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Friedrich Spielhagen: Sturmflut - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleSturmflut
authorFriedrich Spielhagen
year1996
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00694-0
titleSturmflut
pages3-312
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Ich will mich möglichst kurz fassen, sagte Reinhold, seine Blicke bald auf den General, bald auf den Präsidenten richtend, als ob er nur für diese spräche: Die Ostsee scheint, nachdem sie einmal unter Revolutionen ungeheuerster Art entstanden war, eine Welt für sich zu sein. Sie hat keine Ebbe und Flut, ihr Salzgehalt ist viel geringer als der der Nordsee und nimmt nach Osten immer mehr ab, so daß die Fauna und Flora –

Was ist das? fragte Mieting.

Die Tier- und Pflanzenwelt, mein gnädiges Fräulein, des finnischen Meerbusens fast einen Süßseecharakter hat. Nichtsdestoweniger findet, wie ja denn auch sichtbar die Verbindung noch besteht, eine beständige Wechselwirkung zwischen dem Binnenmeere und dem Weltmeere statt: ein Zufluß und Abfluß von diesem in jenes, von jenem in dieses, unter der höchst komplizierten Zusammenwirkung und Mitwirkung der verschiedensten Ursachen, deren eine ich hervorheben muß, weil sie es gerade ist, von der ich spreche. Es ist die Regelmäßigkeit der von West nach Ost, von Ost nach West wehenden Winde, die das Ab- und Zuströmen des Wassers in seinen unterseeischen Kanälen, freundschaftlich gleichsam, auf der Oberfläche begleiten und befördern. Der Schiffer rechnete auf diese Winde fast mit der Sicherheit, mit der man auf das Eintreten ein für allemal feststehender Naturerscheinungen rechnet, und er durfte es, denn seit Menschengedenken war keine wesentliche Veränderung eingetreten, bis vor einigen Jahren plötzlich der Ostwind, der in der zweiten Hälfte des August einzutreten und bis in die Mitte des Oktober zu wehen pflegte, ausblieb und nicht wiedergekommen ist.

Nun? Und die Folge davon? fragte der Präsident, der mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhörte.

Die Folge davon, Herr Präsident, ist, daß sich in der Ostsee im Laufe dieser Jahre ganz ungeheure Wassermassen angesammelt haben, die wir um so weniger bemerken, als sie sich ja selbstverständlich nach allen Seiten gleichmäßig auszubreiten streben, der Hauptdruck aber nach Osten in immer gesteigerter Proportion stattfindet, so daß im Frühling des vorigen Jahres bei Nystad in Süd-Finnland vier Fuß über dem gewöhnlichen Wasserstand normiert waren, bei Wasa, zwei Grad nördlicher, bereits sechs Fuß und bei Tornev in dem nördlichsten Ausläufer des Bottnischen Busens sogar acht. Das allmähliche Steigen und die fast ausnahmslos hohen Ufer haben die Bewohner jener Gegenden einigermaßen gegen die größten Kalamitäten geschützt. Für uns aber, die wir fast ebenso ausnahmslos flache Ufer haben, wird ein plötzlicher Rückstau dieses jahrelang ununterbrochen nach Osten drängenden Stromes furchtbar werden. Der Rückstau muß aber bei einem starken Nordost- und Oststurm, besonders wenn er tagelang anhält, eintreten. Die von der Gewalt des Sturmes nach Westen gedrückten Fluten werden vergebens durch die schmalen Straßen der Belte und des Sundes in das Kattegat und Skagerrack einen Ausweg in den Ozean zu finden suchen und wie ein gehetztes Raubtier in die Hürde, sich über unsere Küsten stürzend, meilenweit in das Land hineinwälzend, niederreißend, was ihrer blinden Wut sich engegenstemmt, Äcker und Wiesen mit Sand und Geröll bedeckend, eine Verwüstung anrichten, von der noch Enkel und Enkelkinder schaudernd erzählen werden.

Während Reinhold so sprach, war dem Grafen nicht entgangen, daß der Präsident und der General sich wiederholt verständnisvolle, bestätigende Blicke zugeworfen, daß Herrn von Strummins breites Gesicht vor Erstaunen und Schrecken ordentlich in die Länge gegangen war und – was ihn vor allem ärgerte – die Damen mit einer Aufmerksamkeit zuhörten, als handelte es sich um eine Ballgeschichte. Er wollte dem Menschen wenigstens nicht das letzte Wort lassen.

