Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Spielhagen >

Sturmflut. Zweite Abteilung

Friedrich Spielhagen: Sturmflut. Zweite Abteilung - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleSturmflut. Zweite Abteilung
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
printrun33.-34. Auflage
year1913
firstpub1877
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141027
projectid381adaf6
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel

Die Besorgnis, keinen Platz mehr zu finden, erwies sich freilich als durchaus grundlos. In dem prachtvollen Speisesaale wäre für die ganze Gesellschaft Raum gewesen, wenn man jeden der Sitze an den kleinen, nur für acht oder zehn Personen gedeckten Tafeln eingenommen hätte. Da man vorausgesehen, daß dies nicht der Fall sein würde, waren auch noch in dem mit Glas gedeckten Wintergarten, der in einem rechten Winkel an den Speisesaal stieß und diesen Flügel des Hauses mit dem andern verband, Tische aufgestellt; die zuletzt Kommenden hatten den Vorzug, unter Palmen soupieren zu können.

So sagte Justus lachend zu Ottomar, die beide zu den allerletzten gehört hatten.

Bleiben Sie bei uns, sagte Ottomar, auf seinen Tisch deutend, an dem drei oder vier Offiziere und einige Damen vom Theater, unter ihnen Bertalde, über das Arrangement nicht einig werden konnten; ich glaube, es ist noch Platz, sonst schaffen wir welchen.

Tut mir leid, erwiderte Justus; habe mich bereits mit ein paar Kollegen – dort in der Ecke – verabredet; und wenn unser Garten nicht ganz so bunt sein sollte – Sie sehen, auch bei uns blühen Rosen!

Und wie herrliche! Wer ist denn die Dame in silbergrau? – eine prachtvolle Gestalt!

Justus lachte: Sie müssen mich nicht verraten! es herrscht ja hier vollkommene Maskenfreiheit. Die Cousine von meinem Kollegen Bunzel, alias: sein Modell – alias

Werben! Werben! erscholl es von dem Offizierstisch.

Justus! Justus! von dem der Künstler.

Amüsieren Sie sich gut! rief Ottomar.

Ditto! sagte Justus, und bei sich sagte er: armer Junge!

Er kannte ja die tragische Geschichte! hatte sogar noch in diesen letzten Tagen von Reinhold, mit dem er in ununterbrochenem Briefwechsel stand, bezüglich Carlas neue, schlimme Dinge gehört, die Mieting, die heute nachmittag – ganz unerwartet – gekommen war, vollauf bestätigt. – Du sollst sehen, hatte Mieting gesagt, das nimmt ein schlechtes Ende. Die gute Else ahnt nichts davon; aber ich habe ein Paar scharfer Augen, weißt du; und der Graf und Carla, die sind einig. Wenn Ottomar sie doch nur laufen ließe! aber, wie der ist, wenn ihm ein anderer nehmen will, was er doch um Gottes willen laufen lassen sollte, dann sagt er: nun gerade nicht! Der ist nicht so verständig, wie wir, weißt du! Und nun mache, daß du in deine große Gesellschaft kommst!

Ach! die lachenden, glückstrahlenden Augen seiner Miete, die durch ihre große Verständigkeit alle Hindernisse besiegt hatte – »morgen schon bestellen wir die Möbel, ganz nach deinem Künstlergeschmack, weißt du!« – und die finstern, unruhig flackernden Augen, in die er eben geblickt! Das schöne Gesicht verfallen und verwüstet, als ob er in den letzten zehn Wochen um doppelt so viele Jahre gealtert wäre, dachte Justus: und wie bitter hatte es trotz der lustigen Worte um die feinen Lippen gezuckt! Armer Junge!

Was für ein schief Gesicht machst denn du! rief der Baumeister Kille dem Herantretenden entgegen.

Hier wird nicht Mond geschienen! rief der Historienmaler Bencke.

Er denkt an die linke Hüfte seiner »Industrie«; zum Einrenken schief! schrie Kollege Bunzel.

Oder an Laskers Rede, die nicht einmal fünf gerade sein läßt! rief der Baumeister.

Ich denke eben, woran ihr immer denkt: an gar nichts, sagte Justus, neben der »Cousine« von Kollege Bunzel Platz nehmend und sich über die kahle Stirn streichend, den bösen Eindruck zu verwischen.

Es wäre auch einem weniger heitern Gemüt schwer gefallen, an diesem Tische, in dieser Gesellschaft trüben Gedanken nachzuhängen. Das scherzte, lachte, schwatzte, tollte. Sie hatten alle an dem Prachtbau gearbeitet – der Baumeister, der den Plan entworfen und die Ausführung geleitet, in erster Linie – und hielten sich nun in gutmütigem Spott ihre Sünden vor. Dazwischen schöne, gediegene Worte über Kunst und Künstlertum, oder über Laskers Rede, die Justus, der im Schweiße seines Angesichts die ganze Sitzung mit durchgemacht hatte – aus Gründen, weißt du, Mieting – über alle Begriffe famös fand, während der Baumeister erklärte, der Mann habe ja im allgemeinen gewiß recht – es kämen sogar noch tollere Geschichten bei den Bahnen vor – aber vom eigentlichen Bau verstände er nicht mehr als ein neugeborenes Kind – bis der eine oder der andere, dem die Sache zu ernst wurde, einen tollen Witz dazwischen warf und das für kurze Zeit verstummte Gelächter nur um so lauter und lustiger erschallte.

Aber auch an den andern Tischen ging es, wenn auch vielleicht nicht ganz so lustig, doch nicht weniger laut zu. Überall floß der Champagner in Strömen; die zahlreichen Diener hatten zu tun, die geleerten Flaschen in den silbernen Eiskübeln durch neue zu ersetzen. Dabei schien man gegen etwaige Nachlässigkeiten der Bedienung sehr empfindlich zu sein. Man schalt die Leute; man wollte von der ersten Marke haben, die zweite tauge ganz und gar nichts; man half sich von Tisch zu Tisch mit diesem Wein, mit jener Schüssel aus – ganz wie bei einem Festessen, sagte die Baronin Kniebreche, mit der Lorgnette vor den Augen das Gewühl musternd, – ganz wie in einem Hotel. Ich habe so etwas in einem Privathause noch nicht gesehen. Es ist höchst interessant. Wissen Sie, Wallbach, daß ich Sie um ein Haar, als Sie eben hinter meinen Stuhl traten, mit Herr Oberkellner angeredet hätte?

Vortrefflich! sehr gut! erwiderte Wallbach mit zerstreuter Miene; – Sie können unmöglich in einem solchen Hause die gute Gesellschaft und die Haltung erwarten, an die wir gewöhnt sind. Das ist und bleibt eben Rotürier. Aber was ich sagen wollte: Sie haben doch, gnädige Frau, über meine letzten Mitteilungen die Diskretion bewahrt, um die ich Sie gebeten?

Letzte Mitteilungen? rief die Baronin; aber, liebes Kind, Sie haben mir so viel mitgeteilt, daß ich positiv nicht mehr weiß, welche die ersten und welche die letzten sind. Weshalb übrigens?

Ottomar weicht mir in einer Weise aus, die, trotzdem unsre Beziehungen in letzter Zeit ja sehr getrübt waren, doch auffällig ist. Er hat vorhin geradezu über mich weggesehen.

Sehen Sie wieder über ihn weg, liebes Kind! Ich kann Ihnen positiv keinen andern Rat geben. Übrigens, was wollen Sie eigentlich? den Pelz waschen, ohne ihn naß zu machen? Das ist Nonsens. Wollen Sie's zum Klappen bringen, so tun Sie's; wollen Sie's nicht, so lassen Sie's bleiben; behelligen Sie die alte Kniebreche aber nicht mehr mit der Geschichte; und jetzt geben Sie mir mal von dem Hummersalat – da an Ihrem Ellnbogen – der ist deliziös.

