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Sturmflut. Zweite Abteilung

Friedrich Spielhagen: Sturmflut. Zweite Abteilung - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleSturmflut. Zweite Abteilung
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
printrun33.-34. Auflage
year1913
firstpub1877
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünfzehntes Kapitel

Die sinkende Sonne stand nicht mehr hoch über den Hügeln. In ihrem magischen Licht erglänzte die stille Wasserfläche, die das ungeheure Halbrund zwischen dem Golmberge und dem Wissower Haken bedeckte. Die schrägen rotgoldenen Strahlen schienen blendend in Reinholds Augen, der eben sein Boot von der See in die weite Bucht steuerte, hart an der Weißen Düne hin, an deren steiler Wand die hereinrollende langgestreckte Welle hinaufleckte, während das Boot auf ihrem breiten Rücken vorüberschwebte, mit den Spitzen der gleichmäßig sich hebenden und wieder einsinkenden Ruder beinahe den Rand streifend.

Die Blicke der Männer, die die Ruder führten, waren, als sie so vorüberglitten, auf die Düne gerichtet, und in aller Erinnerung stand sicher die Rettungsszene in der Sturmnacht; aber keiner von ihnen sprach ein Wort.

Nicht, weil es gegen die Disziplin gewesen wäre. Sie wußten, daß der Kommandeur ein bescheidenes Wort zur rechten Zeit wohl verstattete, auch wenn er, wie heute, in voller Uniform war und sein eisernes Kreuz auf der breiten Brust trug; aber er hatte den dreieckigen Hut so tief ins Gesicht gezogen, und hob er auch einmal flüchtig die Augen, um nach dem Kurs zu schauen, so blickten die heute nicht finster; – sie hatten seine Augen noch nicht finster gesehen, so wenig, wie sie ein böses Wort aus seinem Munde gehört; – aber so ernst und traurig. Sie wollten den Kommandeur in seinen Gedanken nicht stören.

Ernste, traurige Gedanken – ernster und trauriger, als die braven Leute denken mochten und begreifen konnten.

Was waren ihnen die beiden, die sie hier von dieser Sandkuppe mit unsäglicher Mühe und hundertfacher Gefahr des Todes für jeden einzelnen unter ihnen aus der Todesgefahr erlöst – was waren sie ihnen gewesen als ein paar Menschen mehr, die sie von Berufswegen retteten, zu den andern, die sie an dem Tage bereits gerettet hatten. Wie der Herr Graf und das vornehme Fräulein dahin gekommen, in welchem Verhältnis die beiden zueinander standen – was fragten sie danach?

Aber er!

Wie hatte es ihn durchschauert, als er die glänzende Carla von Wallbach, die er noch vor wenigen Tagen im Licht der Kronenleuchter durch den Salon von Warnow hatte tänzeln und kokettieren sehen, – ein Bild des äußersten Elends, die Gewänder durchpeitscht von der Nässe, die zarten Glieder geschüttelt vom eisigen Frost, mit halb verstörten Sinnen, zusammengekauert, kaum noch einer menschlichen Gestalt ähnlich, auf der sturmumdonnerten Düne fand und nach dem Boote trug; und sie, in dem Augenblick, als er sie dort niederlegte, aus ihrer Betäubung erwachend und ihn erkennend, wie im Wahnsinn aufkreischte: Retten Sie mich vor ihm! vor ihm! und ihn – den fremden Mann – angstvoll umklammert hielt, wie ein Kind die Mutter, daß er sich mit Gewalt losmachen mußte! – Und als dann der Graf, der in einem kaum minder bejammernswerten Zustande war, nachdem ihn zwei von den Lotsen in das Boot getragen und in der Nähe Carlas niedergelegt hatten, plötzlich wieder auftaumelte und, auf die Gefahr hin, über Bord zu fallen, nach dem Vorderteil des Bootes schwankte und dort, in finsterm Trotz in sich hineinbrütend, saß, teilnahmlos an allem, was um ihn her vorging, bis sie sich nach dem Pölitzschen Gehöft hingearbeitet und sich anschickten, die Ärmsten aus der Giebelstube, in die sie sich geflüchtet, durch das Fenster in das Boot zu holen. Da war er aufgesprungen und hatte wie ein Rasender geschrien, er wolle nicht auch noch mit denen hier zusammengepfercht werden! er wolle nicht! – und hatte Hand an die Leute gelegt, bis er vor der Drohung, daß sie ihn, wenn er nicht den Befehlen des Kommandeurs unbedingte Folge leiste, binden würden, zurückschreckend, die Hände in das Gesicht gedrückt, seine Wut stumm in sich schlang.

Da war der Giebel, da war die Fensterhöhle – sie hatten das Fenster herausreißen und ein Stück der Mauer herausschlagen müssen, um Platz zu schaffen – es schien Reinhold selbst jetzt wie ein Wunder, daß ihm dies gelungen war, daß er aus diesem Graus der Verwüstung die Ärmsten hatte retten, durch Nacht und Sturm und Dunkelheit die zarteste Menschenblüte hatte tragen dürfen in den sicheren Port des Schlosses, wo alle Gefahr vorüber war.

