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Friedrich Spielhagen: Sturmflut - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleSturmflut
authorFriedrich Spielhagen
year1996
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00694-0
titleSturmflut
pages3-312
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Auf Schloß Warnow hatte niemand geschlafen, außer Frau von Wallbach. Und auch sie war wiederholt durch seltsame Geräusche geweckt oder doch beinahe geweckt worden. Was das wohl gewesen sein möge? – Die Kammerjungfer, die ihr die Schokolade vor das Bett brachte, sagte, das sei der Sturm, der seit gestern abend, nachdem die gnädige Frau sich zur Ruhe begeben, ganz erschrecklich tobe. – Wie sonderbar, sagte Frau von Wallbach. Warum bist du aber so früh gekommen? Ich wollte ja erst um elf Uhr fahren.

Es ist bereits zehn, gnädige Frau; es wird heute nicht Tag.

Natürlich, sagte Frau von Wallbach, wenn du die Jalousien nicht öffnest.

Sie sind gar nicht geschlossen, gnädige Frau, wir wagten es gestern abend nicht mehr, gnädige Frau. Den einen Flügel hat auch schon der Wind heruntergerissen, wie ich vom Flurfenster aus gesehen habe.

Wie sonderbar, sagte Frau von Wallbach. Du hast doch gepackt?

Gewiß, gnädige Frau, aber aus unserer Reise wird wohl nichts werden. Herr Damberg hat herüber sagen lassen, es täte ihm sehr leid, aber es ginge nicht; man könne nicht wissen, was passierte, und er müsse alle seine Pferde auf dem Hofe behalten.

Ja, was soll denn passieren?

Ich weiß es nicht, gnädige Frau; sie sagen ja, das könne sehr schlimm werden. Ach, gnädige Frau, wenn Sie doch nur aufstehen und selber sehen wollten! Es ist, als ob die Welt unterginge. Sie laufen alle mit bleichen Gesichtern herum, und ich ängstige mich zu sehr, gnädige Frau!

Du bist nicht gescheit. Ist Fräulein von Wallbach schon auf? Gewiß, gnädige Frau; und sie hat schon zweimal nach der gnädigen Frau gefragt.

Sag' ihr hernach, daß ich sie jetzt sehen könne. Und dann richtest du der Frau Baronin eine Empfehlung aus, und ob sie die Güte haben wolle, mich nach Prora fahren zu lassen. Ich würde ihr, sobald ich angezogen, meine Aufwartung machen.

Valerie war allein, als die Damen bei ihr eintraten, und bereits zu der Fahrt angezogen. Auch sie sah blaß und angegriffen aus, so sehr, daß die gutmütige Luise sofort rief: Sie sollten sich wieder zu Bett legen, liebe Baronin, anstatt sich diesem Wetter auszusetzen, das ja wirklich greulich zu sein scheint. Ich will mit Elsen fahren – mir schadet so was nicht; oder, was das Gescheiteste wäre: Wir bleiben alle hier und leisten Ihnen Gesellschaft, wenn meine Gesellschaft auch nicht übermäßig interessant ist.

Ich danke Ihnen für Ihre Güte, liebe Frau von Wallbach, und bitte um Entschuldigung, wenn ich trotzdem die Pflichten der Gastfreundschaft verletze. Es soll und kann nur für einige Stunden sein, da ich heute noch einen anderen Besuch erwarte – Herrn Giraldi, mit dem ich dringendste Geschäfte zu besprechen habe. Er wird erstaunt und unzufrieden sein, mich nicht zu finden. Ich wollte Sie deshalb bitten, ihm zu sagen, daß ich meine Nichte nach Wissow begleitet habe, deren Verlobter – Sie haben ohne Zweifel von Fräulein von Wallbach bereits das Nähere erfahren – in diesem furchtbaren Sturm jeder Gefahr ausgesetzt ist. Wir haben bis jetzt vergebens auf Nachricht, wie sie unter diesen Umständen selbstverständlich war, geharrt; haben jetzt auch keine Hoffnung mehr, welche zu erhalten, und fürchten Schlimmes, vielleicht das Schlimmste – ich wenigstens, während das liebe Mädchen mir noch immer Mut einzusprechen sucht, an dem es ihr innerlich wohl selbst gebricht.