Die Alte ist betrunken, murmelte Wallbach, indem er sich zu seinem Tisch in nächster Nähe zurückbegab.

Philipp hatte sich auf eine Viertelstunde von der alten Dame beurlaubt, um die Runde durch den Saal zu machen, und ging jetzt, das Glas, das oft wieder gefüllt werden mußte, in der Hand, von Tisch zu Tisch, hier mit Lobsprüchen über das glänzende Fest, dort mit kordialen Zurufen; famos, alter Kerl! brav gemacht, mein Junge! – an nicht wenigen Stellen mit lautem Hallo! und Hurra! und Gläserschwingen begrüßt, während man sich an andern erst darauf besinnen zu müssen schien, daß der Herr in weißer Krawatte und Weste mit der massiven Stirn und dem höflichen Lächeln auf dem roten, rasierten Gesicht, der da mit halbgefülltem Glase vor ihnen stand, der Wirt des Hauses sei.

Philipp hatte die Runde durch den Saal gemacht und mußte nun auch dem Wintergarten seinen Besuch abstatten, der sich mit seiner vollen Breite rechtwinklig in den Saal öffnete. Er stieß hier sogleich auf eine größere, von jungen Leuten besetzte Tafel, die ihn mit solchem Enthusiasmus empfingen, daß er darüber einen kleineren Tisch in der Nähe zu übersehen schien und eben, den jungen Leuten mit der Hand winkend und noch ein Scherzwort zurufend, vorüber und weiter wollte, als eine heisere, wohlbekannte Stimme sagte: Nun, Schmidt, sollen wir nicht der Ehre gewürdigt werden?

Ein Zucken flog über Philipps Gesicht; aber es strahlte wie in freudigster Überraschung, als er sich jetzt umwandte und, beide Arme erhebend, rief: Endlich! ja zum Tausend, Lübbener, Herr Geheimrat! wo habt Ihr – wo haben Sie denn gesteckt? glaubte wahrhaftig, sollte ganz um das Vergnügen kommen! Und so mutterseelenallein! Daran erkennt man den Löwen!

Nachzügler! sagte der Geheimrat, an das hingehaltene Glas anklingend; machte sich so!

Wenn Sie sich nur amüsieren! rief Philipp.

Aber gottvoll! rief Lübbener. Wir sehen hier in beide Räume; bester Platz unter allen!

Gebührt Ihnen auch, rief Philipp: der beste Platz im Saale, der beste im Hause! wo wären Saal und Haus ohne Sie! mein guter Hugo! alte treue Seele!

Wie von Rührung übermannt, hatte Philipp den kleinen Mann umarmt und hielt ihn, der sich nicht zu sträuben wagte, noch an seine Brust gedrückt, als ein paar Schritte von ihnen eine überlaute Stimme rief: meine Herren!

O weh! sagte Philipp, Lübbener aus seiner Umarmung lassend.

Meine Damen und Herren!

Es war einer von dem Tisch der jungen Leute, ein Kommis in einem Bankgeschäft, berühmt unter den Genossen wegen seiner außerordentlichen Leistungen in der Tafel- und Festberedsamkeit. Er hatte sich, das Glas in der Hand, zwischen Saal und Wintergarten so gestellt, daß man ihn in beiden Räumen hätte hören können, wenn in dem Lärmen, der von Minute zu Minute wuchs, eine einzelne Menschenstimme nicht so verloren gewesen wäre, wie ein Tropfen im Eimer.

Steigen Sie auf einen Stuhl, Norberg!

Hört! hört!

Steigen Sie auf zwei Stühle, Norberg! Der eine tut's nicht!

Meine Damen und Herren!

Lauter, lauter! – Stille! hört, hört!

Man hörte nicht, aber man sah hier und da, daß jemand in der augenscheinlichen Absicht zu reden, gestikulierend auf einem Stuhle stand; man machte die Nachbarn darauf aufmerksam; es wurde nicht still, aber es gelang Herrn Norberg, der jetzt, neue Hoffnung schöpfend, alle Kraft seiner Lunge aufbot, den Lärm so weit zu überschreien, daß er sich wenigstens dem Kreis, der sich um ihn gesammelt hatte und mit jedem Augenblick größer wurde, verständlich machen konnte.

Meine Damen und Herren! Das Sprichwort sagt: Jedermann ist seines Glückes Schmied –

Bravo! hört, hört!

Nur daß leider das Schmieden nicht jedermanns Sache ist, und so wird es denn auch meistens danach. Zum Schmieden gehört eben ein Schmidt –

Sehr gut! hört! still da!

Und wenn ein Schmidt sein Glück schmiedet, so dürfen wir versichert sein, daß es eine Arbeit ist, mit der er sich vor Meister und Gesellen sehen lassen kann.

Ausgezeichnet! bravo! bravissimo!

Und, meine Damen und Herren, die Meister und besonders wir jungen Gesellen, die wir noch viel zu lernen haben und lernen wollen, werden ihm auf die Finger sehen, ob wir vielleicht loskriegen, wie er es macht und mit was für Werkzeug er arbeitet; denn das Werkzeug – das ist die Hauptsache!

Bravo! bravo!

Es war beinahe vollständige Stille eingetreten; Herr Norberg, jetzt seiner Sache sicher, fuhr in pathetischem Tone fort:

Welches aber ist sein Werkzeug? Natürlich zuerst der Ambos – der Ambos, der unerschütterliche, aus dem Gußstahl der Redlichkeit –

Hört! Hört!

– der Redlichkeit, die jeden Schlag und Stoß vertragen kann, weil sie fest in sich selber ruht und, approbiert, wie sie ist, durch das langjährige, schmeichelhafte Vertrauen der Eingeweihten, und, wenn ich mich so ausdrücken darf, glatt poliert durch den guten Leumund aller Redlichen –

Ausgezeichnet! bravo! bravo!

– spotten darf der Zunge des Rostes oder einer rostigen Zunge, die sich gegen ihn und seinesgleichen, wenn es seinesgleichen gibt, ereifert, und wäre es auch von der Rednerbühne eines gewissen hohen Hauses –

Die letzten Worte waren kaum noch vernehmlich in dem unbeschreiblichen Lärm, der sich bei der ersten Anspielung auf das große Ereignis des Tages, das die Gemüter aller erfüllte oder doch beschäftigte, erhob. Ob das schnöde Wort von der Mehrzahl der Gesellschaft gebilligt oder verdammt wurde, konnte niemand entscheiden. Aneifernde, ja fanatische Zurufe, in denen sich die spezielleren Freunde Norbergs besonders hervortaten, beschwichtigende, abmahnende, ja den höchsten Unwillen ausdrückende Reden – das schwirrte, hallte, toste durcheinander, bis sich, fast plötzlich, der Sturm legte, als sei jeder, Freund und Feind, begierig zu hören, was der Mann weiter vorbringen würde. Denn daß er es bei diesem einen Ausfall nicht bewenden lassen werde, mochte jeder annehmen.