Nur wenige Minuten hatte die Überfahrt von dem überfluteten Hofe nach dem Schlosse gewährt, – der Sturm hatte das Boot wie eine Flocke vor sich hergeschleudert, – aber es waren die einzigen Minuten gewesen, wo selbst ihm das Herz erzittert war, nicht in Furcht, nur in zärtlicher Sorge. Ihm wurden die Augen naß, wie er jetzt an alles zurückdachte: an die Mutter, die, ihr Kleines am Busen, in dem Boote lag, den Kopf auf den Knien ihres Gatten, während die arme Marie voller Erbarmen die ohnmächtige Carla umfaßt hielt. Wie mochte dem Elenden vorn im Boot, wenn er die Augen einmal hob, bei diesem Anblick zu Mute gewesen sein! Die rasende Hast, mit der er, als sie an der hinteren Rampe des Schlosses anlegten, heraussprang und davonstürzte, um sich irgendwo in der Dunkelheit zu verbergen, – es war Kain, der von der Leiche des erschlagenen Bruders flieht.

Und immer trauriger wurden Reinholds Gedanken. Es war ihm ja dann das Höchste noch gelungen: er hatte die Geliebte dem sichern Tode entreißen dürfen, und mit ihr die unglückliche Frau, von der sie beide, als wären sie ihre Kinder, geliebt wurden und die sie beide, wie eine Mutter, liebten und verehrten. Es war ja so viel des höchsten Glückes, und doch! und doch!

Wie teuer war dieses Glück erkauft? war noch ein Glück, was so teuer erkauft werden mußte? gab es überall noch ein Glück auf Erden, wenn das Unglück in seiner mitleidslosen Gestalt so dicht daneben lag, wie die blauschwarzen Schatten dort zwischen den Zinnen und Erkern des Schlosses an die hellerleuchteten Flächen grenzten? schwankte nicht der scheinbar festeste Grund, wie hier die Welle über dem Acker, durch den der Landmann sonst seinen Pflug zog? über der Wiese, auf der der Hirt sonst seine Herde trieb? Mußten sie sterben, so jung, so schön, so überreich ausgestattet mit herrlichsten Eigenschaften und Gaben? Und wenn sie sterben mußten, weil sie nicht mehr leben konnten, nicht mehr leben wollten, der Tod für sie nur eine Erlösung aus unentrinnbaren Verschlingungen – als welch fragliches Gut erschien das Leben, mit dem auch nur die Möglichkeit solch grausigen Geschickes geboren war? Wie mochten die beiden Väter es tragen? würdevoll – ohne Zweifel – und doch! und doch!

Sie hatten das Schloß und den Park umrudert und näherten sich dem Ufer an derselben Stelle, wo in jener Nacht die Weiden gebrannt hatten, deren verkohlte Stumpfe noch von dem Strande aufragten. Es lagen bereits mehrere größere und kleinere Boote da: aus Ahlbeck und selbst von entfernteren Dörfern an der Küste. Von überall her – meilenweit – waren sie gekommen, denn überallhin – meilenweit war sie in diesen Tagen von Mund zu Mund getragen – mit manchen Variationen und immer dieselbe doch, – die rührende Geschichte von dem Jüngling, der ein Mädchen lieb hatte, die beide von Hause flohen und weder Glück noch Stern hatten, und nun gestorben waren und heute begraben werden sollten.

Reinhold wandte sich vom Ufer in das Dorf. Der Präsident hatte ihm geschrieben, daß er zur bestimmten Stunde in Warnow eintreffen werde und, bevor er sich der Familie vorstelle, ihn zu sprechen wünsche. Er kannte die Pünktlichkeit des verehrten Mannes; und er hatte auch wirklich kaum den Platz vor dem Wirtshause, wo bereits eine ganze Wagenburg aufgefahren war, erreicht, als eine Equipage heranrollte, aus der der Präsident stieg und ihm, den er alsbald erblickt, jetzt mit weitausgestreckter Hand entgegenkam.

Ein fast väterliches Wohlwollen lag in der stummen Begrüßung, denn der verehrte Mann war zu bewegt, um sogleich sprechen zu können, bis er, nachdem sie einige Schritte still nebeneinander gegangen, mit einem melancholischen Lächeln anhub:

Prophete rechts, Prophete links! ja, ja mein lieber junger Freund! und was gäben wir wohl, wären wir als falsche Propheten erfunden worden und unsere Sturmfluten wären nicht gekommen! Aber da sind sie nun; die Ihre hat, Gott sei Dank, schnell genug ausgetobt, die meine wird, Gott sei's geklagt, noch lange fortwüten. Und möchten doch da auch so wackere Sankt Georgs erscheinen, die dem Drachen so mutig zu Leibe gehen und ihm die armen Opfer entreißen! Ich bin stolz auf Sie, lieber Freund; es dürfte nicht viele geben, die sich so von ganzem Herzen der herrlichen Taten freuen, die Sie, mit des gnädigen Gottes Hilfe, haben ausführen dürfen. So viel Menschenleben zu retten – und wäre auch die Braut nicht unter ihnen gewesen – wie glücklich müssen Sie sein! Es wird zu Ihrem Glück nicht beitragen, ich meine: es wird die Beseligung, die Ihr Herz erfüllt, nicht vermehren; aber es ist recht und schicklich, daß so schönes, gottbegnadetes Tun auch vor den Augen der Welt seine Auszeichnung finde. Man hat außerdem Ihre Abhandlung, die damals so böses Blut machte, nicht vergessen; hätte man Ihren Rat befolgt – der unglückselige Hafenbau wenigstens wäre nie begonnen, und Millionen und aber Millionen unserem armen Lande erspart – von der Blamage nicht weiter zu reden. Solche Köpfe, meint der Herr Minister, dürften nicht feiern; er hat mir auf meinen summarischen Bericht der hiesigen Ereignisse telegraphisch befohlen, Ihnen die Rettungsmedaille am Bande im Namen Sr. Majestät anzukündigen und Sie in seinem Namen zu fragen, ob Sie geneigt sind, in irgend einer Eigenschaft, über die Sie sich persönlich mit ihm zu verständigen Härten, in sein Ministerium zu treten, – als vortragender Rat – vermute ich; oder auch in das Marineministerium – es scheint, daß die beiden Herren Sie sich streitig machen. Ich glaube zu wissen, was Sie mir antworten werden: Sic möchten vorläufig hier bleiben. Ich würde Sie auch ungern gerade jetzt verlieren; aber halten Sie sich jedenfalls die Zukunft offen; Sie sind es dem Gemeinwohl, Sie sind es sich selbst schuldig. Habe ich recht?

