem Droschkenkutscher anfangen – siehst du!

Und Mieting tanzte im Zimmer umher und fiel Elsen dann wieder um den Hals und rief: dies ist der schönste Abend meines Lebens, und wenn du mich morgen früh wieder wegschickst – der schönste Abend war es doch!

Und ich hoffe, daß diesem Abend noch manche glückliche folgen werden – für uns beide! Ach, du weißt gar nicht, liebes Mieting, wie willkommen du mir bist! rief Else, Mieting Umarmung und Kuß herzlich zurückgebend.

Wenn ich das nur weiß, sagte Mieting, so will ich das andre gar nicht wissen, das heißt: ich möchte es eigentlich schrecklich gern; aber verständig sein und diskret sein, ist jetzt für mich Ehrensache, weißt du; und von dieser Seite kennst du mich noch gar nicht; – ich mich auch nicht. Wir müssen mich erst kennen lernen, das wird himmlisch amüsant sein – Gott, welchen Unsinn ich vor lauter Freude schwatze!

Mietings Anwesenheit war für das Haus in der Springbrunnenstraße wie ein Sonnenstrahl, der durch eine Ritze der geschlossenen Läden in ein dunkles Zimmer fällt. Es wird nicht lichter Tag, es bleiben der schweren Schatten noch genug, und wer an einem Spiegel zufällig vorübergeht, erschrickt wohl gar über das eigne, melancholisch-matte Bild; man bewegt sich sehr vorsichtig, um nicht anzustoßen; man spricht mit gedämpfter Stimme aus Furcht vor dem, was die Schatten vielleicht noch verbergen – aber man bewegt sich doch, man spricht doch, es ist doch nicht das alte stumme Dunkel mit seinen Schrecken.

So war denn kaum eine Woche vergangen, als sich das heitergesprächige Mädchen bereits zum Liebling aller und jedem beinahe unentbehrlich gemacht hatte. Der General, der sich fast gänzlich in sein Zimmer zurückgezogen, brachte wieder, wie sonst, wenn man nicht in Gesellschaft war, ein paar Abendstunden in der Familie zu; ließ sich von Mieting über landwirtschaftliche Dinge, in denen sie Autorität selbst für ihren Papa zu sein behauptete – unterrichten und wiederum von ihr ausfragen: was denn eigentlich eine Schlacht sei! ob Moltke wohl manchmal gähne, wenn die Sache sich in die Länge ziehe? und ob ein Leutnant Lackstiefel in der Schlacht tragen dürfe? – Mich überläuft ein Schauder, wenn ich dergleichen höre, Else; deine Freundin ist ein enfant terrible, sagte Sidonie; war aber sofort beruhigt und getröstet, als Mieting das größte Interesse für ihren »Hofhaushalt« an den Tag legte und behauptete, das sei doch ein ganz anderes Ding, wie die Strumminer Hofwirtschaft. Man bewegt sich stets in der besten Gesellschaft von Durchlauchten und Erlauchten, und wenn man auch einmal in die Silberwaschküche gerate, so sei in ihren Augen eine beeidigte Silberwäscherin doch auch eine Respektsperson. – Sie hat wirklich ganz vortreffliche Anlagen, sagte Sidonie, und das entschiedene Verlangen, sich zu unterrichten. Ich habe ihr den ersten Teil von Malorties »Hof-Marschall« gegeben; ihr könnt euch des Abends eine halbe Stunde daraus vorlesen, anstatt bis um zwei Uhr zu plaudern – der Himmel mag wissen, wo ihr nur immer den Stoff hernehmt! – Selbst Ottomar, der seit seiner Verlobung sich kaum noch im Hause blicken ließ, – bei uns ist er nicht, sagte Carla, – erschien jetzt wieder, wenn er wußte, daß der Vater nicht zugegen sein würde, und neckte sich mit dem schelmischen Mädchen so lustig, – daß es einem ins Herz schnitt, meinte Else. – Die Dienstboten selbst waren von dem fremden gnädigen Fräulein entzückt. – Ottomars Bursche behauptete: die passe zehnmal besser für seinen Herrn Leutnant; die Kammerjungfer lobte an ihr, daß man sich doch wenigstens mit ihr zanken könne, was bei dem gnädigen Fräulein ganz unmöglich sei, und August sagte: sie sei eine aus dem Effeff.

