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Sturmflut. Zweite Abteilung

Friedrich Spielhagen: Sturmflut. Zweite Abteilung - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleSturmflut. Zweite Abteilung
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
printrun33.-34. Auflage
year1913
firstpub1877
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141027
projectid381adaf6
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Neuntes Kapitel

Es ist halb fünf Uhr, sagte Else; wir müssen fort.

Bleib' du hier!

Ich bin nicht sicher, daß der Vater unterdessen gekommen ist; ja er kann, wenn er auch mit dem Mittagszuge abgegangen, jetzt noch nicht in Warnow sein; aber der Schreckliche ist sicher da, erwartet dich, fährt vielleicht wieder fort, ohne deine Rückkehr abzuwarten –

Ich muß ihn sprechen, murmelte Valerie.

Und sollst ihn nicht allein sprechen; ich will es nicht; und also müssen wir fort.

Ohne einen Trost für dich, armes Kind, mitzunehmen!

Ich bin getröstet; ich bin ganz ruhig – das mußt du mir doch anhören und ansehen.

Else beugte sich zu der Tante und küßte sie auf die blassen Lippen.

Sie saßen am Fenster in Reinholds Studierstube, rechter Hand, wenn man in das einstöckige, verhältnismäßig stattliche Haus trat – verhältnismäßig zu den anderen Häusern, die eben noch kleiner waren.

Else war beinahe in allen gewesen: in den Häusern der beiden Oberlotsen und in fünf oder sechs Häusern der vierundzwanzig anderen Lotsen, die auf zwölf Häuser verteilt waren; und in dem des Obersteueraufsehers, der wieder mit dem Untersteueraufseher in einem Hause wohnte; und sie wäre auch noch in die andern Lotsenhäuser und in die Fischerhütten, deren es auch wohl ein paar Dutzend geben mochte, getreten, nur daß es nicht nötig war, weil die Leute überall, wohin sie kam, vor den Türen standen und ihr die Hände entgegenstreckten: verrunzelte behaarte Hände von ein paar alten ausgedienten Teerjacken, die hinter dem warmen Ofen hervorgekrochen waren; braune, kräftige Hände brauner, kräftiger Weiber; kleine, harte Hände derber, flachshaariger Kinder, die mit neugierigen blauen Augen zu der schönen, fremden Dame aufblickten und den Müttern nicht glaubten, daß es keine Prinzessin, sondern die Braut von dem Herrn Kommandeur sei, die nun hier immer wohnen wolle und sich so darauf freue! Und der Herr Kommandeur würde zurückkommen, sagten die Frauen, wenn es auch ein schlimmer Sturm sei, der schlimmste, den Clas Rickmann erlebt, der doch zweiundneunzig Jahre alt war und der also wohl ein Wort mitsprechen könne! Der Herr Kommandeur verstände seine Sach' und hätte sechse bei sich, die verständen auch ihre Sach', und sei mit dem neuen Rettungsboot schon die Zeit vorher dreimal draußen gewesen, ohne daß es einmal umgeschlagen, und so würde es auch heute nicht umschlagen, noch dazu, da seine liebe Braut selber gekommen wäre, um ihn zu empfangen, wenn er zurückkäme.

So hatten die Frauen gesagt, beinahe mit denselben Worten, eine wie die andere, als ob sie sich vorher verabredet hätten; und dann hatten sie alle noch viel Gutes gesagt über den Herrn Kommandeur, der noch besser sei, als der alte, obgleich der auch ein guter Mann gewesen; und sie hatten wieder beinahe alle dasselbe gesagt, eine wie die andere, beinahe mit denselben Worten und mit demselben herzlichen Ausdruck und mit demselben einförmigen Tonfall; aber Else hätte es noch tausendmal hören können und dankte jeder einzelnen, als ob sie es zum ersten Male hörte, und als ob es eine Verkündigung des Himmels sei.