Gewiß, Herr Präsident, erwiderte Reinhold; es ist mein heißester Wunsch und fester Entschluß, dem König und meinem Vaterlande zu dienen zu Wasser und zu Lande, wo und wie ich kann; jeder Ruf, der an mich ergeht, wird mich stets bereit finden, obgleich ich freilich nicht leugnen will, daß ich ungern, sehr ungern von hier fortgehe.

Kann es mir denken, sagte der Präsident; ein Mann, wie Sie, legt in alles seine Seele, geht immer in der Erfüllung seiner Pflicht auf, sie möge klein oder groß sein; und daß man in verhältnismäßig kleinem Kreise Großes leisten kann, haben Sie ja bewiesen. Indessen, die Sache hat auch noch ihre gemütliche Seite, die zu übersehen ein falscher Heroismus sein würde. Die hohe Anerkennung, die vor höchster Stelle Ihre Verdienste finden, wird eine freundliche Genugtuung für Ihren so schwer geprüften Herrn Schwiegervater sein; und er würde sich doch in Berlin ohne die Nähe seiner Tochter recht vereinsamt fühlen.

Wie gütig Sie sind, sagte Reinhold bewegt; wie Sie an alles denken!

Nicht wahr? entgegnete der Präsident, den Druck von Reinholds Hand freundlich erwidernd; es ist bewunderungswürdig! Aber habe ich nicht die Ehre, ein Freund der Familie zu sein? und haben Sie mich in dieser Eigenschaft nicht anerkannt, als Sie mir mit der amtlichen Relation der Ereignisse in den Sturmflut-Tagen privatim alles mitteilten, was Sie selbst und die Familie, zu der Sie ja jetzt gehören, betroffen hat? Ich fühle mich durch Ihr Vertrauen geehrt; ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß alles in meiner Brust begraben bleibt. Aber Sie haben recht getan: in so verwickelten Verhältnissen darf man sich nicht auf sich selbst verlassen, muß man die Erfahrung, die Klugheit seiner Freunde zu Hilfe nehmen. Und wer wäre mehr, als ich, in der Lage, hier Rat zu erteilen und Hilfe zu schaffen. Ich habe schon alles überdacht, mir vieles zurecht gelegt, sogar einige erste Fäden angeknüpft und von allen Seiten das bereitwilligste Entgegenkommen gefunden. Wir besprechen das ausführlich, wenn Sie in den nächsten Tagen, was Sie ja doch tun werden, nach Sundin kommen. Für heute – ich muß sofort nach dem Begräbnisse zurück – nur so viel: ich bin sicher, daß die Güter Ihrer Frau Tante, der Baronin, erhalten bleiben, da sowohl Golm, als die Gesellschaft bankerott sind und mit jeder, nur einigermaßen akzeptablen Bedingung zufrieden sein müssen. Ich werde den Leuten keine günstigen stellen, verlassen Sie sich drauf! Diese Menschen, die so unsägliches Unglück über Tausende gebracht, verdienen keinen Pardon. Es werden dann freilich auch im besten Falle nur Trümmer des stolzen Vermögens bleiben, denn die Hauptmasse ist mit dem entsetzlichen Menschen, dem Giraldi, fürchte ich, auf immer verloren. Oder meinen Sie nicht?

Ganz gewiß, Herr Präsident! sagte Reinhold. Ich nahm es von vornherein an; und die Aussagen des Mannes, der ihn gefahren und den ich nachher selbst ausführlich gesprochen und verhört, bestätigen meine Annahme. Die Überflutung zwischen dem Wissower Haken und Faschwitz ist mit so fürchterlicher Gewalt eingetreten, daß die ersten Wasser von den nachdrängenden aus der so entstandenen Bucht, wie aus einer Schale, mehr als einmal rein herausgespült sein müssen, mit allem, was sie in ihren Strudeln wälzten. Dann gerieten die herausgedrängten Wasser in den ungeheuren Strom, der zwischen dem Festlande und der Insel westwärts in die offene See trieb, und wenn die Leichname jemals nach Wochen, vielleicht Monaten, irgendwohin an ein fernes Ufer getragen werden –

Schade, schade, sagte der Präsident; das stolze, stolze Vermögen! nach meiner Berechnung und den Äußerungen, die der Fürchterliche in der letzten Begegnung mit der Frau Baronin gemacht, eine ganze Million! Wieviel gutes hätte damit gestiftet werden können! in Ihren Händen noch dazu! Indessen, auf der andern Seite – es ist ein schauerlicher Gedanke: eine solche Erbschaft! Und nun gar die Frau Baronin! Sind ihr die gräßlichen Einzelheiten bekannt geworden?

