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Sturmflut. Zweite Abteilung

Friedrich Spielhagen: Sturmflut. Zweite Abteilung - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleSturmflut. Zweite Abteilung
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
printrun33.-34. Auflage
year1913
firstpub1877
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141027
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Sechstes Buch

Erstes Kapitel

Ist Friedrich noch immer nicht zurück?

Nein, Herr General.

August, der den Drücker bereits in der Hand hatte, wollte eben wieder zur Tür hinaus.

Einen Augenblick! sagte der General.

August gehorsamte mit einem sehr verlegenen Gesicht; der General war so dicht an ihn herangetreten, dazu hatte seine Miene, wie August, für einen Moment scheu aufblickend, sich überzeugte, nichts Zorniges, aber so was Eigenes; und die tiefe Stimme klang gar nicht befehlend, aber so sonderbar, meinte August.

Es liegt mir sehr viel daran, zu wissen, wo mein Sohn in diesem Augenblicke ist; Friedrich kommt vielleicht so bald nicht wieder, und ich verliere eine kostbare Zeit. Du kannst mir nicht sagen, wohin Friedrich die Sachen hat bringen müssen?

Der treue Mensch zitterte, auf dem breiten, ehrlichen Gesicht zuckte es; er war dem Weinen nahe; nur mit Anstrengung brachte er heraus: Ja, Herr General; Friedrich hat es mir gesagt, und er hat ja auch schon ein paarmal, wenn der Herr Leutnant nicht zu Hause gekommen sein werden, am andern Morgen Sachen hinbringen müssen: sie heißt Fräulein Bertalde und wird in der ... Straße wohnen, und wird ja wohl – mit Respekt zu sagen – eine von denen sein –

Es ist gut! sagte der General, du brauchst mir Friedrich hernach nicht mehr zu schicken. Es ist möglich, daß du einige Wege zu gehen hast; halte dich also bereit!

Werden der Herr General zum Frühstück –

Ich frühstücke heute nicht.

Das gnädige Fräulein Schwester wollte schon vorhin zum Herrn General – darf sie vielleicht jetzt?

Es tut mir leid – ich bin sehr beschäftigt – sage das meiner Schwester!

Der General hatte sich in das Zimmer gewandt; August wollte in seiner Herzensangst sagen: Wenn doch nur wenigstens unser junges Fräulein hier wäre! Aber er wagte es nicht und schlich hinaus.

Also das eine wäre schon richtig, murmelte der General – so wird es ja das andere auch wohl sein.

Er war an seinen Arbeitstisch getreten, auf dem ein Brief, den vor einer Viertelstunde Herr von Wallbach durch seinen Diener gesandt hatte, offen lag. Vornübergebeugt, die Hand auf den Tisch stemmend, in dumpfer Betäubung, mechanisch fast las er ihn noch einmal, richtete sich dann mit einem tiefen Atemzuge auf und fuhr sich über die buschigen Brauen, als wolle er das Furchtbare, was er da eben gelesen, aus seiner Seele wegwischen, wie einen bösen Traum. Nicht bloß, was er gelesen! zwischen den Zeilen flirrten und wirrten unheimliche Dinge, die er selbst, während er las, hineingeschrieben, eben wie in einem bösen Traum das eigentlich Entsetzliche nicht die Bilder sind, die an der geängsteten Phantasie vorüberziehen, sondern die Erwartung des Grauenvollen, das demnächst kommen wird. Und doch! was konnte noch kommen, nachdem man die Verbindung mit der Familie Werben als unehrenhaft zurückgewiesen! nachdem man einem Werben die Satisfaktion verweigert!

An den letzteren Punkt, als an den greifbarsten, klammerten sich die hin und her wogenden Gedanken des unglücklichen Mannes.

Eine Verlobung, die zurückgeht – das war schon oft dagewesen und mochte wieder geschehen; ja, es war eine Bagatelle, ein Nichts, sobald nur die Ehre gerettet war, sobald Ottomar mit seinem Leben für seine unangreifbare Ehre eintreten konnte. Warum sollte sich nicht Wallbachs Feigheit – er hatte den Mann immer für einen Feigling gehalten – hinter Ottomars Verlegenheiten verstecken, die »eine Höhe erreicht und einen Charakter angenommen, und es als mindestens zweifelhaft erscheinen ließen, ob Herr von Werben noch als Offizier und Gentleman, ja nur vom Standpunkte bürgerlicher Ehrenhaftigkeit satisfaktionsfähig sei«. Dies mußte aus dem Wege! Er hatte geglaubt, es sei seit jener letzten Affäre, als er im Herbst die an ihn eingelieferten Wechsel bezahlte, alles geordnet, weil ihm eben keine Wechsel mehr präsentiert wurden – er hatte sich geirrt, gröblich geirrt: Ottomar hatte in seiner Not wieder Wechselschulden gemacht – er war ja selbst die Veranlassung, daß Ottomar in diese Not geriet! – weshalb hatte er ihm damals so schroff jede weitere Unterstützung verweigert? mußte er sich nicht sagen, daß dergleichen verwickelte Lagen sich niemals auf einmal lösen lassen? daß, wenn die wahren Freunde ihre Unterstützung versagen, der Geängstete sich an falsche Freunde wendet, die seine mißliche Lage rücksichtslos ausbeuten, wie es offenbar hier der Fall gewesen war? Gleichviel! gleichviel! es sollte alles vergeben, alles vergessen sein, wenn Ottomar ihm nur wieder vertrauen, ihm nur erlauben wollte, für ihn auch diesmal zu bezahlen, wie er es so oft getan! – Freilich; würde er es können? Sein ganzes Vermögen, alles in allem, betrug etwa noch zehntausend Taler. Vielleicht reichte es nicht; vielleicht würde man noch einmal so viel dazu schaffen müssen, es würde sich, es mußte sich schaffen lassen – es mußte! Offenbar hatte sich Ottomar die Schärpe durch den Burschen bringen lassen, um dem Oberst die vorschriftsmäßige Meldung von dem, was ihm begegnet war, zu machen. Herr von Bohl würde unzweifelhaft verlangen, daß die Schuldenangelegenheit geordnet werden und geordnet sein müßte, bevor er die Sache vor den Ehrenrat brächte. Er selbst würde sich dann in vollem Umfange für Ottomars Schuld verbürgen; der alte Freund würde diesmal – noch einmal! ein Auge zudrücken und die Bürgschaft annehmen, die Sache so lange ruhen zu lassen, bis alles geordnet. Wenn Ottomar sich nur nicht jetzt, jetzt noch zu Schritten hinreißen ließ – darauf bezog sich offenbar die betreffende dunkle Stelle in Wollbachs Brief – was sonst konnte der Mann meinen? – Schritten, die das Arrangement der Angelegenheit nur erschweren konnten: Offizierswechsel zu unerschwinglichen Wucherzinsen – für Ottomar ja leider ein schon oft betretener Ausweg! Der Umstand, daß er sich mit der Schärpe auch einen Zivilanzug hatte kommen lassen, schien auf die Ausführung solcher Absichten hinzudeuten. Es war kein Augenblick zu verlieren! er hatte in der ersten Betäubung bereits zu viele verloren!

