Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Spielhagen >

Sturmflut. Zweite Abteilung

Friedrich Spielhagen: Sturmflut. Zweite Abteilung - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleSturmflut. Zweite Abteilung
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
printrun33.-34. Auflage
year1913
firstpub1877
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141027
projectid381adaf6
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel

Auch durch Berlins geradzeilige Straßen sauste heute Abend der Sturm.

Mag er doch! Was kümmert's uns, die wir hier unten die Trottoirs entlang hasten – eine Unbequemlichkeit mehr! wir sind an Unbequemlichkeiten jeder Art gewöhnt! Und wenn uns ein Ziegel oder ein Schiefer vor die Füße niederklappert – uns hat er ja nicht getroffen – Gott sei Dank! Und sollte ein Schornstein umgeweht oder ein neues Haus eingedrückt werden, oder etwas derart – wir werden es ja morgen im Polizeiberichte lesen! Wir haben an wichtigere Dinge zu denken, – wahrhaftig! Der Sturm, der heute durch die Kammerdebatte gebraust ist, wird die Dächer mancher Fabrik auf Aktien noch ganz anders abdecken, manch' großes Haus, das heute morgen noch sehr fest zu stehen schien und die Börse beherrschte, bis in seine Grundmauern erschüttern und andere zum schmählichsten Falle bringen! Gleich dieses hier! es ist eben erst fertig geworden, nachdem der Bau über Jahr und Tag gedauert, Unsummen gekostet, und seine Herrlichkeiten die Verwunderung aller erregt, die sie zu schauen begnadigt gewesen, und die brennende Neugier der vielen, die sich mit dem Anblick der turmhohen Gerüste begnügen mußten. – Sollte heute nicht der große Einweihungsball stattfinden, über den sie in den betreffenden Kreisen sich schon seit vierzehn Tagen Wunderdinge erzählt? Freilich! und freilich ein kurioses Zusammentreffen, daß es just heute sein muß, wo der zündende Blitz in das Nachbarhaus geschlagen, das auf demselben hohlen Fundamente steht, aus demselben sündhaft schlechten Material in die Höhe gebracht und, alles in allem, genau derselbe elende Schwindel ist, vom Grunde bis zum Giebel. Ich möchte nicht in der Haut des Mannes stecken! – Ich auch nicht, lieber Freund; aber, glaube mir, unsere moralische Entrüstung, wenn er sie kennte, würde für den Mann nur eine Ergötzlichkeit mehr sein. Er hat sein Schäflein im Trocknen. Was kümmert's ihn, ob du und ich, und wer immer in der heranbrausenden Flut ersäuft? wer hieß uns, in das Wasser gehen, das keine Balken hat, als für ihn und seinesgleichen? Du meintest vielleicht, wenn nicht die bleiche Sorge, die hinter ihm herschleicht, so müßte die nackte Scham ihn abhalten, gerade heute, wo ihm und seiner Sippe das Kainszeichen auf die Stirn gebrannt ist, das Kalb der Freude zu schlachten! Und nun schau! schau hinauf zu dieser prachtvollen Fassade, wie sie glänzen, die hohen Fenster, durch deren mit rotseidenen Gardinen behängte Spiegelscheiben das Licht aus den unzähligen Wachskerzen tageshell bis hier auf unsere dunkle Existenz fällt! Kein schnödes Gaslicht, als auf den Fluren und Korridoren! So hat's der Kaiser in seinem Palais; so mußte er's auch haben! Das kostbare Zeltdach vor dem Portale, das der Sturm zerzaust, den Brüsseler Teppich, der von dem Portale bis zu den heranrollenden Wagen in den Straßenschmutz schleift, – man wird sie morgen in Fetzen und Lumpen auf den Kehricht werfen – weshalb nicht? man hat's ja dazu! Komm! die Herren Konstabler mustern uns bereits mit unwilligen Blicken; sie ahnen unsere verbrecherischen Zweifel an der heiligen Ordnung, die in Spiegelscheiben, Marmorportalen, befranzten Zeltdächern und Brüsseler Teppichen steckt! Oder hättest du eine Einladungskarte, wie Justus Anders, der da eben, verloren in Bewundrung der Lackstiefel, die seine Füße so selten schmücken, und in Sorge um seinen neuen Hut, den schönen Antonio als Adjutanten hinter sich, unser, seiner besten Freunde nicht achtend, vorübereilt? Mach' ihm kein verdrießliches Gesicht und schleudere ihm kein Anathema nach aus der Tiefe deines verletzten demokratischen Gewissens! Es soll der Dichter mit dem König, und es muß der Künstler mit dem Gründer gehen. Das sind Gesetze, die wir zu respektieren haben. Und nun laß auch uns gehen und auf des braven Laskers Wohl eine Flasche leeren! Nur den einen Wagen noch? o Saule, Saule! weitbauschige Damenkleider – das ist dir recht: die alte Kniebreche! sauve qui peut!

Die alte Baronin hatte dabei sein müssen. Sie mußte überall sein, sagte man, wo es etwas zu sehen gab; bei der Erschaffung der Erde sei sie bereits zugegen gewesen und werde auch dem Untergang assistieren. Sie hatte sich erst von Ottomar eine Karte besorgen lassen wollen, dann aber Herrn von Wallbach mit dieser Ehre betraut. Die Differenzen zwischen Werbens und Wallbachs waren kein Geheimnis mehr, wenigstens nicht für sie; der liebe Giraldi, der übrigens die Diskretion selber war und wirklich nur sagte, was sich schließlich denn doch nicht mehr verbergen ließ, hatte ihr einiges mitgeteilt – schauderhafte Dinge! allerdings noch nicht so schauderhaft, als die, die ihr eben der gute Wallbach, der sie in seiner Equipage abgeholt, unterwegs erzählt hatte. Die arme, arme Carla! positiv verlassen um eines hübschen Bürgermädels willen, das ihm seine alten Maitressen hatten zutreiben müssen? Auf dem Balle selbst wollte Wallbach ihr die zeigen, die die Hauptrolle in der schmachvollen Geschichte gespielt – eine Tänzerin an einem obskuren Theater! Daß Wallbach es nur gar nicht vergaß! sie sei zu neugierig, die Person zu sehen! Bei einem solchen positiven Skandal könne man nicht zu sorgsam in der Prüfung selbst irrelevanter Details sein! Und wenn sich die liebe Carla in ihrem Schmerz zu trösten versucht habe – natürlich, lieber Wallbach! was sollte sie tun? es versteht sich das von selbst, und sie hatte ja den lieben Grafen sous la main! Oh, mon Dieu! wie ich mich in diesem Ottomar getäuscht habe! aber sie haben alle nichts getaugt! ich kenne sie schon von dem Großvater her! ja, den Urgroßvater habe ich noch als kleines Mädchen gesehen! Und doch würde sich der alte Herr im Grabe umdrehen, wenn er wüßte, wie es seine Urenkelkinder treiben. Else – na, lieber Wallbach, die Geschichte glaube ich Ihnen zur Not, obgleich es ein starkes Stück ist für eine Generalstochter; und daß Ottomar flott Wechsel geritten hat – ich kenne ganze Regimenter, die es tun, aber nun hört's auf – weiter gehe ich nicht; ich müßte es denn aus seinem eigenen Munde hören –

Aber, gnädige Frau, ich beschwöre Sie bei allem, was heilig ist, keine Indiskretion!