Aber auch in der Gesellschaft machte Mieting die größten Eroberungen. Die alte Baronin Kniebreche fand sie tout à fait ridicule, mais délicieuse. Das Wort machte, wie alles, was aus diesem zahnlosen Munde kam, die Runde, und la délicieuse ridicule war überall willkommen. Wartenberg meinte, das Mädchen »bringe jedesmal Leben in die Bude«; Tettritz gemahnte sie immer an die Hirtenflöte in Tristan; Schönau sagte, sie sei »eine Natur«; und Mieting fand zum Dank dafür alle und alles scharmant; sie habe gar nicht geglaubt, daß es so viele scharmante Menschen gebe; aber du bist doch die Aller- Allerbeste, Else, und weiter hat das Ganze keinen Zweck!

In der Tat hatte das gutherzige Mädchen, während sie sich mit voller Lust dem bunten Treiben der Gesellschaft hinzugeben, ja manchmal darin aufzugehen schien, nur ein ernsthaftes Interesse, und das war: Else zu lieben und ihr zu Gefallen zu leben. Sie war gekommen, weil der schwermutvolle Ton in Elses letzten Briefen sie erschreckt und betrübt hatte und sie besser als irgend ein anderer die Ursache dieser Schwermut zu kennen glaubte. Daß die Verlobung des Bruders, auch wenn sie noch so sehr gegen Elses Wunsch war, die Freundin so tief bekümmern sollte, konnte sie sich nicht denken; – daß die Differenz zwischen dem Vater und der Tante Valerie und was damit zusammenhing, die sonst so Heitere, Mutige, bis zu diesem Grade verstimmte und entmutigte, wollte ihr auch nicht zu Sinn. Andre Gründe aber hatte Else nicht angegeben und konnte oder mochte sie auch nicht angeben, da für sie, wie für Tante Sidonie, der eigentliche Zusammenhang der tragischen Umstände bei Ottomars Verlobung zu ihrem Glück ein Geheimnis war und ihr eigenes Geheimnis von ihrem keuschen Stolz sorgsam behütet wurde.

So sorgsam, daß auch jetzt in den vertraulichen Plaudereien, die die Freundinnen – zu Tante Sidoniens Entsetzen – so tief in die Nacht hinein wach hielten, wenn sie nach dem Familientee oder, aus einer Gesellschaft heimkehrend, sich auf ihre Zimmer zurückgezogen hatten, kein Wort über ihre verschwiegenen Lippen kam und Mieting an ihrem eigenen Scharfsinn zu verzweifeln begann. Um so mehr, als jene Verhältnisse, die Else so viel Kummer machten, in der Nähe auch wirklich bedenklicher aussahen, als sie Mieting nach den kurzen brieflichen Andeutungen erschienen waren. Mieting hatte jetzt Ottomar und Carla persönlich kennen gelernt; Ottomar, obgleich er, wie Else sagte, nur noch ein Schatten des alten Ottomar war, hatte sie bezaubert, und Carla war die einzige Dame des Kreises, die ihr gründlich mißfallen. Auch sie war der Ansicht, daß die Verbindung eines so ungleichen Paares unmöglich zum Glück ausschlagen könne, ja, daß sich Ottomar bereits jetzt unglücklich genug fühle. Dazu das unerquickliche Verhältnis, das, nach Elses Aussage, allerdings bereits in der letzten Zeit vor der Verlobung zwischen Vater und Sohn bestanden, sich aber jetzt, wo doch scheinbar alles ins gleiche gebracht war, noch viel verschlimmert hatte und für das Else keinen andern Grund auffinden konnte, als Ottomars noch immer bedenkliche, vielleicht verzweifelte finanzielle Lage.

Dann war Mieting auch bei der Baronin Valerie eingeführt worden, hatte mit Elsen für die interessante und zweifellos höchst unglückliche Frau zu sympathisieren gelernt und stand auch hier mit Elsen vor einem schweren, unheimlichen Rätsel. Welches war das Verhältnis zwischen dieser Frau und dem Manne, den sie grenzenlos geliebt haben mußte, als sie ihm alles zum Opfer brachte, was sonst einer Frau teuer ist? den sie noch lieben mußte, da sie fortfuhr, ihm Opfer zu bringen – Opfer, die ihr doch so schwer zu werden schienen? Hatte sie nicht wieder und wieder zu Elsen gesagt, daß sie ohne Elses Liebe, ohne die Verzeihung des Bruders nicht mehr leben könne! und doch wagte sie in Giraldis Gegenwart auch nicht das kleinste Liebeszeichen gegen Else, wagte nicht, die Bedingung zu erfüllen, die ihr der General gestellt, wenn mehr als von einer oberflächlichen gesellschaftlichen Berührung, von einer wirklichen Aussöhnung zwischen ihm und ihr die Rede sein solle – wagte nicht, sich von Giraldi zu trennen, schien vielmehr nach wie vor unter der absoluten Herrschaft des dämonischen Mannes zu stehen!