Man hatte heute leider nicht den kürzeren Weg nach Wissow wählen dürfen. Durch den unendlichen Regen, der seit gestern abend herabgoß, waren, nach Aussage des Kutschers, die Strandfelder und Wiesen, durch die Else gestern abend gewandert war, bereits zu sehr aufgeweicht.

Es sei heillos, sagte Herr Damberg, der Pächter, der zu Pferde vom Dorfe her ihnen entgegenkam und wieder eine Strecke neben dem Wagen zurückritt; ja man könne gar nicht wissen, ob die Sache nicht noch schlimmer werde und ob man nicht doch besser tue, dem Rate des Herrn Lotsenkommandeurs zu folgen, der bereits gestern überall an der Küste Botschaft habe herumsagen lassen, es werde eine Sturmflut geben, wenn der Sturm von Osten komme, die sehr weit reichen könne, und man solle sich darauf vorbereiten. Nun lägen ja das Schloß und der Gutshof hoch genug – es müßte denn ärger als arg kommen; aber die Senkung hier, deren Sohle mit der Feldmark und den Strandmarschen gleiches und vielleicht noch etwas tieferes Niveau habe, werde jedenfalls auch überflutet werden, und sie säßen dann in Warnow richtig auf einer Insel. Das sei eine verteufelte Situation, besonders da sie hier, mitten auf dem Lande, keine Boote hätten, und die Geschichte könne, wer weiß wie lange, dauern.

Der alte Mann drückte die Mütze, die er abgenommen, wieder möglichst tief in die Stirn, gab seinem Gaule die Sporen und sprengte abwärts nach dem Hofe, während der Wagen eben die ersten Häuschen des Dorfes erreichte.

Auch hier hatte sich die Aufregung, die heute selbst das trägste Gemüt ergriff, der Leute bemächtigt. Wenn sie gleich vor der Flut, falls sie kommen sollte – mit Ausnahme etwa von ein paar Büdnerstellen am Fuße der Hügel – gesichert waren, so hatte der Sturm auf der verhältnismäßigen Höhe bereits desto größeres Unheil angerichtet: Stroh- und Ziegeldächer zum Teil oder ganz abgedeckt, Fensterscheiben eingedrückt, Schornsteine heruntergeworfen, Zäune umgelegt, Baumzweige massenhaft herabgeschlagen, ja die Bäume selbst umgebrochen. Auf dem kleinen freien Platze vor dem Wirtshause, so ziemlich auf der höchsten Stelle, lag die mächtige Linde, der Stolz des Dorfes, mit den Wurzeln herausgerissen. Es war erst vor einer halben Stunde geschehen. Ein Glück, daß die drei Fuhrmannswagen, die von Jasmund herunterkamen und weiter nach Prora wollten, nicht schon da gehalten, wo sie jetzt – vor der Tür des Wirtshauses – hielten, Pferde und Leute – es wäre alles totgeschlagen worden. Die Leute wollten auch nicht weiter, sagte der Wirt, der an die Kutsche der Herrschaften getreten; sie müßten fürchten, daß ihnen der Sturm die Wagen von der Straße fegte; wenn der Weg nach Wissow ja auch zum Teil hinter den Hügeln weglaufe und so einigermaßen geschützt sei, so könne es doch hernach hinter dem Hafen nach Wissow herab, wo der Sturm wieder frei zufassen würde, sehr schlimm werden.

Weiter, weiter! rief Else.

