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Sturmflut. Zweite Abteilung

Friedrich Spielhagen: Sturmflut. Zweite Abteilung - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleSturmflut. Zweite Abteilung
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
printrun33.-34. Auflage
year1913
firstpub1877
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141027
projectid381adaf6
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Viertes Kapitel

Er stand, mit den schlanken, weißen Fingern den dunkeln Bart streichend, in tiefstes Nachdenken versunken.

Es ist lustig, so der einzige Wissende unter den Unwissenden zu sein; lustig – und traurig. Ich fühle das jetzt erst, seitdem ich mit ihr meine Gedanken und Pläne nicht mehr teilen kann. Sie hat es selbst verschuldet, und sie häuft Schuld auf Schuld. Vorhin – es hat das Maß beinahe vollgemacht. Wenn noch ein Funken der alten Liebe in ihr wäre, sie hätte es anders aufnehmen müssen. Dies Erbleichen, dies Erschrecken, dieses Nein! – bei der bloßen Vorspiegelung dessen, wonach ihre Seele früher gelechzt hat, wie der Verdurstende in der Wüste nach dem Labequell der Oase! nur, weil es eine Spiegelung? weil es die Wirklichkeit nicht war? Und wenn man es nun zur Wirklichkeit machte?

Giraldi maß das Gemach mit langsamen Schritten.

Die Eltern sind tot, der Mönch wird mit sich handeln lassen, und der schöne Bursch hat sicher nichts dagegen: er ist eitel und verlogen und – verliebt; eins von den dreien reichte schon aus, ihn in die Rolle hineinzulocken; dazu die Ähnlichkeit – sie ist nicht gerade frappant, aber sie kann mich doch auch nicht Lügen strafen, wenn sie ihn sieht – und sie muß ihn sehen!

In dem Vorsaal war ein Geräusch mehrerer Personen; Giraldi, der in die Nähe der Tür gekommen war, trat noch einen Schritt heran und lauschte: ohne Zweifel der in dem Billett der Nichte angekündigte Besuch! jetzt drängten sie sich herbei, sie, die Valerien früher wie eine Verworfene, Ausgestoßene gemieden hatten! jetzt, wo sie die Gleichberechtigte, die doppelt Mächtige war! Man würde, was man in seiner blöden Kurzsichtigkeit in langen Jahren gesündigt, durch die Schmeicheleien und Liebkosungen einer Stunde wieder einzubringen suchen! Einst hatte sie gesagt, daß sie diese Stunde herbeisehne, um den Fuß auf den Nacken ihrer Verfolger zu setzen, ihnen mit gleicher Münze heimzuzahlen, was sie an ihr getan! Er hatte das Wort – das oft zwischen ihnen gefallen – vorhin mit Absicht wiederholt: es hatte nicht gezündet. Der alte germanische Zug zur Familie regte sich in ihr: zu den Blutsverwandten! und ihr eigen Fleisch und Blut – sein eigen –

Er schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirn: es ist die einzige Dummheit meines Lebens! was gäbe ich darum, könnte ich sie wieder gut machen!

Auf dem Vorsaal war es still geworden; Giraldi öffnete die Tür und winkte François herein, der ihm eine Anzahl von Visitenkarten überreichte.

Ich habe sie wieder mit herausgenommen, Monsieur, sagte François; – ich war nicht sicher, daß ich diese deutschen Namen behalten würde.

Sie werden sich darin üben müssen, sagte Giraldi, indem er die Karten durch die Finger laufen ließ: Geheimer Legationsrat von Wallbach, Frau Luise von Wallbach, geborene von der Herrenburg-Semlow, Ottomar von Werben, Carla von Wallbach – mon dieu! das ist denn doch kein Kunststück – ich behalte zwanzig Namen, die mir hintereinander genannt werden.

Ja, Sie, Monsieur! sagte François, sich mit kriechendem Lächeln verbeugend.

Ich verlange dasselbe von Ihnen. Wie hat Madame die Dame, die zuerst kam, empfangen: die junge – Fräulein Else von Werben?

