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Sturmflut. Zweite Abteilung

Friedrich Spielhagen: Sturmflut. Zweite Abteilung - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleSturmflut. Zweite Abteilung
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
printrun33.-34. Auflage
year1913
firstpub1877
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141027
projectid381adaf6
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Viertes Buch

Erstes Kapitel

In einem goldstrahlenden Salon des Hôtel royal schritt – wenige Tage später – die Baronin Valerie von Warnow unruhvoll auf und nieder. Sie hatte, auf Giraldis Rat, ihre gestern abend erfolgte Ankunft heute morgen in das Haus des Generals melden lassen, mit dem Hinzufügen, daß sie sich leider zu angegriffen fühle, um sich in Person vorzustellen; sie hoffe, im Laufe des nächsten Tages, vielleicht erst der nächsten Tage, das Versäumte nachholen zu können. – Du darfst dich nicht dem Affront aussetzen, zurückgewiesen zu werden, – hatte Giraldi gesagt; – ich habe allen Grund, zu vermuten, daß er sich mehr als je für seine Lieblingsrolle des Ritters mit dem Helm des Mambrinus montiert hat; indessen: Tugendnarren sind unberechenbar wie andere Narren auch; möglicherweise hat ihn das unverhoffte Glück, sein mauvais sujet von Sohn endlich verlobt zu sehen, weich gemacht, und es kitzelt ihn, den Großmütigen, den Verzeihenden zu spielen. Wir werden ja hören, wie er die Botschaft aufnimmt, und danach unsere Maßnahmen treffen und unser Verhalten regeln.

Valerie wußte zu gut, daß ihr Bruder keine Rolle spielte, daß er stets war, was er schien, und daß, wenn er je verzieh, es nicht die Folge einer augenblicklichen Wallung sein würde, sondern die Überzeugung, daß sie ohne seine Verzeihung nicht länger leben könne und daß sie seine Verzeihung verdiene, wenn tiefste Reue, der heißeste Wunsch, das Vergangene wieder gut zu machen, soweit es noch möglich war, sie dazu berechtigten. Aber der Tag würde eben nie kommen; er würde heute, wie immer, jeden Versuch ihrer Annäherung mit kühler Höflichkeit zurückweisen, würde ihr auf ihre Anmeldung durch Sidonie antworten lassen, daß er ihr Unwohlsein bedauere und hoffe, es werde schnell vorübergehen, damit sie ihre Reise nach Warnow, zu der er bestes Glück wünsche, möglichst bald fortzusetzen imstande sei.

Und nun vor fünf Minuten war die Antwort gekommen: nicht von Sidoniens steifstelliger zeremoniöser Hand, – in einer kleinen zierlichen Schrift, die nur zu sehen Valerien wohltat, bevor sie – mit erwartungsvollen, starren Augen, die sich zuletzt mit Tränen füllten – las: »Teure Tante! Wir freuen uns so, daß Du endlich hier bist! Papa, der Dich bestens grüßt, hat heute vormittag einmal wieder Sitzung – es ist im Kriegsministerium jetzt wie in einem Bienenkorbe – aber wir, d. h. Tante Sidonie und ich, werden, wenn es Dir recht ist, um 12 Uhr vorsprechen, uns nach Deinem Befinden zu erkundigen, ich noch speziell, eine liebe Verwandte endlich einmal kennen zu lernen, die ich nie gesehen und die zu sehen ich mich doch schon recht oft gesehnt habe. – Else.

P. S. Ottomar war schon fort, als Dein Billett eintraf; ich lasse ihm Nachricht zurück und schicke auch zu Wallbachs, im Falle er, wie wahrscheinlich, dorthin gegangen sein sollte; er wird dann wohl mit Carla und Wallbachs kommen.«

Du gutes, süßes Kind! schluchzte Valerie; – ich habe dir seine Nachgiebigkeit zu danken, ganz gewiß! ich sehe es aus jedem deiner lieben, zartsinnigen Worte!

Sie küßte den Brief wieder und wieder! O, wenn du wüßtest, wie dankbar ich dir bin! wenn ich es dir sagen dürfte – auf meinen Knien, wie vor der Himmlischen einem! Sei du mein guter Engel! ach! du weißt nicht, wie sehr ich eines guten Engels bedarf und seiner reinen, starken Hand, mich zu erretten aus dieser grausamen Sklaverei! Aber, du wirst mich nicht retten können, auch wenn du wolltest. Was vermöchtest du gegen ihn? – Deine Unschuld, deine Güte, deine Klugheit – deinen Mut selbst – und du mußt klug und mutig sein, da du dem Starren, Unnahbaren dies abgetrotzt und abgeschmeichelt hast – er wird es alles in den Staub ziehen und unter seine grausamen Füße treten, wie er mich in den Staub gezogen und zertreten hat!

So irrte sie durch das weite Gemach, sich jetzt in einen Fauteuil werfend, weil ihr die Glieder den Dienst zu versagen drohten, und im nächsten Moment wieder aufspringend und ans Fenster eilend, nach einem Wagen zu sehen, der eben vor dem Hotel hielt; dann wieder vor einen der breiten Spiegel tretend und eifrig-ängstlich in ihr Gesicht spähend: es durfte ja, wenn er nun kam, ihre Aufregung nicht verraten – ein Zucken des Mundes, eine ungewöhnliche Röte oder Blässe der Wangen, ein höherer Glanz, ein matterer Schein der Augen – er sah ja alles, er deutete ja alles! er hatte ja den Schlüssel zu ihrer Seele! Wie gern hätte sie die liebe Briefstellerin allein empfangen! wie gern hätte sie ihm wenigstens den Brief unterschlagen! aber auch das durfte sie nicht wagen – jetzt um so weniger, wo ihr Mund ja sagen sollte, während ihr Herz nein schrie; wo ihre Lippen lächeln mußten, während eine Hölle in ihrem Busen tobte; wo sie üben mußte und wollte, was sie in seiner Schule gelernt!