Und dann hatte sie eine ganze Schar von Frauen und Mädchen, während eine noch größere Schar von Kindern hinter- und nebenherlief, nach dem Platze begleitet bis beinahe an das Ende der Halbinsel, wo auf einer hohen Düne Signalstangen und große Leuchtbaken standen, und hinter der Düne – die noch wenigstens einigen Schutz bot – ein dichter Knäuel von Männern in hohen Wasserstiefeln und sonderbaren, bis weit in den Nacken reichenden Wachsleinwandhüten, die auf die rasende See hinauslugten und, als das Fräulein unter sie trat, die Wachsleinwandhüte zogen und Clas Janßen, als dem Ältesten, das Wort ließen, damit er dem Fräulein ordentlich Bescheid sage, und mit vornüber gebogenen Köpfen eifrig zuhorchten und nickten und, wenn sie sich abwandten, um auszuspeien, sorgfältig darauf achteten, daß es unter dem Wind war.

Und Clas Janßen erzählte, daß heute morgen, als es so weit hell wurde, eine Jacht, die jetzt hinten in der Bucht ankere, eingelaufen und die Nachricht gebracht, daß dicht an der Grünwalder Oei ein Schiff auf dem Strande sitze und die Notflagge trage. Es stehe eine solche Brandung an dem Ort, daß sie nur immer den Mast und nur ein paarmal den Rumpf gesehen hätten und daß noch Menschen darauf seien, die in den Rahen hingen. Das Schiff – ein kleiner holländischer Schoner – sei ihnen gut gebaut erschienen und könne es schon noch ein paar Stunden oder so aushalten, da es auf glattem Sande sitze, wenn die Wellen die Menschen nicht vorher herunterspülten. Von der Oie aus könne keiner heran; ein gewöhnliches Boot würde in der Brandung sofort kentern. – Eine halbe Stunde später wäre das Rettungsboot dann in See gewesen mit dem Kommandeur, und sie hätten es drei Stunden lang verfolgen können, wie es gegen den Sturm aufkreuzte, und hätten es zuletzt noch in der Brandung gesehen vor der Oie; aber die Brandung müsse doch wohl zu stark sein, und das Wetter wäre zu undurchsichtig – sie hätten es dann verloren – selbst vom Ausguck oben und aus dem schärfsten Fernglase – und wüßten nicht, ob der Kommandeur an Bord gekommen, und es sei gewiß ein schwer' Stück Arbeit, da es so lange daure; aber der Kommandeur, der werde es schon durchholen. Und nun solle das Fräulein hineingehen und sich von Frau Rickmann eine Tasse Tee machen lassen; sie wollten ihr schon Bescheid sagen, wenn das Boot in Sicht wäre, und was das Zurückkommen betreffe, da solle das Fräulein auch nur ganz ruhig sein: der Herr Kommandeur verstände seine Sach', und die sechse, die mit ihm wären, die verständen auch ihre Sach'.

Und Else hatte gelächelt, aber nicht, weil der Mann abermals dasselbe mit denselben Worten sagte, was die Frauen gesagt hatten, sondern, weil es nach dieser Bestätigung aus dem Munde des kundigen Mannes wie eine süße Ruhe in ihr Herz kam; und sie hatte dem Manne und den andern Männern die rauhen Hände geschüttelt und war wieder, mit ihrer Begleitung von Frauen und Kindern, nach den Häusern zurückgegangen und hatte, während sie weiter mit ihnen sprach – Worte, die der Sturm größtenteils verwehte – immer wieder bei sich gesagt: er versteht seine Sach', und die sechse, die mit ihm sind, die verstehn auch ihre Sach'! – halb, wie ein Bittgebet, das sie nicht von den Lippen bringen dürfe, und halb wie einen Jubelgesang, den sie sich schämte hell herauszusingen.