Mademoiselle schloß mir die Tür, als ich folgen wollte. Ich konnte es nicht, beim besten Willen. Mademoiselle scheint sehr resolut.

Sie sind ein Ungeschickter. Und die zweite Dame? die ältere? Fräulein Sidonie von Werben? oder waren Sie wieder nicht zugegen?

O doch, Monsieur! die ist die große Dame, die gibt sich Airs, da hat man leichtes Spiel! Sie ging zehn Schritte vor und machte dann ihre Verbeugung; ah, Monsieur, welche Verbeugung! wahrhaftig, ich mußte an Madame la duchesse de Rosambert denken, aus deren Dienst ich in den von Monsieur kam.

Gut! und Madame?

Madame konnte sich des Lächelns nicht enthalten – es war ein trauriges Lächeln, Monsieur, das einem ins Herz schnitt –

Und François legte mit einer scheinheiligen Miene die Hand aus seine reichgefältelte, blendendweise Chemisette mit den großen goldenen Knöpfen.

Lassen Sie Ihre Grimassen in meiner Gegenwart! – weiter!

Madame, die den linken Arm unter den von Mademoiselle geschoben hatte und ihn auch jetzt nicht losließ, streckte die rechte Hand aus und sagte: Ah, que nous

Französisch?

Nein, Monsieur, deutsch.

So sagen Sie es deutsch: dieselben Worte, wenn ich bitten darf!

Sehen wir uns so wieder nach siebenundachtzig Jahren?

Siebenundzwanzig, Dummkopf! – Und der Empfang eben?

Es war eine mêlée, Monsieur! man konnte nichts einzelnes unterscheiden; es war unmöglich, Monsieur!

Giraldi zuckte ungeduldig die Achseln: Wenn der Graf Golm gemeldet sein will, sagen Sie ihm, daß ich für ihn zu sprechen sei, und fügen hinzu: Monsieur werde freilich nur einige Minuten für den Herrn Grafen haben, weil man ihn selbst in dem Salon von Madame erwarte. Dabei nennen Sie, wie zufällig, die Namen der Herrschaften, die in dem Salon sind. Haben Sie verstanden?

Gewiß, Monsieur!

Noch eines: ich bezahle nicht 200 Franks monatlich an Leute, denen alles Mögliche unmöglich ist. Sie werden sich vervollkommnen müssen, wenn Sie länger in meinem Dienste bleiben wollen.

Ich werde alles tun, um Monsieur zufrieden zu stellen und mich des Vertrauens, das Monsieur in mich zu setzen die Güte hat, würdig zu beweisen.

François verbeugte sich zur Tür hinaus. – Das heißt, sagte Giraldi, »du hast mir schon zu viel vertraut, als daß du mich ohne weiteres wegschicken dürftest«. Es ist unser Unglück, daß wir ohne diese Kreaturen nicht leben können. Zur Zeit Macchiavells gebrauchte man die Vorsicht, sie nicht lange leben zu lassen. Heute muß man das Doppelte zahlen und hat doch keine Sicherheit. – Ah, der Herr Graf!

François hatte dem Grafen Golm die Tür geöffnet; der Graf kam raschen Schrittes herein. Seine Miene war verdrießlich und zerstreut; in seiner Haltung und dem Ton seiner Stimme war die Nachlässigkeit des vornehmen Mannes, der es nicht der Mühe für wert hält, seine Unzufriedenheit zu verbergen.

Ich bedaure, wenn ich störe, sagte er; will auch durchaus nicht lange lästig fallen; komme eigentlich auch nur, um Ihnen zu sagen, daß aus unserm Handel nun doch wahrscheinlich nichts werden wird.

Das sollte mir um Ihrethalben leid tun, Herr Graf, erwiderte Giraldi.

Wieso, um meinethalben?

Wir gewinnen bei dem Handel nichts, Herr Graf.

Das hieße also, daß ich dabei gewönne; Sie würden mich sehr verbinden, mein Herr, wenn Sie mir sagten, was?

