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Sturmflut. Zweite Abteilung

Friedrich Spielhagen: Sturmflut. Zweite Abteilung - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleSturmflut. Zweite Abteilung
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
printrun33.-34. Auflage
year1913
firstpub1877
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141027
projectid381adaf6
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Achtes Kapitel

Sie blickten dem Jockei nach, der mit verhängten Zügeln nach dem Schlosse zurücksprengte.

Carla! sagte der Graf.

Er hatte sein Pferd dicht an das ihre herangedrängt; sie bog sich zu ihm hinüber; er legte den rechten Arm um den schlanken Leib und küßte sie wieder und wieder auf Mund und Wangen.

Du böser Mann! sagte Carla.

Er hatte den Schleier, den der Sturm zwischen ihre Gesichter peitschte, mit heftiger Hand beseitigen wollen und ihr dabei den Hut vom Kopfe gerissen.

Aber so sei doch vernünftig, Axel!

Sie hatte dem Pferde die Zügel auf den Hals gelegt und knotete den Schleier um den Hut.

Vernünftig! rief der Graf, wenn man mit dem schönsten Mädchen, das die Erde trägt, zum erstenmal wirklich allein ist!

Du Wilder! sagte sie.

Sie hatte den Hut wieder aufgesetzt und befestigt; er wollte das süße Spiel wiederholen.

Nicht einen Kuß bekommst du mehr! rief sie, ihr Pferd mit der Gerte berührend und voraussprengend.

Er hatte sie bald eingeholt; sie galoppierten eine kurze Zeit nebeneinander her; eines in das andere verloren, Aug' in Auge und oft genug Hand in Hand, des Weges nicht achtend, bis die Pferde beide zugleich mit einem Ruck standen.

Holla! rief der Graf.

Die Pferde wollten nicht weiter; sie hatten schon längst die Hufe kaum noch aus dem durchweichten Boden heben können, worin sie jetzt bis über die Fesseln versanken. Sie scheuten und drängten rückwärts.

Ah bah! sagte der Graf, das kennen wir! bin schon mit dem Wallach ganz andere Wege geritten, und dein Gaul ist leichter.

Hop, allez! rief Carla.

Sie trieben die Pferde an; die geängstigten Tiere flogen über den schwankenden Grund, durch blankes Wasser, über eine hölzerne Brücke, abermals durch Wasser, bis der aufsteigende Boden wieder fester wurde.

Hinüber wären wir, sagte der Graf lachend, aber wie wir zurückkommen sollen, weiß ich nicht. Wir werden nun schon ganz zusammenbleiben müssen. Wäre es dir recht, süßes Mädchen?

Sie ritten jetzt, um die Pferde sich verschnaufen zu lassen, im Schritt auf dem höheren Grund zwischen dem Bach, den sie soeben forciert, und dem Wissower Haken, an dessen Fuß die lange Linie des Eisenbahndammes lief, nach Ahlbeck zu. Der Sturm, dem sie so die Stirn boten, faßte sie mit Vollgewalt. Die keuchenden Pferde mußten sich vornüber legen, als hätten sie eine schwere Last hinter sich. Ihre Reiter ließen ihnen die Zügel; sie hatten gern die Hände frei.

Eine Ewigkeit mit dir! sagte Carla, während ihre glühende Wange fast die seine streifte; aber ich muß in einer Stunde zurück sein.

Dann müßten wir bei Gott jetzt schon umkehren; ich versichere dich, wir kommen nicht zum zweiten Male durch den Bach; ich kann positiv die Brücke kaum noch erkennen – nach zwei Minuten! es ist fabelhaft! Wir müssen hernach über Gristow und Damerow – er deutete mit dem Stiel der Reitpeitsche rückwärts nach der Hügelkette – das ist ein horribler Umweg.

Luise war so abscheulich.

Laß sie!

Sie wird uns grausam bei Eduard verklatschen.

Laß sie!

Du wirst eine schreckliche Szene mit Eduard haben!

Wenn ich dich nur habe!

Und wenn du mich hast – ein Mädchen mehr!

Carla!

Ruhig! Du schwörst mir, daß, wenn wir zurückkommen, du in Gegenwart der Baronin, Elses und Herrn Giraldis unsere Verlobung erklärst, und daß wir heute über vier Wochen Mann und Frau sind!

Bedarf es dazu eines Schwurs?

Ich will einen Schwur.

Sie hatte seine Hand ergriffen, die sie an ihren Busen drückte.