Der General riß an der Klingel; er selbst war heute morgen, wie jetzt häufig, nachdem er seinen Abschied genommen, in Zivil; er wollte die Uniform anziehen. Es würde wieder ein paar Minuten kosten; aber er fühlte sich immer unsicher, wenn er die Uniform nicht anhatte – er durfte sich heute nicht unsicher fühlen. Er wollte, da August länger als nötig ausblieb, nachdem er zum zweitenmal geklingelt, sich eben in sein Schlafgemach begeben, als an die Tür gepocht wurde und auf sein ärgerliches Herein der Hauptmann von Schönau in das Zimmer trat.

Verzeihen Sie, Herr General, sagte Schönau, wenn ich unangemeldet eintrete; ich fand den Diener nicht draußen, und was mich herbringt, duldet nicht den mindesten Aufschub.

Das Gepräge klarster Ruhe und energischer Konzentration, das das feingeschnittene Gesicht des Hauptmanns für gewöhnlich zeigte, hatte dem Ausdruck tiefster Sorge und Bekümmernis Platz gemacht.

Sie kommen in Ottomars Angelegenheit? sagte der General, seinen Schrecken bemeisternd und dem Hauptmann die Hand entgegenstreckend.

Ja, Herr General; und ich bitte, ich beschwöre Sie, mir jede Aufklärung zu erlassen, wie ich in den Besitz meiner Wissenschaft von dem Stande der Angelegenheit gelangt bin. Er ist aber so, daß ohne allen und jeden Verzug, und bevor die Sache noch zu Herrn von Böhls Kenntnis gelangt, Ottomars heute fällige und bei einem hiesigen Bankier, dessen Adresse ich kenne, domilizierte Wechsel bezahlt werden müssen. Ich kenne auch die Summe, um die es sich handelt; sie ist sehr bedeutend, so bedeutend, daß, soviel ich weiß, weder Sie allein, Herr General, noch ich allein sie decken könnten; aber es ist möglich, daß wir beide zusammen dazu imstande sind, wenn Sie, woran ich nicht zweifle, mir alles, worüber Sie verfügen können, zur Disposition stellen und mir erlauben wollen, weiter die Angelegenheit, als wäre sie die meine, in die Hand zu nehmen und zu arrangieren.

Schönau hatte bei aller Bestimmtheit mit fliegender Eile gesprochen; dem General war kein Zweifel, daß die Gedanken des Hauptmanns in derselben Richtung, wie die seinigen, arbeiteten: es könne jede Verzögerung, sobald und solange Ottomar sich selbst überlassen bliebe und sich in seiner gewohnten Weise zu retten versuchte, die Situation nur erschweren, die Schwierigkeit selbst für den besten Willen der Freunde unüberwindlich machen. Wie schmerzlich auch sein Stolz unter dem Bewußtsein, die hereindrängende Gefahr nicht aus eigenen Kräften abwehren zu können, blutete – er war, noch während Schönau sprach, entschlossen, die ihm so großmütig dargereichte Hilfe anzunehmen, vorausgesetzt, daß es eine Möglichkeit war, die Schuld, die er einging, zurückzuzahlen. Er sagte das in den kürzesten Worten, indem er zugleich den Stand seines Barvermögens angab und die Summe nannte, die im besten Falle auf den Anteil, den er noch an seinem Hause hatte, zu leihen sein möchte. – Wird das genügen? fragte er, und für wie viel werde ich Ihnen verpflichtet sein?

Es wird genügen, sagte Schönau, ich bitte nur um eine Zeile an Ihren Bankier, die mir plein pouvoir gibt.

Sie haben mir auf meine letzte Frage nicht geantwortet, sagte der General, während er mit hastiger Feder das Verlangte schrieb.

