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Sturmflut. Zweite Abteilung

Friedrich Spielhagen: Sturmflut. Zweite Abteilung - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleSturmflut. Zweite Abteilung
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
printrun33.-34. Auflage
year1913
firstpub1877
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141027
projectid381adaf6
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Zweites Kapitel

Frau Feldner, Valeriens alte Kammerfrau, hatte Elsen benachrichtigt, daß ihre Herrin in dem tiefen Schlafe liege, in den sie nach einem heftigen Migränenanfall zu versinken pflege und aus dem sie vor Abend schwerlich erwachen werde. Else, die von der sonderbaren Schwüle des Tages selbst gelitten und von dem unerquicklichen Tischgespräch, zuletzt auch noch durch die Szene mit dem Grafen verstimmt und aufgeregt war, hatte die Zeit zu einem Spaziergange benutzen und – da sie Carla und den Grafen bereits entfernt glaubte – Frau von Wallbach aus Höflichkeit zur Begleitung auffordern wollen. Hut und Tuch bereits in der Hand, war sie, aus den Zimmern der Baronin kommend, arglos die Portiere zum Vorzimmer öffnend, eine sehr unfreiwillige Zeugin der pikanten Szene geworden, welche dort zwischen dem Grafen und Carla stattgefunden. In ihrer Bestürzung hatte sie die Portiere wieder fallen lassen, ohne auch nur daran zu denken, ob man sie bemerkt habe oder nicht, war die Treppe hinabgeeilt, und irrte jetzt in dem Garten umher, versuchend, sich einzureden, was sie gesehen, müsse ein Irrtum, ein Blendwerk ihrer Augen gewesen sein; es sei nicht möglich, daß Carla sich so weit vergessen, ihren Bruder so schmählich verraten könne. Aber je gewaltsamer sie das abscheuliche Bild zurückzudrängen, zu zerstören suchte, in desto häßlicherer Deutlichkeit stand es vor ihrer Seele. – Es war nicht anders! Das Band, das Ottomar und Carla verknüpfen sollte, war zerrissen – für immer! und wäre, was da eben geschehen, auch nur der trübe Rausch eines Augenblicks gewesen! Aber, wie konnte sie es dafür nehmen, wenn sie an Carlas überspannt-frivoles Wesen, das ihr schon so viel Sorge gemacht, an die Frechheit des Grafen dachte, vor der sie selbst von dem ersten Momente instinktiv zurückgeschaudert und von der er jetzt eben wieder einen Beweis gegeben? wenn sie an so manches intime Geflüster, so manche kokette Tändelei, an so vieles sich erinnerte, das zwischen den beiden in ihrer Gegenwart sich abgespielt und ihr unheimlich, ja anstößig, vor allem aber unbegreiflich gewesen war, um nun plötzlich eine so schreckliche Erklärung zu finden. Was würde Ottomar – erfahren mußte er es ja! – sagen? was tun? Vielleicht aufjauchzen, daß die Kette, die ihn fesselte, zerrissen – zur rechten Zeit! Aber das hätte Ottomar wieder nicht ähnlich gesehen. Kein Mann würde es geduldig hinnehmen – und er! der Aufbrausende, Empfindliche, Jähzornige, der schon so oft um kleinerer und kleinster Dinge willen – ein mißfälliges Wort, ein Blick, der ihn beleidigt – im Duell sein Leben aufs Spiel gesetzt! Und wiederum, hatte er denn diesmal wirklich ein Recht, sich beleidigt zu fühlen? hatte er ernstlich sich Carlas Liebe zu erhalten, vielleicht erst zu erwerben gesucht, wie es seine Pflicht war, nachdem er sich einmal mit ihr verlobt? hatte er sie nicht, auffällig für alle Welt, vernachlässigt? sie unbewacht und unbeschützt in den brausenden Strudel des gesellschaftlichen Lebens sich stürzen lassen, in dem sie sich von jeher mit so verhängnisvoller Lust bewegt und so viel glänzende Triumphe gefeiert? So würde er nicht einmal eine verratene Liebe, so würde er nur die verletzte Eitelkeit zu rächen haben! mit seinem Leben eintreten für eine Sache, an die er selbst nicht glaubte, nur, weil die Gesellschaft es wollte, nur, weil in den Augen der Gesellschaft die traurige Komödie dieser Irrungen und Verirrungen durchaus einen blutigen Abschluß verlangte! O, dieser elenden Sklaverei, in der sie sich doch selbst einst wohlig und frei gefühlt, weil sie nicht gewußt, wie ein freies Herz schlägt, wonach eine Seele verlangt, die das Herz frei gemacht hat und die nun ihre Flügel weit ausspannt, sich hinwegzuschwingen über alle diese kläglichen Schranken des Vorurteils und des Wahns in den hellen Äther einer edlen, selbstlosen Liebe!