Wobei soll ich schwören? bei dieser kleinen Hand? bei diesem holden Busen? bei deinem süßen Selbst, das ich vor Liebe aufessen möchte?

Bei deiner Ehre!

Es war nicht die kosende Stimme von vorhin – die Worte kamen gepreßt, als ob ihr der rasende Sturm die Brust beklemme. Und so kam die Antwort zögernd und beklommen:

Bei meiner Ehre!

Seine Augen, die vorhin, in Leidenschaft schwimmend, auf sie geheftet gewesen waren, blickten seitwärts; sie zog hastig ihre Hand aus der seinen, warf das Pferd herum und galoppierte davon.

Die Bewegung war so plötzlich ausgeführt, daß es ihm gar nicht möglich gewesen wäre, sie zu verhindern. Aber auch jetzt hielt er sein Pferd zurück, das sich ebenfalls gewandt und hinter dem Gefährten her wollte.

Soll ich sie laufen lassen?

Es war sein erster Gedanke, dem eine Flut von andern nachstürzte: das unvermeidliche Renkontre mit Ottomar; seine verzweifelte finanzielle Situation, die durch Carlas hunderttausend Taler kaum in etwas besser wurde; die Erinnerung an eine Cousine in Schlesien, die eine Million zur Mitgift gebracht hätte und die ihm in diesen letzten Tagen wider alles Erwarten – er hatte mit der andern Linie jahrelang in bitterster Feindschaft gelebt – offeriert war; und daß sie, die da fort galoppierte, doch im Grunde gar nicht zu ihm passe, und daß er eigentlich nur in sie verliebt sei und sie gern besessen haben möchte – ein Mädchen mehr! – sie hatte es ja selbst gesagt! als der erste, wenn er der erste war! sie war eben sehr dringend gewesen!

Das feurige, durch den Sturm so schon verängstete Pferd, das seinen Gefährten weiter und weiter entschwinden sah, bäumte sich hoch und schoß dann, als sein Reiter es herunterdrückte, wie ein Pfeil vorwärts. Der Graf hätte es in diesem Augenblicke vielleicht nicht einmal halten können, aber er wollte es auch nicht; er gab ihm noch die Sporen und hatte in wenigen Sekunden – sein Zögern hatte auch nur Sekunden gewährt – Carla eingeholt.

Carla, Carla!

Geh! Du liebst mich nicht!

Er schoß vor, daß er ihr Pferd am Zügel ergreifen konnte, parierte dann das seine und brachte so beide zum Stehen.

So entkommst du mir nicht!

Sie blickte ihn fast feindlich an.

Aber Carla, dies ist ja Tollheit!

Ich bin toll, murmelte sie.

Und ich bin's – toll – verliebt in dich. Wir sind's beide, laß uns toll sein – ganz toll!

Seine schönen weißen Zähne blitzten, wie er es lachend rief, sie mit dem Arm umschlingend.

Ich reiße dich zu mir aufs Pferd!

Sie fühlte, daß er die Kraft habe, es auszuführen; die Sinne vergingen ihr fast, sie warf sich wie eine Bacchantin rückwärts, ihn mit beiden Armen umschlingend: Mit dir! mit dir! nimm mich! nimm mich! Ich bin dein, dein, dein!

Du liebes, tolles Mädchen!

Er hatte Kuß um Kuß auf ihre lechzenden Lippen gedrückt; jetzt ließ er sie aus seinen Armen zurück in den Sattel gleiten, aus dem er sie halb herausgehoben, gab ihr die Zügel wieder in die Hand und, beide zugleich die Pferde herumwerfend, ritten sie, Seite an Seite bleibend – er hatte es, da sein Pferd das schnellere und kräftigere war, in seiner Gewalt – dem Sturm entgegen, den allmählich sich senkenden Plan längs des Eisenbahndammes nach Ahlbeck hinab.

Sie sprachen weiter kein Wort: es war alles verabredet.