Halten Sie mich denn für ein Baby, für eine Gans, für ich weiß nicht was? Dergleichen müssen Sie positiv der alten Kniebreche nicht sagen, die Ihre Großmutter sein könnte! Geben Sie mir wieder Ihren Arm und zeigen Sie mir ein paar interessante Persönlichkeiten. Wird Lasker auch hier sein? Was sagen Sie? Man dürfe im Hause des Gehenkten? – ei, was geht es denn mich an, wenn Krethi und Plethi einander in die Haare geraten! Aber unser liebenswürdiger Wirt – zeigen Sie mir den Menschen doch mal! Der große breitschultrige Herr mit der massiven Stirn und dem vollen Kinn? stattlicher Mann! bringen Sie mir ihn gleich her!

Philipp war entzückt, endlich und in seinem eigenen Hause die persönliche Bekanntschaft einer Dame zu machen, die mit Recht zu den wenigen Berühmtheiten zähle, deren Berlin sich erfreue. Nun erst dürfe er sagen, daß sein Fest nicht verfehlt sei. Ob die gnädige Frau ihm die Ehre erweisen wolle, sich von ihm in den Tanzsaal führen zu lassen? er habe leider die Tanzlust der Jugend nicht länger zügeln können, sonst würde er die gnädige Frau auf jeden Fall gebeten haben, mit ihm die Polonaise zu eröffnen. Er freue sich, daß die gnädige Frau sich nicht zu vereinsamt in seiner Gesellschaft fühlen werde, wenn gleich einige erlauchte Namen zu seinem Leidwesen aus der Präsenzliste gestrichen werden mußten, wie der des Grafen Golm. Man könne eben nicht alles und alle zu gleicher Zeit haben; er sei ein bescheidener Mann – immer gewesen, und »Ehrt den König seine Würde, ehret uns der Hände Fleiß« der Wahlspruch, an dem er sein Leben lang festgehalten habe und festzuhalten gedenke. Ob die Säulen, die das Orchester trügen, echter Marmor seien? gewiß! er sei ja eines Marmorwarenhändlers Sohn! Er dürfe sagen, es sei alles echt, was die gnädige Frau hier sähe, bis etwa auf das Rosenrot einiger Damenwangen, an dem er für sein Teil gelinden Zweifel habe, und den Adel einiger Barone und Baroninnen, der wiederum der gnädigen Frau ein wenig »talmi« erscheinen dürfte. Die Börse sei allerdings heutzutage fast allmächtig, aber freilich, wie viel Ellen man auch seiner Schleppe ansetze; und für wie viel tausend Taler Diamanten und Brillanten man in seine Frisur stecke oder auf seine Robe nähe – eine Baronin Kniebreche und eine Baronin – er dürfe keinen Namen nennen; es sei und bleibe eben ein Unterschied. – Ob die gnädige Frau ihm verstatten wolle, ihr einige Erfrischungen zu offerieren – hier, gleich nebenan!

Für einen Rotürier ganz passabler Mensch! schrie die Kniebreche der Baronin von Holzweg ins Ohr, die sie in dem Büfettzimmer inmitten einer kleinen Gruppe anderer adliger Damen entdeckt hatte; – er versteht zu leben, man muß es dem Menschen lassen! wüßte bei Gott außer bei Majestät in ganz Berlin keine prachtvolleren Räume, bloß, daß es hier noch ein gut Teil behaglicher ist. Welch splendider Einfall, unmittelbar neben dem Tanzsaal ein Büfett aufzustellen, und mit so guten Sachen! Was haben Sie denn da, Liebe? Austernbrötchen? sehr gut! – junger Mensch, bringen Sie mir ein paar Austernbrötchen und ein Glas d'Yquem! –Und wie das eine Gesellschaft zusammenzubringen versteht! nehme an, daß Krethi und Plethi darunter – Schauspielerinnen, Tänzerinnen – Gott weiß, was; aber wenn man nicht genauer hinsieht, könnte man glauben, man wäre auf einem Hofball! Tanzsaal wimmelt positiv von Garde! Na, junge Leute! kann's ihnen nicht verdenken, sind ja hier Hahn im. Korbe! A propos, was hat denn Sie hierher gebracht, liebe Baronin?

Aber ganz unter uns, liebe Baronin, flüsterte die Holzweg.

Na, natürlich unter uns, schrie die Kniebreche.

Prinz Wladimir wird auf einen Augenblick erwartet.

Sieh' mal einer! da durften Sie und Fräulein Nichte natürlich nicht fehlen! Nehmen Sie sich nur in acht! die »berühmten Liebespaare« grassieren jetzt! Na, na! hab's nicht bös gemeint; concediere nach oben gern weitesten Spielraum, wenn nur nach unten die Dehors gewahrt werden. Aber da gehen ja jetzt Dinge vor, liebe Baronin, Dinge –

Und die Kniebreche führte mit ihrem Riesenfächer ungeheuerliche Bewegungen aus.

Darf man so indiskret sein, liebe Baronin? flüsterte die Holzweg, neugierig näher rückend.

Das heißt, ganz unter uns, liebe Baronin!

Aber, wie können Sie nur denken, liebe Baronin!

Die Köpfe der beiden alten Damen verschwanden für längere Zeit hinter dem schwarzen Fächer.

Und das alles sind Fakta, liebe Baronin?

Positive Fakta! ich habe es von Wallbach, der sonst die Diskretion selber ist. Aber schließlich hört doch alles auf. Ist er das da nicht – da hinten an der Tür? wahrhaftig! und spricht mit Signor Giraldi! da muß ich doch einmal hin; der liebe Mann hört positiv das Gras wachsen.

Die alte Dame erhob sich schwerfällig und rauschte, die Lorgnette vor den halberloschenen Augen, während alles scheu vor dem schwarzen Fächer auf die Seite wich, auf die beiden Herren zu.

Die Baronin Holzweg war sitzen geblieben mit einem bösen Lächeln auf dem bleichen gedunsenen Gesicht: Sieh! sieh! murmelte sie; – das wird Agnes ja freuen! Dieser hochmütige Herr von Werben, der mit ihr nicht tanzen will, weil er alle ausgesprochenen und unausgesprochenen, aber keine unaussprechlichen Verhältnisse goutiere! Unaussprechlich! so, so! vielleicht gefallen ihm die besprochenen auch nicht besser. Und das Fräulein Schwester Hochmuth, der er mit Agnes umzugehen verboten hat und die nun mit einem Lotsenkommandeur durchgeht! köstlich!