Es duldete sie nicht länger zwischen den hohen, geradlinigen Taxushecken und dem wirren Gestrüpp der Buchengänge, aus denen hier und da Götter und Göttinnen aus Sandstein hervorschauten in verzwickten Stellungen und mit übertriebenen Gebärden, wie erschrocken über sie, die anders denken, anders empfinden wollte, als die Menschen, die ihren Stolz und ihre Freude an diesen verschnörkelten und abgezirkelten Herrlichkeiten hatten. Hinweg, hinaus! am liebsten zu ihm, dem Liebsten, um in seinen starken Armen Schutz zu suchen vor dieser hohlen Gespensterwelt; an seiner treuen Brust ihren Zorn, ihren Schmerz auszuweinen; sich in seiner reinen Nähe rein zu fühlen von all diesem selbstgeschaffenen Jammer, diesem sinnlosen Elend, ihn nie – nie wieder zu verlassen! Und, wenn dies höchste Glück ihr auch noch versagt war, wenn sie zurückkehren mußte in die Sklaverei unmöglicher Verhältnisse – hinaus ins Freie doch! über die braunen Wiesen, durch die grauen Felder zu den weißen Dünen, die aus der Ferne winkten, einen Blick zu haben auf das Meer, sein geliebtes Meer! ob es ihr von dem Geliebten einen Gruß brächte, einen Anhauch seines Atems, ihr die heiße Stirn zu kühlen, die brennenden Augen zu erquicken, und wär's durch eine Träne ungestillter Sehnsucht nur.

Und über die braunen Wiesen, durch die grauen Felder eilte Else in der Richtung eines Gehöftes, das in einiger Entfernung vor ihr lag und an dem sie vorüber mußte, wenn sie den sandigen Pfad, der sie am schnellsten zu ihrem Ziel bringen zu wollen schien, weiter verfolgte. Der Pfad leitete immer näher an das Gehöft heran und zuletzt hinein. Elsen war es nicht recht – sie wäre am liebsten niemand begegnet, da sie ihm, nach dem sie sich sehnte, zu begegnen doch nicht hoffen durfte; aber einen Versuch, außerhalb an den Scheunen herumzukommen, vereitelte der aufgeweichte Boden hier, eine Hecke dort; sie mußte umkehren, oder den Hof betreten.

Ein kleiner, trübseliger, stiller Hof – wenige, halb verfallene Wirtschaftsgebäude, von denen sich das Wohnhaus beinahe nur durch die Fenster unterschied, die hohläugig genug blickten, und durch die beiden Linden, die im Sommer den Platz vor der Tür angenehm beschatten mochten, deren dürres, blätterloses Gezweig jetzt aber gespenstisch über das verwitterte Strohdach in den grauen Himmel ragte. Ein großer, breitschultriger Mann kam aus einer Scheunentür, von einem kleinen Teckel begleitet, der sich mit lautem Gekläff auf die Fremde stürzte. Der Mann rief das Tier zurück; bei dem ersten Laut seiner Stimme erkannte Else, der die ganze Situation schon so sonderbar bekannt erschienen war, als müsse sie das alles schon einmal gesehen haben, den wackern Pächter, der sie im vergangenen Herbst so freundlich beherbergt.