Aber diese famose Sturmflut ist denn doch im besten – ich meine für Sie günstigsten – Falle eine Hypothese! rief er.

Nur für die, die nicht von ihrer Notwendigkeit überzeugt sind, wie ich es bin, erwiderte Reinhold.

Nun gut, sagte der Graf. Ich will einmal annehmen, daß der Herr mit seiner Überzeugung nicht isoliert dasteht. Ja, noch mehr, daß er recht hat, daß die Sturmflut heute oder morgen oder irgend einmal kommen wird: So scheint es doch, daß sie nicht alle Tage, daß sie nur in Jahrhunderten einmal kommt, – nun, meine Herren, ich habe den tiefsten Respekt vor der weit in die Zukunft ausschauenden Fürsorge unserer Behörden, aber dergleichen jahrhundertelange Perspektiven dürften denn doch auch der fürsorglichsten unabsehbar dünken, sie jedenfalls nicht bestimmen, zu unterlassen, was der nächste Augenblick erheischt.

Zuletzt hüstelte der Präsident in die schlanken, weißen Hände und sagte:

Sonderbar! Während der Herr Kapitän hier mit jenem vollen Tone, den nur die Überzeugung gibt, uns eine Sturmflut prophezeit, die unser liebenswürdiger Wirt, der freilich der Nächste dazu sein würde, – wie unser Fritz Reuter sagte – am liebsten in das Fabelland verweisen möchte, habe ich bei jedem Worte einer andern Sturmflut denken müssen –

Noch einer! rief Mieting.

Einer andern Sturmflut, mein liebes Fräulein, und auf einem ganz andern Gebiet. Ich brauche den Herren nicht zu sagen, auf welchem. Auch hier ist der gewöhnliche Lauf der Dinge auf die unerwartetste Weise unterbrochen worden, auch hier hat eine Aufstauung von Fluten stattgefunden, die sich in einem ungeheuren Strom – einem Goldstrom, meine Damen von Westen nach Osten ergossen haben. Auch hier prophezeien die Kundigen, daß so unnatürliche Verhältnisse nicht von Dauer sein können, daß sie die längste Zeit gedauert haben, daß ein Rückstau eintreten müsse, eine Reaktion, eine Sturmflut, die – um in dem Bilde zu bleiben, das der Sache so sonderbar entspricht, – sich, eben wie jene andere, zerstörend, vernichtend über uns stürzen und mit ihren trüben, unfruchtbaren Wassern die Stätten bedecken wird, auf denen die Menschen bereits für alle Zeiten ihr Reich und ihre Herrschaft fest gegründet zu haben glaubten.

*

Die Damen zogen sich, nachdem die Tafel aufgehoben, alsbald zurück. Frau von Strummin, die sonst um neun Uhr zu Bett zu gehen pflegte, war ernstlich müde. Mieting behauptete, es ebenfalls zu sein. Aber ihre glänzenden Augen widersprachen; und so waren denn die beiden Mädchen kaum allein, als sie erklärte, daß sie den Kapitän zum Sterben liebe.

Das ist der Mann, den ich mir immer geträumt habe, rief sie: jung, aber nicht zu jung, so daß man Respekt vor ihm haben kann; klug, aber nicht zu klug, so daß man nicht eingeschüchtert wird; brav, aber kein Prahler – und dann die schönen weißen Zähne, wenn er lacht! Und er lacht so gern und so gutmütig!

Ich unterschreibe alles, was du von ihm gesagt hast; aber bis zum Lieben – das ist doch noch ein weiter Schritt.

Sehen – lieben – das ist bei mir eines. Aber man irrt sich dabei oft – sehr oft!