Das sind ja alles schlimme Dinge, sagte Mieting; aber das sehe ich nicht ein, warum du deshalb dein jung frisch Leben vertrauern sollst. Liebe Zeit! so etwas kommt schließlich in allen Familien vor. Meine Schwägerin gefällt mir auch ganz und gar nicht; mein Bruder ist ein echter Strummin: immer lustig und oben hinaus, und sie ist eine richtige Suse, die den armen Menschen mit ihrer trocknen Philisterhaftigkeit und ewigen Bedenklichkeit zur Verzweiflung bringt. Und was das mit den Onkels und Tanten auf sich hat, – na, davon kann ich erst recht ein Wort mitsprechen. Den Onkel Malte – auf Gransewitz, weißt du – drei Meilen von uns – sehen wir alle drei Jahre einmal, und dann zankt sich der Papa fürchterlich mit ihm; von Onkel Hans – er war auch Offizier, ging dann in österreichische Dienste und später nach Brasilien, – haben wir seit sechs Jahren nichts gehört; Tante Gusting, an einen Baron Carlström nach Schweden verheiratet, ist wieder so vornehm geworden, daß sie nur einen halben Tag bei uns blieb, als sie im vorigen Herbst nach Strummin kam: die Kombination von Tabaksrauch und Pflaumenmusduft sei ihr odiös gewesen, schrieb sie nachher – und so könnte ich dir noch tausend herzbrechende Geschichten aus andern Familien erzählen. Mein Papa sagt immer: wenn man auch noch für alle seine Verwandten verantwortlich sein soll, dann hört das Vergnügen auf.

So tröstete Mieting, während sie ihr langes rotblondes Haar flocht, auf das sie jetzt ein wenig eitel war, seitdem Signor Giraldi in einer großen Gesellschaft bei Tante Valerie erklärt, daß es die echte Tizianische Farbe habe; oder kosend und plaudernd auf dem Rand von Elses Bett saß – wie an dem ersten Abend auf Golmberg.

Mieting kam wiederholt auf diesen Abend zurück. War es doch das Christfest ihrer Freundschaft gewesen, sagte Mieting, und frischte doch die Begegnung mit dem Grafen Golm, den sie in allen Gesellschaften trafen und der auch in letzter Zeit ein und das andere Mal sich zur häuslichen Teestunde eingestellt hatte, die teuere Erinnerung immer wieder auf.

Aber Mieting wollte keineswegs bloß in Erinnerungen schwelgen, wie sie sich den Anschein gab, und ihre Vermutung, daß Else sich ganz und gar nicht für den Grafen interessiere, hatte noch jede Gelegenheit, die beiden zusammenzusehen, bestätigt; aber wenn sie von den Ereignissen auf Golmberg sprach: von der Abendtafel und dem Morgenspaziergang, – war es doch ganz unverfänglich, ja gar nicht zu vermeiden, daß unter andern ein Name erwähnt wurde, den Else aus freien Stücken niemals über die Lippen brachte und von dem Mieting überzeugt war, daß er Tag und Nacht in Elses Herzen widerklang.

Gerade weil sie ihn nicht über die Lippen brachte. – Das muß doch einen Grund haben, sagte sich Mieting, und ebenso, daß er, der hier eingeführt und, nach allem, was ich von Tante Sidonie höre, so gut, ja glänzend empfangen worden ist, sich gar niemals sehen läßt; und dieser Grund muß einer und derselbe, und kann nicht anders als ein trauriger, und muß eben der Grund von Elses Traurigkeit sein.