Sie drückte auf die Glocke und befahl dem Kammerdiener, der in dem Vorzimmer wartete, woraus man in ihre und in Giraldis Gemächer gelangte, den Signor zu bitten, sich einen Augenblick zu ihr zu bemühen. Sie hatte den Auftrag im gleichgültigsten Tone gegeben. Der Mann – ein junger Franzose, den Giraldi in Rom engagiert – war freilich erst seit einigen Wochen in ihrem Dienst; aber er stand ganz gewiß mindestens ebenso lange in Giraldis Solde, wie die andern alle.

Es war noch keine Minute vergangen, als sie seinen Schritt im Vorzimmer hörte, er war heute, wie immer, bereit, jeden ihrer Wünsche zu erfüllen. Sie strich sich noch einmal flüchtig über die Stirn und Augen und versuchte, ob ihre Stimme leicht angab: Lieber Freund, ich habe – da öffnete ihm François schon die Tür.

Lieber Freund, ich habe bereits die Antwort in den Händen – von meiner Nichte – so überaus liebenswürdig, daß es nur eine Falle sein kann.

Sie hatte ihm den Brief gereicht, den er nur eben mit den Augen zu überfliegen schien – um ihn noch nach einem Jahre auswendig zu wissen, wie Valerie bei sich sagte, als er sich jetzt, den Brief zurückgebend, an demselben Tische niederließ, an welchem sie saß.

Der Brief könnte nur eine Falle werden, wenn du ihn ernsthaft nähmest, dann freilich eine recht schlimme.

Wie meinst du?

Die junge Dame hat ihn für ihre eigene Rechnung geschrieben; ich meine ohne Auftrag des Vaters, der vermutlich, als sie ihn schrieb, gar nicht zu Haus gewesen ist.

Das ist nicht möglich!

Weshalb?

Sie würde es nicht gewagt haben.

Was wagt ein junges Mädchen nicht, wenn sie glaubt, daß es sie gut kleidet? Und doch! hast du nicht gesehen, daß ihre Hand gestockt hat, als sie die Worte »Papa, der Dich bestens grüßt« schrieb? und erst wieder frei wird, nachdem sie sich bis zu der Wahrheit »er hat heute vormittag wieder einmal Sitzung« durchgelogen? Es ist immerhin interessant und vielversprechend, daß das Mädchen nicht einmal mit der Feder in der Hand zu lügen vermag. Von der können wir sicher alles erfahren, was wir noch zu wissen wünschen müssen.

Aber was brauchten wir noch zu wissen?

Wie?

In Giraldis dunklen Augen zuckte der flüchtigste Schimmer eines Lächelns: Mi fate ridere, cara mia – wir? aber du weißt noch nicht die Hälfte!

Dann wäre es doch deine Schuld, teurer Freund, der du mir nur die Hälfte gesagt hast? oder wüßte ich etwas ohne dich?

Er beugte sich zu ihr herüber und nahm ihre Hand, die er an seine Lippen führte.

Wüßte ich etwas, Seele meiner Seele, das ich dir nicht alsbald zutrüge, wie das Auge, das Ohr ihre Eindrücke dem Geiste zutragen, dessen Diener und Sklaven sie sind? Und wie treuen Dienern, eben weil sie treu, alles gar wohl und zum besten des Herrn gerät, so komme auch ich heute morgen mit dem reichen Fange der vierundzwanzig Stunden, die ich vor dir hier war, ihn dir zu Füßen zu legen und in dem Lächeln deiner Lippen meinen Dank zu empfangen.

Und weshalb erst heute morgen, treuloser Sklav'?

Gestern abend, Herrin, waren meine Taschen noch beinahe leer; seitdem –

Geschah ein Wunder?

Kaum weniger als das.

Giraldi sah nach der Uhr: halb zwölf; es ist noch gerade Zeit; um dreiviertel erwarte ich den Geheimrat Schieler; ich habe nur ein paar Minuten mit ihm zu sprechen, – Nachträgliches zu einer langen Unterredung, die ich gestern abend mit ihm hatte – so daß ich bei dem Empfang deiner Verwandten zugegen sein und dir das Peinliche einer ersten entrevue erleichtern kann.

Und der Geheimrat ist der Wundertäter?

Der Geheimrat ist ein brauchbares Werkzeug – voilà tout! um so brauchbarer, als er von vielen gebraucht wird und in seiner Eitelkeit und Dummheit – was nicht ganz dasselbe ist, aber beinahe auf dasselbe herauskommt – immer noch die Spur der Hand, die ihn zuletzt gebraucht hat, als Trophäe seiner vermeintlichen Wichtigkeit und Klugheit an sich trägt. Es ist gut, daß ein Gewisser sich nicht ganz klar darüber zu sein scheint, wie zweischneidig ein solches Werkzeug ist: er würde sonst in dem Gebrauche etwas vorsichtiger sein. Doch das nebenbei. Übrigens sind wir ihm zu Dank verpflichtet, soweit man jemand, der uns, ohne es zu wollen, einen großen Dienst leistet, zu Dank verpflichtet ist. War er es doch, der uns auf die günstige Konjunktur, die Güter an den Grafen Golm verkaufen zu können, aufmerksam gemacht hat, als es sich für ihn und seine Gesellschaft herausstellte, daß sie den Grafen, den sie notwendig brauchten, um keinen geringeren Preis haben könnten. Nun schnappt der Herr Graf nach dem fetten Köder genau so gierig, wie sie nach dem Herrn Grafen schnappen; sie haben keine Ahnung von dem Angler, der dem Spiel ganz gemächlich zusieht, um, im rechten Augenblick, die dummen Fische mit einem Ruck vor seine Füße auf den trocknen Sand zu schnellen, wo sie sich dann zu Tode zappeln mögen. Aber das interessiert die Herrin nicht!

