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Sturmflut. Zweite Abteilung

Friedrich Spielhagen: Sturmflut. Zweite Abteilung - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorFriedrich Spielhagen
titleSturmflut. Zweite Abteilung
publisherLeipzig Verlag von L. Staackmann
printrun33.-34. Auflage
year1913
firstpub1877
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141027
projectid381adaf6
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Elftes Kapitel

Du sollst sehen, Carla, er kommt heute wieder nicht, sagte Frau von Wallbach, eine womöglich noch bequemere Lage in ihrem Fanteuil versuchend.

Je le plains! je le blâme, mais

Carla, die am Flügel saß, zuckte die Achseln und machte pianissimo einen Lauf mit der rechten Hand.

Auch Fräulein von Strummin ist abgereist, ohne uns eine Abschiedsvisite gemacht zu haben.

Die alberne kleine Person! sagte Carla, den Lauf wieder zurückmachend.

Und Else ist nicht einmal hier gewesen, diese Ungeschicklichkeit zu entschuldigen.

Um so schlimmer für sie, sagte Carla.

Ich wasche meine Hände in Unschuld, sagte Frau von Wallbach, sich langsam aufrichtend und in den Empfangssalon gehend, in den einer der Mittagsgäste eingetreten.

Carla hatte sich ebenfalls erheben wollen, blieb aber sitzen, als sie hörte, daß es eine Dame war, und noch dazu eine von keinerlei Bedeutung. Sie ließ die Hände in den Schoß sinken und blickte nachdenklich vor sich nieder.

– Er ist nicht halb so gescheit, er versteht offenbar manchmal gar nicht, was ich sage, – ich glaube sogar, er ist un peu bête; aber er – betet mich an. Warum soll ich eines Verlobten willen, der sich nicht um mich bekümmert, auf meine Anbeter verzichten? er hatte sie so in der letzten Zeit alle verscheucht.

Die Tür hinter ihr nach dem Vorsaal wurde geöffnet: nur die vertrauteren Freunde nahmen bei kleineren Gesellschaften ihren Eingang durch dies Gemach – ihr Gemach; der Eingetretene mußte entweder Ottomar oder der Graf sein. Sie hatte nichts gehört, sondern ließ, während der Schritt über den dicken Teppich näher kam, ihre Finger träumerisch über die Tasten gleiten: »Schon sendet nach dem Säumigen der Gral« –

Mein gnädiges Fräulein!

Ach, lieber Graf! sagte Carla, ein wenig aufblickend und dem Grafen halb über die Schulter die linke Hand reichend, während die rechte »mein lieber Schwan« spielte: wollen Sie nicht Luisen erst guten Tag sagen? sie ist mit Frau von Arnfeld im Salon.

Der Graf hatte die ihm so nachlässig gereichte Hand an seine Lippen gezogen: Und dann? fragte er.

Können Sie wieder hierher kommen – ich habe Ihnen etwas zu sagen.

Der Graf kam nach einer halben Minute zurück.

Rücken Sie den Sessel da hierher – nicht so nah! – so! und lassen Sie sich durch mein Geklimper nicht stören. – Wissen Sie, lieber Graf, daß Sie ein gefährlicher Mensch sind?

Aber, meine Gnädige! rief der Graf, die Spitze seines Schnurrbartes berührend.

Sie müssen es wohl sein, wenn Luise bereits es findet. Sie hat mir eben die reizendste Gardinenpredigt gehalten.

Großer Gott, was tue ich denn? alle Welt vergöttert Sie, warum soll ich nicht dürfen, was alle Welt darf?

Weil Sie nicht alle Welt sind, weil –

Carla hob die Augen; der Graf war immer wie berauscht, wenn er einmal, durch keine Lorgnette verhindert, in diese blauen Augen blicken durfte, unter deren müde herabsinkenden Lidern sich ihm eine geheimnisvolle Welt von Zärtlichkeit und Schalkhaftigkeit zu verbergen schien.

Weil ich zu spät gekommen bin! flüsterte er leidenschaftlich.

Man darf eben nicht zu spät kommen, lieber Graf; das ist der schlimmste Fehler im Kriege, in der Politik – überall. Sie müssen die Folgen dieses Fehlers tragen – voilà, tout!

Sie spielte: »– nur ein Jahr an deiner Seite hätt' ich als Zeuge deines Glücks ersehnt!« – der Graf starrte schweigend vor sich hin. – Er nimmt das für ernst, dachte Carla; – ich muß ihm wieder ein wenig Mut machen.