Wenn der Herr Graf es nicht weiß, der den Handel proponiert hat, so dürfen wir uns füglich, es zu wissen, bescheiden.

Und wer ist »wir«, wenn ich fragen darf, in diesem Falle: der Familienrat des Warnowschen Vermögens? oder Sie, mein Herr?

In diesem Falle: die Frau Baronin von Warnow, die ich in dem Familienrate zu vertreten die Ehre habe.

Es war so viel ruhige Überlegenheit in der gelassenen Höflichkeit des Italieners – die schwarzen Augen glänzten in einem so gleichmäßigen Licht – der Graf konnte den Glanz nicht ertragen und blickte in Verwirrung auf den Boden.

Ich bitte um Entschuldigung, sagte er; – ich – ich wollte nicht beleidigen.

Auch bin ich nicht beleidigt, erwiderte Giraldi; – ich bin es nie, wenn ich sehe, daß jemand einen Verdruß, den ich nicht verschuldet habe, an mir ausläßt – es ist ein Brief, der irrtümlicherweise an meine Adresse gerichtet ist. – Wollen wir uns nicht setzen?

Der Graf folgte widerwillig der Einladung.

Ich kann Sie doch nicht von aller Schuld freisprechen, sagte er; – Sie waren es, der mich gestern versicherte, daß es mir nicht schwer werden würde, die erste Rate der Kaufsumme aufzubringen. Da ich annehmen muß, daß Sie mit meinen Verhältnissen im allgemeinen bekannt sind, Sie andererseits wieder mit dem Geheimrat schon so lange in intimerer Verbindung stehen, konnte ich wohl kaum anders, als glauben, daß zwischen Ihnen einer- und dem Geheimrat und Herrn Lübbener andrerseits über den bewußten Punkt bereits ein Pourparler stattgefunden, und Sie von jenen Herren autorisiert worden seien, mir im Namen der Herren eine Avance zu machen, die mir die Herren selbst nicht wohl machen können, an die ich hernach, wenn auch nur in ihrer Eigenschaft als Direktoren der neuen Bahn – wieder verkaufen soll. Gut! Ich gehe heute morgen zu Lübbener; er tut sehr erstaunt, meint, es sei ein eigenes Ding und könne böses Blut machen, wenn es herauskäme, daß er das Geld hergegeben, indessen – um mir gefällig zu sein, da ich doch durchaus der Verkäufer sein wolle – kurz, er stellt mir Bedingungen, halsabschneiderische, niederträchtige Bedingungen, sage ich Ihnen, daß ich den ver – daß ich ihn eigentlich hätte reitpeitschen müssen. Wütend gehe ich weg, direkt zu Herrn Philipp Schmidt. Herr Schmidt, müssen Sie wissen –

Ich weiß: ein Schiffskapitän, sehr gern gesehen in der Werbenschen Familie – der Geheimrat hat mir von ihm gesprochen.

Giraldi spielte mit seiner Uhrkette, während er das in leichtem Konversationston sagte, und schaute sehr erstaunt auf, als der Graf mit Heftigkeit rief:

Gott bewahre! was hätte ich mit dem Menschen zu schaffen! Herr Philipp Schmidt ist, wie ich leider zu spät erfuhr, ein Vetter jenes, übrigens ganz obskuren Menschen, der sich mit unglaublicher Frechheit in die besten Kreise drängt, ein dezidierter Plebejer –

Ich bitte um Entschuldigung; also Herr Philipp Schmidt, zu dem Sie sich begaben –

Ist der Entrepreneur der Berlin-Sundiner Bahn, der auch unsere Bahn bauen wird, ein sonst kulanter, leidlicher und immens reicher Mann. Zuvorkommender Empfang, wie ich erwartete, Versicherung über Versicherung, mir gefällig sein zu wollen, aber – er habe sein Geld in allen möglichen Unternehmungen engagiert, sein neues Haus koste ihn horrible Summen, müsse sich zur Übernahme unserer Bahn flott erhalten und – das Ende vom Liede: kaum bessere Bedingungen, als die des Lübbener. Da haben Sie die Leichtigkeit, mit der ich die halbe Million aufbringen werde, die Sie als Anzahlung fordern!