Doch, doch! rief Valerie.

Ich sehe an dem zerstreuten Lächeln um ihre Lippen und der Starrheit ihrer Augen, daß sie kaum zugehört hat. Glücklicherweise habe ich noch etwas in petto, das ihr Interesse erregen wird.

Das Wunder?

Noch nicht; noch geht alles mit natürlichen Dingen zu. Denn, was ist natürlicher, als daß Graf Golm die Güter, die ihm so gelegen kommen, um sich zu arrondieren und zu rangieren, so billig wie möglich haben will? und wie könnte er sie wohl billiger haben, als wenn er ein Dritteil mit der Aussteuer seiner zukünftigen Gemahlin, das heißt so gut wie geschenkt, und ein zweites Dritteil als präsumtives Erbe eben dieser seiner Gemahlin, das heißt abermals so gut wie geschenkt bekommt? Bleibt nur der dritte Teil, der leider, seit vorgestern, unwiederbringlich verloren scheint. Sieht die Herrin nun? man braucht nur ein bißchen Liebe ins Spiel zu bringen, – sofort ist das Interesse der Damen da.

Valerien schlug das Herz. Wie richtig war ihre Ahnung gewesen! Das holde Kind, zu dem sie noch eben, wie zu einem Engel gebetet, – im nächsten Augenblicke schon hineingezogen, hineingezerrt in das schmutzige Spiel der Intrigue von dieser grausamen, unerbittlichen Hand!

Der Graf Golm liebt meine Nichte!

Das habe ich nicht gesagt; ich bin sogar, ohne der Liebenswürdigkeit der jungen Dame im geringsten nahe treten zu wollen, überzeugt, daß es nicht der Fall ist. Er kennt sie erst seit kürzester Zeit – seit der Reise des Generals in den letzten Tagen des vergangenen Monats. Deine norddeutschen Landsleute sind ja im allgemeinen den Gefahren einer Romeoleidenschaft nicht sehr ausgesetzt; überdies ein zu eklatanter materieller Vorteil ist an und für sich der Entfaltung der zarten Blume Liebe nicht eben günstig, und so ist denn die junge Dame in diesem Falle entweder durch den allzu ersichtlichen Positivismus des Bewerbers wirklich beleidigt, oder stellt sich doch so, um sich nach einer andern Seite – ich werde hernach darauf zurückkommen – frei zu halten. Wenigstens beklagt sich der Herr Graf bitter über die ihm zuteil gewordene Behandlung und droht, zum Entsetzen des Geheimrats, mit Abfall, nur daß er glücklicherweise die Unvorsichtigkeit begangen hat, in Form eines bedeutenden, durch den Geheimrat ihm vermittelten Vorschusses auf die geplante Verbindung Handgeld zu nehmen, und infolgedessen vorläufig gebunden ist.

Valerie staunte. Noch waren nicht zweimal vierundzwanzig Stunden vergangen, als Giraldi bei dem Empfang der Depesche, in der ihnen durch Sidonie die Verlobung Ottomars mit Fräulein von Wallbach nach München gemeldet wurde, in hellem Zorn aufflammte, trotzdem sie dieses Ereignis längst vorausgesehen und erwartet hatten; und heute schien derselbe Mann eine zweite Verbindung zu protegieren, durch die abermals, wenn nicht sichere Pläne, so doch stille, von ihm, wie sie wußte, zärtlich gehegte Hoffnungen vernichtet wurden!

Giraldi hatte ihr diese Gedanken vom Gesicht gelesen; er fuhr lächelnd fort:

Ich sagte: vorläufig, liebe Freundin; nur so lange, bis der Tropf – so lautet ja wohl euer deutsches Wort? – er ist ein Tropf – ich hatte ihn ebenfalls gestern abend, bevor du kamst, bereits gesprochen – er wohnt in unserem Hotel – uns die Kastanien aus dem Feuer geholt hat – dann mag er gehen, und je ärger er sich die Finger verbrannt hat, desto lieber soll es mir sein. Er muß aber vorläufig festgehalten werden aus folgendem Grunde. Wir brauchen den Konsens des Generals zum Verkauf der Güter nicht, denn er ist – durch Herrn von Wallbach und unsern Freund, den Geheimrat, zweimal überstimmt; was wir aber unbedingt brauchen, wenn der Handel abgeschlossen werden soll – das ist der Konsens der Regierung zum Bau der Bahn, und – der Geheimrat ist hier wieder mein Gewährsmann – wenn dieser Konsens gegeben wird, so ist es nur, weil der Graf in die Sache verwickelt ist und sich der speziellen Protektion in gewissen höchsten Kreisen erfreut, deren Einfluß in den ausschlaggebenden ministeriellen Regionen gerade jetzt besonders mächtig ist. – Ich habe bereits wieder nicht das Glück, deine Aufmerksamkeit zu fesseln.

Ich bin ganz Ohr.

Zum Dank dafür will ich wieder die zarte Seite berühren; also: es ist in unserm zwingendsten Interesse, und meine dringende Bitte geht dahin, daß du deiner Nichte gelegentlich – ich meine bei einer Gelegenheit, die deine Klugheit so leicht herbeiführen kann, – zu verstehen gibst, wie du diese Verbindung ganz besonders konvenabel fändest und nur, um den Schein zu vermeiden, durch den Verkauf der Güter einen naheliegenden Vorteil daraus ziehen zu wollen, nicht wünschtest, daß die Sache so schnell publique, oder auch nur faktisch – unter uns: rechtsgültig – werde. Das wird die junge Dame – mehr wünsche ich gar nicht – mindestens stutzig machen, bis wir nach dieser Seite im reinen sind und dann vielleicht – nur um sie für ihre Folgsamkeit zu belohnen – auch wieder etwas für sie und ihre speziellen Neigungen tun können. Ist dir dies alles klar?