Dann war sie in seinem Hause gewesen, das nun bald ihr Haus sein sollte; hatte mit der Tante Tee getrunken und die ganz Erschöpfte in einem Zimmerchen, wo man möglichst wenig vom Sturm hörte, zur Ruhe gebracht und war mit Frau Rickmann – des alten Clas Rickmann nun auch keineswegs mehr junger Enkelin, der kinderlosen Witwe eines Lotsen, die Reinhold die Wirtschaft führte – durch das ganze Haus gegangen, mit klopfendem Herzen, wie ein Kind, das die Mutter an den Weihnachtstisch geleitet. Es war ein bescheidenes Haus, und bescheiden war die Einrichtung; aber sie staunte alles an, als ob sie durch ein Zauberschloß wanderte. Und wie das so ordentlich und sauber war! und wie geschmackvoll, wo Frau Rickmanns Revier in Küche und Kammern aufhörte und das des Herrn Kommandeurs begann! Die Möbel – als ob sie selbst bei der Auswahl jedes einzelnen um Rat gefragt wäre! und der große mit Büchern und sorgfältig geschichteten Akten und Papieren bedeckte Arbeitstisch, und der stattliche Glasschrank voller prächtig gebundener Bücher, und der andere mit den geheimnisvollen nautischen Instrumenten, und der dritte mit den prachtvollen Muscheln, Korallen und ausgestopften Vögeln! Und dann öffnete Frau Rickmann ein Zimmerchen, das an das Arbeitszimmer des Herrn Kommandeurs stieß, und Else hätte fast laut aufgeschrien: das war ja ihr Zimmerchen neben dem großen Salon: derselbe Teppich, derselbe blaue Ripsüberzug desselben Sofas, dieselben Stühle, derselbe hohe Eckspiegel mit der vergoldeten Konsole! und hatte auch nur ein Fenster! in dem ein kleiner Lehnstuhl stand und vor dem Stuhl ein Nähtischchen – so prachtvoll! und Else mußte sich in den Stuhl setzen, weil ihr die Knie zitterten, und den Kopf auf das Tischchen legen, um ein paar Freudentränen zu weinen und dem Tischchen einen Kuß zu geben für ihn, dessen zärtliche Fürsorge sie hier einhüllte wie in einen weichen Mantel und der nun da draußen in dem tobenden Meer, auf das man aus dem Fenster den freien Blick hatte, umhergeschleudert wurde und sein geliebtes Leben einsetzte für das Leben anderer!

Darüber war es denn vier Uhr geworden – obgleich es schon so dunkel war, als müßte es sechs sein – und Frau Rickmann hatte gemeint, daß es die höchste Zeit sei, für den Herrn Kommandeur das Mittagsessen zu besorgen, wenn denn die Damen durchaus nichts außer Tee und Zwieback wollten. Sie hatte das so ruhig gesagt, als ob der Herr Kommandeur sich bei einer Ruderfahrt auf glatter See ein bißchen verspätet habe, trotzdem der Sturm gerade in diesem Augenblick wütender als je tobte und das kleine Haus bis zum Grunde erschütterte. Tante Valerie, die gar nicht geschlafen hatte, kam erschreckt aus der Kammer heraus, um sich von Frau Rickmann belehren zu lassen, daß durchaus kein Grund zur Furcht vorhanden, da das Haus schon einen Stoß aushalten könne und der Wissower Haken das Schlimmste abfange; und was die Flut betreffe, so liege es, wie die anderen Häuser auch, vierzig Fuß höher als die See, und da wollten sie doch erst einmal abwarten, ob die Flut das fertig bringe!

Damit war Frau Rickmann in die Küche gegangen, nachdem sie die Damen wieder in des Herrn Kommandeur Arbeitszimmer komplimentiert, und hier saßen sie nun an dem Fenster, das ebenfalls auf die See hinaussah, jede bemüht, ihre Gedanken auf das zu richten, wovon sie wußte, daß es das Herz der andern erfülle; von Zeit zu Zeit ein freundlich liebes Wort oder einen Händedruck tauschend, bis Else, die wachsende Unruhe in dem blassen Gesicht der Tante bemerkend, auf ungesäumte Abfahrt drang, schon aus dem Grunde, weil die Dunkelheit schnell zunahm und sie den gefährlichen Weg nach Hause unmöglich in der Nacht machen könnten.