Ich bitte, mir eine Antwort zu erlassen, erwiderte Schönau; es genüge Ihnen, daß der Rest meine Mittel nicht überschreitet und daß es für mich ein Stolz und eine Ehre ist, Ihnen und – Ihrer Familie dienen zu können.

Die feste klare Stimme des Mannes zitterte, als er die letzten Worte sprach. Dem General, der noch schrieb, fuhr durch den Kopf, daß unter den Vertrauten des Hauses im Scherz Schönaus und Elses Namen gern zusammen genannt wurden und man scherzend bedauerte, es nicht im Ernst tun zu können, da die beiden viel zu gute Freunde seien, um jemals Liebe füreinander zu empfinden. Sollte er, der nicht ohne ein gewisses Bedauern diese Ansicht geteilt hatte, sich geirrt haben? sollte Schönau – es tat ja seiner Großmut keinen Abbruch! – seine Hilfe weniger dem Vater des Freundes, als dem des Mädchens, das er liebte, entgegentragen?

In der gewaltsamen Erregung der Seele hatte er, diesen Gedanken zu formen, kaum mehr Zeit gebraucht, als die Hand brauchte, um von dem Ende der einen Zeile zum Anfang der nächsten zu gelangen; und so, unter der Gewalt der plötzlichen Überlegung, setzte er mitten im Schreiben ab und blickte zu Schönau, der neben ihm stand, auf.

Ein wehmütiges Lächeln zuckte um des Hauptmanns festgeschlossenen Mund: Schreiben Sie, Herr General, sagte er: ich verlange, ich erwarte wahrlich nichts, als die Fortdauer Ihrer Freundschaft und – die der Ihrigen.

Der General preßte die Lippen zusammen und schrieb weiter. Es war bitter, sehr bitter, daß er aus den vollen Händen des großherzigen Mannes nehmen und nur nehmen sollte in seine bettlerleeren Hände – es war zu bitter!

Eine Wolke flirrte ihm vor den Augen: er mußte absetzen.

Es fehlt nur noch die Unterschrift, mahnte Schönau, sich über seine Schulter beugend.

Ich kann es nicht, Schönau! sagte der General.

Ich flehe Sie an, rief der Hauptmann, es hängt Tod und Leben – o, mein Gott!

Von einem Geräusch an der Tür aufgeschreckt, hatte er, sich wendend, den Oberst von Bohl in das Zimmer treten sehen; – es ist zu spät! murmelte Schönau, und dann, mit einem verzweifelten Versuch, zu retten, wo doch alles verloren war. Ihre Unterschrift, Herr General!

Aber schon hatte auch der General sich in dem Stuhle gewandt und den Oberst bemerkt: Ottomar war bereits bei ihm gewesen, hatte alles gemeldet, die Angelegenheit konnte jetzt ohne den Regimentschef nicht weiter geführt werden.

Des Obersten immer strenges, soldatisches Gesicht trug den Stempel feierlichen Ernstes. Er sagte, nachdem er sich mit kurzen Worten über sein Eindringen entschuldigt: Sie sind so freundlich, lieber Schönau, mir Ihren Platz abzutreten. Ich habe dem Herrn General Mitteilungen zu machen, die keinen Aufschub dulden und die ich ohne Zeugen machen muß.

Auf Schönaus Lippen zuckte ein Wort; aber er sprach es nicht aus, sondern verbeugte sich und sagte: Zu Befehl, Herr Oberst! und dann, zum General gewandt: ich bitte um die Erlaubnis, Ihrem Fräulein Schwester unterdessen meine Aufwartung machen zu dürfen; und – nach einer kleinen Pause: – im Falle den Herren dennoch meine Gegenwart wünschenswert wäre: ich glaube, daß meine Visite bei dem gnädigen Fräulein sich in die Länge ziehen wird.

Er verbeugte sich noch einmal und ging. Der General blickte ihm mit starren, angsterfüllten Augen nach. Offenbar bestand zwischen Schönau und dem Oberst, ohne daß sie sich zuvor besprochen haben konnten, ein Einverständnis; offenbar wußten beide etwas, daß Schönau vorhin nicht gesagt hatte und der Oberst jetzt zu sagen gekommen war. Ein Schauder überrieselte ihn, wie vorhin, als er Wallbachs Brief aus der Hand legte; wieder überkam ihn jenes herzbeklemmende Grauen, nur daß es jetzt nicht mehr auf der Schwelle lauerte, nur daß es jetzt an ihn herangetreten war in der Gestalt des eisernen Offiziers, in dem er, wenn er ihm auch gemütlich niemals näher getreten, stets das Muster eines Soldaten nach seinem Herzen gesehen und verehrt hatte.

Die Tür hatte sich hinter Schönau geschlossen.

Ich weiß alles! rief der General und sagte sich in demselben Augenblick, daß er eine Unwahrheit spreche.

Der Oberst schüttelte den Kopf: Sie wissen nicht alles, Herr General; Schönau hat es Ihnen nicht sagen können, oder, wie ich fast aus seiner Miene schließe: nicht sagen wollen.

So bin ich auf alles gefaßt, sagte der General mit tonloser Stimme.

Und wieder schüttelte der Oberst den Kopf: Ich wünsche es, obgleich ich es für unmöglich halte; machen Sie sich auf das Schlimmste gefaßt: die Wechsel Ihres Sohnes, die heute fällig werden, sind sämtlich gefälscht.

