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Sturmflut. Zweite Abteilung

Friedrich Spielhagen: Sturmflut. Zweite Abteilung - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleSturmflut. Zweite Abteilung
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
printrun33.-34. Auflage
year1913
firstpub1877
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141027
projectid381adaf6
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Siebentes Kapitel

Es war gegen vier Uhr nachmittags.

Frau von Wallbach saß im Salon an ihrem gewöhnlichen Platz vor dem Kamin, starrte in die Kohlen, die man nach vielen vergeblichen Bemühungen endlich glücklich entfacht hatte, und war im Begriff, trotz des grausamen Lärmens, der um das Schloß tobte, ihren Ärger in einem erquicklichen Nachmittagsschläfchen zu vergessen, als ihr Herr Giraldi gemeldet wurde, der soeben angekommen sei. Er hätte nun auch wohl noch eine Stunde länger fortbleiben können, sagte Frau von Wallbach; na, es ist mir alles gleich; lassen Sie ihm das Diner servieren, François, und hernach mag er hierher kommen.

Herr Giraldi wünscht dringend, der gnädigen Frau sofort aufwarten zu dürfen.

Meinetwegen; mir ist heute alles gleich.

Frau von Wallbach hatte eben Zeit, den Kopf auf der Lehne des Fauteuil nach der Tür zu wenden, als Giraldi bereits eintrat. Er war noch im Reiseanzug, hatte nur den durchnäßten Mantel auf dem Flur abgeworfen; sein sonst so sorgsam gepflegter schwarzer Bart floß in wirren Strähnen herab, die sonst so ruhig glänzenden dunklen Augen sprühten in unheimlichem Feuer, das sonst wie aus gelbem Marmor gemeißelte unbewegliche Gesicht war in zuckende Falten zerrissen.

Na, Sie sehen auch gut aus! sagte Frau von Wallbach.

Ich bitte um Entschuldigung, erwiderte Giraldi; seit heute nacht unterwegs, durch die widerwärtigsten Hindernisse überall aufgehalten, lange ich endlich hier an, um zu vernehmen, daß die Frau Baronin, mit der ich wichtige, unaufschiebbare Angelegenheiten zu besprechen habe, nicht zu Hause ist. Sie können sich denken –

Erst setzen Sie sich einmal, sagte Frau von Wallbach. Ihr Herumstehen und hastiges Sprechen macht mich ganz nervös.

Ich bitte nochmals um Entschuldigung, sagte Giraldi.

Ist gar nicht nötig, ich bin ja nur hier geblieben, um Sie zu empfangen, obgleich ich Ihnen ehrlich gestehen muß, daß ich Sie lieber nicht empfangen hätte.

Dann will ich Ihre kostbare Zeit keinen Augenblick länger in Anspruch nehmen –

Bleiben Sie ruhig sitzen und machen Sie keine Redensarten. Ich mache, wie Sie wissen, nie welche, und bin heute schon gar nicht in der Stimmung dazu. Ja, ja, wenn Sie mich auch noch so verächtlich ansehen! Sie halten mich ohne Zweifel, wie die andern, für halb kindisch oder närrisch; aber Kinder und Narren sprechen die Wahrheit, und die Wahrheit, lieber Herr Giraldi, ist, daß, wenn Sie sich nicht hineingemischt und alles kopfüber, kopfunter gestellt hätten, heute Carla Ottomars Frau und alles in schönster Ordnung sein würde, während sie jetzt in dem entsetzlichen Wetter – Sie müssen ihnen ja wohl noch begegnet sein – mit dem Grafen herumreitet, trotzdem ich ihr, in Gegenwart des Grafen, gesagt habe, daß es ein Skandal ist, abgesehen davon, daß sie sich auf den Tod erkälten wird.

Sie können mich unmöglich für den Zug, der unwiderstehlich Herz zum Herzen führt, verantwortlich machen, erwiderte Giraldi mit einem Versuch seines souveränen ironischen Lächelns, das aber nur zu einer hämischen Grimasse wurde.