Frau Rickmann kam, das ehrliche Gesicht vom Küchenfeuer gerötet, herein und nahm bescheiden teil an der Beratung. Die Damen könnten immer noch ein Stündchen warten; dunkler würde es nun bis Sonnenuntergang doch nicht, und der Herr Kommandeur müsse ja nun auch jeden Augenblick zurückkommen, wenn ihr Mittagessen nicht verbrennen solle.

Und Frau Rickmann hatte das kaum gesagt, als ein derber Finger an das Fenster pochte und eine rauhe Stimme draußen rief: Boot in Sicht!

Und nun, wie in einem wirren, schönen Traum, war es, daß Else nach dem Strande lief neben einem Manne in hohen Wasserstiefeln und einer sonderbaren Kopfbedeckung, der im Laufen allerlei erzählte, wovon sie kein Wort verstand, und dann auf dem Platze war, wo sie bei der Ankunft gewesen, im Schutze der Düne und dann oben auf der Düne, auf der jetzt die Leuchtfeuer durch den Abenddunst flimmerten, inmitten vieler anderer Männer in hohen Wasserstiefeln und sonderbaren Kopfbedeckungen, die auf das Meer deuteten und auf sie einsprachen, ohne daß sie wieder ein Wort verstand, und von denen einer ihr eine große Flausjacke um die Schultern hing und richtig zuknöpfte, ohne daß sie darum gebeten oder dafür gedankt hätte. Und dann sah sie plötzlich das Boot, das sie beständig Gott weiß wo in der dicken Luft gesucht, ganz nahe, und war dann an einer ganz anderen Stelle, wo das Ufer flach war und die Brandung nicht ganz so fürchterlich tobte, und sah wieder das Boot, das jetzt noch einmal so groß schien wie vorhin, sich mit dem ganzen Kiel aus dem weißen Schaum heben und wieder im Schaum versinken und wieder heben, während ein paar Dutzend von den Männern in den weißen Schaum hineinliefen, der ihnen über den Köpfen zusammenschlug. Und dann kam einer durch die abrollende Welle, in hohen Wasserstiefeln, und hatte gerade solchen sonderbaren Hut auf, und sie stieß einen Freudenschrei aus und stürzte ihm entgegen und hing an seinem Halse, und er hob sie in die Höhe und trug sie eine Strecke, bis sie den Fuß wieder auf den Sand setzen konnte; und ob er sie dann weiter getragen, ob sie zusammen geflogen oder gegangen, – sie wußte es nicht und sah ihn eigentlich erst, als er bereits; nachdem er sich umgezogen, an dem gedeckten Tische saß und lachte, weil sie ihm ein Glas Portwein nach dem andern einschenkte, während die Tante lächelnd dabei saß und Frau Rickmann ab und zu ging und Hammelkoteletts mit dampfenden Kartoffeln und Rührei mit Schinken auftrug, und er, trotzdem er keinen Blick von ihr verwandte, – alles aufaß mit dem Hunger eines, der seit Morgen um sieben bis jetzt keinen Bissen gegessen. Es war keine Zeit dazu gewesen; es war ein bös Stück Arbeit gewesen, bis zu dem gestrandeten Schiff zu kommen; und ein noch böseres, die armen Menschen mitten aus der Brandung zu holen; aber es war gelungen; sie waren sämtlich gerettet – ihrer acht. Hatte sie dann bei Grünwald ans Land setzen müssen – was wieder ein schwierig Ding war und ihn so lange aufgehalten; aber es war nicht anders zu machen gewesen, da die armen Menschen, die die ganze Nacht in der Takelage gehangen, in einem zu jämmerlichen Zustande waren; aber sie würden schon noch einmal durchkommen.

