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Sturmflut. Zweite Abteilung

Friedrich Spielhagen: Sturmflut. Zweite Abteilung - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleSturmflut. Zweite Abteilung
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
printrun33.-34. Auflage
year1913
firstpub1877
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141027
projectid381adaf6
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Siebentes Kapitel

Die Freunde hatten in der letzten Zeit, als Ferdinande noch das Bett hütete, Onkel Ernst sein Zimmer fast nicht mehr verließ und das Schmidtsche Familienleben infolgedessen so gut wie zerstört war, ihre Abende ziemlich gleichmäßig, wie sie sagten, oder sehr ungleichmäßig, wie Tante Rikchen sagte, zwischen dieser und Kreisels geteilt. Reinhold mußte der Tante recht geben und versuchte auch weiter nicht, sich zu entschuldigen, da er nicht lügen mochte und den wahren Grund doch nicht bekennen durfte. Die Wahrheit aber bestand darin, daß ihm die ewigen Klagen der Tante den Rest des Lebensmutes zu rauben drohten und er umgekehrt in der sonnigen Atmosphäre, die das liebe blinde Mädchen um sich her verbreitete, den Trost und die Labung fand, deren er so sehr bedurfte. Freilich war auch diese sonnige Atmosphäre in letzter Zeit ein wenig getrübt gewesen. Es war eine Vermutung der Freunde, mit der sie allerdings das gute Mädchen nicht behelligten, daß der wunderliche alte Herr, nachdem er einmal, wie er sich ausdrückte, mit Ehren doch nicht länger Sozialist sein könne, dem Lieblingswunsch seines Herzens, für Cilli auch nach seinem Tode zu sorgen, nun sogar seine Abneigung gegen das Börsenspiel zum Opfer gebracht habe und mit dem winzigen Vermögen, das er sich im Laufe der Jahre mühsam zusammengespart, eifrigst spekuliere. Er tat zwar sehr geheimnisvoll damit und leugnete es, wenn Justus ihn damit neckte, rundweg ab; aber Justus ließ sich nicht irre machen und wollte sogar aus einer gelegentlichen Äußerung entnommen haben, daß es der trübe Stern der Berlin-Sundiner sei, dem der alte Herr das schwankende Schifflein seines Glückes anvertraut. Damit schien denn freilich übereinzustimmen, daß in den letzten Tagen, während derer das fast entwertete Papier infolge der neuen glückverheißenden Aspekte zu einem Gegenstande wildester Spekulation geworden und fast um das Doppelte gestiegen war, auch die gute Laune des alten Herrn sich wieder eingefunden hatte und er manchmal sogar sich in den trockenen Späßchen versuchte, auf die er nur in ganz besonders rosiger Laune verfiel. Cilli sagte: nun wäre alles wieder gut für sie, und Reinhold hatte, wenn sie das mit ihrem holden Lächeln versicherte, sich eine andere, viel schlimmere Sorge auszureden gesucht – eine Sorge, die er einmal gegen Justus angedeutet, worauf dieser in seiner leichten Weise erwidert: Unsinn! Liebe ist eine Schwachheit; Engel haben keine Schwächen; Cilli ist ein Engel, und damit – basta!

Er fand Cilli allein in dem bescheidenen Wohnzimmerchen, im Begriff, die Teesachen auf dem runden Tischchen vor dem alten, vergilbten, harten Sofa zu ordnen. Sie verrichtete dergleichen kleine häusliche Arbeiten mit einer Sicherheit, die einen Fremden über ihren Zustand vollkommen getäuscht haben würde, und mit einer Anmut, die Reinhold immer von neuem entzückte. Auch litt sie nicht, daß man ihr dabei half; – es ist grausam, sagte sie, mich nicht das wenige tun zu lassen, was ich tun kann.

So saß er denn auch jetzt in der Sofaecke, die ihm ein für allemal angewiesen war – die andere gehörte dem Vater, wenn er aus dem Kontor heimkehrte – und schaute zu, wie sie mit ihren schwebenden Schritten kam und ging und, so oft sie wieder an den Tisch trat, ihn mit lächelnder Miene aber- und abermals willkommen zu heißen schien.

Wo bleibt Justus? fragte sie.

Er wollte sich nur eben umziehen.

Wie weit ist er mit Ihnen?

Ich werde morgen oder übermorgen fertig.