Warum sollten wir nicht Freunde sein? sagte sie, ihm die Rechte reichend, während die Linke intonierte: »Kehr' bei mir ein! laß mich dich lehren, wie süß die Wonne reinster Treu'!«

Gewiß! gewiß! rief der Graf, einen langen, feurigen Kuß auf die dargebotene Hand drückend; – warum sollten wir nicht Freunde sein!

Nicht wahr? die Freundschaft zwischen reinen Seelen ist so süß! Aber die Welt ist nicht rein! sie liebt, das Strahlende zu schwärzen; sie will Garantien: geben Sie ihr die in diesem Falle einzig mögliche: heiraten Sie!

Und das raten Sie mir?

Gerade ich; ich werde einen unschätzbaren Vorteil davon haben: ich werde Sie nicht ganz verlieren. Mehr kann ich nicht verlangen, mehr verlange ich nicht.

Und Carla spielte mit beiden Händen: »Laß zu dem Glauben dich bekehren: es gibt ein Glück, das ohne Reu'!«

Großer Gott, Carla – mein gnädiges Fräulein, wissen Sie, daß ich etwas Ähnliches – in fast denselben Worten –

Von Herrn Giraldi gehört habe, sagte Carla, als der Graf verlegen schwieg: sprechen Sie es ganz ruhig aus; es beleidigt mich nicht: er ist der klügste der Menschen, vor dem man keine Geheimnisse haben kann, selbst wenn man wollte, und – ich will es nicht; Sie – sollten es auch nicht wollen. Er liebt Sie sehr; er will Ihr Bestes – glauben Sie mir! und trauen Sie ihm!

Ich glaube es, sagte der Graf; – und ich würde ihm unbedingt trauen, wenn die Verbindung, um die es sich handelt, nicht auch einen ganz kleinen geschäftlichen Beigeschmack hätte. Sie wissen, ich habe heute den Warnowschen Komplex gekauft. Ich hätte schwerlich ein so ungeheures Risiko auf mich genommen, gar nicht auf mich nehmen können, wenn man nicht hätte durchblicken lassen, daß ich zum mindesten die Hälfte des Kaufgeldes in Form der Mitgift –

Fi donc! sagte Carla.

Um Himmels willen, meine Gnädige, mißverstehen Sie mich nicht! rief der Graf; es ist ja selbstverständlich, daß diese Insinuation nur von Herrn Giraldi und sonst von niemand in der Welt ausgehen konnte. Die Sache ist freilich, daß Herr Giraldi, als Mandatar der Baronin –

Verschonen Sie mich mit dergleichen, lieber Graf, rief Carla; ich verstehe ein für allemal nichts davon! Ich weiß nur, daß meine Schwägerin ein entzückendes Geschöpf ist und daß Sie ein schrecklich blasierter Mensch sind, vor dem jedes ehrliche Mädchen ein Grauen empfinden müßte. Und jetzt gehen Sie in den Salon, ich höre die Baronin Kniebreche, sie würde Ihnen nie vergeben, wenn Sie ihr nicht innerhalb der ersten fünf Minuten die Hand geküßt haben.

Machen Sie mir Mut zu dieser Exekution! flüsterte der Graf.

Wodurch?

Der Graf antwortete nicht, sondern nahm ihre Hand von den Tasten, drückte auf dieselbe leidenschaftliche Küsse und eilte in einer Bewegung, die halb gemacht und halb empfunden war, in den Salon.

Er ist doch ein lieber Narr! flüsterte Carla, über die Schulter gewandt, dem Enteilenden mit der Lorgnette vor dem Auge nachblickend.

Das ist er, sagte eine Stimme neben ihr.

Mon Dieu, Signor Giraldi!

Wie immer zu Ihren Diensten!

Wie immer zur gelegenen Stunde! Sie sind noch nicht im Salon gewesen? natürlich nicht! Kommen Sie! Plaudern wir noch ein paar Minuten! Ein tête-à-tête mit Ihnen ist ja ein vielbeneideter Vorzug, den selbst die Kniebreche respektiert.

Und dabei ist dies respektable tête-à-tête nicht ganz so gefährlich, wie das vorhergehende, sagte Giraldi, sich zu Carla auf ein kleines Sofa setzend, das in der Tiefe des Zimmers unter einem Wandkandelaber stand. – Haben Sie mit ihm gesprochen?

Soeben!

Und was hat er erwidert?

Er begreift alles, nur nicht –

Also doch nicht alles.

Lassen Sie Ihr ironisches Lächeln: er ist wirklich so unbedeutend nicht. Er ist zum Beispiel klug genug, nach dem Interesse zu fragen, das Sie speziell an seiner Verbindung mit Else nehmen können.