In Ahlbeck, nicht weit vom Strande, stand ein Wirtshaus, das, nachdem es bereits seit Jahren Badegästen, die in den vornehmeren Orten längs der Küste kein Unterkommen mehr gefunden, oder durch die Ruhe und Billigkeit des Ortes angelockt waren, eine bescheidene Unterkunft gewährt, sich seit dem letzten Herbst, auf Anregung und zum größten Teil mit dem Gelde des Grafen, zu einem kleinen fashionablen Hotel umgestaltet hatte. Es wurde von einer jungen Witwe gehalten, die dem Herrn Grafen keine Zinsen für die vorgestreckten Gelder zahlte, wie sie sich denn auch sonst seiner Protektion in jeder Weise erfreute und dem Herrn Grafen dafür gern gefällig war. In dem oberen Stock des Hauses aber waren zwei Zimmer, die der Graf schon mehrmals als Absteigequartier benutzt, wenn er sich bei einer Strandjagd zu sehr verspätet hatte, um noch nach Golm oder Golmberg zurückgelangen zu können. Die beiden Zimmer waren die vornehmsten im Hause, und es war selbstverständlich, daß eine Dame, die sich von einem über Erwarten anstrengenden Ritt auf eine halbe Stunde erholen wollte, in eines gewiesen wurde und der Kavalier, der die Dame begleitete, sich das andere erbat, um sich ebenfalls ein wenig zu restaurieren. Die beiden Zimmer waren durch eine Tür verbunden, aber das ging ja schließlich niemand etwas an, am wenigsten die Wirtin, die mit ihren übrigen Gästen – den beiden jungen Bauführern, die die Eisenbahn- und Hafenbau-Arbeiten leiteten, den Kapitänen und Steuerleuten und was für Menschen sich denn sonst noch an einem solchen Tage wie der heutige in den Wirtsräumen unten zusammengedrängt haben mochten – wahrlich hinreichend zu tun hatte. Kein Mensch würde sich um die Herrschaften oben bekümmern, und wenn sie die ganze Nacht dablieben, und nun gar eine Stunde, während der sie vergeblich auf die Rückkehr des Jockeis gewartet hatten, der, falls er sich noch einstellte, nachdem er sie auf dem Heimwege verfehlt, nur ruhig wieder nach Schloß Warnow zurückreiten sollte.

Unmittelbar vor Ahlbeck klemmte sich der Weg, der bisher über die Breite der Senkung hinableitete, zwischen zwei Dünen zusammen, die landeinwärts vorgeschobene Posten der Stranddünenkette, förmlich ein Tor bildeten, durch das man an schönen Tagen einen wundervollen Blick auf das rasch zum Strande absinkende Dorf und über das Dorf weg auf den stets von Booten belebten Strand und weiter in die Unermeßlichkeit des Meeres hatte. Sie waren, die Kraft der Pferde aufs äußerste antreibend, bis zu diesem Punkte gekommen, als die schnaubenden Tiere plötzlich zurückprallten, während sie selbst, vollendete Reiter, wie sie beide waren, fast aus den Sätteln geschleudert wurden. Der Druck des Sturmes verschloß den Raum zwischen den beiden Dünen wie mit ehernen Türen.

Laß uns umkehren! sagte Carla.

Der Graf antwortete nicht sogleich; er sah, was für die kurzsichtige Carla grau in grau ineinander floß, in allen Einzelheiten: das in dem oberen, ihnen zunächst gelegenen Teile vom Sturme halbzerstörte Dorf, von dem fast kein Haus mehr ein heiles Dach trug, während in der tieferen Hälfte nur noch hier und da ein und das andere Gebäude, unter ihnen das Wirtshaus und die zwei großen Schuppen der Heringsräucherei, aus einer Wolke hervorblickte, für die der Graf im ersten Augenblicke keine Erklärung hatte. Es konnte das doch unmöglich die in Gischt und Schaum zerpeitschte Brandung sein! Wo waren, wenn dies die Brandung, die Häuser, die hart am Strande in langer Reihe sich hinzogen? wo die hundertfünfzig Ahlbecker Fischerboote, die gestern abend vor dem Unwetter heimgekehrt? wo die sechs Jachten, die gestern abend noch, mit Bausteinen von Sundin, an den Molen vor Anker gegangen? wo die beiden Molen selbst, die man bereits im vorigen Herbst auf gut Glück begonnen und während des milden, sturmfreien Winters bei dem unglaublich niedrigen Wasserstande bis auf ein Geringes fertig gestellt? wo, vor allem, die Million, die man – ebenfalls bis auf ein Geringes – da hineingebaut? Sollte der verdammte Lotsenkommandeur, der ihm überall in die Quere kam, nun doch schließlich recht behalten? der Mensch, der in diesem Augenblick vielleicht Else als seine verlobte Braut umarmte, während er –

Drüber weg, wenn's nicht zwischendurch geht! rief er, sein Pferd die Düne rechts hinauf spornend, und durch die Zähne murmelte er: ich will wenigstens was von der Geschichte haben.

