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Friedrich Spielhagen: Sturmflut - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleSturmflut
authorFriedrich Spielhagen
year1996
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00694-0
titleSturmflut
pages3-312
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Wie hatte er sich nur so von seiner Leidenschaft hinreißen lassen können! Was in der Welt war denn geschehen, worauf er nicht hätte gefaßt sein müssen, worauf er nicht schon seit langem gefaßt gewesen? Das Wetter trug die Schuld, wenn seine Nerven ein wenig derangiert waren – ein Wetter nur für nordische Barbaren und mit den Barbaren im Bunde! Ein feindlicher Dämon war es zweifellos, der das kleine Dampfboot, das ihn von Sundin nach der Insel hinüberbringen sollte, in der Dämmerung des Morgens gegen ein ruderlos treibendes Wrack laufen ließ und so zur Umkehr zwang; ein feindlicher Dämon, der den plumpen Schiffern verbot, sein Gold zu nehmen und die Überfahrt in offenem Fahrzeug zu wagen, bis denn endlich mittags um halb zwölf der Dampfer ausgebessert war und dann doch noch eine Stunde brauchte, die halbe Seemeile zurückzulegen! Dämon gegen Dämon! Gregorio Giraldi war der stärkere! Wenn das Telegramm wirklich den General rechtzeitig in Berlin erreicht, wenn er mit dem Elfuhrzuge von Berlin abgegangen – er konnte vor drei Uhr nicht in Sundin, vor sechs Uhr nicht in Warnow sein! Eine Stunde! In einer Stunde waren Königreiche gewonnen und verloren worden; und lag ja alles, alles sonst für ihn: Ottomar, in dem Netz, das er ihm über den Kopf geworfen, unrettbar verstrickt, voraussichtlich bereits in tödlicher Fehde mit Wallbach, dessen leichtsinnige Schwester nun die Geliebte, nach allem Anschein die Buhle des Grafen war! Die stolze Else die verlobte Braut des niederen Mannes, ihre Liebe mit ihrem Erbe bezahlend. Die Bahn frei von allen Hindernissen und an ihrem Ende der reiche Schatz, das stolze Vermögen, das Valerien jetzt von Rechts wegen zukam und das sie ihrem leiblichen Sohne, dem Wiedergefundenen, von den Toten Auferstandenen, das heißt: ihm selbst frei hinterlassen durfte! Konnte sie da wählen? Blieb ihr nur eine Wahl? Mußte sie sich nicht fügen, sie mochte wollen oder nicht? Und, wenn sie wankte – eine Minute nur allein mit ihm! – hier in diesem Raum, in dem sie so oft in der Phantasie mit ihm geweilt, den sie ihm so genau geschildert, daß er jedes Möbel, jedes Bild an der Wand kannte – dieses zuerst – das Bild des Mannes, aus dessen Armen er sie hohnlachend gerissen, damit dermaleinst sein Bild hier hänge – des neuen Herrn, der diesen barbarischen Bau niederreißen würde, ein neues Schloß zu bauen – dem neuen Herrn!

Er stand vor dem Bilde, mit hämischem Lächeln zu ihm aufschauend.

Du warst der letzte deines Stammes, Mann mit der engen Stirn und dem breiten Ordensbande über der leeren Brust! Und jetzt moderst du in der Gruft deiner Ahnen! Und er, dem du im Leben nicht bis an die Knie reichtest, steht lebend hier in seiner ungeschwächten Kraft, der Bauernsohn, der jetzt der Stammvater werden wird eines Geschlechtes von Fürsten, für die selbst der Stuhl des heiligen Petrus nicht zu hoch sein soll!

Ein Stoß, wie von einem Erdbeben, schütterte durch das Schloß. Die Fensterscheiben klirrten, Türen flogen auf und krachend wieder zu. Das Bild, zu dem er emporschaute und das ein Menschenalter an seinem rostigen Nagel gehangen, schwankte und stürzte herab, daß der morsche Rahmen aufrecht gestanden, vornüber niederklappte, ihm vor die Füße.

