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Sturmflut. Zweite Abteilung

Friedrich Spielhagen: Sturmflut. Zweite Abteilung - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleSturmflut. Zweite Abteilung
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
printrun33.-34. Auflage
year1913
firstpub1877
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141027
projectid381adaf6
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Zehntes Kapitel

In der großen, vom Rauch schlechten Tabaks und dem Mißduft verschütteten Bieres und Branntweins erfüllten Gaststube im Wirtshaus von Warnow lärmten die heute morgen angekommenen Fuhrknechte, zu denen sich im Laufe des Nachmittags ein paar Viehhändler gesellt hatten, die nun auch lieber bleiben wollten. Der Wirt stand bei ihnen, die Unschlittkerzen putzend, und schrie noch lauter, als seine Gäste, denn er mußte am besten wissen, ob eine Eisenbahn, die nicht über Warnow, sondern von Golm direkt am Wissower Haken hin nach Ahlbeck ging, ein Unsinn sei oder nicht. Und der Herr Graf, der ja am Nachmittag selber hingeritten, der werde schöne Augen machen, wenn er die Bescherung sähe; aber, wenn einer partout nicht hören wolle, müsse er's wohl zu fühlen bekommen. In Ahlbeck solle es grausam hergehen, und Mord und Totschlag dazu; das sei den Ahlbeckern ganz recht; die hätten so in letzter Zeit sich mausig genug gemacht mit ihrem Strandbahnhof und Kriegshafen und den vornehmen Hotels; die würden ja nun auch wieder zu Loch kriechen!

Der Wirt führte das große Wort so laut und eifrig, daß er nicht einmal bemerkte, wie seine Frau hereinkam und die Schlüssel zu der Herrschaftsstube oben vom Brett an der Tür nahm, während das Mädchen die zwei Messingleuchter aus dem Wandschrank langte, in die sie Lichte steckte, die sie anzündete und mit denen sie der Frau nachlief. Er wandte sich erst, als ihn jemand auf die Schulter klopfte und wissen wollte, wo er seine Pferde einstellen solle; der Knecht sage, es sei kein Platz mehr.

Ist auch nicht, sagte der Wirt; wo kommst du her?

Von Neuenfähr; die Herrschaften, die ich gebracht habe, sind schon oben.

Wer sind denn die Herrschaften? fragte der Wirt.

Weiß nicht: ein junger Herr und eine junge Dame; was von den Vornehmen, glaube ich. Konnte ihnen gar nicht schnell genug fahren; aber da soll mal einer schnell fahren bei dem Wetter! Schritt vor Schritt! Zwei Mähren oder eine – das war ganz gleich. Ein Einspänner, der immer hinter mir kam, hätte mir ebensogut vorbeifahren können. Muß wohl ein Warnowscher gewesen sein; bog vor dem Dorfe rechts ab.

Der Jochen Katzenow, sagte der Wirt, war heute morgen in Neuenfähr; ja, der hat eine höll'sche Mähre! Na, dann komm; wollen mal nachsehen; glaube aber nicht, daß es geht.

Der aus Neuenfähr folgte dem Wirt auf den Flur, wo sie den Herrn trafen, den er gefahren. Der Herr nahm den Wirt auf die Seite und sprach leise mit ihm.

Das kann lange dauern, dachte der aus Neuenfähr, ging zur Tür hinaus, spannte die Pferde ab und zog sie, wahrend er den Wagen – einen leichten offenen Holsteiner – vorläufig stehen ließ, unter das weitvorspringende Dach eines Schuppens, wo sie doch vor dem Ärgsten geschützt waren.

Er hatte den dampfenden Tieren eben noch Decken aufgelegt, als der Herr aus dem Hause trat und auf ihn zukam.

Ich bleibe möglicherweise nicht lange hier, sagte der Herr; vielleicht nur eine Stunde; wir fahren dann weiter.

Wohin, Herr?

Nach Prora, oder nach Neuenfähr zurück; ich weiß es noch nicht.

Das geht nicht, Herr!

Weshalb nicht?