Carla war ihm gefolgt.

Von oben wurde der Anblick freilich nicht tröstlicher; ja er war so furchtbar, daß der Graf selbst, als sie jetzt die Pferde Schritt vor Schritt durch verstrüpptes Gebüsch drängten, sich fragte, ob sie nicht doch lieber umkehren sollten. Und was ihm noch unheimlicher schien, als selbst das rasende Meer, das waren die vielen Menschen, die da unten – seinen scharfen Augen wohl erkennbar – durcheinander wirrten, ja, wie er jetzt sah, in kleinen Scharen die Abdachung des Wissower Hakens, an dessen Fuß sich ein Teil des Dorfes lehnte, hinaufhasteten. Es mochten die sein, welche dem Strande zunächst wohnten, die Erdarbeiter zumal, die dort auf dem flachen Sande ihr Barackenlager aufgeschlagen. Was ging ihn das Gesindel an? mochte es sehen, wie es fertig wurde! Das Wirtshaus war entschieden von der Flut noch nicht erreicht; das war die Hauptsache. Er hatte ja Carla aus der Obhut ihrer Schwägerin unter dem Vorwande, ihr den Sturm aus nächster Nähe zu zeigen, von dem Schlosse entführt; man würde aus den Fenstern des Gasthofes den Sturm aus nächster Nähe haben! Und sich seine Blume zu pflücken in dem Graus da unten – es war toll! aber so sollte es ja sein! das tollste Stück in seinem Leben, im Vergleich zu dem alles Vorhergegangene nur ein Kinderspiel!

Sie ritten nun wieder auf dem schmalen sandigen Wege zwischen den ersten Häusern. Der Graf sprengte voraus. Es war ihm lieb, daß die Häuser den Ausblick nach unten zu verdeckten; er wollte Carla, die noch ein paarmal ängstlich gefragt, ob sie nicht umkehren sollten, erst einmal so weit haben; das andre würde sich finden; und es war vielleicht nicht so schlimm, wie es von oben herab ihm erschienen war; Carla hatte ja überdies gewiß kaum etwas gesehen und war wohl nur vor dem Brausen der Brandung erschrocken, das sich allerdings bereits oben schrecklich genug angehört hatte.

Aber was war jenes Brausen im Vergleich zu dem Donner, der ihnen jetzt entgegenkrachte, als sie aus dem schmaleren Wege zwischen den ersten niedrigen Hütten auf die breite Dorfstraße einbogen, in deren unterem Ende der Gasthof lag und die direkt zum Meere hinabführte. Die Straße erschien dem Grafen seltsam kurz; in der Tat wälzte das Meer, das sonst noch den mehrere hundert Schritt breiten glatten Vorstrand frei ließ, seine Wogen weit in die Straße hinein. Und nun die Straße angefüllt mit heulenden, kreischenden, zeternden Weibern und Kindern, rufenden, schreienden Männern, die aus den Häusern Sachen über Sachen herausschleppten und wieder hineinstürzten, um mehr zu holen und alles bunt durcheinander auf die Straße zu schleudern, bevor der Sturm ihnen die Häuser über den Köpfen zusammenwarf.

Platz! Platz da! herrschte der Graf.

Es war ihm gar nicht geheuer in dieser Menge, aus der mehr als einer ihn zornig angestiert hatte und kaum dem Pferde ausgewichen war. Es mochten auch Verwünschungen sein, was ihm das Weib nachrief, das er aus Versehen – weshalb ging sie nicht aus dem Wege! – niedergeritten hatte und das jetzt, in der Tür ihres Häuschens, ihm die beiden Fäuste ballte und dann, mit den Fingern auf ihn deutend, auf ihre Nachbarin einschrie – der entsetzliche Lärm verschlang die einzelne Menschenstimme. Verstand der Graf doch nicht die Hälfte von allem, was ihm der junge Bauführer, der plötzlich – der Graf wußte nicht woher – herangestürzt war, zu ihm hinaufrief, während er fortwährend nach unten deutete: Molen – künstliche Riffe – Fahrzeuge zerschellt – Leute – wütend – wieder fortkommen – passiert –

Was soll mir passieren! schrie der Graf zurück.