Sie weiß, daß Antonio der Mörder meiner armen Cousine ist; sie weiß auch, daß die beiden Italiener sich auf der Flucht zusammen gefunden, daß sie zusammen umgekommen sind. Ich hoffe, das unsagbar Grauenhafte, das für uns der Bericht des Mannes noch enthält, bleibt ihr ewig verborgen.

Sie glaubt nicht an den Sohn?

Nimmermehr! Es ist, als wenn Gott selbst in seiner Gnade ihre sonst so klaren Augen nach dieser Seite geblendet. Sie hält das Ganze für eine Anzettelung und plumpe Lüge Giraldis. Sie können sich denken, Herr Präsident, daß wir sie durchaus in dieser Annahme bestärken und schon aus diesem Grunde dem Schicksal danken, das in ihre dunkle Tiefe zurückschlingt, was nimmer das Licht des Tages hätte sehen sollen.

Freilich! freilich! sagte der Präsident; das ist bei alledem ein Trost. Die unglückliche Dame hat wahrlich schon genug gelitten. Gegen Ihren armen Onkel ist das Schicksal weniger gnädig gewesen. Es ist ja furchtbar, eine solche Tochter – so schön, so hochbegabt – so zu verlieren; aber ein Mann, wie Ihr Herr Onkel nach allem, was ich von ihm höre, sein muß: von dieser Hochherzigkeit, dieser Rechtlichkeit, verfolgt von dem Gespenst eines Sohnes, hinter dem, wohin er sich auch wende, die Steckbriefe und Häscher her sind – dagegen, meine ich, hilft keine Geistesgröße, keine Philosophie – das ist mitleidslos entsetzlich ohne den leisesten Anhauch der Versöhnung. Solchen Schmerz kann selbst die sonst allmächtige Zeit nicht lindern; hier könnte nur der Tod sein Machtwort sprechen; aber der Mann wird sich hüten, zu sterben.

Ich weiß es nicht, sagte Reinhold; er ist aus einer Familie, die den Tod nicht fürchtet. Wie anders auch der Unglückliche das Leben auffassen mag – ich kann mir sehr wohl denken, daß selbst an ihn die Frage herantritt in der Form, die er versteht, und daß er dann keinen Augenblick mit der Entscheidung zögert.

Der flüchtigste Schimmer eines ironischen Lächelns spielte um des Präsidenten feine Lippen; er wollte in einer gefälligen Wendung sagen, daß er ein Verständnis habe für den Familienstolz, auch wo er, wie in diesem Falle, offenbar über das Ziel hinausschieße; aber der laute Anruf einer breiten Stimme in nächster Nähe ließ ihn nicht dazu gelangen.

Der Rufer war Herr von Strummin, der mit Justus die kurze Querstraße, die von der Hauptstraße des Dorfes nach dem Pfarrhause führte, so eilig herabkam, daß Reinhold, der von des Freundes heute in der Morgenfrühe erfolgter Ankunft bereits unterrichtet war, nicht einmal mehr die Zeit hatte, dem Präsidenten das Verhältnis zwischen den beiden Männern mitzuteilen. Dafür schrie aber Herr von Strummin, noch bevor er dem Präsidenten die Hand gereicht: Habe die Ehre, Herr Präsident, Ihnen meinen Schwiegersohn vorzustellen! Herr Justus Anders, berühmter Bildhauer! Große goldne Medaille, Herr Präsident! – heute morgen schon mit meiner Tochter von Berlin gekommen in Begleitung Ihres Fräulein Tante, Herr Kommandeur! Hat gleich, da gnädige Frau es wünschte, das Arrangement in die Hand genommen, den ganzen Parterresaal ausräumen lassen, sieht aus wie in der Kirche von Strummin! – Ja, mein verehrter Herr Präsident! so ein Künstler! da müssen wir andern alle das – den Mund aufsperren! – Und nun, denken sich der Herr Präsident: der Pastor kann oder vielmehr will die Grabrede nicht halten! läßt im letzten Augenblick absagen! Wir – mein Schwiegersohn und ich – kommen eben von ihm – hat uns gar nicht angenommen – könne niemand sprechen – könne überhaupt nicht sprechen! Schöne Heiserkeit! Die Pfarre von Golm, die ihm der Graf versprochen hat, steckt ihm in der Kehle!

Verzeihen Sie, Herr von Strummin; unterbrach Reinhold den Eifrigen: ich differiere von dem Herrn Pastor in Glaubenssachen ziemlich weit; aber hier muß ich ihn denn doch in Schutz nehmen. Er ist wirklich unwohl, sehr unwohl, und sein Unwohlsein hat die ehrenwerteste Veranlassung. Ich weiß es; denn meine Leute und gelegentlich ich selbst – wir haben den alten, kränklichen Mann in diesen Tagen, als Freiwilligen, überall bei uns gehabt, wo es galt, Hilfe und Trost zu bringen, und Sie wissen: das war an nur zu vielen Stellen der Fall.