Er war zurückgesprungen.

Regst du dich noch, verfluchter Staub? In die Hölle mit dir zu seiner verfluchten Seele!

Und wie zur Antwort auf des Meisters Stimme aus dem Abgrund der Hölle, die er gerufen, heulte und gellte es um Warnow-Schloß.

*

Carla, sagte der Graf.

Er hatte sein Pferd dicht an das ihre herangedrängt, sie bog sich zu ihm hinüber; er legte den rechten Arm um den schlanken Leib und küßte sie wieder und wieder auf Mund und Wangen.

Du böser Mann, sagte Carla.

Sie trieben die Pferde an; die geängstigten Tiere flogen über den schwankenden Grund, durch blankes Wasser, über eine hölzerne Brücke, abermals durch Wasser, bis der aufsteigende Boden wieder fester wurde.

Hinüber wären wir, sagte der Graf lachend, aber wie wir zurückkommen sollen, weiß ich nicht. Wir werden nun schon ganz zusammenbleiben müssen. Wäre es dir recht, süßes Mädchen?

Sie ritten jetzt, um die Pferde sich verschnaufen zu lassen, im Schritt. Der Sturm, dem sie so die Stirn boten, faßte sie mit Vollgewalt. Die keuchenden Pferde mußten sich vornüber legen, als hätten sie eine schwere Last hinter sich. Ihre Reiter ließen ihnen die Zügel; sie hatten gern die Hände frei.

Eine Ewigkeit mit dir, sagte Carla, während ihre glühende Wange fast die seine streifte, aber ich muß in einer Stunde zurück sein. Du schwörst mir, daß, wenn wir zurückkommen, du in Gegenwart der Baronin, Elses und Herrn Giraldis unsere Verlobung erklärst und daß wir heute über vier Wochen Mann und Frau sind!

Bedarf es dazu eines Schwurs?

Ich will einen Schwur.

Sie hatte seine Hand ergriffen, die sie an ihren Busen drückte.

Wobei soll ich schwören? Bei dieser kleinen Hand? Bei diesem holden Busen? Bei deinem süßen Selbst, das ich vor Liebe aufessen möchte?

Bei deiner Ehre!

Es war nicht die kosende Stimme von vorhin – die Worte kamen gepreßt, als ob ihm der Sturm die Brust beklemme. Und so kam die Antwort zögernd und beklommen: Bei meiner Ehre!

Seine Augen, die vorhin, in Leidenschaft schwimmend, auf sie geheftet gewesen waren, blickten seitwärts. Sie zog hastig ihre Hand aus der seinen, warf das Pferd herum und galoppierte davon. Die Bewegung war so plötzlich ausgeführt, daß es ihm gar nicht möglich gewesen wäre, sie zu verhindern. Aber auch jetzt hielt er sein Pferd zurück, das sich ebenfalls gewandt und hinter dem Gefährten her wollte.

Soll ich sie laufen lassen?

Das feurige, durch den Sturm so schon verängstete Pferd, das seinen Gefährten weiter und weiter entschwinden sah, bäumte sich hoch und schoß dann, als sein Reiter es herunterdrückte, wie ein Pfeil vorwärts. Der Graf hätte es in diesem Augenblicke vielleicht nicht einmal halten können, aber er wollte es auch nicht. Er gab ihm noch die Sporen und hatte in wenigen Sekunden – sein Zögern hatte auch nur Sekunden gewährt – Carla eingeholt.

Carla, Carla!

Geh! Du liebst mich nicht!

Er schoß vor, daß er ihr Pferd am Zügel ergreifen konnte, parierte dann das seine und brachte so beide zum Stehen.

So entkommst du mir nicht!

Sie blickte ihn fast feindlich an.

Aber Carla, dies ist ja Tollheit!

Ich bin toll, murmelte sie.

Und ich bin's – toll – verliebt in dich. Wir sind's beide; laß uns toll sein – ganz toll.

Seine schönen weißen Zähne blitzten, wie er es lachend rief, sie mit dem Arm umschlingend.

Ich reiße dich zu mir aufs Pferd!