Unglück – noch dazu Dame – unverantwortlich von Ihnen – zu spät –

Der junge Mann deutete jetzt nicht mehr nach unten, sondern nach der Richtung, von der sie gekommen waren. Der Graf, von dem Ausdruck der Angst in der Miene des jungen Mannes mehr als über die Warnung selbst erschrocken, wandte sich im Sattel und gab in demselben Moment seinem Pferde die Sporen. Er hatte gesehen, wie ein großer Haufe Männer und Weiber – voran jenes, das ihm schon vorhin gedroht – die Straße herabgelaufen kam – Knittel, Holzstücke, Messer schwingend.

Sein erster Gedanke war gewesen, in das Gasthaus zu flüchten, das ihm ja doch Schutz gewähren mußte, bis er – vielleicht aus dem Fenster herab – ein paar Worte zu den Leuten gesprochen, die offenbar die Angst verrückt gemacht hatte. Und so hatte er denn auch, Carla vorausjagend, beinahe den kleinen Platz vor dem Gasthofe erreicht, als er sofort erkannte, daß er dort aus dem Schlimmen in das Schlimmere kommen würde.

Mitten auf dem Platze – auf der Seite, den Kiel ihm zugewendet – lag eine der Jachten, die eine Riesenwelle dorthin geschleudert haben mochte; und um das gestrandete Schiff, zu dem Fuße der Brandung, die den schaumzerpeitschten Gischt in Wolken über sie wegschleuderte, tanzte, raste eine Menge – so konnten sich nur Wahnsinnige, oder bis zur Sinnlosigkeit Berauschte gebärden – Erdarbeiter und Matrosen, die sich der Vorräte des Gasthofs bemächtigt hatten, bevor die herandrängende Flut alles verschlang.

Es schoß dem Grafen der Gedanke durch den Kopf, daß es, wenn eines Menschen, seine Pflicht sei, hier einzuschreiten und wenigstens zu versuchen, ob er durch seine Autorität nicht namenloses Unheil, das von den Unsinnigen über das unglückliche Dorf gebracht werden mußte, abwenden könne; aber er hatte mit dem Gesindel, das täglich unverschämtere Forderungen machte, schon wiederholt die bedenklichsten Szenen gehabt; sie würden ihn zerreißen, wenn die, die, von dem verdammten Weibe aufgehetzt, hinter ihm kamen, sich mit jenen vereinigten.

Das alles schwirrte ihm blitzschnell durch das verwirrte Gehirn, aber nicht einen Moment dachte er an Carla; ja, er war sehr verwundert, als er, der, von der Hauptstraße abbiegend, eine Quergasse nach links – auf gut Glück – hinabgejagt war und jetzt, außerhalb des Dorfes, auf dem Anger hinter den Dünen weiter galoppierte, plötzlich Carla wieder an seiner Seite sah.

Das war zur rechten Zeit! rief er; die Hallunken hätten uns totgeschlagen.

Carla erwiderte kein Wort. Sie hatte sich trotz ihrer großen Kurzsichtigkeit doch ein ziemlich bestimmtes Bild von der Gefahr, der sie entronnen waren, machen können; sie wußte, aus den Gebärden und Rufen der Menschen, an denen sie vorübergejagt, daß es sich um Tod und Leben gehandelt, und ebenso, daß der Mann, an dessen Seite sie jetzt ritt, in dem entscheidenden Augenblicke sie verlassen und sie nur der Schnelligkeit ihres Pferdes und ihrer Reitkunst ihr Leben zu verdanken habe. Würde Ottomar auch so davongejagt sein, unbekümmert darum, ob es ihr gelang, nachzukommen? es ihr überlassend, wie sie sich in dem ihr gänzlich unbekannten Dorfe zurechtfand? wie sie sich aus dem Gewirre der Gäßchen und Gärtchen – sie war zuletzt über eine hohe Hecke gesetzt – aus dem Hagel von Steinen und Holzstücken, die man hinter ihr herschleuderte, rettete? Er ist ein Feigling, sagte es in ihr; er liebt nur sich; du wärst einfach sein Opfer geworden.

Das ist eine verdammte Geschichte, dachte der Graf; – sie hat dir's gewiß übel genommen, obgleich schließlich jeder an meiner Stelle so gehandelt hätte. – Du weißt nicht, wie aufsässig mir die Kerls sind.

Er hatte die letzten Worte laut gesagt, um nur überhaupt etwas zu sagen.

Carla erwiderte kein Wort.

Eine ganz verfluchte Geschichte, dachte der Graf, in sein Schweigen zurücksinkend.