Ach was, Herzen! sagte Frau von Wallbach; das bißchen Herz, das Carla überhaupt hat, – Ottomar hat's gehört, und keinem andern; und das würde auch für eine Ehe ungefähr ausgereicht haben; ich kenne wenigstens welche, die mit noch weniger ganz gut fertig werden. Und was den Grafen betrifft – du lieber Himmel! Hundertmal hat sie im Anfang gesagt, das sei unerlaubt, was der für Zeug schwatze, und so hat mein Bruder gesagt und die alte Kniebreche und alle; und dann sind Sie gekommen und haben ihn in den Himmel erhoben; und, wenn Sie es sagten, mußte es ja natürlich wahr sein; und so haben Sie es denn glücklich so weit gebracht. Warum? weil es Ihnen paßte, wenn Ottomar nicht zum Heiraten kam und sein leichtsinniges Leben fortsetzte und in allerlei Unannehmlichkeiten und Verlegenheiten und ich weiß nicht was geriet, und Sie ihn hübsch in der Hand behielten. Das soll Ihnen denn ja nun auch, wie Carla sagt, recht nett gelungen sein; aber ich finde das gar nicht nett, sondern ganz abscheulich von Ihnen; denn Ottomar ist immer freundlich und gut zu mir gewesen und ist mir tausendmal lieber als der Graf; und wenn ich vor Elsen keinen Respekt gehabt hätte, würde ich ihn jetzt bekommen haben, nachdem ich gesehen, wie sie den Herrn Grafen zehnmal Herr Graf sein läßt und ganz ehrlich erklärt, wie das heute morgen die Frau Baronin in Elses Namen mir und Carla gegenüber getan hat, daß sie ihren Schiffskapitän heiraten will, obgleich das ja für ein Fräulein von Werben ein bißchen wunderlich ist; aber das ist ihre Sache; und jetzt ist sie mit der Frau Baronin zu ihm gefahren nach Wissow, oder wie es heißt, was ich unter diesen Umständen nur in der Ordnung finde. – Das sollte ich Ihnen sagen und, daß sie in ein paar Stunden zurück sein würden; und nun will ich Ihnen noch etwas sagen. Sie glauben vielleicht, wunder was ausgerichtet zu haben, nachdem Sie Ottomars und Carlas Verbindung glücklich hintertrieben; und Sie sind, glaube ich, nicht weniger froh darüber, daß Else auf diese Weise nun auch um ihr Vermögen kommt; aber Sie irren sich gründlich. Die Baronin und Else sind ein Herz und eine Seele; und wenn Ottomar die Cousine von dem Herrn Kapitän heiraten will, so wird die Baronin jetzt erst recht nichts dagegen einwenden, und sie wird die beiden Geschwister, und wenn die Herren Kuratoren sich auf den Kopf stellen, zu Erben einsetzen. Wenn ich an ihrer Stelle wäre, ich tät' es auch. Und da kommt François, um Ihnen, glaube ich, anzukündigen, daß Ihr Diner fertig ist. Ich wünsche Ihnen gesegneten Appetit.

Frau von Wallbachs letzte Worte waren ohne den mindesten Anflug von Ironie, wie sie denn auch das Vorhergehende in ihrer lässigbequemen Weise gesprochen hatte, den hübschen Kopf etwas seitwärts in die Lehne des Fauteuil gedrückt, die Augen über Giraldi weg nach der Zimmerdecke gerichtet, als ob alles da oben angeschrieben stände und sie es nur einfach herunterläse.