Aber jeder noch etwa auftauchende Zweifel an der Richtigkeit dieser Schlußfolgerung war verschwunden, als sie eines Tages – ganz zufällig – sie hatte nicht danach gesucht, wahrhaftig nicht, aber ihre Garderobe hatte die entschiedene Neigung, unter Elses Garderobe zu geraten – in der Tasche des blauen Tarlatankleides, das Else gestern abend in der Gesellschaft bei Sattelstädts angehabt, einen harten Gegenstand fühlte, den sie für ein Portemonnaie hielt und, weil sie der Kammerjungfer nicht recht traute, herausnehmen zu müssen glaubte, und in dem sie, zu ihrer nicht geringen Verwunderung einen Taschenkompaß in einer sehr zierlichen Kapsel aus Elfenbein erkennen mußte. In dem innern Deckel der Kapsel aber hatte mit sehr kleinen, aber doch ganz lesbaren goldenen Buchstaben ein gewisser Name gestanden, den Else ganz vergessen zu haben schien. Mieting hatte gemeint, daß sie, da Verständigkeit und Diskretion bei ihr jetzt Ehrensache, wohl am besten tue, wenn sie auf den Finderlohn verzichte; hatte die Kapsel – allerdings nicht ohne ein ganz indiskretes Lächeln – wieder geschlossen, in die Tasche zurückgleiten lassen und sich in das Fenster gesetzt, um an ihre Mama zu schreiben, und war so eifrig beim Schreiben gewesen, daß sie nicht ein einziges Mal vom Papier aufblickte, als Else nach einer Minute – sie hatte ihre Wirtschaft ordnen wollen – wieder heraufkam, ein paarmal, ohne ein Wort zu sagen, in dem Zimmerchen aus und ab ging, dabei dem Tarlatankleide, das ganz gelassen über der Stuhllehne hing, sich immer mehr näherte und endlich – Mieting war wieder einmal in die vorhergehende Zeile geraten und konnte deshalb durchaus nicht hinsehen – das Tarlatankleid von der Lehne nahm und in den Schrank hängte. Und dabei mußte denn wohl die Kapsel herausgefallen sein – obgleich Mieting nichts hatte fallen hören – in der Tasche war sie wenigstens nicht mehr – wie Mieting, nachdem Else wieder gegangen war, konstatierte – diesmal nicht zufällig – ich muß endlich einmal wissen, woran ich bin, sagte Mieting – um ihrethalben!

In den beiden folgenden Tagen wurde Mieting in auffallender Weise ihrem Programm untreu. Sie war in der Gesellschaft, sehr gegen ihre Gewohnheit, zerstreut und schweigsam, legte dafür vor der Dienerschaft eine indiskrete Neugier über die Verhältnisse und Gewohnheiten der benachbarten Familien, besonders der Schmidtschen, an den Tag, trieb die Unverständigkeit sogar so weit, von ihrer bevorstehenden Abreise zu sprechen, und daß es die höchste Zeit sei, verschiedene Besuche bei Freunden der Eltern zu machen, die sie bisher in sträflicher Weise vernachlässigt habe. Sie ging auch in der Tat einige Male ohne Elsen aus und war besonders den Nachmittag des dritten Tages auf mehrere Stunden verschwunden, kam dann freilich zum Tee nach Hause, aber so wunderlich aufgeregt, daß es selbst Tante Sidonie nicht entging und Else anfing, sich ernstlich zu beunruhigen.

Doch wie erschrak Else, als Mieting ihr, nachdem sie beide sich früher als gewöhnlich zurückgezogen, um den Hals fiel und unter heftigstem Weinen rief: Else, Else, du brauchst dich nicht mehr zu ängstigen und zu grämen! Ich schwöre es dir bei dem, was mir das Heiligste ist: unsrer Freundschaft, er liebt dich! ich weiß es von ihm selbst!

Die erste Wirkung dieser Worte schien nicht die von Mieting erwünschte und erhoffte zu sein, denn Else brach jetzt ebenfalls in Tränen aus; aber Mieting fühlte, während sie die Freundin im Arm hielt und ihren Kopf an ihren Busen drückte, daß die Tränen, wie heiß und leidenschaftlich auch immer, doch keine Schmerzenstränen waren; daß der starre Gram, der Elses armes Herz so lange bedrückte, sich gelöst und daß sie stolz und glücklich sein durfte, der Freundin diesen Dienst geleistet und den Bann gebrochen zu haben.