Na, wenn Sie es sagen – rief Herr von Strummin; und es mag ja auch sein, daß ich jetzt fuchswild werde, wo ich nur die Fährte von unserm saubern Herrn Grafen zu wittern glaube. Aber die Pfarre von Golm –

Lieber Herr von Strummin, flüsterte der Präsident; warum denn das alles so laut! und Sie hören doch –

Na, meinetwegen! schrie Herr von Strummin; ich sage nur: die Pfarre von Golm –

Die beiden Freunde konnten nicht hören, was Herr von Strummin, der nun doch auf eine abermalige Bitte des Präsidenten die laute Stimme gemäßigt, weiter zur Bekräftigung seiner Ansicht vorbrachte. Sie waren ein wenig zurückgeblieben, um sich wieder und wieder die Hände zu drücken, während ihnen die Tränen in den Augen standen: Gestern um dieselbe Zeit haben wir sie begraben, sagte Justus. – Ferdinandes Pieta, die ich fertig mache, wird von ihrem Grabe leuchten und der Welt verkünden, welch ein Schatz von Güte und Liebe und Barmherzigkeit da verschüttet liegt; und den beiden hier will ich ein Denkmal errichten – ich habe Mieting unterwegs schon den Entwurf mitgeteilt – sie sagt: es muß famös werden; aber wie gern wollte ich für den Rest meines Lebens in Wahrheit Steine klopfen, wie mein Herr Schwiegervater vormals sagte, wenn ich die Guten, Schönen, Braven damit wieder zum Leben erwecken könnte – die Marineuniform steht Ihnen prachtvoll, Reinhold! ich hätte Sie so machen sollen; wir müssen das gelegentlich nachholen – die großen goldenen Epauletten sind famös plastisch – und wer soll denn nun die Grabrede halten? Der General und Onkel Ernst haben bestimmt, daß sie in einem Grabe ruhen werden. Ich finde das schön und recht, und den Einwand: sie seien ja nicht einmal öffentlich verlobt gewesen, gänzlich hinfällig und echt philisterhaft. Und da fällt mir ein: Onkel Ernst muß an dem Grabe sprechen! Er spricht so gut! und es wird ihm gut tun, wenn er sich aussprechen kann; und dem General auch; die beiden halten jetzt zusammen wie Brüder. Da ist vorhin eine Depesche an Onkel Ernst gekommen; ich war dabei, als er sie aufmachte, und sah, wie er zusammenzuckte; ich bin überzeugt: es handelt sich um den unglücklichen Philipp; sie werden ihn gefaßt haben; es ist gräßlich, daß Onkel Ernst das noch auf sich nehmen soll – an einem Tage wie dieser! aber er hat niemand etwas gesagt, außer dem General. Ich sah, wie sie auf die Seite gingen und er ihm die Depesche zeigte, und sie lange miteinander sprachen und sich dann die Hände drückten! Onkel Ernst! der geschworen hat, daß die Hand, die er dem General reichte, verdorren solle! und der mich heute schon ein halbes Dutzend mal gefragt hat, ob ich wohl glaube, daß Ottomars Kameraden, die sich angemeldet haben, auch wohl kommen würden; – wir haben deshalb das Begräbnis so spät angesetzt – es würde doch zu schmerzlich für den General sein, wenn sie ausblieben! Als hätte er selbst keine Schmerzen! Er ist ein Heldenmensch! – Aber auch Ihre Else ist bewunderungswürdig. Wie hat sie diesen Bruder geliebt, und wie ruhig-sicher waltet und schaltet sie jetzt und ordnet alles an, und hat für jeden williges Gehör und ein freundlich klares Wort. Das brächte ich nun doch nicht fertig, weißt du – sagt Mieting; es gibt eben nur eine Else, weißt du – natürlich weiß ich das! aber es gibt auch nur eine Mieting – habe ich nicht recht?

Lieber Herr Schwiegersohn! rief Herr von Strummin, rückwärts gewandt.

Er hat mich heute schon zweihundertmal so gerufen! sagte Justus seufzend, indem er seine kurzen Schritte länger machte und beschleunigte.

Sie waren an das obere Ende des tiefen und schmalen Einschnittes gelangt, wo man das Schloß unmittelbar vor sich sah. Ein wundersamer Anblick für den Präsidenten, der die Situation von früher her sehr wohl kannte und den Reinhold nun die paar Schritte bis an den jetzt völlig steilen Rand der Lehne geführt hatte. Denn der Strom hatte die Böschung so weit abgespült und fortgerissen, daß hier und da der Rand sogar überhing und Reinhold die Stelle, wo die Fichte gestanden, deren Sturz für Ottomar so verhängnisvoll gewesen war, nicht mehr finden und dem Präsidenten bezeichnen konnte. Unter ihnen, zwischen der steilen Lehne und dem Schlosse, drängte sich noch immer der Strom, aber nicht mehr in den schäumenden Wogen und brausenden Strudeln der Schreckensnacht, sondern in stillen glatten Wirbeln, die ineinander verrannen, um neue Wirbel zu bilden und an den Kielen der fünf großen Boote aufzuplätschern, über die man die breite provisorische Brücke von dem Ausgange der Schlucht hinüber nach dem altertümlichen Steintore des Schloßhofes geschlagen hatte. Die Zinne des Tores bis hinab zu dem mächtigen Wappen der Warnows über der Öffnung erglänzte im Abendgold, und so erglänzten der runde Turm des Schlosses und die höheren Giebel und Dächer, bis hinab zu der scharf abgerissenen Linie des blaugrauen Schattens, den die Hügellehne über die tieferliegenden Partien warf. Und weiterhin nach rechts erglänzten die Kuppen der Bäume in dem überfluteten Park, und über Schloß und Park hinaus die stillen Wasser, die die ganze ungeheure Bucht ausfüllten und ohne Unterbrechung in die offene See überzugehen schienen. Vor den schräg auffallenden glitzernden Sonnenstrahlen waren selbst für Reinholds scharfes Auge die paar noch hervorragenden Dünenspitzen verschwunden; kaum daß er die Dächer des Pölitzschen Hofes unterschied und hier und da auf der weiten Fläche das Gestrüpp einer Weide an dem Rande der Gräben.

