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Friedrich Spielhagen: Sturmflut - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleSturmflut
authorFriedrich Spielhagen
year1996
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00694-0
titleSturmflut
pages3-312
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Noch nicht, Tante Rikchen, sagte der Eingetretene. – Guten Abend, meine Herrschaften! – Ich bitte um Entschuldigung, Herr Schmidt, daß ich so spät komme! – Herr Kapitän Schmidt? – Würde es an der Familienähnlichkeit sehen, auch wenn ich nicht gewußt hätte, daß Sie heute eintreffen sollten – freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen!

Reinhold hätte beinahe laut gelacht. – Die Erscheinung, das Wesen, das Sprechen des kleinen bärtigen, an den Schläfen bereits kahlen Bildhauers – seine Lebhaftigkeit, Freundlichkeit, Unbefangenheit – das alles stand in einem so wunderlichen Gegensatz zu der etwas gedrückten, ja gereizten Stimmung, die zuletzt an der Tafel geherrscht!

Er hatte in dem Anblick des fremden Mannes, der, harmlos wie ein Kind, die Welt zu durchwandern und ihre Gefahren nicht zu kennen oder doch nicht zu achten schien, seine eigene Natur wiedergewonnen und schloß sich dankbar an den neuen, munteren Gefährten an. Dem Bildhauer wiederum gefiel der kräftige Mann mit dem offnen, freien Gesicht, den großen, hellblickenden, blauen Augen und dem braunen, lockigen Vollbart gar wohl; seine eignen kleinen, ein wenig rotgeränderten lebhaften Augen schweiften immer wieder zu ihm hinüber.

Lassen Sie sich nur von Ihrem Herrn Onkel nicht gegen Berlin einnehmen, rief er. – Ich sage Ihnen: Es ist jetzt famös bei uns und wird mit jedem Tage famöser. Wir haben nämlich jetzt, was uns einzig und allein gefehlt hat, Geld; und wenn das Geld im Kasten klingt – Sie wissen nicht, was der Berliner da alles zu tun imstande ist. Berlin wird Weltstadt – blicken Sie mich nicht so strafend an, Fräulein Ferdinande – es ist bereits ein wenig abgegriffen für uns, aber der Herr Kapitän ist zweifellos noch nicht im Besitz des Geheimnisses, und wir müssen ihn doch vorbereiten, damit seine Ver- und Bewunderung nicht alles Maß übersteigt, wenn sich ihm morgen das erhabene Bild des Ungeheuers entschleiert mit den hundert- und abermals hunderttausend Köpfen, Armen und Beinen. Aber, wie lassen wir es uns auch sauer werden! Mit unserm Herzblut füttern wir das Ungetüm. Ich bin schon nur noch Haut und Knochen, und dabei habe ich schon wieder einen Auftrag, Tante Rikchen –

Wieder ein Siegesdenkmal? fragte Tante Rikchen eifrig.

Natürlich! Sie müssen nämlich wissen, Herr Kapitän: Es ist kein Städtchen jetzt so klein, es will nicht ohne Denkmal sein. Warum auch nicht? Die guten Leute in Posemuckel sind ebenso stolz auf ihre sechs braven Jungen, die sie ins Feld gestellt haben, wie wir auf unsere sechshundert oder sechstausend, und daß sie immer ein paar hundert Taler weniger zusammenbringen, als wofür man menschenmöglicherweise etwas Anständiges herstellen kann, ist auch nicht ihre Schuld.

Und wie ziehen Sie sich aus diesem Dilemma? fragte Reinhold.

Er setzt irgend einer alten Figur einen neuen Kopf auf, und die Viktoria oder Germania ist fertig, sagte Onkel Ernst.

Ich protestiere gegen diese abscheuliche Verleumdung, rief der Bildhauer – ich habe ein einziges Mal den Versuch gemacht, einen Homer, der allerdings schon etwas lange im Atelier gestanden, durch Wegnahme seines ehrwürdigen Hauptes in den Rumpf einer Germania umzuwandeln. Aber es war nur der famösen Falten wegen – der ganz famösen Falten, für die mir seinerzeit Hähnel in Dresden die höchsten Lobsprüche erteilt hat.