Und nun laß dir erzählen, wie ich es angefangen, sagte sie, indem sie Else zu sich auf das Sofa zog und die Hände in ihren Händen behielt. Die ganze Schwierigkeit, siehst du, lag darin, ihn einmal selbst zu sprechen; aber nun sprich mal mit einem, der nicht kommt, dem man an keinem Orte begegnet, weder in der Gesellschaft, noch auf der Straße, obgleich man Wand an Wand wohnt, und zu dem man auch nicht hingehen kann, und wenn man die reinsten Absichten von der Welt hat. Ich legte mich also aufs Horchen bei den Leuten. August war der ausgiebigste – er ist so etwas wie ein Vetter von dem alten Diener drüben – und nun hörte ich zu dem, was ich bereits wußte, daß er die Vormittage auf seinem Zimmer arbeitet und die Nachmittage in dem Atelier von einem Bildhauer, – Anders heißt er, – verbringt, der ihn »moduliert«, sagte August; ich dachte, es würde wohl modelliert heißen, obgleich ich für mein Teil auch nicht wußte, was das war. Nun erinnerst du dich vielleicht, daß am Dienstag abend bei deiner Tante Valerie so viel über Kunst debattiert wurde und Herr Giraldi wiederholt auf Herrn Anders zu sprechen kam, und daß er sich schon längst vorgenommen, Herrn Anders einmal in seinem Atelier aufzusuchen und sich seine neuesten Arbeiten anzusehen, da der Satyr mit dem Amor leider bereits verkauft sei. Ich hatte damals kaum darauf geachtet; jetzt fiel mir alles Wort für Wort wieder ein, und mein Plan war fertig. Ich besuchte gestern Tante Valerie, brachte die Rede wieder aus die Bildhauerei, und daß ich so schrecklich gern einmal einen Bildhauer bei der Arbeit sehen möchte; ob Herr Giraldi mich nicht einmal in ein Atelier führen könne, aber womöglich in das von Herrn Anders, der uns so nahe wohne und weil meine Zeit jetzt doch nur noch sehr beschränkt sei? Herr Giraldi – das muß man ihm lassen: was die Höflichkeit betrifft, da ist er allen unsern Herren über – war gleich bereit, und auch deine Tante sagte zu; aber nur, wie mir schien, weil Herr Giraldi es wünschte. Und richtig, als ich heute nachmittag Schlag vier Uhr hinkomme, empfing mich Herr Giraldi allein: müßte mit ihm vorlieb nehmen, deine Tante hätte Migräne – alles mit seinem höflichen Lächeln – du kennst es ja: aber in seinen Augen war es bös finster – ich dachte gleich: es hätte eine Szene gegeben. Das tat mir schrecklich leid, und der Gedanke, mit Herrn Giraldi allein die Expedition zu machen, war auch nicht gerade tröstlich; aber es handelte sich ja um dich, und da würde ich mit Rinaldini – wache auf, weißt du – durch die Abbruzzen wandern. So schlimm sollte es nun nicht werden, denn als wir eben gehen wollten, wer kommt? – deine himmlische Tante, mit verweinten Augen – leider! und sehr angegriffen, aber zum Ausfahren angezogen fix und fertig; Herr Giraldi küßte ihr die Hand – so versteht's selbst Ottomar nicht – und hauchte ein paar Worte italienisch, worauf deine Tante lächelte – ich sage dir: er kann sie um den kleinen Finger wickeln. Fort ging's; und nun paß Achtung, du liebe, süße, einzige Dirn!

