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Sturmflut. Zweite Abteilung

Friedrich Spielhagen: Sturmflut. Zweite Abteilung - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleSturmflut. Zweite Abteilung
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
printrun33.-34. Auflage
year1913
firstpub1877
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141027
projectid381adaf6
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Drittes Kapitel

Es war Giraldis Absicht nicht gewesen, so lange fern zu bleiben. Der Besuch hatte nur ein Höflichkeitsbesuch sein sollen – eine Erwiderung des Besuches, den er gestern morgen seiner Exzellenz gemacht – aber der geistreich-gesprächige Herr hatte über die Dinge, die sie bereits gestern erledigt zu haben glaubten, noch so viel zu sagen, noch so viel nachzutragen! selbst, als er bereits an der Tür stand, die eine Hand auf dem Drücker, und den Hut, den er in der andern hielt, manchmal vor die halb erblindeten, mit einer großen, grauen Brille bedeckten Augen führend, sie vor dem Lichte zu schützen, das allzu grell durch die gegenüberliegenden Fenster hereinfiel.

Es erscheint töricht, den klügsten der Menschen warnen zu wollen – sagte er mit einem sarkastischen Lächeln, das in dem wunderlichen Gesicht zur weinerlichen Grimasse wurde.

Besonders, wenn die Warnung von dem mutigsten der Menschen kommt, erwiderte Giraldi.

Und dennoch, fuhr die Exzellenz fort, auch er ist klug – Sie unterschätzen seine Klugheit; auch er ist mutig – bis zur Tollkühnheit: er liefert täglich Beweise davon. Menschen, wie er, meine ich, lassen sich überhaupt gar nicht par distance verstehen; die Hälfte zum mindesten des Zaubers, den sie auf ihre Zeitgenossen ausüben, liegt in ihrer Persönlichkeit. Man muß solchen Leuten eben persönlich nahe stehen, sich mit ihnen in der Kammer herumzanken, sie in eine Hof-Soiree treten sehen, um zu begreifen, warum die Bestien vor diesem Löwen in den Staub ducken und selbst, wenn sie Opposition machen wollen, es doch nur bis zum Schweifwedeln bringen. Glauben Sie mir, verehrter Freund, der Beurteilung solcher wahrhaft historischen Größen ist die räumliche Entfernung ebenso ungünstig, wie die Fernung der Zeit. Ihr in Rom glaubt euch alles durch die Logik der Tatsachen erklären zu können, was einzig auf Rechnung der überwältigenden Persönlichkeit des Mannes kommt, genau so, wie allweise Geschichtsphilosophen die wunderbaren Taten eines Alexander, eines Cäsar bis auf den Punkt über dem i ganz gelassen aus der Notwendigkeit der betreffenden aktuellen Verhältnisse konstruieren, als ob die Verhältnisse eine Maschine wären, die ihr Pensum abarbeitet, mag der Meister oder ein Tagelöhner sie in Bewegung setzen.

Giraldi lächelte: Ich danke, Exzellenz, im Namen Seiner Heiligkeit, für dessen Ohren doch wohl die kleine geistreiche Lektion berechnet war. Und es ist ja auch gewiß ganz gut, wenn Seiner Heiligkeit von Zeit zu Zeit die andre Seite der Medaille gezeigt wird, auf daß er die Furcht nicht verlerne, die der Anfang aller Weisheit ist, und der Notwendigkeit unsres Rates und unsrer Unterstützung beständig eingedenk bleibe. Nur in diesem Augenblicke, wo die Schatten der Wolken, die rings um unsern Horizont drohen, dunkel auf seiner Seele liegen, möchte ich ihm die Situation nicht gern schwieriger und den Mann der Situation nicht gern gefährlicher darstellen, als wir selbst sie sehen, die wir zu sehen gelernt haben. So habe ich denn auch die Abschiedsaudienz geflissentlich dazu benutzt, ihm den gesunkenen Mut ein wenig zu heben. Darf ich Ew. Exzellenz einen Beweis dafür liefern, wie nötig das war? Nun denn: Se. Heiligkeit sprach in fast den identischen Ausdrücken von der dämonischen Macht des Erzfeindes unsrer allerheiligsten Kirche; er nannte ihn abwechselnd einen Räuber, einen Giganten mit hundert Armen, einen Mörder, einen Koloß, der, wie der Rhodische auf beide Hafenmauern, so auf beide Hemisphären seine Füße setzt. Wissen Exzellenz, was ich Sr. Heiligkeit erwiderte: ich sehe bereits das Steinchen aus der Höhe fallen, das dem Koloß die Füße zerschmettern wird. – Seine Augen glänzten auf, seine Lippen bewegten sich: er wiederholte sich innerlich das Wort: nächstens wird er es urbi et orbi verkündigen, wie alles, was wir ihm einblasen. Unsere Feinde werden lachen; aber den schwachen Gemütern unter uns wird es ein Trost sein, wie es dem armen alten Manne zum sichtbaren Troste gereichte.