Vollkommen! bis auf den letzten Punkt. Du deutetest schon vorhin an, daß meine Nichte nach einer andern Seite eine wirkliche Neigung habe, die uns nicht hinderlich sein würde?

Die ich sogar, wenn die Zeit gekommen, auf alle und jede legitime Weise zu befördern gedenke, und wäre es auch nur, um den Herrn General in gleicher Münze zu bezahlen für das, was er einem gewissen Signor Gregorio Giraldi und einer gewissen Signora Valeria, verwitweten Frau von Warnow, geborenen von Werben, vordem und jetzt getan hat und tut.

Die Lippen des Mannes lächelten, aber in den schwarzen Augen glitzerte es, wie die Klinge eines Dolches, der aus der Scheide fährt. Valerie überwand den Schauder, der sie durchrieselte. Lächelnd sagte sie:

Ich kenne ja deinen Scharfsinn, deine Divinationsgabe! aber hier hast du dich wahrlich selbst übertroffen. Es fehlt nur noch der Name des Glücklichen, und wo sie sich zum ersten, und wann sie sich zum letzten Male gesehen haben.

Giraldi verneigte sich:

Mit dem allen kann ich aufwarten, Signora! Bevor ich aber weiter von der liebenswürdigen Nichte berichte, muß ich eine kleine Geschichte von dem herrlichen Neffen erzählen, die zugleich als ein Beweis gelten mag der Gnade, mit der die Vorsehung dem hilft, der ihr gläubig vertraut.

Das Wunder also?

Entscheide selbst!

Der Ausdruck seines Gesichts war plötzlich ein anderer geworden; das überlegene Lächeln war verschwunden und hatte einem tiefen Ernst Platz gemacht; in den schwarzen Augen brütete eine melancholische Nacht; selbst die Stimme klang anders – weicher, inniger, als er jetzt in seiner Heimatsprache – er hatte bis dahin nur deutsch gesprochen – fortfuhr in dem Tone jemandes, der eine Sache, die ihn aufs tiefste erregt, mit möglichster Ruhe und Klarheit vortragen will.

Ich war gestern mittag, nachdem ich einige Besuche gemacht und empfangen, nach der Kunstausstellung gegangen und sogleich in die Abteilung für die Skulpturen eingetreten. Ich hatte Guarnerio, Braga und einigen andern unserer Freunde in Mailand und Rom, die Werke eingesandt haben, versprochen, mich sogleich an Ort und Stelle danach umzusehen: wie der Platz? wie die Wirkung? und ob die deutschen Künstler die Konkurrenz aushielten? Der Platz ist erbärmlich, die Wirkung infolgedessen stark beeinträchtigt, und die deutschen Künstler halten die Konkurrenz überraschend gut aus. Deine Landsleute haben gelernt: sie dürfen sich einiger Talente allerersten Ranges rühmen, wie Reinhold Begas, Siemering und ein dritter, dessen Namen ich zum ersten Male las – an der wundervollen Gruppe eines Satyr, dem ein schelmischer Amor den Spiegel vorhält: Justus Anders. Ich bitte, des Namens eingedenk zu bleiben; er kommt in meiner kleinen Geschichte noch weiter vor.

In der Nähe eines der Fenster erregte eine Figur in Lebensgröße zuerst meine Aufmerksamkeit, weil sie eine von den wenigen war, die wirklich gutes Licht hatten. Gewiß ein Meisterwerk, dachte ich, auf das sie besonders stolz sind. Es war keines, wenigstens nicht ersten Ranges: schön gedacht, aber nicht ebenso sicher ausgeführt – eine gewisse Unfreiheit in der Technik, die den Schüler verriet, der, noch nicht lange freigesprochen, zum ersten Male einen höheren Flug zu nehmen versucht. Auch der Gegenstand hätte kaum mein Interesse erregt: ein junger Hirte der Campagna in dem üblichen Kostüm, der mit erhobenen Augen und gefalteten Händen das Ave Maria betet; – nichtsdestoweniger fesselte mich das Bild in sonderbarer Weise. Darf ich es gestehen? ich glaubte mich selbst zu sehen vor fünfundzwanzig, dreißig Jahren, als ich so oft allein durch die Campagna streifte und Träume träumte, über die ich jetzt lächle, und schwärmerisch zum rosigen Himmel aufschaute, der für mich mit Engelscharen bevölkert war, und glühende Gebete emporsandte, von denen ich glaubte, daß sie erhört würden. Und seltsamer noch: im nächsten Augenblicke sah ich nicht mich, sondern dich, wie ich dich, gesehen an jenem unvergeßlichen Abend, als ich deiner Prinzessin und dir im Park vorgestellt wurde – den beiden Leonoren, wie man euch scherzend nannte, und ich mit dem ersten Blick in deine Augen mich verloren wußte, ohne zu ahnen, daß du mir damals schon verloren warst.

Er strich sich über die gesenkten Augen, die er dann – wie zufällig – zu ihr erhob. Auch sie hatte die Wimpern gesenkt; aber auf ihren bleichen Wangen zitterte ein Rot. War es der Widerschein der Sonne jenes Abends? Giraldi hoffte es; er ahnte nicht, wie wundersam das Gefühl gemischt war, das bei diesen Erinnerungen die Seele der unglücklichen Frau durchbebte. Er hoffte auch, daß sich die Augen zu einem Blick heben würden, in dem ein Schimmer der alten Liebesglut glänzte; aber die Wimpern hoben sich nicht. – Noch eine tiefere Saite also!

Und dann sah ich weder mich, noch dich, oder vielmehr: dann sah ich uns beide in einer dritten Gestalt – der Knechtsgestalt, in der er vielleicht jetzt, trotz alledem, nach Gottes Ratschluß und der heiligen Jungfrau Willen auf Erden wandelt.