Dann komme ich daran; ich freue mich so darauf – ich meine: auf das Bild. Ich möchte gar zu gern wissen, wie ich aussehe. Wenn ich auch noch so oft so mache – sie strich langsam mit dem zarten Zeigefinger über ihr Profil – das ist gerade, als ob Ihr in den Spiegel blickt; Ihr wißt doch nicht, wie Ihr ausseht, bis es Euch ein großer Künstler in Eurem Bilde zeigt. Justus will mich auch in Lebensgröße machen.

Aber den kleinen Gefallen hätte er Ihnen doch schon längst tun können.

Es ist kein kleiner Gefallen, wenn er auch noch so wunderbar schnell schafft, erwiderte Cilli eifrig. – Jede Stunde, jede Minute sind ihm kostbar; er ist sie alle seiner Arbeit schuldig; nun, da er mich für seine Arbeit brauchen kann, ist es freilich etwas anderes.

Wissen Sie denn, liebe Cilli, wie wir übrigen aussehen?

Ganz genau: Sie sind ein großer Mann mit lockigem Haar und Bart und breiter Stirn und blauen Augen. Justus ist nicht so groß? nicht?

Er ist ein wenig kleiner, liebe Cilli.

Aber nur ein ganz klein wenig, fuhr Cilli triumphierend fort; – auch ist sein Haar nicht so voll? nicht?

Die letzten Worte waren etwas zögernd herausgekommen.

An den Schläfen, liebe Cilli.

Nur an den Schläfen – natürlich! sagte Cilli schnell; aber seine Hauptschönheit sind seine Augen: große flammende Künstleraugen, die eine Welt umfassen! – o, ich weiß, wie ihr beide ausseht! und der Vater, den könnte ich nun zeichnen!

Sie lachte glückselig und wurde plötzlich wieder ernst; deshalb bin ich aber auch so betrübt, wenn die lieben Gesichter nicht heiter sind. Justus' Gesicht ist immer heiter; dafür ist er ein Künstler, der kann nur im Sonnenschein leben; auch der Vater hat ja jetzt seine liebe alte Heiterkeit wiedergefunden; nun müssen Sie auch wieder werden, wie Sie am ersten Tage waren – erinnern Sie sich wohl?

Gewiß, liebe Cilli. Seitdem ist so manches geschehen. Sie wissen, was ich meine. Das hat mich bekümmert, bekümmert mich noch. Und dann: Justus hat recht: ich bin ein Müßiggänger; ich muß machen, daß ich wieder an die Arbeit komme.

Wie hat denn der Herr General Ihre Arbeit aufgenommen?

Reinhold blickte erstaunt auf; die Frage war ja nicht verwunderlich – er hatte über diese Angelegenheit, wie so ziemlich über alles, mit Ausnahme des einen, Wichtigsten – hier an dem abendlichen Teetisch oft genug gesprochen; aber der Ton, in dem Cilli gefragt, war so eigen gewesen.

Wie meinen Sie, liebe Cilli? fragte er zurück.

Ich wollte Sie nur daran erinnern, daß Sie auch hier nicht müßig gewesen sind, sagte Cilli.

Sie stand ihm gegenüber an der andern Seite des Teetisches; das Licht der Lampe fiel hell in ihre reinen Züge, auf denen sich eine gewisse Unruhe malte. Sie schien nach der Treppe zu lauschen, ob Justus oder der Vater käme. Dann tastete sie sich, als alles still blieb, um den Tisch herum, setzte sich auf den Rand des Sofas und sagte, während eine tiefe Röte über ihr Gesicht flog:

Ich habe nicht die Wahrheit gesagt: es war noch aus einem andern Grunde, daß ich fragte. Ich habe noch etwas: eine recht große, unbescheidene Bitte, die Sie mir vielleicht erfüllen, wenn Sie überzeugt sind, wie Sie es sein dürfen, daß es nicht müßige Neugier ist, was mich bewegt, sondern herzlichste Teilnahme an Ihrem Wohl und Wehe.

Sprechen Sie, Cilli; ich glaube, es gibt auf der Welt nichts, was ich Ihnen verweigern könnte.

Nun denn: ist es Else von Werben?

Ja, liebe Cilli!

Gott sei Dank!