Ich möchte lieber, es wäre ebenso wahr, wie es tröstlich klingt, sagte die Exzellenz.

Und ist es denn nicht wahr? rief Giraldi, – steht denn der Koloß nicht in Wirklichkeit auf tönernen Füßen? Was helfen alle die gespreizten Reden von des deutschen Reiches Macht und Herrlichkeit und kulturhistorischer Mission? Das Ende vom Liede, das er geflissentlich verschweigt oder höchstens, so ganz verloren, mit anklingen läßt, ist doch immer das starke preußische Königtum. Was hilft es ihm, daß er sich unruhig aus dieser in jene Rolle wirft und heute das allgemeine Stimmrecht proklamiert, morgen gegen den Sozialismus donnert, übermorgen wieder die aufgeblasenen Bourgeois wie ungezogene Schuljungen abkanzelt? er ist und bleibt doch immer der Majordomus der Hohenzollern, mag er nun wollen oder auch nicht wollen in Momenten der Ungeduld mit einem gelegentlichen weisen Zaudern seines gnädigsten Herrn, des Zornes über die Intrigen der Hofkamarilla, und was ihm denn sonst die stolze Seele erregt. Glauben mir Exzellenz: dieser Mann, trotz seines geflissentlich zur Schau getragenen Liberalismus Aristokrat vom Wirbel bis zur Zehe, und trotz seiner vielgerühmten Aufgeklärtheit voller mittelalterlich-romantischer Schrullen, kann von Herzen nie etwas anderes wollen und wird nie etwas anderes wollen als ein Königtum von Gottes Gnaden. Und während er ein Königtum von Gottes Gnaden will, arbeitet er doch auf eines von Volkes Gnaden los. Oder was heißt es anders, wenn er die Achtung vor dem Priestertum in dem Volke entwurzelt – nicht bloß vor dem katholischen! – Die Interessen aller Priesterschaften sind von jeher solidarisch gewesen – und die Mitleidenschaft, in die der mißhandelte katholische Klerus das protestantische Priestertum zieht, wird bald genug zutage treten. Ohne Priester aber kein Gott und kein Königtum von Gottes Gnaden – das heißt: er sägt sich den Ast ab, auf dem er sitzt. Oder sollte er die Sache so ernsthaft gar nicht nehmen, sollte er – was ich nicht glaube – so borniert und frivol sein, das Ganze nur in dem Lichte eines Etikettenstreites zu sehen, eines Kampfes um den Vortritt, dem er in dem Staate seiner Mache dem Majordomus und den Granden vor den Priestern vindizieren will, so würde ihn die Geschichte wieder ad absurdum führen, die auf allen Blättern lehrt, daß der Priester diese Unterordnung niemals akzeptiert, höchstens duldet, wenn es sein muß. Wir sind, wie wir immer waren und immer sein werden. Und Exzellenz, daß er das nicht begreift, daß er glaubt, uns durch Drohungen und Schrecken einschüchtern und zu Geschöpfen seines Willens machen zu können – das ist seine Achillesferse. Er wird, wenn er sieht, daß er auf diesem Wege nicht weiter kommt – ich hoffe, er sieht es nicht so bald – versuchen, mit uns zu paktieren und weiter zu paktieren, und Schritt für Schritt in die Reaktion getrieben werden; gezwungen werden, den Widerspruch seines Zweckes – das Königtum von Gottes Gnaden – und seiner Mittel, die er aus der Rüstkammer der Revolution entlehnt hat – immer offener darzulegen; und dieser Widerspruch, in den er rettungslos hineintreibt und aus dem die Revolution hervorgehen muß – denn kein Volk duldet auf die Dauer ein in sich widerspruchsvolles Regime – ist das Steinchen, das schon im Rollen ist und die Lawine entfesseln und den Koloß zerschmettern wird.

