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Sturmflut. Zweite Abteilung

Friedrich Spielhagen: Sturmflut. Zweite Abteilung - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleSturmflut. Zweite Abteilung
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
printrun33.-34. Auflage
year1913
firstpub1877
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141027
projectid381adaf6
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Drittes Kapitel

Die Tür hatte sich hinter den Enteilenden geschlossen; Cilli war allein in dem Atelier. Sie saß auf einem niedrigen Schemel, das Blatt, das ihr Ferdinande gegeben, im Schoß haltend, mit der andern Hand den Kopf stützend.

Er wird es nicht fassen, murmelte sie, er wird sehr zornig sein; niemand wird es fassen – selbst Reinhold nicht; auch er könnte mir nicht nachfühlen, was ich fühle.

Armes Herz, krampfst du dich so zusammen? willst es nicht länger tragen? ein Weilchen noch! laß mich dies noch ausführen; es ist vielleicht dein letzter Dienst!

Sie hatte jetzt beide Hände gegen die Brust gedrückt, die grausamen Schmerzen, die ihr das zuckende Herz bereitete, die entsetzliche Atemnot mit stoischer Geduld ertragend, wie schon so oft in diesen letzten Tagen. Der fürchterliche Anfall ging vorüber; aber die Entkräftung war so groß: sie versuchte wiederholt vergebens sich aufzurichten, endlich gelang es ihr; sie tastete sich nach dem Tischchen, auf dem, wie sie wußte, stets eine Karaffe mit Wasser und Gläser standen, und trank.

Jetzt mag es sein, murmelte sie.

Dennoch glaubte sie noch oft zusammenzubrechen, während sie, einen der todmüden Füße vor den andern setzend, langsam, langsam sich aus dem Atelier hinaustastete, durch den schmalen Gang zwischen dem Hause und dem Garten. An der Tür ihrer Wohnung, an der sie vorüber mußte, stand sie still und lauschte das Treppchen hinauf, das nach oben in ihre Wohnung führte. Es war alles still; der Vater schlief unter der guten Tante Rikchen Obhut. Er würde sie nicht vermissen; er wußte ja nicht einmal, der arme Vater, daß ihr sehnlichster Wunsch, nach ihm zu sterben, auf daß sie bis zu seinem letzten Atemzuge bei ihm bleiben könne und ihm den Schmerz, sein Kind tot zu sehen, erspare, nun doch wohl nicht in Erfüllung gehen werde. Armer Vater! und doch so arm nicht, wie der stolze einsame Mann, zu dem sie wollte!

Sie war bis in das Haus und auf die teppichbedeckte Marmortreppe gelangt. Ein Schritt kam ihr von oben herab entgegen; sie blieb, an das Geländer sich lehnend, stehen, zu dem Kommenden emporlächelnd:

Lieber Grollmann!

Um Gottes willen, Fräulein Cilli! wo kommen Sie denn her? und wie Sie aussehen! Du liebe Zeit! Sie sollten machen, daß Sie ins Bett kommen!

Ich habe keine Zeit dazu, lieber Grollmann! aber ich fühle mich sehr schwach; bitte, helfen Sie mir hinauf!

Ja, wo wollen Sie denn hin?

Zu ihm – zu Herrn Schmidt.

Grollmann schüttelte den Kopf: Liebes Fräulein Cilli, Sie wissen, daß ich Ihnen gern alles auf der Welt zu Gefallen tue, und noch dazu heute, wo Sie so viel Sorge um den guten Vater haben; aber zu dem Herrn – das ist partout, keine Menschenmöglichkeit nicht. Wenn Sie was für Ihren guten Vater wollen – er hat sich schon nach ihm erkundigt, trotzdem ihm so viel anderes durch den Kopf geht – und ich will es ihm schon gelegentlich sagen –

Es handelt sich nicht um meinen Vater, sagte Cilli, und auch nicht um mich – aber das Sprechen wird mir sehr schwer, lieber Grollmann –

Sie hatte die blinden Augen zu ihm erhoben; den alten Diener durchschauerte es. Er wagte kein Wort der Erwiderung mehr, nicht einmal, sie zu fragen, was das für ein Papier sei, das sie da im Busen stecken habe, und leitete sie schweigend, sorgsam die noch übrigen Stufen hinauf bis vor des Herrn Tür.