Zürnen Sie nicht, wenn ich noch ein ganz klein wenig weiter lächle, sagte Giraldi; – wie? der Herr Graf fragt nach dem Interesse, das ich an der Sache habe, er, auf dessen Seite der ganze Vorteil liegt? Nun ja, ich gebe es zu: der Verkauf hätte sich in die Länge gezogen, da der Herr General aus purem Eigensinn überhaupt nicht und Ihr Herr Bruder aus Gründen der Schicklichkeit nicht an das Gründungskomitee direkt verkaufen will und durchaus eine Mittelsperson verlangt; ich gebe weiter zu, daß der Graf nicht nur die in jeder andern Hinsicht bequemste, schicklichste, sondern auch die für uns lukrativste ist, weil er als Nachbar wirklich mehr bezahlen kann, als jeder andere. Aber das ist ein Vorteil für uns, den wir durch andere Vorteile, die wir ihm gewähren und mit deren Detaillierung ich Sie nicht behelligen will, auf das reichlichste kompensieren. Glauben Sie mir, liebes Fräulein, das alles weiß der Graf so gut, wie ich; und er spielt auch nur den Unwissenden und infolgedessen Zaghaften, aus Gründen, die ich Ihnen der Reihe nach nennen will. Erstens: es ist immer gut, wenn man die Hand nicht sieht, die uns das Glück in den Schoß wirft – man kann dann gelegentlich so undankbar sein, wie man will; zweitens, er liebt Sie und – wer möchte es ihm verdenken? – hält seine Sache noch nicht für durchaus verloren, solange Sie nicht vermählt sind; drittens ist er gar nicht sicher, daß er von Fräulein von Werben akzeptiert wird, und zu dieser Unsicherheit hat er in der Tat gegründetere Veranlassung, als sich seine Philosophie und Eitelkeit zusammen träumen lassen.

Sie deuteten bereits wiederholt auf eine Neigung hin, die Else zu dem hübschen Schiffskapitän haben sollte, sagte Carla. So sehr ich Ihren Scharfsinn auch bewundere, lieber Giraldi, – hier ist die Grenze meiner Gläubigkeit.

Und wenn ich unumstößliche Beweise, – wenn ich es schwarz auf weiß habe von der Hand der vertrautesten Freundin Elses, jenes kleinen Fräuleins von Strummin, das so Hals über Kopf abgereist ist, um uns aus der Sicherheit ihrer Insel heraus durch die Nachricht ihrer Verlobung mit dem Bildhauer Justus Anders zu überraschen? Bitte, lachen Sie nicht; es ist alles positiv, was ich Ihnen erzähle. Herr Justus Anders aber ist wieder der vertrauteste Freund des Herrn Kapitäns; die Freundespaare, scheint es, haben hinüber und herüber keine Geheimnisse, jedenfalls hat Fräulein von Strummin keine vor ihrem Verlobten, und diesem schreibt sie in einem Brief, der heute morgen gekommen, wörtlich –

Giraldi hatte aus der Tasche seines Fracks ein zierliches Portefeuille genommen und daraus ein Papier, das er entfaltete –

Wenn jemand kommen sollte, ist es ein Brief des Bildhauers Enrico Braga aus Mailand – schreibt also wörtlich folgendes – ich bin für die Absonderlichkeiten des Stils nicht verantwortlich – »Noch eines, geliebter Künstlerkopf, worüber sich Lesto vor Freude zu Tode bellen würde, wenn er es begreifen könnte, und Du Dich auch kindisch, wie Du immer bist, freuen wirst: meine Else liebt Deinen Reinhold von ganzer Seele und von ganzem Gemüte, und das will etwas sagen für den, der, wie ich, weiß, daß sie ganz Seele ist und das himmlischste Gemüt von der Welt hat. Ich habe keine Erlaubnis, und am wenigsten den Auftrag, es dir zu sagen; aber wir dürfen doch nun nicht mehr miteinander Versteckens spielen, weißt du; und müssen auch unsern armen Freunden Mut machen, was am besten dadurch geschieht, daß man ihnen alle Stunde einmal sagt: er, oder in deinem Falle: sie liebt dich! Ich habe es wenigstens bei Else probat gefunden. Ach, geliebtes Künstlerherz! wir müssen uns ja eigentlich schämen, daß wir so glücklich sind, wenn wir bedenken, wie unglücklich unsere Freunde sind, und bloß dieser abscheulichen Verhältnisse wegen! Wenn ich den kennte, der diese Verhältnisse erfunden hat; ich wollte ein Wort mit ihm sprechen, weißt Du!«

Das ist ja wunderbar interessant! rief Carla; – und wird den Grafen unendlich interessieren!