Aber der gewandte Norberg hütete sich Wohl, den Erfolg seiner wohlausgearbeiteten Rede noch einmal durch ein Impromptu aufs Spiel zu setzen. Er sprach in der überschwänglichen Weise, in der er begonnen, weiter von dem »wuchtigen Hammer der Kraft«, den der Meister, den er feiere, wie kein andrer, zu schwingen wisse; von der »unermüdlichen Zange der Energie«, mit der er einmal gefaßte Pläne festhalte; von dem »Blasebalg« sogar »des vollatmigen Mutes«, der die Flamme der Begeisterung, die zu allem Schaffen gehöre, immer wieder von neuem in der eigenen Brust und in den Herzen seiner Mitarbeiter entfache. Mit solchen Werkzeugen ausgerüstet und mit solchen Eigenschaften begabt, sei es dem Gefeierten eben möglich gewesen, so imposante Resultate zu erzielen; trotz der Gleichgültigkeit des Publikums, trotz des einsichtslosen Widerstrebens der Behörden sogar, seine großartigen Entwürfe durchzuführen: dem Handel neue Wege, dem Verkehr bequeme Straßen zu bauen, an deren Fortführung er eben jetzt, und man dürfe mit Zuversicht hoffen, trotz alledem und alledem, nicht vergeblich arbeite; endlich als Schlußstein gleichsam des Gebäudes seines Glückes, oder, um in dem Bilde zu bleiben, als letztes Glied der langen Kette rühmlichster Werke, die er geschmiedet – oder solle er sagen, als Schloß? – dieses Haus, das man wohl ein Schloß nennen dürfe, zu schaffen, das er so groß, so prächtig nicht für sich hergerichtet habe, denn er sei der bescheidenste der Menschen, sondern für seine Freunde, die er heute zu Hunderten, als Repräsentanten der übrigen Tausende, um sich versammelt und die nun ihre repräsentative Eigenschaft durch ein dreimaliges, für tausendfach geltendes Hoch auf den braven uneigennützigen Schmidt und Schmied seines Glückes betätigen möchten.

Die Gesellschaft entsprach, die einen aus Überzeugung, die meisten in der Weinlaune, nicht wenige aus bloßer Höflichkeit mit überlautem, von der Tafelmusik mit lärmenden Fanfaren begleiteten Hochrufen dieser Aufforderung, während der Redner von dem Stuhle herabstieg und den Dank des Gefeierten und die Glückwünsche der Genossen mit stolzer Bescheidenheit entgegennahm. – Er habe sich heut selbst übertroffen; es sei großartig gewesen; Jammer und Schade nur, daß er es dem Lasker nicht noch mehr gegeben; der hätte noch ganz was anderes verdient!

Ich denke, er wird es sich nicht an den Spiegel stecken, erwiderte Herr Norberg wohlgefällig; aber nun, Schmidt, alter Junge, 'rauf auf das Seil! das hilft Ihnen nichts!

Nein, das hilft nun nichts! sekundierten die Genossen; immer 'rauf auf das Seil! immer 'rein ins Vergnügen!

Aber, meine Herren, rief Philipp, nach einem solchen Redner! – lassen Sie mir wenigstens ein paar Minuten Bedenkzeit!

Wird dadurch nicht besser! sagte Herr Norberg in ermutigend-belehrendem Ton; kenne den Rummel! Improvisieren, wie ich eben – das gerät immer am besten.

Wenn Sie meinen –

Still! hört! aber sehen Sie denn nicht? –

Der große, stattliche Mann, der jetzt auf dem Stuhle stand, war freilich sichtbar genug; und da man sein Erscheinen auf diesem Platz bereits erwartet hatte, trat alsbald wenigstens so viel Ruhe ein, daß er mit einigem Anstand beginnen konnte.

Er wolle sich kurz fassen, und er sei glücklicherweise in der Lage, es zu dürfen. Ein Dank, wie er ihn für die ausgezeichnete Ehre, derer man ihn soeben gewürdigt, für das Wohlwollen, für die Freundschaft, ja, er wage das Wort: für die Liebe empfinde, mit der man ihn überschütte, – ein solcher Dank sei, herzlich, wie er empfunden, auch in wenigen Worten, die von Herzen kämen, gegeben. Übrigens verlange man von einem Mann der Tat, als den man ihn gefeiert, nicht, daß er ein Redner sei, wie sein Vorgänger, an dessen Rede er dennoch – kritisieren sei ja leichter, als besser machen – ein Manko entdeckt habe. Es sei seine Kraft, sein Mut, es sei seine Redlichkeit gerühmt worden – das seien Eigenschaften, die er, zumal die letztere, von jedem Manne verlange, und so dürfe er hoffentlich einen Minimalanteil des so überreich gespendeten Lobes akzeptieren.

Das volle Lob! – ohne Abzug – ohne Verzugszinsen – mit Agio! riefen die Enthusiasten.

Nun gut, meine Herrschaften! rief Philipp; wenn Sie es durchaus wollen: das volle Lob! Aber, meine Herrschaften, wo ist der Kopf geblieben? Der Verstand, die Intelligenz? Sie werden mir sagen: die sind eben nicht vorhanden –

Oho! – ich nehme – fest! – hunderttausend Stück von Ihnen! jubelten die Enthusiasten.

Nein, meine Herren! überschrie Philipp die Schreier; wo nichts ist, hat selbst der Kaiser sein Recht verloren. Unsereiner ist kein Fürst-Reichskanzler, der nicht bloß das Herz, sondern auch den Kopf auf dem rechten Flecke hat.

Hier mußte Philipp eine Pause machen, bis sich der Sturm des Beifalls, den seine letzten Worte hervorgerufen, einigermaßen gelegt hatte.

Ja, meine Herrschaften, ich gestehe: er ist mein Ideal; aber – ein unerreichbares! Was eine welthistorische Größe, wie er, in sich vereinigt: die verschiedensten und doch sämtlich nötigen Eigenschaften, wenn man Erfolg haben will – dazu müssen wir kleinen Leute uns assoziieren. Und für mich ist es kein Spiel des Zufalls, sondern eine Fügung und sichre Bestätigung, daß in diesem Moment, ohne vorhergegangene Verabredung, wie Sie mir aufs Wort glauben werden, die beiden Männer neben mir stehen, die im geschäftlichen und in jedem Sinne des Wortes meine Sozii sind; und in dieser Sozietät, wenn ich wirklich das Herz sein sollte, ganz gewiß das Departement des Kopfes inne haben: hier rechts von mir Herr Geheimrat Schieler, hier links von mir Herr Bankier Hugo Lübbener!

Brausender Beifall erhob sich, der zum schallenden Gelächter wurde, in das selbst die Unbefangenen einstimmten, als im nächsten Augenblick, von unwiderstehlichen Händen der Halbberauschten getragen, gehoben und festgehalten, die von Philipp zitierten Herren in Person rechts und links von ihm auf Stühlen erschienen. Philipp erfaßte mit rascher Geistesgegenwart die Hände der beiden und rief:

Da habe ich sie, da halte ich sie, meine beiden Köpfe, die nur einer, und, alles in allem, mit mir eines: ein Herz und eine Seele sind! Ich wollte Sie nun eigentlich bitten, diese beiden, ohne die ich gar nichts wäre, leben zu lassen; aber, da wir drei eben eines, und wir uns doch, bei aller Lebenslust, hier nicht wohl selber leben lassen können, ersuche ich – ersuchen wir Sie, denen ein Hoch zu bringen, denen wir verdanken, daß wir alle heute abend hier – und ich denke: vergnügt – beisammen sind: dem Baumeister dieses Hauses und den übrigen Künstlern, die es geschmückt haben, ein donnerndes Hoch!

Während die Gesellschaft dem Wunsche bereitwillig nachkam und die Tafelmusik die Hochrufe wieder mit schmetternden Fanfaren begleitete, Herr Norberg Philipp umarmte und versicherte, daß er selbst es nicht besser hätte machen können: auch die beiden anderen Herren, die sehr schnell von ihren Stühlen herabgesprungen waren, mit Händedrücken und Glückwünschen reichlich bedacht wurden, herrschte in der Gruppe der Künstler große Aufregung. Daß man werde antworten müssen, war zweifellos; aber wer sollte es tun? Der Historienmaler wollte ebensogern das Schafott besteigen; ein paar andre »hätten es schon gekonnt, aber es war nicht ihr Genre«; der Baumeister, als Berliner, Logenbruder und Mitglied von unzähligen Vereinen, ein geborner und durchgebildeter Redner, meinte, weshalb denn gerade er, der das meiste getan, nun auch noch ein übriges tun solle? – Justus muß sprechen! rief Kollege Bunzel; er kann bei der Gelegenheit seine schiefe Hüfte wieder einrenken! – Meinetwegen, sagte Justus; es gibt hier allerdings etwas einzurenken, woran ihr Spatzenköpfe natürlich einmal wieder nicht denkt.

