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Friedrich Spielhagen: Sturmflut - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleSturmflut
authorFriedrich Spielhagen
year1996
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00694-0
titleSturmflut
pages3-312
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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An dem Eisengitter, das den etwas höher gelegenen Garten von dem Hofe trennte, tastete sich ein junges Mädchen hin. Sie ging langsam, gleichmäßigen Schrittes, in der erhobenen Linken einen Teller tragend, auf dem Butterbrote zu liegen schienen, und mit der Rechten im Weiterschreiten jeden dritten Stab des Gitters leicht berührend. Und an dieser gleichmäßigen Bewegung hatte Reinhold bereits die Blinde erkannt, bevor sie stehen blieb und, den Kopf ein wenig erhebend, das Gesicht der Sonne zuwandte. Die Sonne schien machtvoll, aber das Mädchen blinzelte nicht mit den Wimpern.

Arme Cilli! murmelte Reinhold.

Der Name war ihm von der Unterhaltung gestern abend in Erinnerung geblieben und daß die Blinde Herrn Kreisels, Onkel Ernsts Buchhalters, Tochter sei. Und da drüben, der Herr, der jetzt in die Tür des niedrigen Gebäudes trat und nun auf das junge Mädchen zukam, mußte der Vater sein: ein kleiner, alter Herr mit einem gänzlich kahlen Schädel, der in dem hellen Sonnenschein wie eine weiße Marmorkugel leuchtete.

Die Blinde hatte die Schritte sofort erkannt. Sie wandte den Kopf und zeigte Reinhold den Rücken, über den ein Paar dicker, aschblonder Flechten so tief hinablief, daß die Enden hinter der Fundamentmauer des Gitters verschwanden. Sie nickte wiederholt dem Kommenden entgegen und hielt ihm mit beiden Händen den Teller hin, von dem er eines der Butterbrote nahm und alsbald zu essen begann, zwischendurch einige Worte sprechend, die Reinhold aus der Ferne nicht verstehen konnte, so wenig, wie des Mädchens Antworten. Wieder hob sie die Augen zur Sonne, nahm den Teller, den sie vorhin in der Linken getragen, in die Rechte und schritt den Weg, den sie gekommen, zurück, mit den Fingerspitzen jeden dritten Stab des Gitters leicht berührend.

Reinhold hatte die ganze Szene beobachtet, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Das rührende Bild hatte seine Seele wie mit einem Zauber gefangen gehalten, und der Zauber hatte ihn noch nicht losgelassen, denn noch immer verfolgte er die Bewegungen des Mädchens mit atemloser Aufmerksamkeit: jede dritte Stange mit ihr berührend, als ob er sich selber an dem Gitter hintaste; ihres Wiedererscheinens hinter einem Weißdornbusch, der an dem Gitter wuchs und sie jetzt seinen Blicken entzog, harrend, wie der Schiffer des Wiederaufleuchtens eines Sternes harrt, den er beobachtet und den auf Sekunden, die er zählt, eine vorüberziehende Wolke verbirgt. Aber sie kam in der Zeit, die verfließen konnte, nicht zum Vorschein; dafür bewegte sich der Busch. Vielleicht wollte sie ein Zweiglein abpflücken und konnte nicht damit zurechtkommen, im Nu war er durch das Gartenpförtchen an ihrer Seite.

Ein Dorn des Busches hatte, aus dem Gitter hervorragend, den im Winde wehenden Zipfel ihres weißen Schürzchens erfaßt und wollte nicht loslassen, wie geduldig sie sich auch bemühte, die Störung zu beseitigen.

Verstatten Sie mir! sagte Reinhold.

Sie hatte, noch bevor er bis zu ihr gekommen, sich aus ihrer gebückten Stellung aufgerichtet und ihm ihr Gesicht zugewandt, das jetzt, als er sprach, von dem lieblichsten Rot übergossen wurde.

Ich danke Ihnen, Herr Kapitän, sagte sie.

Der süße, melodische Klang ihrer Stimme harmonierte wundersam mit dem kindlich-heitern Lächeln, das die Worte begleitete.

Woher wissen Sie, Fräulein Cilli, daß ich es bin, der mit Ihnen spricht? sagte Reinhold, indem er sich niederbeugte und den leichten Stoff aus dem Dorn löste.

Von ihm, von dem Sie wissen, daß ich Cilli heiße und blind bin: von Justus.