Was haben Sie denn so Lächerliches, meine Liebe! fragte Frau von Pusterhausen, wieder an die Freundin heranrückend; – Sie hatten es ja so geheimnisvoll mit der Kniebreche – konnte leider die Madame Beitel, oder wie die Person hieß, nicht loswerden. Das schwatzt und schwatzt – habe nur so ein paar Worte gehört – schien sich um die Werbens zu handeln? – habe ich recht? und darf man nicht hören, was es gegeben hat?

Aber es bleibt unter uns, meine Liebe!

Seien Sie versichert, meine Liebe!

Und die beiden Damen steckten die Köpfe zusammen, die eine schadenfroh lauschend, die andere mit hämischer Freude berichtend, was sie selbst eben erst gehört.

Giraldi war, nachdem er eine halbe Stunde durch die Säle gestrichen, Herrn von Wallbach, der die Baronin glücklich los geworden war, begegnet.

Ich wollte gerade gehen, sagte er; – die Hitze, das Gedränge, das ewige Gerede über den Lasker –

Herr von Wallbach strich sich mit einem leisen Seufzer über die kahle Stirn.

Freilich, freilich! sagte er. Der Lasker! der Lasker! es ist ein furchtbarer Schlag. Das schöne, schöne Geschäft! Wir werden uns von dem Schlage, obgleich er uns direkt ja gar nicht getroffen hat, nicht wieder erholen. Es ist der Anfang des Endes – glauben Sie mir!

Ich sehe weniger schwarz, erwiderte Giraldi; – es ist eben der erste Schrecken. Eure Minister haben sich freilich traurig benommen, der Pöbel wird jauchzen, aber die Reaktion kann nicht ausbleiben. Man wird finden, daß die Sonne des Liberalismus, die jetzt so hell strahlt, selbst nicht ohne Flecken ist; der Staat wird, und wäre es bloß, um die Opposition zu ärgern, seiner Zeit die Zinsgarantie für eine erkleckliche Prioritätsanleihe und später vermutlich die ganze Sache übernehmen. Die Herren Gründer müßten sich dümmer als dumm gerieren, wenn dabei nicht immer noch ein tüchtiges Stück für sie abfiele – nebenbei auch für unsern Herrn Grafen.

Nichtsdestoweniger werden wir, ich meine der Warnowsche Familienrat, lange auf die Bezahlung der zweiten Rate warten können, sagte Herr von Wallbach nachdenklich.

Davon bin allerdings auch ich überzeugt, erwiderte Giraldi; – Dank Eurer Langmut, die so lange gezaudert hat, bis die Aktien, mit denen Ihr ihn bezahlt, so tief heruntergegangen sind. Hätte man auf mich gehört: er mußte die ganze Million auf einem Brett zahlen; damals als die Aktien 75 standen, wäre es möglich gewesen; und er hätte immer noch beinahe eine halbe Million übrig behalten.

Freilich, freilich! sagte Herr von Wallbach; es hat sich wieder einmal gezeigt, daß Sie der beste Finanzier unter uns sind. Es ist nur gut, daß wir die erste Rate haben. Das Geld ist ja, wenn alles kommt, wie Sie sagen, schon jetzt so gut wie Eigentum der Frau Baronin; nichtsdestoweniger werden wir in diesen Tagen – ich wollte Sie vorhin daran erinnern – dennoch einmal pro forma zusammentreten und von Ihnen einen Verwaltungsbericht entgegennehmen müssen. Sie haben das Geld noch immer bei Haselow?

Wo sonst?

Ich meine nur, weil wir Ihnen hinsichtlich der Placierung völlig freie Hand ließen. Wollte Gott, es wäre der Moment schon da, wo ich gar nichts mehr damit zu tun hätte! Auf jeden Fall werde ich mich in der Session durch Schieler vertreten lassen. Wenn man im Begriff ist, dem Sohne den Stuhl vor die Tür zu setzen, kann man nicht wohl mit dem Vater kollegialisch verkehren.

Bezahlen Sie morgen Ottomars Wechsel, drücken Sie über gewisse – Verschreibungen, die dabei vorgekommen sein müssen – wie sollte er es sonst fertig gebracht haben! – ein Auge zu; über die Geschichte mit der schönen Ferdinande das andere und – alles bleibt beim Alten.

Spotten Sie noch? es wird zum mindesten ein horrender Skandal.

Besser früher, als zu spät. Und überdies, wenn das Publikum mit der Auflösung der Verlobung die neue Verlobungsanzeige erhält, so ist alles wieder in bester Ordnung. Herr von Wallbach machte ein sehr bedenkliches Gesicht. Seit heute – seit der abscheulichen Rede, sagte er, steht der Graf wieder um so viel schlechter; ich weiß nicht, wie es jetzt mit ihm werden soll.

Verzeihen Sie, erwiderte Giraldi; nach meiner Ansicht liegt die Sache ganz anders. Die Stundung ist für den Grafen ein enormer Gewinn. Da sind so viele Chancen; die Aktien können wieder steigen; anderenfalls wird die mächtige Hand, die ihm die Zahlung der ersten Rate ermöglichte, sich zum zweiten Male öffnen. Tut sie es nicht, nun, so wird das Kuratorium auf einen Akkord eingehen müssen – sagen wir mit 25 Prozent; das heißt: der Herr Graf kann sich 75 gutschreiben. Und schließlich: das Majorat bleibt ihm doch immer.

Freilich, freilich! sagte Herr von Wallbach; das bleibt ihm immer.

Er strich sich wieder über die Stirn: Haben Sie Werben schon gesehen!

Er wird schwerlich kommen; er ist angenehmer beschäftigt. Die gute Bertalde hat dem verliebten Paare einmal wieder ihre Wohnung eingeräumt und vertanzt sich den Schmerz ihrer jungen Witwenschaft. Die Polka ist zu Ende; ich werde mir von der mitteilsamen Kleinen noch einige Details ausbitten, falls Ihnen damit gedient wäre. Ich spreche Sie vielleicht morgen. – Für heute: addio!

Giraldi wandte sich in dem Augenblicke, als die Baronin Kniebreche heranrauschte, und schlüpfte in den Tanzsaal, Bertalden, der er am Arm eines eleganten Offiziers begegnete, im Vorübergehen ein Zeichen mit den Augen machend. Bertalde dankte ihrem Tänzer und hatte Giraldi, der in eines der weniger gefüllten Seitengemächer getreten war, bald eingeholt.

Nun? fragte er, sich setzend und Bertalden mit einem Wink der Hand einladend, an seiner Seite Platz zu nehmen – hast du das Geld bekommen, Kind?