Nein, nein, nein! rief sie.

Sie war aus ihrem Fauteuil aufgefahren, sank aber alsbald wieder zurück, die schlanken Hände über Stirn und Augen pressend, während ein Zucken wiederholt den zarten Körper durchschütterte.

Nein, nein, nein! murmelte sie wieder; – das kann der gerechte Gott nicht wollen! – Dann, sich besinnend, wie fürchterlich zweideutig ihre Worte waren, fügte sie hinzu: in Knechtsgestalt! mein Sohn!

Und meiner! sagte Giraldi sanft. – Valeria, bedenke: ist denn das Leben nicht süß, weil es das Leben? weil es Sonnenschein und Zikadenschwirren und Mondesglanz und Lautenklang ist? ach, wie oft habe ich gewünscht, ich hätte nie ein andres Licht gesehen! ich hätte andre Musik nie gehört!

Aber er lebt ja nicht mehr! rief sie; – kann ja nach allem, was wir erfahren haben, nicht mehr leben! Wer war es denn, der mir das mit so grausamer Klarheit bewies, damals, als ich alles gegeben hätte für ein Lächeln von ihm.

Damals? und jetzt nicht mehr?

In ihr schrie es abermals: Nein, nein, nein! denn dann wäre die Fessel, die mich an dich bindet, unzerreißbar: aber sie wagte nicht, es auszusprechen, und beugte wiederum stumm ihr Antlitz in die Hände:

Sein dunkles Auge ruhte fest auf der gebrochenen Gestalt. – Und jetzt nicht mehr? – Die Frage war nicht beantwortet worden. War es wirklich nur der Schmerz der Wunde, die so lange nicht vernarben konnte, und nun nicht wieder aufgerissen sein wollte? war es der Zweifel, der in Verzweiflung verstummt ist? oder lauerte in dem Schweigen der Verrat? war es eines jener Zeichen, deren er in letzter Zeit mehrere beobachtet: ein Zeichen still geplanten Abfalls? heimlicher Empörung gegen seine Herrschaft?

Sein finsterer Blick glitt zur Pendule.

Zu dieser Stunde arbeite, plane ich noch für sie. Mag sie sich hüten, daß die Stunde kommt, wo ich es für mich allein und dann notwendig gegen sie tue! mag sie sich hüten vor dem »jetzt nicht mehr!«

Darf ich fortfahren, Valeria?

Sie nickte stumm.

Fast scheue ich mich, es zu tun. Es begegnet mir so selten, daß ich mich von meiner Empfindung hinreißen lasse, wo der nüchterne Verstand, der die verworrenen Händel des Lebens gelassen schlichtet, allein herrschen sollte. Ich weiß, es steht mir nicht gut.

In der Stimme war kein leisester Anklang der finstern Gedanken, die er in seiner Seele wälzte: – ein Ton des Schmerzes, der sich gern verhüllen möchte; ein Ton des Vorwurfs, der sein Recht aufgibt und um Verzeihung bittet.

Als ich mich nach einiger Zeit von dem Bilde abwandte, sah ich, wenige Schritte davon entfernt, an den Fensterpfeiler gelehnt, einen Jüngling stehen, ohne Zweifel das Original des Bildes: derselbe Wuchs, in diesem Momente sogar dieselbe Haltung, dasselbe üppig-lockige Haar, Stirn, Mund und besonders die Augen – herrlichste, tiefschwarze Sammetaugen, die mit seltsam melancholischer Starrheit auf sein Abbild geheftet waren. Daß der junge Mann ein Landsmann sei, hatte ich auf den ersten Blick gesehen, und aus dem ersten Worte hörte ich auch den römischen Campagnolen heraus. Es war bei der Antwort auf die naheliegende Frage, ob er der Künstler des Bildes sei? Er war es nicht; er habe nur wiederholt Modell gestanden. – Aber Sie sind Künstler? fragte ich weiter. – Ich weiß es nicht, antwortete er, ich glaube es manchmal, und manchmal wieder nicht; ich weiß nur eines sicher: daß ich unglücklich, daß ich der unglücklichste der Menschen bin. – Er hatte die letzten Worte vor sich hingemurmelt, als er, sich jäh von mir abwendend, davonstürzen wollte. Ich glaube nicht, daß ich sie hören sollte; aber ich hatte sie gehört und hielt ihn am Arm zurück. – Wir sind Landsleute, sagte ich; Landsleute sollen zueinander stehen, immer; doppelt fest in der Fremde; dreifach fest, wenn es ein Unglück zu tragen und Hilfe zu bringen gibt. –

Er sah mich mit großen Augen an, die sich allmählich mit Tränen füllten; mir kann niemand helfen, sagte er. – Auch die Beichte ist eine Hilfe, und oft die größte, wirksamste für ein beladenes Herz. – Sie sind Priester? – Fragte das der Unglückliche, der blutend am Boden lag, als der Samariter sich liebevoll über ihn beugte? – Zwei große Tränen liefen ihm über die schönen Wangen, auf denen, während ich so mit ihm sprach, die Farbe gekommen und gegangen war. Ich hatte ihn mir gewonnen. Er versprach – ich mußte meinen Weg fortsetzen – mich am Abend in einer italienischen Weinstube, die er mir bezeichnete, zu treffen. Es plaudert sich besser in einer Weinstube, als in einem vornehmen Hotel.