Wollen Sie meinen Arm nehmen, Fräulein Cilli, und mir erlauben, daß ich Sie bis an Ihre Wohnung geleite – ich vermute in dem Hause, da gerade vor uns.

Ich gehe sicherer allein.

Sie hatten das Ende des Gitters erreicht; vor ihnen lag das Haus, in dem Cilli wohnte. Sie hatte die Fingerspitzen an die eiserne Säule gelegt, in der das Gitter abschloß, und hatte das Gesicht etwas nach oben gerichtet mit einem seltsam träumerischen Ausdruck.

Ich wünsche oft, ich wäre ein Künstler, sagte sie; aber ein Seemann – das möchte ich doch noch lieber sein. Wenn ich recht wundersam träume, dann fliege ich über die Lande auf weit ausgespannten Flügeln.

Ein paar Schwalben schossen zirpend durch die Luft; die Blinde hob die achtlosen Augen.

Die kommen übers Meer, ich nicht. Ich komme nur immer bis ans Ufer – nur immer bis ans Ufer! Ich bin recht undankbar, sagte sie, nicht wahr? Wie viele Menschen sehen nie das Meer, nicht einmal im Traume, wie ich – noch heute nacht. Justus kam an unserem Fenster vorüber; wir haben immer sehr spät Licht. Da rief er hinauf, daß Sie angekommen und ein so guter, lieber Mensch seien und so viel Wunderbares erzählt hätten von Ihren großen, großen Reisen. Sie müssen mir auch davon erzählen – wollen Sie?

Sie streckte ihm die Hand entgegen.

Gewiß will ich es! rief Reinhold; ich fürchte nur, daß Ihre Träume viel, unendlich viel schöner sind als alles, was ich Ihnen erzählen könnte.

Die Blinde schüttelte den Kopf.

Ich kann kein Ende finden, wenn ich ins Schwatzen komme, nicht wahr? Und nun halte ich Sie so lange auf, und Sie haben so viel Wichtigeres zu tun! Auf Wiedersehen!

*

Reinhold ließ seine Blicke um sich schweifen. Dieselbe Glocke, die vorhin, als Cilli aus dem Hause getreten, die Frühstückspause verkündete, erschallte jetzt abermals. Die Leute gingen wieder an die Arbeit. Um die Ecke des Hauses biegend, warf er durch weit offene Türen einen Blick in die Werkstatt, die den größten Teil des unteren Raumes einzunehmen schien. Grabkreuze und Grabtafeln wurden hier von geschäftigen Händen zurechtgehauen und gemeißelt.

Er fragte nach dem Onkel. Man hatte ihn an dem Morgen noch nicht gesehen, er möchte wohl in dem Maschinenraum sein oder auf einem der hinteren Höfe. – Das Atelier von Herrn Anders? – Hier, in demselben Gebäude, gleich, wenn Sie um die Ecke kommen, die erste Tür, – die zweite ist das Atelier von dem Fräulein.

Reinhold trat um das Haus und pochte an die erste Tür, neben der sich ein hohes, von innen bis zur Hälfte verhängtes Fenster befand. Man antwortete nicht, und er wollte schon weitergehen, als die Tür ein wenig geöffnet wurde. Aber es war nicht das freundliche Gesicht des Bildhauers mit den hellen Augen und dem lustigen Lächeln: ein fremdes, dunkles Gesicht, aus dem ein paar schwarze, glänzende Augen ihn anfunkelten.

Verzeihung! Ich glaubte, zu Herrn Anders zu kommen.

Herr Anders ist nicht hier; Herr Anders ist in seiner Wohnung, die dritte Treppe hinauf.

Der mit dem dunklen Gesicht sagte das in einem unfreundlichen Ton und in einem Deutsch, das geläufig genug war, aber doch in jeder Silbe den Ausländer erkennen ließ.

So will ich ihn dort aufsuchen.

Herr Anders will in die Kunstausstellung, er zieht sich an.

Wissen Sie vielleicht, ob Fräulein Schmidt in ihrem Atelier ist?

Die Hartnäckigkeit des Fragers schien den jungen Mann zu ärgern. Die schwarzen Augen waren wie in Nacht gehüllt, die feine Oberlippe mit dem weichen Bärtchen zuckte, daß für einen Moment die weißen Zähne hervorblitzten.

Er schloß die Tür, auf italienisch etwas durch die Zähne murmelnd, das nicht wie ein Segen klang.