Herr Pölitz! rief sie, ihm die Hand entgegenstreckend; – Sie kennen mich nicht mehr.

Ein Freudenstrahl zuckte über das braune Gesicht: Sieh da! das ist einmal schön, daß Sie uns zu besuchen kommen!

So wissen Sie, daß ich in Warnow bin?

Der Pächter lächelte sein schwermütiges Lächeln: Ei, gnädiges Fräulein, wie sollte unsereiner dergleichen nicht wissen! aber daß Sie sich unsrer erinnert haben! meine Frau wird sich freuen.

Sie gingen auf das Haus zu. Else tat es herzlich leid, den guten Leuten die Freude zu vergällen; aber sie mochte sich selbst die unschuldige kleine Lüge nicht zu Schulden kommen lassen. Des Pächters Gesicht verdüsterte sich, als sie mit einiger Verwirrung erklärte, daß sie während der acht Tage, die sie nun in Warnow verlebt, noch nicht über den Garten hinausgekommen, und auch jetzt keinen Besuch beabsichtigt, in der Tat gar nicht gewußt habe, diese Gebäude, die sie von ihrem Fenster oft genug über die Felder weg gesehen, seien Herrn Pölitz' Hof. – Aber, fügte sie hinzu: ich wäre gekommen, hätte ich es gewußt, oder sobald ich es erfahren; darauf haben Sie meine Hand.

Wir können das ja gar nicht verlangen, erwiderte der Pächter; aber, wenn Sie es sagen, so glaube ich es. – Dann wollen Sie auch gar nicht näher treten? setzte er zögernd hinzu.

Doch! auf einen Augenblick, Ihrer Frau guten Tag zu sagen und die Kinder zu sehen.

Die Kinder!

Der Pächter legte ihr, wie sie jetzt vor der Tür standen, die braune Hand auf den Arm und sagte mit gedämpfter Stimme:

Fragen Sie nicht nach dem kleinen Karl, gnädiges Fräulein! der schläft seit Weihnachten da drüben auf dem Kirchhof. Es war ein trauriges Weihnachten. Aber in ein paar Tagen, so Gott will, haben wir wieder zwei.

Er ließ Elsen keine Zeit zu einer Antwort, sondern öffnete die niedrige Haustür – wie gut sich Else der klappernden Schelle erinnerte! – rief auf dem Flur nach seiner Frau und führte seinen Gast in die Wohnstube linker Hand. Bei ihrem Eintreten erhob sich von einem Schemel in der Nähe des Kachelofens eine weibliche Gestalt, die Else bei der Dämmerung, die bereits in dem Gemache mit den kleinen, vertrübten Fenstern herrschte, für Frau Pölitz hielt, bis sie, näher tretend, sah, daß es ein noch junges, hübsches, aber krankhaft-bleiches Mädchen war. Es grüßte verlegen und scheu, und entfernte sich, ohne ein Wort gesprochen zu haben.

Eine Schwester von mir, sagte der Pächter, einen fragenden Blick Elses beantwortend, mit dumpfer Stimme und das Gesicht wegwendend. – Wollen das gnädige Fräulein nicht Platz nehmen? Wenn Sie erlauben, sehe ich selbst einmal nach meiner Frau.

Er ging hinaus; Else wäre ihm am liebsten gefolgt. Die schwüle Luft in dem kleinen, überheizten Gemach benahm ihr fast den Atem, und schwerer noch als die Luft bedrückte sie das Gefühl des Elends, das hier so heimisch war und aus dem melancholischen Gesicht des Pächters, aus den bleichen Zügen des Mädchens, aus allem, worauf ihr Blick fiel, aus der unheimlichen Stille selbst auf dem kläglichen Hofe, in dem baufälligen Hause so vernehmlich sprach. War sie dem glänzenden Elend des Herrensitzes entflohen, um den hilflosen Jammer in dem niederen Pächterhause wiederzufinden? Und doch! es war wenigstens nicht selbstverschuldetes Leid! so mußte es wohl Mitleid erwecken, aber konnte die Seele nicht empören, wie das, was sie noch eben erst erfahren. Wie durfte sie diesen Armen das einzige versagen, was sie ihnen zu bieten hatte: ein herzliches Wort des Trostes!