Der Präsident stand in tiefes Sinnen versunken; er schien selbst Reinholds Gegenwart vergessen zu haben.

Einst wird kommen der Tag, – hörte Reinhold ihn murmeln.

Sie schritten über die Schiffbrücke. Die Wasser gurgelten und plätscherten an den scharfen Kielen: aus der weiten Toröffnung drang dumpfes Gemurmel.

Jetzt erst, durch das Tor tretend, sahen sie, weshalb das Dorf wie ausgestorben gewesen. Der sehr große Hof war, besonders in dem dem Schlosse zunächst gelegenen Teile von einer großen, wohl aus tausend Personen bestehenden Menschenmenge angefüllt, die in dichten Gruppen zusammenstanden und, während sie den auf das Portal zuschreitenden Herren ehrerbietig grüßend Platz machten, dieselben neugierig musterten, hinter ihnen her sich leise ihre Bemerkungen mitteilend. – Der neben dem Herrn Kommandeur ging, das war der Herr Präsident! belehrten die, die ihn kannten – und es waren ihrer die meisten – die andern. – Wenn der Herr Präsident, der doch der Oberste im ganzen Regierungsbezirk und dazu ein so guter Herr war, der es mit allen wohl meinte, gekommen und bei dem Begräbnisse zugegen sein würde, da könne der Herr Graf auch in Gottes Namen zu Hause bleiben. Und wenn der Herr Graf bei ihnen hier Herr spielen wolle – sie wollten es ihm schon verleiden! aber Herr Damberg sage ja, daran sei gar nicht zu denken; der müsse froh sein, wenn man ihm das liebe Leben lasse, und unter Sequester käme er jedenfalls!

Die Herren waren in das Schloß getreten. Eine größere und glänzendere Gruppe, die sich jetzt auf der Brücke zeigte, lenkte die Aufmerksamkeit der Menge dorthin. Es war eine Schar von Offizieren in ihren Galauniformen, denen in einiger Entfernung eine größere Zahl von Unteroffizieren folgte – von dem Regiment des Herrn von Werben, sagten die, die gedient und Ottomar im Sarge gesehen hatten. – Und der Herr Oberst, der voranging, das sei jedenfalls der Kommandeur von dem Regiment, und daß der kommandieren könne, das sehe ihm einer, der gedient und mit in Frankreich gewesen, an den Augen und an der Nase an: und der Hauptmann, der neben ihm gehe, das sei einer vom Generalstab, den habe am Ende Feldmarschall Moltke selber geschickt; und der lange Leutnant, auch in der Uniform von des Herrn von Werben Regiment, das sei der junge Herr von Wartenberg von den Bolswitzer Wartenbergs, und was die alten Herrschaften von Bolswitz seien, die wären schon vor einer Stunde in ihrer Equipage mit dem Vorreiter die drei Meilen von ihrem Gute herübergekommen. Und da solle nun ein Wort wahr sein von all dem dummen Gerede über den jungen Herrn von Werben, und daß sie ihn nicht nach Berlin geschafft, weil er da kein ehrliches Begräbnis gehabt hätte, und nun kämen sie von Berlin den weiten Weg, um ihn begraben zu helfen!

Justus, der mit größter Bereitwilligkeit die Leitung der einfachen Trauerfeierlichkeit übernommen und jetzt die Offiziere über den Hof hatte kommen sehen, zögerte in der Vorhalle so lange, bis er sie empfangen und in die Zimmer rechter Hand, wo sich die Gesellschaft versammelt, hatte führen können. Dann winkte er Reinhold, ihm zu folgen, und geleitete ihn zu der Tür in der Tiefe der Halle, die er vorsichtig öffnete und sogleich wieder hinter ihnen abschloß. Es ist jetzt niemand mehr der Zutritt gestattet, erklärte er. Was sagen Sie, Reinhold?

Die hohen, prächtigen Räume, deren Läden geschlossen waren, erfüllte das milde Licht zahlloser Kerzen auf den Kronen- und Wandleuchtern und auf Kandelabern zwischen Bosketts von immergrünen Pflanzen und jungen Tannen, die in einer schönen, sich nach dem Eingang des Saales öffnenden Ellipse die beiden Särge umgaben. Mit alten Gewaffen, die Justus der Rüstkammer des Schlosses entnommen, und schönen Abgüssen von Antiken, ja Originalen, die ein früherer kunstsinniger Besitzer gesammelt und die er hier und da aus den Sälen und Zimmern herbeigeschafft, und wieder mit Gruppen von Blattpflanzen und Tannen, zwischen denen Lichter brannten, waren die Wände ringsum geschmückt.

Habe ich es nicht famös gemacht? flüsterte Justus, und alles in den paar Morgenstunden! Die beiden würden ihre Freude daran gehabt haben! er an den Waffen, sie an den Figuren! Aber das Schönste sind sie doch selbst. Ich muß nun die Familie rufen, Reinhold, bevor wir die Särge schließen; unterdessen nehmen Sie Abschied. Sie haben nicht so viel Gelegenheit dazu gehabt, wie die andern.

Justus war durch eine Tür, die nach den innern Gemächern führte, verschwunden. Reinhold stieg die Stufen hinauf und trat zwischen die Särge, in denen sie den ewigen Schlaf schliefen.