So galoppierten sie schweigend nebeneinander her, durch den Sand, den der unendliche Regen glücklicherweise einigermaßen befestigt hatte, an dem inneren Rande der Dünen hin, die jetzt nur noch der einzige Wall zwischen ihnen und dem Meere waren, das von der andern Seite her donnerte und brüllte und wiederholt die abgerissenen Spitzen seiner Wogen in dichten Güssen über sie wegschüttete. Glücklicherweise hatte die Holzbrücke über den Bach, der dicht vor Ahlbeck in einem scharfen Einschnitt durch die Dünen ins Meer fiel, noch gehalten; ja, der Bach war hier unten nicht so weit übergetreten, als oben, wo das tiefer gelegene Moor das Wasser nirgends eindämmte; aber der Graf dachte mit Schaudern, wie es werden sollte, wenn sie – dicht vor dem Pölitzschen Gehöft – in die breite Senkung kamen, die fast ohne allen Dünenschutz sich bis zum Meere streckte. Hinter dem Hof nach dem Golmberg zu war eine noch breitere und tiefere Senkung; doch kümmerte ihn die nicht sehr. War erst der Hof erreicht, so führte von diesem, der selbst bereits wieder etwas höher lag, ein Weg auf dem Rücken der Hügelwelle direkt bis Warnow. Der Graf kannte das Terrain ganz genau; er hatte es tausendmal auf seinen Jagden durchstreift.

Und jetzt kam die erste Senkung. Rechts, wo die Dünen sich öffneten, stand die Brandung, wie eine Mauer anzusehen, deren Zinne jeden Moment überzustürzen droht. Es mußte auch schon mehr als eine Welle durchgeschlagen sein, die auf den tiefsten Stellen kleinere und größere Seen zurückgelassen hatte; es war gewiß keine Sekunde zu verlieren; aber der Graf sah doch, daß der Durchgang gewagt werden könne. Und das war ein großes Glück, da er unter allen Umständen gewagt werden mußte.

Folge mir nur getrost, Carla! rief er, indem er jetzt wieder voranritt.

Carla erwiderte keine Silbe.

Es ist aus zwischen uns beiden, sagte der Graf bei sich; sie wird es dir im Leben nicht vergeben.

Sie waren, in scharfem Trabe, bereits in die Mitte der Senkung gelangt, als der Graf zu seinem Grausen sah, daß die Brandungsmauer, die in der Öffnung der Dünen gestanden, sich in Bewegung zu setzen und auf sie zuzukommen schien. Er glaubte im ersten Moment, daß es eine Täuschung seiner aufgeregten Sinne sei, aber freilich auch nur einen Moment.

Um Gottes willen, zu, zu! schrie er, sein erschöpftes Pferd mit Sporen und Peitsche zur äußersten Eile antreibend. Er sah sich nicht um, er wagte nicht, sich umzusehen; er hörte aus dem fürchterlichen Brausen, daß die Sturmwelle sich hinter ihm weg landeinwärts wälzte – hinter ihm!

Das keuchende Pferd stolperte die Böschung hinauf – gerettet!

Er brauchte das Tier nicht anzuhalten; es stand von selbst. Neben ihm hielt Carla. Wie sie es fertig gebracht? er wußte es nicht; er hütete sich, danach zu fragen.

Und jetzt blickte er zurück.

Die mindestens hundert Schritt breite Fläche, die sie eben durchritten, war ein einziger Strom, der seine grauen Wasser schäumend und brausend landeinwärts wälzte. Der Graf sah es schaudernd; es war ja fraglos, daß dieselbe Welle auch drüben, jenseits des Pölitzschen Gehöftes, durchgebrochen sein mußte und dann die Ströme sich aller Wahrscheinlichkeit nach hinter dem Gehöft vereinigt hatten. Wenn dies der Fall, so gab es nur noch zwei Zufluchtsstätten: eben das Gehöft selbst, oder die mächtige Düne, die sie die Weiße Düne nannten, zwischen den beiden Einschnitten. Die Düne war der höhere Punkt, aber der entferntere, und es war fraglich, ob man, da zwischen dem Gehöft und der Düne wieder tiefere Felder lagen, bis dorthin gelangen würde; und was sollte am Ende da oben aus ihnen werden?

Wir wollen nach dem Hof, sagte er, und wäre es auch nur, um die Pferde sich in einigem Schutz verschnaufen zu lassen; sie können nicht mehr.

Er fing langsam an vorauf zu reiten; Carla folgte.

Ihr Schweigen machte ihn wütend.