Die Frau kam mit dem Pächter herein; ihr Mann habe ihr schon alles gesagt: daß das gnädige Fräulein heute nur so im Vorübergehen vorspreche, aber in den nächsten Tagen auf ein Stündchen kommen wolle. – In den nächsten Tagen schwerlich, sagte der Pächter; – wir werden böses Wetter haben; ich möchte sogar das gnädige Fräulein bitten, nicht zu lange zu bleiben: es kann noch vor Abend losbrechen.

Er hatte am Fenster gestanden und verließ jetzt, einige entschuldigende Worte murmelnd, von denen Else nur »Dach« und »eindecken« verstand, das Zimmer.

Es ist das Scheunendach, erklärte die Frau; – das war so schadhaft; er hat's an der einen Ecke herunternehmen müssen und will's wohl nun wieder möglichst eindecken, damit der Sturm nicht das andre auch noch wegnimmt. Ihm könnte es freilich gleich sein – wir müssen ja Ostern sowieso fort.

Weshalb? fragte Else.

Unsre Pacht ist nicht erneuert, erwiderte die Frau; – es kommt auch kein neuer Pächter. Es soll alles heruntergerissen und ein großes Hotel hier gebaut werden, sagen sie ja. Gott mag wissen, wo wir dann bleiben!

Die arme Frau, die in ihrem Zustande noch blasser und verkümmerter aussah, als im Herbst, seufzte tief. Else versuchte, sie mit teilnehmenden Worten zu beruhigen. Es werde sich für einen braven Mann, wie Herr Pölitz, schon etwas anderes finden; und wenn es an Kapital fehle, um eine neue und vielleicht größere und bessere Pacht zu übernehmen, so werde sich ja auch dafür Rat schaffen lassen. Die Hauptsache sei, daß sie selbst den Mut nicht verliere; sie müsse nur immer an den Mann denken, der das Leben ja so schon schwer genug nehme und dessen Kraft zum rüstigen Schaffen sie durch ihre Mutlosigkeit lähme; sie müsse an das Kind denken, das ihr noch geblieben, und an das andre, das sie unter dem Herzen trage; dann werde gewiß noch alles gut werden.

Die Frau lächelte durch Tränen: Lieber Gott, sagte sie; wie wohl das tut, wenn gute Menschen so zu einem sprechen! Es hält ja nicht lange vor; aber so für den Augenblick wird's einem doch leichter, und das ist schon viel, wenn's einem so schwer ums Herz ist. Das sage ich auch immer zu dem Herrn Kommandeur; der ist gerade wie das gnädige Fräulein.

Ein freudiger Schreck durchzuckte Elsen: Reinhold war hier gewesen! hatte die Stelle aufgesucht, zu der auch sie die Erinnerung so oft zurückgeführt!

Er ist schon oft hier gewesen, sagte Frau Pölitz; noch vorgestern und zu Fuß; sonst fährt er mit seinem Boot bis Ahlbeck.

Wie weit ist es nach Wissow? fragte Else.

Anderthalb Stunden, wenn man gerade über den Wissower Haken geht – eine Stunde bis auf den Haken, und eine halbe wieder hinab nach Wissow. Das sieht man liegen, wenn man oben ist. Es ist sehr schön oben an einem Sommertag. Wir waren früher wohl manchmal dort, jetzt schon lange nicht mehr.

Das blasse Mädchen kam herein, nahm einen Schlüssel von dem Brett an der Tür und ging sogleich wieder hinaus.

Ihre Schwägerin ist hier, um Sie zu pflegen? sagte Else; – das arme Mädchen scheint leider der Pflege selbst zu bedürfen.