Cilli hielt die Hände still im Schoß gefaltet; auch Reinhold schwieg; er fühlte, daß er, ohne in Weinen auszubrechen, jetzt nicht hätte sprechen können; Cilli wußte, daß er sich seines Bekenntnisses nicht schämte; aber sie hatte ihn doch gewissermaßen durch Überraschung dazu gezwungen, und wie um Entschuldigung bittend, sagte sie:

Sie dürfen mir aber auch nicht nachträglich bös sein; – Justus, so lieb er ist, kann man so etwas nicht anvertrauen; ich glaube, er würde es kaum verstehen; und sonst haben Sie ja hier niemand, außer mir; und ich dachte, es würde Ihnen doch vielleicht ein wenig leichter werden, wenn Sie auch nur der blinden Cilli sagen könnten, wie's Ihnen ums Herz ist.

Reinhold nahm ihre Hand und führte sie an seine Lippen.

Ich bin Ihnen so dankbar, liebe Cilli – wie ein Verwundeter, dem man Balsam in seine Wunden träufelt, und ich wüßte keinen Menschen, dem ich mich lieber anvertraute, als Ihnen, der Reinen, Guten, Holden.

Ich weiß ja, daß Sie mich lieb haben und mir vertrauen, sagte Cilli, den Druck von Reinholds Hand herzlich erwidernd; und ich bin auch für meine Feigheit, trotzdem so lange geschwiegen zu haben, hart genug bestraft; denn, denken Sie nur, Reinhold, ich habe anfänglich geglaubt –

Was haben Sie geglaubt, Cilli?

Ich habe anfänglich geglaubt, daß es Ferdinande sei, und bin sehr, sehr traurig darüber gewesen; denn Ferdinande mag noch so schön sein, wie ihr alle sagt, und noch so viel Talent haben, aber Sie hätten nimmermehr an ihrer Seite glücklich werden können. Sie sind so gut und so gutmütig, und sie ist – ich will nicht sagen bös, aber hochmütig; glauben Sie mir, Reinhold, ich fühle das, wie ein Bettler es fühlt, ob man ihm die Gabe aus gutem Herzen darreicht, oder nur, um ihn los zu werden. Ich habe mich ihr nie in den Weg gedrängt – Gott weiß es; aber er weiß auch, daß sie nie einen Schritt aus ihrem Wege gegangen ist, mir eines jener freundlichen Worte zu sagen, die Euch so leicht von den Lippen fallen, weil Euer Herz davon überströmt. So habe ich denn auch eine Zeitlang für Justus gezittert, bis ich seine Natur verstehen lernte, und daß ein Künstler, – wie er denn anders ist, als andere Menschen, – auch nicht lieben kann, wie andere Menschen. Sie aber mit Ihrem guten, liebevollen Herzen, wie sollten Sie nicht lieben, grenzenlos lieben? und grenzenlos unglücklich sein, wenn Sie unglücklich liebten? Das habe ich oft zu Justus gesagt, wenn wir über Sie sprachen – im Anfang; jetzt tue ich es nicht mehr, denn er plaudert alles heraus, was ihm durch den Kopf geht, und ich habe wohl gemerkt, wie sorgsam Sie Ihr Geheimnis gehütet haben.

Ja wahrlich, das habe ich! rief Reinhold – ich möchte fast sagen: vor mir selber, und ich ahne auch nicht, wie Sie es nun doch entdeckten.

Nicht wahr, sagte Cilli, das ist ein halbes Wunder? und ist doch gar keines, wenn ihr Sehenden wüßtet, wie gut eine Blinde hört, wie sie auf jede Wendung achtet, und auf den Ton, mit dem ihr einen gewissen Namen aussprecht, den ihr erst so ganz verstohlen anbringt und dann ein wenig kühner, sobald ihr euch sicher fühlt, bis zuletzt eure ganze Rede melodisch von dem teuren Namen widerhallt, wie im Orient die Morgenfrühe von dem Namen Allahs, den der Muezzin von den Zinnen der Minarets ruft. Ach, und von welcher Wehmut war der Ton, in dem Sie ihn aussprachen, oft umschleiert! von welcher Glückesahnung durchzittert, als Sie mir neulich sagten, daß Sie am Abend mit ihr, bei ihr in der großen Gesellschaft sein würden viele Stunden lang! – das sind wohl die einzigen glücklichen Stunden für Sie gewesen, armer Reinhold, denn schon am nächsten Tage fiel der Reif in Ihre junge grüne Hoffnungssaat, und seitdem ist der liebe Name nicht wieder über Ihre Lippen gekommen. Sind Sie denn nun so ganz verzweifelt?