Ja, und ich danke Ihnen herzlich; ich brauchte es wirklich recht notwendig. Mein armer Bruder –

Ich will nicht wissen, was du mit dem Gelde anfängst. So lange du mir gefällig bist, wirst du dich nie vergebens an mich wenden. Die Hauptsache jetzt: sind sie endlich glücklich?

Das Mädchen wurde rot. – Ich hab' es wirklich geschickt genug angefangen, sagte sie zögernd.

Sie ist gar nicht gekommen? fragte Giraldi heftig.

Doch! ich hatte ihr so viel von dem Balle ihres Bruders erzählt, und –

Deiner Garderobe – und so weiter!

Na also! es war alles nur dummes Zeug; ich sah's ihr ja an den Augen an, sie konnte es nicht länger aushalten und war seelenfroh, daß ich ihr eine anständige Gelegenheit verschaffte. Sie kam auch eine halbe Stunde vor der Zeit und fand es wieder sehr schön bei mir – gerade wie das erste Mal, als sie im November da war – und half mir beim Anziehen und – na, man kennt das ja, wenn eine, die recht verliebt ist, ihren Liebsten erwartet. Da klingelt es. – Wer kann das sein? sage ich. – Vielleicht Herr von Werben, sagt meine Johanne, die natürlich Bescheid wußte. – Wie soll der heute hierher kommen? – Vielleicht ein Bukett, er ist ja immer so aufmerksam, sagt die Johanne. – Unterdessen wird sie in einem Atem bleich und rot und zittert am ganzen Leibe; fällt mir um den Hals und heult: Nein, nein! ich hab's ja geschworen! Und ehe ich mich's versehe, aus dem Zimmer hinaus – ohne Hut und Mantel – die Treppe hinab, in den Wagen hinein, der noch unten gehalten hat – rrrr! fort ist sie! Das nächste Mal läuft sie nicht wieder weg; das glaube ich ganz bestimmt.

Das nächste Mal; rief Giraldi mit kaum verhehltem Grimm; als ob ich ein Jahrhundert warten könnte! Ich hatte so viele Hoffnungen darauf gesetzt! ihm selbst so viele gemacht! Wie nahm er es?

Er war ganz außer sich; ich habe eine halbe Stunde an ihm herumtrösten müssen; so was ist noch gar nicht dagewesen; ich glaube wirklich, er tut sich noch ein Leid an, wenn er das Mädchen nicht bekommt. Es ist kein Spaß, mit den beiden fertig zu werden, das kann ich Ihnen sagen; und wenn ich Werben nicht so gut wäre und die arme Ferdinande mich nicht so dauerte – ich tät's um kein Geld der Welt.

Wollte er nicht mit?

Er liegt längelang bei mir auf dem Sofa und will von der ganzen Welt nichts wissen; aber ich glaube, er kommt doch noch. So was wird doch in einer Stunde langweilig, und hier ist es famos. Da fängt der Konter an, und da kommt mein Tänzer – darf ich?

Geh' nur! und wenn du ihn siehst, sag' ihm, daß ich ihn morgen früh zwischen neun und zehn erwarte. Er weiß schon, weshalb.

Ich suche Sie überall, meine Gnädigste.

Der schwarzlockige junge Stutzer entführte die reizende, mit höchstem Geschmack gekleidete Tänzerin, die lachend seinen Arm genommen und nun, über die Schulter gewandt, Giraldi noch eine Kußhand zuwarf.

Giraldi war sitzen geblieben; er konnte hier, während die Wogen des Festes ununterbrochen ihn umrauschten, ein paar Minuten gewinnen, seine Lage zu überdenken. Sie war weitaus nicht mehr so gut, als vor wenigen Tagen. Seit heute mittag hatte er die zweite Rate, auf die er noch immer, wenigstens zum Teil, gehofft, definitiv verloren gegeben. Er hatte weiter mit voller Sicherheit darauf gerechnet, daß heute endlich das mit so unermüdlicher Ausdauer gesponnene Netz sich über Ottomar und Ferdinande zusammenziehen werde. Er würde von dem interessanten Faktum einen besseren Gebrauch gemacht haben, als Antonio seinerzeit von dem Rendez-vous im Park! Damals war die Verlobung Ottomars und Carlas die Folge gewesen; heute würde der Bruch dieser Verlobung daraus hervorgegangen sein. Wer konnte es jetzt Ottomar verdenken, wenn er, durch die unsinnige Sprödigkeit des Mädchens gereizt, außer sich, verzweifelnd, sich wieder zu Carla wandte, – zu Carla, die ihn, so weit sie dazu überhaupt imstande, geliebt; und frivol, wie sie war, bloß um der lieben Abwechselung willen, von dem neuen Geliebten sich wieder zu dem alten zurückwenden würde? – Und hatte die Unterredung eben mit Herrn von Wallbach nicht bewiesen, daß man in jenem Lager mindestens noch schwankte, ob man es zum Äußersten kommen lassen solle? Herr von Wallbach hatte von vornherein erklärt, daß er Giraldis »Vermutung«, es seien bei Ottomars fortgesetzter Wechselreiterei in letzter Zeit häßliche Dinge vorgekommen, zwar leider teile, an diesen Punkt aber direkt niemals rühren werde. Sollte sich – vielleicht schon bei der nächsten Ultimo-Regulierung – die Vermutung bewahrheiten, so werde er natürlich davon Notiz nehmen müssen; um so mehr, in je weiteren Kreisen der Gesellschaft sich das Gerücht bereits vorher verbreitet habe, aber doch nur, um sein Bedauern auszudrücken und die Überzeugung, daß so böses Gerede, wie es aus unnachweislicher Quelle geflossen, ebenso spurlos wieder verschwinden werde. Dagegen sei er – Wallbach – wenn sich in dem von Giraldi behaupteten Verhältnis Ottomars und Ferdinandes etwas Positives nachweisen lasse, allerdings entschlossen, davon den geeigneten Gebrauch zu machen, um seiner Schwester willen, der eine derartige Konkurrenz auf die Dauer am Ende doch unbequem werden dürfte.

Nur war jenes »Positive« wiederum nicht nachzuweisen.

Blieb die Wechselaffäre!

Und wenn Ottomar morgen einen Fußfall tat? der stolze Vater, von dem Sohne die ungeheure Schande fern zu halten, die auf die ganze Familie zurückfallen würde, die Sache auf sich nahm? Er wußte es freilich besser; aber durfte er es denn sagen? mußte er nicht schweigend zusehen, wenn Vater und Sohn unter sich die Sache freundschaftlich regulierten? Zwanzigtausend Taler würden freilich nicht leicht aufzubringen sein; indessen, in solcher Not wird das Unmögliche möglich gemacht, und der General hatte ohne Zweifel gute und mächtige Freunde. Im schlimmsten Falle, wenn die Baronin Kniebreche und die übrigen in das Vertrauen Gezogenen das heilige Siegel der Verschwiegenheit gar zu arg verletzt haben sollten, gab es ein paar Duelle – etwas Rechtes für Ottomar, der neulich noch lachend geäußert, er werde wohl nächstens das Dutzend voll haben!