Das weiß Gott! sagte Frau Pölitz.

Sie zupfte mit einer verlegenen Miene an ihrer Schürze, rückte auf dem kleinen Sofa ein wenig näher an Else heran und fuhr in leiserem Tone fort:

Ich sollte wohl nicht davon sprechen; aber das gnädige Fräulein ist ja so lieb und gut, und es liegt mir so furchtbar schwer auf der Seele; freilich, wenn das gnädige Fräulein –

Ihr Mann hat es Ihnen verboten? so sagen Sie es mir lieber nicht.

Die Frau schüttelte den Kopf: nein, nein! nicht darum! er weiß es ja eben nicht, ich hoffe es wenigstens – obgleich er seit gestern – vielleicht ist es ganz gut –

Sprechen Sie doch lieber; es wird Sie beruhigen, sagte Else, die die Aufregung ängstigte, in der sich die Frau offenbar befand.

Ja, ja, gewiß, sagte Frau Pölitz; und Sie können mir auch wohl einen Rat geben, was ich tun soll. – Die Marie ist also – sie hat also – ja, gnädiges Fräulein, Sie dürfen mich schon nicht mit so großen Augen ansehen, dann kann ich es doch nicht erzählen – sie ist sonst immer ein braves und fleißiges und so geschicktes Mädchen gewesen, nur manchmal ein bißchen oben hinaus, das arme Ding! – sie hat es nun schwer genug büßen müssen. Sie war Wirtschaftsmamsell drüben in Golm bei dem Herrn Grafen, zwei Jahre lang, obgleich es meinem Mann immer nicht recht war, denn in einem so großen Hause, – das gnädige Fräulein kennt das ja – sind gar viele Leute, und bei einem unverheirateten Herrn ist da schwer Zucht und Ordnung hineinzubringen. Aber sie hatte ein schönes Gehalt, und es ging ja auch alles soweit ganz gut, bis sie vorigen Michaelis plötzlich kündigte und, ohne uns ein Wort zu sagen, nach Sundin zog, zu dem Herrn Präsidenten – auch als Mamsell. Aber das ging ja nun wohl nicht mehr lange, und die Frau Präsidentin, die eine sehr gute Dame ist, – der liebe Gott möge es ihr vergelten! – sorgte für alles, und wir erfuhren nicht eher was davon, als bis das arme Kind schon wieder tot war – im November. Mein Mann war ganz außer sich; denn er hält große Stücke auf seine Familie, die bessere Tage gesehen hat, und gar auf diese seine Schwester, die immer seine Lieblingsschwester gewesen war. Aber, was soll man dabei tun? geschehen ist nun einmal geschehen, und, als zu Weihnacht uns' klein' Karling starb und ich ja auch nicht mehr in der Wirtschaft so recht weiter konnte, da mußt ich an die Frau Präsidentin schreiben, und die Frau Präsidentin schickte sie uns hierher und schrieb auch noch dazu – einen so lieben Brief! ich will ihn dem gnädigen Fräulein zeigen, wenn Sie das nächste Mal kommen. Die Marie ist mir auch eine rechte Hilfe gewesen und gekostet hat sie uns auch nichts. Sie hat sich genug gespart, und die Frau Präsidentin hat nachgeholfen, und sie hat mir schon oft ihr bißchen Geld angeboten. Ich nehm' es natürlich nicht, obgleich ich überzeugt bin, daß es ehrliches Geld ist, denn er – was der Vater ist – hat sich gar nicht um das arme Wurm bekümmert. Das hat sie mir selbst gesagt, aber immer gleich hinterher: er wisse ja auch von nichts, von gar nichts. Na, gnädiges Fräulein, das kann man doch nun nicht glauben, wenn wir, mein Mann und ich, auch keine Ahnung hatten, wer der Vater sein könnte – der Name würde nie über ihre Lippen kommen, sagte die arme Dirn. Und er ist auch gestern nicht über ihre Lippen gekommen.