Ich bin es nicht, gute Cilli, erwiderte Reinhold; – ich sehe nur ein Glück, das ich, wie ein Kind die Sterne, mit der Hand schon zu erfassen glaubte, in nebelgraue Ferne gerückt. –

Und Reinhold erzählte alles von Anfang an, und wie er, ohne daß sie je ein Wort von Liebe gesprochen – auch an dem köstlichen Abend nicht – doch überzeugt sei, daß sie ihn verstanden habe; und wie ein so edles, hochsinniges Geschöpf nimmermehr mit der stummen, ehrfurchtsvollen Huldigung eines Mannes ihr Spiel treiben werde, und die Gunst, durch die sie ihn auszeichne – ihre gütigen Worte, ihre herzlichen Blicke – eben deshalb auch kein Spiel sein könne, und wenn nicht Liebe, doch ein Gefühl, das unter glücklichen Verhältnissen doch wohl zu wahrer, voller Liebe erblüht wäre. Nun aber könnten die Verhältnisse kaum ungünstiger liegen. Ein so trauriges Ereignis, wie das stattgefundene, würde überall auch die andern Familienglieder in Mitleidenschaft ziehen; ja es hätte nur zwischen zwei Familien stattfinden können, deren Häupter in ihrer Weltanschauung so vollkommene Gegensätze wären, wie eben der General und Onkel Ernst. Er sei ja freilich für sein Teil gänzlich unabhängig von Onkel Ernst, und er würde sich diese Unabhängigkeit überall gewahrt haben, und ganz gewiß in seinen Herzensangelegenheiten; aber Else sei doch in erster Linie das Kind des Hauses, die Tochter ihres von ihr mit Recht so hochverehrten Vaters, und er fürchte den Rückschlag, den eine derartige Erfahrung auf den General haben müsse, der anderenfalls – aus Liebe zu der Tochter, aus Wohlwollen für ihn – seine Standesvorurteile vielleicht zum Opfer gebracht hätte, sich aber jetzt – und wer könne es ihm verdenken? – doppelt und dreifach hinter eben diesen Vorurteilen – für ihn seien es ja keine! – verschanzen würde. Dazu komme noch eines. Er habe – auf einige Andeutungen des Generals hin, in dem Gespräche an der Tafel des Grafen in Golmberg – die Werbens für eine jener vielen armen adligen Offiziersfamilien gehalten, und jetzt stehe ihm plötzlich Else als reiche Erbin gegenüber, der er, wenn sie wirklich für ihre Liebe die reiche Erbschaft hingeben wolle – und das müßte sie ja – nichts zu bieten habe, als eben sein treues Herz und die bescheidene Existenz, die sich ein Mann wie er im besten Falle erringen würde. Unter diesen Umständen sei ihm jede Aussicht so verrannt, jede Hoffnung so durch das Gefühl der einfachen Schicklichkeit zerstört und verboten, daß von einer Bewerbung seinerseits gar keine Rede sein könne und geradezu ein Wunder geschehen müßte, um den trostlosen Stand der Dinge in einen Glückesstand zu wandeln.

Cillis Gesicht hatte jede Empfindung, die Reinhold äußerte, widergespiegelt, wie die kristallene Fläche eines stillen Alpensees die Lichter und Schatten des Himmels. Nun aber glitt der letzte tiefe Schatten hinweg vor dem sonnigen Lächeln, mit dem sie sagte:

Die Liebe, Reinhold, ist immer ein Wunder – weshalb soll denn nun noch ein zweites geschehen? Sagten Sie mir nicht, daß Else die stumme Sprache Ihrer Blicke verstanden und nicht zurückgewiesen habe? und Else hat doch, wenn man ihr auch, wie ich annehme, die letzten traurigen Ereignisse verschwiegen hat, die Erbschaftsangelegenheit ganz sicher gekannt und ebenso den Charakter und die Ansichten ihres Vaters und hat sich doch nicht gefürchtet und hat nichts Unmögliches dabei gesehen, sondern ist des Glaubens gewesen und sicher noch des Glaubens, daß der wahren Liebe alle Dinge zum besten dienen.

