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Sturmflut. Zweite Abteilung

Friedrich Spielhagen: Sturmflut. Zweite Abteilung - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleSturmflut. Zweite Abteilung
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
printrun33.-34. Auflage
year1913
firstpub1877
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141027
projectid381adaf6
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Vierzehntes Kapitel

So geht es nicht! schrie der Schulze; holt es wieder herein!

Ho! hiho! schrien die dreißig, die das Seil gefaßt hielten: ho! hiho!

Sie hatten in der Eile eine Art von Floß zusammengebunden aus ein paar Balken, Brettern und ausgehobenen Türen der nächsten Häuser und es jetzt versuchsweise in den Strom gelassen. Der hatte es im Nu fortgewirbelt und auf den Kopf gestellt; die dreißig hatten genug zu tun, daß sie es wieder an das Ufer bekamen.

Denn zu einem Ufer war die Hügellehne geworden, an der ein Strom brausend und schäumend vorüberschoß. Und auf der Hügellehne hatte sich das halbe Dorf schon versammelt, und immer kamen noch welche atemlos herbeigerannt. Es war keine Gefahr für das Dorf; die nächsten Häuser lagen zehn bis fünfzehn Fuß über dem Wasser; es schien unmöglich, daß es noch so viel steigen sollte, um so weniger, als es schon während der letzten Minuten um einen Fuß gesunken war. Der Sturm war etwas nord gegangen; die eingelaufene Flut mußte nach dem Haken zu treiben. Auch war es, trotzdem der Sturm in ungebrochener Wut fortraste, ein wenig heller geworden. Die zuerst Gekommenen brauchten den Herzulaufenden die Unglücksstelle nicht mehr zu zeigen; es konnte jeder den weißangestrichenen Altan drüben sehen und die schwarzen Frauengestalten – einmal zwei, dann wieder nur eine, die vorhin – sagten die zuerst Gekommenen – mit dem Taschentuche immerfort gewinkt hatte und jetzt in der Ecke zusammengekauert saß, als habe sie die Hoffnung ausgegeben und erwarte ergebungsvoll ihr Schicksal.

Und doch schien es, als müßte das Rettungswerk gelingen. Der Raum war ja nur so schmal; ein kräftiger Mann mochte einen Stein hinüberschleudern. Sie hatten es sogar – törichterweise – versucht, die besten Werfer mit einer dünnen Leine, die an den Stein befestigt war – nicht zehn Fuß weit war der Stein geflogen und mit der Leine davongeweht wie ein Sommerfaden. Und jetzt rollte eine ungeheure Woge von drüben durch den Park herein, die über den Altan wegschlug, sich dann in dem Strome brach und trotzdem bis zu dem Uferrande emporleckte. Die Weiber schrien laut; die Männer sahen mit ernsten bekümmerten Mienen einander an.

Es wird nichts, Kinder! sagte der Schulze, ehe wir das Floß hinüberbringen, ist das Ding da drüben lange zerbrochen. Noch eine solche Welle, und es geht in tausend Stücke; ich kenn' es ja, die Pfeiler sind nicht sechs Zoll stark, und der Wurm sitzt im Holze.

Und wenn wir's rüber kriegen und fahren dagegen, schlagen wir's vollends entzwei und kentern noch selber, sagte Jochen Becker, der Schmied.

Und es liegen zehn im Wasser, anstatt zwei, sagte Karl Peters, der Zimmerer.

Das hilft nun nicht, sagte der Schulze; wir können sie doch da nicht versaufen lassen vor unfern leibhaftigen Augen. Wir wollen mit dem Floß noch dreißig Schritte weiter hinauf; und gleich die Leute drauf; ich will selbst mit. Angefaßt, Kinder! angefaßt!

Ho hiho! ho hiho!

Hundert Hände waren bereit gewesen, daß Floß den Strom hinaufzuziehen. Aber dreißig Schritt würden es noch nicht tun; es mußte noch einmal so weit sein. Es hatte sich auch ein halbes Dutzend mutiger Männer gefunden, die den Versuch machen wollten; der Schulze solle nur dableiben; wer solle denn die, welche den Strick hielten, kommandieren? und das sei die Hauptsache!

Mit langen Stangen standen sie auf dem Floß.

Los!

Das Floß schoß vom Ufer wie ein Pfeil bis mitten in den Strom.

Hurra! schrien die am Ufer; sie glaubten schon das Ziel erreicht; sie fürchteten bereits, das Floß würde in den Park hineintreiben und an den Bäumen umschlagen.

Aber nun kam es nicht mehr weiter, keinen Fuß breit; es tanzte mitten auf dem Strom, daß die sechs auf dem Floß sich niederwerfen und festklammern mußten, und so den Strom hinab – pfeilschnell; wieder gegen das diesseitige Ufer bis zu der Stelle, wo sie vorhin gewesen. Nur mit aller Macht hatten die fünfzig es halten können; nur mit größter Mühe und augenscheinlicher Lebensgefahr waren die sechs wieder vom Floß heruntergekommen an das steile Ufer.