Sie fühlte, daß er die Kraft habe, es auszuführen. Die Sinne vergingen ihr fast, sie warf sich wie eine Bacchantin rückwärts, ihn mit beiden Armen umschlingend: Mit dir! Mit dir! Nimm mich, nimm mich! Ich bin dein, dein, dein!

Du liebes, tolles Mädchen!

Er hatte Kuß um Kuß auf ihre lechzenden Lippen gedrückt; jetzt ließ er sie aus seinen Armen zurück in den Sattel gleiten, aus dem er sie halb herausgehoben, gab ihr die Zügel wieder in die Hand und, beide zugleich die Pferde herumwerfend, ritten sie, Seite an Seite bleibend, dem Sturm entgegen, den allmählich sich senkenden Plan längs des Eisenbahndammes nach Ahlbeck hinab.

Sie sprachen weiter kein Wort: Es war alles verabredet.

In Ahlbeck, nicht weit vom Strande, stand ein Wirtshaus, das der Graf schon mehrmals als Absteigequartier benutzt, wenn er sich bei einer Strandjagd zu sehr verspätet hatte, um noch nach Golm oder Golmberg zurückgelangen zu können. Die beiden Zimmer waren die vornehmsten im Hause, und es war selbstverständlich, daß eine Dame, die sich von einem über Erwarten anstrengenden Ritt auf eine halbe Stunde erholen wollte, in eines derselben gewiesen wurde, und der Kavalier, der die Dame begleitete, sich das andere erbat, um sich ebenfalls ein wenig zu restaurieren. Die beiden Zimmer waren durch eine Tür verbunden, aber das ging ja schließlich niemand etwas an.

Unmittelbar vor Ahlbeck klemmte sich der Weg, der bisher über die Breite der Senkung hinableitete, zwischen zwei Dünen zusammen, die, landeinwärts vorgeschobene Posten der Stranddünenkette, förmlich ein Tor bildeten, durch das man an schönen Tagen einen wundervollen Blick auf das rasch zum Strande absinkende Dorf und über das Dorf weg auf den stets von Booten belebten Strand und weiter in die Unermeßlichkeit des Meeres hatte. Sie waren, die Kraft der Pferde aufs äußerste antreibend, bis zu diesem Punkte gekommen, als die schnaubenden Tiere plötzlich zurückprallten, während sie selbst, vollendete Reiter, wie sie beide waren, fast aus den Sätteln geschleudert wurden. Der Druck des Sturmes verschloß den Raum zwischen den beiden Dünen wie mit ehernen Türen.

Laß uns umkehren! sagte Carla.

Der Graf antwortete nicht sogleich. Er sah, was für die kurzsichtige Carla grau in grau ineinander floß, in allen Einzelheiten: das in dem oberen, ihnen zunächst gelegenen Teile vom Sturme halbzerstörte Dorf, von dem fast kein Haus mehr ein heiles Dach trug, während in der tieferen Hälfte nur noch hier und da ein und das andere Gebäude, unter ihnen das Wirtshaus und die zwei großen Schuppen der Heringsräucherei, aus einer Wolke hervorblickte, für die der Graf im ersten Augenblicke keine Erklärung hatte. Es konnte das doch unmöglich die in Gischt und Schaum zerpeitschte Brandung sein! Wo waren, wenn dies die Brandung, die Häuser, die hart am Strande in langer Reihe sich hinzogen? Wo die hundertfünfzig Ahlbecker Fischerboote, die gestern abend vor dem Unwetter heimgekehrt? Wo die sechs Jachten, die gestern abend noch, mit Bausteinen von Sundin, an den Molen vor Anker gegangen? Wo die beiden Molen selbst, die man bereits im vorigen Herbst auf gut Glück begonnen und während des milden, sturmfreien Winters bei dem unglaublich niedrigen Wasserstande bis auf ein Geringes fertig gestellt? Wo, vor allem, die Million, die man – ebenfalls bis auf ein Geringes – da hineingebaut? Sollte der verdammte Lotsenkommandeur, der ihm überall in die Quere kam, nun doch schließlich recht behalten? Der Mensch, der in diesem Augenblick vielleicht Else als seine verlobte Braut umarmte, während er –

Drüber weg, wenn's nicht zwischendurch geht! rief er, sein Pferd die Düne rechts hinauf spornend, und durch die Zähne murmelte er: Ich will wenigstens was von der Geschichte haben.