Ohne Zweifel, sagte Giraldi, das Blatt wieder in das Portefeuille legend – nebenbei, welche große Seele sind Sie doch, nicht einmal zu fragen: woher ich dies habe! –indessen meine ich, warten wir mit der Mitteilung, bis Sie über eines sicher sind.

Worüber?

Giraldi bog sich zu Carla hinüber und blickte ihr starr in die Augen:

Daß Sie nicht schließlich vorziehen, den Grafen Axel von Golm anstatt Ottomar von Werben mit Ihrer Hand beglücken zu wollen.

Sie sind abscheulich, Signor Giraldi, wissen Sie das? sagte Carla, Giraldi mit ihrem Taschentuch auf die Hände schlagend.

Wenn Sie es sagen! – Denn sehen Sie, liebes Fräulein: jene Mitteilung von Elses maritimen Neigungen und Beziehungen würde am Ende doch den Grafen bestimmen, seine Bewerbung aufzugeben, und bis jetzt waren wir ja der Ansicht, es sei das bequemste für alle Teile, ihn an Else zu verheiraten. Wollen Sie ihn für sich selbst – und es scheint so – nun, so kann auch gewiß dazu Rat werden; nur übereilen würde ich an Ihrer Stelle nichts. Wir können ja das Spiel so lange hinauszögern, wie es uns beliebt. Weshalb wollten Sie auch die Süßigkeit des Brautstandes nicht bis zum letzten Tropfen auskosten? um so mehr als Ottomar – große Seelen beleidigt die Wahrheit nicht – das Glück, das ihn in den Armen der anmutigsten, der geistreichsten aller Frauen erwartet, wohl schwerlich nach seinem wahren Wert zu schätzen weiß.

Das heißt, wenn ich nicht irre, sagte Carla: Ottomar muß tun, was Sie wollen: Sie haben ihn in der Hand. Nun, lieber Freund, ich weiß ja, wie mächtig Ihre Hand ist; aber ich gestehe, nicht zu begreifen, worin in diesem Falle die Macht besteht. Daß Ottomar Maitressen gehabt hat, vermutlich noch hat – nun, ich habe auch meinen Schopenhauer gelesen, der von der Monogamie nicht spricht, weil er sie nirgends hat entdecken können; und ich möchte nicht gerade die erste Frau sein, die ihren Geliebten deshalb weniger interessant findet, weil er anderen Frauen interessant ist. Seine Schulden? grands dieux! nennen Sie mir einen, der keine hätte! und mein Bruder sagt, es sei wirklich nicht so arg. Mein Bruder dringt auf die Beschleunigung unserer Vermählung, und jetzt auch meine Schwägerin; der General selbst ist, wie Sie wissen, von einer unbequemen Hartnäckigkeit im Verfolgen seiner Pläne, und die Gesellschaft wird außer sich geraten, wenn wir Anfang März – am fünfzehnten soll Ottomar ja seinen Posten in Petersburg antreten – noch nicht auf der Hochzeitsreise sind.

Treffen wir also, wenn wir sonst d'accord, danach unsre Maßregeln; erwiderte Giraldi. – Mitte Februar bereits finden Sie, daß Ihre so zart organisierte Natur den Anstrengungen der Saison nicht länger gewachsen ist, daß Sie, bevor Sie in den neuen Abschnitt Ihres Lebens eintreten, durchaus der Sammlung und Ruhe bedürfen, die Ihnen die Stadt ferner nicht zu gewähren vermag, die Sie nur in der Einsamkeit des Landes finden können. Und da trifft es sich nun herrlich, daß um dieselbe Zeit die Baronin, meine liebe Freundin, von dem Bedürfnis nach Ruhe getrieben, eine Zuflucht in dem stillen Warnow sucht. Ich habe mir Schloß und Park von dem Herrn Grafen, der seit heute morgen Besitzer der Güter ist, eigens zu diesem Zwecke für die Monate Februar und März reserviert. Er wird entzückt sein, daß Fräulein von Wallbach die Zurückgezogenheit der Tante ihres Verlobten teilen will. Nicht allein! die Baronin wird auf ihren dringenden Wunsch – merken Sie wohl! von Fräulein Else begleitet werden. Der Herr Graf, dem um diese Zeit seine Geschäfte – in erster Linie der Hafenbau in Warnow – den Aufenthalt auf dem Lande zur Pflicht machen, wird alles tun, die Einsamkeit der Damen zu beleben und zu erheitern. Ihr Herr Bruder – ich selbst – wir werden ab und zu gehen. Welches Schauspiel, das Erwachen des Frühlings auf dem Lande, am Ufer des Meeres zu beobachten, vielleicht auch das Weiteraufblühen von der lieben Else stiller Neigung zu dem Manne ihrer Wahl, der auf seinem neuen Posten – er ist seit einigen Tagen Lotsenkommandeur – ich glaube, so nennen sie's – in Wissow geworden – genau so weit nach Warnow hat, wie der Graf von seinem Schlosse aus! Wie scheint Ihnen mein kleiner Plan?