Der Graf drehte an seinem blonden Schnurrbart, seine wasserblauen Augen starrten zornig auf Giraldi; er wollte sich erheben, blieb aber, von einer leise beschwichtigenden Bewegung, die jener mit seiner weißen Hand machte, wie gebannt, in seinem Stuhle sitzen. Ich bitte abermals um Verzeihung, sagte Giraldi; – ich meinte gestern deutlich genug gewesen zu sein; ich hatte nicht bedacht, daß deutsche Ohren – ich will gewiß nicht sagen: schwerer, aber anders hören, als italienische; ich würde Ihnen sonst einen schlimmen Morgen erspart haben. Oder was wäre für einen Edelmann schlimmer, als mit verschmitzten Geldmenschen verhandeln zu müssen, noch dazu, wenn diese Menschen, wie ja ganz augenscheinlich, unter einer Decke stecken. Ich hoffe, Sie werden bei uns dieser und jeder anderen Unannehmlichkeit überhoben sein.

Bei uns? bei Ihnen? fragte der Graf im höchsten Erstaunen.

Ich muß schon wieder uns und wir sagen, erwiderte Giraldi lächelnd; denn wenn ich auch für mein Teil nur der Verwalter gewesen bin, so hätten doch in fünfundzwanzig Jahren die Ersparnisse einer Revenue von zehntausend Talern ohne eine – wie soll ich sagen? – in Spekulationen glückliche Hand – in diesen beiden letzten Jahren lag das Geld freilich auf der Straße – nicht zu einer so großen Summe anwachsen können, die ich im Namen der Frau Baronin dem Herrn Grafen hiermit offeriere.

Der Graf starrte Giraldi an; aber die dunklen Augen des Mannes glänzten so ruhig wie vorher; es konnte kein schlechter Scherz sein.

Im Namen der Frau Baronin?

Wenn es Ihnen gefällt.

Die ganze halbe Million?

Da uns – ich meine diesmal den Familienrat – zur besseren Regulierung der Erbschaft die Anzahlung der halben Kaufsumme auf einem Brett notwendig scheint. –

Und die Bedingungen? fragte der Graf nach einer kleinen Pause mit etwas unsicherer Stimme.

Giraldi strich sich den dunklen Bart.

Wir haben, außer einer besonderen Bedingung, eigentlich keine; denn die Eintragung der Schuld als erste Hypothek auf die, wie der Herr Graf weiß, schuldenfreien Güter – nebenbei zu dem niedrigen Zinsfuß von vier Prozent – ist nicht sowohl eine Bedingung, als selbstverständliche Sicherheit, die der Herr Graf uns –

Gewiß, gewiß, sagte der Graf, ganz selbstverständlich – und die besondere Bedingung?

Daß der Herr Graf sich mit seinem Ehrenworte verpflichtet, gegen niemand, es sei, wer es sei, zu sagen, oder auch nur anzudeuten, von wem er das Geld hat.

Giraldi streckte mit einem anmutigen Lächeln seine Hand aus: es ist eine Freundes-, keine Wucherhand, die wir Ihnen reichen.

Der Graf schämte sich seines momentanen Zögerns: Hier haben Sie meine Hand und mein Ehrenwort! rief er, seine Hand in die des Italieners legend: gegen niemand!

Auch nicht gegen die Frau Baronin, fuhr Giraldi fort; – sie will durchaus unbeteiligt, das heißt, unbefangen sein – der Herr Graf werden diese Frauenzartheit, um nicht zu sagen: Schwäche begreiflich finden.

Vollkommen, sagte der Graf.

Nicht einmal ihr Name – das ist ihr dringender Wunsch – darf in der ganzen Transaktion vorkommen; und so muß denn auch die Hypothek auf meinen Namen eingetragen werden. Der Herr Graf ist damit einverstanden?

Aber ich bitte Sie! sagte der Graf.

