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Friedrich Spielhagen: Sturmflut - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleSturmflut
authorFriedrich Spielhagen
year1996
publisherHinstorff Verlag
addressRostock
isbn3-356-00694-0
titleSturmflut
pages3-312
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1877
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Er wolle sich kurz fassen, und er sei glücklicherweise in der Lage, es zu dürfen. Ein Dank, wie er ihn für die ausgezeichnete Ehre, derer man ihn soeben gewürdigt, für das Wohlwollen, für die Freundschaft, ja, er wage das Wort: für die Liebe empfinde, mit der man ihn überschütte, – ein solcher Dank sei, herzlich, wie er empfunden, auch in wenigen Worten, die von Herzen kämen, gegeben. Es sei seine Kraft, sein Mut, es sei seine Redlichkeit gerühmt worden – das seien Eigenschaften, die er, zumal die letztere, von jedem Manne verlange, und so dürfe er hoffentlich einen Minimalanteil des so überreich gespendeten Lobes akzeptieren.

Aber, meine Herrschaften, wo ist der Kopf geblieben? Der Verstand, die Intelligenz? Sie werden mir sagen, die sind eben nicht vorhanden. – Unsereiner ist kein Fürst-Reichskanzler, der nicht bloß das Herz, sondern auch den Kopf auf dem rechten Flecke hat.

Ja, meine Herrschaften, ich gestehe: Er ist mein Ideal; aber – ein unerreichbares! Was eine welthistorische Größe, wie er, in sich vereinigt, die verschiedensten und doch sämtlich nötigen Eigenschaften, wenn man Erfolg haben will – dazu müssen wir kleinen Leute uns assoziieren. Und für mich ist es kein Spiel des Zufalls, sondern eine Fügung und sichre Bestätigung, daß in diesem Moment, ohne vorhergegangene Verabredung, wie Sie mir aufs Wort glauben werden, die beiden Männer neben mir stehen, die im geschäftlichen und in jedem Sinne des Wortes meine Sozii sind; und in dieser Sozietät, wenn ich wirklich das Herz sein sollte, ganz gewiß das Departement des Kopfes inne haben: Hier rechts von mir Herr Geheimrat Schieler, hier links von mir Herr Bankier Hugo Lübbener!

Brausender Beifall erhob sich, der zum schallenden Gelächter wurde, in das selbst die Unbefangenen einstimmten, als im nächsten Augenblick, von unwiderstehlichen Händen der Halbberauschten getragen, gehoben und festgehalten, die von Philipp zitierten Herren in Person rechts und links von ihm auf Stühlen erschienen. Philipp erfaßte mit rascher Geistesgegenwart die Hände der beiden und rief: Da habe ich sie, da halte ich sie, meine beiden Köpfe, die nur einer, und, alles in allem, mit mir eines, ein Herz und eine Seele sind! Ich wollte Sie nun eigentlich bitten, diese beiden, ohne die ich gar nichts wäre, leben zu lassen; aber, da wir drei eben eines, und wir uns doch, bei aller Lebenslust, hier nicht wohl selber leben lassen können, ersuche ich – ersuchen wir Sie, denen ein Hoch zu bringen, denen wir verdanken, daß wir alle heute abend hier – und ich denke: vergnügt – beisammen sind: Dem Baumeister dieses Hauses und den übrigen Künstlern, die es geschmückt haben, ein donnerndes Hoch!

Der Sturm brauste noch fort, als Anton, der Kammerdiener, an Philipp herantrat, der in einer Gruppe von Herren stand, die alle zugleich unter heftigen Gestikulationen auf ihn einsprachen. Anton mußte es sehr dringend haben, denn er zupfte seinen Herrn wiederholt am Ärmel und zog ihn fast gewaltsam aus der Gruppe heraus.

Philipps Gesicht war hoch gerötet gewesen; aber bei den ersten Worten, die der Diener ihm, der sich nur unwillig neigte, ins Ohr flüsterte, wurde es erdfahl. Er zog jetzt selbst den Mann hastig noch ein paar Schritte seitwärts.

Wo ist der Herr?

Er steht da nebenan im Billardsaal, erwiderte Anton. Hier ist seine Karte.

Der Diener war ebenso blaß wie sein Herr, er brachte die Worte kaum durch die klappernden Zähne.

Begleitungsmannschaft?

Sie sind vorn im Vestibül, und auf der Straße und auf dem Hof – ach, Herr, Herr!

Still! Willst du mir helfen?

Gern, Herr!

Philipp sagte dem Mann ein paar Worte ins Ohr, der sich dann eilig durch den Saal in das Vestibül entfernte, von wo er, unaufgehalten, durch eine Tür in die Souterrainräume verschwand. Philipp stand ein paar Momente da, die kräftigen Lippen fest zusammengepreßt, die starren Augen auf den Boden geheftet. Das hatte er nicht erwartet; er hatte gehofft, noch mindestens eine Woche Zeit zu behalten – der Teufel hatte es dem Lübbener eingegeben. Indessen – der große Coup wäre am Ende doch mißglückt, und jetzt hatte er noch das bare Geld, vorausgesetzt – es mußte eben gewagt sein!

Herr Kommissar Müller? fragte Philipp, der noch die Karte in der Hand hielt.

Habe die Ehre! erwiderte der Kommissar, die Arme so langsam von der Brust wegnehmend, daß er Philipps ausgestreckte Hand nicht wohl ergreifen konnte.

Und was verschafft mir das Vergnügen? fragte Philipp.

Das Vergnügen dürfte wohl nur ein recht mäßiges sein, Herr Schmidt. Ich habe einen Verhaftsbefehl gegen Sie.

Aus der Gesellschaft heraus? Aber Herr Müller, vierhundert Personen, denken Sie! – Ohne Wirt! – Das ist ja schlechterdings unmöglich!