Ihre Gedanken flogen dem Wagen voraus, der ihr, trotzdem der brave Kutscher und die kräftigen Pferde das Mögliche taten, nicht aus der Stelle zu kommen schien. Es wäre auf dem schlecht gehaltenen und durch die Regengüsse hier und da fast zerstörten Wege noch langsamer gegangen, wenn die Hügel, in deren mittlerer Höhe man fuhr, die Wut des Sturmes nicht gebrochen hätten. Nur ein paarmal, wo man auf die Höhen gelangte, traf sie seine volle Gewalt; es schien ein Wunder fast, daß das Gefährt nicht heruntergewirbelt wurde. In solchen Augenblicken, wo der Blick über die Ebene nach links hin bis zu dem Meere schweifte, sahen die Damen mit Grausen, wie über der langen wellenförmigen Linie der grauen Dünen von dem Golmberge bis zum Hafen eine andere weiße Linie auf und nieder schwankte, um hier und da in haushohen Strahlen emporzuschießen oder in dichten Wolken landeinwärts zu zerstieben. Sie wußten, daß dies die Brandung war, die Brandung desselben Meeres, dessen Wellen sonst, fünfzig, hundert Schritte von dem Fuße der Dünen entfernt, auf dem glatten Sande sich überschlugen und verrannen.

Else hatte laut geschrien, entsetzt von dem Anblick, der sich ihr darbot, als jetzt, nachdem man die Hügelkette passiert, die dann in den Wissower Haken nach dem Meere aufstieg, Wissow selbst unter ihnen lag. Die kleine Halbinsel, die höchstens eine viertel Meile lang und an dem Fuße des Vorgebirges halb so breit sein mochte, erschien mit ihren winzigen Häusern, von der keineswegs bedeutenden Höhe gesehen, wie ein schmales Brett, auf das Kinder ihr Spielzeug aufgebaut, um es dann in den Strudeln eines schäumenden Baches treiben zu lassen.

Und doch! Die kleinen Häuser auf dem grauen Sande – sie mochten noch immer, so unglaublich es schien, einen sichern Schutz gewähren! Aber wie durfte sie hoffen, daß er auf der Schwelle eines derselben ihr entgegen treten werde, sein Boot eines von den paar Dutzend größeren und kleineren Fahrzeugen sein werde, die dort, unmittelbar unter ihnen, in der Bucht zwischen der Halbinsel und dem Festlande vor ihren Ankern wie Nußschalen auf und nieder schwankten! Er würde da draußen sein – da draußen, wo, so weit das Auge reichte, schäumende Wogen sich über schäumenden Wogen türmten – da draußen, wo Meer und Himmel in einem gräßlichen Grau ineinander brauten, als hätten sie sich vereinigt zum Untergang der Welt.

Da – da!

Es kam nichts über Elses zuckende Lippen, die deutende Hand fiel schwer herab. Valerie nahm die kalte, starre Hand.

Er wird wiederkehren, Else!

*

Es war gegen vier Uhr nachmittags.

Frau von Wallbach saß vor dem Kamin, starrte in die Kohlen, die man nach vielen Bemühungen endlich glücklich entfacht hatte, und war im Begriff, trotz des grausamen Lärmens, der um das Schloß tobte, ihren Ärger in einem erquicklichen Nachmittagsschläfchen zu vergessen, als ihr Herr Giraldi gemeldet wurde, der soeben angekommen sei.

Frau von Wallbach hatte eben Zeit, den Kopf nach der Tür zu wenden, als Giraldi bereits eintrat. Er war noch im Reiseanzug, hatte nur den durchnäßten Mantel auf dem Flur abgeworfen. Sein sonst so sorgsam gepflegter schwarzer Bart floß in wirren Strähnen herab, die sonst so ruhig glänzenden dunklen Augen sprühten in unheimlichem Feuer, das sonst wie aus gelbem Marmor gemeißelte unbewegliche Gesicht war in zuckende Falten zerrissen.

Na, Sie sehen auch gut aus! sagte Frau von Wallbach. Ich bitte um Entschuldigung, erwiderte Giraldi, seit heute nacht unterwegs, durch die widerwärtigsten Hindernisse überall aufgehalten, lange ich endlich hier an, um zu vernehmen, daß die Frau Baronin, mit der ich wichtige, unaufschiebbare Angelegenheiten zu besprechen habe, nicht zu Hause ist. Sie können sich denken –

Erst setzen Sie sich einmal, sagte Frau von Wallbach. Ihr Herumstehen und hastiges Sprechen macht mich ganz nervös.

Ich bitte nochmals um Entschuldigung, sagte Giraldi.