Giraldi ließ die Hand, die er bis dahin festgehalten, mit einem freundschaftlichen Druck los und lehnte sich in seinen Stuhl zurück.

So wären wir also d'accord, sagte er; – ich meinerseits schätze mich glücklich, einen Edelmann, dessen Intelligenz und Energie meine ganze Sympathie gewonnen hatten, noch bevor mir das Glück seiner liebenswürdigen, persönlichen Bekanntschaft zuteil wurde, aus den unsauberen Händen dieser Rotüriers erlöst und in eine Lage gebracht zu haben, die ihm, wie mir scheint, in der ganzen Angelegenheit die dominierende Haltung gibt, die ihm in jeder Weise gebührt. Ich wenigstens sehe seinen Weg ganz frei. Die zweite Hälfte der Kaufsumme, – lassen Sie uns vorläufig den ersten März als Termin festhalten – ich sage: die zweite Hälfte aufzubringen, kann ja nicht die geringsten Schwierigkeiten machen, da Sie bis dahin längst die Güter für den doppelten Preis – Sie dürfen unter zwei Millionen auf keinen Fall losschlagen – an das Konsortium verkauft haben. Und nun, Herr Graf, wenn es Ihnen recht ist, erlauben Sie mir, Sie bei der Frau Baronin einzuführen, die darauf brennt, Sie kennen zu lernen, wie Sie, denke ich, glücklich sein werden, die Bekanntschaft einer Dame zu machen, die man nicht kennen kann, ohne sie zu lieben und zu verehren.

Giraldi hatte sich erhoben, der Graf stand verlegen und unentschlossen.

Sie können sich denken, daß ich das mir in Aussicht gestellte Glück nach seinem ganzen Werte zu schätzen weiß; – indessen – Ihr Kammerdiener – es ist eine größere Gesellschaft – beinahe die ganze Familie – im Salon – ich muß fürchten, gerade in diesem Augenblick als ein Fremder und Eindringling zu erscheinen.

Und wenn nun, erwiderte Giraldi, die Frau Baronin, gerade ihrer Familie gegenüber, der Freundschaft angesehener und erlesener Männer bedürfte; wenn sie den höchsten Wert darauf legte, zu zeigen, daß, wohin sie auch kommt, vom ersten Augenblick an ihr die Freundschaft der Angesehensten und Erlesensten gesichert ist?

Gehen wir! rief der Graf.

Noch ein Wort! sagte Giraldi.

In den bis dahin so ruhig glänzenden Augen des Italieners brannte ein tieferes Feuer; dem Grafen stockte der Atem; er hatte das unbestimmte Gefühl, daß er die Lösung des Rätsels, vor dem er trotz alledem noch immer stand, jetzt erhalten werde.

Und wenn nun, fuhr Giraldi, langsam, als ob er jede Silbe abwäge, fort, – der Herr Graf verstehen möchte, daß die Frau Baronin seine Freundschaft nicht mit einer geschäftlichen Gefälligkeit erkaufen zu können glaubt; vielleicht aber dadurch, daß sie ihren ganzen Einfluß für ihn aufbietet, im Falle er den Wunsch hat, den Vorwurf, als ein Fremder und Eindringling in der Familie zu erscheinen, ein für allemal unmöglich zu machen – ich brauche nicht' weiter zu sprechen, wenn der Herr Graf mich versteht, und ich darf nicht weiter sprechen, wenn er mich noch nicht verstanden hat.

Dem Grafen schoß das Blut in das Gesicht.

Wenn er es wagt, Sie zu verstehen! rief er, die Hand des Italieners ergreifend und heftig drückend – wenn er es wagt!

Das wäre meine geringste Sorge, erwiderte Giraldi mit feinem Lächeln; ich habe aber weder diese, noch irgend eine andere. Nur daß die Vorsicht mit dem Mut Hand in Hand gehe, und daß der Herr Graf auch in dieser delikaten Angelegenheit der Erfahrung und der Menschenkenntnis des älteren Mannes freundlich vertraue.