Stille! Ruhe da! hört, hört! Stille! donnerten die Künstler.

Bravo! Bravo! da capo! schrien die »jungen Leute«.

Ich glaube, Sie werden an einem Male genug haben, meine Herren! sagte Justus, der bereits auf dem Stuhle stand.

Meine Damen und Herren! ich komme nämlich dazu, wie der Junge zur Ohrfeige. Denn, wenn es sich auch schickt und gebührt, daß wir Künstler Ihnen für die uns bewiesene Freundlichkeit danken, so bin ich weder der älteste, noch der jüngste unter uns, weder derjenige, der sich die größten Verdienste um dies schöne Haus erworben, noch auch vielleicht der, der sich am meisten von uns daran versündigt hat: aber, weil ich nun einmal hier stehe, so mache ich Ihnen in unser aller Namen für Ihre Güte meine ergebenste Reverenz, und da ich mich auf diesem wacklichen Piedestal keineswegs sicher fühle und ich meinen Vorgängern oder Vorstehern –

Bravo! bravo! riefen die Künstler.

– abgelauscht habe, daß, wenn man von hier herunter will, man erst für einen Nachfolger gesorgt haben muß, die Sache aber auf diese Weise kein Ende finden würde, so habe ich mir zu diesem Zweck einen erkoren, der nicht in der Gesellschaft ist, und bitte Sie, ihn hoch leben zu lassen, der heute ebenfalls schon geredet und mir, ja, ich weiß es, vielen in der Gesellschaft aus dem Herzen geredet hat; und ihn nochmals hoch leben zu lassen, weil es dieser Gesellschaft schlecht anstehen würde, wenn darin ein Wort gegen ihn gesprochen wäre, wie es geschehen ist, ohne aus unserer Mitte eine Erwiderung zu finden; und zum dritten Male hoch, weil der Mann drei Leben braucht, um die Herkulesarbeit, die er sich vorgenommen, durchzuführen!

Justus hob seine kleine Gestalt, und seine helle Stimme schmetterte wie Trompetenton: Eduard Lasker lebe hoch!

Und hoch! hoch! und nochmals hoch! riefen die jubelnden Künstler, während die überraschten Gegner verlegen schwiegen; und alle, die vorhin durch das schnöde Wort beleidigt waren, – und es war ihrer eine große Zahl – jubelten mit, und die Musik schmetterte darein, daß der hohe Saal erdröhnte und die alte Kniebreche der Baronin Holzweg zuschrie: Ich glaube, ich höre positiv wieder auf beiden Ohren!

Der Sturm brauste noch fort, als Anton, der Kammerdiener, an Philipp herantrat, der achselzuckend und beschwichtigend in einer Gruppe von Herren stand, die alle zugleich unter heftigen Gestikulationen auf ihn einsprachen und von ihm erwarteten und verlangten, daß er einen so offenbaren Hohn gebührend zurückweisen und züchtigen solle. Anton mußte es sehr dringend haben, denn er zupfte seinen Herrn wiederholt am Ärmel und zog ihn fast gewaltsam aus der Gruppe heraus.

Philipps Gesicht war hoch gerötet gewesen; aber bei den ersten Worten, die der Diener ihm, der sich nur unwillig neigte, ins Ohr flüsterte, wurde es erdfahl. Er zog jetzt selbst den Mann hastig noch ein paar Schritte seitwärts.

Wo ist der Herr?

Er steht da nebenan im Billardsaal, erwiderte Anton; hier ist seine Karte.

Der Diener war ebenso blaß wie sein Herr; er brachte die Worte kaum durch die klappernden Zähne.

Begleitungsmannschaft?

Sie sind vorn im Vestibül, und auf der Straße und auf dem Hof – ach, Herr, Herr!

Still! willst du mir helfen?

Gern, Herr!

Philipp sagte dem Mann ein paar Worte ins Ohr, der sich dann eilig durch den Saal in das Vestibül entfernte, von wo er, unaufgehalten, durch eine Tür in die Souterrainräume verschwand. Philipp stand ein paar Momente da, die kräftigen Lippen fest zusammengepreßt, die starren Augen auf den Boden geheftet. Das hatte er nicht erwartet; er hatte gehofft, noch mindestens eine Woche Zeit zu behalten – der Teufel hatte es dem Lübbener eingegeben. Indessen – der große Coup wäre am Ende doch mißglückt, und jetzt hatte er noch das bare Geld, vorausgesetzt – es mußte eben gewagt sein!

Wenn er nur erst aus dem Hause war – sie sollten es doch schlauer als schlau anfangen – er hatte ja alles übrige schon seit Wochen auf diese Möglichkeit vorbereitet! – Als er die düsteren Augen wieder hob, begegnete sein Blick dem Lübbeners, der, nur wenige Schritte entfernt, scheinbar in eifrigem Gespräch mit dem Geheimrat und einigen anderen Herren, die kurze Szene zwischen dem Herrn und Diener wohl beobachtet hatte und Philipp, als der jetzt an die Gruppe herantrat, den Rücken wandte.

Entschuldigen mich die Herren für wenige Minuten, sagte Philipp; ich habe noch einige Arrangements für den Kotillon zu treffen; dann wollen wir, wenn es Ihnen recht ist, die Tafel aufheben.

Er hatte es in seinem gewöhnlichen lauten, prahlerischen Ton gesagt, während er zugleich Lübbener, wie in übermütiger Weinlaune, an dem Handgelenk ergriff und aus der Gruppe herausriß.

Was wollen Sie? keuchte Lübbener.

Ihnen sagen, knirschte Philipp durch die Zähne, daß Sie es mir bezahlen sollen – früher oder später!

Er schleuderte den kleinen Mann von sich, daß er in die Gruppe zurücktaumelte; und, festen Schrittes den Wintergarten durchmessend, trat er in den daranstoßenden Billardsaal auf einen Herrn zu, der hier, einsam, mit verschränkten Armen an einem der Tische lehnend, die Ornamente der Tür, durch die Philipp kam, zu studieren schien.

Herr Kommissar Müller? sagte Philipp, der noch die Karte in der Hand hielt.

Habe die Ehre! erwiderte der Kommissar, die Arme so langsam von der Brust wegnehmend, daß er Philipps ausgestreckte Hand nicht wohl ergreifen konnte.

Und was verschafft mir das Vergnügen? fragte Philipp.

Das Vergnügen dürfte wohl nur ein recht mäßiges sein, Herr Schmidt. Ich habe einen Verhaftsbefehl gegen Sie.

Der Beamte nahm ein Blatt aus der Brusttasche, es Philipp so hinhaltend, daß er es in dem Licht der Lampen über dem Billardtisch bequem hätte lesen können; Philipp aber hatte einen der Bälle ergriffen und machte aus freier Hand eine Karambolage.

Einen Verhaftsbefehl! wie merkwürdig! – sehen Sie! und noch dazu par doublé! auch Billardspieler, Herr Kommissar?

Gelegentlich – wenn ich Zeit habe – habe selten Zeit, zum Beispiel gleich jetzt nicht, und ersuche Sie daher, mir ohne Verzug zu folgen.

Aus der Gesellschaft heraus? aber Herr Müller, vierhundert Personen, denken Sie! – ohne Wirt! – das ist ja schlechterdings unmöglich!

Es muß möglich sein.