Der General taumelte zurück, als wäre ihm eine Kugel durch die Brust geflogen. Seine Hände griffen krampfhaft in die Luft; der Oberst sprang hinzu, ihn vor dem Fallen zu bewahren. Mit einer furchtbaren Anstrengung raffte sich der unglückliche Mann zusammen, bevor ihn der andere noch berührt hatte, und stammelte: Ich – ich danke Ihnen – es ist schon vorüber – es ist –

Er konnte nicht weiter sprechen, er konnte sich nicht länger halten; er sank in den Stuhl, die hämmernden Schläfen in die kalten Hände pressend, mit blutlosen Lippen murmelnd: Alles, alles vorbei – vorbei!

Der Oberst, der selbst nur mit äußerster Mühe seine Fassung bewahrte, zog sich einen Stuhl heran und sagte: es ist fürchterlich, ich habe nicht einmal Trostworte, denn ich weiß nur zu wohl: Sie werden den Umstand, daß es Ihr Name, der Name des Vaters ist, an dem und vermittelst dessen die Fälschung ausgeführt ward, nicht als Milderungsgrund gelten lassen.

Sie haben recht, vollkommen recht, sagte der General, – das ist in der Tat irrelevant, gänzlich irrelevant.

Hatte er ihn verstanden? wußte er, was er sprach? – Der Oberst, der seinen Blick unverwandt auf den General gerichtet hielt, zweifelte fast daran; die dunklen, sonst so festen Augen starrten ausdrucksvoll ins Leere; die sonst so markige, tiefe Stimme klang rauh und blechern, wie eines Wahnsinnigen; der Oberst glaubte, es werde das Beste sein, wenn er ihn durch eine Relation der Angelegenheit wieder zum Bewußtsein wenigstens der Wirklichkeit, sie mochte noch so grausam sein, zurückrief.

So berichtete er nun in seiner knappen Weise: Ottomar hatte sich gegen zehn Uhr bei ihm melden lassen und, sogleich vorgelassen, mit der Apathie gänzlicher, hoffnungsloser Verzweiflung gemeldet, daß er heute morgen Herrn von Wallbach gewisser Gerüchte wegen, die über sein Verhältnis zu Fräulein Ferdinande Schmidt einerseits, und Fräulein von Wallbachs Beziehungen zu dem Grafen Golm andrerseits in der Gesellschaft zirkulierten und nur von Herrn von Wallbach hätten herrühren können, durch Herrn von Laßberg auf Pistolen habe fordern lassen; Herr von Wallbach, ohne sich auf die Wahrheit oder Unwahrheit jener Gerüchte oder über seine Beteiligung an der Verbreitung irgend weiter einzulassen, habe Satisfaktion refüsiert, bis Herr von Werben sich von dem zirkulierenden Verdacht, in letzter Zeit bei seinen Geldangelegenheiten zu unlautern Mitteln gegriffen zu haben, gereinigt. Selbstverständlich werde er – Herr von Wallbach – für diese ehrenrührige Insinuation, falls sie sich nicht bewahrheiten sollte, Genugtuung leisten.

Herr von Wallbach, fuhr der Oberst fort, war seiner Sache leider nur zu sicher. Sein Gewährsmann nämlich, dessen Namen er aus, ich weiß nicht welchen Rücksichten auch gegen Herrn von Laßberg verschwiegen, konnte – nach der Versicherung Ihres Sohnes – niemand gewesen sein, als eben der, mit dessen Hilfe die unglückselige Manipulation ins Werk gesetzt worden: ein Herr, dessen Name, wenn ich mich recht erinnere, letzter Zeit in dem Wallbachschen Kreise vielfach genannt wurde, – Herr Giraldi.

Unmöglich! rief der General, das – das konnte mein Sohn nicht – unmöglich –

Verzeihen Sie, Herr General, sagte der Oberst, ich folge in meiner Relation ganz genau der, wie ich überzeugt bin, durchaus objektiven Darstellung der Tatsachen, wie ich sie aus dem Munde Ihres Sohnes habe. Darnach hat jener Herr Giraldi vom ersten Augenblicke ihrer Bekanntschaft das lebhafteste Interesse für Ihren Sohn an den Tag gelegt. Herr von Werben deutete auch an, daß Herr Giraldi seine Leidenschaft für die genannte Dame gekannt und gefördert habe; doch hat er sich über diesen Punkt nicht weiter ausgesprochen, nur hinzugefügt, wie jene, nach seiner Annahme, ebenfalls verräterischen Bemühungen gänzlich erfolglos gewesen seien.