Ich werde keinen Schritt tun ohne Sie, keinen Schritt!

Sie hatten sich bereits der Tür genähert, als François mit einer Karte hereintrat, die Giraldi, nachdem er einen Blick darauf geworfen, dem Grafen reichte: Sehen Sie, Herr Graf! il n'y a que le premier pas qui coûte Man scheut auf jener Seite die Kosten nicht. – Bitten Sie Herrn von Werben, eintreten zu wollen!

François öffnete Ottomar die Tür.

Auf den allseitigen Wunsch der Damen komme ich – sagte Ottomar. Er hatte jetzt erst den Grafen erblickt; das ironische Lächeln verschwand von seinen feinen Lippen, die lebhaften Augen blickten düster: ich bitte um Verzeihung, sagte er, ich glaubte, Sie allein zu finden; ich würde sonst einen passenderen Moment –

Mir ist jeder Moment, in dem ich die Bekanntschaft des Neffen meiner hochverehrten Freundin mache, der passende, erwiderte Giraldi; überdies standen wir – der Herr Graf und ich im Begriff, die Gesellschaft im Salon aufzusuchen; jetzt freilich möchte ich den Herrn Grafen um die Erlaubnis bitten, mich der Ehre, die mir Herr von Werben erzeigt, noch einige Minuten hier in größerer Muße zu erfreuen.

Also au revoir! sagte der Graf, das Zimmer verlassend und, während er, von François begleitet, über den Vorsaal schritt, bei sich überlegend, ob er sich durch Ottomars unfreundliches Betragen beleidigt fühlen oder sich darüber amüsieren solle. Er meinte, daß er zu dem letzteren mehr Veranlassung habe. Ottomar hatte jetzt freilich das große Ziel erreicht; aber es war ja ganz augenscheinlich, daß er es in Ewigkeit nicht erreicht haben würde, wenn ein gewisser anderer ein paar Tage früher nach Berlin gekommen wäre. Alle Welt sagte es, und daß es nur die Eifersucht gewesen sei, die Ottomars Unentschlossenheit und Verzagtheit ein Ende gemacht. – Verzagtheit war das rechte Wort! einer Dame, wie Carla von Wallbach, zu genügen, mußte man denn doch noch andere Qualitäten haben, als derer Werben sich rühmen konnte, mußte man eben Graf Golm sein. Nun, er hatte die Familie von der Angst, in die er sie versetzt, gnädig befreit – auch Fräulein Else, die augenscheinlich für den Bruder gezittert hatte. Man war ihm zu Dank verpflichtet, – das würden, den Herrn Leutnant ausgenommen, alle begreifen, – man würde sich beeifern, ihm diesen Dank abzustatten. Und wenn er seiner Sache noch heute morgen beim Aufstehen nicht ganz sicher gewesen, so war er es jetzt. Mit der Protektion der Dame da drinnen, die, am ersten Morgen ihrer Ankunft aufzusuchen, sich die ganze Familie beeilt hatte, war der Rest der Schwierigkeit verschwunden, sich als hochwillkommenes Mitglied in eben diese Familie aufnehmen zu lassen – wenn man wollte! Natürlich würde man sich die Freiheit seines Entschlusses bis zum letzten Augenblick reservieren!

Der Graf hatte ein wenig vor der Tür gezögert, um diesen angenehmen Gedankengang bis zu Ende zu verfolgen und sein gewelltes blondes Haar und seinen flatternden Schnurrbart durch einige Bürstenstriche in die anmutigste Form zu bringen, bevor er dem respektvoll harrenden François hieß, ihm zu öffnen; – einer besonderen Meldung bedürfe es nicht, da er erwartet werde.

François gehorsamte mit tiefer Verbeugung dem ihm französisch erteilten Befehl und sagte dann hinter der wieder geschlossenen Tür mit einer noch tieferen Verbeugung: Monsieur le comte, vous parlez français – comme une vache espagnole – je vous rends cette justice, – ah! und der Mann schüttelte, sich aufrichtend, die Faust: que je déteste ce genre-là!

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