Aber keine leidenschaftlichste Heftigkeit, kein erbittertster Angriff hätte den Mann, der, an den blassen Lippen nagend, vor ihr gesessen hatte, ohne sie mit einem Worte zu unterbrechen, und sich jetzt erhob, um mit einer stummen Verbeugung das Zimmer zu verlassen, so aus der Fassung bringen können, als diese unerschütterliche Ruhe, diese formlose Aufrichtigkeit einer Frau, die er bis dahin für eine Null gehalten, für die hohlste aller hohlen Modepuppen, und die jetzt dies zu sagen, ihm ins Gesicht zu sagen wagte! das mit allem Aufwand seines scharfsinnigen Geistes, mit unendlichster Mühe gesponnene Intrigennetz auseinander faltete, ihm die Lücken zu zeigen, die sein feines Auge übersehen, seine sorgsamste Kunst nicht hatte zuspinnen können, und es dann gelassen von oben bis unten zerriß, wie einen nutzlos gewordenen Garderobefetzen!

So war er denn kaum in das Speisezimmer getreten, wo an einer Ecke der Familientafel ein Kuvert für ihn serviert war, als er dem wütenden Zorn, der ihn fast erstickt hatte, freien Lauf ließ. Er stampfte, wildeste Verwünschungen ausstoßend, mit den Füßen, riß sich am Bart – commme un maniaque, dachte François, der aus der Terrine die Suppe auf den Teller füllte, so ruhig, als ob das tolle Gebühren von Monsieur eine gymnastische Übung sei, die jeder Herr anzustellen pflege, bevor er sich nach einer anstrengenden Reise und langen Wagenfahrt zum Diner setze.

Warum sprechen Sie nicht? kreischte Giraldi.

Ich warte auf die Erlaubnis von Monsieur.

So sprechen Sie!

Ich habe Monsieur alles, was ich beobachtet, mit solcher Akkuratesse geschrieben –

Nichts haben Sie geschrieben, was des Lesens wert gewesen wäre! Sie haben mir kein Wort geschrieben von der Intimität, die zwischen Madame und dem Fräulein unterdessen eingetreten ist und die Sie hätten sehen müssen, wenn Sie Augen hätten. Sie sind ein Ungeschickter, wenn Sie nicht ein Verräter sind.

Ich bin unglücklich –

Lassen Sie Ihre verdammten Phrasen! ich habe keine Zeit dafür. Was wissen Sie sonst?

Ich weiß außerdem, was ich Monsieur gleich beim Empfang mitgeteilt habe, absolut nichts von Wichtigkeit – ja, wahrhaftig, das hätte ich beinahe vergessen!

François schlug sich vor die Stirn.

Er hatte es keinen Augenblick vergessen; er hatte die ganze Zeit, während Monsieur im Salon bei Frau von Wallbach war, überlegt, ob er es sagen solle oder nicht. Er konnte es nicht sagen, ohne Madame zu verraten, wie er Monsieur verraten hatte, aber weshalb Geld von beiden nehmen, wenn nicht, um beide zu verraten? Die Sache war ja so weit ganz in der Ordnung; nur mußte jeder Schritt nach rechts oder nach links was einbringen, und wenn ihn nicht alles trog, war jetzt der Augenblick, wieder einmal einen Schritt nach der Seite von Monsieur zu machen.

Werden Sie sprechen! rief Giraldi, die Fäuste schüttelnd.

Ich habe es nun doch vergessen, sagte Francis, Giraldi mit hündischer Frechheit in das zornbleiche Gesicht sehend.

Giraldi ließ die Arme sinken.

Wieviel? stieß er hervor.

Ich kann nicht billig sein, Monsieur. Die Sache, im Falle ich mich auf sie besinnen sollte, ist von der alleräußersten Wichtigkeit für Monsieur, und da Madame in letzter Zeit so außerordentlich gütig gewesen und mir durch Madame Feldner so manchen klingenden Beweis ihrer Güte hat zukommen lassen, und Monsieur mir ja nun natürlich doch nicht mehr trauen werden, sondern es unzweifelhaft der letzte Dienst ist, den ich Monsieur leiste –

Wieviel? kreischte Giraldi.

Zehntausend Franks, Monsieur.