Die Pferde halten's nicht aus.

Ich weiß besser, was Pferde aushalten; sage Ihnen hernach Bescheid.

Der aus Neuenfähr ärgerte sich über den befehlshaberischen Ton, in dem der Herr zu ihm sprach, wagte aber keine Widerrede. Der Herr, der jetzt einen Paletot mit blanken Knöpfen anhatte – während der Fahrt hatte er einen Überrock getragen – schlug den Kragen in die Höhe, als er sich jetzt, um den Schuppen herum, nach der Straße wandte. Das Licht aus der Gaststube fiel hell auf seine Gestalt.

Aha! sagte der aus Neuenfähr; – dachte mir's doch! Das schnauzt einen noch an, wenn man längst in der Reserve ist. Der Teufel soll den Herrn Leutnant fahren!

Ottomar hatte sich von dem Wirte genau Bescheid sagen lassen; der Weg, der gerade durch das Dorf abwärts leitete, war auch sonst nicht zu verfehlen. Er ging langsam und blieb wiederholt stehen: ein paarmal, weil ihn der Sturm, der ihn gerade von vorn traf, nicht weiter ließ, und dann wieder, weil er sich darauf besinnen mußte, was er denn eigentlich im Schloß wolle. Der Kopf war ihm so wüst von der langen Fahrt in dem offenen Wagen durch den schauderhaften Sturm, und dann im Herzen – da war es so dumpf; es war ihm, als ob er nicht einmal mehr die Kraft habe, dem Schurken ins Gesicht zu sagen, daß er ein Schurke sei. Und dann – es hatte ja in Gegenwart der Tante sein sollen, sein müssen, wenn der Elende hinterher nicht alles wieder ableugnen und die Tante weiter in sein Lügengewebe verstricken sollte, wie er sie alle verstrickt hatte. Oder war dies alles ein zwischen ihm und der Tante abgekartetes Spiel? Es war doch sehr verdächtig, daß sie gerade heute, wo man erwarten mußte, daß er kommen würde, den Schurken zur Rechenschaft zu ziehen, so früh schon das Schloß verlassen hatte. Mit Elsen freilich. Aber konnte die Liebe, die sie Elsen zuzuwenden schien – heimlich, wie denn dies alles in dunkeln, verborgenen Wegen schlich – nicht auch nur eine Liebe nach dem Rezept Giraldis sein: die Tante hatte es übernommen, Elsen anzulocken und zu betören, wie Giraldi ihn; und sie waren beide ins Garn geflogen, und die schlauen Finkler lachten die dummen Gimpel aus. Die arme Else! die sich sicher auch auf die schönen Versprechungen verlassen und nun zusehen mochte, wie sie als Frau Lotsenkommandeur mit ein paar hundert Talern, fertig würde, da drüben irgendwo in dem elenden Fischernest! das war ihr auch nicht an der Wiege gesungen! arme Else! – Da – das sollte unser Erbe sein – das Schloß am Meer, wie wir's getauft hatten, wenn wir uns unsere Zukunft ausmalten; – wir wollten's gemeinsam bewohnen – den einen Flügel du, den andern ich; und wenn du den Prinzen heiratetest und ich die Prinzessin, dann wollten wir losen, wer es allein haben sollte, – zusammen ginge es nicht mehr von wegen des großen Gefolges!

Und nun, du liebste, beste von allen Mädchen, bist du so weit von mir, des Liebsten harrend, der vielleicht in den Sturm hinaus ist, ein paar Heringsfischern das kostbare Leben zu retten; und ich –

Er hatte sich, wo der Weg, die ersten Häuschen des Dorfes hinter sich lassend, in einer schmalen Schlucht steil abfiel, um dann durch die Senkung zum Schlosse wieder etwas zu steigen, auf einen Stein gesetzt, der auf dem äußersten Rande der Schlucht, nach der Senkung zu, vorragte, in dem lockeren Mergel wohl nur noch festgehalten durch die Wurzeln einer schönen kräftigen Fichte, die sicher einst viel weiter ab von dem Rande gestanden hatte und sich jetzt unter dem Druck des Sturmes ächzend und knarrend nach hinten bog, als wollte sie dem Sturz in die Tiefe entfliehen.