Dann ist es nicht nötig. Sie sind mein Gast – Toilette um diese Stunde gleichgültig – sind ja übrigens à quatre épingles! – bleiben mir zur Seite, versteht sich – Vetter, der eben angekommen – was Sie wollen! Ihre Leute – in Zivil, nehme ich an, wie Sie – amüsieren sich unterdessen himmlisch mit meinen Leuten. Hernach fahren wir gemeinschaftlich in meinem Wagen –

Sehr gütig! für einen Wagen ist bereits gesorgt; er hält auf dem Hofe unter einem paar Dutzend Equipagen. Wir brauchen also das Vestibül, soviel ich weiß, gar nicht wieder zu passieren. Sie sehen, Herr Schmidt, ich gehe mit der größten Rücksicht zu Werke; muß nun aber freilich bitten, meine Geduld auf keine längere Probe zu stellen.

Philipp schleuderte den Ball, den er in der Hand hielt, aufs Geratewohl fort und wandte sich.

Nun denn! wenn Sie nicht anders wollen; aber umziehen werde ich mich doch hoffentlich dürfen?

Dagegen habe ich nichts. Sie werden sich freilich meine Gegenwart dabei gefallen lassen müssen.

Aber ich bitte Sie, Herr Müller, unter uns Männern! Wollen Sie die Güte haben?

Er ging voran; der Beamte folgte ihm auf dem Fuße. In dem Lesezimmer, wohin man aus dem Billardsaal gelangte, hatte ein Unterbeamter gewartet, der sich ihnen jetzt anschloß.

Sie sind sehr vorsichtig, Herr Kommissar! sagte Philipp, über die Schulter.

Meine Pflicht, Herr Schmidt!

Er berührte Philipp am Arm und sagte mit leiser Stimme: Wenn Sie mir Ihr Ehrenwort geben, keinen Fluchtversuch zu machen, der nebenbei sicher resultatlos sein würde, kann ich Ihnen – der Kommissar winkte mit dem Kopfe rückwärts – diese Begleitung wenigstens ersparen.

Keinen Fluchtversuch! sagte Philipp lachend; – ei, Herr Kommissar! ich denke an nichts anderes; ich verschwände hier in dem Parkettboden oder durch die Wand da, wenn ich nur könnte. Der Beamte mußte wider Willen lächeln. – Gehen Sie wieder in das Vestibül, Ortmann! sagte er.

Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, sagte Philipp, während sie eine mit kunstvollem, reichvergoldetem Gitter eingefaßte Wendeltreppe hinaufstiegen, vermittelst der man aus dem Lesezimmer in den rechten Flügel des oberen Stockwerks gelangte, der, von dem Ballsaale durch die Breite des zum Teil, wie der Wintergarten, mit Glas überdeckten Hofes getrennt war. – Die Sache ist, Herr Kommissar, daß ich dieses Intermezzo, so unbequem es mir allerdings fällt, im Grunde nicht ernsthaft nehmen kann –

Philipp hatte in dem Korridor, auf dem sie jetzt standen, eine Tür geöffnet.

Dies ist ein Durchgangszimmer, sagte er in einem Tone der Erklärung; nun wäre es mir lieber, wenn wir rechts durch jene Tür in meine Wohnräume gingen, die heute noch mit zu den Gesellschaftsräumen gezogen sind; aber, da es halt nicht kann sein, müssen wir durch diese links in mein Schlafzimmer.

Er stieß die Tür auf: bitte, gehen Sie voran: in diesem Augenblicke bin ich doch immer noch hier zu Hause.

Der Beamte kam der Aufforderung nach, bereit, die nach innen sich öffnende Tür, sobald sein Gefangener versuchen sollte, sie hinter ihm zuzuschlagen, mit dem vorgestreckten Fuße aufzufangen; aber Philipp kam ihm sofort nach, die Tür hinter sich in das Schloß drückend.

Mein Schlafzimmer, sagte Philipp, mit der rechten Hand, während die linke noch an dem Schloß spielte, über den prächtigen Raum deutend, der, wie alle, die sie durchschritten hatten, mit Wachskerzen hell erleuchtet war, französischer Geschmack – als wäre es für ein junges Fräulein, das eben aus der Pension nach Hause kommt; aber diese Tapeziere sind Autokraten. Hier – bitte, Herr Kommissar! – mein Toilettenzimmer – das letzte in der Reihe – und dunkel; aber dem läßt sich abhelfen.

Philipp hob einen der Armleuchter, den er im Schlafzimmer von der Konsole unter dem Spiegel genommen, und leuchtete umher, wie um den Kommissar zu überzeugen, daß in den Wänden, die die aus Eichenholz geschnitzten Schränke frei ließen, keine zweite Tür und die, durch die sie eingetreten, der einzige Ein- und Ausgang war. Er hatte den Armleuchter auf einen Tisch gesetzt, sich den Frack ausgezogen und öffnete jetzt einen der Schränke. Ich werde, während Sie sich umziehen, in Ihrem Schlafzimmer warten, sagte der Beamte.

Bitte, erwiderte Philipp, der seine weiße Weste abwarf und die Krawatte abknöpfte; – hoffe, daß Sie die Fauteuils nach Ihrem Geschmack finden –

Der Beamte war wieder in das Schlafzimmer getreten, ohne die Tür ganz zu schließen, und hatte in einem der prächtigen Lehnsessel Platz genommen.

Von Dolorme in Paris, sagte Philipp, in dem Toilettenzimmer Schränke auf und zu machend – soll ganz was Besonderes sein, obgleich ich es nicht finden kann. Nur noch ein paar Minuten, Herr Kommissar; bin wie aus dem Wasser gezogen – mein ganzes Haus ventiliert – nach der neuesten Konstruktion – und nichts destoweniger diese enorme Hitze! A propos – ich werde doch hinab, sagen lassen dürfen, daß ich plötzlich unwohl geworden sei und so weiter?

Ich habe nichts dagegen, sagte der Beamte, fürchte nur, daß, so diskret ich auch vorgegangen, das Gerücht sich doch verbreiten wird – pflegt wenigstens so zu sein.

Müssen's drauf ankommen lassen, sagte Philipp, der mit seinen Stiefeln beschäftigt schien – will denn der Racker nicht aus? so – endlich! – Schade nur, daß es mitten in der Nacht ist und die Herren nicht zu sprechen sind; sonst würde ich sicher in einer Stunde zurück sein. Habe gar nicht gefragt, um was es sich handelt: weiß es ohne dies – ein elender Streich von dem Lübbener, mich aus der Verwaltung zu drängen. Wußte ja, daß er schon seit mehreren Tagen in der fürchterlichsten Klemme; war überzeugt, daß unsere Prioritäten vor ihm im Schrank nicht sicher. Die ganzen vier Millionen beleiht freilich die Seehandlung oder die Reichsbank nicht mit einem roten Dreier; aber irgend eine Schwindelbank – er kennt die Firmen! – machte ihm doch vielleicht einen Vorschuß von sechs- oder achthunderttausend – eine Bagatelle in seiner Lage, aber in der Not frißt der Teufel Fliegen. Dachte also: sie sind sichrer bei dir, als in der Kasse. Beweis, wie recht ich gehabt: daß er dahintergekommen; Sie wissen aus Ihrer Erfahrung, lieber Herr Müller, daß man keinen hinter dem Busch sucht, wenn man nicht selbst ein oder das andere Mal da gesteckt hat. Es war kühn von mir gehandelt – ich weiß es; aber ich bin nun einmal eine waghalsige Natur – so, nun noch ein paar andere Stiefel – und ich bin fertig.

Herr Schmidt, der während der letzten fünf Minuten auf Morgenschuhen gegangen sein mußte, schien abermals an einen Schrank getreten zu sein, an dem er kramte: Lackstiefel – unmöglich – das sind die rechten – so – hörte der Beamte ihn, wie im Selbstgespräch, sagen. Das Knarren eines Stuhles – er war ein schwerer Mann – ein halblautes Fluchen – die Stiefel konnten nicht leicht angehen – dann Stille.