Mieting begann, ihre rotblonden Haare aufzuflechten, und sagte in tragischem Tone:

Das erste Mal – es ist unendlich lange her – ich war vielleicht zwölf Jahre – liebte ich den Kandidaten meines Bruders, ich habe nämlich auch einen Bruder. Er lebt jetzt in Hinterpommern – da, wo man für möglichst wenig Geld möglichst viel Sand kaufen kann. Der Kandidat ist natürlich schon lange verheiratet und Pastor, natürlich auch in Hinterpommern, dicht bei meinem Bruder – und da habe ich ihn in diesem Winter gesehen, bei einer Kindtaufe – Gott, wie ich mich geschämt habe! Es war entsetzlich! Und wenn es noch beim erstenmal geblieben wäre! Aber dieselbe Geschichte hat mindestens schon zwanzigmal gespielt – das letzte Mal im Februar in Berlin – im Opernhause – in der ersten Loge. – Papa sagte, es sei ein Bauernfänger, aber Papa sieht überall Bauernfänger, wenn er in Berlin ist, und verleidet einem jede Stunde, zerstört einem jede Illusion – ach, und es ist doch so süß, Illusionen zu haben, wenn man siebzehn Jahre alt und darauf angewiesen ist! Schläfst du schon?

Nein, aber ich bin sehr müde; gib nur einen Kuß, und dann geh' auch zu Bett!

*

Auch die Herren waren nur noch kurze Zeit beisammen geblieben. Die von dem Grafen offerierten Zigarren fanden nur an Herrn von Strummin einen Liebhaber, da der General und der Präsident nicht rauchten, und Reinhold erklärte, für sein Teil die Güte des Grafen um so weniger noch länger in Anspruch nehmen zu wollen, als er morgen in der Frühe aufzubrechen gedenke und deshalb schon jetzt um die Erlaubnis bitte, sich dem Herrn Grafen empfehlen und für die erwiesene Gastfreundschaft danken zu dürfen. Es interessiere ihn, zu wissen, wie der Neptun die Havarie überstanden habe, und er sei sicher, das Schiff entweder noch in Wissow vor Anker zu finden oder gar schon in Ahlbeck, wohin es zurück müsse, die gestern dort ausgesetzten Passagiere abzuholen.

Der General sagte kurz, indem er Reinhold die Hand reichte: Au revoir in Berlin, Herr Leutnant! Der Präsident trat heran und flüsterte: Ich wünsche Sie noch zu sprechen!

Reinhold überlegte, auf seinem Zimmer angekommen, während er den unglückseligen Frack wieder in die Reisetasche zwängte, was die geheimnisvollen Worte des Präsidenten bedeuten möchten.

Der Präsident empfing den späten Gast mit einer Verbindlichkeit, die Reinhold um so mehr auffiel, als er sich von dem zurückhaltenden und, wie es schien, etwas hochmütigen Herrn bis dahin kaum beachtet glaubte.

Sie hatten in der Hafenfrage meine Partei zu lebhaft genommen, um nicht mit dem Herrn Grafen zusammenzustoßen, dessen Empfindlichkeit nach dieser Seite leider nur zu erklärlich ist. Sie scheuen vielleicht, um der übrigen Gesellschaft willen, eine doch mögliche Fortsetzung von Debatten, die unseren Wirt in eine so wenig gastfreundliche Aufregung versetzen, und –

Genau so verhält es sich, Herr Präsident, sagte Reinhold.

Ich dachte es mir. Sie werden also in wenigen Stunden an Bord des Neptun sein. Ich habe in meiner Koje ein Aktenstück frei liegen lassen, in dem ich unterwegs studiert: ein Memorial an den Herrn Minister über eben jene Hafenbaufrage, dann über den Zustand unserer Wasserstraßen, Lotsenverhältnisse, Küstenbeleuchtung – Verbesserungsvorschläge nach allen diesen Richtungen – und so weiter. Ich möchte die Papiere nicht gern in fremde Hände fallen lassen oder auch nur zeitweise in fremden Händen wissen. Und Sie würden mich um so mehr verbinden –

Ich danke Ihnen von Herzen für das Vertrauen, das Sie mir schenken, Herr Präsident, sagte Reinhold. Die Papiere sollen sicher in Ihre Hände gelangen –

Aber nicht, bevor Sie Einsicht genommen, fiel der Präsident schnell ein. Und das ist die Einleitung zu meiner zweiten Bitte. Sie sehen mich erstaunt an; die Sache ist einfach die: Der alte würdige Lotsenkommandeur in Wissow muß sich und will sich pensionieren lassen. Die Stelle wird zum nächsten Frühjahr, vielleicht schon im Laufe des Winters frei. Bei dem jetzigen Stand der Dinge, bei so vielen Fragen, die herzudrängen und erledigt werden müssen, ist der Posten von einer Wichtigkeit, die weit über den Einfluß ähnlicher Stellungen hinausgeht. Ich kann dem Herrn Minister für diesen Posten nur einen durchaus bewährten, intelligenten Mann in Vorschlag bringen, von dem ich weiß, daß er mich aus Überzeugung in meinen Plänen unterstützen wird. Können Sie sich nun aus jenen Papieren die Überzeugung verschaffen und daß Sie gern mit mir weiter arbeiten möchten, so würde ich mir mit Ihrer Erlaubnis verstatten, Sie dem Herrn Minister zu präsentieren.