Giraldi riß eine Brusttasche hervor, aus der er eine Hand voll Hunderttalernoten nahm, die er auf den Tisch schleuderte.

Zählt!

Es sind dreitausend Taler, Monsieur.

Behalten Sie's und reden Sie!

François schichtete die Scheine sorgfältig, legte sie nicht minder sorgfältig in seine Brieftasche und sagte, während er aus der andern Seite einen Zettel nahm:

Monsieur ist, wie immer, von anbetungswürdiger Freigebigkeit; ich würde grenzenlos beschämt sein, wäre ich nicht überzeugt, daß Monsieur dies hier als vollgültige Quittung betrachten wird.

Und er überreichte mit tiefer Verbeugung Giraldi den Zettel – eine Kopie von Elses Telegramm an den Vater.

François hatte gehofft, daß der Schrecken, der sich jetzt auf dem ausdrucksvollen Gesicht von Monsieur malen mußte, eine interessante Abwechselung in die Szene bringen würde; aber er hatte sich vergeblich darauf gefreut. Monsieur, der eben noch vor Wut und Zorn am ganzen Leibe gebebt und wie ein Rasender gestikuliert und geschrien hatte, stand, nachdem er das Blatt in seiner rapiden Weise überflogen, so ruhig und gefaßt da, wie François ihn bisher immer gesehen, und fragte mit seiner gewöhnlichen halblauten, forschenden Stimme:

Wann und wo ist dies aufgegeben?

Heute morgen um fünf Uhr in Prora durch einen reitenden Boten, den ich selber expediert habe, nachdem ich diese Kopie des offenen Zettels genommen.

So ist Ihre Nachricht keinen Pfennig wert; seit heute nacht vier Uhr ist die Telegraphenleitung zwischen Berlin und Sundin unterbrochen.

Ganz recht, Monsieur. So sagte auch der Beamte, der das Telegramm entgegengenommen, nachdem er in Sundin angefragt und die Rückantwort erhalten, er möge über Grünwald telegraphieren; da sei noch eine Möglichkeit. Anfrage in Grünwald; Rückantwort: ja, und weiter über Stettin. Der Bote, ein alter, zuverlässiger Diener – noch von des verstorbenen Herrn von Warnows Zeit her, Monsieur – hatte sich alles genau gemerkt und Mademoiselle in meiner Gegenwart referiert, auch hinzugefügt, daß nach der Aussage des Beamten das Telegramm zwar spät, aber sicher noch im Laufe des Vormittags in Berlin eintreffen werde.

In Ihrer Gegenwart, sagen Sie? wie kam das?

François zuckte mit den Achseln: Mademoiselle weiß meine Kenntnis in diesen Dingen zu schätzen – ein alter Kurier, Monsieur! Die Wahrheit zu sagen: ich hatte dem Boten selbst die betreffenden Instruktionen gegeben.

Weshalb hat man Sie nicht selbst geschickt?

François lächelte: Die Nacht war sehr stürmisch, Monsieur; ich exponiere mich nicht gern; ich sagte, ich könne nicht reiten, wüßte auch den Weg nicht.

Aber Sie können reiten und wissen den Weg nach Wissow?

François verbeugte sich.

Wie weit ist es – zu Pferde?

Wenn man scharf reitet, kann man in einer halben Stunde drüben sein.

Auch bei dem Wetter?

Ich glaube, Monsieur.

Und wie lange brauchen die Damen mit dem Wagen?

Sie müssen, wie auch der Reitende, den längern Weg nehmen über die Hügel und durch die Dörfer, Monsieur; das ist unter einer Stunde nicht möglich, Monsieur.

Giraldi stand bereits mit der Uhr in der Hand, rechnend. Er steckte die Uhr wieder ein.

Es ist jetzt genau zehn Minuten vor ein halb fünf. In zehn Minuten spätestens sind Sie fertig, einen Brief von mir an Madame nach Wissow zu bringen.