Hier fielen sich die Freundinnen weinend in die Arme, bis Mieting in ihrer Verständigkeit schluchzte: ich weiß gar nicht, weshalb du nur weinst; du weißt ja noch gar nichts, siehst du; und wenn du so aufgeregt bist und mich aus dem Text bringst, kann ich nicht ordentlich erzählen, siehst du! Also: bist du schon einmal in einem Atelier gewesen? natürlich nicht. Denke dir einen Raum, wie unsere Kirche in Strummin – die kennst du nicht – denke dir also einen Raum, so weit und so hoch, wie du willst, und den ganzen hohen, weiten Raum voll – na, das läßt sich eben nicht beschreiben, besonders von einem jungen Mädchen – ich sage dir: ich wußte doch ein paarmal nicht, wo ich die Augen lassen sollte; aber er – nein, jetzt mußt du aber wirklich auch ein bißchen verständig sein – er half mir über alles glücklich weg und führte mich immer nur dahin, wo es ganz oder doch beinahe ordentlich zuging, und dann hatten wir auch – Gott, ich hatte mir das alles so zurecht gelegt, unten beim Tee, und nun weiß ich rein gar nichts mehr. Ich weiß nur, daß, als wir hereinkamen – ganz unerwartet, weißt du – er von dem Stuhle aufsprang, wie elektrisiert, und vor Freuden ganz rot wurde und, als wir endlich ein vernünftiges Wort zusammen sprechen konnten, nichts sagte, als: Fräulein von Strummin, mein gnädiges Fräulein! nein! wie ist es möglich! wie ist es möglich! – Gott, Else, er hätte wirklich weiter gar nichts zu sagen brauchen: ich wußte, woran ich war! aber es blieb natürlich nicht dabei; ich mußte ihm doch erzählen: wieso es möglich war, und daß ich schon seit zwei Wochen hier bei dir bin – und – du darfst nicht glauben, Else, daß ich unverständig oder indiskret gewesen – wir haben eben über dich gesprochen, wie sich das von selbst verstand, und weshalb er sich gar nicht mehr sehen lasse – das mußte ich doch fragen! und da sagte er: wie gern ich käme, das brauche ich Sie nicht zu versichern – mit einem Akzent auf »Sie«, Else, weißt du! – leider – jetzt paß auf, Else! – gibt es Verhältnisse, die mächtiger sind, als daß wir beim besten Willen uns darüber wegsetzen könnten, und ich bitte Sie, glauben zu wollen, daß ich unter diesen Verhältnissen mehr leide, als ich sagen kann und darf. Dabei strich er sich über die Stirn und sagte dann: aber ich komme sicher noch einmal, bevor ich von hier fortgehe. – Wohin? – Ich habe gestern abend einen Brief von – nun rate mal, Else! – von dem lieben Präsidenten hat er einen Brief gehabt, und hat – denke dir nur, Else! – die Lotsenkommandeurstelle in Wissow wirklich erhalten – in Wissow, Else! Ich wußte vor Freude gar nicht, was ich sagen sollte; aber er las mir die Gedanken vom Gesicht und lächelte und sagte: wir sind dann halbe Nachbarn, gnädiges Fräulein. – Und wollen gute Nachbarschaft halten, sagte ich. – Das wollen wir, sagte er. – Und wenn wir einmal Besuch aus Berlin haben, sagte ich; – Und Sie mich mit einer Einladung beehren, sagte er; – So kommen Sie, sagte ich; – und da sagte er – nein; da sagte er gar nichts, Else; aber er drückte mir die Hand! hier, Else, hast du die Hand wieder! denn sie war nicht für mich, sondern für dich, du liebe, liebe -, süße Dirn!

Die Freundinnen hielten sich lange umschlungen, und dann folgte eine eingehende Erörterung der wichtigen Frage: was Reinhold unter den »Verhältnissen« verstanden haben könne? – Wir bringen's nicht heraus, sagte Mieting endlich; die Verhältnisse sind eben die Verhältnisse, weißt du: daß du Else von Werben heißt und er Reinhold Schmidt, und du eine reiche Erbin bist und wenn du nur wolltest, den reichsten und vornehmsten Mann heiraten könntest, und er arm ist und »Frau Lotsenkommandeur« allerdings nicht wie Frau Baronin oder Frau Gräfin klingt. Vielleicht hat er auch gehört – man hört hier ja alles – daß du dein Erbe verlierst, wenn du deinem lieben Herzen folgst, und da hat er auch wahrhaftig recht, von »Verhältnissen« zu sprechen, ganz abscheulichen Verhältnissen! – Else gab das zu, meinte dann aber, sie sehe in alle dem noch keinen Grund, weshalb er nicht wieder zu ihnen gekommen sei und selbst der Vater augenscheinlich seinen Namen vermeide. Sie wolle jetzt auch nur gestehen, daß sie sich vor drei Tagen unbeschreiblich auf die Gesellschaft bei Sattelstädts gefreut habe, weil sie gewußt, daß Reinhold ebenfalls geladen sei, und selbst dort habe er absagen lassen – ein Beweis, wie er jede Möglichkeit vermeide, selbst an einem dritten Orte mit ihr zusammenzutreffen.

Ich will es schon herausbringen, sagte Mieting.

Wie wäre das möglich?

Mieting lachte: Ich tue nichts halb; morgen gehe ich wieder hin. Willst du mit?

Aber Mieting!

Ich kann dich auch nicht brauchen, sagte Mieting; – es muß eine alte Dame sein, eine Anstandsdame. Wir haben aber schon eine; morgen vormittag mache ich bei ihr Visite, und morgen nachmittag, wie gesagt, fangen wir an.

Aber, um Himmels willen, Mieting, wovon sprichst du nur?