Er erwartete mich bereits ungeduldig, als ich, durch deine verspätete Antwort ebenfalls verspätet, ihn endlich aufsuchte, geleitet von jener dunklen Macht, die mich oft gegen meine Neigung, ja mein Wollen zwingt, dies zu tun und jenes zu unterlassen. So in diesem Falle. Mein flüchtiges Interesse an dem jungen Menschen war bereits verschwunden, mein Kopf war mit ganz andern Dingen angefüllt; so hörte ich der Erzählung seines Lebens, die er seiner Beichte voranschicken zu müssen glaubte, nur mit halbem Ohre zu. Er heißt Antonio Michele und ist der Sohn blutarmer Weingärtner in oder in der unmittelbaren Nähe von Tivoli. Ein Mönch, der Beichtvater seiner Eltern, hat sich seiner von jeher besonders freundlich angenommen, – ich vermute, daß der heilige Mann sein Vater ist. Freilich konnte er, kaum minder arm, für seinen Schützling auch nicht viel mehr tun, als ihn lesen und schreiben lehren, und mußte ihn im übrigen seinem Schicksale überlassen. Es war das anderer armer schöner Knaben in der unmittelbaren Nähe Roms. Er hat seine Ziegen geweidet auf den Bergen, in der Campagna; herumstreifende Künstler fanden ihn, lockten ihn in die Stadt, ihnen zur Ausführung ihrer Skizzen Modell zu stehen. Er hat sich auf der Scala di Spagna, auf der Piazza Barberini, in den Ateliers der Maler und Bildhauer so lange herumgetrieben, bis der Ruf, das schönste Modell Roms zu sein, dessen er sich gewiß mit Recht erstellte, eines Tages seinen Ehrgeiz nicht mehr befriedigte und er selbst Künstler werden wollte. Es ging damit nicht ganz so schnell, wie er gehofft zu haben scheint; doch wurde er immerhin im Laufe der Jahre ein guter Marmorarbeiter; ich schließe es wenigstens daraus, daß ein deutscher Künstler, der ihn in Rom kennen gelernt, ihn vor zwei Jahren einlud, hierher in sein Atelier zu kommen. Antonio, den nichts mehr an Rom und die Heimat fesselte – seine Eltern waren bereits 1868 der Cholera zum Opfer gefallen, – folgte, ausgestattet mit dem Segen des guten Bruders und einem Reisegelde, gern dem vielversprechenden Rufe – folgte ihm, wie eben der Mensch seinem Verhängnis folgen muß.

Jener Künstler war derselbe Justus Anders, dessen ich vorhin als einer der bedeutendsten unter deinen Landsleuten erwähnte. Freilich nicht in den Augen Antonios, der ihm Erfindungsgabe, Schwung der Begeisterung, mit einem Worte alle höheren Künstlerqualitäten abspricht, ihn dagegen von Neid und Mißgunst gegen alle wahrhaften Talente erfüllt schildert, unter welche letztere er sich ohne Zweifel in erster Linie rechnet. Ich vermag natürlich nicht zu beurteilen, wie weit das letztere der Fall ist, vermute aber, daß ein Künstler von der zweifellosen Bedeutendheit eines Anders den jungen Menschen ganz richtig taxiert und daß, wenn er ihm keine größeren Aufgaben stellt, sondern fortfährt, ihn als einfachen Hilfsarbeiter zu benutzen, er seine guten Gründe dazu haben wird. Jedenfalls hat die vermeintliche Zurücksetzung unsern jungen Landsmann nicht verhindert, bei dem neidischen Meister nun bereits zwei Jahre lang auszuharren, freilich nur, wie ich annehme, um in der Nähe einer Dame bleiben zu können, für die der Leidenschaftliche von dem ersten Moment, daß er sie erblickte, in heißester Liebe entbrannte und die allerdings, wenn man seinen begeisterten Schilderungen trauen darf, ein non plus ultra von Schönheit und Liebreiz ist.

Diese Dame ist die Tochter eines Herrn Schmidt, der mit Marmor und Marmorwaren einen, wie es scheint, sehr schwunghaften Handel treibt, selbst Künstlerin und keine unbedeutende: jener Hirtenknabe ist aus ihrem Atelier hervorgegangen, das nur durch eine Tür von den Ateliers des Signor Anders getrennt ist. Ich verschone dich billig mit den Einzelheiten des Romans, der nun aus einem Atelier in das andere hinüber und herüber gespielt hat. Es scheint, daß Antonio – trotz seiner Versicherung des Gegenteils – niemals Ursache hatte, an die Erfüllung seiner ausschweifenden Hoffnungen zu glauben; es scheint aber auch, daß sich die schöne Dame die Liebe des schönen Jünglings gefallen ließ, vielleicht nur, weil sie nicht anders konnte, wenn sie nicht einer Sache, die in ihren Augen kein Gewicht hatte, ein Gewicht geben wollte, vielleicht auch, weil sie die Eifersucht des Leidenschaftlichen fürchtete. Diese Furcht war allerdings nicht ohne Grund. Sie liebte einen andern und wurde von diesem andern geliebt. Die unmittelbare Nachbarschaft der Häuser begünstigte die Heimlichkeit des Verhältnisses, das nur die von Eifersucht geschärften Augen Antonios durchschauten. Er folgte, mit den scharfen Sinnen und der Schlauheit des Campagnolen, den heimlichen Spuren, bis er sich – vor wenigen Tagen erst – unumstößliche Beweise verschaffte. Unter der Beihilfe eines Menschen, der aus irgend einem Grunde gern gemeinschaftliche Sache mit ihm machte, lieferte er diese Beweise in die Hände der Väter, die, voneinander in Lebensstellung sehr verschieden, überdies politische Gegner, wie jener Komplice wußte, auch noch eine alte persönliche Feindschaft auszutragen hatten. Der gutgeführte Schlag schnitt nach beiden Seiten über die Erwartung tief. Die Väter hatten eine Auseinandersetzung, bei der es hart genug hergegangen sein mag; eine Stunde später fand man die schöne Dame ohnmächtig in ihrem Atelier auf dem Fußboden liegend; noch eine Stunde später raste sie in hitzigem Fieber. In dem Nebenhause kann man davon nichts gewußt haben an diesem Tage und auch noch an dem folgenden nicht, man hätte sonst gewiß eine schicklichere Zeit gewählt, die Karten einer Verlobung auszusenden, die man in den vornehmen Kreisen der Gesellschaft allerdings längst erwartet. Uns traf die Nachricht dieser Verlobung in München: es war die des Fräuleins Carla von Wallbach mit Herrn Ottomar von Werben.