Ist gar nicht nötig, ich bin ja nur hier geblieben, um Sie zu empfangen, obgleich ich Ihnen ehrlich gestehen muß, daß ich Sie lieber nicht empfangen hätte.

Dann will ich Ihre kostbare Zeit keinen Augenblick länger in Anspruch nehmen –

Bleiben Sie ruhig sitzen und machen Sie keine Redensarten. Ich mache, wie Sie wissen, nie welche, und bin heute schon gar nicht in der Stimmung dazu. Ja, ja, wenn Sie mich auch noch so verächtlich ansehen! Sie halten mich ohne Zweifel, wie die andern, für halb kindisch oder närrisch. Aber Kinder und Narren sprechen die Wahrheit, und die Wahrheit, lieber Herr Giraldi, ist, daß, wenn Sie sich nicht hineingemischt und alles kopfüber, kopfunter gestellt hätten, heute Carla Ottomars Frau und alles in schönster Ordnung sein würde, während sie jetzt in dem entsetzlichen Wetter – Sie müssen ihnen ja wohl noch begegnet sein – mit dem Grafen herumreitet, trotzdem ich ihr, in Gegenwart des Grafen, gesagt habe, daß es ein Skandal ist, abgesehen davon, daß sie sich auf den Tod erkälten wird.

Sie können mich unmöglich für den Zug, der unwiderstehlich Herz zum Herzen führt, verantwortlich machen, erwiderte Giraldi mit einem Versuch seines souveränen ironischen Lächelns, das aber nur zu einer hämischen Grimasse wurde.

Ach was, Herzen, sagte Frau von Wallbach; das bißchen Herz, das Carla überhaupt hat, – Ottomar hat's gehört und keinem andern; und das würde auch für eine Ehe ungefähr ausgereicht haben; ich kenne wenigstens welche, die mit noch weniger ganz gut fertig werden. Sie glauben vielleicht, wunder was ausgerichtet zu haben, nachdem Sie Ottomars und Carlas Verbindung glücklich hintertrieben; und Sie sind, glaube ich, nicht weniger froh darüber, daß Else nun auch um ihr Vermögen kommt. Aber Sie irren sich gründlich. Die Baronin und Else sind ein Herz und eine Seele. Und wenn Ottomar die Cousine von dem Herrn Kapitän heiraten will, so wird die Baronin jetzt erst recht nichts dagegen einwenden, und sie wird die beiden Geschwister, und wenn die Herren Kuratoren sich auf den Kopf stellen, zu Erben einsetzen.

Frau von Wallbachs letzte Worte waren ohne den mindesten Anflug von Ironie, wie sie denn auch das Vorhergehende in ihrer lässig-bequemen Weise gesprochen hatte, den hübschen Kopf etwas seitwärts in die Lehne des Fauteuil gedrückt, die Augen über Giraldi weg nach der Zimmerdecke gerichtet, als ob alles da oben angeschrieben stände und sie es nur einfach herunterläse.

Aber keine leidenschaftlichste Heftigkeit, kein erbittertster Angriff hätte den Mann, der, an den blassen Lippen nagend, vor ihr gesessen hatte, ohne sie mit einem Worte zu unterbrechen, und sich jetzt erhob, um mit einer stummen Verbeugung das Zimmer zu verlassen, so aus der Fassung bringen können, als diese unerschütterliche Ruhe, diese formlose Aufrichtigkeit einer Frau, die er bis dahin für eine Null gehalten, für die hohlste aller hohlen Modepuppen, und die jetzt dies zu sagen, ihm ins Gesicht zu sagen wagte!

So war er denn kaum in das Speisezimmer getreten, wo an einer Ecke der Familientafel ein Kuvert für ihn serviert war, als er dem wütenden Zorn, der ihn fast erstickt hatte, freien Lauf ließ. Er stampfte, wildeste Verwünschungen ausstoßend, mit den Füßen.

Giraldi brach ein Stück von dem Weißbrot, zu dem er das Glas Wein ausschlürfte, das François eingeschenkt. Dann fing er an, langsam, die Hände über der Brust verschränkt, in dem großen Gemach auf und nieder zu schreiten.

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