Soll ich Sie nicht wenigstens melden, Fräulein? flüsterte er.

Machen Sie nur die Tür auf, lieber Grollmann!

Der Alte zögerte einen Moment, öffnete dann entschlossen, leitete, ohne selbst die Schwelle zu überschreiten, mit weitausgestrecktem Arme die Blinde hinein, machte hinter ihr zu und ließ sich nahe der Tür in einen Stuhl sinken, das Kinn in die Hände stützend: Ich muß das arme Ding doch wieder 'runter bringen, murmelte er, es wird nicht lange dauern.

Onkel Ernst, der, die Hände auf dem Rücken, in dem Zimmer auf und nieder geschritten war, hatte, in dumpfes Grübeln versunken, die leise Tür nicht gehen hören. Jetzt, am andern Ende des Zimmers angekommen, wandte er sich und zuckte zusammen.

Cilli! sagte er mit tiefem Atemzuge.

Cilli, wiederholte er, indem er nun auf sie zuging, die ihn schweigend erwartete.

Er stand vor ihr. Die schweren finsteren Gedanken, in denen er eben noch gewühlt, und das engelhafte, verklärte Antlitz, in das er blickte – es berührte ihn wundersam; und seine Hand, die jetzt die ihre erfaßte, zitterte, und seine Stimme bebte, als er, sie zu einem Sessel geleitend, sagte: Was führt dich zu mir, Kind? Ist dein Vater kränker geworden?

Ich glaube, nein, erwiderte Cilli, obgleich ich weiß, daß er es nicht lange überleben wird.

Das ist ja alles Unsinn und dummes Zeug, sagte Onkel Ernst – und die Milde in dem Ton seiner Stimme kontrastierte eigen mit den rauhen Worten, – die zweitausend Taler hätten euch schließlich auch nicht glücklich gemacht. Und was habe ich ihm getan, daß er fürchten konnte, ich werde für ihn, für euch nicht sorgen, wenn es zum Schlimmsten kommt? oder was hätte er mir getan? – sein Sozialismus – Nonsens! Mir bleibt er darum, was er ist – einer der paar ehrlichen Menschen in einer Welt von Schuften.

Ich weiß, wie gütig Sie sind, erwiderte Cilli, und ich hatte mir heute morgen vorgenommen, Ihnen aus dem Grunde meiner Seele zu danken für alles, was Sie an uns getan haben und an meinem armen Vater tun werden, wenn ich nicht mehr bin.

Ich will davon nichts hören, sagte Onkel Ernst.

Ein geisterhaftes Lächeln spielte über Cillis bleiches Gesicht.

Der Tod hat eine beredte Stimme, sagte sie; ich habe darauf vertraut, als ich mich eben zu Ihnen schleppte; und daß meine Stimme, die aus einem Herzen kommt, in dem der Tod wohnt, zu Ihrem Herzen dringen wird, das, wie rauh es auch oft scheint, doch so mild und gut gegen die Armen, die Verlassenen, die Hilflosen, die Unglücklichen ist.

Sie sprach so leise; Onkel Ernst hatte Mühe, sie zu verstehen. Was wollte das arme Kind? sie hatte offenbar noch ein Anliegen.

Sprich es aus, Cilli, sagte er; du weißt, dir könnte ich nichts abschlagen, auch wenn es mir schwer würde, es zu erfüllen.

Sie dürfen es mir auch nicht abschlagen, obgleich es Ihnen sehr schwer werden wird; denn sie sind sehr stolz, und der Stolz brachte den herrlichsten der Engel zu Fall, und Ihr Stolz blutet schon heute aus einer tiefen Wunde – verzeihen Sie, daß ich daran rühre – es ist gewiß sehr schmerzlich – aber der Herr am Kreuz vergab seinen Beleidigern – allen, und, wer sündigt, und wäre er im Menschensinne noch so klug – er weiß nicht, was er tut. Wer aber im Menschensinne sündigt, weil er liebt – nicht mehr er selbst, sondern der andere, dem er sein Herz und seine Seele gegeben hat, daß er die eigene Qual nicht mehr empfindet, aber hundertfach die, die der andere leidet – mit einer solchen armen liebenden Seele fühlt ja jeder gute Mensch göttliches Erbarmen; wie sollte es der Vater nicht, der für seine Kinder auf Erden der Stellvertreter des Vaters im Himmel und vollkommen sein soll, wie der Vater im Himmel vollkommen ist. Seien Sie barmherzig gegen Ferdinande!