Die alberne Person, sagte er durch die Zähne; in einem Augenblick, wo ich mein Leben für sie riskiere; und nun zu dem Pölitz – nach der Szene gestern! das hatte noch gerade gefehlt – womöglich die ganze Nacht da zubringen zu müssen! Dachte ich es doch!

Er hatte, auf dem höchsten Punkte, hinter dem Pölitzschen Garten angekommen, jetzt zum ersten Male einen Blick nach drüben werfen können: die ganze mächtige Breite zwischen dem Hof und dem Golmberg war ein einziges, wilde Wogen schlagendes Meer! Der Durchbruch mußte hier schon früher erfolgt sein.

Und jetzt sah er auch, wie der Strom hinter ihm sich mit dem Meere vor ihm linkshin vereinigt hatte. Es gab keine Verbindung zwischen hier und Warnow mehr: sie waren auf einer langgestreckten Insel, deren Spitze, nach Warnow zu, in den Fluten versank und sich in der Weißen Düne seewärts zu ihrem höchsten Punkte erhob, um wahrscheinlich noch einmal zwischen Düne und Hof in zwei Teile zerrissen zu werden.

Der Graf hielt die Lage noch nicht für absolut gefährlich, aber für verteufelt unangenehm; und das nun um dieser stummen, eigensinnigen Dame willen, die ihn jetzt vermutlich zum Dank für alles, was er für sie getan, mit ihrem Hasse beehrte!

Der Graf war in einer verzweifelten Stimmung, als sie jetzt um die Scheune herum nach der Einfahrt in den Hof bogen. Ein Mann, dem der Sturm das struppige Haar um den großen Kopf zerzauste, mühte sich, trotz seiner Riesenstärke, vergeblich ab, das große hölzerne Tor zu schließen, dessen linken Flügel – der rechte war bereits eingeriegelt – der Sturm wie mit eisernen Klammern an der Mauer festhielt.

Ich werde Ihnen helfen, Pölitz! rief der Graf vom Pferde herab, lassen Sie uns nur erst einmal durch!

Der Pächter, der sie nicht hatte kommen hören, ließ den Flügel, den er bereits vom Haken gelöst, fahren und sprang in die Torfahrt, mit seiner Hünengestalt in den zerrissenen Kleidern, den zerzausten Haaren, dem in Verzweiflung und jetzt in wütendem Zorn verzerrten Gesicht und den blutenden Händen, die er ihm entgegenballte, ein fürchterlicher Anblick für den schuldbewußten Grafen.

Seien Sie vernünftig, Pölitz! rief er.

Hinaus! schrie der Pächter, dem Tier in den Zügel greifend; hinaus! wir wollen allein sterben! hinaus mit deiner Metze! ich habe schon eine von dir auf dem Hof!

Der Mann hatte das Pferd mit solcher Kraft zurückgestoßen, daß es in die Hinterbeine sank. Der Graf nahm es mit aller Macht zusammen, so daß es einen Satz nach vorwärts machte; Pölitz sprang zurück, nach dem Hebebaum, mit dem er vorhin gearbeitet und der hinter ihm an der Scheunenwand lag. In diesem Moment schlug zwischen ihm und denen draußen der ausgehakte Flügel mit so ungeheurer Gewalt zu, daß das ganze Tor, als wäre es von Glas, zersplitterte; und in die Splitter hinab krachten die Balken des zusammenstürzenden Scheunengiebels, unmittelbar vor die Pferde, die in rasender Angst zurückprallten und, kehrt machend, über eine Ackerbrache bis zu den verkrüppelten Weiden jagten, die sonst an dem Rande der Koppel standen und hinter denen jetzt die hereingebrochene Flut ihre trüben Strudel wälzte; dann, rechts umbiegend, ihrem Instinkte folgend, die Brache hinab nach der Düne zu, die sich in weißlichem Grau vor ihnen erhob. Eine Führung wäre unmöglich gewesen, selbst wenn die entsetzten Reiter an Führung noch gedacht hätten; sie waren, wie vom Sturme selbst getragen, am Fuß der Düne; die keuchenden Pferde klommen und klommen und stampften sich in den Sand, der ihnen unter den Hufen wegrutschte hinab in den Strom, der, wo vor einer Sekunde noch die Brache gewesen, zwischen Düne und Hof, von der einen Senkung herüber nach der andern Senkung schoß. Carlas Pferd stürzte zusammen; der Graf trieb das seine noch ein paar Schritte weiter und warf sich aus dem Sattel in dem Moment, wo das Tier unter ihm weg, wie ein lebloses Ding, vielleicht leblos, nach der Tiefe glitt. Mit Händen und Füßen arbeitete er sich weiter hinauf – hinauf! sein Unglück verfluchend, das ihn gerade an die steilste Stelle geführt, und doch nicht wagend, sich weiter nach links zu wenden, weil es hier doch wenigstens Gräser und fußhohes Strauchwerk gab, an das er sich anklammern konnte, während dort der glatte Sand nicht den mindesten Halt bot. Der Angstschweiß rieselte ihm über die Stirn in die Augen – er sah nichts mehr, er hörte selbst das Brüllen der See, die von der andern Seite an der Düne brandete, nur noch als ein wirres Sausen in den betäubten Ohren; er hatte den Rand erreicht und strauchelte, da er keinen Widerstand für die greifenden Hände fand, vornüber und raffte sich dann wieder auf – mit verstörten Sinnen um sich blickend.