Es muß möglich sein.

Dann ist es nicht nötig. Sie sind mein Gast – Toilette um diese Stunde gleichgültig – bleiben mir zur Seite, versteht sich – Vetter, der eben angekommen, was Sie wollen! Ihre Leute – in Zivil, nehme ich an, wie Sie – amüsieren sich unterdessen himmlisch mit meinen Leuten. Hernach fahren wir gemeinschaftlich in meinem Wagen –

Sehr gütig! Für einen Wagen ist bereits gesorgt, er hält auf dem Hofe unter einem paar Dutzend Equipagen. Wir brauchen also das Vestibül, soviel ich weiß, gar nicht wieder zu passieren. Sie sehen, Herr Schmidt, ich gehe mit der größten Rücksicht zu Werke; muß nun aber freilich bitten, meine Geduld auf keine längere Probe zu stellen.

Nun denn! Wenn Sie nicht anders wollen; aber umziehen werde ich mich doch hoffentlich dürfen?

Dagegen habe ich nichts. Sie werden sich freilich meine Gegenwart dabei gefallen lassen müssen. Meine Pflicht, Herr Schmidt!

Er berührte Philipp am Arm und sagte mit leiser Stimme: Wenn Sie mir Ihr Ehrenwort geben, keinen Fluchtversuch zu machen, der nebenbei sicher resultatlos sein würde, kann ich Ihnen – der Kommissar winkte mit dem Kopfe rückwärts – diese Begleitung wenigstens ersparen.

Keinen Fluchtversuch! sagte Philipp lachend; – ei, Herr Kommissar! Ich denke an nichts anderes, ich verschwände hier in dem Parkettboden oder durch die Wand da, wenn ich nur könnte.

Philipp hatte in dem Korridor, auf dem sie jetzt standen, eine Tür geöffnet.

Dies ist ein Durchgangszimmer, sagte er in einem Tone der Erklärung; nun wäre es mir lieber, wenn wir rechts durch jene Tür in meine Wohnräume gingen, die heute noch mit zu den Gesellschaftsräumen gezogen sind; aber, da es halt nicht kann sein, müssen wir durch diese links in mein Schlafzimmer.

Hier – bitte, Herr Kommissar! – Mein Toilettenzimmer – das letzte in der Reihe – und dunkel; aber dem läßt sich abhelfen.

Philipp hob einen der Armleuchter, den er im Schlafzimmer von der Konsole unter dem Spiegel genommen, und leuchtete umher, wie um den Kommissar zu überzeugen, daß in den Wänden, die die aus Eichenholz geschnitzten Schränke frei ließen, keine zweite Tür und die, durch die sie eingetreten, der einzige Ein- und Ausgang war. Er hatte den Armleuchter auf einen Tisch gesetzt, sich den Frack ausgezogen und öffnete jetzt einen der Schränke.

Ich werde, während Sie sich umziehen, in Ihrem Schlafzimmer warten, sagte der Beamte.

Bitte, erwiderte Philipp, der seine weiße Weste abwarf und die Krawatte abknöpfte; – hoffe, daß Sie die Fauteuils nach Ihrem Geschmack finden.

Der Beamte war wieder in das Schlafzimmer getreten, ohne die Tür ganz zu schließen, und hatte in einem der prächtigen Lehnsessel Platz genommen.

Herr Schmidt, der während der letzten fünf Minuten auf Morgenschuhen gegangen sein mußte, schien abermals an einen Schrank getreten zu sein, an dem er kramte: Lackstiefel – unmöglich – das sind die rechten – so – hörte der Beamte ihn, wie im Selbstgespräch sagen. Das Knarren eines Stuhles – er war ein schwerer Mann – ein halblautes Fluchen – die Stiefel konnten nicht leicht angehen – dann Stille.

Lautlose Stille für eine Minute, während der Kommissar Müller sich aus seinem Fauteuil erhoben hatte und an das Fenster getreten war, über das Glasdach des Hofes hinüber die hellerleuchteten Fenster des Ballsaales zu betrachten, hinter denen jetzt einzelne Damen und Herren sichtbar wurden.

Herr Kommissar Müller trat vom Fenster zurück in das Zimmer.

- Sind sie fertig, Herr Schmidt?

Keine Antwort.

Sind Sie – Herr Gott, der Mann hat sich ein Leid getan – Der Beamte stieß die angelehnte Tür auf – der Armleuchter brannte auf dem Toilettentisch – Kleider und Wäsche waren umhergestreut – das Zimmer war leer.

Machen Sie keinen schlechten Scherz, Herr Schmidt, sagte der Beamte mit einem Blick auf die großen Schränke, deren Türen zum Teil offen standen. Aber er glaubte nicht mehr an einen Scherz, als er jetzt, nachdem er hastig in die offenstehenden Schränke hineingeblickt, mit dem Armleuchter über die in Holzfarbe ausgeführten Ledertapeten der Wände rechts und links und hinauf und hinab leuchtete: Keine Spur einer Tür! Und doch! Es mußte eine da sein! Da endlich! Diese kaum merkliche Ritze, da, wo der dunklere Streifen der Tapete die hellere Täfelung einfaßte – wundervoll gemacht – hier unten, kaum sichtbar, das winzige Schloß – Herr Müller drückte, stieß gegen die Tür – um sofort zu hören, daß sie von Eisen war und seiner größten Anstrengungen spotten würde. Er lief aus der Garderobe in das Schlafzimmer – die Tür nach dem Durchgangszimmer war verschlossen! Da rechts neben dem Drücker dasselbe Schloß wie an der Tapetentür – nicht größer als die Schlüsselöffnung auf dem Zifferblatt einer Stutzuhr! Er war gefangen!

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