Ich muß auch bereits jetzt schon annehmen, trotzdem Herrn von Werbens Angaben bei seiner Aufregung hier und da der wünschenswertesten Genauigkeit ermangelten, daß er in Beziehung der Geldangelegenheiten nicht minder das schuldig unschuldige Opfer eines Verführers geworden ist, der die Arglosigkeit des blind Vertrauenden zu Zwecken, die sich meiner Kenntnis entziehen, mitleidslos ausgebeutet hat. Es scheint, daß der Verführer Herrn von Werben, als bequemstes Mittel, seine Verbindlichkeiten los zu werden, die Spekulation an der Börse – selbstverständlich unter anderm Namen – empfahl; daß er ihn zu dem verwegensten Differenzspiel verlockte, ihn auch anfänglich ein paarmal gewinnen ließ, bis dann plötzlich die Karten gegen ihn schlugen – und immer mehr gegen ihn, und dann – wie gewöhnlich – Wechsel gegeben werden mußten, die anfangs Ihres Sohnes und später, als die Summen immer größer wurden, Ihr Akzept, Herr General, fälschlicherweise trugen, mit Zuhilfenahme des Kredites, dessen sich Herr Giraldi erfreute, wenn er auch, wie er vorgab, ohne alle und jede verfügbaren Mittel sei. Die Wechsel waren, damit sie nicht vor der Zeit in Ihre Hände gelangten, im Anfang bei verschiedenen Bankiers, zuletzt bei einem einzigen, dessen Namen mir leider entfallen, domiziliert; Herr Giraldi sorgte an den Verfalltagen regelmäßig für Deckung, hat natürlich auch heute, wo die ungeheure Summe von zwanzigtausend Talern fällig ist, für Deckung zu sorgen versprochen. Herr von Werbens erster Gang war selbstverständlich, sobald er Herrn von Wallbachs Antwort erfahren, in das Hotel des Herrn Giraldi: Herr Giraldi war in der Nacht abgereist. Es scheint, daß Herr von Werben von diesem Augenblicke an seine Sache verloren gegeben hat. Herr Giraldi hatte ihm, wie sich denken läßt, auf das Bestimmteste versprochen, ihn zu dieser Stunde zu erwarten; er hatte jetzt, so behaupteten die Leute im Hotel – nicht einmal das Ziel seiner Reise angegeben; erst nachdem Herr von Werben den Portier, dessen Benehmen seinen Verdacht erregt, durch eine namhafte Summe bestochen, erfuhr er von dem Menschen, daß Herr Giraldi nach Warnow gereist sei, wohin ihm auch inzwischen einlaufende Briefe nachgesandt werden sollten. Verzweiflung im Herzen, eilt er zu dem Bankier, um zu erfahren, was er zu hören erwarten muß: daß Herr von Giraldi keinerlei Dispositionen zur Deckung der übrigens noch nicht präsentierten Wechsel getroffen, im Gegenteil von der sehr großen Summe, – wenn ich nicht irre: eine halbe Million, – die er bei dem Hause stehen gehabt, gestern nachmittag den Rest abgezogen habe. Eine halbe Stunde später ist Herr von Werben bei mir.

Der Oberst schwieg; er konnte den Anblick des Generals, der immer noch, einem Wahnsinnigen gleich, vor sich hinstarrte, nicht länger ertragen. Worüber brütete der Mann? Unzweifelhaft über das letzte Ende der Geschichte, und unzweifelhaft war es dasselbe kurze blutige Ende, das er im Innersten seines Herzens für unabweislich hielt. Aber es war der Vater! er hatte das doch so recht nicht bedacht. Er hatte vorhin keine Milderungsgründe gelten lassen wollen; jetzt wühlte es in seiner Seele nach solchen Gründen, nach einem herzlichen Trostesworte nur, an das er selbst hätte glauben können.

Er fand keines.

Wollen wir nicht Schönau wieder kommen lassen? sagte er.

Der General hob die starren Augen; er wußte offenbar nicht, wie der Oberst zu der Frage kam: er hatte vermutlich ganz vergessen, daß der Hauptmann noch im Hause war.

Der Oberst wartete die Antwort des Generals nicht ab, klingelte selbst und hieß August, der alsbald erschien – er hatte vorhin in der Küche seinem Jammer gegen die alte Köchin Luft gemacht – Herrn von Schönau zu rufen.

Der Hauptmann hatte unterdessen die qualvollste halbe Stunde verlebt. In der fürchterlichen Gewißheit, daß er zu spät gekommen war, daß Ottomar verloren sei, nachdem er seinen Regimentschef offiziell von seinem Vergehen in Kenntnis gesetzt und dieser wiederum, wie er nach seiner Sinnesart und seinen Begriffen von Standesehre auch gar nicht anders konnte, den Vater mit dem Vorgefallenen bekannt gemacht; – in der erdrückenden Sorge, die sich von Minute zu Minute steigerte und endlich zu namenloser Angst wuchs: daß jetzt – jetzt – in diesem Augenblick geschehen könne, vielleicht schon geschehen sei, was, wenn es geschah, von ihm so hochverehrte, geliebte Menschen in namenlosen Jammer stürzen mußte – in dieser grauenhaften Seelenstimmung hatte er sich mit dem gutmütigen, ahnungslosen, geschwätzigen alten Fräulein über gleichgültige, ja abgeschmackte Dinge unterhalten.

Als Schönau eintrat, fand er die beiden Herren in stummem Hinbrüten; er wagte, nachdem er auf einen Wink des Obersten Platz genommen, als der Jüngste, nicht, das unheimliche Schweigen zu brechen. Endlich hob der General das Haupt; er erschien dem Hauptmann um Jahre gealtert; die Stimme war matt und tonlos – greisenhaft.

Sie wußten, Herr Hauptmann, was – wessen sich –

Die Worte rangen sich nur mühsam aus der Kehle.

Ja, Herr General, sagte Schönau. Herr von Wallbach war heute morgen bei mir in der ausgesprochenen Absicht, seine Handlungsweise in den Augen der Freunde Ottomars und des Hauses zu rechtfertigen. Er spielte offenbar ein klüglich vorbereitetes Spiel. Denn während er jeden Ausdruck, der Ottomar direkt beschuldigt haben würde, auf das geflissentlichste vermied, hörte ich deutlich aus jedem seiner Worte heraus, daß er seiner Sache vollkommen sicher war, daß Herr Giraldi ihn in die intimsten Details der unglückseligen Angelegenheit eingeweiht hatte. Von ihm erfuhr ich auch die Summe, um die es sich handelte, und den Namen des Bankiers, bei dem die Wechsel domiziliert sein sollten und der zufällig der Bankier meines Onkels ist, mir selbst persönlich infolge von Geschäften, die ich für meinen Onkel bei ihm zu besorgen hatte, bekannt: Herr Haselow und Kompagnie. Ich eilte sofort dorthin – ich kam bereits zu spät: Ottomar war eben dagewesen. Ich bedaure, sagen zu müssen, daß seine nur zu erklärliche Aufregung, seine wirren Fragen die Herren mindestens stutzig gemacht hatten, bin indessen überzeugt, diese Mißstimmung beseitigt zu haben, als ich – ich mußte, wie die Dinge lagen, mir diese Freiheit nehmen, Herr General – es als ganz zweifellos hinstellte, daß für die einlaufenden Wechsel bis heute abend Deckung eingehen werde. Ich wollte dann, wenn ich mit Ihrer Hilfe, Herr General, das Geld aufgebracht, die Wechsel bezahlen, und –