Carla war ihm gefolgt.

Von oben wurde der Anblick freilich nicht tröstlicher; ja er war so furchtbar, daß der Graf selbst, als sie jetzt die Pferde Schritt vor Schritt durch verstrüpptes Gebüsch drängten, sich fragte, ob sie nicht doch lieber umkehren sollten. Und was ihm noch unheimlicher schien als selbst das rasende Meer, das waren die vielen Menschen, die da unten – seinen scharfen Augen wohl erkennbar – durcheinander wirrten, ja, wie er jetzt sah, in kleinen Scharen die Abdachung des Wissower Hakens, an dessen Fuß sich ein Teil des Dorfes lehnte, hinaufhasteten. Es mochten die sein, welche dem Strande zunächst wohnten, die Erdarbeiter zumal, die dort auf dem flachen Sande ihr Barackenlager aufgeschlagen. Was ging ihn das Gesindel an? Mochte es sehen, wie es fertig wurde! Das Wirtshaus war entschieden von der Flut noch nicht erreicht; das war die Hauptsache. Er hatte ja Carla aus der Obhut ihrer Schwägerin unter dem Vorwande, ihr den Sturm aus nächster Nähe zu zeigen, von dem Schlosse entführt; man würde aus den Fenstern des Gasthofes den Sturm aus nächster Nähe haben! Und sich seine Blume zu pflücken in dem Graus da unten – es war toll! Das tollste Stück in seinem Leben, im Vergleich zu welchem alles Vorhergegangene nur ein Kinderspiel!

Folge mir nur getrost, Carla! rief er, indem er jetzt wieder voranritt.

Sie waren, in scharfem Trabe, bereits in die Mitte der Senkung gelangt, als der Graf zu seinem Grausen sah, daß die Brandungsmauer, die in der Öffnung der Dünen gestanden, sich in Bewegung zu setzen und auf sie zuzukommen schien. Er glaubte im ersten Moment, daß es eine Täuschung seiner aufgeregten Sinne sei, aber freilich auch nur einen Moment.

Um Gottes willen, zu, zu! schrie er, sein erschöpftes Pferd mit Sporen und Peitsche zur äußersten Eile antreibend. Er sah sich nicht um, er wagte nicht, sich umzusehen; er hörte aus dem fürchterlichen Brausen, daß die Sturmwelle sich hinter ihm weg landeinwärts wälzte – hinter ihm!

Das keuchende Pferd stolperte die Böschung hinauf – gerettet!

Er brauchte das Tier nicht anzuhalten; es stand von selbst. Neben ihm hielt Carla. Wie sie es fertig gebracht, er wußte es nicht; er hütete sich, danach zu fragen.

Und jetzt blickte er zurück.

Die mindestens hundert Schritt breite Fläche, die sie eben durchritten, war ein einziger Strom, der seine grauen Wasser, schäumend und brausend, landeinwärts wälzte. Der Graf sah schaudernd, wie der Strom hinter ihm sich mit dem Meere vor ihm linkshin vereinigt hatte. Es gab keine Verbindung zwischen hier und Warnow mehr: Sie waren auf einer langgestreckten Insel, deren Spitze, nach Warnow zu, in den Fluten versank und sich in der Weißen Düne seewärts zu ihrem höchsten Punkte erhob, um wahrscheinlich noch einmal zwischen Düne und Hof in zwei Teile zerrissen zu werden.