Freilich ein Duell zwischen ihm und Herrn von Wallbach?

Das würde entscheidend sein.

Nur daß Herr von Wallbach, dessen Nerven immer ein wenig derangiert waren, an alles dachte, nur an kein Duell.

Und Ottomar auf ihn zu hetzen?

Es hatte seine Schwierigkeit. Man würde zu dem Zwecke deutlicher mit der Sprache herausgehen, sich direkter in die Sache mischen müssen, als man bisher getan, und es war sein wohlerwogener Entschluß gewesen, die Maske nicht eher fallen zu lassen, als bis –

Des Italieners Gesicht verdüsterte sich immer mehr, wie er so, den Kopf leicht auf die behandschuhte Rechte gestützt, den zusammengedrückten Hut auf den Knien, sinnend, brütend dasaß, während von Zeit zu Zeit lachende Paare an ihm vorüber nach dem Ballsaal eilten, aus dem noch immer zum Kontertanz eingeladen wurde, der wegen der Menge der Teilnehmer sich schwer arrangieren ließ.

Wenn Valerie morgen, wie er noch immer hoffte, zu allem Ja und Amen sagte, wie sie es stets getan – nun, so konnte man die Mine, ehe man sie anzündete, noch in aller Ruhe tiefer und so tief graben, daß kein Stein von dem Gebäude, des Werben-Glückes auf dem andern blieb, die Gebeine selbst der Verhaßten hierhin und dorthin durch die Luft flogen –

Aber wenn sie trotzte? wenn sie – nach siebenundzwanzig Jahren stummer Unterwerfung – es zur Empörung trieb? ihm nicht für einmal und diesmal, sondern für immer den Gehorsam kündigte? die Gebieterin herauskehrte, die Herrin?

Nun! sie tat es auf ihre Gefahr! Er war auch darauf vorbereitet. Dann war eben die Zeit des Abwartens, Temporisierens, Diplomatisierens mit einem Schlage vorbei; dann handelte es sich um ein sehr klares, sehr genau umschriebenes: Entweder – Oder!

Aber sie würde den Mut nicht haben. Und mochte sie doch hassen, wenn sie nur fürchtete und gehorchte!

Er hob seine Augen vor einem leisen Geräusch in seiner Nähe und zuckte zusammen, als er den schwarzen Feueraugen seines jungen Landsmannes begegnete.

Eccolo! rief Giraldi, mit seinem bezauberndsten Lächeln die Hand ausstreckend, – wie kommst du denn hierher, mein Sohn?

Es fehlte an Tänzern, erwiderte Antonio, die dargebotene Hand an seine Brust drückend; – der Maestro war aufgefordert, einige junge Künstler mitzubringen. Er hatte die Güte, an mich zu denken.

Und warum tanzest du nicht?

Ich habe nicht das Glück, so schöne junge Damen zu kennen, wie Eccellenza.

Giraldi lachte, während er bei sich überlegte, ob Antonio in Bertalden die verschleierte Dame, die zu Ferdinanden kam, erkannt haben könne. Es war äußerst unwahrscheinlich, aber eine Erklärung mußte er dem intimen Gespräch mit dem schönen Mädchen doch geben.

Neidest du mir mein Glück, Antonio? rief er.

Ich neide Eccellenza nicht ihr Glück; wer verdiente es mehr? erwiderte Antonio mit schmeichlerischer Demut.

Und, weil du bescheiden bist, wirst du glücklicher werden, als mich alles Gold der Welt machen kann. Du bist schön und jung und – liebst, und daß deine Liebe gekrönt wird – dafür laß mich hier und den guten Fra Ambrosio sorgen. Wir beide sind für dich geschäftig; harre nur noch ein weniges, und deine Prüfungszeit wird beendet sein, und du wirst alles haben, wonach dein Herz verlangt; ja, mehr, als du in deinen kühnsten Träumen je geträumt, vor allem aber Rache – glänzendste, eklatanteste, herzerquickende Rache an deinem Feinde. Ich schwöre es dir bei dem süßen Herzen Jesu und der allerheiligsten Jungfrau.

Die beiden Italiener bekreuzten sich.

Und nun, mein Sohn, ich spreche dich in den nächsten Tagen. Für heute vergiß die Liebessorgen und pflücke die Rose der Lust, ohne dich an dem Dorn zu verletzen.

Er deutete nach dem Tanzsaal, drückte Antonio wiederholt die Hand und ging.

Der junge Mann blickte dem langsam Davonschreitenden mit düsterer Stirne nach; er hatte keinen Augenblick daran gezweifelt, daß das reizende junge Mädchen, das er mit dem Signor so angelegentlich und vertraulich hatte sprechen sehen, dasselbe war, welches er an jenem Abend in der Dämmerung bei ihm getroffen, das heißt dasselbe, das im Anfang wiederholt zu Ferdinande gekommen war. Kannte er doch ihre Größe, ihre Gestalt so genau! hatte er sich doch ihre Art zu gehen, sich zu wenden, so gut gemerkt! Es mochte seine Maitresse sein – wohl! Was hatte sie dann aber bei Ferdinanden zu tun gehabt? weshalb sagte er ihm nicht, um was es sich dort gehandelt? weshalb hatte er ihm selbst heute den Namen der Dame nicht genannt? war möglichst schnell auf ein anderes Thema übergegangen? oder vielmehr: hatte nur dieselben schönen Phrasen wiederholt, mit denen er dem Vertrauensvollen nur zu oft schon geschmeichelt, ohne daß eine der herrlichen Versprechungen bis heute Wahrheit geworden wäre? Und das sollte genügen, daran sollte er sein elendes Leben weiter fristen? er, der dem klugen Signor schon längst nicht mehr traute? Der Signor mochte sich vorsehen vor jemand, der sich Antonio Michele nannte und der eben, als der Signor bei dem süßen Herzen Jesu und bei der allerheiligsten Jungfrau schwor, ebenfalls einen Schwur getan, der in genauster Verbindung mit dem des Signor stand! – Da war die Dame des Signor! Er würde sich ihr nicht direkt nähern – so dumm war Antonio Michele nicht; aber er würde ihren Namen zu erfahren suchen, was ja nicht schwer halten konnte, und vor allem würde er sie nicht aus den Augen verlieren!