Mieting sagte, es hätte eigentlich eine Überraschung sein sollen; aber unter drei Sitzungen würde sie im besten Falle nicht fertig, und so lange könnte sie es ja doch nicht geheim halten; so sei es am Ende besser, wenn sie gleich alles beichte.

Wir mußten nämlich, sagte Mieting, schließlich doch unser Gespräch abbrechen und uns ein bißchen um die andern bekümmern, die unterdessen auch in dem Atelier herumgewandert waren und sich italienisch unterhalten hatten, was Herr Anders wunderschön sprechen soll, sagte Herr Giraldi. Es war auch noch ein Italiener da – ein bildschöner Mensch mit einer Papiermütze auf den rabenschwarzen Locken – sie tragen alle Papiermützen – des Marmorstaubes wegen, sagte Herr Anders, der übrigens gar nicht wunderschön ist, – ich hätte nie geglaubt, daß ein Künstler und noch dazu ein so großer, sagen sie ja, so wenig stattlich aussehen und so klein sein könne. Und wenn man ihn erst sprechen hört, so glaubt man's erst recht nicht; denn wie der schwatzen kann, Else, der ist mir noch über, weißt du; und wie der lachen kann, Else, das läßt sich gar nicht beschreiben: daß einem das Herz im Leibe mitlacht vor lauter Vergnügen, ihn lachen zu hören und zu sehen. So etwas Drolliges gibt es gar nicht mehr, seinen kleinen zottigen Affenpinscher ausgenommen: der ist ebenso drollig. – Wir stehen also vor dem Bilde von Reinhold, – so rund, weißt du, und erhaben – in Relief, nennen sie's – und die Ähnlichkeit! – zum Küssen, sage ich dir! – Für wen ist denn das? frage ich. – Für die zukünftige Frau Gemahlin des Herrn Originals, sagt Herr Anders; – sie soll es an einem schwarzen Sammetbande als Medaillon um den Hals tragen. – Denke dir, Else, den Unsinn! ein Medaillon, so groß wie ein kleines Wagenrad! so redet er nun immer. – Es ist eine Studie für die Skizzen dort, sagt Reinhold. Nun wurden die Skizzen besehen – entzückend, sage ich dir: eine Schlacht – das wäre was für deinen Papa! – und eine »Hilfsbereitschaft«, wo ein alter Herr hinter einem Tische sitzt, und ein blindes Mädchen kommt heran mit ihrer Gabe – ich habe weinen müssen, wie ich das sah, und deiner Tante standen auch die Tränen in den Augen – und andere Frauen und Mädchen. – Wer doch auch dabei sein könnte! sage ich, so recht aus Herzensgrunde. – Das Vergnügen können Sie jeden Augenblick haben und mir nebenbei noch eine unaussprechliche Freude machen, sagte Justus – so heißt er nämlich mit Vornamen – drolliger Name, nicht? – Wieso? sage ich. – Sehen Sie, hier ist noch ein famöser« Platz, sagt er; – famös ist nämlich sein drittes Wort – für ein recht lebensfrohes, heitres Gesicht, wie ich es mir schon längst gewünscht, weil mir die Geschichte sonst zu sentimental wird, nur daß ich kein gutes Modell hatte: bitte, bitte, liebes Fräulein, sitzen Sie mir Modell! – Gott, Else, ich wußte ja gar nicht, was das war, und ich sagte dir schon, da waren in dem Atelier wunderliche Dinge; aber ich blickte nur deinen Reinhold an, und er sagte: Ja tun Sie's – so mit den Augen! weißt du; und so sagte ich ganz dreist: Ja, ich will es tun, und Herr Giraldi sagte: eine Königin könne mich um die Ehre beneiden, in einem solchen Kunstwerk verewigt zu werden, und übermorgen werde ich verewigt!

Else hätte die ganze Nacht zuhören können; aber Mieting, die einen so ereignisreichen Tag glücklich hinter sich und die Gewohnheit, um zehn Uhr spätestens todmüde zu sein, noch immer nicht ganz überwunden hatte, fielen über dem Reden fast die Augen zu, und Else brachte sie zu Bett und küßte das gute Kind, das seine Arme um ihren Hals schlang und schlaftrunken lallte: nicht wahr, Else, – blaues Tarlatan – Kompaß noch einen Kuß! – und ehe sich Else wieder aufgerichtet hatte, fest entschlummert war.

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