Sie war von ihrem Sessel heruntergeglitten auf die Knie, die Hände über der Brust gefaltet, die lichtlosen Augen zu ihm, der immer groß und herrlich, wie ein Dämon, aber auch furchtbar, wie ein Dämon, durch die Nacht, die sie umgab, geschritten war. Hatte ihre schwache Stimme die unnahbare Höhe, auf der er thronte, erreicht? erreicht nur, um den Sturm zu entfesseln, die Donner des Zornes, die sie so oft hatte grollen und rollen hören? würde er sich gütig niederbeugen und sie aufheben, wie er schon so viele aus dem Staub erhoben mit seinen starken, hilfsbereiten Händen?

Und sie hörte – an seinen schweren Atemzügen – wie er sich über sie beugte, und sie fühlte die starken Hände, die sie aufhoben und vorsichtig wieder in den Sessel gleiten ließen. Sie hielt die mächtigen Hände fest in ihren schwachen zitternden Händen und führte sie an ihre zitternden Lippen.

Nicht doch, mein Kind! Es ist ja alles – was du da sprichst – aber dir bin ich gut – sehr gut – und das Papier da – das hat sie dir gegeben?

Ich weiß nicht, was sie geschrieben, sagte Cilli, das Blatt aus dem Busen nehmend; Sie dürfen nicht auf die Worte sehen – es sind gewiß wirre, ach! vielleicht schlimme Worte – was weiß ein armes Menschenkind in solchen Augenblicken, was es tut oder spricht!

Er hatte die paar Zeilen überflogen.

Ferdinande ist entflohen – wann?

Es mag eine halbe Stunde sein, vielleicht länger – ich weiß es nicht genau.

Er hat sie abgeholt?

Cilli, vor der Ferdinande längst kein Geheimnis mehr gehabt hatte, nannte Bertaldes Namen und Wohnung.

Also wieder einmal nicht er selbst! murmelte Onkel Ernst mit finsterm Lächeln. – Es ist gut, liebes Kind! ich danke dir für deine Bravheit. Ich habe immer viel von dir gehalten; ich sehe, daß es noch lange nicht genug gewesen. Und nun laß mich meine Schwester rufen, daß sie dich zurück und zu Bett bringt, du hast es wahrlich nötig.

Sie sitzt an des Vaters Bett, sagte Cilli, – schon seit zwei Stunden – ich komme schon allein hinüber.

So will ich's tun.

Wenn Sie mir wirklich dankbar sind – wenn ich nicht denken soll, daß ich vergebens hier gewesen – Sie haben jetzt anderes zu tun: ich bitte, lassen Sie mich allein gehen.

Sie hatte sich aus dem Sessel aufgerichtet und die Hände wieder über dem Busen gefaltet.

So geh allein, wenn du durchaus willst.

Sie schritt langsam nach der Tür; dort blieb sie stehen, wandte sich, erhob beide Hände in bittender Gebärde nach ihm, der ihr mit traurig-düstern Blicken nachschaute, und tastete nach dem Griff. Die Tür wurde von draußen geöffnet; Grollmann streckte, wie vorhin, ohne die Schwelle zu überschreiten, den Arm hinein, Cillis tastende Hand in der seinen empfangend und die Tür hinter ihr schließend.

Sie sind alle gegen mich im Bunde, im Guten, wie im Bösen, murmelte Onkel Ernst: Reinhold, Nike, der Alte da – alle, alle! Und sie – das gute Kind, das wahrscheinlich mehr wert ist, als alle – als wir alle, sie bringt mir das! mit ihren reinen, unschuldigen Händen – das!

Er starrte auf das Blatt:

»Ich sage Dir Lebewohl – für immer! Du brauchst meine Liebe nicht, – und Deine Liebe! ich habe sie erfahren! Zertreten hast Du mein Herz, zerbrochen hast Du meine Seele, – mein Herz, meine Seele, meine Liebe Deinem Stolz geopfert, hingeschlachtet – mitleidslos, wie ein fanatischer Priester die Lämmer hin würgt an dem Altar seines Götzen. – Und der andere – sein Vater! wenn man die Seele getötet hat, so ist freilich, den Leib zu töten, nur ein Akt der Barmherzigkeit! So hüllt Euch denn in Eure Pharisäertugend, labt Euch an Eurem hochmütigen Stolz! – Für uns: willkommen die Schande! willkommen das Elend! willkommen der Tod!«

Nun denn: Tod!