Um Gottes willen! rief Valerie.

Es muß wohl Gottes Wille gewesen sein, erwiderte Giraldi mit finsterm Lächeln; sonst wäre gewiß die Angelegenheit, die sich bereits so lange hingezögert, noch ein paar Tage in der Schwebe geblieben. Ich hätte die Bekanntschaft des jungen Mannes dann vor der Katastrophe gemacht; das heißt, die Katastrophe wäre überhaupt nicht eingetreten. Anstatt in ein Verhältnis, das uns so wunderbar günstig war, mit dem Feuer der Eifersucht und dem Schwert der Rache blindwütend hineinzufahren, würde ich es dem Schutz der heiligen Jungfrau empfohlen und für mein Teil alles, was Menschenklugheit vermag, aufgeboten haben, es zu fördern und zu einem gedeihlichen Ende zu bringen. Es wäre mir gewiß gelungen; es hat nicht sein sollen – würden andre sagen: ich sage es nicht. Ich kenne nur einen Gegner, vor dem ich die Waffen strecke – das ist der Tod. Solange ich mit dem Leben rechnen darf, rechne ich mit ihm, hoffe von ihm, und – vorläufig lebt die schöne Ferdinande noch. Was sagt meine Freundin zu dieser zweiten Geschichte?

Daß ich wünschte, mein Freund hätte sie nie erfahren.

Weshalb?

Sie wird, wie ich ihn kenne, in seiner rastlosen Seele tausend Hoffnungen wecken, die nicht in Erfüllung gehen; sie wird ihm eine Welt von Arbeit schaffen, die abermals vergeblich ist.

Nicht vergeblich, wenn die heilige Jungfrau will und meine Freundin mir ihren Beistand nicht versagt.

Was kann ich in dieser Sache tun?

Beinahe alles, wenigstens alles, was für den Augenblick zu tun ist. Ich meine damit: die Beteiligten beobachten, in erster Linie das verlobte Paar; sehen, wie sie ihr Glück tragen, ob mit der Bescheidenheit, die in Anbetracht der Umstände, unter denen es geboren wurde, ziemlich scheint, ob mit jenem trotzigen Hochmut, der, nach eurem Sprichworte, vor dem Falle kommt. Ein flüchtiges Wort, eine Gebärde, ein Augenaufschlag – was sagen sie nicht dem, der so gut vorbereitet herantritt, wie meine kluge Freundin! Ich empfehle ihr vor allem die geistreiche Carla, die ihr mit offenen Armen entgegenkommen wird: les beaux esprits se rencontrent! – aber auch – um auf meine erste Geschichte zurückzukommen und sie, wie ein guter Erzähler, schicklich mit der zweiten zu verflechten – die bescheidenere Else empfehle ich ihrer freundlichen Sorge. Ich habe sogar hinsichtlich dieser jungen Dame eine ganz spezielle Bitte: darauf zu achten, ob sie ein höheres Interesse an den Tag legt, sobald in ihrer Gegenwart der Name eines gewissen Herrn Reinhold Schmidt genannt wird.

Was ist dies nun wieder, mein Freund?

Die letzte meiner Neuigkeiten, die ich dem lieben Geheimrat verdanke, der dafür wiederum dem Grafen Golm verbunden war. Eine kleine Eifersuchtsepisode, auf die ich den größten Wert lege, obgleich ich hinsichtlich der Details allerdings noch etwas im Rückstande bin. Immerhin ist es interessant, daß der genannte Herr – deine Nichte machte seine Bekanntschaft erst kürzlich auf der mehrbesprochenen Reise – ein Cousin eben jener schönen Ferdinande ist, deren Schönheit dich beinahe um eine halbe Million reicher gemacht hätte. Die Eifersucht des vornehmen Herrn und die zornige Verachtung, mit der der arme Antonio von dem Capitano spricht, lassen mich schließen, daß der Cousin der Cousine nicht ganz unähnlich ist. Du wirst zugeben, daß man eine so liebenswürdige Familie kultivieren muß. Ich brenne darauf, ihre Bekanntschaft zu machen.

Giraldi hatte sich erhoben, dem Diener, der eben mit einer Visitenkarte in den Salon gekommen war, einige Schritte entgegenzugehen. – Ah, rief er, die Karte von dem Teller nehmend, – bitten Sie Seine Exzellenz, in mein Zimmer zu treten! Ich folge im Augenblick!

Er hatte sich wieder zu Valerien gewandt.

Das ist ein glücklich-unglückliches Zusammentreffen – in dem Augenblick, wo wir deine Verwandten erwarten! Den Geheimrat könnte ich zur Not abweisen, um so mehr, als er sich bereits verspätet hat – dieser Herr gehört zu denen, die man zu jeder Stunde und unter allen Umständen empfangen muß.

Er hatte die Karte Valerien hingehalten. – Wer ist es? fragte sie, einen Namen lesend, auf den sie in ihrer Verwirrung sich nicht besinnen konnte.