Reinhold wandte sich wieder in den Hof, vorbei an einer Stelle, wo man gewaltige Marmorblöcke vermittelst großer Sägen durchschnitt, die in der Schwebe hingen und je von einem Manne regiert wurden.

Auch bei den Schneidemaschinen war Onkel Ernst nicht – eben dagewesen – vielleicht bei den Drehmaschinen – nebenan.

Reinhold hatte Mühe, die Worte, die ihm ein Arbeiter ins Ohr schrie, zu verstehen, so groß war der nervenzerreißende, kreischende Ton der ungeheuren Sägen, die die Kraft des Dampfes mit unheimlicher Geschwindigkeit hinüber und herüber durch die auf der hohen Kante stehenden mannshohen Blöcke zog: acht, zehn, zwölf Sägen zu gleicher Zeit durch denselben Block, der dadurch in ebenso viele zolldicke Platten geschnitten wurde. Und zwischen je zwei Blöcken auf einem schmalen Gerüst war ein Mann unablässig beschäftigt, aus einem Eimer mit Sand vermischtes Wasser in die Fugen zu gießen, die die Sägen über sich ließen.

Und der, welcher herabgestiegen war, um Reinhold Bescheid zu sagen, sprang eiligst auf seinen Platz zurück, die ellenlangen Funken zu löschen, die aus seinen Blöcken hervorzusprühen begannen.

Herr Schmidt werde jetzt vielleicht drüben in den Werkstätten sein, wo die feineren Arbeiten so weit vorbereitet würden, bis sie in die Schleiferei kämen.

Jene Werkstätten lagen auf der andern Seite des Hofes, von dessen gewaltigen Dimensionen Reinhold erst jetzt eine richtige Vorstellung bekam, ebenso, wie von der ungeheuren Ausdehnung, die des Onkels Geschäft offenbar hatte. In drei Werkstätten war er bereits gewesen, in mindestens ebenso viele hatte er, vorübergehend, einen Blick geworfen. Welche Kapitalien mußten in diesen massiven Gebäuden stecken, in dem Platz allein, den sie und die Hofräume einnahmen, in diesen komplizierten, sinnreichen Maschinen, in der Menge der bereits fertigen Waren und nun gar in diesen Massen unverarbeiteter Marmorblöcke, die überall über den Hof aufgestapelt lagen und zwischen denen sich die gepflasterten Wege hinzogen für die derbkonstruierten Wagen, auf denen von gewaltigen Pferden die ungeheuren Lasten hinüber und herüber geführt wurden!

Laute Stimmen, die in seiner unmittelbaren Nähe erschallten, schreckten Reinhold auf: eine hellere und eine tiefe, in der er die seines Onkels zu erkennen glaubte. Es mußte ein Wortwechsel sein: Die hellere Stimme wurde immer heftiger, bis ein donnerndes: Schweigen Sie! den Redeschwall unterbrach. So konnte nur Onkel Ernst donnern.

Er war stehen geblieben, unschlüssig, ob er näher treten dürfe, ob er den Streitenden ausweichen solle. Da aber kamen diese bereits um den Haufen Marmorblöcke, der sie bisher seinen Blicken entzogen, herum: der Onkel und ein fuchsbärtiger Mann, dessen unschönes Gesicht von Wut entflammt und wie verzerrt war. Auch auf des Onkels Stirn, aus der der breite Schlapphut hoch hinausgeschoben, lag eine rote Zorneswolke, aber seine großen, mächtigen Augen blickten fest und ruhig, und fest und ruhig war die Stimme, als er jetzt, den Neffen erblickend, sagte: Guten Morgen, Reinhold, obgleich es kein guter Morgen für mich ist.

Wünschen Sie meine weitere Begleitung, Herr Schmidt? fragte der Mann.

Allerdings, Herr Inspektor! Sie werden die Leute jetzt in meinem Beisein entlassen.

Das werde ich nicht tun, Herr Schmidt.

In meinem Beisein und in dem aller übrigen Leute! – Ziehen Sie die Glocke!

Und Onkel Ernst deutete auf ein Gerüst, in dem eine große Glocke hing.

Das ist meines Amtes nicht, sagte der Inspektor trotzig.

Sie haben recht, erwiderte Onkel Ernst, denn Sie haben kein Amt mehr, von dieser Stunde an.

Ich stehe auf vierteljährige Kündigung.

Das wird sich finden.

Onkel Ernst ging auf die Glocke zu. Reinhold kam ihm zuvor. – Erlaube das mir! sagte er.