Entzückend! sagte Carla; – à deux mains! aber ob ausführbar?

Das lassen Sie meine Sorge sein. Geben Sie mir nur Ihre beiden schönen Hände darauf, daß Sie mich unterstützen wollen.

Hier haben Sie sie!

Und auf beide drücke ich als Siegel der Bestätigung meine Lippen.

Ich muß nun doch wagen, Ihr tête-à-tête zu stören, sagte Herr von Wallbach, aus dem Salon hereinkommend. – Die Gesellschaft ist vollzählig; es fehlen nur noch Ottomar, auf den wir wohl wieder einmal verzichten müssen, und die Frau Baronin.

Ich habe vergessen zu melden, sagte Giraldi, Herrn von Wallbach begrüßend, daß die Frau Baronin sich durch mich entschuldigen läßt – eine Indisposition – ihre angegriffenen Nerven –

Ah, sagte Herr von Wallbach; – wie schade! Würdest du die Güte haben, Carla, es Luise zu annoncieren? es macht weiter kein Derangement, da ich die Frau Baronin führen sollte, Sie, Herr Giraldi, hat sich die Baronin Kniebreche ausgebeten.

Giraldi verbeugte sich; Carla war gegangen.

Einen Augenblick, flüsterte Wallbach, Giraldi am Arme zurückhaltend. – Es ist mir lieb, sehr lieb, daß die Baronin nicht kommt. Dies ist der Tag der Überraschungen. Heute morgen zahlt Golm zu unser aller unsäglichstem Erstaunen – Lübbener kann sich noch gar nicht beruhigen – die halbe Million auf einem Brett; die Konzession, auf deren Publizierung wir noch wochenlang warten zu müssen fürchteten, da es mit der Kaution noch immer hapert, wird morgen schon im Staatsanzeiger stehen – ja, ja, Verehrtester, Sie dürfen sich darauf verlassen! – ich weiß es mit absoluter Gewißheit von dem Geheimrat von Stumm, der himmelhoch bittet, ihn nicht zu verraten – es soll eine liebenswürdige Überraschung von seiten des Ministers für uns sein; und – und – lieber Freund! – ich gerate nicht leicht aus der Fassung, aber c'est plus fort que moi – aus derselben, absolut sichern Quelle erfahre ich, daß der General in den Armee-Beförderungen, die morgen ebenfalls publiziert werden, nicht figuriert!

Das heißt? fragte Giraldi.

Das heißt, daß er übergangen ist, daß er – nach unsern Begriffen – anständigerweise seinen Abschied nehmen muß.

Wie sonderbar! sagte Giraldi.

Es ist nun einmal nicht anders, fuhr Wallbach erregt fort; ich würde den Schritt begreiflich, meinetwegen notwendig finden, wenn man nur dadurch, daß man ihn beseitigte, unsre Sache hätte durchdrücken können; so aber, da wir auch ohne das die Konzession in der Tasche haben, ist es –

Eine unnötige Grausamkeit, sagte Giraldi.

Nicht wahr? und die noch andere Folgen haben wird. Ich prophezeie Ihnen: Ottomar wird nicht nach St. Petersburg gehen.

Aber das wäre mehr als grausam – das wäre lächerlich, sagte Giraldi.

Sie kennen unsre Verhältnisse nicht; man ist bei uns sehr konsequent in solchen Dingen.

Giraldi wurde der Antwort überhoben. In der Tür zum Salon erschien, sich auf Carlas Arm stützend, die gebückte Gestalt einer alten Dame, die einen riesigen schwarzen Fächer knarrend auf und ab bewegte und mit einer blechernen Stimme überlaut rief:

Wenn Herr Giraldi nicht zur alten Kniebreche kommt, muß die alte Kniebreche wohl zu Herrn Giraldi kommen!

Ich fliege, meine Gnädige! sagte Giraldi.

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