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Friedrich Spielhagen: Sturmflut - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleSturmflut
authorFriedrich Spielhagen
year1996
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00694-0
titleSturmflut
pages3-312
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Indessen schienen glücklicherweise seine Befürchtungen nicht in Erfüllung gehen zu sollen. Zwar konnte Tante Rikchen nicht wohl den Mund öffnen, ohne daß Onkel Ernst ihr den Faden der Rede kurz abschnitt; auch mischte sich Ferdinande wenig in die Unterhaltung, aber das hatte im Anfang nicht so viel auf sich oder war erklärlich, da Onkel Ernst vor allem von Reinhold einen ausführlichen Bericht seiner Schicksale und Erlebnisse während der langen Jahre, die sie einander nicht gesehen hatten, verlangte und mit einer Aufmerksamkeit zuhörte, die nicht gestört sein wollte. Dabei hatte Reinhold Gelegenheit, die ganz ungewöhnliche Fülle und Genauigkeit von Onkel Ernsts Kenntnissen zu bewundern. Er konnte keine noch so entfernte Stadt nennen, über deren Lage, Geschichte und merkantile Verhältnisse jener nicht vollständig unterrichtet gewesen wäre. Er sprach dem Onkel sein Erstaunen und seine Bewunderung darüber aus.

Was willst du? erwiderte dieser. Wenn man als ein armer Teufel geboren ist und nicht, wie du, das Glück gehabt hat, von Berufs wegen in die Welt hineinschweifen zu dürfen, sondern als Junge und Jüngling und Mann an die Scholle geheftet war und an die harte Arbeit ums tägliche Brot, bis man ein alter Kerl geworden, und nun, wo man's sonst wohl könnte, nicht mehr zu dem Wanderstabe greifen mag – was bleibt einem übrig, als die Karten zur Hand zu nehmen und seine Nase in die Bücher zu stecken, um zu erfahren, wie groß und schön unser Herrgott seine Welt gemacht hat?

Wenn Onkel Ernst so sprach, schwand alles Rauhe und Herbe aus seiner Stimme, alles Finstre aus seinen strengen Zügen – aber nur für einen Moment; dann lagerte sich wieder über Stirn und Augen die düstre Wolke wie graue Nebel um die Firnen eines Gebirges, die eben noch im Sonnenschein erglänzten.

Reinhold konnte sich nicht satt sehen an dem schönen, alten Gesicht, dessen Ausdruck beständig wechselte, aber nie eine leiseste Spur von Flachheit und Unbedeutendheit zeigte, sondern immer groß und mächtig blieb; an dem herrlichen Kopfe, der jetzt, wo das überreiche, lockige Haar und der buschige Vollbart stark ergraut waren, noch stattlicher, königlicher schien als in früheren Jahren. Und dabei mußte er beständig an ein anderes Gesicht denken, dem er noch vor wenigen Abenden so gegenüber gesessen: an das des Generals von Werben, auch ein schönes, altes, strenges Gesicht, freilich in sich konzentrierter, gesammelter, ohne das gewaltige Feuer, das hier in prächtigen Garben emporschoß, um dann wieder, wie unter einer Aschendecke, weiter zu glühen und zu drohen.

Denn daß diese innere, kaum verhaltene Glut bedrohlich sei und nur einer Veranlassung bedürfe, um prasselnd und donnernd hervorzubrechen – Reinhold hatte es sich von Anfang an gesagt, und es sollte nicht lange dauern, bis er den Beweis erhielt, wie er sich nicht getäuscht.

Er war in der Erzählung seiner Fahrten und Irrfahrten bis zu dem Tage gekommen, wo er in Southampton die Nachricht von dem Ausbruch des Krieges erhielt und, alle Verhältnisse abbrechend, den sonstigen Gewohnheiten entsagend, nach Deutschland zurückeilte, die Pflichten gegen das bedrohte Vaterland zu erfüllen.