Serve him right! und Glück auf den Weg! sagte die kleine Exzellenz mit ihrem sarkastischsten Lächeln; und dann – nach einer kleinen Pause: ich fürchte nur manchmal, wir machen den salto mortale mit, und –

Stehen fester als je auf unsern Füßen, fiel Giraldi schnell ein: – was haben wir von der Revolution, was haben wir von dem Volke zu fürchten? nichts, schlechterdings nichts. Tanzt es heute um das goldene Kalb, wälzt es sich morgen desto tiefer vor Jehova im Staube; setzt es heute die Göttin Vernunft auf den Thron, flüchtet es morgen, wie ein Kind, das sich selbst bange gemacht hat, in den Schoß der Mutter Kirche zurück. Und wenn wirklich, wie Sie gestern sagten, der Darwinianismus für Deutschland die Religion der Zukunft ist, – nun wohl: so werden wir die Darwinianer par excellence sein und die neue Lehre mit heiligem Eifer von den Stühlen der Universitäten verkündigen. Wissen wir doch, daß die Natur sich um so dichter in ihren Schleier hüllt, je ungeduldiger der vorwitzige Schüler daran zerrt. Und wenn er dann dem Nichts in die hohlen Augen gestarrt hat und zerschmettert am Boden liegt, kommen wir, heben den armen Schelm auf und trösten ihn: gehe hin und sündige hinfort nicht mehr! Und er geht hin und sündigt hinfort nicht mehr in törichtem Wissensdrang, denn die Last der Unwissenheit ist leichter und ihr Joch ist sanfter – quod erat demonstrandum.

Die Mundwinkel der Exzellenz waren so weit als möglich auseinander gezogen; auch Giraldi lächelte.

Ich möchte, ich hätte Sie immer hier, sagte die Exzellenz.

Um Exzellenz Dinge zu sagen, die Sie längst an den Sohlen der Schuhe abgelaufen haben, auf denen Sie die Rednerbühne beschreiten.

Ich spreche gewöhnlich von meinem Platze aus.

Und immer am rechten Platze.

Es ist oft genug nur Geklingel, und niemand weiß das besser, als ich selbst; man rechnet eben auf die Resonanz.

Und nicht vergebens; für uns jenseits der Berge ist das silberne Glöcklein eines Domes Riesenglocke, deren eherner Klang die Säumigen zu ihrer Pflicht mahnt und die Mutigen zu heißerem Kampfe anspornt.

Und das erinnert mich daran, daß ich in diesem Augenblicke selbst ein Säumiger bin und daß mich heute in der Kammer noch ein heißer Kampf erwartet.

Die Exzellenz, die sich längst in der Nähe der Tür auf einen Sessel niedergelassen hatte – Giraldi war stehen geblieben – erhob sich wieder.

Exzellenz vergessen meine kleine Bitte nicht? sagte Giraldi.

Wie werde ich! erwiderte Exzellenz; – ich hoffe sogar noch heute Gelegenheit zu haben, die Sache einfließen zu lassen. Natürlich wird man es nicht ohne ein kleines Bakschisch tun – man tut dort nichts um Gottes willen; glücklicherweise haben wir ja dergleichen immer bereit. Das Versprechen, die Schraube in Elsaß-Lothringen um eine Windung weniger scharf anzuziehen, den Herren Altkatholiken in Köln das kindliche Vergnügen nicht unsanft zu stören, in der bevorstehenden Debatte über den mutigen Bischof von Ermeland die Lärmtrommel nicht ganz so laut zu rühren – jede einzelne dieser Gefälligkeiten ist einen General wert, besonders wenn er so unpraktisch-antediluvianische Ideen von Staat, Gesellschaft und Familie hat.

Und so etwas geht ohne Eklat ab?

Ganz ohne Eklat. O, verehrter Freund, Sie dürfen uns doch nicht mehr für die ehrlichen Barbaren des Tacitus halten; wir haben wirklich seitdem einiges gelernt. – Gott behüte Sie!