Er riß das Blatt mitten durch und zerriß die Stücke noch einmal und noch einmal, schleuderte die Fetzen auf den Boden, legte seine Hände auf den Rücken und fing wieder an, durch das Zimmer auf und nieder zu gehen, wie vorhin, als Cilli bei ihm eingetreten.

Während er so, die heißen Augen gesenkt, einherschritt, kam ihm einer der Fetzen, die hierhin und dorthin geflattert waren, unter den Fuß. Er wollte ihn wegstoßen, aber bohrte das Stückchen nur tiefer in den weichen Teppich. Pah! sagte er.

Dennoch nahm er, umkehrend, eine etwas andere Richtung durch das Zimmer. In dem Augenblick riß der Sturm ein nur schlecht geschlossenes Fenster auf; die Fetzen stöberten in die Höhe wie Schneeflocken, um ihn herum, vor ihm nieder.

Sie wollen mich noch wahnsinnig machen, schrie er auf, – ich will nicht wahnsinnig werden! Herr, mein Gott, was habe ich getan, daß du mich so verfolgst! was können wir unselige Menschen mehr, als nach unserem Wissen und Gewissen handeln! Habe ich es nicht getan, solange ich denken kann? Wenn unser Wissen und unsere Weisheit Stückwerk, ist es unsere Schuld? was strafft du denn an uns, wessen wir nicht schuldig sind! So bist du verpflichtet, uns zu helfen in unserer Not! Hast du zu mir gesprochen durch den Mund dieses armen blinden Kindes – ich will das Opfer meiner Überzeugung, meines Verstandes bringen – ich will blind, ich will folgsam sein wie ein Kind – hast du durch sie zu mir gesprochen?

Er preßte die Hände gegen die hämmernden Schläfen; es flirrte ihm vor den Augen, er taumelte nach dem offenen Fenster, die glühende Stirn, die Brust, von der er die Kleider gerissen, dem Sturm bietend, der ihm entgegenbrauste.

Und durch den brausenden Sturm zitterte eine Menschenstimme: Hilfe! Hilfe!

Hörte er nur draußen, was in ihm schrie?

Aber da – auf dem Hofe – war das nicht Grollmann, der mit erhobenen Händen aus der offenen Tür von Justus' Atelier nach dem Hause zu stürzte? und Hilfe! Hilfe! klang es jetzt deutlich an sein Ohr!

Das arme Mädchen! – Ist es Cilli? rief er hinab.

Grollmann hatte es nicht gehört und lief in das Haus; Onkel Ernst eilte aus dem Zimmer.

Stützen Sie sich nur fest auf meinen Arm, Fräulein, hatte Grollmann gesagt, als er Cilli in der Tür in Empfang genommen.

Er hätte für sein Leben gern gewußt, was sie drinnen so lange mit dem Herrn verhandelt; aber sie war so entsetzlich bleich, und ihr Atem ging so schnell und stockte dann wieder – er hatte nicht das Herz, sie zu fragen, und wenn sie die Antwort auch nur ein Wort gekostet hätte. Und dann, als sie auf dem ersten Absatz angekommen waren und sie nun trotz alledem stillstehen mußte, hatte sie ihm kaum fühlbar – es war wohl alles, was sie konnte – seine Hand gedrückt und ihm zugelächelt. Das ist ja auch eine Antwort, dachte der Alte, und laut sagte er:

Nun sprechen Sie nur kein Sterbenswort nicht, Fräulein Cilli, und, wenn ich Sie tragen soll, nicken Sie nur; ich bin ein alter Kerl, und Sie könnten gut mein Enkelkind sein.

Sie hatte wieder gelächelt und mit dem Kopf geschüttelt; aber er hatte sie doch beinahe die Treppe hinab und die Strecke über den Hof weg bis in den schmalen Gang zwischen dem Garten und dem Nebenhause getragen, und sie waren eben vor der kleinen Hintertür nach Herrn Anders' Atelier.

Hier! sagte Cilli.

Noch ein paar Schritte, sagte Grollmann.