Dann, als das große Ziel erreicht, größer, schöner, voller, als ich und wohl alle, die mit mir in den Kampf gezogen, gedacht und geahnt, gewünscht und gewollt – da bin ich unverzüglich zu meiner alten Beschäftigung zurückgekehrt, habe mein Schiff wieder übers Meer gelenkt, in dem stillen, freudigen Gefühl, meine Pflicht getan zu haben, in der Gewißheit, jetzt überall, wohin mich auch das wechselreiche Geschick des Seemanns führen möchte, in dem Schatten der deutschen Flagge ein Stück Heimat zu finden; in der frohen Zuversicht, daß ihr in dem schönen Vaterlande das schwer Errungene nie wieder verloren gehen lassen und die gute Zeit benutzen würdet, das so groß geplante, so machtvoll begonnene Werk auszubauen und zu vollenden, und daß, wenn ich heimkehrte, es in ein Land sein werde, voll Freude und Frieden und Sonnenschein in allen Herzen und auf allen Gesichtern. Und nun gar hier – im Schoße der Familie – an deinem Tische, Onkel Ernst, der du für des Vaterlandes Ehre und Glück so viel gekämpft und so viel gelitten – kann doch vollends von einer Zurückhaltung nicht länger die Rede sein; darf ich doch sicher auf herzlichstes Verständnis, auf unbedingte Billigung rechnen. Ich meine, die Sache ist so groß und so schwer, daß sie jedes Paares kräftiger Schultern bedarf, damit sie aus der Stelle rücke; und sie ist so gut und so heilig, daß ich den beklagen möchte, der nicht aus voller Überzeugung mitraten und mittuen will oder kann.

Oder kann! rief Onkel Ernst, – sehr richtig! Habe ich nicht mitgeraten und mitgetan, so lange ich konnte: auf den Barrikaden in den Märztagen, auf den Bänken der Nationalversammlung und überall und zu jeder Zeit, wo und wie es menschenmöglich – ich meine einem ehrlichen Menschen möglich war, die Schulter an das Rad zu stemmen, wie du sagst? Ich will nicht davon reden, daß ich mir die Schultern dabei wund gedrückt – mehr als einmal; daß sie mich schikaniert und gelegentlich auch ins Loch gesteckt haben – das gehört dazu, und besseren Leuten als ich ist es nicht besser, wohl aber schlimmer, viel schlimmer ergangen. Gut! Es war ein Kampf – ein mit sehr ungleichen Waffen geführter, verzweifelter Kampf – meinetwegen! Aber doch ein Kampf! Was ist denn das jetzt? Ein Jahrmarkt ist's und eine Trödelbude, wo sie über den Ladentisch hinüber und herüber schachern.

Die Wolke auf seiner Stirn war finsterer geworden, die dunkelblauen Augen wetterleuchteten, die tiefe Stimme grollte – ein Sturm war im Anzug. Reinhold hielt es nun doch für geraten, ein paar Segel einzureffen.

Ich bin kein Politiker, Onkel, sagte er, ich habe, glaube ich, verzweifelt wenig Anlage dazu und habe jedenfalls keine Zeit gehabt, diese etwaige Anlage auszubilden. Ich kann dir deshalb nicht widersprechen, wenn du mir sagst, daß hierzulande leider nicht alles ist, wie es sein sollte. Aber dann wirst du mir auch zugeben, wie mir die aristokratischen Herren zugeben mußten, daß die Sache, von der andern Seite – ich meine von draußen, vom Bord eines Schiffes, von einem fremden Hafen jenseits des Ozeans aus gesehen – sich ganz anders und sehr viel besser ausnimmt. Und ich meine, du kannst mir nicht verargen, daß ich günstiger über den Mann denke und – gerade heraus – einen tiefen Respekt vor ihm empfinde, dem wir denn doch schließlich den Respekt zu verdanken haben, dessen der deutsche Name sich jetzt über die ganze Welt zu erfreuen hat.

Ich kenne das Lied, sagte Onkel Ernst. Er hat es ja oft genug gesungen, der schlaue Finkler, und singt es noch jeden Augenblick, wenn die Gimpel einmal nicht ins Netz wollen: Wer hat 1864, wer hat 1866, wer hat 1870 gemacht? Ich! Ich! Ich!

Und hat er nicht recht, Onkel?

Nein und tausendmal nein! rief Onkel Ernst. Weil man die letzte Schaufel Erde wegnimmt, hat man deshalb ein alleiniges Anrecht auf den Schatz, den andere mit unsäglicher Arbeit und Mühe aus den Tiefen der Erde so weit geschürft und gehoben? Noch heute wäre Schleswig-Holstein dänisch, hätten die Junker es erobern, noch heute wäre Deutschland in tausend Fetzen zerrissen, hätten die Junker es zusammenflicken sollen; noch heute flatterten die Raben um den Kyffhäuser, hätten nicht tausend und abertausend patriotische Herzen und Köpfe von Deutschlands Einheit geschwärmt, für Deutschlands Größe gedacht Tag und Nacht, – die Herzen und die Köpfe von Männern, die man dafür nicht mit Grafen- und Fürstentiteln und Dotationen beschenkt und begnadigt hat.