Unterdessen war Giraldi weiter durch die überfüllten Säle gewandert, von Zeit zu Zeit um sich blickend, ob er Ottomar würde entdecken können, unsicher, ob er es wünschen, ob er ihn erwarten solle? ob er besser tue, sich jetzt zu entfernen und den Dingen hier ihren Lauf zu lassen. Der Zug nach Sundin ging erst um ein Uhr. Es war jetzt zwölf; er hatte noch etwa eine halbe Stunde Zeit. Eine halbe Stunde! Sonst genügte ihm eine halbe Minute, die wichtigsten Entschlüsse zu fassen. Aber man wird dumm unter den dummen Menschen! Und nun muß mir auch noch der Bursche über den Weg laufen!

Die plötzliche, gänzlich unerwartete Begegnung mit Antonio hatte Giraldi auf das peinlichste berührt. Er hatte längere Zeit an den jungen Mann nicht gedacht; er hatte ihn beinahe vergessen, wie alle, die er zur Ausführung seiner Pläne eben nicht brauchte, oder nicht mehr brauchte. Er brauchte Antonio nicht mehr. Für das Netz, das er um Ottomar und Ferdinande spann, war ihm Bertolde ein so viel gefügigeres und bequemeres Werkzeug; über Reinhold und Else wußte er längst, was er wissen wollte; und ob des Eifers, mit dem er anfänglich den Plan verfolgte, in dem schönen, jungen Menschen den Sohn zu entdecken, der das schwankende Verhältnis zwischen ihm und Valerien wieder aufrichten sollte, hatte er selbst später gelächelt. Ja, wenn Fra Antonio bereitwillig auf die Sache eingegangen wäre! wenn er in Valerien durch seine Andeutungen auch nur die Sehnsucht nach dem Verlorenen erweckt hätte, um von Hoffnung ganz zu schweigen! Aber das Experiment war so gänzlich fehlgeschlagen; es hatte vielmehr das entgegengesetzte Resultat gehabt: hatte ihm deutlicher als alles bewiesen, daß ihr Herz sich mehr und mehr, vielleicht gänzlich, von ihm gewandt. Und wenn er auch, unter veränderten Umständen vielleicht, auf den Plan zurückkam – an Antonio war nicht wieder zu denken, gegen den Valeriens Verdacht einmal erregt war. Sie würde jetzt voraussichtlich den zwingendsten Beweisen keinen Glauben schenken, geschweige denn einem mehr oder weniger gut erfundenen Märchen.

Und dafür – für dies hohle Nichts – hatte er das Gemüt des Leidenschaftlichen mit glänzenden Hoffnungen, mit ehrgeizigen Träumen erfüllt, die sich doch bald ebenfalls als ein hohles Nichts herausstellen mußten, an die jener vielleicht selbst schon nicht mehr glaubte! Es hatte in den schwarzen Augen, deren unheimliches Flackern ihn schon wiederholt auf den Gedanken gebracht, daß der junge Mann früher oder später dem Wahnsinn verfallen werde, ja, vielleicht schon wahnsinnig sei, etwas davon gebrütet; und in dem Moment, als er ihm zuschwor, daß er an seinem Todfeinde gerächt werden solle, hatte um die sonst so festgeschlossenen Lippen blitzgleich ein Lächeln gezuckt, das wohl nur eine Deutung zuließ. Wenn der junge Mann je erführe, daß derselbe, der ihm die Geliebte versprochen, sie dem andern in die Arme getrieben – sollte man dem Mordstahl nicht jetzt, da es noch Zeit war, eine andere Richtung, die rechte Richtung geben auf das Herz des gemeinschaftlichen Feindes? Antonio sagen: ich will es dir nur gestehen, mein Sohn! was du über alles fürchtest, ist bereits Wirklichkeit: in diesem Augenblick umarmt er deine Geliebte. Ich habe es nicht verhindern können; töte mich! Oder, wenn du dich und mich rächen willst – halte dein Stilett bereit – ich weiß, du führst es immer bei dir – in wenigen Minuten wird er kommen, noch berauscht von seinem sündigen Glück. Und so stoße ihn nieder – nieder!

In seine blutgierigen Phantasien, wie in einen Traum, eingesponnen, hatte Giraldi, an einen Türpfosten gelehnt, dagestanden, mit starren Augen in das Gewühl blickend, ohne etwas zu sehen. Plötzlich zuckte er zusammen. Da drüben, durch die Breite des Saales von ihm getrennt, war Ottomar. Noch hatte jener, mit ein paar andern Offizieren sprechend, ihm den Rücken zugewandt; noch konnte er durch die Tür, in der er lehnte, in die Nebensäle und aus der Gesellschaft verschwinden. Es war das beste! Der Regisseur mochte, nachdem er alles wohl geordnet, die Bühne seinen Puppen überlassen. Was bedurfte es in diesem Intrigenstücke des blutigen Dolches? Ein paar böse Wechsel; ein Gerede, Wahres mit Falschem klüglich vermischend, geschickt unter die Leute gebracht – und der erwartete Erfolg konnte nicht ausbleiben, wenn auch ein und der andere angezogene Faden seine Wirkung versagte. Zu viel Geschäftigkeit ist mißlich, lautet Hamlets Leichenrede über dem erschlagenen Polonius.

Und Giraldi glitt aus der Tür in den Saal, aus dem er gekommen war, zurück und gewann durch einige Seitenzimmer, die breiten in Licht strahlenden Marmortreppen hinab, das Vestibül und die Garderobe.

Hier kamen noch immer Gäste: einige Damen, die, nach ihren Äußerungen zu schließen, allzuspät in dem Ballett zu tun gehabt hatten, und ein älterer Herr, der seinen Pelz auszog, während der harrende Diener Giraldi den seinigen anhalf. Der Italiener schlug eiligst den Kragen in die Höhe; aber der Herr hatte ihn bereits erkannt und vertrat dem Davonschreitenden den Weg.

Mein Gott, Herr Giraldi! Sie wollen schon fort?

Ich bin todmüde, Herr Geheimrat, und die Hitze und das Gedränge oben sind erstaunlich!

Ich war heute bereits dreimal vergebens in Ihrem Hotel; so spreche ich Sie doch wenigstens auf einen Augenblick. Was sagen Sie? verehrter Freund, was sagen Sie?

Wozu?

Der Geheimrat ließ beinahe seinen Klapphut fallen: Wozu? gerechter Gott! kann man denn heute über etwas anderes sprechen, als über die skandalöse Rede?

Es scheint nicht, sagte Giraldi; da oben spricht wenigstens jeder zweite Herr und jede vierte Dame davon. Mich geht glücklicherweise die Geschichte nichts an.

Nicht direkt! sagte der Geheimrat eifrig. – aber indirekt, Verehrter, indirekt! Wie klug sind Sie wieder gewesen: der einzige, der von einem Hinausschieben des Termins für die Zahlung der zweiten Hälfte des Kaufgeldes nichts wissen wollte! Sie haben nur zu sehr recht gehabt: der Graf ist ruiniert; er wird die zweite Hälfte niemals zahlen.

Man muß sich eben in das Unabwendbare fügen.