Ein frommer Glaube, Cilli, wie er einem Mädchen sehr wohl steht, aber sehr übel einem Manne, von dem man verlangt und verlangen muß, daß er die Welt und die Gesetze, von denen die Welt nun einmal regiert wird, begreife und achte.

Begreife! sagte Cilli, den Kopf schüttelnd, ja! aber achte? – wie kann man achten, was so unvernünftig, so gottlos ist, wie das notwendig sein muß, was den Bund zweier Herzen nicht zulassen will, die Gott füreinander bestimmte? Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht trennen.

Das könnten doch Ferdinande und Ottomar auch für sich beanspruchen, liebe Cilli.

Nimmermehr! rief Cilli; Gott weiß nichts von einer Liebe, die an nichts glaubt, nicht einmal an sich selbst, und deshalb nichts duldet: keinen Aufschub, keinen Einwurf, und wäre er noch so berechtigt, kein Hindernis, und wäre es noch so unvermeidlich, und eben dadurch zeigt, daß sie selbst nichts weiter als Stolz und Hochmut und Selbstvergötterung ist! Nein, Reinhold, Sie dürfen sich das Unrecht nicht antun, Ihre keusche, edle Liebe mit jener dunklen, unlauteren Leidenschaft zu vergleichen! Und so dürfen Sie auch keine dunkeln Wege wandeln, wie jene Unglücklichen. Frei und licht muß Ihr Pfad sein, wie Ihre Liebe – das sind Sie sich, das sind Sie dem geliebten Mädchen schuldig.

Sagen Sie mir, Cilli, was ich tun soll. Ihnen will ich glauben, als ob der Himmlischen einer zu mir spräche!

Sie sollen nur Sie selbst sein. Reinhold! nicht mehr und nicht weniger. Sie, der Sie den mitleidslosen, entfesselten Elementen so oft die kühne Stirn geboten, Sie sollen vor den Menschen Ihr Haupt nicht beugen; sollen, wenn die Stunde kommt – sie kommt vielleicht bald – reden und handeln, wie es Ihnen das reine, mutige Herz gebietet. Wollen Sie?

Sie streckte Reinhold die Hand hin.

Ich will es, sagte Reinhold, die Hand ergreifend.

Und, Reinhold – so gewiß wie diese Augen nie wieder das Licht der Sonne sehen werden, wird auf Euern Pfad die Sonne scheinen, und Ihr werdet leben, Euch selbst zur Freude und den Menschen ein Wohlgefallen.

Mein Gott, Cilli, sagte Justus, die Tür öffnend und auf der Schwelle stehen bleibend: Feiert Ihr Weihnachten im November?

Ja, Justus, rief Reinhold: Weihnacht! denn Weihnacht ist, wann immer die Himmel sich öffnen und die lieblichen Boten herabschweben, die den Frieden verkündigen.

Dann, sagte Justus, die Tür schließend, empfehle ich Ihnen auf das dringendste mein Denkmal-Komitee, das durchaus keinen Frieden halten will, sondern mich auf das greulichste mit Zumutungen elendet, von denen eine noch immer verrückter und unmöglicher ist, als die andere. Eben fand ich wieder einen vier Seiten langen Brief vor, den ich brühheiß, wie er mich gemacht, beantwortet habe. Und nun, Cilli, geben Sie mir zur Abkühlung eine Tasse Tee mit ein wenig Rum, denn bei solcher – da ist ja auch Papa Kreisel und in bester Laune, wie ich an dem Zwinkern seiner Augen sehe! Die Berlin-Sundiner sind wieder um ein halbes Prozent gestiegen – das soll mal ein heitrer Abend werden!

Und ein heitrer Abend war's; und als Reinhold spät in der Nacht auf sein Zimmer kam, fand er einen Brief des Präsidenten, in dem ihm in offizieller Weise mitgeteilt wurde, daß der Herr Minister seine Anstellung genehmigt und er sich sofort betreffenden Ortes vorzustellen habe, da er spätestens am ersten Dezember seinen Posten antreten müsse.

Reinhold ließ den Brief nachdenklich aus der Hand gleiten.

»Die Stunde kommt vielleicht bald,« sagte sie; und da ist sie schon. Sie soll mich ihrer würdig finden, die die Reinheit und die Wahrheit selber ist.

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