Es ist unmöglich, Monsieur; schon heute morgen um elf Uhr konnte Frau von Wallbach, die durchaus abreisen wollte, keine Pferde mehr bekommen; die Leute geben sie nicht her, Monsieur.

Da sind die Pferde, mit denen ich gekommen bin.

Unmöglich, Monsieur; ich habe sie gesehen; sie sind abgetrieben; es muß ein gutes, frisches Pferd sein, Monsieur – zum Reiten, Monsieur. Es sind keine solche im Stall.

Sie werden eines finden, wenn ich Ihnen, falls Madame vor sechs Uhr im Schlosse ist, noch tausend Taler gebe.

Zweitausend, Monsieur.

Gut. Und jetzt: Papier und Tinte – schnell!

François hatte aus einem Nebenzimmer in der nächsten Minute das Verlangte herbeigeschafft; Giraldi saß bereits neben dem unberührten Kuvert schreibend am Tisch, als François den Speisesaal verließ, sich die zweite Summe zu verdienen, wenn es möglich war, woran er alles Ernstes zweifelte.

Giraldi schrieb:

»Deine Fahrt nach Wissow ist ein Vorwand oder eine Flucht. Ich verzeihe Dir Dein Schwanken, selbst Deinen Abfall, der ja nur eine momentane Verirrung sein kann, um der Liebe willen, die Du für mich, die ich für Dich gehegt. Und wenn Deine Liebe erloschen sein sollte – die meine ist es nicht! – so wird der beifolgende Brief, den ich Dir kopiere – das Original, das ich dem Boten nicht anvertrauen kann, bleibt in meiner Hand – aus der Asche selbst neue Flammen erwecken, wie er für uns zum Leben erweckt ist, an dessen Tod ich nie habe glauben mögen. Und wie mein Glaube der stärkere war, so bin ich der Stärkere überall und würde – jetzt nicht mehr für mich, sondern für unsern Sohn – von dieser meiner Stärke unumschränkten, mitleidslosen Gebrauch machen. Du kennst mich, Valeria! Um sechs Uhr mit dem Schlage verlasse ich das Schloß auf Nimmerwiederkehr und Nimmerwiedersehen mit dem Warnowschen Vermögen, das ich bis zum letzten Frank bei mir trage und das jetzt der Mutter und dem Sohne gehört, oder dem Sohne allein, wenn es sein sollte, daß er keine Mutter hat. Aber es kann nicht, es wird nicht sein. Ich bete dafür zu der allerheiligsten, schmerzensreichen Mutter Gottes. Sie, die alle Qualen eines Mutterherzens erduldet hat, wird das Herz einer Mutter lenken!

»Warnow, viereinhalb Uhr nachmittags. – Giraldi.«

Er nahm einen Brief aus der Tasche – er hatte ihn heute nacht, als er von Philipps Gesellschaft nach Hause kam, vorgefunden und ihn erst in dem Wartesaal des Bahnhofes zu lesen Zeit gehabt – und schrieb mit einer Hand, die wie ein Pfeil über das Papier flog:

»Mit vom Schatten des Todes halb verdunkelten Augen und sterbemüden Händen dieses: Antonio Michele ist Ihr Sohn. Eine steinalte Frau in Arsoli, die sich während der siebenundzwanzig Jahre, seitdem sie plötzlich in dem Ort erschienen, Antonia Falcone nannte, in Wirklichkeit aber Barbara Cecutti hieß und die Mutter jenes Lazzaro war, der damals Ihr Kind von Paestum entführte, hat es mir gestern in der heiligen Beichte auf dem Totenbette bekannt. Sie ist von der Mutter Michele, dem Hungertode nahe, in einsamer Waldschlucht in den Bergen über Tivoli aufgefunden worden, an ihrer Seite das geraubte Kind, das ebenfalls im Verschmachten war, während der verwundete Lazzaro eine Stunde vorher auf der Flucht seine schuldbeladene Seele ausgehaucht. Die Michele hat sich der Unglücklichen erbarmt; die beiden Frauen haben auf die Hostie geschworen, die eine: nie zu sagen, daß sie das Kind von der Barbara habe, die andre, daß sie es der Michele gegeben, damit die Barbara unbelästigt von der Polizei ihren Lebensfaden zu Ende spinne und der Vater Michele nicht weiter nach den Eltern des Kindes forsche, das die Frau im Gebirge – ausgesetzt, wie Moses an des Niles Ufern, von einem armen Mädchen, das sie wohl kenne, dessen Namen sie aber nicht nennen würde – gefunden zu haben behauptete und – sie hatte selbst nie Kinder gehabt, so sehr sie sich nach solchen gesehnt – um keinen Preis wieder verlieren wollte. Sie hat das Geheimnis mit ins Grab genommen; auch Barbara Cecutti ist nicht mehr; und Sie, teurer Herr, erhalten das Vermächtnis einer nun Gestorbenen von einem Sterbenden. Gottes Wege sind wunderbar! preisen wir seine Gnade! Amen! – Ambrosio

»Teurer Herr!

»In Wahrheit von einem Sterbenden! heute nacht ist der gute Frate Ambrosio – kaum zurückgekehrt von seinen Samariterwegen – eingegangen, hoffen wir: in die ewige Seligkeit, da es bei ihm, der schon auf Erden heilig war, einer Läuterung nicht bedarf. Ich sende Ihnen sein Vermächtnis; tragen Sie meinem armen Kloster den Dank ab für die Heilverkündigung, die die Gnade Gottes durch unseren nun bei ihm weilenden Bruder Ihnen hat zuteil werden lassen.«

»Der Prior des Klosters S. Michele bei Tivoli.
Eugenio.«

Giraldi hatte eben das letzte Wort geschrieben, als die Tür aufflog. Es war François; er trug einen Regenmantel, unter dem ein Paar Reiterstiefeln hervorsahen, und rief noch im Hereintreten:

Wahrhaftig, Monsieur, ich schäme mich, auch nur einen Augenblick an den Stern eines solchen Mannes nicht geglaubt zu haben! Wie ich auf den Hof komme, sprengt der Jockei des Herrn Grafen herein; man hat ihn zurückgeschickt, ein Taschentuch zu holen, das Mademoiselle vergessen! Wenn es noch ein Regenschirm gewesen wäre! Die Wahrheit, Monsieur, man hat den Menschen los sein wollen; wir werden vor morgen früh von den beiden nicht wieder hören – glauben Sie einem, der das Genre kennt! Ich habe das dem Menschen so ungefähr begreiflich gemacht, und er will mir sein Pferd geben – er sagt, kein Teufel solle ihn noch einmal in das Wetter hinausbringen!

Wir bleiben beieinander, François, sagte Giraldi, dem frechen Burschen die Hand auf die Schulter legend, und nun – schonen Sie das Pferd nicht!

Verlassen sich Monsieur auf mich! erwiderte François, den Brief einsteckend, Au revoir, Monsieur! François war davongeeilt; Giraldi trat in den weit vorspringenden Erker des Saales, dessen Fenster auf den Hof gingen, um zu sehen, wie François unten das schöne Tier, das der Jockei am Zaum hielt, bestieg und, mit der Hand nach dem Fenster hinaufwinkend, zum Hof hinaussprengte.

Er ging an den Tisch und brach ein Stück von dem Weißbrot, zu dem er das Glas Wein ausschlürfte, das François eingeschenkt. Dann fing er an, langsam, die Hände über der Brust verschränkt, in dem großen Gemach auf und nieder zu schreiten.