Es geht nicht, Kinder! sagte der Schulze. Wenn doch nur der Herr Leutnant wieder käme: es sind doch seine leibhaftigen Verwandten; erst jagt er uns herunter, und nun kommt er selber nicht.

Die geringe Helligkeit von vorhin, als der sprühende Dunst sich ein wenig verzogen, war wieder verschwunden. Wenn bis jetzt nur der bleischwarze Himmel und die dicke sturmgepeitschte Wasserluft den Abend zur Nacht verfinstert hatten, so brach jetzt die wirkliche Nacht herein. Nur die schärfsten Augen konnten noch die schwarze Gestalt auf dem Altan erkennen, wenn auch der Altan selbst wohl jedem sichtbar blieb. Und dabei nahm der Sturm offenbar wieder zu und war wieder von Nordost nach Südost umgesprungen; das Wasser stieg infolge der Gegenströmung vom Wissower Haken her bedeutend. Das wäre ihnen wohl zustatten gekommen, da die Schnelligkeit des Stromes so verringert wurde; aber es hatte keiner mehr den Mut, den hoffnungslosen Versuch zu erneuern. Wenn es kein Mittel gab, ein Seil hinüberzuschaffen und drüben zu befestigen, so daß an der schwankenden Brücke einige herübergleiten konnten, um dem Floß auch von drüben her die Richtung nach dem Altan zu geben – war keine Rettung.

So meinte der Schulze, und so meinten die andern. Sie schrien es aber einander in die Ohren; es hätte in dem fürchterlichen Lärmen niemand ein gesprochenes Wort verstehen können.

Da stand Ottomar plötzlich unter ihnen.

Er hatte mit einem Blick die ganze Situation begriffen.

Eine Leine her! schrie er, und schafft Licht! – die Weiden da!

Sie hatten ihn sofort verstanden: die vier alten hohlen Weidenbäume hart am Rande! man solle sie in Brand stecken! Es war dabei freilich, wenn es überhaupt gelang, Gefahr für das Dorf, aber daran dachte nicht einer. Sie stürzten nach den nächsten Häusern, sie schleppten geteertes Werg, Kienstücke armevoll herbei, stopften alles in die Höhlungen, die glücklicherweise gegen Westen lagen. Ein paar vergebliche Versuche – und dann flammte es auf – sprühend, knatternd, – einmal hoch aufleuchtend, jetzt wieder zusammensinkend – seltsam wechselnde Lichter auf die hunderte von bleichen Gesichtern werfend, die alle, alle mit fürchterlicher Starrheit auf den Mann gerichtet waren, der da, die Leine um die Brust geschlungen, in dem Strome mit dem Strome kämpfte.

Würde er es durchhalten?

Mehr als ein Paar schwieliger Hände fügten sich betend zusammen; es lagen Weiber auf den Knien, schluchzend, wimmernd, die Nägel ins Fleisch krampfend, das Haar raufend, wie im Wahnsinn aufkreischend, als wieder eine fürchterliche Welle heranrollte und über ihn wegrollte und er in der Welle verschwand.

Aber da war er wieder; sie hatte ihn zurückgeworfen, bis um die Hälfte des Raumes, den er schon durchmessen; – nach einer Minute schon hatte er es eingebracht. Er war auch eine Strecke stromab getrieben; aber er hatte seinen Ausgangspunkt gut gewählt; noch war der Altan weit unter ihm; es schien ein Wunder, daß er so durch den Strom kam!

Und nun war er in der Mitte; es war die schlimmste Stelle; sie wußten es von vorhin! Er schien nicht weiter zu kommen; er glitt langsam stromab.

Aber immer noch war der Altan unter ihm; wenn er die Mitte überwand, konnte, mußte es gelingen!

Und nun gewann er sichtbar Raum; näher und näher, Fuß um Fuß – in schräger gleichmäßiger Linie nach dem Altan! –

Rauhe, störrische Gesellen, die ein Leben lang verfeindet gewesen waren, hatten einander bei den Händen gefaßt; Weiber fielen einander schluchzend in die Arme. Ein Herr mit kurzem grauem Haar und dichtem grauem Schnurrbart, der eben atemlos, vom Dorfe her, herbeigelaufen war und, dicht bei den brennenden Weiden stehend, deren Glut ihn fast umleckte, mit stieren Blicken den Schwimmer verfolgt hatte und mit heißen Gebeten und Versprechungen: das alles, alles vergeben sein solle und vergessen, wenn er ihn nur wieder haben sollte, den geliebten, den heldenmütigen Sohn – er schrie jetzt laut auf – einen fürchterlichen Schrei, den der Sturm verwehte, und stürzte zum Ufer hinab, wo die Männer standen, die die Leine hielten, ihnen zurufend, sie sollten zurückziehen: zurück! zurück!

Es war zu spät.