Die Frau schwieg ein paar Augenblicke, als müßte sie sich zu dem, was sie noch zu erzählen hätte, Kraft sammeln; Elsen klopfte das Herz vor Teilnahme und einer dumpfen Furcht, die sich ihrer mit jedem Momente mehr bemächtigte und von deren Grund sie sich doch keine Rechenschaft zu geben wußte. Welche entfernteste Beziehung konnte die Geschichte des armen Mädchens zu ihr haben!

Die Frau war ganz dicht an sie herangerückt und fuhr in noch leiserem Tone fort:

Es war gestern nachmittag um dieselbige Zeit. Mein Mann war hinten bei der Scheune; die Marie plättete bei dem Kinde in der Stube neben der Küche, wenn sich das gnädige Fräulein erinnern, deren Fenster auf den Garten geht; ich war hier und legte Wäsche, da kamen sie auf den Hof zu reiten –

Elsen wollte fast das Herz springen; sie machte unwillkürlich eine Bewegung von der Frau fort.

Um Gottes willen, rief diese; ich habe mich auf den Herrn Kommandeur verlassen; der hat noch vorgestern gesagt, daß kein Wort daran wahr sei, was die Leute hier herum reden, daß Sie unsern Herrn Grafen heiraten wollen! ich darf ja kein Wort weiter sprechen, wenn das der Fall ist!

Ich danke Gott, daß es nicht der Fall ist, sagte Else, mit gewaltsamer Anstrengung ihre Erregung niederkämpfend; – der Graf ist der Verführer der armen Marie?

Frau Pölitz nickte: Sie kann es nicht mehr leugnen und hat mir's denn auch gestanden, als ich sie wieder so weit zu sich gebracht hatte. Sie waren abgestiegen und ins Haus getreten, das gnädige Fräulein sei unwohl geworden und bäte um eine Tasse Kaffee, sagte der Graf. Gott mag's ihm verzeihen, aber es war gewiß gelogen, denn das gnädige Fräulein war gar nicht unwohl, sondern lachte immerfort, und so gingen sie durch das Haus gleich in den Garten. Es stehen ein Paar alte Bäume drin, und die Hecken sind auch ein bißchen verwildert, daß es recht geschützt ist, aber die Marie muß doch wohl mehr gesehen haben, als so ein armes Mädchen ertragen kann; und wie ich da in der Küche am Feuer stehe, schreit sie mit einem Male laut auf, daß ich denke, sie hat sich den Plättbolzen auf die Füße fallen lassen, oder es ist dem Kinde etwas zugestoßen, und stürze herein. Da liegt sie auf dem Rücken am Boden, und ich denke, sie ist tot, denn sie regt sich und rührt sich nicht und ist eiskalt und so bleich wie weißes Linnen. Wie ich erschrocken gewesen bin, das kann sich das gnädige Fräulein wohl denken, und ich muß Gott danken, daß noch alles so gut abgegangen ist. Ich schreie denn nun auf, und die Rike, unser Mädchen, kommt, und ich schicke sie nach meinem Mann, und das war gut, denn indem wacht auch Marie wieder auf und blickt mit so wirren glasigen Blicken um sich und nach dem Fenster und fragt so bang: ist er noch da? Na, gnädiges Fräulein, nun wußte ich ja Bescheid und bat sie nur um Gottes willen, vor Karl, meinem Mann, reinen Mund zu halten; aber er ist seitdem so wunderlich; ich fürchte, er hat doch was gemerkt, als er in den Garten gegangen ist, um dem Herrn Grafen zu sagen, daß die Herrschaften sich mit dem Kaffee noch etwas gedulden müßten und so weiter. Der Herr Graf hat nichts mehr von Kaffee hören wollen, und das gnädige Fräulein zu mir gesagt, es täte ihnen schrecklich leid; sie hätten gar nicht gewußt, daß wir eine Kranke im Hause hätten. Und da sagte mein Mann: verzeihen, gnädiges Fräulein, meine Schwester war nicht krank, sie ist es eben erst geworden; und sagte es so eigen vor sich hin mit solchen starren Augen, wissen gnädiges Fräulein, als wenn er sich noch etwas anderes dabei dächte. Was soll ich nur tun? soll ich's ihm sagen? Was meinen gnädiges Fräulein?