Er wartete des Onkels Antwort nicht ab und löste den herabhängenden Strang. Im nächsten Augenblick erschallten die lauten Schläge, mächtigen Klanges über den Hof tönend, das Kreischen und Knirschen der Sägen, das Pochen und Klopfen der Hämmer und Meißel übertönend, die Arbeiter von ihrer Arbeit aufschreckend. Schon kamen sie von da und dort herbei mit verstörten Gesichtern.

Und jetzt richtete sich Onkel Ernst auf Die großen Augen flammten über die versammelte Menge, die Arme sanken von der breiten Brust, und aus der breiten Brust kam die mächtige Stimme wie grollender Donner: Leute! Ihr kennt die Haus- und Arbeitsordnung, sie ist euch vorgelegt – jedem einzelnen, der bei mir in Arbeit trat, sie ist in jeder Werkstatt angeschlagen, keiner darf sagen, daß ihm auch nur ein Punkt dunkel oder unverständlich geblieben; und so soll sie auch gehalten werden, Punkt für Punkt, wie von mir, dem Arbeitgeber, so von euch, den Arbeitnehmern. Ist einer unter euch, der hier vortreten und sagen kann, daß ich auch nur um eines Haares Breite von dem abgewichen, was ich euch versprochen, oder sonst meine Pflicht und Schuldigkeit im mindesten nicht erfüllt habe, der trete vor und sage es!

Er machte eine Pause – die Arme wieder verschränkend und die Augen senkend, als wolle er auch nicht durch einen Blick jemand einschüchtern, seine Meinung frei zu äußern. Onkel Ernst schaute zum zweiten Male auf: Es hat sich keiner gemeldet, ich muß annehmen, daß ihr mir nichts vorzuwerfen, daß ihr keinen Grund zur Klage habt. Ihr aber, – ich habe Grund zur Klage gegen einige von euch; und damit ihr alle hört, was es ist und wer es ist, und daß ihr euch in Zukunft danach richtet, und wer noch etwa heimlich auf demselben Wege geht, weiß, was er zu tun hat, wenn er sonst ein ehrlicher Kerl ist, seid ihr hier zusammengerufen. – Jakob Schwarz, Johann Brand, Anton Baier – tretet ihr vor!

Eine lebhafte Bewegung unter den Leuten entstand. Aller Augen richteten sich auf die Gruppe. – Was soll's? sagte der erste.

Du wirst es gleich erfahren, erwiderte Onkel Ernst. – Ihr wißt, Leute, daß unsere Statuten euch verbieten, einem sozialistischen Verein anzugehören; daß ich diese drei Knall und Fall hätte wegschicken können, als ich vor acht Tagen erfuhr, wie es mit ihnen bestellt ist; daß ich Gnade vor Recht ergehen ließ, wenn ich sie nicht wegschickte, wenn ich ihnen Zeit ließ, sich zu besinnen. Gestern abend war die Frist abgelaufen; sie haben gestern abend Herrn Roller hier die von ihnen geforderte Versicherung, daß sie aus dem Verein ausgetreten, nicht gegeben. Herr Roller hätte sie heute morgen nicht wieder an die Arbeit lassen dürfen; er hat es getan und ist deshalb von diesem Augenblick an euer Inspektor nicht mehr und überhaupt aus meinen Diensten geschieden.

Die Köpfe wogten durcheinander. Bestürzung malte sich auf den meisten Gesichtern, auf manchen Schadenfreude, der Inspektor versuchte ein höhnisches Lächeln, das aber nur zu einer traurigen Grimasse wurde.

Ihr nun, fuhr Onkel Ernst fort, sich jetzt zum ersten Male an die Betroffenen wendend, nehmt eure Sachen und verlaßt den Hof auf der Stelle! Und ihr andern, laßt euch dies Exempel zur Warnung dienen und euch gesagt sein, was ihr freilich längst wissen solltet, daß mit mir nicht zu spaßen, sondern daß es mein bittrer Ernst ist mit dem, was ich sage, und – nun geht wieder an eure Arbeit!

Eine Anzahl der Leute machte sofort kehrt und fing an, sich zu entfernen, aber andere – fast aus jeder Gruppe einige – blieben und rückten, während die Reihen sich lichteten, näher zusammen, als wollten sie einer bei dem andern Schutz suchen. Auch die zuerst gehen wollten, blieben wieder stehen, kehrten um und traten ebenfalls aneinander heran.

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