Aber, cara mia! rief Giraldi; – wer das ist? Der Mann, der, halb erblindet, schärfer sieht, als die meisten Menschen mit ihren beiden gesunden Augen! Der Mann, der, aller amtlichen Autorität entkleidet, dem Kanzler des deutschen Reichs mehr zu schaffen macht, als der Bevollmächtigte eines Großstaates es vermöchte; der Mann, mit einem Worte, auf dessen gebrechlicher Gestalt die Last des Kampfes, den wir in Deutschland zu kämpfen haben, fast ganz allein ruht! Aber freilich, ich will mich gern bescheiden, daß meine Herrin für die Leiden unserer heiligen Kirche kein lebhaftes Mitgefühl habe, wenn sie nur ihre eigenen Leiden nicht ungeduldig trägt, wenn nur die unverhoffte, wie durch ein Wunder aufgetane Aussicht, die Unbill langer Jahre vielleicht mit einem Schlage zu rächen, sie zu locken vermag! Dort sind tausend und abertausend Brave bereit, die Waffen aufzunehmen, die der Hand des ermüdeten Gottesstreiters entsinken; hier, in diesem Kampfe, stehe ich allein, und die allerheiligste Jungfrau möge mir verzeihen, wenn mir ihre Sache nicht teurer ist, als die der Mutter meines Kindes!

Es war ein stählerner Klang in der weichen, melodischen Stimme des Mannes; ein seltsames Feuer glühte in seinen dunklen Augen; die schlanke, elastische Gestalt schien zu wachsen, wie er jetzt, hoch aufgerichtet, den einen Arm wie zum Kampfe erhoben, dastand. Dann, wie weggezaubert, war alles Heroische aus Stimme, Miene, Haltung, Gebärde verschwunden. Er beugte sich zu der Sitzenden herab, nahm ihre Hand, auf die er mit ehrfürchtiger Zärtlichkeit feine Lippen drückte: Addio, carissima! addio, anima mia dolce!

Er war gegangen, noch in der Tür mit anmutiger Bewegung ihr einen Gruß zuwinkend, den sie gehorsam-lächelnd erwiderte; dann sank sie, wie zerschmettert, in ihren Sessel zurück.

Vergebens, vergebens! murmelte sie; – ich werde mich nie frei machen können, nie! Er ist der tausendmal Stärkere, und er weiß es – nur zu gut! Das war der Blick des Tigers auf das Reh unter seinen Klauen; das waren die Augen der Schlange, die dem Vogel ins Nest starrt! Verloren! verloren! seine sichre Beute! sein gehorsames Werkzeug! gezwungen zu handeln, zu sprechen, zu lächeln, zu atmen, wie er es will! Weiß ich denn die Lektion auch noch? wehe mir, wenn ich ein Wort vergessen habe! er würde es alsbald entdecken: Und das hast du nicht gesehen? wo hattest du denn, ich bitte, deine Augen? – und das hattest du nicht gehört? ei, meine Liebe, das hört man doch mit halbem Ohr! – Er, ja, er, mit dem die Dämonen im Bunde sind! dem sie alle geschäftig dienen! dem sie den Weg ebnen, auf dem er einherschreitet mit stolzem Siegesschritt, sein Opfer hinter sich herschleifend! Was anders ist jener Antonio als solch ein sklavischer Dämon, ein Abgesandter aus der Hölle, der, wie er gerufen wird, dasteht: hier bin ich, Herr! was befiehlt mein Herr? Zwietracht säen zwischen Vater und Sohn, zwischen Vater und Tochter? zwischen dem Liebenden und der Geliebten? ich habe es bereits getan, zu tun versucht! verzeihe, o Herr, dem ungeschickten Knecht, der plump mit der Geißel drein schlug! lehre mich, wie man mit Skorpionen züchtigt! ich werde schnell in deinem Dienste lernen, ich werde deiner würdig sein! Und hast du mehr zu tun: einer Mädchenseele ihr keusches Geheimnis zu entlocken und es dir auszuliefern, daß du es betasten, besudeln, zerpflücken und zerreißen kannst mit deinen entweihten, grausamen Händen – nein! dafür ist schon gesorgt; das versteht ein Weib besser, die Helfershelferin, die ausgelernte, deiner Höllenkünste. Sie ist freilich die Verwandte deines Opfers, könnte, müßte nach dem natürlichen Gange der Dinge ihr eine zweite Mutter sein: desto besser! so wird sie sich desto leichter in ihr Vertrauen schleichen, desto feiner die Fäden spinnen, in denen sich das arme Vögelchen verflattert! – O mein Gott, mein Gott! wie grenzenlos muß ich gesündigt haben, daß du so gar nicht verzeihen willst! daß du mich so ganz verlassen hast!

Sie drückte ihr Antlitz in die Hände, ihr Busen hob sich krampfhaft; aber die Last wollte nicht leichter werden, keine Träne das brennende Auge kühlen. So saß sie da allein in dem großen, prunkhaften Gemach, einsam, verlassen, hilflos, gebrochen, sich sehnend nach einem Worte des Trostes, der Liebe – ein seltsames, rührendes, erschütterndes Bild in den Augen des jungen Mädchens, das bereits seit einer halben Minute an der Tür stand, die es leise geöffnet und leise wieder hinter sich zugezogen hatte, sich scheute, näher zu kommen, zu beleidigen, zu erschrecken fürchtete und dann – die Scheu und die Furcht von sich werfend, der Wallung ihres Herzens folgend – schnellen Schrittes auf die Tiefgebeugte zueilte und, bevor sich diese von ihrem Sitz erheben, ja, sich nur klar machen konnte, was da geschah, wie es geschah, vor ihr niederkniend und ihre Hände ergreifend, rief: Tante, liebe Tante! da bin ich! sei mir nicht bös! ich habe mich so danach gesehnt, dich zu sehen! hast du kein freundlich Wort für mich?

Valerie konnte nicht sprechen; starren Auges blickte sie in das von holder Scham und herzlichem Mitleid erglühende Antlitz des jungen Mädchens. Plötzlich schlang sie, einem Ertrinkenden gleich, der in den Wirbeln des Stromes nach dem schlanken Weidenstamme greift, die Arme um sie; ihr Kopf sank auf die Schulter der Knienden, und unaufhaltsam stürzten die Tränen hervor, die ihr gequältes Herz so lange in sich verschlossen.

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