Sehr philosophisch gedacht! Freilich bei Ihrem finanziellen Genie! Sie werden das bald genug wieder einbringen! Weiß ich doch erst seit heute nachmittag, daß Sie – ich nehme an für die Frau Baronin – gleichviel – Sie selbst dem Grafen die halbe Million geliehen haben, mit der er –

Giraldis Brauen zogen sich zu einer schwarzen Wolke zusammen.

Hat der Herr Graf geplaudert – gegen sein Ehrenwort?

Der Graf, der Graf? rief der Geheimrat; – als ob der sich um etwas bekümmerte! er wirft seine Aktien auf den Markt, ruiniert uns den Kurs und – amüsiert sich weiter. Ich bedaure es, so viel ich Haare auf dem Kopfe habe, daß wir uns jemals mit einem grand Seigneur eingelassen. Lübbener –

Ah! so! sagte Giraldi.

Nun natürlich! Lübbener! fuhr der Geheimrat fort; – er hat ja gewiß nur im Interesse der Bahn gehandelt, als er Ihnen heute nachmittag die halbe Million Hypothek auszahlte, nachdem Sie Ihren festen Entschluß erklärt, andernfalls die sofortige Subhastation zu beantragen. Ich kann es Ihnen auch gar nicht verdenken, daß Sie schleunigst wieder zu einem Gelde kommen wollten, das so sehr gefährdet schien; aber hart ist es doch, wenn Feind und Freund zugleich an unserm Ruin arbeiten –

Ich halte Lübbeners Finanzkraft für noch lange nicht erschöpft.

Verzeihen Sie, Verehrtester: weil Ihnen diese Annahme konveniert; ich kann Ihnen sagen: ich war eine Viertelstunde, nachdem Sie Ihr Geschäft mit ihm absolviert, bei ihm. Der Mann war außer sich. Er sagte, das habe ihm, das habe unserm ganzen Unternehmen vollends den Rest gegeben. Heute morgen Laskers Rede – der Kurs auf zwanzig herunter; am Nachmittage eine halbe Million herauszuzahlen, worauf er gar nicht vorbereitet gewesen – es sei der Anfang des Endes –

Genau die Worte des Herrn von Wallbach, sagte Giraldi. – Aber verzeihen Sie, Herr Geheimrat – es ist ein wenig warm hier –

Sie wollen nicht noch einmal heraufkommen?

Um keinen Preis!

Sie haben vielleicht recht, sagte der Geheimrat; ich ginge mit Ihnen, wenn ich nicht Lübbener, der doch sicher oben ist –

Ich habe ihn nicht gesehen –

Sie werden über unsern kleinen Freund weggesehen haben – einiges mitteilen wollte, was ich eben bei dem Herrn Minister, der mich hatte rufen lassen und bis jetzt festgehalten, in Erfahrung gebracht und das ihm in der Kampagne für den morgenden Tag hoffentlich von Nutzen sein wird.

So will ich mich Ihnen empfehlen; ich bin wirklich todmüde.

Der Geheimrat hatte noch immer den Knopf von Giraldis Pelz nicht losgelassen. In die verhältnismäßige Stille dieser unteren Räume dröhnte von obenher die wilde Musik eines rasend schnellen Walzers und das dumpfe Rauschen und Schleifen der Tanzenden, von deren wirbelnden Füßen es beständig wie Fieberschauer durch den prächtigen Bau zitterte.

Sie tanzen auf einem Vulkan, sagte der Geheimrat mit tonloser Stimme: glauben Sie mir! Er kann sich nicht halten; es ist unmöglich. Wir haben ihn natürlich mit Aktien bezahlen müssen, wie alle Welt. Womit er jetzt, seitdem wir auf zwanzig herunter sind, seine Engagements ausführen soll, mag der Himmel wissen. Ich kalkuliere, daß der Mann in spätestens vier Wochen fertig ist, und – wir mit ihm.

Bedaure von Herzen, aber wenn in einer Stunde die Welt unterginge, ich legte mich jetzt zu Bett.

Der Geheimrat ließ fast erschrocken den Knopf los: in den großen schwarzen Augen des Mannes, obgleich er das mit dem müden Lächeln eines völlig abgespannten Menschen gesagt, hatte es so unheimlich geblitzt.

Als ob er bei dem Untergange der Welt eine aktive Rolle spielen würde, murmelte der Geheimrat, vor einem der breiten Spiegel sein kurzes, trockenes Haar bürstend. – Seltsam! wie mir in Gesellschaft des Mannes immer so schnurrige Gedanken kommen! Diese Ruhe in solchem Augenblick! Und dabei macht er Geschäfte mit Millionen, von denen keine Menschenseele was weiß, und verliert eine Million und – legt sich zu Bett! Unheimlicher Mensch!

Der Geheimrat steckte die Bürste in die Tasche, zupfte noch einmal an seiner weißen Krawatte, ergriff seinen Klapphut und war im Begriff, die Garderobe zu verlassen, als ein andrer später Gast eilig hereintrat und, seinen Pelz auf den Tisch werfend, dem Diener mit einer von Hast, wie es schien, zitternden Stimme zurief: Wollen Sie ihn gefälligst separat legen – ich werde nur ganz kurze Zeit – ah! Herr Geheimrat!

Mein Gott, Lübbener, wie sehen Sie denn aus?

Lübbener winkte mit den Augen und legte zum Überfluß einen Finger auf den Mund; zog dann den erschrockenen Geheimrat in die fernste Ecke der Garderobe und sagte, sich auf die Fußspitzen stellend und den kurzen Hals so weit wie möglich aus der weißen Binde reckend: Ist er noch oben?

Giraldi? fragte der Geheimrat, dessen Phantasie noch ganz mit dem Bilde des Italieners erfüllt war; – Sie müssen ihm in der Tür begegnet sein.

Er! Philipp – Schmidt?

So überaus unsinnig die Frage schien – der Geheimrat konnte nicht lachen: das immer graue Gesicht seines Geschäftsfreundes war aschfarben; die kleinen schwarzen, sonst so lebhaft glitzernden Augen blickten stier; von dem kurzgeschorenen, die niedrige Stirn dicht umstarrenden Haar schien jedes einzelne sich zu sträuben.

Sehen Sie mich nicht so verwundert an! stieß Lübbener heraus; – ich bin noch ganz gut bei Sinnen; will nur wünschen, daß andre Leute in ihren Angelegenheiten so hell sehen, wie ich in den meinen. War noch dicht vor Schluß bei Haselow, ob er mir morgen mit einem Hunderttausend oder so aushelfen könne; hätte eine etwas starke Auszahlung zu leisten gehabt, auf die ich nicht vorbereitet. Geht mir ebenso, sagte Haselow, Signor Giraldi hat vor einer Stunde die letzten fünfzigtausend von den Warnowschen Geldern abgehoben – binnen drei Tagen die ganze Million.