Da kam sie herabgeschossen, die mächtige Fichte, an deren Fuß vor einer halben Stunde noch der Schwimmer gesessen – herausgerissen von dem Sturm, hinabgeschleudert in die Flur, sich wälzend in den Strudeln des Stromes, wie ein Ungeheuer der Tiefe entstiegen, jetzt die mächtigen Wurzeln herauskehrend, die noch den Stein umklammert hielten, und jetzt die Krone; und jetzt sich hebend, kerzengrade, wie sie einst gestanden im Licht der Sonne, und im nächsten Moment niederschmetternd über den Schwimmer, auf den Schwimmer – und dann, mit der Krone unter die schäumenden Strudel schießend und die Wurzeln nach oben kehrend, aus dem Bereich des Lichtes hinaustreibend in die finstere Nacht.

Sie hatten ihn zurückgezogen, da seltsamerweise die dünne Leine nicht zerrissen war – einen toten Mann, an dessen Seite, als er am Ufer ausgestreckt lag – er hatte nur eine breite klaffende Wunde über der Stirn, wie einer, der den ehrlichen Reitertod gestorben – der alte Mann mit dem grauen Schnurrbart kniete und den Toten auf den schönen blassen Mund küßte und sich dann aufrichtete.

Mir jetzt die Leine! es war mein Sohn! und da drüben ist meine Tochter!

Es schien ein Wahnsinn! Der junge! – sie hatten gesehen, wie er gekämpft! – aber der alte Mann!

Er hatte Rock und Weste abgeworfen. – Wenn er ein alter Mann war – er war immerhin ein stattlicher Mann mit breiter hoher Brust.

Wenn Sie merken, Herr General, daß Sie's nicht durchhalten, geben Sie uns das Zeichen zur rechten Zeit, sagte der Schulze.

Und jetzt geschah, was den Menschen, die hier in dieser einen Stunde so seltsam Befremdliches, grausig Furchtbares durchgelebt, als ein Wunder erschien.

Die Weidenfackeln, die von den Wurzeln bis in das struppige Gezweig alle auf einmal brannten, warfen ein fast tageshelles Licht über den Uferraum, über die Menschenmenge, den Strom, den Altan drüben – weit in den überfluteten Park hinein bis zu dem Schloß, dessen Fenster hier und da in dem Widerschein des Feuers rötlich aufflammten.

Und in diesem Licht kam, den schmalen Strom daher, auf dessen Rasengrunde sonst die Dorfkinder spielten, die sich gern von dem Rande der Böschung in die Tiefe kugelten – denselben schäumenden Wasserweg, den eben noch die struppige Fichte sich hinabgewälzt, wie ein Meerscheusal, das mit hundert Armen nach seiner Beute greift, – ein schlankes, schönes Boot geschossen, das eben erst an der hinteren Rampe des Schlosses, wie an einem Hafenquai, eine seltsame Ladung ausgeladen. Und hatten da gehört, wie es stand, und der am Steuer hatte gesagt: Kinder, es ist meine Braut! Und die sechs hatten gerufen: Hurra für den Kommandeur! und Hurra für seine Braut! Und schossen nun vorüber mit niedergelegtem Mast, während die sechs die Ruder aufrecht hielten, wie in einem Flaggenboot, das den Admiral zur Hafentreppe bringt. Und die Flagge flatterte hinter dem, der am Steuer saß und mit leisem Druck der starken Hand durch die schäumenden Strudel das willige Fahrzeug lenkte nach dem Ziel, das die klaren, untrüglichen Augen festhielten, wie der Adler seine Beute, ob auch das mutige Herz noch so wild gegen die Rippen pochte.

Und schossen so vorüber – vorüber an der Menge, die atemlos dem Wunder staunte, vorüber an dem Altan, nur um ein weniges. Da drückte der am Steuer, daß das Boot sich wandte, wie ein Adler im Fluge; und die sechs setzten die Ruder ein – alle auf einen Schlag – und hurra! hurra! hurra! – und die Ruder schnellten wieder hinauf; und das Boot lag längsseit am Altan, über den und über das Boot eine riesige Woge ihren schäumenden Kamm nach dem Ufer rollte und dort, zerschellend, den Gischt bis in die brennenden Bäume schüttete, die Atemlosen am Ufer in eine sprühende Wolke hüllend.

Und als die sprühende Wolke zerstäubt war, da sahen sie, in dem trüben Licht des verlöschenden Feuers, den Altan nicht mehr, und nur noch wie einen Schatten das Boot, das rechtshin in dem Dunkel verschwand.

Und dann atmeten sie auf; wie aus einer einzigen angstbeklemmten Seele, von der die Angst genommen ist. Und hurra! hurra! hurra! erscholl es, wie aus einer einzigen Kehle, daß es den heulenden Sturm übertönte.

Mochte das Boot im Dunkel verschwinden! sie wußten: der am Steuer verstand seine Sache, und die sechs an den Rudern verstanden ihre Sache auch; und es würde wiederkehren, gerettet, die Geretteten tragend aus Sturm und Flut.

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