Ja, sie waren schön! schöner noch, als sie im Leben gewesen. Der Tod schien jeden Erdenrest von ihnen getilgt zu haben, auf daß die edle Natur sich in ihrer ganzen Herrlichkeit offenbaren möge. Wie groß, wie vornehm dieses Mädchenantlitz! wie hinreißend anmutig dieses Jünglingsgesicht! und als hätten sie, sterbend, den Bund der Seelen wahrhast vollzogen und jeder dem andern liebend gegeben, was ihn zumeist im Leben schmückte, so spielte um ihre Lippen, die sonst so stolz geschürzten, ein süßes, glückselig demutvolles Lächeln, während der Tod mit dem rastlosen Flackern der nervösen Augen und dem ungeduldigen Zucken des feinen Mundes, alles Unfertige, Halbe aus seinen reinen Zügen weggewischt und nichts zurückgelassen als den Ausdruck des heldenhaften Willens, mit dem er in den Tod gegangen und für den die breite rote Wunde auf der weißen Stirn das feierliche Siegel war.

Durch die Büsche hinter ihm rauschte es leise; – er wandte sich und breitete Elsen seine Arme entgegen. Sie lehnte sich weinend an seine Brust: Nur einen Augenblick, flüsterte sie, daß ich dein liebes Herz kann schlagen fühlen und weiß, daß du mir lebst, du, mein süßer Trost, mein starker Hort!

Sie richtete sich wieder auf. Ade! ade! zum letztenmal! ade! Du lieber, geliebter Bruder! ade! du schöne, stolze Schwester, die ich so sehr geliebt haben würde!

Sie hatte beiden die bleichen Lippen geküßt; Reinhold nahm sie in seine Arme und führte sie von der Estrade hinab seitwärts, wo er Justus und Mieting in bescheidener Entfernung, Hand in Hand, zwischen den Büschen stehen sah, während, von hinten her kommend, der General, Valerie und Sidonie, Onkel Ernst und Tante Rikchen auf der Estrade erschienen, Abschied zu nehmen von den Toten.

Feierliche und doch verwirrende Momente, deren Einzelheiten Reinholds tränenumflortes Auge nicht zu fassen und festzuhalten vermochte, während vor Justus' klarem Künstlerblick ein rührend schönes Bild sich an das andere reihte, keines rührender und schöner für ihn, der diese Menschen und ihre Verhältnisse so genau kannte, als das letzte, das er noch sah: den General, der die gänzlich erschöpfte Valerie – sie war nur für diesen Moment aus ihrem Krankenzimmer hervorgekommen und hatte den Kopf mit einem dichten Spitzenschleier umwunden – die Stufen der Estrade, mit zärtlicher Sorge, beinahe hinabtrug, während Onkel Ernsts mächtige Gestalt, die noch oben stand, sich zu der guten kleinen Tante Rikchen hinabbeugte und ihr mit der breiten starken Hand beschwichtigend über das bleiche, verkümmerte, betränte Gesicht strich.

Weißt du, flüsterte Mieting; die empfinden jetzt, was wir empfanden, als wir vor dem entschlafenen Engel standen: daß sie sich sehr lieb haben müssen, weißt du!

Eine halbe Stunde später bewegte sich der Trauerzug aus dem Hoftore, von dessen einer Zinne jetzt eine große deutsche, von der andern eine schwarze Fahne in dem linden Abendwinde wallten, über die Schiffbrücke, den Hohlweg hinauf, und von dort, rechts abbiegend, den sanft aufwärts leitenden Weg nach dem Friedhofe, der, ein paar hundert Schritte von dem Dorfe entfernt, auf der höchsten Stelle der zum Ufer gewordenen Hügelkette lag.

Ein langer, feierlicher Zug.

Voran Kinder des Dorfes, mit Tannengrün den sandigen Weg bestreuend, her vor den Särgen: dem palmengeschmückten, welcher die jungfräuliche Hülle des schönen heroischen Mädchens barg und von stämmigen Lotsen und Fischern aus Wissow getragen wurde, die es sich nicht hatten nehmen lassen, die Anverwandte ihres Kommandeurs zur letzten Ruhe zu bringen; – dem mit kriegerischen Symbolen gezierten des Mannes, für den sie gestorben und dem ein gnädiges Geschick gegönnt hatte, als ein Braver zu sterben, wert der Orden, die er sich vor dem Feinde erkämpft und die ihm der Wachtmeister seiner Eskadron auf seidenem Kissen nachtrug, wert, daß die schmucken Krieger, die ihn gesehen hatten in den Tagen seines Glanzes, ihn jetzt aus ihren Schultern, die seine freundliche Hand so manchmal berührt haben mochte in heißer Stunde der Schlacht, beim lodernden Biwakfeuer, auf mühseligem Marsch, zum großen Rendezvous krachten.

Hinter den Särgen die beiden Väter; Reinhold dann, der seine Else, Justus, der seine Mieting führte – Sidonie und Tante Rikchen waren bei Valerien geblieben – der Präsident und der Oberst von Bohl, Schönau und die glänzende Schar der andern Offiziere, der benachbarten Edelleute mit ihren Damen: Herr und Frau von Strummin, die Wartenbergs, die Griebens, die Boltenhagens und Warnekows und wie sie noch sonst hießen, die Abkömmlinge der alten erbgesessenen Geschlechter; das unabsehbare Gefolge der Landleute und Schiffer, an ihrer Spitze die Reckengestalt des braven Pölitz und die stämmige Figur des Oberlotsen Bonsak.