Wie hatte er sich nur vorhin so von seiner Leidenschaft hinreißen lassen können! Was in der Welt war denn geschehen, worauf er nicht hätte gefaßt sein müssen, worauf er nicht schon seit langem gefaßt gewesen? Das Wetter trug die Schuld, wenn seine Nerven ein wenig derangiert waren – ein Wetter nur für nordische Barbaren, und mit den Barbaren im Bunde! Ein feindlicher Dämon war es zweifellos, der das kleine Dampfboot, das ihn von Sundin nach der Insel hinüberbringen sollte, in der Dämmerung des Morgens gegen ein ruderlos treibendes Wrack laufen ließ und so zur Umkehr zwang; ein feindlicher Dämon, der den plumpen Schiffern verbot, sein Gold zu nehmen und die Überfahrt in offenem Fahrzeug zu wagen, bis denn endlich mittags um halb zwölf der Dampfer ausgebessert war und dann doch noch eine Stunde brauchte, die halbe Seemeile zurückzulegen! Dämon gegen Dämon! Gregorio Giraldi war der stärkere! Wenn das Telegramm wirklich den General rechtzeitig in Berlin erreicht, wenn er mit dem Elfuhrzuge von Berlin abgegangen – er konnte vor drei Uhr nicht in Sundin, vor sechs Uhr nicht in Warnow sein! Eine Stunde! in einer Stunde waren Königreiche gewonnen und verloren worden; und lag ja alles, alles sonst für ihn: Ottomar, in dem Netz, das er ihm über den Kopf geworfen, unrettbar verstrickt, voraussichtlich bereits in tödlicher Fehde mit Wallbach, dessen leichtsinnige Schwester nun die Geliebte, nach allem Anschein die Buhle des Grafen war! die stolze Else die verlobte Braut des niederen Mannes, ihre Liebe mit ihrem Erbe bezahlend! die Bahn frei von allen Hindernissen! und an ihrem Ende der reiche Schatz, das stolze Vermögen, das Valerien jetzt von Rechts wegen zukam und das sie ihrem leiblichen Sohne, dem Wiedergefundenen, von den Toten Auferstandenen, das heißt: ihm selbst frei hinterlassen durfte! Konnte sie da wählen? blieb ihr nur eine Wahl? mußte sie sich nicht fügen, sie mochte wollen oder nicht? Und, wenn sie wankte – eine Minute nur allein mit ihm! – hier in diesem Raum, in dem sie so oft in der Phantasie mit ihm geweilt, den sie ihm so genau geschildert, daß er jedes Möbel, jedes Bild an der Wand kannte – dieses zuerst – das Bild des Mannes, aus dessen Armen er sie hohnlachend gerissen, damit dermaleinst sein Bild hier hänge – des neuen Herrn, der diesen barbarischen Bau niederreißen würde, ein neues Schloß zu bauen – dem neuen Herrn!

Er stand vor dem Bilde, mit hämischem Lächeln zu ihm aufschauend.

Du warst der letzte deines Stammes, Mann mit der engen Stirn und dem breiten Ordensbande über der leeren Brust! Und jetzt moderst du in der Gruft deiner Ahnen! Und er, dem du im Leben nicht bis an die Knie reichtest, steht lebend hier in seiner ungeschwächten Kraft, der Bauernsohn, der jetzt der Stammvater werden wird eines Geschlechtes von Fürsten, für die selbst der Stuhl des heiligen Petrus nicht zu hoch sein soll!

Ein Stoß, wie von einem Erdbeben, schüttelte durch das Schloß. Die Fensterscheiben klirrten, Türen flogen auf und krachend wieder zu. Das Bild, zu dem er emporschaute und das ein Menschenalter an seinem rostigen Nagel gehangen, schwankte und stürzte herab, daß der morsche Rahmen auseinander brach, das Bild selbst, nachdem es einen Moment aufrecht gestanden, vornüber niederklappte, ihm vor die Füße.

Er war zurückgesprungen.

Regst du dich noch, verfluchter Staub? In die Hölle mit dir zu seiner verfluchten Seele!

Und wie zur Antwort auf des Meisters Stimme aus dem Abgrund der Hölle, die er gerufen, heulte und gellte es um Warnow-Schloß.

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