Aber, Herr Präsident, sagte Reinhold, Sie erweisen mir ein so großes, ein so überaus schmeichelhaftes Vertrauen, einem Mann, von dem Sie doch gar nicht wissen –

Das wäre nun meine Sache, unterbrach ihn der Präsident lächelnd. Die Frage ist jetzt: Sind Sie geneigt, auf meine Proposition einzugehen? Ich erwarte, ja, ich wünsche jetzt keine Antwort. Ich bitte darum, wenn Sie mir in Sundin die Papiere wiedergeben und wir über einem Kotelett und bei einem Glase Burgunder das Nähere besprechen.

Ein Nicken mit dem feinen grauen Kopfe, ein Wink mit der schlanken weißen Hand und Reinhold war entlassen.

In Gnaden, aber doch, als ob ich bereits in seinen und der Regierung Diensten wäre, sagte Reinhold lachend, als er in seinem Zimmer auf und nieder schritt, den Vorschlag überdenkend, der ihm so unerwartet und doch wie der naturgemäße Abschluß alles dessen gekommen war, was der Tag gebracht.

Sei ehrlich! sagte Reinhold, seine Wanderung unterbrechend. Gestehe es dir, um nicht ein paar tausend Meilen zwischen sie und dich zu legen, um in ihrer Nähe zu bleiben, um die Möglichkeit zu haben, sie einmal wiederzusehen, um den Toren weiter zu spielen, den du heute gespielt hast! Denn eine Torheit ist es doch! Was kann dabei Vernünftiges herauskommen? Die adlige Generalstochter würde den sehr bürgerlichen Lotsenkommandeur mit höchst verwunderten braunen Augen ansehen, wenn er es wagen wollte, die seinen allen Ernstes zu ihr zu erheben, und für den Herrn General bin und bleibe ich der Reserve-Leutnant – ein etwas, das nicht Fisch, nicht Fleisch ist und das man sich nur im Falle der Not – und auch dann nur mit innerem Widerstreben – gefallen läßt. Ich dächte, du hättest es erfahren! Und gesetzt, das Unwahrscheinlichste würde Wirklichkeit: Du könntest dir die Liebe des schönen Mädchens, die Freundschaft des Vaters erwerben – auf welche Gesellschaft würdest du in Zukunft angewiesen sein! Würde es dich sehr freuen, dem Herrn Grafen Golm, dem Herrn von Strummin und Genossen noch recht oft zu begegnen? Aus ihren Mienen, ihren Blicken zu lesen: Was will der Mensch in unserer Mitte? Kann er nicht bei seinesgleichen bleiben? Oder denkt er wirklich, sich oder seinen demokratischen Onkel –

Reinhold mußte lachen: Onkel Ernst! – Er hatte ihn seit zehn Jahren nicht gesehen, aber wenn er ihn jetzt in Berlin so wiederfand: grollend, erbittert, unversöhnt und scheinbar unversöhnlich, wie er damals war – der alte starrköpfige Revolutionär und der alte steifnackige Soldat – eine feine Seide würden die zusammenspinnen! Und die gute Tante Rikchen mit dem kleinen ängstlichen Gesicht unter der großen weißen Haube und den kurzen trippelnden Schritten – sollte sie sich wohl mit dem schönen aristokratischen Fräulein sehr gut stellen? Und das kleine Cousinchen Ferdinande – nun sie muß mittlerweile eine große Cousine geworden sein, und wenn sie gehalten hat, was sie versprach: ein schönes Mädchen – das paßte vielleicht noch am besten, obgleich –

Aber bin ich wirklich närrisch? Was soll denn das alles? Was ist denn das alles als tollste Phantasterei, deren du dich schämen solltest, deren du dich morgen schämen wirst! Morgen? Es ist schon Morgen!

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