Die keuchenden Pferde klommen und klommen und stampften sich in den Sand, der ihnen unter den Hufen wegrutschte hinab in den Strom, der, wo vor einer Sekunde noch die Brache gewesen, von der einen Senkung herüber nach der andern Senkung schoß. Carlas Pferd stürzte zusammen, der Graf trieb das seine noch ein paar Schritte weiter und warf sich aus dem Sattel in dem Moment, wo das Tier unter ihm weg, wie ein lebloses Ding, vielleicht leblos, nach der Tiefe glitt. Mit Händen und Füßen arbeitete er sich weiter hinauf – hinauf! Sein Unglück verfluchend, das ihn gerade an die steilste Stelle geführt, und doch nicht wagend, sich weiter nach links zu wenden, weil es hier doch wenigstens Gräser und fußhohes Strauchwerk gab, an das er sich anklammern konnte, während dort der glatte Sand nicht den mindesten Halt bot. Der Angstschweiß rieselte ihm über die Stirn in die Augen – er sah nichts mehr, er hörte selbst das Brüllen der See, die von der andern Seite an der Düne brandete, nur noch als ein wirres Sausen in den betäubten Ohren. Er hatte den Rand erreicht und strauchelte, da er keinen Widerstand für die greifenden Hände fand, vornüber und raffte sich dann wieder auf – mit verstörten Sinnen um sich blickend.

Da lag, nicht weit von ihm, ein schwarzer Gegenstand –

War das Carla? Wie kam sie dahin? – Tot?

Der schwarze Gegenstand regte sich – er schwankte weiter, bis zu ihr.

Carla!

Sie hatte sich auf den Knien erhoben und stierte ihn an, der sich jetzt zu ihr beugte, sie aufzurichten.

Aber kaum hatte sie seine Hand berührt, als sie empor- und zurücktaumelte.

Sie lachte gell auf. Der Sturm, der ihr den Hut weggeschleudert hatte, peitschte das lange Haar, das sich gelöst, – ein paar Strähnen quer über das todbleiche, zu einem schauerlichen Grinsen verzerrte Gesicht.

Sie ist wahnsinnig, murmelte der Graf, zurückweichend, so weit er vermochte.

Er hätte gewollt, es wäre weiter gewesen: Ein winziger Raum, in der Mitte mit einer muldenförmigen Vertiefung und Rändern, die gestern noch mannshoch und scharf gezackt gewesen waren und die der Sturm bereits bis auf ein paar Fuß herunter glatt gekämmt hatte. Wie lange konnte es währen, bis die letzte Handbreit des fortstiebenden Sandes in die Mulde gefegt und sie hier ohne den mindesten Schutz saßen, selbst wenn die Flut nicht bis über den Rand steigen sollte!

Und geschah beides nicht – blieb dieser Punkt in dem wogenden Graus – den Grafen durchschüttelte ein Schauer nach dem andern bis ins Mark. Wie sollte die Menschennatur dies aushalten: den peitschenden Sturm, die Güsse, die die zerstiebende Brandung fast ohne Unterlaß über die Düne schüttete – die lange, lange Nacht hindurch, die herabzusinken begann. Schon konnte er mit seinen scharfen Augen von dem Golmberg, der kaum eine Viertelmeile entfernt war, nur noch in der grauen, wasserdunsterfüllten Luft verdämmernde Umrisse erkennen; der Wissower Hafen war gänzlich verschwunden. Und nach rechts das donnernde, heulende, brüllende Meer, und ringsumher die Brandung, die an der Düne höher und höher hinaufleckte und über der bereits überschwemmten Kette hier und da in turmhohen Strahlen aufspritzte. – Und dort – bald so nah vor ihm, daß er zurückzuckte, und im nächsten Moment wieder so weit, daß sie auf dem Golmberg zu sein schien – die schwarze unbewegliche Gestalt des Weibes, dessen Lippen noch vor einer Stunde an seinen Lippen gehangen, das – nein, nein! kein lebendes, geliebtes Weib, – ein grausiges Gespenst, der grausen Tiefe entstiegen, und da sitzend – zusammengekauert, unbeweglich – um ihn wahnsinnig zu machen!

Und der Unglückselige schrie laut auf in seiner Angst und schlug die Hände vor das Gesicht und wimmerte und weinte wie ein Kind.

*

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