Erlauben Exzellenz, daß ich Sie bis zu Ihrem Wagen geleite?

Auf keinen Fall; mein Diener erwartet mich im Vorzimmer; bitte, lassen Sie ihn hereinkommen.

Verstatten Exzellenz, daß ich für den Augenblick, wie immer, Ihr ergebener Diener bin.

Giraldi war im Begriff, dem Halberblindeten seinen Arm zu reichen, als ein neuer Besuch gemeldet wurde.

Wer ist es? fragte Exzellenz mit einiger Ängstlichkeit; – Sie wissen, ich darf nicht von jedem hier gesehen werden.

Es ist der Geheimrat Schieler, Exzellenz.

Ah! der! – Übrigens trauen Sie dem alten Schleicher nicht mehr als nötig! er ist eine Kiste, die manche gute Ware enthält, aber mit Vorsicht behandelt sein will. Trauen Sie ihm vor allem nicht in der beregten Angelegenheit, es wäre ganz unnötig; sein hoher Protektor kann darin nichts tun.

Deshalb nahm ich mir die Freiheit, mich an Ew. Exzellenz zu wenden.

Bei Ihnen kommt man mit seinem Rate immer zu spät. Noch eines: auch zu dem kleinen Familienkriege, wie Sie ihn hier mit den norddeutschen Kentauren zu führen haben, braucht man das bekannte für den großen Krieg dreimal Nötige. Sind Sie damit ausreichend versehen?

Ich war immer der Meinung, daß der Krieg den Krieg erhalten müsse. Übrigens kann ich auf Brüssel jederzeit bis zu den höchsten Beträgen ziehen, wenn es nötig sein sollte.

Vielleicht wird es nötig. Auf jeden Fall behalten Sie die Partie in Händen. Es steht uns, trotz Ihrer sanguinischen Hoffnungen für die Zukunft, die ich übrigens vollkommen teile, zunächst eine Reihe magerer Jahre bevor; wir werden ein Hamsterleben führen müssen, und die Hamstervorsicht ist jetzt mehr als je geboten. Sie erhalten mich au courant?

In meinem Interesse, Exzellenz.

Der Geheimrat war eingetreten; Exzellenz reichte ihm die Hand: Sie kommen, während ich gehe – das ist unrecht. Sie wissen, daß ich mit niemand lieber plaudre als mit Ihnen. Wie weht der Wind heute in der Wilhelmstraße? Hat man gut geschlafen? ist man mit dem rechten oder linken Fuß zuerst aus dem Bett gestiegen? Nerven flau oder fest? Landluft begehrt oder ohne Nachfrage? mein Gott, lassen Sie mich doch nicht vor unbefriedigter Neugier sterben!

Exzellenz wartete die Antwort des lächelnden Geheimrats nicht ab, sondern drückte den beiden Herren nochmals die Hände und verließ, auf den Arm des Dieners, der inzwischen eingetreten war, sich stützend, das Gemach.

Ist es nicht wunderbar? sagte der Geheimrat; – diese unglaubliche Elastizität; diese fabelhafte Schlagfertigkeit; diese Schnelligkeit des Angriffs! diese Sicherheit des Rückzuges! Ein Moltke des Guerillakrieges! Welchen beneidenswerten Schatz besitzt Ihre Partei an dem Manne!

Unsere Partei, Herr Geheimrat? Verzeihen Sie: ich muß mich wirklich immer erst darauf besinnen, daß Sie nicht zu uns gehören. – Wollen Sie nicht Platz nehmen?

Danke verbindlichst; ich habe keine Minute Zeit; kann auch nur das Notwendigste in fliegender Eile sagen. Zuerst: man ist im Handelsministerium außer sich über ein soeben eingetroffenes Votum des großen Generalstabes in der Hafenangelegenheit, das, wie mir ein Kollege mitteilte – ich selbst habe es noch nicht zu Gesicht bekommen können – so gut wie ein Veto ist. Das Elaborat ist von einem gewissen Hauptmann von Schönau – der intellektuelle Urheber sitzt aber – es ist unerhört! im Kriegsministerium selbst und ist natürlich niemand anders, als unser Freund, der General. Das wirft uns wieder, ich weiß nicht wie weit und auf wie lange, zurück. Ich bin außer mir, um so mehr, als ich vor diesem Hindernis ratlos stehe. Mein Gott, man hat ja Einfluß und könnte, wenn man müßte, diesen Einfluß auch gegen einen alten Freund in Anwendung bringen; aber so etwas tut man doch nur im äußersten Notfalle. Was raten Sie nun?