Der Hauptmann stockte.

Einen Betrüger seiner gerechten Strafe entziehen, sagte der General, ohne aufzublicken.

Einem Mann, den ich über alles verehre, einen unverdienten Schmerz ersparen, erwiderte der Hauptmann.

Das involviert einen Vorwurf für mich, Herr Hauptmann! sagte der Oberst, die Stirn runzelnd.

Verzeihen Sie, Herr Oberst, wenn ich mir zu widersprechen erlaube. Ich hatte hier kein Offizium, als das der Freundschaft. Der Herr Oberst hatte eine dienstliche Meldung erhalten, von der Sie Notiz nehmen mußten, um so mehr, als Ihnen der Gedanke an die Möglichkeit eines Arrangements nicht so nahe lag, wie mir, und auch nicht liegen konnte.

Das heißt, wenn ich Sie recht verstehe: Sie würden, sobald das Arrangement zustande gekommen, die Angelegenheit für abgetan gehalten haben? Ich gestehe, mich, so schmerzlich es für mich ist, in diese Auffassung nicht wohl finden zu können.

Ich muß abermals um Entschuldigung bitten: ich habe das nicht sagen wollen.

Es wäre mir ganz besonders lieb, Herr Hauptmann, wenn Sie mir in Gegenwart des Herrn Generals Ihre Ansicht ohne Rückhalt mitteilten.

Sie verbinden mich durch diese Erlaubnis, Herr Oberst: es drehte sich für mich alles darum, daß der Herr General und seine Familie, wie sie es in so vollem Maße verdienen, möglichst geschont würden. Das implizierte allerdings auch die Schonung meines Freundes bis zu einem gewissen Grade. Das heißt: die Wechsel mußten, was ich mit des Herrn Generals Hilfe ausführen zu können hoffte, bezahlt und als des Herrn Generals Wechsel bezahlt werden. Ich würde dann natürlich darauf bestanden haben, daß der Unglückliche sofort unter einem Vorwande, der sich ja leicht geboten hätte, seinen Abschied nahm und sich gänzlich in das Privatleben zurückzog.

Schönau hatte die klugen Augen bittend auf den Oberst geheftet, der wiederum keinen Blick von dem Redenden verwandte. Jetzt erst verstand er ihn: der Hauptmann hatte, indem er seine Auffassung darlegte, zugleich die Linie angedeutet, von der er wünschte, daß der Regimentschef sie, wenn nicht für seine Auffassung, so doch für sein weiteres Vorgehen befolgte und innehielte. Die Sache hatte freilich auch noch so ihr sehr Bedenkliches – der Oberst fühlte und wußte es wohl; aber der Anblick des zerschmetterten ehrwürdigen Mannes da vor ihm, die Erinnerung an Ottomars tausendfältig vor dem Feinde bewiesene Bravour und was sich nicht noch an teurem und liebem Gedenken und mitleidigen Empfindungen in seiner Seele kreuzte – alles sagte ihm, daß er bereits bis zum Äußersten gegangen sei, daß er nicht weiter gehen könne, daß er auch seinerseits, trotzdem die wohlerkannte Pflicht Einspruch tat, das vom Hauptmann ihm zugespielte Kompromiß zu akzeptieren, sich wenigstens enthalten müsse, die entgegenstehenden Gründe geltend zu machen.

Ich danke Ihnen, Herr Hauptmann, sagte er, und hoffe, daß die so überaus betrübende Angelegenheit auch in dienstlicher Beziehung auf die von Ihnen angedeutete Weise ihren Abschluß finden kann. Ich freue mich in diesem Sinne, daß ich – ich gestehe: in der ersten Erschütterung und Verlegenheit über das, was zunächst geschehen müsse – Herrn von Werben einen Urlaub von drei Tagen bewilligt habe, um den er selbst mich bat zur Arrangierung gewisser Angelegenheiten, die er mir nicht näher bezeichnete, wie er denn auch das Ziel der kleinen Reise, die er zu diesem Zwecke machen müsse, nicht angab. Es mag dieser Urlaub die schickliche Einleitung zu seinem Entlassungsgesuch sein, das er zugleich mit seiner Meldung einzureichen haben würde und das ich allerhöchsten Ortes zu befürworten mich anheischig mache. Ich setze dabei voraus, daß die Wechselangelegenheit in der von dem Herrn Hauptmann angegebenen Weise inzwischen arrangiert ist. Schönau warf dem Oberst einen dankbaren Blick zu und erhob sich. Er wollte das über alles Erwarten günstige Resultat, das die Unterredung gehabt hatte, nicht wieder aufs Spiel setzen und wußte nur zu gut, daß jedes Wort, das noch gesprochen würde, dahin führen könne; ja, führen müsse.