Lautlose Stille für eine Minute, während Herr Kommissar Müller sich aus seinem Fauteuil erhoben hatte und an das Fenster getreten war, über das Glasdach des Hofes hinüber die hellerleuchteten Fenster des Ballsaales zu betrachten, hinter denen jetzt einzelne Damen und Herren sichtbar wurden. Offenbar hatte den Tanzlustigen das Souper zu lange gedauert, und sie wollten, da der Herr des Hauses verschwunden war, aus eigener Machtvollkommenheit den Ball fortsetzen. Wirklich begann auch jetzt die Musik drüben zu spielen, während unter dem Glasdach hervor das Stampfen der Pferde und das Sprechen und Rufen der Kutscher ertönte. – Eine verteufelte Geschichte für den Herrn Schmidt, dachte Herr Kommissar Müller; – die Sache verhält sich gewiß nicht wörtlich so; aber der Lübbener ist vielleicht der größere Schwindler. Die pflegen ja frei auszugehen. Nun könnte er wohl fertig sein.

Herr Kommissar Müller trat vom Fenster zurück in das Zimmer. – Sind Sie fertig, Herr Schmidt?

Keine Antwort.

Sind Sie – Herr Gott, der Mann hat sich ein Leid getan –

Der Beamte stieß die angelehnte Tür auf – der Armleuchter brannte auf dem Toilettentisch – Kleider und Wäsche waren umhergestreut – das Zimmer war leer.

Machen Sie keinen schlechten Scherz, Herr Schmidt! sagte der Beamte mit einem Blick auf die großen Schränke, deren Türen zum Teil offen standen.

Aber er glaubte nicht mehr an einen Scherz, als er jetzt, nachdem er hastig in die offenstehenden Schränke hineingeblickt, mit dem Armleuchter über die in Holzfarbe ausgeführten Ledertapeten der Wände rechts und links und hinauf und hinab leuchtete: keine Spur einer Tür! Und doch! es mußte eine da sein! Da endlich! diese kaum merkliche Ritze, da, wo der dunklere Streifen der Tapete die hellere Täfelung einfaßte – wundervoll gemacht! – hier unten, kaum sichtbar, das winzige Schloß! – Herr Müller drückte, stieß gegen die Tür – um sofort zu hören, daß sie von Eisen war und seiner größten Anstrengungen spotten würde. Er lief aus der Garderobe in das Schlafzimmer – die Tür nach dem Durchgangszimmer war verschlossen! Da rechts neben dem Drücker dasselbe Schloß, wie an der Tapetentür – nicht größer, als die Schlüsselöffnung auf dem Zifferblatt einer Stutzuhr! Er war gefangen!

Der wütende Beamte riß das Fenster auf und schrie, so laut er konnte, nach seinen Leuten, von denen zwei auf dem Hof sein mußten. Aber drüben quinkelierten die Geigen und brummte der Baß, und unten stampften die Pferde, und die Kutscher lärmten und lachten – niemand hörte auf den Rufer da oben, bis er in seiner Verzweiflung das erste, beste, was ihm in die Hand kam, durch das Glasdach schleuderte, daß die Scherben hinabklirrten auf die Köpfe von ein paar feurigen Pferden, die, wild erschrocken, im Geschirr stiegen, den Wagen nach hinten in einen andern Wagen hineindrängten, der zurückrollend, wieder die Pferde eines dritten zurückprellen machte. In der ungeheuren Verwirrung und dem gewaltigen Lärm, die so entstanden, verhallte die schreiende Stimme, bis endlich doch einer der Polizisten aufmerksam wurde, ohne freilich die Worte des Vorgesetzten verstehen zu können. Nichtsdestoweniger eilte er sofort aus dem Hof in die gewölbte Halle, die, an der rechten Seite des Gebäudes hinlaufend und sich hinten nach dem Hof umbiegend, diesen für die herausfahrenden Wagen – die hereinfahrenden kamen von der entgegengesetzten Seite – mit der Straße verband, um den dort postierten Kameraden zuzurufen, daß irgend etwas vorgefallen sein müsse und sie achthaben sollten. Er hatte das in fliegenden Worten getan und war im Begriff, zurückzulaufen, als aus irgend einer auf den Gang gehenden Tür zwei Diener hervorstürzten: ein älterer, der vor Aufregung am ganzen Leibe zu zittern schien, und ein jüngerer, sehr stattlicher, der ihm beinahe in die Arme gerannt wäre. Für den Polizisten stand die Eile der Diener mit dem, was vorgefallen war, in Verbindung, und er wurde in dieser Annahme durch den Umstand bestärkt, daß, wie er in demselben Moment bemerkte, eine schmale, steile, steinerne Treppe auf die Tür, die die Diener in ihrer Eile halb offen gelassen, mündete.

Was hat's oben gegeben? schrie der Polizist.

Herrn Schmidt hat der Schlag gerührt, erwiderte der stattliche Diener; ich soll nach Ärzten – halten Sie mich nicht auf! Hier die Karte des Herrn Kommissars! Stimmt! sagte der Polizist, einen Blick auf die Karte werfend; laßt den Mann durch! soll nach dem Doktor! – Wie komme ich hinauf?

Gleich hier auf dieser Treppe! rief der Atemlose.

Dann macht, daß Ihr fortkommt!

Der Atemlose stürzte nach dem Ausgang, vorbei an den Polizisten, die willig Platz machten, lief an einer langen Droschkenreihe, die sich vor dem Hause aufgestellt hatte – nur den Equipagen war die Einfahrt auf dem Hof gestattet – entlang, sprang in eine der letzten, dem Kutscher zurufend, so schnell wie möglich zu fahren, er solle ein gutes Trinkgeld haben; es handle sich um Leben und Tod!

In dem Speisesaale war, je länger die Abwesenheit des Wirtes dauerte, die Verwirrung immer höher gestiegen. Zu den wenigen, die den Platz behaupteten, gehörte die Baronin Kniebreche, wie dringend auch Herr von Wallbach zum Aufbruch mahnte. – Nur noch ein paar Minuten, schrie die Baronin, ohne die Lorgnette von den Augen zu nehmen; das ist zu interessant; das habe ich positiv trotz meiner zweiundachtzig Jahre noch nicht erlebt; sehen Sie doch nur, lieber Wallbach, wie da an dem Tisch, wo der kleine kahlköpfige Mensch sitzt, der vorhin den Menschen, den Lasker, leben ließ, wie Sie sagen – ich habe übrigens kein Wort gehört – der Mensch mit den langen blonden Haaren seine Nachbarin positiv umarmt! Jedenfalls auch ein Künstler! Beneidenswerte Menschen! – Wer mag denn der schöne junge Mensch mit den schwarzen Haaren und den Feueraugen sein – an demselben Tisch – ich habe ihn schon den ganzen Abend angesehen – ein Ausländer – bei uns wachsen solche Pflanzen nicht. Er hat übrigens den Blick unablässig auf Ottomars Tisch geheftet; die hübsche Tänzerin scheint ihm in die Augen zu stechen; ich begreife Ottomar nicht, weshalb er sich auf die Ferdinande kapriziert, wenn er eine solche Auswahl hat. Na, über den Geschmack läßt sich nicht streiten, da passieren die wunderlichsten Dinge. Die abgeblühte Agnes Holzweg und Prinz Wladimir! na, viel Ansprüche kann er freilich nicht machen; und scheint ja auch zu Ende zu gehen, da er nicht einmal auf ein paar Minuten gekommen ist. Nehmen Sie sich übrigens vor der Alten in acht! – sie kann mich hören? ach was! ich kann ja mein eigenes Wort kaum verstehen! – die Alte ist eine fürchterliche Schwätzerin; sie sprach da vorhin ein Langes und ein Breites mit dem jungen Grieben von den Ulanen, der, glaube ich, mit ihr ein bißchen verwandt ist und Agnes seiner Zeit auch den Hof gemacht hat, bis der Prinz anbiß. Er spricht da eben mit Ottomar. Wenn die Alte geplauscht hat – Grieben wird sich ein besonderes Vergnügen machen, Ottomar damit zu ennuyieren, da er dessen Pike gegen Agnes kennt, für die der gute Grieben, höre ich, trotz alledem, noch immer schwärmt.