Uns beiden ist nicht zu helfen, sagte Ottomar, – das ist denn allmählich so weggebröckelt, und wir hangen mit den Wurzeln in der Luft. Der Stein, der uns gern gehalten hätte, tut's auch nicht – im Gegenteil! Und dann nur noch ein tüchtiger Sturm, wie jetzt, und wir liegen beide unten! Ich wollte bei Gott', wir lägen da; und du hättest mir im Fallen den Schädel zerschmettert, und die Flut käme und spülte uns hinaus ins Meer, und wüßte keiner, wo wir ein Ende genommen!

Und sie? sie, die er eben verlassen in dem elenden geschmacklosen Gasthofszimmer, sie, deren Küsse er noch auf seinen Lippen fühlte und die, als er zur Tür hinausging – sie dachte gewiß, er sähe es nicht mehr – sich auf das harte Sofa warf, den Kopf auf der Lehne in die Hände gedrückt, weinend, ohne Zweifel! Worüber? über ihr jämmerliches Los, das sie an einen gekettet, der schwächer war als sie. Sie hatte die Kraft; sie würde es durchhalten, mochte kommen, was wollte. Aber was konnte auch für sie kommen? Sie hatte ihm hundertmal unterwegs gesagt, daß er sich über das elende Geld keine Gedanken machen solle; daß ihr Vater viel zu stolz sei, um ihr eine Bitte zu verweigern – die erste, die sie, so weit ihre Erinnerung reiche, je an ihn gerichtet, die letzte, die sie je an ihn richten würde. Und so hatte sie noch in Neuenfähr, wo sie eine halbe Stunde auf den Wagen warten mußten, an ihren Vater geschrieben. Die Sache ist aus der Welt, hatte sie gesagt, ihm das Haar aus der Stirn streichend, wie eine Mutter dem Sohn, der dumme Streiche in der Schule gemacht.

Sie war die stärkere; aber was verlor sie denn auch? ihren Vater? – sie schien ihn nie wahrhaft geliebt zu haben; ihr behagliches Leben in dem schönen, reichen Hause? – was weiß ein Mädchen, was und wieviel zum Leben gehört! – ihre Kunst? sie nahm sie ja überall mit sich; sie hatte ja lächelnd gesagt: die reiche für sie beide aus. Natürlich! sie würde ihn ja nun auch noch erhalten müssen, den weggejagten Leutnant!

Die Fichte, an der er lehnte, ächzte und stöhnte wie ein gequältes Tier; Ottomar spürte, wie die Wurzeln sich hoben und dehnten und der Mergel die steile Böschung hinabschollerte, während es oben in dem Gezweig pfiff und heulte und knatterte, wie Mitrailleusen- und Kleingewehrfeuer, und es vom Meere her brüllte und donnerte, wie aus einer endlosen Reihe von Batterien, deren Feuer unablässig ineinander krachen.

Ich hatte es damals so einfach, sagte Ottomar; der Vater hätte meine paar Schulden bezahlt und wäre stolz auf mich gewesen, anstatt mir jetzt eine Pistole zu schicken, als ob ich nicht ebensogut wüßte, wie er, daß es mit Ottomar von Werben zu Ende ist; und Else hätte oft und gern von ihrem Bruder gesprochen, der bei Vionville fiel. Die liebe Else, wie gern sähe ich sie noch ein einziges Mal!