Die Reinheit unserer Sache nicht durch Hineinmischen von dergleichen gehässigen Persönlichkeiten zu trüben, erwiderte Giraldi. – Wenn Sie einen alten Freund schonen zu müssen glauben, so besteht, wie Sie wissen, zwischen dem Herrn General und mir eine alte Feindschaft; und alles, was ich gegen ihn persönlich täte oder zu tun erlaubte, würde mit Recht in den Augen aller als ein Akt gemeiner Rachsucht erscheinen, davor sei Gott, der Allmächtige! Wenn er will, wird er schon ein Ereignis eintreten lassen, das unsern Gegner für uns unschädlich macht und das darum kein Zufall zu sein braucht, weil die Menschen es so nennen.

Sie meinen, wenn er stürbe? fragte der Geheimrat mit einem unsicheren Blick.

Ich meine gar nichts Bestimmtes und ganz gewiß nicht seinen Tod. Für mich mag er noch lange leben!

Das ist sehr edel gedacht, sehr christlich, erwiderte der Geheimrat, sich die lange Nase reibend, – und mir gewiß aus der Seele gesprochen; dennoch: seine Gegnerschaft ist und bleibt für uns ein Stein des Anstoßes. Und wäre das doch das einzige Hindernis! Nun aber sagt mir Graf Golm – ich komme eben von ihm – er wird sich gleich nach mir die Ehre geben – bin ihm nur vorausgeeilt, weil ich über ihn selbst noch eine Mitteilung zu machen habe, wovon sogleich – Graf Golm sagt mir, daß seine Bemühungen – er war in seiner jetzigen halboffiziellen Eigenschaft, als Vorsitzender des Verwaltungsrates in spe, hinübergereist – bei dem Herrn Präsidenten in Sundin ganz vergeblich gewesen. Es sei einmal seine Überzeugung, an der er nichts ändern könne, so gern er auch dem Grafen aus tausend Gründen der landsmännischen Solidarität und des persönlichen Wohlwollens – und so weiter. Golm, der, unter uns, gewandt genug und nichts weniger als blöde ist, hat natürlich zuletzt auch die großen Opfer durchblicken lassen, die wir zu bringen entschlossen sind – alles vergebens. Ja, Golm meint, er habe damit die Sache eher verschlimmert, als verbessert.

Wie mit allen halben Mitteln, sagte Giraldi.

Mit halben, Verehrtester? wie meinen Sie das?

Was hat man ihm geboten?

Fünfzigtausend Taler Abstandsgeld und die erste Direktorstelle der neuen Bahn mit sechstausend jährlich als Fixum nebst obligater Dienstwohnungsentschädigung, Reisediäten und so weiter.

So wird das eben die Hälfte von dem gewesen sein, was der Mann für sich fordert.

Er hat nichts gefordert.

Dergleichen fordert man nicht; man läßt es sich oktroyieren. Autorisieren Sie den Herrn Grafen, das Doppelte zu proponieren, und ich wette, der Handel ist abgemacht.

Wir können so weit nicht gehen, erwiderte der Geheimrat, sich in dem kurzgeschorenen Haar krauend, – das erlauben unsere Mittel nicht; wir andern wollen doch auch – und dann, Graf Golm selbst hat sich vorläufig mit fünfzigtausend begnügt; wir können dem Präsidenten nicht das Doppelte bieten, ohne Golm zu beleidigen. Er ist schon so nicht gut auf uns zu sprechen, und das ist der Punkt, den ich gern, bevor er kommt, mit Ihnen erledigen möchte. Ist es wirklich nicht möglich, daß Sie – ich meine wir: der Warnowsche Verwaltungsrat – an uns: ich meine: das Gründungskomitee direkt verkaufen?

Über den Kopf des Herrn Grafen weg? rief Giraldi. – Ei, Herr Geheimrat, ich denke, daß Sie dem Herrn Grafen gegenüber nach dieser Seite durch die bestimmtesten Versprechungen gebunden sind?