Ein langer, feierlicher, stiller Zug, Schritt für Schritt begleitet von den monotonen Kadenzen der an der steilen Uferwand an- und abrollenden Dünung. Und dann und wann der schrille Schrei einer Möwe, die, über dem blinkenden Wasser sich wiegend, das wundersame Schauspiel neugierig betrachten mochte, oder ein geflüstertes Wort vom Nachbar zum Nachbar, das bereits die zunächst Vorangehenden oder Folgenden nicht mehr hörten.

So das Wort, das der General zu Onkel Ernst sprach, als eben die Spitze des Zuges den Friedhof berührte: Fühlen Sie sich stark genug? und das, von Onkel Ernst erwiderte: Erst jetzt fühle ich mich wieder stark.

Aber selbst Reinhold und Else, die hinter ihnen gingen, würden es nicht verstanden haben, hätten sie es gehört. Noch hatte Onkel Ernst niemand, als dem General, die Depesche – gezeigt, von der Justus gesprochen, die inhaltsschwere Depesche, im trocknen Lapidarstil einer Polizeibehörde: »Philipp Schmidt, heute nacht im Begriff sich auf dem Dampfer ›Hansa‹ von Bremerhaven nach Chile einzuschiffen, erkannt, in seiner Kabine durch Revolverschuß selbst getötet, entwendete Gelder unberührt vorgefunden; wird morgen abend 6 Uhr beerdigt werden.«

Da, unter der breiten Hand, die er in den Überrock geschoben, lag das Blatt, und das mächtige Herz schlug dagegen, schlug in Wahrheit wieder stark und wieder stolz, nun, da er sich sagen durfte, daß sein unglückseliger Sohn denn doch nicht zu den Feigen gehört hatte, denen das Leben über alles geht; daß es doch auch für ihn ein Maß der Schande gab, das nicht überfließen konnte, weil er in demselben Moment den Lebensbecher ausschüttete – ein Getränk zu schal und ekel selbst für seine entweihten Lippen!

Die Särge waren in die gemeinsame Gruft versenkt. Zu Häupten der Gruft stand Onkel Ernst – barhaupt, und barhaupt vor ihm in weitem, dichtem Halbkreise die Menge.

Barhaupt, lautlos, emporschauend zu dem gewaltigen Mann, dessen Gestalt schier riesenhaft von dem Hügel in den rosigen Abendhimmel ragte.

Und jetzt hob er die mächtigen Augen, die mit einem Blick die ganze Gemeinde zu umfassen schienen; und jetzt erhob er die tiefe Stimme, deren eherner Klang bis zu der letzten Grenze des Kreises deutlich jedes Wort trug:

Meine Freunde alle!

Ich darf euch so nennen, denn angesichts eines großen Unglücks, eines furchtbaren Geschickes ist Freund alles, was Menschenantlitz trägt.

Meine Freunde! dies hier – es mußte, mußte sein!

Es mußte sein, weil wir so arg, so ganz vergessen hatten der Liebe; weil wir dahingelebt lange, liebeleere Jahre in öder Selbstsucht, übertäubend den sehnenden Schrei unserer Herzen mit der tönenden Schelle unserer Afterweisheit, rastlos kämpfend den schnöden Kampf um Mein und Dein, den wilden, wüsten Kampf, ohne Scham und ohne Erbarmen, keinen Frieden wollend und keinen Pardon gebend, kein Recht achtend, als das des Siegers, der den Besiegten hohnlachend unter die Füße tritt.

Ja, meine Freunde: es mußte, mußte sein, auf daß wir uns wieder lieben lernten!

Und diese Gewißheit: sie, und sie allein ist es ja, die unsern Schmerz sonstigen kann um die Teuren, die wir jetzt dem heiligen Schoß der Erde übergeben; die holden Blüten, die der Sturm geknickt.

Der Sturm, der fürchterliche, der durch die deutschen Herzen und Geister und durch die deutschen Lande brauste, so viele Herzen brechend, so viele Geister verdunkelnd, so viele Acker junger grüner Saat mit Vernichtungsgreueln überdeckend, mit giftigen Dünsten den Himmel erfüllend, daß auch der Mutige sich fragen mochte: ist sie dem untergegangen für immer, die liebe deutsche Sonne?

Und doch! sie scheint uns wieder! sie sendet uns, untergehend, ihren letzten goldenen Strahl, einen neuen hellen Tag verheißend voll ehrlicher Arbeit und echter goldner Saat!

O, du hehres Gestirn des Himmels und du heiliges Meer und du frühlingsprossende Erde – euch nehme ich zu Zeugen des Schwures, den wir am Grabe dieser allzufrüh Dahingeschiedenen schwören: abzutun von Stund' an alles Kleine und Gemeine, zu leben fürder im Licht der Wahrheit, zu lieben einander mit der ganzen Kraft unserer Herzen! Das walte der Gott der Wahrheit und der Liebe zu der Menschheit Ehre und des deutschen Namens Herrlichkeit!

Die Stimme des Redners war verhallt, aber der Nachklang seiner Worte zitterte in den Herzen der Hörer, während sie, den Toten die letzte Ehre zu erweisen, still herantraten, umleuchtet von dem Widerschein der rosigen Gluten, die die untergegangene Sonne über den Himmel strahlte und der Himmel liebend der Erde zurückgab.

 

Ende.

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