Aber, gnädige Frau, rief der erschrockene Wallbach; Sie haben doch nicht gar der notorischen Klatscherin –

Sehen Sie, sehen Sie! rief die Baronin, Wallbach einen energischen Schlag mit dem zugeklappten Fächer versetzend; – da an dem eins – zwei – vierten Tisch! die Menschen werden sich noch ohrfeigen – das ist positiv gottvoll! So was habe ich mein Lebtag noch nicht mitgemacht!

Es ist, bei Gott, die höchste Zeit, daß wir aufbrechen, sagte Herr von Wallbach; die Sache wird nachgerade skandalös. Verstatten Sie, daß ich einen Diener nach meiner Equipage –

Na, wenn Sie durchaus meinen, sagte die Baronin; – ich amüsiere mich freilich noch positiv gottvoll.

Herr von Wallbach war aufgestanden, aber die an ihm mit Weinflaschen und Eis vorüberstürzenden Diener schienen sehr wenig geneigt, dem Auftrage nachzukommen; er mußte sich schon entschließen, weiter im Saal nach einem gefälligeren zu suchen.

Während er noch mit der Baronin sprach, war Ottomar an Justus herangetreten, der mit Kollege Bunzel so ruhig plauderte, als ginge ihn der Sturm, den er erregt und der noch immer fortwütete, ja von Minute zu Minute schwoll, nicht das mindeste an.

Auf ein Wort, Herr Anders!

Zehn für eines, entgegnete Justus aufspringend; – aber um Himmels willen, Herr von Werben!

Was?

Verzeihen Sie! Sie hatten bereits vorhin eine wenig festliche Miene: aber jetzt – Ihnen ist eine Unannehmlichkeit begegnet?

Allerdings! sagen Sie, Herr Anders – ich habe es sehr eilig und kann keine Einleitung machen – ich weiß, daß Sie mit Herrn Kapitän Schmidt sehr vertraut sind – ich höre soeben, es existiert ein Verhältnis zwischen ihm und – und – meiner Schwester. Ist Ihnen etwas davon bekannt?

Justus wußte nicht, wo das hinaus sollte; Ottomars Augen, in denen eine Flamme des Zornes, jedenfalls hoher Erregung deutlich genug durch den Weindunst flackerte, verkündeten nichts Gutes; indessen hier war kein Ausweichen möglich.

Ja, Herr von Werben! Und ich bin überzeugt, daß nur der Mangel an herzlicherem Entgegenkommen Ihrerseits meinen Freund abgehalten und bestimmt hat, Sie in Unkenntnis über sein Verhältnis zu Ihrem Fräulein Schwester zu lassen, während, so viel mir bekannt, Ihr Herr Vater längst davon unterrichtet ist.

Wohl möglich! wohl möglich! sagte Ottomar; bin seit längerer Zeit mit meiner Familie – gleichviel! und auch sonst! ich beklage es tief, daß ich mit dem Herrn Kapitän nicht die intimen Beziehungen – indessen, ich achte und schätze ihn hoch, sehr hoch – ich würde es mir stets zur Ehre anrechnen – es hätte das alles, alles so ganz, ganz anders kommen können –

Er strich sich über die Stirn.

Wäre nicht noch eine Möglichkeit? fragte Justus schnell.

Ein melancholisches Lächeln zuckte über das schöne Gesicht. Wie gern wollt' ich's! sagte er; ich dachte selbst – aber es ist zu spät – zu spät – ich hab's erfahren – heute Abend – eben noch – unsereiner kann nicht seinen Namen im Mund der Leute – und man braucht das – sehr geschickt, äußerst geschickt – verdammt!

Die Zähne nagten geschäftig an den feinen Lippen – die zornigen Augen blickten über Justus weg in den Saal hinein, als ob sie da jemand suchten; und sie behielten diese Richtung, als er jetzt, noch hastiger, abgerissener als vorhin, fragte: Sind Ihnen auch vielleicht über Car – über Fräulein von Wallbachs Beziehungen zu – zu – ich sehe es Ihnen an den Augen an, daß Sie wissen, was ich meine. Und Sie! aber die anderen! das klatscht dann so herum – und rechnet darauf, daß ich aus dem bekannten Grunde alles ruhig hinnehmen muß; aber ich will verdammt sein, wenn ich's tue.

Nur daß man nicht alles zu gleicher Zeit haben kann, sagte Justus.

Aber Ruhe, Ruhe vor den Schwätzern, bis es einem konveniert, selbst zu sprechen. Ich werde sie mir zu verschaffen wissen, glauben Sie mir – in fünf Minuten!

Ottomar stürzte plötzlich von Justus weg; wie ein Falke auf sein Beute, dachte Justus. – O diese unselige Ehre! welche Opfer sind dem Moloch schon gebracht worden! der arme Junge! ich mag ihn gern trotz alles Unheils, das er bereits angerichtet hat und eben wieder anrichten zu wollen scheint. Nun, ich kann ihn beim besten Willen nicht daran verhindern. Um Himmels willen schon halb zwei!

Justus hatte Mieting aus freien Stücken versprochen, das Fest Punkt zwölf Uhr zu verlassen. Er sah sich nach Antonio um, der in der Nähe des Tisches, an dem Ottomar und die anderen Offiziere gesessen, sich sehr eifrig mit der pikanten jungen Dame unterhielt, die einer der Herren – nicht Ottomar – zu Tisch geführt und die, nachdem nun auch Ottomar gegangen, von der ganzem Gesellschaft allein zurückgeblieben schien. – Ist ein Schwerenöter, der Antonio, sagte Justus, die einschmeichelnden Gebärden seines schönen Gehilfen und das Lachen der jungen Dame beobachtend; laß ihn! Du bekommst ihn doch nicht mit. – Von seinen Genossen sah er nur noch den langen Historienmaler, der mit einigen Herren, die zu der Gruppe der »jungen Leute« gehören mochten, in heftigem Wortwechsel begriffen war. – Er wird schon mit ihnen fertig werden, dachte Justus, als eben ein paar von der Gruppe sich loslösten und mit zornigen Gesichtern auf ihn zukamen.

Sie haben sich erlaubt, Lasker leben zu lassen, sagte ein schwärzlicher Jüngling.

Und ich hoffe, daß er von dieser Erlaubnis noch recht lange Gebrauch machen wird; erwiderte Justus, mit höflicher Verbeugung, an den Verdutzten vorüber, seinen Weg fortsetzend.

Unterdessen hatte Ottomar, an die Baronin herantretend, – aber ohne auf dem Stuhl neben ihr Platz zu nehmen, obgleich er, wie so ziemlich die Hälfte an dem Tische, längst nicht mehr besetzt war – mit lauterer Stimme gesagt, als es selbst für die alte halbtaube Dame in dem Lärmen ringsumher nötig war.

Verzeihen Sie, gnädige Frau, daß ich Sie mit einer Frage belästige!

Die Baronin blickte, die Riesenlorgnette vor den Augen, zu ihm auf; sie wußte sofort, was Ottomar fragen würde, und daß die Holzweg geplaudert hatte; und sie war entschlossen, die Sache nicht an sich kommen zu lassen.

Fragen Sie, was Sie wollen, liebes Kind! sagte sie.

Gewisse Gerüchte, die in der Gesellschaft hier über mich einerseits und Fräulein von Wallbach andererseits zirkulieren und die mir unter anderem auch durch Herrn von Grieben zu Ohren gekommen sind, lassen sich bis auf Sie, gnädige Frau, zurückführen, da Grieben sie von seiner Tante, Frau von Holzweg, und diese wieder von Ihnen zu haben behauptet.

Das ist eine lange Einleitung, liebes Kind, sagte die Baronin, um Zeit zu gewinnen.