Da lag, nicht weit von ihm, ein schwarzer Gegenstand –

War das Carla? wie kam sie dahin? – tot?

Der schwarze Gegenstand regte sich; – er schwankte weiter, bis zu ihr.

Carla!

Sie hatte sich auf den Knien erhoben und stierte ihn an, der sich jetzt zu ihr beugte, sie aufzurichten.

Aber kaum hatte sie seine Hand berührt, als sie empor- und zurücktaumelte:

Elender! schrie sie, ich will auch allein sterben; hin zu deiner andern Metze! Du hast ja schon eine auf dem Hof!

Sie lachte gell auf; der Sturm, der ihr den Hut weggeschleudert hatte, peitschte das lange Haar, das sich gelöst, – ein paar Strähnen quer über das todbleiche, zu einem schauerlichen Grinsen verzerrte Gesicht.

Sie ist wahnsinnig! murmelte der Graf, zurückweichend, so weit er vermochte.

Er hätte gewollt, es wäre weiter gewesen: ein winziger Raum, in der Mitte mit einer muldenförmigen Vertiefung und Rändern, die gestern noch mannshoch und scharf und gezackt gewesen waren und die der Sturm bereits bis auf ein paar Fuß herunter glatt gekämmt hatte. Wie lange konnte es währen, bis die letzte Handbreit des fortstiebenden Sandes in die Mulde gefegt und sie hier ohne den mindesten Schutz saßen, selbst wenn die Flut nicht bis über den Rand steigen sollte!

Und geschah beides nicht – blieb dieser Punkt in dem wogenden Graus – den Grafen durchschüttelte ein Schauer nach dem andern bis ins Mark. Wie sollte die Menschennatur dies aushalten: den peitschenden Sturm, die Güsse, die die zerstiebende Brandung fast ohne Unterlaß über die Düne schüttete – die lange, lange Nacht hindurch, die herabzusinken begann. Schon konnte er mit seinen scharfen Augen von dem Golmberg, der kaum eine Viertelmeile entfernt war, nur noch in der grauen wasserdunsterfüllten Luft verdämmernde Umrisse erkennen; der Wissower Haken war gänzlich verschwunden; der Pölitzsche Hof selbst, kaum dreihundert Schritte von ihm, war, als ob er jeden Augenblick tiefer in die Wasser versänke, die, so weit das Auge reichte, jetzt landeinwärts Felder und Wiesen bedeckten, vielleicht schon bis nach Warnow, das ebenfalls nur noch, ein Geisterschloß, auf Momente aus dem trüben Dunst auftauchte. Und nach rechts das donnernde, heulende, brüllende Meer, und ringsumher die Brandung, die an der Düne höher und höher hinaufleckte und über der bereits überschwemmten Kette hier und da in turmhohen Strahlen aufspritzte. – Und dort – bald so nah vor ihm, daß er zurückzuckte, und im nächsten Moment wieder so weit, daß sie auf dem Golmberg zu sein schien – die schwarze unbewegliche Gestalt des Weibes, dessen Lippen noch vor einer Stunde an seinen Lippen gehangen, das – nein, nein! kein lebendes, geliebtes Weib, – ein grausiges Gespenst, der grausen Tiefe entstiegen, und da sitzend – zusammengekauert, unbeweglich – um ihn wahnsinnig zu machen!

Und der Unglückselige schrie laut auf in seiner Angst und schlug die Hände vor das Gesicht und wimmerte und weinte wie ein Kind.

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