Er hatte vom Wirt gehört, daß der Wagen der Damen, wenn sie am Abend, wie ihm der Kutscher gesagt, zurückkämen, hier, als auf dem einzigen noch praktikabeln Weg, vorüber müsse; der nähere unten durch die Niederung halte nicht mehr. Ottomar dachte, was der Mann mit der Niederung gemeint haben möge? die Situation war so ganz anders, als er sie aus der Beschreibung kannte; die See schien ja unmittelbar hinter dem Schlosse zu branden, wenn er auch in dem nassen grauen Dunst, der ihm entgegenpeitschte, einzelnes nicht mehr unterscheiden konnte. Das Schloß selbst, das doch gewiß dicht unter ihm lag, war, als ob es eine Viertelstunde entfernt wäre; er hätte es manchmal kaum gesehen, wenn nicht an den Fenstern beständig Lichter hin und her geschwankt hätten. Auch zwischen den undeutlichen Massen der Gebäude links vom Schloß, die wohl der Hof waren, dämmerten zuweilen Lichter auf, die ihre Stelle wechselten, als wenn Leute mit Laternen hin und her liefen; ein paarmal war ihm, als ob er Menschenrufe und das Brüllen des Viehes hörte. Es mochte auch alles Täuschung der Sinne sein, die ihre Dienste zu versagen anfingen, je länger er schutzlos in dem rasenden Sturme saß, der ihm das Mark in den Knochen gefrieren machte. Er mußte fort, wenn er hier nicht verenden sollte wie ein Marodeur hinter der Hecke am Wege.

Dennoch blieb er; aber immer verworrener jagten die Bilder durch das betäubte Gehirn: Da war ein Weihnachtsbaum mit flackernden Lichtchen, und er und Else traten Hand in Hand zur Tür hinein, und die Mutter und der Vater standen an dem Tisch, auf dem Puppen für Else und Helm und Säbel und Patrontasche für ihn lagen, und er stürzte dem Vater jubelnd in die Arme, der ihn in die Höhe hob und küßte. Dann reckte sich der Weihnachtsbaum zu einer hohen Fichte, und die Krone der Fichte war ein blitzender Kronleuchter, unter dem er mit Carla tanzte, zum Hohn für den Grafen, der mit wütenden Blicken zusah, während der Baß brummte und die Geigen quinkelierten und die Paare durcheinander wirbelten: Tettritz mit Emilie von Fischbach, der lange Wartenberg mit der kleinen Strummin; und dann waren es Biwakfeuer und die Trompeten von Vionville, die zur Attacke bliesen auf die Batterien, die ihnen entgegendonnerten, und er rief Tettritz und Wartenberg lachend zu: jetzt, ihr Herren, die Kugel durch die Brust oder das Kreuz auf der Brust! und gab dem Hengst die Sporen; der stieg im Ansetzen kerzengerade mit wildem Wiehern –

Ottomar fuhr in die Höhe und blickte wirr um sich. Wo war er? zu seinen Füßen sauste und zischte es wie ein breiter strudelnder Strom; und jetzt wieherte es ganz deutlich – in seiner unmittelbarsten Nähe – in dem Hohlweg, an dessen Rande er stand über einem Wagen, der von den rückwärts drängenden Pferden gegen die Wand des Hohlwegs geschoben wurde.

Mit einem Satze war er hinter dem Wagen in dem Hohlweg und bei dem Kutscher, vorn an den schnaubenden Pferden, dem Mann helfend, sie herumzureißen, es war noch eben Platz.

Wo sind die Damen?

Er hatte gesehen, daß der Wagen leer war.

Ausgestiegen – oben – hatten's so eilig – über den Steg in dem Grund nach dem Parke – Herr Gott! Herr Gott! wenn sie nur noch herübergekommen sind! Herr meines Lebens!

Eine Welle des Stroms, der zwischen den Hügeln und dem Schloß durchgebrochen und in den der Kutscher beinahe hineingefahren, schoß in den Hohlweg und leckte hinauf bis unter die Hufe der Pferde, die sich nicht mehr halten ließen und den Weg hinaufjagten, neben ihnen her der Kutscher, der die Leine glücklich erwischt hatte und die Tiere zum Stehen zu bringen versuchte.

Ottomar hatte aus den wirren Worten des Kutschers, die der Sturm noch dazu größtenteils unverständlich gemacht, nur so viel begriffen, daß Else in Lebensgefahr sei. Was war das für ein Steg? wo war der Steg?

Er lief rufend, schreiend dem Kutscher nach. Der Mann hörte nicht.

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