Frau Pölitz hielt Elses beide Hände umklammert und blickte ihr angstvoll in die Augen.

Ich meine, ja; sagte Else. Sie können es ihm auf die Dauer doch nicht, verheimlichen; und eine Frau soll vor ihrem Manne keine Geheimnisse haben. Mir ist, als käme alles Unheil in der Welt davon, daß wir uns voreinander verbergen und verstecken, – unsere heiligsten Empfindungen, als wenn wir uns ihrer zu schämen hätten, als wenn wir nicht durch sie lebten – nur durch sie!

Sie war aufgestanden und griff nach Hut und Tuch vor ihr auf dem runden Tisch.

Das gnädige Fräulein will schon fort? fragte Frau Pölitz traurig; aber freilich, es ist ein langer Weg bis Warnow.

Ich habe noch einen viel weiteren vor, sagte Else, sich den Hut aufsetzend. – Eine Stunde, sagten Sie?

Wohin, gnädiges Fräulein?

Auf den Wissower Haken.

Frau Pölitz starrte Else an, als ob sie irre rede.

Ja, sagte Else, dorthin! und der Weg ist nicht zu verfehlen?

Es geht von hier aus ein Fahrweg immer gerade durch die Wischen, nur vor Ahlbeck macht er einen großen Bogen, des Baches wegen. Aber, um Gottes willen, gnädiges Fräulein, was wollen Sie nur da oben?

Else hatte auch das Tuch umgetan und faßte jetzt Frau Pölitz an beiden Händen:

Ich will es Ihnen sagen: einen Blick, einen einzigen Blick nur werfen auf den Ort, wo mein Liebster wohnt. Sie brauchen mich nicht so ängstlich anzusehen, liebe Frau Pölitz! Er wohnt wirklich in Wissow –

Der Herr – der Herr Lotsenkommandeur? rief Frau Pölitz.

Sie hatte sich gesetzt und brach in Freudentränen aus.

Sie haben ihn auch gern, sagte Else mit stolzem Lächeln.

Ob ich ihn gern habe! rief Frau Pölitz schluchzend; – ach! und wie sich mein Mann freuen wird! ich darf's ihm doch –

Sagen Sie's, wem Sie wollen!

Nein, wie ich mich freue! Lieberes konnten Sie mir nichts tun, als mir das sagen! das macht mich ordentlich wieder jung. So ein lieber Herr, wie der! und so ein liebes, liebes gnädiges Fräulein! Ja, nun glaube ich gewiß, daß noch alles gut werden kann!

Sie küßte unter heißen Tränen wieder und wieder Elses Hände; Else machte sich sanft los: ich erzähle Ihnen alles das nächste Mal, jetzt muß ich fort.

Nein, sagte Frau Pölitz aufstehend; den weiten Weg dürfen Sie nicht gehen; mein Mann soll Sie fahren.

Ich will durchaus gehen, sagte Else.

Sie können vor Dunkelheit gar nicht wieder zurück sein; es fängt jetzt schon an, dunkel zu werden, und wir bekommen ganz gewiß böses Wetter.

Else wollte keine Einwendung gelten lassen. Sie sei eine gute Fußgängerin und habe Augen wie ein Falke. Sie fürchte sich weder vor dem weiten Weg, noch vor der Dunkelheit.

Damit drückte sie Frau Pölitz noch einmal die Hände, hatte in der nächsten Minute Zimmer und Haus und den Hof verlassen und schritt eilig durch die Felder auf dem Fahrwege, von dem die Pächterin gesprochen, auf das Vorgebirge zu, das sich mit seiner breiten Masse mächtig aus der weiten Ebene heraushob.

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