Ich habe bereits meine Dienststunde versäumt, sagte er, und muß notwendig nach dem Generalstabsgebäude, meinen Chef um Urlaub für heute zu bitten. Ich werde dann sofort die Wechselangelegenheit erledigen, wenn der Herr General die Güte haben will, mich dazu zu autorisieren, und dann – mit der Erlaubnis der Herren – Herrn von Werben, den ich finden zu können glaube, von dem, was hier beschlossen, Mitteilung bringen. Darf ich bitten, Herr General? – und Schönau machte eine Handbewegung nach dem Tisch, auf dem die ununterzeichnete Vollmacht lag.

Auch der Oberst hatte sich erhoben.

Einen Augenblick noch, meine Herren, sagte der General.

Er war an den Tisch getreten, nahm das Blatt und riß es in zwei Stücke, die er in den Papierkorb fallen ließ.

Er hatte es ohne sichtbare Aufregung, ja, ohne scheinbar an die Anwesenden dabei zu denken, getan, wie jemand, der allein in seinem Arbeitszimmer ist, einen wertlos gewordenen Brief zerreißt und wegwirft. Der Hauptmann bebte zusammen vor dem knisternden Geräusch, wie ein mitleidiger Richter, wenn der Stab über dem Verurteilten gebrochen wird.

Ich danke Ihnen, meine Herren, fuhr der General fort – und er schien seine ganze Selbstbeherrschung wiedergewonnen zu haben: Ihnen, Herr Oberst, für die humane Gesinnung, die Sie dem Sohne eines anderen eine Milde beweisen läßt, die Sie dem eigenen Sohne sicher nicht erweisen würden; Ihnen, lieber Schönau, für die Liebe, mit der Sie mir nicht bloß Ihr Vermögen, sondern, wie auch der Herr Oberst, Ihre Überzeugung selbst zum Opfer bringen wollten.

Ich kann dieses Opfer nicht annehmen, meine Herren.

Eine falsche Ziffer verdirbt die Rechnung, eine falsche Annahme macht den Schluß hinfällig.

Lassen Sie den Vater die Konsequenzen ziehen, die Sie aus Freundschaft und Mitleid nicht haben ziehen mögen.

Wenn ich den Betrug meines Sohnes mit Hilfe des Herrn Hauptmanns – allein könnte ich es ja nicht einmal – auf mich nähme und also – wovor mich Gott bewahre! – erlaubte, daß jemand, der selbst nicht reich ist, wie Sie, lieber Schönau, sich für einen Betrüger zum armen Manne machte, so müßte meinem Sohn, da weiter nichts gegen ihn vorliegt, ein ehrenvoller Abschied gewährt werden. Se. Majestät, unser allergnädigster Kriegsherr, müßte die Ehrenhaftigkeit eines Mannes besiegeln, der vor Gott und seinem Gewissen – vor seinem Vater und Ihnen, meine Herren, die Sie in diesem Moment die Augen nicht aufschlagen mögen – ehrlos ist. Er könnte die, die an seiner Ehrenhaftigkeit zweifeln – und es wird ihrer genug geben – seine Feinde werden dafür sorgen – zur Rechenschaft ziehen, er, der sich sagen muß, daß sie Recht haben, daß er, indem er Satisfaktion fordert und erhält, abermals – einen Betrug verübt.

So, meine Herren, würde die eine Lüge – verzeihen Sie das Wort! – tausend neue Lügen gebären; und wir, wie wir hier sind, hätten dieses Lügengewebe angezettelt, müßten die, die sich darin verstrickten, ohne Warnung, ohne Hilfe lassen.

Das ist ein unmögliches Verhältnis, meine Herren!

Unmöglich – selbst für meinen Sohn.

Schuldbeladen, wie er ist, so ganz kann sich das Blut seiner Väter nicht in ihm verleugnen, daß er sich entschließen könnte, von der Gnade zu leben, und wäre es die seiner besten, edelmütigsten Freunde; unter dem Henkerbeil zu leben des zweideutigsten Rufes, der ihm vorausgehen, der ihm folgen würde, wohin er sich auch wende; der Verachtung, die jeder ihn, wie er nur will, fühlen lassen könnte, ohne daß er die Macht hätte, sich zu verteidigen.

Und es ist unmöglich – für mich.

Nehmen Sie an, ich wäre der Vorsitzende eines Ehrengerichts, das über den Fall zu urteilen hätte; vergessen Sie, auf einen Augenblick nur, daß ich der Vater bin – Sie würden, Sie müßten mir antworten, daß es unmöglich ist.

Ich kann es nicht vergessen! rief Schönau außer sich, ich kann es nicht!

Sie müssen es, erwiderte der General, wie es unser Herr Oberst hier bereits tut.

Der Oberst stand in bitterster Verlegenheit. Der General hatte ja unzweifelhaft recht, und er wurde auf diese Weise aus einer sehr üblen Lage erlöst; und doch! und doch!

Ich habe vorhin meinen entschiedensten Wunsch kundgegeben, die Sache zu arrangieren, ohne es bis zum äußersten kommen zu lassen, sagte er. – Ich hoffe, daß sich der Herr General vielleicht doch noch von der Möglichkeit überzeugt; wie schwierig auch, ich gebe es zu, eine solche Lösung sein mag. Inzwischen ist Herr von Werben auf Urlaub. Wechsel haben, soviel mir von früher erinnerlich – der Oberst versuchte ein Lächeln – drei Tage Respektzeit. Benutzen wir diese Vergünstigung des Gesetzes; drei Tage zählen unter Umständen viel in dem Leben eines Menschen. Wollen wir jetzt den Herrn General allein lassen, lieber Schönau?

