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Friedrich Spielhagen: Sturmflut - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleSturmflut
authorFriedrich Spielhagen
year1996
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00694-0
titleSturmflut
pages3-312
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Die zuerst Gekommenen brauchten den Herzulaufenden die Unglücksstelle nicht mehr zu zeigen. Es konnte jeder den weißangestrichenen Altan drüben sehen und die schwarzen Frauengestalten – einmal zwei, dann wieder nur eine, die vorhin – sagten die zuerst Gekommenen – mit dem Taschentuche immerfort gewinkt hatte und jetzt in der Ecke zusammengekauert saß, als habe sie die Hoffnung aufgegeben und erwarte ergebungsvoll ihr Schicksal.

Wenn doch nur der Herr Leutnant wieder käme: Es sind doch seine leibhaftigen Verwandten. Wenn es kein Mittel gab, ein Seil hinüberzuschaffen und drüben zu befestigen, so daß an der schwankenden Brücke einige herübergleiten konnten, um dem Floß auch von drüben her die Richtung nach dem Altan zu geben – war keine Rettung.

So meinte der Schulze, und so meinten die andern. Sie schrien es aber einander in die Ohren, es hätte in dem fürchterlichen Lärmen niemand ein gesprochenes Wort verstehen können.

Da stand Ottomar plötzlich unter ihnen.

Er hatte mit einem Blick die ganze Situation begriffen.

Eine Leine her! schrie er, und schafft Licht! – Die Weiden da!

Sie hatten ihn sofort verstanden: die vier alten hohlen Weidenbäume hart am Rande! Man solle sie in Brand stecken! Es war dabei freilich, wenn es überhaupt gelang, Gefahr für das Dorf, aber daran dachte nicht einer. Sie stürzten nach den nächsten Häusern, sie schleppten geteertes Werg, Kienstücke armevoll herbei, stopften alles in die Höhlungen. Ein paar vergebliche Versuche – und dann flammte es auf – sprühend, knatternd, – einmal hoch aufleuchtend, jetzt wieder zusammensinkend – seltsam wechselnde Lichter auf die hunderte von bleichen Gesichtern werfend, die alle, alle mit fürchterlicher Starrheit auf den Mann gerichtet waren, der da, die Leine um die Brust geschlungen, in dem Strome mit dem Strome kämpfte.

Würde er es durchhalten?

Mehr als ein Paar schwieliger Hände fügten sich betend zusammen. Es lagen Weiber auf den Knien, schluchzend, wimmernd, die Nägel ins Fleisch krampfend, das Haar raufend, wie im Wahnsinn aufkreischend, als wieder eine fürchterliche Welle heranrollte und über ihn wegrollte und er in der Welle verschwand.

Aber da war er wieder. Er war auch eine Strecke stromab getrieben, aber er hatte seinen Ausgangspunkt gut gewählt; noch war der Altan weit unter ihm; es schien ein Wunder, daß er so durch den Strom kam!

Und nun war er in der Mitte. Er schien nicht weiter zu kommen; er glitt langsam stromab.

Aber immer noch war der Altan unter ihm; wenn er die Mitte überwand, konnte, mußte es gelingen!

Und nun gewann er sichtbar Raum; näher und näher, Fuß um Fuß – in schräger gleichmäßiger Linie nach dem Altan!

Rauhe, störrische Gesellen, die ein Leben lang verfeindet gewesen waren, hatten einander bei den Händen gefaßt; Weiber fielen einander schluchzend in die Arme. Ein Herr mit kurzem grauem Haar und dichtem grauem Schnurrbart, der eben atemlos, vom Dorfe her, herbeigelaufen war und, dicht bei den brennenden Weiden stehend, deren Glut ihn fast umleckte, mit stieren Blicken den Schwimmer verfolgt hatte und mit heißen Gebeten und Versprechungen: Daß alles vergeben sein solle und vergessen, wenn er ihn nur wieder haben sollte, den geliebten, den heldenmütigen Sohn – er schrie jetzt laut auf – einen fürchterlichen Schrei, den der Sturm verwehte, und stürzte zum Ufer hinab, wo die Männer standen, die die Leinen hielten, ihnen zurufend, sie sollten zurückziehen: zurück!