Berauscht von dem Wonneduft der wunderholden Blume, die sie sich von des Abgrunds Rand pflücken mußten, bemerkten sie erst jetzt, daß Tante Valerie sie verlassen. Else, die vor ihrem Reinhold keine Geheimnisse hatte, teilte ihm mit schnellen Worten mit, um was es sich für die Ärmste handle, und wie sie nun keinen Augenblick mehr verlieren dürften, um den schlimmen Weg nach Hause wieder anzutreten.

Keinen Augenblick! rief Reinhold, sich erhebend; ich will sogleich das Nötige anordnen.

Es ist bereits geschehen, sagte Valerie, die, hereintretend, die letzten Worte gehört; der Wagen hält vor der Tür.

In dem tiefen Sande war das Geräusch der Räder von den Glücklichen nicht gehört worden, ebensowenig wie der Hufschlag von dem Pferde eines Reiters, den Tante Valerie vorhin durch das Fenster gesehen und dessen Botschaft in Empfang zu nehmen sie vorhin aus dem Zimmer gegangen.

Er war da; er befahl ihr, zu kommen! – sie wußte es, bevor sie den Brief erbrach, den ihr François überreichte. Sie hatte den Brief gelesen – in der kleinen Stube linker Hand, am offenen Fenster stehend, während François draußen stand – und dann die Einlage, und hatte, während sie las, laut gelacht und das Blatt in Stücke gerissen und die Stücke verächtlich zum Fenster hinausgeschleudert in den Sturm, der sie im Nu verwehte.

Madame lacht, hatte François gesagt, – auf französisch, wie immer, wenn er eindringlich sprechen wollte – aber ich versichere Madame, daß die Sache nicht zum Lachen ist und daß, wenn Madame nicht vor sechs Uhr auf dem Schloß ist, es ein großes Unglück gibt.

Ich werde kommen.

François hatte sich verbeugt, sich wieder auf das Pferd geschwungen, dessen Zügel er nicht aus der Hand gelassen, und war – zu atemlosem Staunen der Lotsenkinder, die das seltene Schauspiel eines Reiters herbeigelockt – dem Pferde die Sporen eindrückend und den Kopf bis fast auf den Sattelknopf beugend, davongejagt, während Valerie Frau Rickmann bat, den Wagen, der oben im Dorfe in des Oberlotsen Schuppen eingestellt war, herbeizuschaffen, und dann – schweren Herzens – ging, die Glücklichen zu trennen. Aber entschloß sie sich zu der letzten Begegnung mit dem Abscheulichen, Verabscheuten, doch nur um dererwillen, die sie liebte und für die sie in der hereindrohenden Katastrophe retten wollte, was etwa noch zu retten war! Es würde nicht viel sein – sie kannte ja seine Geldgier – aber doch vielleicht genug, ihrer Else eine sichere Zukunft zu verschaffen, den armen Ottomar aus seinen Verlegenheiten zu befreien. Und sie lächelte, wenn sie dachte, daß selbst Else glauben könne: es handle sich bei dem allen um sie! um ihre Zukunft! – großer Gott!

Else war sofort bereit, und Reinhold versuchte mit keinem Worte, mit keinem Blicke, sie zu halten. Er hätte sie so gern begleitet, aber daran war nicht zu denken. Er durfte jetzt seinen Posten keine Stunde verlassen; konnte ihn doch jeden Augenblick die Pflicht wieder rufen!