Die beiden Herren gingen schweigend die Springbrunnenstraße hinab, vornübergebeugt, von Zeit zu Zeit die Mützen fester setzend, die ihnen der Sturm, der die Straßen herauffegte, wegzunehmen drohte. An der Ecke der Querstraße sagte Schönau: Ich muß mich von hier einer Droschke bedienen, Herr Oberst.

Sie wollen zu ihm?

Zu Befehl, Herr Oberst.

Es ist ein hoffnungsloser Fall, lieber Schönau.

Ich fürchte.

Sie bringen mir Nachricht?

Zu Befehl, Herr Oberst.

Es ist jetzt elf; ich werde bis zwei Uhr zu Hause sein.

Der Oberst drückte mit einer bei ihm ganz ungewöhnlichen Wärme dem Hauptmann die Hand, schlug den Kragen seines Paletots in die Höhe und ging die Straße weiter hinab; Schönaus Droschke fuhr rasch die Querstraße herauf.

Der General war an der Tür stehen geblieben und hörte mechanisch zu, wie ihre Schritte über die Steinfliesen des Flures, dann, an den Fenstern des Zimmers vorüber, auf der Straße sich entfernten.

Nun hörte er nichts mehr, als den Sturm, der draußen heulte. Sie waren gegangen, die Männer der lautersten Ehre, die Repräsentanten seines Standes, nachdem sie über den Ehrlosen, seines Standes Unwürdigen das Urteil gefällt hatten.

Das Urteil lautete: Tod.

Tod von seiner eigenen Hand.

Und der Vater sollte es ihm verkündigen.

Nein! das nicht: sollte es nur bestätigen, was er selbst sich ja gesprochen haben mußte; sollte nur sagen: Dein Vater billigt, was du zu tun beschlossen hast. Gott sei deiner Seele gnädig!

Er hatte die Hände gefaltet; schwere kalte Schweißtropfen standen auf seiner tief gefurchten Stirn: muß es sein? Gott, mein Gott, habe Barmherzigkeit mit mir! muß es sein?

Aber keine tröstende, erlösende Antwort kam. Dumpf alles in ihm: in seinem brennenden Kopfe, in seiner keuchenden Brust, und durch die dumpfe Stille nur das eine fürchterliche Wort: es muß sein! –

Als August auf den Ruf der Klingel in das Zimmer trat, saß der General, abgewandt, an seinem Schreibtisch, den Kopf in die Hand gestützt. Auf dem runden Tisch hinter ihm, auf den er früher die fertigen Akten zu legen Pflegte, stand ein Kasten; auf dem Kasten lag ein Brief.

August lief es kalt über den Leib – es war der Kasten, in dem der Herr die beiden schönen alten Pistolen aufbewahrte, die er von seinem Herrn Vater selig geerbt hatte und auf die er so große Stücke hielt.

Mein Sohn muß eine längere Reise unternehmen, sagte der General; – er braucht dazu meine Pistolen. In dem Brief ist der Schlüssel. Du gehst sofort hin und bringst ihm Kasten und Brief; einer weiteren Bestellung bedarf es nicht; in dem Brief ist alles. Hernach will ich ebenfalls verreisen; du wirst, wenn du zurückkommst, meine Sachen zurechtmachen – auf ein Paar Tage.

Zu Befehl, Herr General, sagte August, bloß um etwas zu sagen und so vielleicht das Grausen los zu werden, das ihm die Brust zusammenschnürte.

Er hatte in mechanischem Gehorsam behutsam Brief und Kasten genommen und stand an der Tür. Er raffte allen seinen Mut zusammen:

Soll ich dem Herrn Leutnant nicht einen schönen Gruß von dem Herrn General sagen?

Es dauerte ein paar Momente, bis die Antwort kam:

Sage ihm: ich hoffe zu Gott, recht bald wieder mit ihm zusammen zu sein.

Der treue Diener atmete auf. Es war ja gewiß: was da zwischen dem Herrn General und dem Herrn Leutnant passiert, war etwas recht Schlimmes, sicher noch viel schlimmer als sonst, aber wenn der Herr General doch wieder, und noch dazu bald, mit dem Herrn Leutnant zusammen zu sein hoffte, konnte es doch nicht zum Totschießen sein und würde sich wohl wieder zurecht ziehen.

Der General aber ließ, nachdem August das Zimmer verlassen, die Stirn auf die gefalteten Hände sinken und saß so lange Zeit, während manchmal sein ganzer Körper wie von wildestem Fieber geschüttelt wurde, oder ein dumpfes Stöhnen sich seiner gequälten Brust entrang: betend für seines Sohnes Seele, Abschied nehmend von dem Sohne, auf den er so unsäglich stolz gewesen und der nicht mehr leben konnte mit der Schande, die er auf sich geladen; von dem Sohne, den er so sehr geliebt und den er, ach! noch immer so sehr liebte!

Und nun erhob er sich – ein alter, gebrochener Mann, der nur noch eines auf Erden zu tun hatte.

Dazu – das wußte er – würde seine Kraft sicher reichen.

Und nicht zitternd und unter hervorquellenden brennenden Tränen wie vorhin die Pistole, die er dem Sohne geschickt – mit fester Hand und starren glühenden Augen lud er die zweite, mit der er den Schurken niederschießen wollte, der mit teuflischer Arglist seinen Sohn in Schande und Tod gelockt.

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