Und der Versuch mißlang? fragte Reinhold.

Ja und nein, erwiderte Justus, sich die kahle Stirn reibend. Nein – denn die Germania steht fix und fertig auf ihrem Sandstein-Postament in Posemuckel und segnet, während ihr die schwerbewaffnete Rechte ermüdet herabsinkt, mit der erhobenen Linken, in der sie einen Lorbeerkranz hält, das deutsche Vaterland und seine treuen Posemuckler.

Onkel Ernst schaute unter den buschigen Brauen auf den kleinen heiter-gesprächigen Mann wie ein gut gelaunter Löwe auf das Lieblingshündchen, das ihn lustig bellend umspielt.

Ich wollte doch, Ihre Germania stünde auf dem Dönhofsplatze, sagte er.

Weshalb?

Ein alter, ehrwürdiger Rumpf, welchem ein um seine Mittel nicht verlegener Tausendkünstler einen neuen Kopf aufgesetzt hat, der nicht dazu paßt – das scheint mir ein vortreffliches Bild der neuen, deutschen Einheit und wohl wert, daß unsere gefügigen Herren Volksvertreter es sich recht oft von allen Seiten besehen.

Justus lachte überlaut, als hätte Onkel Ernst den harmlosesten Witz gemacht.

Sehen Sie, rief er, zu Reinhold gewandt – so ist er nun, der Herr Onkel! Der Neid, das ist seine Leidenschaft! Er beneidet unsern Herrgott, daß er die schöne Welt geschaffen hat –

Schämen Sie sich, Justus! sagte Tante Rikchen.

Und mich armen Erdenwurm um jede famöse Figur, die aus meinem Atelier hervorgeht. Er hätte sie natürlich viel famöser gemacht. Und darin hat er am Ende recht. Er ist nämlich ein geborner Künstler: ein Michelangelo – das heißt: ohne Arme – nur in der Phantasie. Und jeder Strich seiner Sägen, welche die prächtigen Marmorblöcke zu Treppenstufen und dergleichen schnöden Dingen zerschneiden, geht ihm durchs Herz, denn er denkt bei jedem: Was hättest du daraus formen und bilden können!

Schwatzen Sie nicht solchen Nonsens! sagte Onkel Ernst.

Es ist die lautere Wahrheit! rief Justus, immer zu Reinhold gewendet; – Ideen hat er, die Hülle und die Fülle – famöse Ideen –

Onkel Ernst schüttelte in diesem Augenblick auch das Haupt, aber keineswegs mißmutig, vielmehr mit einer gewissen grimmigen Befriedigung, wie sie Reinhold während des ganzen Abends noch nicht an ihm wahrgenommen. Sollte er gegen Schmeichelei nicht weniger unempfänglich sein als andere Tyrannen auch? dachte Reinhold.

Und der neue Auftrag? fragte er.

Ein ganz famöser Auftrag, erwiderte Justus, seine dritte Tasse Tee schlürfend; – sie haben diesmal wirklich Geld, heidenmäßig viel Geld; das heißt: Für mich wird natürlich wieder nichts übrig bleiben – die Summe wird wieder mit den Auslagen verduften –

Lassen Sie doch einmal hören! sagte Onkel Ernst.

Er hatte sich in seinen Stuhl zurückgelehnt und blies mächtige Wolken aus der Zigarre, die er sich eben angezündet, nach der Zimmerdecke. Reinhold hatte im Interesse der Damen auf die Zigarre verzichten wollen, was der Onkel aber nicht zugegeben: Seine Frauenzimmer seien daran gewöhnt; Justus, der kein Raucher war, knetete Brotkügelchen zu einer größeren Kugel zusammen; er war offenbar schon mitten in der Arbeit.