Sonderbar; sehr sonderbar! sagte der Geheimrat; – wir haben ihm freilich, als dem Mandatar der Baronin, die zur Hälfte geht, gleich das Ganze anzulegen überlassen, indessen –

Sehen Sie sich vor! sehen Sie sich vor! keuchte der andre; – es passieren Dinge – Dinge – schauderhaft! Gestern wirft Golm eine halbe Million an die Börse – halte trotzdem den Kurs auf 30, heute morgen die Schandrede von Lasker – wieder runter auf 20; am Nachmittag zahle an Giraldi die Golmsche Hypothek bei Heller und Pfennig – ich habe gekämpft, ich kämpfe wie ein Verzweifelter; aber was zu viel ist, ist zu viel!

Es ist sehr hart, sagte der Geheimrat seufzend; unser schönes, schönes Unternehmen! Der Herr Minister waren heute auch ganz verzweifelt; aber – wollen wir nicht immer hinaufgehen? wir können ja oben weiter reden; ich habe Ihnen verschiedenes von Wichtigkeit mitzuteilen.

Still! sagte Lübbener.

Er stand, mit gespannter Miene, lauschend; trat dann schnell an das breite Fenster, durch das man aus der Garderobe auf das Vestibül sehen konnte, schüttelte den Kopf und kam zum Geheimrat zurück, Unverständliches durch die blassen Lippen murmelnd.

Was haben Sie nur, Verehrtester? sagte der Geheimrat besorgt.

Die schwarzen Äuglein des Bankiers blitzten zu den Garderobedienern hinüber; die Leute konnten nichts hören, waren überdies mit dem Ordnen ihrer Marken beschäftigt; dennoch machte er dem Geheimrat ein Zeichen, die lange Gestalt noch etwas tiefer herabzubeugen:

Ich hätte Sie ja eigentlich hinzuziehen müssen; aber die Gefahr, daß er – der Bankier deutete mit dem Finger nach der Richtung, von der das Geräusch des Balles ertönte – war zu groß. Unsere vier Millionen Stammprioritäten, die jetzt hätten zur Emission kommen müssen, wenn –

Um Gottes willen, sagte der Geheimrat.

Es war ein ganz unbestimmter Verdacht; es ließ mir keine Ruhe; er und ich, wissen Sie, haben die Schlüssel. Und als ich – die Bureaus waren schon geschlossen – dem Diener sagte, daß ich noch in der Kasse etwas zu tun hätte – und richtig –

Der Geheimrat hatte den Kopf so tief herabgebeugt, daß der Bankier ihm unmittelbar ins Ohr sprach.

Dann blickten sich die beiden starr in die Augen; das lange Gesicht des Geheimrats war so grau geworden, wie das des andern.

Aber das muß vor den Staatsanwalt! sagte er.

Ein böses Lächeln zuckte um die gekniffenen Lippen des Bankiers.

Es hat mich einige Mühe gekostet, ihn zu überzeugen.

Also doch?

Der Bankier nickte.

Und wann?

Ich erwarte sie eben jede Minute. Man war dafür, daß ich mich in der Gesellschaft zeigte, weil mein gänzliches Fortbleiben –

Sehr richtig! sehr wahr! sagte der Geheimrat. Es ist ja höchst, höchst peinlich – indessen – ich werde allerdings – unter diesen Umständen –

Und er machte einen langen Schritt nach dem Garderobetisch –

Herr Geheimrat, Sie werden doch nicht – rief Lübbener, ihn am Frackschoße festhaltend.

In diesem Moment ertönte vom Vestibül her eine schmetternde Fanfare. Die Garderobediener stürzten hinter ihren Tischen hervor nach dem Fenster; die hübschen Mädchen, die in der Damengarderobe aufwarteten, liefen herbei: sie kommen! sie kommen!

Die beiden Herren waren ebenfalls an das Fenster getreten, als die Fanfare zum zweiten Male ertönte aus langen, tubenförmigen Instrumenten, die acht als Herolde verkleidete Trompeter auf dem breiten Podest der Treppen bliesen. Sie hatten die Instrumente rechts und links nach oben gewandt, als ob sie die dort Versammelten lockten und riefen. Und wirklich hatten sie ihren Ruf kaum zum dritten Male erschallen lassen, als die Gesellschaft, die darauf vorbereitet war, bereits zu erscheinen begann.

Ein prachtvoller Anblick, dessen Macht sich selbst der Geheimrat trotz seines mit Angst und Sorge erfüllten Gemütes nicht ganz zu entziehen vermochte, während die Dienerschar in laute Rufe der Bewunderung ausbrach und nur Herrn Lübbeners graues Gesicht den Ausdruck eines Mannes hatte, der zu tief hinter die Kulissen geblickt, um an dem Schauspiel selbst noch ein naives Gefallen zu finden.

Von beiden Seiten stiegen sie die Marmorstufen herab, deren Breite zwei Paaren nebeneinander mehr als hinreichenden Raum gewährte. Auf dem Podest trafen die glänzenden Ströme zusammen, aber nur, um sich sofort wieder zu trennen und sich die unteren Treppen hinab in das Vestibül zu ergießen, das sich bereits zu füllen begann, als die den Treppenraum oben einfassenden Galerien noch dicht mit dem bunten Kranze derjenigen umsäumt waren, die, darauf wartend, daß die Treppen auch für sie frei würden, sich inzwischen des schönen Anblicks von oben herab um so länger erfreuen durften. In dem durch einen gewaltigen Kronleuchter und zahlreiche Wandkandelaber taghell erleuchteten, durch kostbare, zwischen den Säulen aufgehängte Teppiche von dem Vorflur gänzlich geschiedenen, mit Justus' vier Statuen geschmückten Vestibül wurde unter dem Vortritt der blasenden Herolde ein Umgang gehalten, bis plötzlich eine mächtige Flügeltür sich öffnete und, während die Tubenbläser schwiegen, eine sanfte, von innen ertönende Musik zu den Freuden des Mahles lud.

Haben Sie ihn gesehen? fragte Lübbener mit grimmigem Lächeln.

Wie sollte ich nicht! erwiderte der Geheimrat seufzend; – mit meiner alten Freundin, der Baronin Kniebreche, am Arm! großartig! Der Mann hat Nerven wie Schiffstaue.

Ich denke, Sie kommen mit hinein, Herr Geheimrat, sagte Lübbener; schon deshalb, weil ich vermute, daß Sie gar nicht mehr aus dem Hause kommen.

Meinen Sie? sagte der Geheimrat seufzend; dann hilft es freilich nicht.

Und er folgte mit einem keineswegs festlichen Gesicht seinem entschlossenen Gefährten auf das Vestibül, wo sie mit den letzten zusammentrafen, die nun, da die Ordnung gelöst war, schier ungeduldig nach dem Speisesaale drängten.

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.