Weißt du, Onkel, sagte Reinhold, ich meine: Es ist mit der deutschen Einheit wie mit andern großen Dingen auch. In Gedanken waren schon gar viele westwärts nach Ostindien gefahren; in Wirklichkeit tat es schließlich nur einer, und der entdeckte – Amerika.

Mir deucht, sagte Onkel Ernst grollend, der es entdeckte, hieß Kolumbus, und er soll zum Dank dafür in den Kerker geworfen und im Elend gestorben sein. Der hinterher kam und den Ruhm in die Tasche steckte und nach dem der Erdteil getauft ist, war ein armseliger Schächer, nicht wert, jenem die Schuhriemen zu lösen.

Nun, wahrhaftig! rief Reinhold, wider Willen lachend – ich glaube, Onkel, so würde auf dem ganzen Erdenrund kein anderer Mensch über Bismarck sprechen.

Wohl möglich! erwiderte Onkel Ernst; – ich glaube auch nicht, daß auf dem ganzen Erdenrund ein anderer den Mann so haßt wie ich.

Onkel Ernst stürzte das Glas, das er sich eben voll geschenkt, in einem Zuge hinunter. Reinhold fiel bei der Gelegenheit auf, daß der Onkel auch sonst der Flasche reichlich zugesprochen, und er glaubte zu bemerken, daß die Hand, die das gefüllte Glas wieder zum Munde führte, ein wenig zitterte und der vorhin so stetige Glanz der großen Augen getrübt war und unheimlich flackerte.

Ferdinande schien die Unterbrechung gar nicht zu bemerken. Sie starrte, wie sie es nun bereits fast während der ganzen Mahlzeit getan, mit einem seltsamen zerstreut-düstern Ausdruck vor sich hin und regte sich auch nicht, als jetzt die Tante, sich zu ihr hinüberbiegend, einige leise Worte sagte. Onkel Ernst, der eben das geleerte Glas wieder füllen wollte, setzte die erhobene Flasche heftig nieder:

Ich habe dich schon tausendmal gebeten, Rike, das abscheuliche Flüstern zu lassen! Was gibt es denn nun schon wieder?

Gar nichts! Ich fragte nur Ferdinande, ob Justus heute abend nicht käme.

Wer ist Justus? fragte Reinhold, froh, daß irgendein anderer Gegenstand berührt wurde.

Rike liebt es, die Leute möglichst familiär zu bezeichnen, sagte Onkel Ernst.

Wenn sie halb zur Familie gehören, warum nicht? erwiderte Tante Rikchen, die entschlossen schien, sich diesmal nicht einschüchtern zu lassen. – Justus oder, wie der Onkel will, Herr Anders ist ein junger Bildhauer –

Von dreißig und einigen Jahren, sagte Onkel Ernst.

Also von dreißig und einigen Jahren, fuhr Tante Rikchen fort, genauer dreiunddreißig. Er wohnt schon, wer weiß wie lange, bei uns –

Weißt du es nicht, Ferdinande? fragte Onkel Ernst.

Ferdinande ist nämlich seine Schülerin, fuhr Tante Rikchen fort.

Ah! sagte Reinhold, ich mache mein Kompliment.

Es ist nicht der Rede wert, sagte Ferdinande.

Seine beste Schülerin! rief Tante Rikchen. Er hat es mir selber noch gestern gesagt, und daß dein Hirtenknabe der Kommission sehr gefallen hat. Ferdinande hat nämlich einen Hirtenknaben auf der Ausstellung, nach dem Gedicht von Schiller –

Von Uhland, Tante!

Ich bitte um Entschuldigung, ich habe nicht das Glück einer gelehrten Erziehung gehabt, wie andere Leute, – nun weiß ich nicht mehr, was ich sagen wollte –

Es wird wohl nicht so viel darauf ankommen, brummte Onkel Ernst.

Du sprachst von Ferdinandes Hirtenknabe, Tante, sagte Reinhold einhelfend.

Die Tante warf ihm einen dankbaren Blick zu, aber bevor sie antworten konnte, ertönte die Klingel auf dem Flur, und sofort fragte eine helle Stimme: Sind die Herrschaften noch bei Tisch?

Es ist Justus! rief Tante Rikchen, ich dachte es doch! – Haben Sie schon gegessen?

*

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