Desto kürzer ist meine Frage: von wem haben Sie die Geschichten?

Ei, liebes Kind, alle Welt spricht ja davon!

Ich kann mich mit dieser Antwort nicht zufrieden geben, gnädige Frau; ich brauche eine bestimmte Person.

Dann suchen Sie sich eine! sagte die Baronin in ihrem gröbsten Ton, ihm den Rücken wendend.

Ottomar biß sich auf die Lippen und ging gerade auf Herrn von Wallbach zu, der eben, nachdem er auch im ganzen Saal vergeblich nach einem bereitwilligen Diener gesucht, zurückkam, der Baronin zu sagen, daß er sich selbst draußen umtun wolle.

Die Frau Baronin Kniebreche hat mich beauftragt, nach einer bestimmten Person zu suchen, von der gewisse Gerüchte über mich und Ihr Fräulein Schwester in Umlauf gesetzt sind; sollte ich diese Person vielleicht in dem Bruder Ihres Fräulein Schwester gefunden haben?

Mein Gott, Werben, sagte Herr von Wallbach, der sehr blaß geworden war, hier ist denn doch wahrlich nicht der Ort, um diese Dinge zu besprechen.

Das fällt Ihnen etwas spät ein, deucht mir, nachdem Sie sie hier nicht einmal, sondern mehrmals, wie es scheint, und mit verschiedenen Personen besprochen haben. Übrigens ist es mir selbstverständlich keineswegs um eine Besprechung zu tun, sondern ganz einfach um Konstatierung der Tatsache, daß diese Geschichten, so unglaublich es ist, von Ihnen ausgehen.

Aber, mein Gott, Werben, ich habe – es ist ja möglich, daß ich unserer alten Freundin, der Baronin Kniebreche, einige Mitteilungen –

Verzeihen Sie einen Augenblick, Herr von Wallbach! – Herr von Laßberg, würden Sie so freundlich sein und einen Augenblick näher treten, eine Erklärung mit anzuhören, die Herr Legationsrat von Wallbach mir eben zu geben die Güte hat? Sie sagten, Herr Legationsrat, daß es wohl möglich sei, Sie hätten unserer alten Freundin, der Frau Baronin von Kniebreche, gewisse Mitteilungen gemacht – wollen Sie mich verbinden und fortfahren!

Ich weiß ja gar nicht, welche Mitteilungen Sie im Sinne haben! rief Herr von Wallbach.

Sollten Sie mich wirklich zwingen wollen, Namen zu nennen? fragte Ottomar mit einem höhnischen Zucken seiner Lippen, die blitzenden Augen in Herrn von Wallbachs Augen bohrend, der ratlos, in peinlichster Verlegenheit, dastand.

Ich glaube, dies genügt! sagte Ottomar, sich zu dem Kameraden wendend; ich werde Sie natürlich sofort au courant setzen. – Herr von Wallbach, Sie werden morgen weiter von mir hören – für heute habe ich die Ehre.

Ottomar faßte den Kameraden unter den Arm und schritt, eifrig-leidenschaftlich auf ihn einsprechend, mit ihm nach seinem Platze zurück, während Wallbach von mehreren Bekannten umgeben wurde, die aus einiger Entfernung die Szene zwischen ihm und Ottomar beobachtet und nun – in aller Diskretion – zu wissen wünschten, ob zwischen ihm und seinem »Herrn Schwager« etwas vorgefallen sei?

Ich kann mich nicht engagieren, ohne vorher mit Herrn von Werben gesprochen zu haben, sagte eben Bertalde, der die Lust, mit dem bildschönen Italiener zu tanzen, aus den Augen blitzte.

Sind Sie mit dem Herrn engagiert? fragte Antonio.

Nein; aber er hat mich in seinem Wagen herfahren lassen und wird mich auch wohl zurückbringen. Er wollte vorhin schon fort. Dort kommt er; fragen Sie ihn doch mal! oder ich werde selbst –

Ottomar, der von dem Kameraden mit einem Händedruck und den Worten: morgen um acht also! sich eben getrennt hatte, war schon ganz nahe bei ihnen.

Der Herr, – Herr Antonio Michele, möchte den nächsten Walzer mit mir tanzen, sagte Bertalde; sie tanzen aber wieder ganz flott.

Ottomar antwortete nicht sogleich. Er hatte Antonio, der an der Tafel der Künstler, ihm schräg gegenüber, gesessen, bereits ein paarmal fixiert gehabt, ohne sich besinnen zu können, wo er das schöne dunkle Gesicht gesehen. Jetzt, als er in die schwarzen Augen blickte, wußte er es: in Justus' Atelier! Justus' italienischer Gehilfe, vor dem ihn Ferdinande gewarnt, von dem Ferdinande gesagt, daß er sie mit seiner Liebe verfolge, daß sie vor seiner Eifersucht zittere! In den schwarzen Augen, die fest auf ihn gerichtet waren, glänzte, wenn die Lippen des Mannes auch höflich lächelten, ein unheimliches, wie aus Haß und Eifersucht zusammenloderndes Feuer. Ein unsäglich widerwärtiges, aus Verachtung, Ekel und Grauen gemischtes Gefühl durchzuckte Ottomar. Nach allem, was er heute abend schon erlitten, auch noch dies!

Ich bitte für das Fräulein um Entschuldigung, sagte er in seinem hochfahrendsten Tone; ich war im Begriff, ihr meinen Wagen nach Hause zu offerieren.

Antonio hatte von den Künstlern, die eifrigere Theaterbesucher waren, als er, längst erfahren, wer Bertolde war.

Ich würde hernach das Fräulein sicher nach Hause geleiten, sagte er mit einem zweideutigen Lächeln.

Das Blut schoß Ottomar in die Wangen.

Sie sind ein Unverschämter! knirschte er, die Hand erhebend.

Antonio taumelte zurück und griff nach seiner Brusttasche; Bertolde warf sich fast in Ottomars Arme und riß ihn seitwärts. In demselben Augenblicke stürmte aus dem Billardsaal eine ganze Schar von Herren, die sich dort zu einer Boulepartie versammelt, in den Wintergarten herein, mitten zwischen die Streitenden durch. Ihre erschrockenen Gesichter, ihre heftigen Gestikulationen, ihre verworren-lauten Reden – alles verkündete, daß etwas Außerordentliches vorgefallen sein mußte, daß sie eine Schreckenskunde brachten.

Aber schon hatte die Schreckenskunde sich von der andern Seite – vom Vestibül her – in den Speisesaal verbreitet; sie war bereits bis zu den Tanzenden oben gelangt, die die breiten Treppen herabhasteten, während viele andere bereits aus den Speisesälen ihnen entgegendrängten: ist es möglich? – haben Sie es schon gehört? – großer Gott! – saubere Wirtschaft! – wer hätte das gedacht! – ein Mann, wie er! – Machen wir, daß wir fortkommen! – Es kommt keiner mehr hinaus, bis das Haus abgesucht ist! – Das wollen wir doch sehen! – Mein Gott! wo ist denn nur Papa? – Ein Glas Wasser! um Himmels willen! hören Sie denn nicht?

Niemand hörte: nicht mehr die Diener, nicht mehr die Gäste, die aus den Sälen, aus den Zimmern auf das Vestibül, in die Garderobe stürzten, wo alsbald ein lebensgefährliches Gedränge entstand. Vergebens, daß einige Besonnenere die Rasenden zu beschwichtigen suchten; vergebens, daß der endlich aus seinem Gefängnis befreite Polizeibeamte mit seinen Leuten sich der Flut entgegenstemmte. In wirren, sich überstürzenden Wogen drängten, wälzten sich die Entsetzten aus dem lichtstrahlenden Hause, das noch eben vom Festesjubel widergehallt, in die dunkle Straße, die der nächtliche Sturm durchheulte.

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.