Es ist im Grunde die alte Geschichte, sagte er: drei oder vier Stufen – sagen wir drei – aus Sandstein, darauf ein quadratischer Unterbau – aus Granit, auf welchem wieder ein viereckiger Ofen, auf welchem Ofen schließlich die Germania. Das ist alles Kinderspiel. Aber der Unterbau mit seinen Hauptreliefs: Hier liegt der Hase im Pfeffer! Aber das hilft nun nicht: Man muß eben originell im einzelnen sein, wenn man's im ganzen nicht sein kann; und da meine Originalität in möglichst guten Modellen besteht, werde ich diesmal unglaublich originell sein, denn ich habe unglaublich gute Modelle. Abschied des Landwehrmannes – denn volkstümlich muß die ganze Geschichte werden – Landwehrmann: Herr Kapitän Schmidt!

Ich? rief Reinhold erstaunt.

Sie und kein anderer. Ich habe Sie mir schon eine Stunde lang darauf angesehen, Sie hat mir der Himmel geschickt. Numero zwei: Bureau des Bezirksvereins zur Pflege und so weiter: Frauen, die Liebesgaben bringen, Tante Rikchen, Komiteemitglied, die eingelieferten Gaben mit kritischen Blicken prüfend – famös! In einer Ecke Cilli!

Das ist ein schöner Gedanke, sagte Onkel Ernst.

Wer ist Cilli? fragte Reinhold.

Ein Engel, erwiderte Justus, die blinde Tochter des guten Kreisel, Ihres Herrn Onkels ersten Buchhalters, der natürlich als Bureauvorsteher fungiert, über sein Pult gebeugt, die Gaben registrierend. Er allein würde mein Werk unsterblich machen. – Drittens: Kampfszene – Offizier zu Pferde, mit dem Degen winkend, Landwehrleute, zur Attacke mit gefälltem Gewehr, marsch! Marsch! Hurra! Heranstürmend, unter ihnen unser Herr Kapitän, bereits zum Unteroffizier avanciert! Merken Sie schon was? Im übrigen die alte Leier. – Viertens der Einzug! Das schönste Mädchen der Stadt, den Siegeskranz darbringend, natürlich: Fräulein Ferdinande, diesmal Bürgermeisterstochter. Bürgermeister, majestätische Gestalt: Herr Ernst Schmidt.

Ich bitte, mich aus dem Spiel zu lassen! sagte Onkel Ernst.

Ich bitte, mich nicht zu unterbrechen! rief Justus. – Wo um alles in der Welt soll ich einen so klassischen Repräsentanten des guten, alten, echten, deutschen Bürgertums hernehmen?

Das alte, echte, deutsche Bürgertum war republikanisch, grollte Onkel Ernst.

Um so besser! rief der Bildhauer. – Ein Siegesdenkmal ist auch ein Friedensdenkmal; was hätten wir von dem Siege, wenn er uns nicht den Frieden brächte? Den Frieden nach außen, den Frieden nach innen: innerhalb der Parteien! Je schärfer die Partei in den Köpfen, auf den Gesichtern meiner Menschen ausgeprägt ist, um so deutlicher wird die tiefsinnige patriotische Symbolik des Werkes hervorspringen. Und deshalb muß man meinem Bürgermeister den Republikaner und Adelshasser auf hundert Schritt ansehen, ebenso wie meinem Regimentskommandeur den eingefleischten Feudalen und Demokratenfresser. Und da habe ich nun wieder ein Modell, das in seiner Weise ebenso klassisch ist: den General von Werben –

Reinhold schaute erschrocken auf. Der Name kam ihm so unerwartet und – »der Vater haßt die Werbens«, hatte Ferdinande vorhin gesagt.

In der Tat war Onkel Ernsts Gesicht plötzlich wie in Nacht getaucht. Auch die Frauen mußten das heraufziehende Gewitter fürchten: Ferdinandes schöne Züge wurden mit einem plötzlichen Rot übergossen, das ebenso plötzlich einer tödlichen Blässe wich, Tante Rikchen warf dem Bildhauer einen schnellen, ängstlichen Blick zu und schüttelte, verstohlen abwehrend, mit dem Kopf. Aber der merkte von dem allen nichts.