Und Else hatte den Mantel noch nicht umgebunden, da trat ein Lotse herein, Meldung zu bringen von dem Boote, das um zwei Uhr ausgesegelt nach dem Dampfer, der von dem Wissower Haken signalisiert war und die Lotsenflagge getragen hatte. Sie waren nach zehn Minuten in See gewesen und nach einer halben Stunde am Haken vorüber; aber sie hatten den Dampfer nicht mehr gefunden, der unterdes um den Golmberg herum die hohe See gewonnen, wie sie, nachdem sie den Golmberg passiert, gesehen. Sie waren auf der Rückfahrt – es war mittlerweile halb fünf Uhr geworden – erschrocken gewesen über die Brandung, die an den Dünen zwischen dem Haken und dem Golmberge stand, und hätten so weit als möglich hineingehalten, um sich zu überzeugen, ob die See durchgebrochen wäre, wie der Herr Kommandeur vorausgesagt. Das hätten sie denn nun zuerst, eben der grausamen Brandung wegen, nicht feststellen können; aber als sie dann, um darüber ins klare zu kommen, noch näher gehalten, habe Clas Lachmund zuerst und dann auch die andern auf der Weißen Düne zwei Menschen gesehen, von denen der eine wohl eine Frau gewesen sein möchte, die sich nicht geregt hätte, während der andre – ein Mann – Zeichen gemacht. Es hätte ihnen aber, trotz aller Mühe, nicht gelingen wollen, heranzukommen, ja sie müßten von großem Glück sagen, daß sie wieder flott geworden, nachdem sie sich dicht bei der Weißen Düne festgesegelt, und dabei hätten sie denn freilich gesehen, daß der Durchbruch stattgefunden – nord- und südwärts von der Weißen Düne sicher, wahrscheinlich aber auch an anderen Stellen – denn sie hätten landeinwärts nichts als Wasser beobachtet. Wie weit, könnten sie nicht sagen – das Wetter sei zu undurchsichtig gewesen. Auch in Ahlbeck müsse es schlimm stehen; aber sie seien nicht näher gegangen, weil die dort, mit dem Haken neben sich, nicht wohl in Lebensgefahr kommen könnten; um die beiden auf der Weißen Düne stehe es allerdings schlimm, wenn sie nicht vor Nacht noch geborgen würden.

Wer können die Unglücklichen sein? fragte Valerie.

Schiffbrüchige, gnädige Frau – wer sonst! erwiderte Reinhold.

Leb' wohl, mein Reinhold, sagte Else; und dann an seinem Halse, lachend halb und halb weinend: nimm wieder sechs Leute, die ihre Sach' verstehen!

Und du haftest mir dafür, sagte Reinhold, daß der Wagen nicht von dem Dorfe herunter nach dem Schlosse fährt, wenn du von der Höhe aus den Weg durch die Senkung nicht noch vollkommen frei siehst!

Die Damen waren fort; Reinhold machte sich zu seiner zweiten Fahrt zurecht. Es war nicht seine eigentliche Pflicht – so wenig wie es heute morgen der Fall gewesen; – nur daß keiner von den Leuten – auch die besten nicht – das neue Rettungsboot vollkommen zu handhaben wußte.

Die zwei Menschen aber auf der Düne – er hatte es Elsen nicht sagen mögen – waren sicher keine Schiffbrüchige, da ein Schiff, das gestrandet, längst, vom Haken aus, gemeldet gewesen wäre. Sie konnten auch nicht wohl aus dem Pölitzschen Hause sein, obgleich das ja ganz in der Nähe lag, da Herr Pölitz, wie ihm vorhin, als er sich umzuziehen gegangen war, Frau Rickmann mitgeteilt, durch den Boten, den er ihm gesandt, hatte zurücksagen lassen: er wolle den kleinen Ernst und die Leute mit dem Vieh nach Warnow schicken; er selbst könne nicht fort, und auch nicht die Marie und vor allen nicht seine Frau, die heute nacht von einem Knaben entbunden sei. Es würde ja auch wohl so schlimm nicht werden.

Nun war es doch schlimm geworden, sehr schlimm; und wenn auch der Oberlotse Bonsak ein wenig übertrieben haben mochte, wie er es bei dergleichen Gelegenheiten ja zuweilen tat – Gefahr war jedenfalls: Gefahr für die armen Pölitz', die heiligste Pflichten in das Haus bannten; größere Gefahr für die beiden, von denen er nichts wissen wollte, als daß es Menschen waren, die ohne ihn verloren sein mußten.

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