Es war zu spät.

Da kam sie herabgeschossen, die mächtige Fichte, an deren Fuß vor einer halben Stunde noch der Schwimmer gesessen – herausgerissen von dem Sturm, hinabgeschleudert in die Flut, sich wälzend in den Strudeln des Stromes, wie ein Ungeheuer der Tiefe entstiegen, jetzt die mächtigen Wurzeln herauskehrend, die noch den Stein umklammert hielten, und jetzt sich hebend, kerzengerade, wie sie einst gestanden im Licht der Sonne, und im nächsten Moment niederschmetternd über den Schwimmer, auf den Schwimmer – und dann, mit der Krone unter die schäumenden Strudel schießend und die Wurzeln nach oben kehrend, aus dem Bereich des Lichtes hinaustreibend in die finstere Nacht.

Sie hatten ihn zurückgezogen, da seltsamerweise die dünne Leine nicht zerrissen war – einen toten Mann, an dessen Seite, als er am Ufer ausgestreckt lag – er hatte nur eine klaffende Wunde über der Stirn, wie einer, der den ehrlichen Reitertod gestorben – der alte Mann mit dem Schnurrbart kniete und den Toten auf den schönen blassen Mund küßte.

Und jetzt geschah, was den Menschen, die hier in dieser einen Stunde so seltsam Befremdliches, grausig Furchtbares durchlebt, als ein Wunder erschien.

Die Weidenfackeln, die von den Wurzeln bis in das struppige Gezweig alle auf einmal brannten, warfen ein fast tageshelles Licht über den Uferraum, über die Menschenmenge, den Strom, den Altan drüben – weit in den überfluteten Park hinein bis zu dem Schloß, dessen Fenster hier und da in dem Widerschein des Feuers rötlich aufflammten.

Und in diesem Licht kam, den schmalen Strom daher, auf dessen Rasengrunde sonst die Dorfkinder spielten, die sich gern von dem Rande der Böschung in die Tiefe kugelten – denselben schäumenden Wasserweg, den eben noch die struppige Fichte sich hinabgewälzt, wie ein Meerscheusal, das mit hundert Armen nach seiner Beute greift, – ein schlankes, schönes Boot geschossen, das eben erst an der hinteren Rampe des Schlosses, wie an einem Hafenquai, eine seltsame Ladung ausgeladen. Und hatten da gehört, wie es stand, und der am Steuer hatte gesagt: Kinder, es ist meine Braut! Und die sechs hatten gerufen: Hurra für den Kommandeur! Und Hurra für seine Braut! Und schossen nun vorüber mit niedergelegtem Mast, während die sechs die Ruder aufrecht hielten, wie in einem Flaggenboot, das den Admiral zur Hafentreppe bringt. Und die Flagge flatterte hinter dem, der am Steuer saß und mit leisem Druck der starken Hand durch die schäumenden Strudel das willige Fahrzeug lenkte nach dem Ziel, das die klaren, untrüglichen Augen festhielten, wie der Adler seine Beute, ob auch das mutige Herz noch so wild gegen die Rippen pochte.

Und schossen so vorüber – vorüber an der Menge, die atemlos dem Wunder staunte, vorüber an dem Altan, nur um ein weniges. Da drückte der am Steuer, daß das Boot sich wandte, wie ein Adler im Fluge; und die sechs setzten die Ruder ein – alle auf einen Schlag – und die Ruder schnellten wieder hinauf, und das Boot lag längsseit am Altan, über den und über das Boot eine riesige Woge ihren schäumenden Kamm nach dem Ufer rollte und dort, zerschellend, den Gischt bis in die brennenden Bäume schüttete, die Atemlosen am Ufer in eine sprühende Wolke hüllend.