Von dem Vater habe ich schon Abschied genommen, sagte Cilli.

Der Alte wußte nicht, was das heißen solle, und meinte, das arme Kind spräche am Ende irre; aber er hatte doch nicht den Mut, ihr weitere Vorstellungen zu machen, als sie jetzt mit einer flehenden Miene auf die kleine Tür wies, wie wenn er aufmachen solle. Er tat es; sie reichte ihm die Hand und sagte: Sie können mich nun verlassen; und Gottes Segen über Sie!

Über Sie, Fräulein! sagte Grollmann.

Er wußte aber eigentlich nicht, was er sagte, sondern verfolgte mit den Blicken – er konnte nicht fort von der Tür – die zarte Gestalt, die, manchmal die Arme für einen Moment hebend – wie ein Vögelchen, das fliegen möchte – meinte Grollmann – zwischen all den Postamenten und Figuren und den tausend Dingen, mit denen das Atelier angefüllt war – hindurchschritt, als wenn sie wahrhaftig sehen könnte, meinte Grollmann.

In der Nähe des einen der beiden hohen Fenster, da, wo Herr Anders selbst zu arbeiten pflegte, stand auf einem niedrigeren Postamente eine Büste aus weißem Marmor. Es war das Bild der Braut von Herrn Anders; Grollmann, der nun schon so viele Jahre dem Künstlertreiben zugesehen und ein halber Kenner war, hatte seine Freude an dem Bilde gehabt, wie es mit jedem Tage ähnlicher und immer ähnlicher wurde – ordentlich zum Greifen, hatte Grollmann gesagt.

Auf das Bild war sie zugegangen und war davor stehen geblieben – Grollmann glaubte erst, weil sie nicht weiter konnte und sich ein wenig ausruhen wollte, denn sie hatte sich, wie jemand, der sonst fallen würde, daran gelehnt – und hatte die Hände erhoben und das Bild gestreichelt – die Hände waren so weiß gewesen wie der Marmor – und hatte ihm zugewinkt, – gerade als ob sie mit dem Bilde spräche – und hatte es geküßt, – als ob's ein lebendiger Mensch wäre – und hatte sich auf den Schemel gesetzt, der dabei stand und auf den Herr Anders sich zu stellen pflegte, wenn er nicht zu seinen Figuren hinaufreichen konnte, – und hatte den Kopf an das Postament gelehnt und sich nicht weiter geregt.

Das arme Kind! sagte Grollmann, sie wird einschlafen und sich auf den Tod erkälten; es ist jetzt schon ganz kalt; und vor zwei, wenn die Herren wiederkommen, wird nicht wieder eingeheizt; ich werde sie doch wohl hinauf bringen müssen.

So war er denn in das Atelier eingetreten und auf sie zugegangen, ganz leise; es war eigentlich nicht nötig, denn er war entschlossen gewesen, sie zu wecken, wenn sie eingeschlafen sein sollte; aber je näher er kam, desto leiser ging er.

Und nun stand er bei ihr.

Das arme Ding, dachte er bei sich; sie schläft wahrhaftig schon mit halbgeschlossenen Augen, und wie freundlich sie lächelt? es ist ein Jammer, daß ich sie wecken soll; wenn ich ihr einen Mantel, oder – da liegt ja so was wie eine Decke.

Grollmann tat einen Schritt und stieß an ein Trittbrett – das klappte in die Höhe; es gab ein lautes Geräusch. Ärgerlich wandte sich der Alte; er hatte sie gewiß aufgeweckt! Aber die Augen waren noch immer halb geschlossen, und sie lächelte wie vorhin.

Das ist doch sonderbar, dachte Grollmann und beugte sich tiefer über die Schläferin, und richtete sich wieder auf – an allen Gliedern zitternd – und lief, so schnell ihn seine alten Beine tragen wollten, aus dem Atelier nach dem Wohnhause hinter Fräulein Rikchen her, die er eben da hineingehen sah, und rief in seiner sinnlosen Angst: Fräulein Rikchen, Fräulein Rikchen! Hilfe! Hilfe! während er sich doch selber sagte, daß da nichts mehr zu helfen war.

Noch bevor er aber die gute Dame erreichen und ihr die Schreckenskunde mitteilen konnte, waren von der andern Seite durch die große Tür Justus und Mieting in das Atelier getreten.

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