Es wird der Knalleffekt des Bildes, rief er: Mit dem Ausdruck befriedigten Siegerstolzes, aber auch mit dem überwundenen Parteitrotzes, als wolle er sagen: Das Kriegsbeil zwischen uns ist nun auf alle Zeit begraben! Streckt mein General, sich seitwärts tief herabbeugend, meinem Bürgermeister die Hand entgegen, die jener mit männlich freudiger Rührung erfaßt, welche deutlicher als Worte sagt: So soll es sein!

So soll es nicht sein! rief Onkel Ernst mit einer Donnerstimme. Eh ich die Hand erfasse, soll diese meine Rechte hier verdorren! Und wer mir die Schmach auch nur im Bilde antun wollte, zwischen dem und mir wäre das Tischtuch zerschnitten – so!

Und er riß das Messer, das er ergriffen, quer über das Tischtuch, warf es aus der Hand, stieß seinen Stuhl zurück und erhob sich taumelnd.

Aber es war nur die Wirkung des Berserkerzornes gewesen, denn er stand, als Reinhold auf ihn zusprang, ihn zu unterstützen, wieder fest und sagte in einem Ton, dessen erzwungene Ruhe seltsam und unheimlich mit dem wilden Ausbruch kontrastierte: Wir hatten zu lang bei Tisch gesessen, da stockt das Blut und steigt einem zu Kopfe. Gute Nacht, Reinhold, auf Wiedersehen morgen! Gute Nacht, ihr andern!

Er war gegangen.

Reinhold hatte über die erleuchteten Treppen und Korridore leicht sein Zimmer gefunden. Auf dem Tische standen die Lichter; er zündete sie nicht an; der halbe Mond schien hell genug, eine warme Luft drang durch das offene Fenster, an dem er in tiefem Sinnen stehen blieb.

Schade, schade, murmelte er, – ich wäre hier gern länger vor Anker geblieben. Und mit dem Alten würde ich zur Not fertig werden. Er ist freilich wunderlich genug getakelt und verliert die Steuerung, wie es scheint, manchmal in bedenklicher Weise. Nun, es sind die Schlimmsten nicht; und man kann von uns Schmidts nicht die aristokratische Haltung der Werbens verlangen. Ferdinande ist ja zweifellos sehr schön – der Bildhauer hatte recht: »das schönste Mädchen der Stadt« und doch! Nicht drei Worte hat sie gesprochen – sollte es leer sein hinter der schönen Stirn? Ihre düstere Schweigsamkeit nur ein Mantel sein mit »famösen Falten«, die sie vermutlich ihrem Meister abgelauscht hat und mit dem sie nun ihre Unbedeutendheit verhüllt? Ich hatte mir ein anderes Bild von ihr gemacht nach der ersten Begegnung; es war doch Leben in ihr, als sie der Vorstellungsszene auf dem Bahnhof so kurz ein Ende machte und mich hernach so eilig wegzog. Freilich – nach dem, was ich eben gesehen – mußte ihr die Szene peinlich genug sein – Capulets und Montagus, nur durch eine Gartenwand getrennt – was ist denn das noch?

Die Laubgänge in der Tiefe des Gartens, der sich unter dem Fenster, an dem Reinhold stand, ziemlich weit nach hinten streckte, traten zum Teil hell zwischen den Büschen hervor. Über eine der hellen Stellen war eben eine weibliche Gestalt geglitten, um sofort wieder zu verschwinden und nicht wieder zum Vorschein zu kommen.

Er wollte eben das Fenster schließen, als er die Gestalt wieder erblickte, diesmal in dem Gange, der längs der Mauer oder Bretterwand – er konnte es nicht unterscheiden – hinlief, die, nach links zu, den Garten auf eine kleine Strecke von dem Nachbargarten trennte. Es schien, als ob sie den Kopf an die Wand lehnte, längere Zeit, wohl ein paar Minuten in dieser Stellung verharrend, bis sie sich bückte und etwas aufhob, das in dem Licht des Mondes für einen Moment weißlich schimmerte und das sie an ihren Busen drückte oder auch dort verbarg. Und jetzt trat sie von der Wand zurück und weiter in den Garten hinein, ihre Blicke schienen über das Haus, das nun vor ihr lag, zu schweifen; dann kam sie um das Rondell herum – Ferdinande!

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