Und als die sprühende Wolke zerstäubt war, da sahen sie, in dem trüben Licht des verlöschenden Feuers, den Altan nicht mehr, und nur noch wie einen Schatten das Boot, das rechtshin in dem Dunkel verschwand.

Und dann atmeten sie auf, wie aus einer einzigen angstbeklemmten Seele, von der die Angst genommen ist. Und hurra! Hurra! Hurra! erscholl es, wie aus einer einzigen Kehle, daß es den heulenden Sturm übertönte.

Mochte das Boot im Dunkel verschwinden! Sie wußten: Der am Steuer verstand seine Sache, und die sechs an den Rudern verstanden ihre Sache auch, und es würde wiederkehren, gerettet, die Geretteten tragend aus Sturm und Flut.

*

Die sinkende Sonne stand nicht mehr hoch über den Hügeln. In ihrem magischen Licht erglänzte die stille Wasserfläche, die das ungeheure Halbrund zwischen dem Golmberge und dem Wissower Haken bedeckte. Die schrägen, rotgoldenen Strahlen schienen blendend in Reinholds Augen, der eben sein Boot von der See in die weite Bucht steuerte, hart an der Weißen Düne hin, an deren steiler Wand die hereinrollende langgestreckte Welle hinaufleckte, während das Boot auf ihrem breiten Rücken vorüberschwebte, mit den Spitzen der gleichmäßig sich hebenden und wieder einsinkenden Ruder beinahe den Rand streifend.

Die Blicke der Männer, die die Ruder führten, waren, als sie so vorüberglitten, auf die Düne gerichtet, und in aller Erinnerung stand sicher die Rettungsszene in der Sturmnacht; aber keiner von ihnen sprach ein Wort. Sie wollten den Kommandeur in seinen Gedanken nicht stören.

Ernste, traurige Gedanken – ernster und trauriger, als die braven Leute denken mochten und begreifen konnten.

Was waren ihnen die beiden, die sie hier von dieser Sandkuppe mit unsäglicher Mühe und hundertfacher Gefahr des Todes für jeden einzelnen unter ihnen aus der Todesgefahr erlöst – was waren sie ihnen gewesen als ein paar Menschen mehr, die sie an dem Tage bereits gerettet hatten. Wie der Herr Graf und das vornehme Fräulein dahin gekommen, in welchem Verhältnis die beiden zueinander standen – was fragten sie danach?

Aber er!

Wie hatte es ihn durchschauert, als er die glänzende Carla von Wallbach, die er noch vor wenigen Tagen im Licht der Kronenleuchter durch den Salon von Warnow hatte tänzeln und kokettieren sehen, – ein Bild des äußersten Elends, die Gewänder durchpeitscht von der Nässe, die zarten Glieder geschüttelt vom eisigen Frost, mit halb verstörten Sinnen, zusammengekauert, kaum noch einer menschlichen Gestalt ähnlich, auf der sturmumdonnerten Düne fand und nach dem Boote trug; und sie, in dem Augenblick, als er sie dort niederlegte, aus ihrer Betäubung erwachend und ihn erkennend, wie im Wahnsinn aufkreischte: Retten Sie mich vor ihm! Und ihn – den fremden Mann – angstvoll umklammert hielt, wie ein Kind die Mutter, daß er sich mit Gewalt losmachen mußte! – Und als dann der Graf, der in einem kaum minder bejammernswerten Zustande war, nachdem ihn zwei von den Lotsen in das Boot getragen und in der Nähe Carlas niedergelegt hatten, plötzlich wieder auftaumelte und, auf die Gefahr hin, über Bord zu fallen, nach dem Vorderteil des Bootes schwankte und dort, in finsterm Trotz in sich hineinbrütend, saß, teilnahmlos an allem, was um ihn her vorging.