Freilich, freilich! leider! indes auch Lübbener – unser Finanzier und zugleich –

Bankier des Herrn Grafen – ich weiß –

Sie wissen alles! – auch Lübbener meint, man fände da schon ein Mittelchen bei einem Herrn, der, wie der Graf, aus einer Verlegenheit in die andere fällt und stets geneigt oder gezwungen ist, ein Erstgeburtsrecht um ein Gericht Linsen zu verkaufen. Nur möchten wir und werden wir nicht gegen Ihre Intentionen handeln, und wenn Sie darauf bestehen –

Ich bestehe auf nichts, Herr Geheimrat, erwiderte Giraldi; – ich folge einfach den Wünschen meiner Mandantin, die in diesem Punkte mit denen des Herrn von Wallbach identisch sind.

Mein Gott, sagte der Geheimrat ungeduldig, ich begreife ja vollkommen, daß man, um die Dehors zu wahren, lieber an einen Standesgenossen, als an ein Gründungskomitee verkaufen will, obgleich der betreffende Standesgenosse Mitglied eben dieses Komitees ist; aber Sie sollten doch auch nicht vergessen, daß wir ebensoviel, oder doch ungefähr ebensoviel, wie wir hernach an den Herrn Grafen werden zahlen müssen, Ihnen direkt zahlen würden.

Auch der Herr Graf wird nicht so billig fortkommen, wie Sie anzunehmen meinen.

So wird er wieder um so teurer an uns verkaufen, sagte der Geheimrat; – die Sache wird für uns dadurch nur schlimmer.

Dennoch muß ich hier zu meinem großen Bedauern meinen Beistand versagen, erwiderte Giraldi entschieden.

Der Geheimrat machte ein sehr verdrießliches Gesicht. – Das beste ist, sagte er mürrisch, er findet das Geld nicht – keine hunderttausend, geschweige denn die Million, oder über welche Summe als Preis der Güter wir uns im Familienrat einigen werden. Dann muß er uns doch kommen; ich wüßte sonst auf der Welt niemand, der ihm so viel auf einmal oder auch nur sukzessive vorschießen sollte. Daß er das Geld von uns nicht billig haben wird, kann ich ihm freilich voraussagen, ohne Merlin der Weise zu sein, und so gleicht es sich am Ende auch wieder aus. – Aber nun, mein hochverehrter Gönner, muß ich dem Herrn Grafen Platz machen und mich von Ihnen verabschieden. Empfehlen Sie mich, vorläufig leider unbekannterweise, Ihrer Dame, für die ich immer die tiefste Hochachtung empfunden und manche Lanze ritterlich zersplittert habe. Nicht umsonst, denn dieser verwandtschaftliche Besuch – ich traf Fräulein Sidonie unten in der Halle – Fräulein Else war vorausgelaufen – ist eine Konzession, die ich, ohne Unbescheidenheit, als Frucht meiner Überredungskunst betrachten darf. A propos meiner lieben alten Freundin Sidonie – Sie wünschten gestern zu wissen, was denn eigentlich in der Verlobungsangelegenheit den Ausschlag gegeben und Ottomars eigensinniges Widerstreben gebrochen habe?

Nun? fragte Giraldi mit ungeheuchelter Neugier.

Ich weiß es nicht, sagte der Geheimrat mit dem Finger an der langen Nase; das heißt: meine liebe Freundin weiß nichts; sie hätte es mir sonst gewiß gesagt. Nach der Aussage des Dieners – das ist alles, was sie mir mitteilen konnte – hat noch in der Nacht vorher eine Unterredung zwischen Vater und Sohn stattgefunden; ich habe aber allen Grund, anzunehmen, daß der Gegenstand durchaus kein romantischer, im Gegenteil der ebenso prosaische, wie unerschöpfliche von Ottomars Schulden gewesen ist. – Leben Sie wohl, mein teurer, hochverehrter Gönner! Sie halten mich doch auf dem Laufenden?

Seien Sie dessen versichert!

Der Geheimrat war gegangen; Giraldi hatte die dunklen Augen noch auf die Tür gerichtet; ein Lächeln tiefster Verachtung spielte um seine Lippen: Buffone! murmelte er.

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