Und immer trauriger wurden Reinholds Gedanken. Es war ihm ja dann das Höchste noch gelungen: Er hatte die Geliebte dem sichern Tode entreißen dürfen, und mit ihr die unglückliche Frau, von der sie beide, als wären sie ihre Kinder, geliebt wurden und die sie beide, wie eine Mutter, liebten und verehrten. Es war ja so viel des höchsten Glückes, und doch! Und doch!

Wie teuer war dieses Glück erkauft? War noch ein Glück, was so teuer erkauft werden mußte? Gab es überall noch ein Glück auf Erden, wenn das Unglück in seiner mitleidslosen Gestalt so dicht daneben lag? Mußten sie sterben, so jung, so schön, so überreich ausgestattet mit herrlichsten Eigenschaften und Gaben? Und wenn sie sterben mußten, weil sie nicht mehr leben konnten, nicht mehr leben wollten, der Tod für sie nur eine Erlösung aus unentrinnbaren Verschlingungen – als welch fragliches Gut erschien das Leben, mit dem auch nur die Möglichkeit solch grausigen Geschickes geboren war? Wie mochten die beiden Väter es ertragen? Würdevoll – ohne Zweifel – und doch! Und doch!

Sie hatten das Schloß und den Park umrudert und näherten sich dem Ufer an derselben Stelle, wo in jener Nacht die Weiden gebrannt hatten, deren verkohlte Stumpfe noch von dem Strande anfragten. Es lagen bereits mehrere größere und kleinere Boote da, aus Ahlbeck und selbst von entfernteren Dörfern an der Küste. Von überall her – meilenweit – waren sie gekommen, denn überallhin – meilenweit – war sie in diesen Tagen von Mund zu Mund getragen – mit manchen Variationen und immer dieselbe doch, – die rührende Geschichte von dem Jüngling, der ein Mädchen lieb hatte, die beide von Hause flohen und weder Glück noch Stern hatten, und nun gestorben waren und heute begraben werden sollten.

Der sehr große Hof war, besonders in dem dem Schlosse zunächst gelegenen Teile von einer großen, wohl aus tausend Personen bestehenden Menschenmenge angefüllt, die in dichten Gruppen zusammenstanden und, während sie den auf das Portal zuschreitenden Herren, ehrerbietig grüßend, Platz machten, dieselben neugierig musterten, hinter ihnen her sich leise ihre Bemerkungen mitteilend. – Der neben dem Herrn Kommandeur ging, das war der Herr Präsident! belehrten die, die ihn kannten. – Wenn der Herr Präsident, der doch der Oberste im ganzen Regierungsbezirk und dazu ein so guter Herr war, der es mit allen wohl meinte, gekommen und bei dem Begräbnisse zugegen sein würde, da könne der Herr Graf auch in Gottes Namen zu Hause bleiben. Und wenn der Herr Graf bei ihnen hier Herr spielen wolle – sie wollten es ihm schon verleiden! Aber Herr Damberg sage ja, daran sei gar nicht zu denken; der müsse froh sein, wenn man ihm das liebe Leben lasse.

Die Herren waren in das Schloß getreten. Eine größere und glänzendere Gruppe, die sich jetzt auf der Brücke zeigte, lenkte die Aufmerksamkeit der Menge dorthin. Es war eine Schar von Offizieren in ihren Galauniformen, denen in einiger Entfernung eine größere Zahl von Unteroffizieren folgte – von dem Regiment des Herrn von Werben, sagten die, die gedient und Ottomar im Sarge gesehen hatten. – Und der Herr Oberst, der voranging, das sei jedenfalls der Kommandeur von dem Regiment, und daß der kommandieren könne, das sehe ihm einer, der gedient und mit in Frankreich gewesen, an den Augen und an der Nase an. Und der Hauptmann, der neben ihm gehe, das sei einer vom Generalstab, den habe am Ende Feldmarschall Moltke selber geschickt. Und da solle nun ein Wort wahr sein von all dem dummen Gerede über den jungen Herrn von Werben, und daß sie ihn nicht nach Berlin geschafft, weil er da kein ehrliches Begräbnis gehabt hätte, und nun kämen sie von Berlin den weiten Weg, um ihn begraben zu helfen!

Justus, der mit größter Bereitwilligkeit die Leitung der einfachen Trauerfeierlichkeit übernommen und jetzt die Offiziere über den Hof hatte kommen sehen, zögerte in der Vorhalle so lange, bis er sie empfangen und in die Zimmer rechter Hand, wo sich die Gesellschaft versammelt, hatte führen können. Dann winkte er Reinhold, ihm zu folgen, und geleitete ihn zu der Tür in der Tiefe der Halle, die er vorsichtig öffnete und sogleich wieder hinter ihnen abschloß. Es ist jetzt niemand mehr der Zutritt gestattet, erklärte er. Was sagen Sie, Reinhold?

Die hohen, prächtigen Räume, deren Läden geschlossen waren, erfüllte das milde Licht zahlloser Kerzen auf den Kronen- und Wandleuchtern und auf Kandelabern zwischen Bosketts von immergrünen Pflanzen und jungen Tannen, die in einer schönen, sich nach dem Eingang des Saales öffnenden Ellipse die beiden Särge umgaben. Mit alten Gewaffen, die Justus der Rüstkammer des Schlosses entnommen, und schönen Abgüssen von Antiken, ja Originalen, die ein früherer kunstsinniger Besitzer gesammelt und die er hier und da aus den Sälen und Zimmern herbeigeschafft, und wieder mit Gruppen von Blattpflanzen und Tannen, zwischen denen Lichter brannten, waren die Wände ringsum geschmückt.

Habe ich es nicht famös gemacht? flüsterte Justus, und alles in den paar Morgenstunden! Die beiden würden ihre Freude daran gehabt haben! Er an den Waffen, sie an den Figuren! Aber das Schönste sind sie doch selbst. Ich muß nun die Familie rufen, Reinhold, bevor wir die Särge schließen, unterdessen nehmen Sie Abschied. Sie haben nicht so viel Gelegenheit dazu gehabt wie die andern.

Justus war durch eine Tür, die nach den innern Gemächern führte, verschwunden. Reinhold stieg die Stufen hinauf und trat zwischen die Särge, in denen sie den ewigen Schlaf schliefen.

Ja, sie waren schön! Schöner noch, als sie im Leben gewesen. Der Tod schien jeden Erdenrest von ihnen getilgt zu haben, auf daß die edle Natur sich in ihrer ganzen Herrlichkeit offenbaren möge. Wie groß, wie vornehm dieses Mädchenantlitz, wie hinreißend anmutig dieses Jünglingsgesicht! Und als hätten sie, sterbend, den Bund der Seelen wahrhaft vollzogen und jeder dem andern liebend gegeben, was ihn zumeist im Leben schmückte, so spielte um ihre Lippen, die sonst so stolz geschürzten, ein süßes, glückselig demutvolles Lächeln, während der Tod mit dem rastlosen Flackern der nervösen Augen und dem ungeduldigen Zucken des feinen Mundes, alles Unfertige, Halbe aus seinen reinen Zügen weggewischt und nichts zurückgelassen als den Ausdruck des heldenhaften Willens, mit dem er in den Tod gegangen und für den die breite rote Wunde auf der weißen Stirn das feierliche Siegel war.

Durch die Büsche hinter ihm rauschte es leise. Er wandte sich und breitete Elsen seine Arme entgegen. Sie lehnte sich weinend an seine Brust: Nur einen Augenblick, flüsterte sie, daß ich dein liebes Herz kann schlagen fühlen und weiß, daß du mir lebst.

Sie richtete sich wieder auf. Ade! Zum letzten Mal! Ade! Du lieber, geliebter Bruder! Ade! Du schöne stolze Schwester, die ich so sehr geliebt haben würde!

Sie hatte beiden die bleichen Lippen geküßt; Reinhold nahm sie in seine Arme und führte sie von der Estrade hinab seitwärts, wo er Justus und Mieting in bescheidener Entfernung, Hand in Hand, zwischen den Büschen stehen sah, während, von hinten her kommend, der General, Valerie und Sidonie, Onkel Ernst und Tante Rikchen auf der Estrade erschienen, Abschied zu nehmen von den Toten.

Feierliche und doch verwirrende Momente, deren Einzelheiten Reinholds tränenumflortes Auge nicht zu fassen und festzuhalten vermochte, während vor Justus' klarem Künstlerblick ein rührend schönes Bild sich an das andere reihte, keines rührender und schöner für ihn, der diese Menschen und ihre Verhältnisse so genau kannte, als das letzte, das er noch sah: Den General, der die gänzlich erschöpfte Valerie – sie war nur für diesen Moment aus ihrem Krankenzimmer hervorgekommen und hatte den Kopf mit einem Spitzenschleier umwunden – die Stufen der Estrade, mit zärtlicher Sorge, beinahe hinabtrug, während Onkel Ernsts mächtige Gestalt, die noch oben stand, sich zu der guten, kleinen Tante Rikchen hinabbeugte und ihr mit der breiten, starken Hand beschwichtigend über das bleiche, verkümmerte, betränte Gesicht strich.

Eine halbe Stunde später bewegte sich der Trauerzug nach dem Friedhofe, der, ein paar hundert Schritte von dem Dorfe entfernt, auf der höchsten Stelle der zum Ufer gewordenen Hügelkette lag.

Ein langer, feierlicher, stiller Zug, Schritt für Schritt begleitet von den monotonen Kadenzen der an der steilen Uferwand an- und abrollenden Dünung. Und dann und wann der schrille Schrei einer Möwe, die, über dem blinkenden Wasser sich wiegend, das wundersame Schauspiel neugierig betrachten mochte, oder ein geflüstertes Wort vom Nachbar zum Nachbar, das bereits die zunächst Vorangehenden oder Folgenden nicht mehr hörten.

So das Wort, das der General zu Onkel Ernst sprach, als eben die Spitze des Zuges den Friedhof berührte: Fühlen Sie sich stark genug? Und das, von Onkel Ernst erwiderte: Erst jetzt fühle ich mich wieder stark.

Aber selbst Reinhold und Else, die hinter ihnen gingen, würden es nicht verstanden haben, hätten sie es gehört. Noch hatte Onkel Ernst niemandem als dem General die Depesche gezeigt, die inhaltsschwere Depesche, im trocknen Lapidarstil einer Polizeibehörde: »Philipp Schmidt, heute nacht, im Begriff sich auf dem Dampfer ›Hansa‹ von Bremerhaven nach Chile einzuschiffen, erkannt, in seiner Kabine durch Revolverschuß selbst getötet, entwendete Gelder unberührt vorgefunden, wird morgen abend 6 Uhr beerdigt werden.«

Da, unter der breiten Hand, die er in den Überrock geschoben, lag das Blatt, und das mächtige Herz schlug dagegen, schlug in Wahrheit wieder stark und wieder stolz, nun, da er sich sagen durfte, daß sein unglückseliger Sohn denn doch nicht zu den Feigen gehört hatte, denen das Leben über alles geht; daß es doch auch für ihn ein Maß der Schande gab, das nicht überfließen konnte, weil er in demselben Moment den Lebensbecher ausschüttete – ein Getränk zu schal und ekel selbst für seine entweihten Lippen!

Die Särge waren in die gemeinsame Gruft versenkt. Zu Häupten der Gruft stand Onkel Ernst – barhaupt, und barhaupt vor ihm in weitem, dichtem Halbkreise die Menge.

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